Notwendig folgt daraus weiter, daß jedem körperlichen Dinge ein

seelisches Sein entspricht. Unsere Seele kann ja für Spinoza nicht

wie für Descartes eine selbständige Substanz sein, vielmehr ist sie

ein bloßes Stück der göttlichen Ordnung der Geisterwelt, das einem

bestimmten Stück der göttlichen Ordnung der Körperwelt, eben unserem

Körper, entspricht. Was von unserem Körper gilt, muß für jeden anderen

ebenso zutreffen. Spinoza hat nicht mehr nötig, die Tierseelen zu

leugnen, denn sie sind in seiner Welt keine Ausnahme; vielmehr gehört

für ihn auch zu allem scheinbar Unbeseelten etwas Seelisches. Wir

müssen uns aber sehr hüten, diese Überzeugung des Philosophen mit

der poetischen Naturbeseelung zu verwechseln, die sich z. B. in der

griechischen Göttersage findet. Für den Griechen lebt in Baum und

Quell ein uns verwandtes, unsern Bitten zugängliches Wesen. Für

Spinoza gehören wir selbst zu einer notwendigen Ordnung, die durch

unsere Wünsche nicht im mindesten geändert werden kann. Von einem

menschlichen Hineinfühlen in die Körperwelt ist gar keine Rede. Die

nach innerer Zweckmäßigkeit den Lauf der Welten regelnden Sternseelen,

die die Renaissance annahm, werden nicht etwa der neuen Astronomie zum

Trotz wiederhergestellt -- im Gegenteil: auch die Bewegung der Glieder

unseres Leibes vollzieht sich nach unerbittlicher Notwendigkeit. Zwecke

und Zweckmäßigkeit gibt es in der Natur nicht, nur Ursachen und ihre

notwendigen Wirkungen. Genau die gleiche Notwendigkeit aber herrscht

auch auf geistigem Gebiete. Jede Regung unserer Seele folgt ebenso

unbedingt mathematisch aus Gottes Entfaltungsweise oder Attribut des

Denkens, wie der Fall eines geworfenen Steines aus Gottes Attribut der

Ausdehnung folgt. Darum betrachtet der Philosoph _die menschlichen

Leidenschaften ohne Liebe und Abscheu_, mit der gleichen kühlen,

verstandesmäßigen Ruhe wie die geometrischen Figuren. Auch sie folgen

notwendig aus Gott und sollen in dieser Notwendigkeit verstanden

werden.

Man sieht, in dieser streng einheitlichen und geordneten Welt ist

_kein Platz für Freiheit des Willens_. Unsre Taten und Gedanken sind

durch den göttlich natürlichen Zusammenhang so notwendig bestimmt,

wie die Umdrehung der Erde oder der Fall des Steins. Wir halten uns

nur für frei, weil wir die Ursachen unserer Handlungen nicht kennen.

Auch der geworfene Stein würde, wenn das ihm entsprechende Denken

entwickelt genug wäre sich diese Frage zu stellen, meinen, er sei

frei. Denn er würde die werfende Hand und die Anziehung der Erde nicht

genügend erkennen. Ebensowenig hat diese Welt Raum für Unterschiede

von gut und böse, von schön und häßlich. Alles einzelne folgt ja mit

gleicher Notwendigkeit aus Gott. Nennen wir etwa ein Tier schädlich, so

beziehen wir es einseitig auf die unbedeutende, kleine, eingeschränkte

Erscheinung Gottes, die wir selbst sind. In der Ordnung des Weltganzen,

der Gottheit, hat die Giftschlange dasselbe Recht wie der Mensch; und

für die Giftschlange ist der Mensch, der sie totschlägt, mit gleichem

Recht böse wie die Schlange für den Menschen. Auch können wir durch

unsern Entschluß nichts an der Welt und folglich auch nichts an uns

selbst ändern; sind wir doch ganz und gar Folgen der Weltordnung.

Nahe liegt hier die Folgerung, es hätte keinen Sinn, Vorschriften

für das Verhalten der Menschen zu geben. Indessen dies wäre ein

verzweifelter Abschluß für ein Werk, das den Titel Ethik führt und

vor allem eine Anweisung zum rechten Leben erteilen will. In der Tat

bemerken wir hier einen Bruch in dem scheinbar so fest geschlossenen

System Spinozas. Ich habe meine Darstellung absichtlich so

eingerichtet, daß Sie diesen Bruch deutlich erkennen. Wir verfahren im

Sinne Spinozas, wenn wir unbekümmert um die Rücksicht auf seine Person

und seinen Ruhm die Wahrheit suchen und sagen. Spinoza selbst hat die

Schroffheit dieses Bruches _nicht_ empfunden. Hätte ich Sie _den_ Weg

zu seinem Lebensideale geführt, den er selbst ging, so wäre sicherlich

auch den meisten von Ihnen der Widerspruch verborgen geblieben. Denn es

besteht zwischen Spinozas System und seiner Lebensweisheit zwar kein

logisch unanfechtbarer Zusammenhang, aber eine um so engere Einheit

persönlichen Erlebens, die wir nachzuerleben versuchen müssen.

Der einzelne Mensch existiert als Einzelwesen nur durch Verneinung,

durch Einschränkung des göttlichen Seins auf seine enge Eigenart.

Jedes einzelne Wesen sucht sich selbst zu erhalten. Sofern es dabei an

seine Besonderheit denkt, kann es in Streit mit anderen Wesen kommen.

Denn es wird dann leicht geschehen, daß mehrere den Besitz desselben

Dinges zur Erhaltung oder Ausbreitung ihrer Macht nötig zu haben

glauben. Wenn aber der Mensch erkannt hat, daß alle Dinge, alle andern

Menschen und er selbst in Wahrheit zu demselben Wesen, zur Gottheit,

gehören, wird das anders. Der Mensch, sofern er denkendes Wesen ist,

hat so viel Wirklichkeit in sich, wie er Gotteserkenntnis besitzt. Hat

er das einmal recht eingesehen, so weiß er, daß die wahre Erhaltung und

Erhöhung seines Wesens einzig in der Gotteserkenntnis besteht. Da die

ganze Ordnung der Natur die Gottheit offenbart, so führt jede wirkliche

Einsicht in den notwendigen Zusammenhang der körperlichen oder der

geistigen Dinge zu Gott. Soweit Menschen überzeugt sind, daß ihr wahres

Wesen, ihre echte Selbsterhaltung in der Erkenntnis besteht, können sie

nicht mehr in Kampf miteinander geraten. Denn diese wahre Einsicht ist

kein Gut, das dem einen durch den andern entrissen werden könnte, im

Gegenteil muß jedem daran liegen, daß möglichst viele seine Einsicht

teilen, damit er mit seinen Mitmenschen in Eintracht leben kann. In

der wahren Erkenntnis hören wir auf, einzelne Menschen zu sein. Jeder

wahre Satz ist ja wahr ohne Rücksicht auf die besonderen Eigenschaften

dessen, der ihn denkt.

[Erkenntnis und Gottesliebe]

Bis hierher spricht Spinoza verstandesmäßig kühl und nüchtern. Nun

aber in den letzten Sätzen seines Werkes bricht die Wärme seines

religiösen Gefühls durch. Jene Gotteserkenntnis führt zugleich zur

_Liebe zu Gott_. Denn sein eigenes wahres Wesen liebt jeder, und in der

rechten Gotteserkenntnis erfaßt der Mensch dieses Wesen als Einheit

mit Gott. Hier berührt sich Spinoza am innigsten mit der Mystik. Aber

was der Mystiker durch religiöse Übungen oder durch Abscheidung von

der Welt und Versenkung in sein eigenes Inneres zu erreichen sucht,

die Vereinigung mit der Gottheit, das erstrebt Spinoza auf dem Wege

verständiger Erkenntnis. Auf der höchsten Stufe führt diese Erkenntnis

dazu, in allem, was geschieht, die eine große notwendige göttliche

Ordnung zu erblicken und zu lieben. Diese Liebe verzichtet auf die

Möglichkeit der Gegenliebe. Wer Gott wahrhaft erkannt hat, weiß ja, daß

Gott kein einzelnes Wesen neben anderen Wesen, sondern die einheitliche

Ordnung der Welt ist. Die Gottheit würde erniedrigt werden, wenn sie

irgendeinen Teil der Welt, der ja ein besonderer Teil nur durch

Verneinung ist, mit besonderer Liebe umfaßte. Der echte Liebende will

doch aber das Geliebte nicht herabziehen. »_Wer Gott wahrhaft liebt,

wünscht nicht, daß Gott ihn wieder liebt._« Die echte Gottesliebe ist

also im höchsten Maße uneigennützig.

Als Goethe mitten in den leidenschaftlichen Stürmen seiner Jugend auf

diesen Satz Spinozas stieß, fand er darin einen tiefen Frieden. Goethe

war nicht, wie man oft lesen kann, im eigentlichen Sinne Anhänger

Spinozas, aber der Gedanke einer göttlichen Einheit der Welt und das

uneigennützige Gefühl der Liebe zu dieser Gottnatur begleiteten ihn

durch sein reiches Leben. Mit diesen letzten Sätzen, in denen sich die

Persönlichkeit des Weisen rein offenbart, wollen wir heute schließen.

Es liegt eine tiefe innere Wahrheit in dieser uneigennützigen

Gottesliebe, auch wenn es Spinoza nicht gelungen ist, sie ohne

Widerspruch mit den Voraussetzungen seiner Philosophie zu verbinden.

[Illustration: Spinoza

Nach Seydlitz, Historisches Porträtwerk]

Fünfter Vortrag.

Kant.

[Schwierigkeiten der Metaphysik]

Die wunderbare Einheit und Geschlossenheit, durch die Spinozas System

jeden Denkenden fesselt, hält, wie schon im vorigen Vortrag angedeutet

wurde, vor einer schärferen Kritik nicht stand. An zwei Punkten

besonders zeigen sich Schwächen und Lücken. Spinoza sagt, daß alles

einzelne mit mathematischer Notwendigkeit aus Gott folgt. In Wahrheit

aber vermag er nicht, aus dem Begriffe des allervollkommensten Seins

herzuleiten, warum die Welt, die wir durch unsere Erlebnisse kennen,

so und nicht anders ist. Nicht einmal die Existenz und Verschiedenheit

von Geist und Körper wird strenggenommen aus den Voraussetzungen

entwickelt, sondern ohne Beweis hingestellt. Gott als das denkbar

Vollkommenste soll sich in unzähligen, voneinander unabhängigen

Daseinsarten darstellen. Wir aber kennen nur zwei dieser Arten,

Ausdehnung und Denken. Warum gerade diese zwei und warum haben diese

zwei gerade die uns bekannten Eigenschaften? Auf solche Fragen bleibt

Spinoza die Antwort schuldig. Der allgemeine Satz, jede Bestimmtheit

ist Verneinung, täuscht ihn über diese Schwierigkeiten hinweg, bietet

aber in Wahrheit keine Hilfe. Dadurch, daß etwas nicht Ausdehnung

ist und auch keiner anderen Grundeigenschaft Gottes angehört, wird

es durchaus noch nicht als Denken bestimmt. Wir hatten den Sinn des

Grundsatzes, jede Bestimmung ist Verneinung, an dem Beispiele klar

gemacht, daß ich als Mensch nicht Tier, als Mann nicht Frau bin;

aber läßt sich wirklich der Inhalt, den ich unter Mensch oder Mann

verstehe, durch Verneinung von Tier oder Frau gewinnen? Diese Frage

so stellen, heißt sie verneinen. Die Bestimmtheit des einzelnen ist

überall unableitbar; daß in diesem Augenblicke diese Farbe von mir

gesehen, dieser Ton gehört wird, daß blau und rot in nicht weiter

beschreibbarer Weise voneinander verschieden sind, vermögen wir

niemals aus allgemeinen Gründen abzuleiten. Wollte man sich hier mit

der Schwäche unserer Vernunft helfen, so müßten doch wenigstens die

Grundeigentümlichkeiten der Welt aus Gottes Wesen heraus eingesehen

werden können, wenn jene mathematische Notwendigkeit im Verhältnis von

Gott und Welt für uns mehr als eine Sehnsucht unseres Erkennens sein

sollte. Aber auch dies ist, wie wir gesehen haben, unmöglich.

Die zweite Hauptschwierigkeit besteht in der Verbindung von Spinozas

Ethik mit seiner Lehre von Gott und Welt. Da alles mit gleicher

Notwendigkeit aus Gott folgen soll, so kann es zwischen den einzelnen

Dingen keine Unterschiede des Wertes geben. Wir sehen das einzelne

noch nicht in Gott, wenn wir es nützlich oder schädlich, gut oder böse

nennen, sondern wir sehen es ganz einseitig in Beziehung zu unserer

beschränkten, vergänglichen Eigenart. Was von den Dingen gilt, trifft

durchaus auch für die menschlichen Handlungen zu. Auch sie folgen mit

Notwendigkeit aus der göttlichen Weltordnung. Ein Geist, der diese

Weltordnung ganz überschaute, würde mathematisch beweisen können,

warum Peter wie ein Schurke, Paul wie ein Heiliger lebt. Was notwendig

ist und nicht anders zu sein vermag, als es ist, dem kann man auch

keine Vorschriften geben wollen, das versucht man nicht zu ändern.

Niemand gibt der Erde den guten Rat, sich langsamer zu bewegen. Welchen

Sinn hat es aber dann, den Menschen jene uneigennützige Gottesliebe

zu empfehlen, da sie doch nur, soweit das aus Gottes ewiger Natur

notwendig folgt, dazu gelangen können? Auch bezeichnet der Philosoph

selbst das Verhalten des gottesliebenden Menschen als im höchsten Sinne

richtig und gut, während er nach seinen eigenen Voraussetzungen kein

Recht zu solchen Werturteilen hat.

Vielleicht wundern sich manche unter Ihnen darüber, daß ich Sie solange

mit einem Denker beschäftigt habe, dem ich nachher solche Irrtümer

und Widersprüche vorwerfen muß. Ich möchte darauf zunächst erwidern:

Nicht ich bin es, der diese Schwächen Spinozas gesehen hat, sondern

der Fortschritt der philosophischen Einsicht macht es uns heute

leicht, den großen Philosophen zu kritisieren. Er selbst hat durch die

Folgerichtigkeit und Energie seines Denkens viel dazu beigetragen. Denn

nur die ganz klare Durchbildung einer Lehre vermag die in ihr liegenden

Schwierigkeiten zu enthüllen. Es klingt sehr gut, wenn man sagt,

Gott ist die notwendige Weltordnung, wir müssen einsehen, daß alles

einzelne notwendig aus Gott folgt, und müssen alles, es sei wie es

sei, in gleicher Weise als Ausfluß der göttlichen Natur verstehen und

lieben. Erst die Durchbildung dieser Sätze zum System lehrt uns, daß,

wenn alles mit gleicher Notwendigkeit aus Gott folgt, jede Forderung,

an ein Einzelwesen, sich zu ändern, und also auch die Forderung zur

Gottesliebe fortzuschreiten, sinnlos wird. Es kommt nun aber hinzu, daß

diese Schwierigkeiten nicht etwa nur in Spinozas System sich finden,

sondern daß jeder Philosoph, der ähnliches will, ihnen verfallen muß.

Die großen Leistungen unseres Erkennens bewirken Vereinigung vorher

getrennter Gebiete. Beispiele aus den einzelnen Wissenschaften liegen

nahe; unsere Physiker haben gelernt, Licht und Elektrizität als

verschiedene Formen desselben Geschehens anzusehen, unsere Botaniker

und Zoologen bemühen sich, die unzähligen Arten der Pflanzen und

Tiere aus der Entwicklung einer oder weniger Urformen abzuleiten.

Jeder solche Fortschritt verbindet zu sinnvollem Zusammenhang, was

vorher fremd und zufällig nebeneinander stand. Dieses Einheitsstreben

unseres Geistes führt schließlich zu dem Bemühen, alle einzelnen

Dinge und Ereignisse aus einem einzigen obersten Satze durch Vernunft

abzuleiten. Da aber doch die Wahrnehmungen in all ihrer Verschiedenheit

bestehen bleiben, behauptet ein solcher Satz das Dasein einer wahren

Wirklichkeit, im Vergleich mit welcher unsere Wahrnehmungen, ja diese

ganze Welt wechselnder Geschehnisse unwirklich sind. Für Platon

stellt die Ideenwelt, für Spinoza die einheitliche Gottnatur jene

wahre Wirklichkeit dar. Man nennt diese Bemühungen, sofern sie als

Wissenschaft auftreten, _Metaphysik_. Es läßt sich nun ganz allgemein

beweisen, daß _jede_ Metaphysik zu ähnlichen Schwierigkeiten führen

muß, wie wir sie aufgedeckt haben.

Spinozas System ist nicht etwa der _letzte_ große Versuch einer solchen

Metaphysik. Die Sehnsucht, alle die zerstreuten Einzelheiten der Welt

als notwendige Einheit zu begreifen, hat vielmehr immer wieder zu neuen

metaphysischen Systemen geführt, von denen einige sehr wichtig und

lehrreich sind. Nur wegen des geringen Umfanges dieser Vorträge, und

weil ich bei den meisten unter Ihnen keine besonderen Vorkenntnisse

voraussetzen darf, habe ich mich begnügen müssen, an dem einen großen

Beispiel Spinozas den Flug und den Sturz der Metaphysik klarzumachen.

Denn nur, wenn Sie diesen Zwist zwischen der höchsten geistigen

Sehnsucht und dem Können des Menschen eingesehen haben, werden Sie die

große Leistung _Kants_ verstehen.

Geschichtlich hängt Kant nicht unmittelbar mit Spinoza zusammen,

sondern mit einem jüngeren Zeitgenossen des gebannten Juden, mit

_Gottfried Wilhelm Leibniz_. Dieser große Deutsche hat unter allen

Denkern vor Kant vielleicht am tiefsten die Schwierigkeiten der

Metaphysik eingesehen. Trotzdem bildete er ein metaphysisches System

aus, das sich vom Spinozismus hauptsächlich durch die Bemühung

unterschied, der Eigenart der einzelnen Dinge und der Selbständigkeit

der einzelnen Geister gerecht zu werden. Leibniz war ein Forscher von

beinahe unbegreiflicher Vielseitigkeit, während die große Einheit

seines philosophischen Strebens ihn vor zersplitternder Vielwisserei

schützte. Gerade diese besondere Art seiner Größe hindert eine kurze

und zugleich allgemein verständliche Darstellung seiner Lehre.

Fortgewirkt haben Leibnizens Gedanken in der Form, die _Christian

Wolff_ ihnen gab, kein großer ursprünglicher Denker, aber ein um

die Verbreitung philosophischer Bildung höchst verdienter Mann.

Vor allem dürfen wir Deutschen es ihm nicht vergessen, daß er die

Philosophie deutsch reden lehrte, während vorher deutsche Philosophen

meist lateinisch oder französisch geschrieben hatten, und daß er die

deutschen Universitäten wieder zu Arbeitsstätten fortschreitender

Wissenschaft und gründlicher Philosophie erhob. Wolff war durchaus

Metaphysiker und fest überzeugt, daß unser vernünftiges Denken imstande

sei, den wahren, einheitlichen Zusammenhang der ganzen Welt zu

erkennen. Recht bezeichnend nennt er ein deutsches Werk, das eine kurze

Darstellung seiner Lehre gibt: Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt

und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt. In der Lehre

dieses Mannes wurde Kant erzogen, Kant, dem es vorbehalten war, unter

Ablehnung der Metaphysik im alten Sinne der Philosophie die richtige

Aufgabe und den wahren Weg zu ihrer Lösung zu zeigen.

[Leben]

_Das Leben Immanuel Kants_ ist schlichter, ereignisärmer als das

irgendeines unter den bisher behandelten Philosophen. Es fehlt in

ihm die unmittelbare Teilnahme am Staatsleben, es fehlen große

Reisen, äußerlich bemerkbare Umschwünge, wirklich gefährliche

Verfolgungen. Weder wirkte er in der großen Welt, noch stellte er

sich der Lebensart seiner Zeitgenossen auffällig entgegen, sondern

er führte das stille Arbeitsleben des Lehrers an einer kleinen

deutschen Hochschule. _Immanuel Kant_ wurde 1724 in Königsberg als

Sohn eines armen Handwerkers geboren. Die Familie war fromm im Sinne

einer innerlichen lebendigen protestantischen Frömmigkeit, wie der

Pietismus sie damals pflegte. Das Interesse eines einflußreichen

pietistischen Geistlichen ermöglichte dem begabten Knaben eine höhere

Ausbildung. Nach Beendigung der Schule widmete sich Kant an der

heimischen Universität dem Studium der Philosophie im weitesten Sinne

des Wortes, wozu damals auch Mathematik und Physik gehörten. Neben

der Lehre _Wolffs_ gewann die _Naturwissenschaft_ großen Einfluß auf

ihn. Seit den Zeiten eines Descartes hatten Astronomie und Physik

große Fortschritte gemacht. _Newton_ war es gelungen nachzuweisen,

daß die gleiche Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft den Fall schwerer

Körper auf der Erde und die Bewegungen der Gestirne beherrscht. Die

mathematisch geleitete Erforschung und die mit ihr eng verbundene

mechanistische Auffassung der Körperwelt, die im 17. Jahrhundert noch

um ihre Anerkennung kämpfte, hatte sich allgemein durchgesetzt. Für

Kants spätere Philosophie ist es sehr wichtig, daß nicht nur in der

Mathematik, sondern auch in der Naturwissenschaft allgemein anerkannte

Ergebnisse ihm vor Augen standen. Seine ersten Schriften waren zum

großen Teil naturwissenschaftlichen Inhalts. Hervorzuheben ist unter

ihnen die 1755 erschienene »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des

Himmels«, in der er die Entstehung des Sonnensystems mechanisch zu

erklären versuchte.

Seinen wahren Beruf entdeckte Kant früh; was ihn äußerlich hinderte,

der inneren Stimme zu folgen, überwand sein fester Wille.

Entschlossen, sich ganz der Wissenschaft zu widmen, erwarb er sich

die nötigen Mittel durch Hauslehrertätigkeit auf Gütern der Provinz

Preußen; dann ließ er sich 1755 als Dozent in Königsberg nieder,

erlangte aber trotz eifriger und erfolgreicher Tätigkeit als Lehrer und

Schriftsteller erst 1770 eine ordentliche Professur. Schuld an dieser

späten Beförderung war der Siebenjährige Krieg und in seinem Gefolge

die Armut des preußischen Staates.

[Lebensart. Werke]

Kants Leben war aufs strengste geregelt. Berücksichtigt man, daß er von

seiner Arbeit leben mußte, seine wissenschaftlichen Pläne durchführen

wollte und auf seinen von Natur zarten Körper Rücksicht zu nehmen

gezwungen war, so begreift man sein genaues Haushalten mit Zeit, Kraft

und Geld. Er hatte den Grundsatz, niemals jemandem Geld schuldig zu

sein. Wer auch an meine Tür klopfte, so erzählte er selbst, ich konnte

ruhig öffnen; denn ich wußte, daß kein Gläubiger eintreten würde. Wie

seine wirtschaftliche Selbständigkeit, so war auch seine Gesundheit

sein eigenes Werk, und er hatte darum ein Recht, stolz auf sie zu sein.

Streng regelmäßig verlief sein Tag. Seinen Spaziergang trat er stets

so genau zur festgesetzten Stunde an, daß die Nachbarn, wie es heißt,

ihre Uhr nach ihm stellten. Hatte er einmal einen allgemeingültigen

Entschluß gefaßt, so hielt er unerbittlich daran fest. Selbst in

verhältnismäßig geringen Angelegenheiten formte er sich derartige

Grundsätze.

Das alles sieht fast pedantisch aus, aber es war in Wahrheit keine

pedantische Schrulle, sondern die notwendige Bedingung seiner großen

Leistungen. Wir dürfen uns Kant nicht als einen schon in der Jugend

eingetrockneten Gelehrten und Büchermenschen vorstellen. Vielmehr war

er in jüngeren Jahren als unterhaltender und witziger Gesellschafter

sehr beliebt, auch bei Frauen, wie er selbst den Umgang mit klugen,

feinen Frauen besonders schätzte. Er lebte als Junggeselle, aber

keineswegs ungesellig, sondern suchte Verkehr besonders mit Männern

des praktischen Lebens. Kaufleute und ein Forstmeister waren seine

nächsten Freunde. Obwohl er seine Heimatprovinz nie, seine Heimatstadt

höchst selten verließ, umspannte sein Gesichtskreis die ganze Welt.

Reisebeschreibungen waren seine liebste Erholungslektüre; er wußte

überall Bescheid, und die Welt lag offener vor ihm als vor manchem,

der heute alle Meere durchfahren hat. Noch größer war seine Teilnahme

für alles, was dem Wohl der Menschheit dient. An den Reformen der

Erziehung, die damals vielfach versucht wurden, nahm er regen Anteil

und gab sich z. B. viele Mühe, für Basedows Philanthropin Geld

zusammenzubringen. Bis in seine mittleren Jahre hinein verfolgte er

auch die schöne Literatur eifrig. Klopstocks Schwärmerei stieß ihn

ab, Wieland war sein Lieblingsschriftsteller. Später freilich, als

unsere Dichtung sich zu ihrer höchsten Blüte entfaltete, war Kant zu

beschäftigt mit der Ausbildung seiner Philosophie, um noch jene ganz

neue Welt der Poesie in sich aufnehmen zu können.

Dieser lebhafte, für alles Bedeutende empfängliche Geist spiegelt sich

in dem Stil seiner Jugendwerke, der oft von feiner, etwas altmodischer

Grazie ist. Als er freilich sein Hauptwerk ausarbeitete, lag die

frische Jugend längst hinter ihm. Die ersten vorbereitenden Gedanken

legte er 1770 beim Antritt seiner Professur in einer lateinischen

Schrift nieder, aber es bedurfte noch 11 Jahre schweigender Arbeit,

bis 1781 die _Kritik der reinen Vernunft_, das Hauptwerk Kants und

der neueren Philosophie, erschien. Ihr Verfasser war damals bereits

57 Jahre alt. Noch blieb ihm Zeit und Kraft, die übrigen Teile seiner

Philosophie auszuführen. 1788 erschien die _Kritik der praktischen

Vernunft_, d. h. die Ethik, 1790 die _Kritik der Urteilskraft_, die

zugleich seine Ästhetik und die Lehre von der organischen Natur

enthält. Auch seine _Religionsphilosophie_ vermochte er, anfangs

durch die Zensur daran gehindert, nach Friedrich Wilhelms II. Tode

herauszugeben. Dann aber nahte dem durch Arbeit geschwächten Körper das

Alter mit allen seinen Leiden. Er mußte schließlich seine Lehrtätigkeit

aufgeben und wurde 1804 fast achtzigjährig durch den Tod erlöst.

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 7 / 12 段