Wie in der Gotteslehre, so treibt auch in der Frage nach der Beziehung

von Körper und Seele die Lehre des Descartes über sich selbst

hinaus. Bei ihm stehen Körper und Seele einander schroff gegenüber.

Die einzigen Eigenschaften des Körperlichen sind Ausdehnung und

Beweglichkeit. Der Zusammenhang ihrer Bewegungen soll mit Hilfe der

Mathematik so eingesehen werden, daß, wenn man die Ursachen kennt, die

daraus folgenden Wirkungen berechnet werden können. Dann aber dürfen

nur Bewegungen Ursachen von Bewegungen sein. Der Geist ist unausgedehnt

und im Raume unbewegt. Er hat mit dem Raume überhaupt nichts zu tun,

er kann also strenggenommen weder Bewegungen von Körpern hervorrufen

noch seinerseits durch Körperbewegungen bestimmt werden. Beides hatte

Descartes, obgleich er die Schwierigkeiten kannte, der gewöhnlichen

Ansicht entsprechend angenommen. Wir glauben ja alle, daß wir durch

unsern Willen vermittels der Glieder unseres Körpers auf die Körperwelt

wirken. Wenn aber alles körperliche Geschehen mechanisch, d. h. durch

Druck und Stoß benachbarter Körper bewirkt wird, so läßt sich das

Eingreifen einer seelischen Ursache in die Körperwelt nicht begreifen.

Diese Erwägung führte mehrere Schüler des Descartes dazu, die

Möglichkeit eines unmittelbaren Einflusses des Körpers auf die Seele

und der Seele auf den Körper zu leugnen, vielmehr die Verbindung beider

Arten von Substanzen der vermittelnden Wirkung Gottes zuzuschreiben.

Verbindet man diese Lehre mit der vorher verfolgten Weiterführung, daß

Gott selbst die Einheit der Welt ist, so kommt man dazu, Körper und

Seele als zwei Offenbarungsweisen der Gottheit anzusehen, die nur in

Gott verbunden sind, während der Schein ihrer unmittelbaren Verknüpfung

darauf beruht, daß die Veränderungen beider mit gleicher mathematischer

Notwendigkeit aus der Gottheit hervorgehen.

So kann man von Descartes ausgehend die Grundsätze eines neuen

philosophischen Systems ableiten und man findet dann, daß _Spinoza_ ein

System dieser Art wirklich ausgebildet hat. Absichtlich habe ich Sie

diesen Weg geführt, um Ihnen an einem Beispiele zu zeigen, was in der

Geschichte der Philosophie die notwendige Fortentwicklung der Gedanken

bedeutet. Aber wir dürfen über dieser Notwendigkeit den persönlichen

Anteil der einzelnen Philosophen nicht vernachlässigen. Es gehört schon

Größe dazu, wirklich Folgerungen zu ziehen, die verbreiteten Meinungen

der Zeit so entschieden widersprechen, wie die dargelegten; viele

Zeitgenossen sahen die Widersprüche im System des Descartes und suchten

sie zu lösen, aber nur _einer_ dachte folgerichtig genug, um vor den

Konsequenzen nicht zurückzuschrecken. Vor allem aber ist die Bedeutung

von Spinozas Philosophie mit den unvollständigen Umrißlinien, die eine

Weiterbildung des Descartes ergibt, keineswegs erschöpft. Um sie zu

würdigen, müssen wir den Schöpfer des Systems und seine Herkunft kennen

lernen.

[Herkunft]

Die zahlreichen Juden, die seit den Zeiten arabischer Herrschaft

in Spanien lebten, hatten im 16. Jahrhundert viele Verfolgungen zu

erdulden. Durch Zwang zum Christentum bekehrt, blieben sie doch der

Inquisition verdächtig, bloße Scheinchristen zu sein, und mußten

fortwährend für ihr Leben fürchten. Eine Zuflucht bot sich ihnen zu

Beginn des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden, die selbst in hartem

Kampfe gegen Spanien sich die Freiheit protestantischer Religionsübung

errungen hatten. Dort nahmen die spanischen Juden den Glauben ihrer

Vorfahren wieder an und lebten streng nach den Gesetzen des Talmud.

Als Sohn einer solchen Auswandererfamilie wurde Baruch d'Espinoza

(so lautete der Name ursprünglich) 1632 in einer der engen Gassen

der Amsterdamer Judenstadt geboren. Diese Herkunft bestimmte seine

Jugendeindrücke und seine erste Geistesbildung.

Um die Überlieferungen ihrer Religion aufrecht zu erhalten und

neuen Geschlechtern mitzuteilen, gründeten die Juden Amsterdams

eine Schule, zu deren Lehrern sie berühmte Rabbinen beriefen. Auch

Baruch d'Espinoza empfing hier seine Jugendbildung; er erlernte die

hebräische Sprache, las Bibel und Talmud und übte an ihrer Auslegung

seinen Scharfsinn. Seine Begabung wurde offenbar; er wollte sich,

da ihm die Neigung zum Kaufmannsstande fehlte, ganz der jüdischen

Theologie widmen. Schon sah man in dem Jüngling die künftige Säule der

Synagoge. Diese Hoffnungen der Rabbinen wurden aber durchkreuzt, als

Spinoza die Gedanken der neuen Wissenschaft kennen lernte. Auch in das

abgeschlossenste Ghetto dringt etwas von den geistigen Bewegungen der

Umwelt, und die Amsterdamer Juden standen -- mochte ihr Privatleben

noch so eingeschränkt sein -- durch zwei große Kanäle mit dem Leben

ihrer christlichen Zeitgenossen in Verbindung, durch den Handel und die

Medizin. In empfänglichen Geistern entstand so ein Zwiespalt zwischen

den überkommenen Lehren und dem Wissen der Neuzeit. Schon während der

Knabenjahre Spinozas hatte das zu einem Konflikt geführt, der manchem

unter Ihnen aus Gutzkows Drama Uriel Acosta bekannt sein wird. Übrigens

ist die Rolle, die der Dichter hier den jungen Spinoza spielen läßt,

reine Erfindung.

Wie sich im einzelnen Spinoza unter diesen Verhältnissen entwickelte,

wissen wir nicht. Sicher ist nur, daß er frühzeitig Verlangen trug, die

Wissenschaft der Neuzeit kennenzulernen. Vorbedingung dazu war damals

die Kenntnis der lateinischen Sprache, die noch durchaus die Sprache

der Gelehrten war, in der jüdischen Schule aber keinen Gegenstand des

Unterrichts bildete. Bei der Wahl seines Lehrers hatte er Glück; denn

dieser konnte dem wissensdurstigen Jüngling mehr geben als Kenntnis des

Lateinischen. Franziscus van den Ende, als Katholik geboren, aber dem

Kirchenglauben entfremdet, war mit der Naturwissenschaft und mit der

Philosophie des Descartes vertraut. Bei ihm muß Spinoza die Schriften

des Descartes zuerst gesehen und gleichzeitig seine Kenntnisse

lebender Sprachen erweitert haben. Spinoza war in dieser Beziehung von

vornherein begünstigt; denn neben seiner Muttersprache, dem Spanischen,

war ihm naturgemäß von Jugend auf das Holländische bekannt. Dazu

erlernte er nun mehrere andere Sprachen, besonders Französisch und

Italienisch.

Die neue Bildung und die veränderten Überzeugungen trennten Spinoza von

seinen Glaubensgenossen. Zwar lag ihm jeder Gedanke an agitatorische

Wirksamkeit fern, aber es war ihm auf die Dauer noch weniger möglich,

bei gänzlich veränderten Überzeugungen die streng gebundene Lebensweise

eines orthodoxen Juden zu führen. Mit dem Tode des Vaters 1654 scheint

für ihn der wichtigste Grund zu äußerer Anbequemung gefallen zu sein;

seitdem besuchte er die Synagoge nicht mehr, übertrat die Speisegesetze

und verkehrte viel mit freigesinnten Christen. Naturgemäß erregte das

Anstoß. Aber die Juden hätten gern Aufsehen vermieden, fürchteten wohl

auch, daß das Verhalten eines Menschen, auf den die Rabbinen solche

Hoffnungen gesetzt hatten, Nachahmung finden würde. Man versuchte

ihm daher mit Geld beizukommen und versprach ihm ein Jahresgehalt,

wenn er sich wenigstens äußerlich der jüdischen Sitte fügte. Erst als

Spinoza diesen schimpflichen Vorschlag zurückgewiesen hatte, wurde er

als Abtrünniger verfolgt. Sein Schwager und seine Schwester machten

seinen Abfall geltend, um ihm den Anspruch auf das väterliche Erbe zu

bestreiten. Er nahm die holländischen Gerichte in Anspruch, siegte,

wie zu erwarten war, und überließ dann freiwillig den Geschwistern das

Erbe, während er sich nichts als ein Bett vorbehielt.

[Jugend. Bann]

Die Rabbinen ergriffen schließlich die äußersten Maßregeln gegen ihn;

im Jahre 1656 wurde er mit dem großen Banne belegt und aus der Gemeinde

ausgestoßen. Die aus dem frühen Mittelalter stammende Bannformel

lautete fürchterlich genug. Dies sind ihre wichtigsten Sätze:

»Nach dem Beschlusse der Engel und dem Ausspruche der Heiligen, mit

Zustimmung des heiligen Gottes und dieser ganzen Gemeinde bannen,

verstoßen, verwünschen und verfluchen wir Baruch d'Espinoza« ... --

»Verflucht sei er am Tage und verflucht sei er bei Nacht, verflucht

beim Niederlegen und verflucht beim Aufstehen, verflucht bei seinem

Ausgang und verflucht bei seinem Eingang. Gott möge ihm nie verzeihen!«

... »Wir verordnen, daß niemand mit ihm verkehre, nicht mündlich und

nicht schriftlich, niemand ihm eine Gunst erweise, niemand unter einem

Dache oder innerhalb vier Ellen mit ihm zusammen sei, niemand ein von

ihm verfaßtes oder geschriebenes Werk lese.«

Der Bann bedeutete für Spinoza die Trennung von allen Genossen

seiner Jugend; wie es scheint, hat später kein Jude mehr zu seinem

Umgangskreise gehört. Aber damit nicht zufrieden, suchten die Rabbinen

auch seine bürgerliche Existenz zu vernichten; sie zeigten ihn der

protestantischen Geistlichkeit als einen religionsgefährlichen Menschen

an und bewirkten seine Ausweisung aus Amsterdam. Allzuviel erreichten

sie damit nicht; denn infolge der toleranten Haltung der weltlichen

Behörden konnte er in einem Dorfe, wenige Meilen von der Hauptstadt

entfernt, ruhig wohnen.

Spinoza mußte sein Leben ganz neu gestalten: er war entschlossen,

nichts gegen seine Überzeugung zu tun, dabei aber Streit mit seiner

Umgebung möglichst zu vermeiden. Er trat nie zum Christentum über, da

er bei aller Verehrung für die persönliche Hoheit und die Moral Christi

sich nicht zu den Glaubensformeln einer christlichen Kirche bekennen

konnte. Am nächsten stand er einigen Sekten, die gleich ihm nur in

Holland Duldung fanden, Gemeinden, die den moralischen Lebenswandel

für das Wesentliche am Christentum hielten und ihren Mitgliedern

in dogmatischer Beziehung viel Freiheit ließen. Unter ihnen, den

Mennoniten und Kollegianten, fand Spinoza Verkehr, ohne zu ihnen zu

gehören.

Da er mittellos war und ihm jede öffentliche Anstellung, jede

ausreichend bezahlte Unterrichtstätigkeit verschlossen blieb, mußte

er durch seiner Hände Arbeit für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er

nutzte seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse aus, indem er optische

Gläser für Brillen und Fernrohre schliff. Infolge der astronomischen

Entdeckungen bestand damals viel Nachfrage nach Fernrohren, während

nur wenige kundige Männer die dazu nötigen Linsen schleifen konnten.

Spinoza verdankte also die Möglichkeit, sich sein Brot durch eigene

Arbeit zu erwerben, der modernen Naturwissenschaft, nicht etwa, wie

man manchmal lesen kann, dem Talmud. Man behauptet nämlich öfter,

daß Spinoza einer talmudischen Vorschrift gefolgt sei, die von jedem

Gelehrten die Erlernung eines Handwerks fordere. Aber es handelt sich

dabei _nicht_ um eine _Vorschrift_, sondern nur um einen _Rat_, der

meist unbefolgt blieb; und vollends das Schleifen optischer Gläser

hätte Spinoza als Talmudschüler nicht erlernen können.

[Lebensart. Schriften]

Alle Zeit, die ihm sein Handwerk frei ließ, widmete er seinen

Studien. Schlicht und bescheiden lebte er anfangs in einem Dorfe bei

Amsterdam, später bei Leiden, in der Nähe des Haag und schließlich im

Haag. Dieser Aufenthaltswechsel und die Zurückgezogenheit könnte an

Descartes erinnern. Aber zwischen beiden Männern bestand ein großer

Unterschied. Descartes, als Edelmann geboren, wohlhabend, unabhängig,

wählte sich die Einsamkeit; dem gebannten Juden, der sich sein Brot

verdienen mußte, war sie aufgenötigt. Trotzdem oder vielmehr gerade

deshalb nahm Spinoza an dem Geschick der ihn umgebenden Bevölkerung

weit mehr Anteil als Descartes. Die Glaubensfreiheit Hollands, die

seinen Eltern Zuflucht gewährt hatte und ihm trotz aller Anfechtungen

Sicherheit bot, war bedroht; denn die kalvinistische Geistlichkeit,

der sich aus politischen Gründen das Haus der Oranier anschloß,

erstrebte die Alleinherrschaft ihrer Kirche. In diese Streitigkeiten

griff Spinoza 1670 durch eine anonym erschienene Abhandlung, den

_theologisch-politischen Traktat_, ein. Wie der Name sagt, behandelt

dieses Buch das Verhältnis von Theologie und Politik, von Kirche und

Staat, und zwar kämpft es für die Oberherrschaft des Staates und gegen

den politischen Einfluß der Geistlichkeit. Zugleich erschüttert Spinoza

den Anspruch der Bibel auf göttlichen Ursprung durch eine historische

Kritik am Alten Testament, zu der seine jüdische Jugendbildung

ihn befähigte. Die kühne Schrift erregte großes Aufsehen: ebenso

allgemein wie die Entrüstung war der Wunsch, sie zu lesen. Eine

Fülle von Gegenschriften entstand, und der Verfasser, der trotz der

Anonymität bald erkannt wurde, hatte die Folgen seines Unterfangens

zu spüren. Persönliche Freunde wandten sich von ihm ab, zeitweise

schien es, als solle mit dem Buch auch der Verfasser verfolgt werden.

Vor ernsthafter Gefahr schützte ihn die Gönnerschaft des Jan de Wit,

damals noch der Leiter der holländischen Politik. Indessen schon war

de Wits Stellung nicht ohne eigne Schuld erschüttert; denn dieser

sonst untadelhafte, stolze Aristokrat hatte das Landheer gegenüber der

Flotte vernachlässigt und dadurch den Widerstand gegen das Eindringen

der Heere Ludwigs XIV. geschwächt. Die Erbitterung des Volkes darüber,

von den Priestern aufgestachelt, führte 1672 zu der gräßlichen

Ermordung Jan de Wits und seines Bruders. Leidenschaftliche Empörung

über diese Schandtat ergriff den sonst so gelassenen Philosophen. Er

wollte, um seiner Entrüstung Ausdruck zu geben, an den Hausmauern ein

Plakat anheften, in dem er die Bewohner des Haag für die niedrigsten

aller Barbaren erklärte. Unzweifelhaft wäre er bei diesem nutzlosen

Beginnen der Volkswut zum Opfer gefallen, wenn ihn sein Hauswirt nicht

eingeschlossen und dadurch an der Ausführung seines Vorhabens gehindert

hätte.

Aus den äußeren Verhältnissen begreift man, warum zu Spinozas Lebzeiten

nur eine Darstellung der Philosophie des Descartes unter seinem Namen

erschien; entstanden war diese Schrift für einen Schüler, den Spinoza

nicht als reif genug ansah, um ihm die eigene Lehre mitzuteilen. Dies

Buch verschaffte dem gebannten Juden einen Ruf an die Universität

Heidelberg. Aber so ehrenvoll ein solches Zeichen freier Gesinnung

für den Landesherrn, den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, ist

-- so wenig wäre die Ausführung auf die Dauer möglich gewesen. Stand

doch in dem an Spinoza gerichteten Briefe neben der Zusicherung der

Lehrfreiheit die Erwartung, daß er nichts gegen die Kirche sagen werde.

Spinoza wußte, daß Konflikte nicht ausbleiben konnten, und in der

klaren, ruhigen Weise, in der er seine persönlichen Angelegenheiten

stets besorgte, lehnte er den ehrenvollen Ruf ab. Sein Leben blieb

unverändert, aber die doppelte Anstrengung geistiger und körperlicher

Arbeit und der Glasstaub, der beim Schleifen entsteht, scheinen seiner

zarten Natur geschadet zu haben, er wurde lungenkrank und starb 1677,

erst 45 Jahre alt.

Bald nach seinem Tode wurden seine hinterlassenen Schriften, darunter

sein Hauptwerk, von seinen Freunden herausgegeben. Spinoza nannte

dieses Hauptwerk Ethik, d. h. Lehre vom Sittlichen oder vom rechten

Leben. Schon in diesem Titel zeigt sich die Verschiedenheit seines

Strebens von dem seines Lehrers Descartes. Für jenen war die Erkenntnis

als solche Lebensziel, Spinoza aber wollte durch seine Erkenntnis vor

allem die richtige Lebensart finden. Zwang ihn doch schon seine äußere

Lage, viel mehr über die Lebensführung nachzudenken. Descartes konnte,

während er eine Revolution in seinen Gedanken machte, äußerlich in

den Formen seines Standes weiterleben; Spinoza mußte, durch den Bann

ausgestoßen, nirgends zugehörig, sich sein ganzes Dasein nach eigenen

Grundsätzen aufbauen. Weit wichtiger aber als diese äußeren Dinge

war ein tief innerer Unterschied der Naturen. Descartes hatte, wenn

man so sagen darf, alle Leidenschaft nur im Kopfe. Die ganze Wärme

seiner Natur gehörte dem Suchen nach klarer Erkenntnis; außerhalb

dieses Gebietes war er kühl. Selbst seine unzweifelhaft aufrichtige

christliche Frömmigkeit war mehr Verstandes- als Herzenssache. Spinoza

dagegen war eine durch und durch religiöse Natur, ganz erfüllt

von dem Streben nach inniger Vereinigung mit Gott. Im Dienste des

Strebens stand für ihn die Erkenntnis. Gerade weil er tief religiös

und zugleich Denker war, konnte er sich keiner herrschenden Kirche

anschließen. Für Naturen, in denen entweder die Klarheit des Denkens

weniger groß ist oder die Gewalt des religiösen Gefühles zurücktritt,

ist die äußere Anpassung leichter. Man muß diese tief in Spinozas

Natur angelegten Bestrebungen: _ein sittlich religiöses Leben

durch das Denken zu begründen_, mit den am Anfang dieses Vortrags

dargelegten folgerichtigen _Weiterbildungen der Lehre des Descartes_

zusammennehmen, um Spinozas Philosophie zu verstehen.

[Form und Inhalt der Ethik]

Spinozas Hauptwerk ist in einer eigentümlichen Form geschrieben. Da

die Geometrie für ihn das Vorbild strenger, wissenschaftlicher Beweise

war, bildete er seine Darstellung dem berühmten griechischen Lehrbuch

der Geometrie, dem Werke des Euklid, nach. Wie ein Mathematiker

beginnt er mit Grundsätzen, deren Wahrheit nach seiner Überzeugung

selbstverständlich ist, und mit Erklärungen oder Definitionen der

Grundbegriffe. Von diesen Voraussetzungen aus beweist er dann die

einzelnen Lehrsätze. Diese Form müssen wir der Verständlichkeit

unsrer Darstellung zuliebe ganz unberücksichtigt lassen. Aber es ist

doch hervorzuheben, daß die Wahl der geometrischen Darstellung keine

willkürliche Laune Spinozas ist, sondern mit dem Inhalt seiner Lehre

aufs engste zusammenhängt. Schon Descartes hatte gelehrt, man dürfe nur

annehmen, was sich mit derselben Klarheit wie die Sätze der Mathematik

einsehen läßt. In einer Art Umkehrung dieses Satzes hatte er ferner

geschlossen, daß das klar und deutlich Erkannte an sich auch wahr sei.

Folgerichtig war es nun, die Durchführbarkeit einer Darstellung, in

der jede Behauptung mathematisch streng bewiesen wird, als Prüfstein

für die Wahrheit des philosophischen Systems anzusehen. So wenig also

Spinoza seine Grundüberzeugungen durch geometrische Beweise gewonnen

hat, und so künstlich einem modernen Leser diese Beweise vielfach zu

sein scheinen, so notwendig war doch für Spinoza seine Philosophie erst

vollendet, als er sie in jene strenge Form zu kleiden vermochte.

Descartes hatte die Gottheit als den Inbegriff aller Vollkommenheit

gefaßt. Von diesem Gedanken eines allervollkommensten Wesens geht

Spinoza aus. Da für ihn wie für seinen Lehrer in jeder Wirklichkeit

eine Vollkommenheit liegt, muß alle wahre Wirklichkeit Gott angehören.

Gott fällt so zusammen mit der Welt; denn unter Welt verstehen wir

die Einheit, den inneren Zusammenhang aller Dinge. Gott ist das All,

das All ist Gott. Man nennt diese Lehre _Pantheismus_ (griechisch von

»~pan~« All und »~theos~« Gott), und wir haben bereits gesehen, daß der

Pantheismus aus den Voraussetzungen des Descartes notwendig folgte: Er

hat aber noch eine andere Wurzel: im religiösen Erleben. Für die rohen

Anfänge der Religion bedeutet ein Gott ein übermächtiges Wesen, das dem

Menschen schaden oder nützen, wie ein Feind oder wie ein Schirmherr

gegenüberstehen kann; so verhielt es sich z. B. bei den Griechen,

wie Homer sie schildert. An die Schirmherrschaft eines Gottes über

sein Volk schließt sich der Gedanke an, daß die Volkssitte von diesem

Gotte stammt und geschützt wird. Gott wird der gerechte Herrscher,

dann der liebende Vater des Menschen. Die zunächst als äußeres Gebot

befolgte Sitte verklärt sich mehr und mehr zu einer von der Stimme des

Gewissens geforderten Sittlichkeit. Je inniger der religiöse Mensch

das als Gottesgebot empfundene Sittengesetz mit seinem eigenen Wesen

verknüpft fühlt, um so mehr empfindet er die Gottheit in sich selbst

wirksam. Aber in uns widerstrebt etwas dieser göttlichen Wirkung, eine

Fremdheit bleibt, die zugleich Unseligkeit ist. Ihre Ursache wird darin

gefunden, daß wir uns an einzelne Dinge hingeben. Von ihnen müssen

wir uns abwenden, dann werden wir mit Gott eins werden. Daher finden

wir bei christlichen, jüdischen und mohammedanischen Gottesgelehrten

des Mittelalters vielfach den Gedanken, daß der wahrhaft fromme

Mensch im Innersten seines Wesens mit der Gottheit zusammenfällt. Wie

der Mensch auf der höchsten Stufe der Gott-Innigkeit sich mit Gott

eins fühlt, so ist in seinem Kerne jedes Ding eins mit Gott, alle

Getrenntheit von Gott ist Schein und Folge des Abfalls. Vereinigung

mit Gott finden heißt zugleich, Gott als Kern aller Dinge erkennen.

Diese Art der Frömmigkeit, die durch Versenkung aller Gedanken in die

Gottheit die volle Vereinigung des Menschen mit Gott sucht, heißt

_Mystik_, und wir können demnach sagen, daß alle Mystik zum Pantheismus

strebt. _In Spinoza nun trifft eine mystische Religiosität mit jenem

verstandesmäßig_ (rationalistisch) _aus der Lehre des Descartes

entstandenen Pantheismus zusammen_.

Gott ist das allervollkommenste Wesen und der Inbegriff alles Seins,

nichts ist außer ihm, also ist er das einzige, was Substanz heißen

darf. Aus Wesen und Begriff dieser einzigen, unendlichen, alles

umfassenden Substanz muß nun alles einzelne Sein und Geschehen mit

mathematischer Notwendigkeit folgen. Die Schöpfung der Welt kann also

Spinoza nicht als eine freie Tat Gottes ansehen, die seine Willkür

auch hätte unterlassen können; vielmehr ist die Einheit der Welt

selbst Gott, es gehört zum notwendigen Wesen Gottes, sich in dieser

Welt darzustellen. Alles einzelne ist nur wirklich, sofern es an

der Gottheit teilhat. Daß es ein einzelnes ist, beruht auf seiner

_Beschränktheit_ und damit auf einer _Verneinung_. Diese Gleichsetzung

von Einzelheit, Beschränkung und Verneinung wird Ihnen zunächst fremd

vorkommen. Doch ist nicht schwer zu zeigen, was der Denker damit meint.

Wir sind nur Mensch, indem wir nicht Tier, Pflanze und Stein sind, wir

können einen bestimmten Lebensberuf nur ergreifen, indem wir auf alle

anderen Möglichkeiten der Lebensgestaltung verzichten. So verstehen wir

den Satz, mit Hilfe dessen Spinoza die Besonderheit der einzelnen Wesen

aus der Einheit der Gottesnatur herzuleiten sucht: _Alle Bestimmtheit

ist Verneinung._

[Gott]

Gott oder die Natur oder das allervollkommenste Wesen ist durch und

durch erkennbar, freilich nicht für unsern menschlichen Verstand,

der selbst vereinzelt, bestimmt, beschränkt und daher mit der

Verneinung behaftet ist. Aber sogar unser menschlicher Verstand kann

allgemein die Notwendigkeit einsehen, mit der alles einzelne aus

der Gottheit folgt, und beherrscht in der mathematisch erkennbaren

Ordnung der körperlichen Bewegungen ein ihm zugängliches Teilgebiet

der göttlichen Ordnung der Welt. Spinoza ist wie Descartes Anhänger

der neuen naturwissenschaftlichen Auffassung der Körperwelt, nach der

jede Bewegung aus dem vorangehenden Zustande der Körper notwendig und

berechenbar folgt. Für ein Eingreifen des Geistes in die Körperwelt,

wie wir es in jeder unserer Bewegungen zu erleben glauben, läßt diese

Auffassung, wenn sie streng durchgeführt wird, keinen Raum. Alle

körperlichen Bewegungen sind wieder nur durch andere körperliche

Bewegungen hervorgerufen, unsere Armbewegung etwa durch eine Bewegung

in unserem Gehirn. Nun haben wir aber als denkende Wesen Anteil an

einer von der Körperwelt ganz verschiedenen Art des Seins. Dieses

geistige Sein ist im Grunde vom Körper ebenso unabhängig, wie jener

von ihm. Man sieht, Spinoza folgert aus der schroffen Entgegensetzung

von Geist und Körper, wie Descartes gelehrt hatte, die Unmöglichkeit

ihrer Wechselwirkung. Es entsteht daher für ihn die Aufgabe, das

anscheinende Ineinanderwirken geistiger und körperlicher Geschehnisse

zu erklären. In der göttlichen Einheit besitzt er das Mittel dazu. Alle

einzelnen Dinge, Körper wie Seelen, sind nur notwendige Folgen und

Einschränkungen der einen wahrhaft wirklichen Gottnatur. Diese ist nun

so beschaffen, daß sie sich in unendlich vielen Weisen entfaltet und

offenbart. Diese Entfaltungsweisen der Gottheit, deren jede von jeder

anderen unabhängig, jede in ihrer Art unendlich ist, nennt Spinoza

_Attribute_. Von den unendlich vielen Attributen der Gottheit sind uns

nur zwei zugänglich, die Ausdehnung oder die Körperwelt und das Denken

oder die Welt des Geistes. Beide sind völlig unabhängig voneinander;

aber da beide derselben allumfassenden, göttlichen Einheit angehören,

herrscht in beiden die gleiche gesetzliche Ordnung. Nicht unser Gedanke

oder Willensentschluß bewegt unsern Arm; aber es ist in der Einheit

Gottes begründet, daß, wenn wir den Arm bewegen wollen, zugleich aus

der Notwendigkeit des körperlichen Geschehens eine Gehirnbewegung

folgt, die Ursache der Armbewegung wird. Niemals erzeugt ein Gedanke

eine Bewegung oder eine Bewegung einen Gedanken. Aber da Bewegungen

und Gedanken aus derselben göttlichen Notwendigkeit folgen, ist _die

Ordnung und Verknüpfung der körperlichen Dinge dieselbe wie die Ordnung

und Verknüpfung der Gedanken_.

[Körper und Seele]

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 6 / 12 段