Als er dann 1622 den Kriegsdienst aufgab und nach einer Reise durch

Italien wieder in Paris Aufenthalt nahm, machte sich im Kreise der

Gelehrten seine Überlegenheit geltend. Dadurch erwarb sich Descartes

Ruhm und Ansehen, noch ehe er irgendeine Schrift veröffentlicht

hatte. Man drängte ihn dazu, mit seinen Gedanken hervorzutreten, aber

er konnte die zur Ausarbeitung nötige Ruhe in Paris nicht finden

und begab sich daher 1629 nach Holland. Hier lebte er zwanzig Jahre

hindurch ganz der Ausbildung seiner Gedanken. Um nicht durch Verkehr

gestört zu werden, wechselte er vierundzwanzigmal seinen Aufenthalt.

Nur zwei Freunde in Paris kannten seine Adresse und vermittelten

seine Geldangelegenheiten und seinen wissenschaftlichen Briefwechsel.

Er schildert gelegentlich in einem Briefe, wie er inmitten der

volkreichen Stadt Amsterdam, ohne die Bequemlichkeiten der Zivilisation

zu entbehren, ganz als Einsiedler lebte. Er war dort, wie er sagt,

vielleicht der einzige Mensch, der sich weder um Handelsgeschäfte

noch um Politik bekümmerte. Lange Zeit scheute er davor zurück,

seine Ruhe durch Veröffentlichungen zu gefährden. Seine Sorge erwies

sich als berechtigt. Denn als er nun, um den Ruf seines Geistes zu

rechtfertigen, endlich mit Schriften hervortrat, fehlte es weder an

verfolgungssüchtigen Gegnern, noch an Mißdeutungen seiner Lehren durch

unverständige Freunde. Seine Philosophie begann sich die Universitäten

zu erobern und erregte bei den Anhängern der mittelalterlichen Lehren

einen Haß, der sich sogar in Verboten und persönlichen Verfolgungen

entlud. Dadurch wurden ihm die Niederlande verleidet, und er folgte

bald einer Einladung der schwedischen Königin nach Stockholm. Dort

regierte nämlich damals Christine, Gustav Adolfs jugendliche Tochter,

deren lebhafter und beweglicher Geist durch die Vermittelung des

französischen Gesandten an ihrem Hofe, eines Freundes des Philosophen,

Interesse für die Philosophie des Descartes gewonnen hatte. Aber

der Bruch mit liebgewordenen Gewohnheiten, der Zwang im Winter, in

frühester Morgenstunde der Königin Vortrag zu halten, schädigte seine

Gesundheit. Wohl infolge des Klimas erkrankte er und starb am 11.

Februar 1650 in der Hauptstadt Schwedens. Er wurde dort beigesetzt; die

Franzosen holten später die irdischen Reste ihres größten Philosophen

nach Paris.

[Späteres Leben. Zweifel]

Bei Descartes dient nicht mehr das Denken dem Leben selbst wie bei

Sokrates. Der Denker will auch nicht wie Platon eine Umbildung des

Lebens bewirken; vielmehr ist umgekehrt das äußere Leben hier nur

Mittel für das Denken. Descartes ist ein Mensch der Einsamkeit, eine

Einzelperson, die sich möglichst von allen Beziehungen zu anderen

loslöst. Alles Äußere benutzte er in seiner Jugend zur Erweiterung

seines Wissens, später als Mittel, ruhig seinen Studien zu leben. So

kühn er im Denken war, so weit entfernt war er von allen revolutionären

oder auch nur reformatorischen Bestrebungen in der Wirklichkeit. »Ruhe,

die mir über alles geht«, »vollkommene Geistesruhe, die ich suche«:

das sind Worte, die Lebensart und Lebensziel des Descartes vollständig

bezeichnen.

Wir haben gesehen, daß für Descartes der Weg zum sicheren Wissen

durch den _Zweifel_ führt. Mindestens einmal in seinem Leben muß der

Denker, dem es um unumstößliche Erkenntnis zu tun ist, alle Meinungen

von sich abstreifen, die überhaupt noch bezweifelt werden können.

Was dieses Feuer aushält, ist echtes Gold. Gemäß der Geistesart des

Descartes beschränkt sich dieses radikale Vorgehen durchaus auf die

Welt der Gedanken. Descartes will keineswegs seine Lebensweise ändern,

noch viel weniger natürlich die Lebensführung anderer beeinflussen.

Der philosophischen Ruhe ist es am vorteilhaftesten, möglichst wenig

aufzufallen, sich vielmehr auch den minder zweckmäßigen Sitten der

Umgebung anzupassen. Nur in den eigenen Gedanken ist Descartes

Revolutionär. Hier aber geht sein Zweifel wirklich radikal vor. Er

fragt sich: was glaube ich zu wissen und welchen Grund habe ich für

diesen Glauben?

Nach diesem Grundsatz halte ich zunächst alle Meinungen, die mir

überliefert sind, für zweifelhaft. Aber ich muß noch weiter gehen.

Ich pflege für wirklich zu halten, was ich sehe, höre oder sonst mit

meinen Sinnesorganen wahrnehme. Aber meine Sinne haben mich schon oft

getäuscht. Ich habe zuweilen ein Spiegelbild für Wirklichkeit, einen

Nebelstreif für einen Baum gehalten. Ich muß daher an der Wirklichkeit

der wahrgenommenen Dinge zweifeln. Aber vielleicht darf ich wenigstens

das für sicher halten, was mit dem Gefühl meiner eigenen gegenwärtigen

Lage zusammenhängt. Ich finde mich selbst etwa im Wintermantel am

Kamin sitzend und schreibend. Daran kann ich doch nicht zweifeln. Aber

habe ich nicht schon oft geträumt und im Traume geglaubt, daß ich

spazieren gehe, während ich in meinem Bette lag? So gut wie ich damals

irrte, ist es auch möglich, daß das, was ich jetzt wachend zu erleben

glaube, eine Art Traum ist. Aber auch, wenn ich annehme, daß alle meine

scheinbar wachen Erlebnisse nur Träume sind, müssen doch die Bilder

im Traume irgendwelche Vorbilder in der Wirklichkeit haben. Sogar der

Maler, der Fabelwesen bildet, setzt diese aus Stücken der Wirklichkeit

zusammen, verbindet etwa einen Pferdekörper mit dem Oberleib eines

Menschen zu einem Zentauren. Müssen also nicht mindestens die einfachen

Bestandteile aller unserer Erlebnisse wie Längenausdehnung oder Farbe

einer Wirklichkeit entsprechen? Es widerstrebt dem natürlichen Gefühl,

auch daran zu zweifeln. Aber unmöglich ist der Zweifel auch gegenüber

der Wirklichkeit der einfachen Erfahrungsbestandteile nicht, und wir

müssen ihn daher nach dem Grundsatz, den wir zur Richtschnur nahmen,

auch hierauf ausdehnen. Es wäre doch denkbar, daß ein böser Dämon mir

diese einfachsten Bestandteile meiner Traumbilder vorspiegelte, um mich

zu täuschen. Ich kann also zweifeln, daß ich in Farbe, Ton, Gestalt,

in Tastempfindungen, Gerüchen und Geschmäcken irgend etwas Wirkliches

wahrnehme. Ich kann bezweifeln, daß überhaupt eine Körperwelt existiert

und daß ich selbst einen Körper habe.

Bleibt nun überhaupt noch etwas übrig, woran wir nicht zweifeln können?

Wenn ich zweifle, _denke_ ich doch. _Im Zweifeln bewähre und fühle ich

mich als Denkender._ Vom Zweifel bleibt unangetastet, was Voraussetzung

auch des ausgedehntesten Zweifels ist, eben das _Denken_. So findet man

mitten im Zweifel einen festen, unbezweifelbaren Punkt. Der griechische

Mathematiker Archimedes rief einst, als er die Hebelgesetze gefunden

hatte, aus: Man gebe mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, auf

dem ich stehen kann, und ich will die Erde bewegen. Mit diesem von

Archimedes geforderten festen Punkt vergleicht Descartes seinen ersten

sicheren Satz. Man kann diesen Satz verschieden ausdrücken: Ich bin

indem ich denke; ich denke, also bin ich; mein Denken ist.

[Der feste Punkt: Ich denke]

Was aber ist nun dieses »Ich«, dessen ich mir im Denken bewußt bin?

Gewöhnlich meint man, wenn man »ich« sagt, damit den eigenen Geist und

Körper. Wir haben gesehen, daß die Wirklichkeit unseres Körpers nicht

über jeden Zweifel erhaben ist. Auch unsre Leidenschaften, unser Haß

und unsre Freude sind so innig mit den Vorstellungen von Körpern und

den Sinnesempfindungen verbunden, daß sie mit diesen zugleich ein

Raub des Zweifels werden. Nur meines Denkens bleibe ich mir in allem

Zweifel gewiß. Selbst wenn alle diese meine Vorstellungen Träume sind,

so stelle ich sie mir doch eben träumend vor, und Vorstellen ist eine

Art des Denkens. Ja, wenn ein böser Dämon mir alles, was ich zu wissen

meine, vortäuscht, so muß ich ein denkendes Wesen sein, damit seine

Täuschung irgendeine Wirkung auf mich ausüben kann. Mein Denken bleibt

also gefeit gegen allen Zweifel. Es hieße Descartes schlecht verstehen,

wollte man ihm mit einem seiner zeitgenössischen Kritiker einwerfen:

ebensogut wie ich folgere, ich denke, also bin ich, könnte ich statt

des Denkens irgendeine andere Tätigkeit wählen und z. B. schließen,

ich gehe spazieren, also bin ich. Ich kann ja auch träumen, daß ich

spazieren gehe; und das einzige, was auch in diesem Falle gewiß bleibt,

ist, daß ich mir mein Spazierengehen vorstelle, also denke. Wenn ich

aber von Gedanken träume, so ist doch im Traume das Denken als solches

wirklich da.

Wie aber kommt man nun von hier aus zu weiteren sicheren Erkenntnissen?

Indem ich zweifele, fühle ich nicht nur mein Denken, sondern auch

meine Unvollkommenheit. Denn zweifeln kann ich nur, weil ich nach

einem Zustand der Gewißheit strebe, der vollkommener ist als mein

Zweifel. Dieses Bewußtsein eines Mangels bei mir selbst setzt voraus,

daß ich die Vorstellung eines vollkommeneren Wesens, als ich selbst

bin, in mir vorfinde. Denn als unvollkommen kann ich mich doch nur

im Vergleich mit einer Vollkommenheit fühlen. In der Tat habe ich in

mir die Vorstellung eines Wesens, das in jeder Weise vollkommen ist,

einer absoluten Vollkommenheit, Gottes. Diese Vorstellung kann ich

nicht selbst hervorgebracht haben; denn eine Wirkung kann nie größer

sein als ihre Ursache. Da ich unvollkommen bin, kann ich also nicht

Ursache einer mir überlegenen Vorstellung von Vollkommenheit sein. Aus

demselben Grunde kann diese Vorstellung auch nicht von einem andern

unvollkommenen Wesen in mich hineingelegt sein, sie kann also nur von

dem allervollkommensten Wesen selbst, von Gott, stammen.

Habe ich so die Sicherheit von Gottes Existenz gewonnen, so ist damit

der am weitesten reichende Grund des Zweifels gehoben. Gott ist absolut

vollkommen, also ist er gut; täuschen aber ist böse; Gott kann mich

daher weder selbst täuschen noch zulassen, daß ein böser Dämon mich

täusche. Dann aber ist alles wahr, was ich ebenso klar und deutlich

wie mein eigenes Dasein als denkendes Wesen erkenne. Ganz im Sinne der

neueren Naturwissenschaft rechnet Descartes die Sinnesempfindungen

nicht zu dem klar Erkennbaren; denn den Unterschied von blau, rot und

gelb kann ich mit meinem Denken nicht weiter durchdringen. Dagegen was

der Zahl und dem Maße zugänglich ist, räumliche Bewegungen, wie sie

die moderne Naturwissenschaft als die den Sinnesempfindungen zugrunde

liegende Wirklichkeit ansieht, das ist klar erkennbar, also auch

wirklich wahr.

Descartes hat demnach drei Arten des wirklichen Seins gefunden.

Zunächst unvollkommene denkende Wesen, wie ich selbst mich in meinem

Denken und Zweifeln erfasse, dann das allervollkommenste Wesen, Gott,

endlich die raumerfüllenden ausgedehnten beweglichen Körper. Ein Wesen,

das für sich existiert, nennt man in der philosophischen Fachsprache

_Substanz_. Im höchsten und eigentlichsten Sinne ist Gott allein

Substanz, aber in einer erweiterten Bedeutung des Wortes kann man

auch Körper und Seelen Substanzen nennen, weil sie nur der Gottheit

bedürfen, um zu sein.

[Gottesbeweis]

Überblicken wir den Gedankengang, durch den Descartes zu den ersten

Sätzen seiner Philosophie gelangt, so finden wir, daß der Größe und

Sicherheit des Anfangs der Fortgang nicht entspricht. Das Ausgehen vom

Allergewissesten, vom Unbezweifelbaren, die Auffindung dieser letzten

Gewißheit in unsrem Denken selbst -- das ist dauernder Gewinn. An den

Folgerungen aber, die er aus diesen Sätzen zieht, läßt sich berechtigte

Kritik üben. Vor allem folgt aus der Selbstgewißheit meines Denkens

nicht, daß ich eine Substanz, ein unveränderliches Etwas bin, dessen

bloße Äußerung das Denken ist. Nur des Denkens bin ich mir im Zweifel

gewiß, nicht eines denkenden Etwas, einer Denksubstanz. Ebenso kann

die Tatsache, daß wir in uns die Vorstellung eines allervollkommensten

Wesens finden, bezweifelt werden. Man könnte dagegen etwa einwenden:

ich bilde mir nur ein, diese Vorstellung zu besitzen, in Wahrheit

kann ich mir nur eine endliche mir zugängliche Einsicht, Macht und

Güte vorstellen und damit den Nebengedanken verbinden, daß diese

Eigenschaften in unendlich höherem Grade vorhanden sein sollen. Ist

dies der Fall, so kann eine solche Steigerung sich aus der über jede

Grenze hinausstrebenden Natur meines Denkens ebensoleicht erklären, wie

sich die Möglichkeit erklärt, die Zahlenreihe beliebig auszudehnen und

in Gedanken Billionen auf Billionen zu häufen. Ein berechtigter Kern

steckt bei alledem auch im Gottesbeweis des Descartes. Richtig bleibt,

daß ich mir im Denken und Zweifeln zugleich meines Denkens, seiner

Aufgabe und seiner Unvollkommenheit bewußt bin. Denken heißt nach

wahren Urteilen, genauer nach einem überall begründeten Zusammenhang

wahrer Urteile streben. Unser Denken ist also eine Tätigkeit, der

ein Ziel vorschwebt. Dieses Ziel läßt sich nur Schritt für Schritt

erreichen. Jeder wahre Satz, den wir finden, stellt neue Aufgaben.

Notwendig entsteht aus dieser Lage unsres Denkens das Gegenbild eines

Geistes, der ohne die Mühen des Weges das Ziel der Wahrheit besitzt. So

viel also dürfen wir auch bei strengster Prüfung Descartes zugeben, daß

mit dem Bewußtsein unsres Denkens und seiner Unvollkommenheit sich als

Ergänzung die Vorstellung eines vollkommenen, oder wie man auch sagen

kann, göttlichen Geistes verbindet. Ob wir mit logischer Gewißheit

aus dieser Vorstellung auf das wirkliche Sein der Gottheit schließen

dürfen, erscheint fraglicher. Bedenken werden wir jedenfalls dagegen

haben, irgend etwas Weiteres über die Gottheit auszusagen; denn da ihr

Begriff im Grunde nur als ergänzender Gegensatz unsrer Unvollkommenheit

gebildet ist, können wir uns nicht berechtigt fühlen, diese uns

unzugängliche Vollkommenheit zu durchdringen. Solchen Überlegungen

zufolge ist jedenfalls die Art unzulässig, in der Descartes nun weiter

schließt, daß Gott in seiner Güte uns nicht täuschen könne. Gott könnte

uns aus guten Gründen einen Teil der Wahrheit verschleiern oder eine

Scheinwelt vortäuschen, so gut wie Eltern ihren Kindern manche Wahrheit

vorenthalten und ihnen Märchen erzählen.

[Seele und Körper]

Die Art, in der Descartes die nähere Ausführung seiner Lehre von Gott,

Seelen und Körpern an den Anfang seiner Philosophie anknüpft, ist

also keineswegs einwandfrei. Trotzdem erlangten auch diese weiteren

Lehren große Bedeutung; ja, sie haben in ihrer Zeit stärker gewirkt als

die Anfänge seiner Philosophie, der Zweifel und die Selbstgewißheit

des Denkens. Besonders wichtig war es, daß Descartes Körper und

Seele einander so klar und schroff gegenüberstellte. Wir haben schon

gesehen, daß die neue Naturwissenschaft alle körperlichen Vorgänge auf

mathematisch berechenbare Bewegungen ausgedehnter Teile zurückzuführen

sucht. Descartes gehörte zu den frühesten und folgerichtigsten

Führern auf diesem Wege. Nicht nur die unbelebte Natur wurde so

aufgefaßt, auch der tierische und menschliche Körper war für ihn

eine bloße Maschine, deren Bewegungen, dem Getriebe im Räderwerk

eines zusammengesetzten Automaten vergleichbar, durch Druck und Stoß

benachbarter Teile erklärt werden müssen. Im Gegensatze zu dieser

mechanisch gedachten Körperwelt geht die Vorstellung, die Descartes

sich vom Geiste bildet, von der Selbstgewißheit des Denkens aus. Gerade

das Denken aber zeigt einen unausgleichbaren Gegensatz gegen eine

mechanisch gedachte Körperwelt. Dort ein Nebeneinander von Teilen,

die einander drücken und stoßen -- hier eine vereinheitlichende,

zusammenfassende Tätigkeit; dort jeder folgende Zustand durch den

vorhergehenden bestimmt, alles aus Ursachen, nichts aus Zwecken

erklärt -- hier eine zielbewußte Tätigkeit, die sich selbst ihre Bahn

vorschreibt. Descartes erst hat den uns allen von der Schule her

geläufigen, schroffen Gegensatz von Leib und Seele geschaffen. Solche

Vorstellungen, wie sie etwa dem Verse Schillers zugrunde liegen:

»_Spricht_ die Seele, so spricht, ach! schon die _Seele_ nicht mehr,«

sind keineswegs selbstverständlich. Wer mit Platon und Aristoteles

überall in der Körperwelt zweckmäßig wirkende seelenartige Kräfte

sieht, für den ist es nicht wunderbar, daß _die_ Seele spricht. Aber

er hat auch nicht den Körperbegriff, der unserer Naturwissenschaft

zugrunde liegt und ihre Erfolge ermöglicht. Die ungeheure Hochschätzung

der Seele durch das Christentum konnte für sich allein genommen noch

nicht zu jener schroffen Entgegensetzung gegen den Körper führen. Das

Christentum ist Religion, nicht Wissenschaft; und am allerfernsten lag

nicht allein Christus und seinen Jüngern, sondern auch den Schöpfern

des Dogmas, den Kirchenvätern, eine wissenschaftliche Erforschung

der Körperwelt. Die christliche Hochschätzung der Seele hat nicht

gehindert, daß man sich vielfach auch das Fortleben der Seele noch

an einen Körper gebunden dachte, nur an einen feineren, zarteren,

als der irdische. Ist alles in der Körperwelt durch seelenartige

Kräfte belebt, so kann man in der Tat leicht zu der Annahme kommen,

daß unser Geist beim Verlassen dieses Körpers sich mit einem,

vielleicht unsichtbaren, anderen Leibe umgibt. Und doch, ohne die

durch Platon vorbereitete, durch das Christentum zum Siege gelangte

Hochschätzung der Seele wäre jene schroffe Gegenüberstellung von Seele

und Körper undenkbar. Es hatte schon in Griechenland Philosophen

gegeben, die alle körperlichen Erscheinungen durch Druck und Stoß

allein zu erklären suchten. Aber sie waren auf die Eigenart des

Seelischen noch gar nicht aufmerksam geworden. _Bei Descartes trifft

die Auffassung des Körpers, die wir die mechanistische nennen, mit

einer höchst geläuterten Vorstellung des Seelischen zusammen._ In

seiner Philosophie erst entwickelt sich jener Gegensatz von Seele

und Körper, von dem wir, als wäre er selbstverständlich, auszugehen

pflegen. Weit verbreitet sind gerade in der Gegenwart die Bemühungen,

diesen Gegensatz wieder zu überbrücken, und bisweilen begegnet man

der Meinung, daß die schroffe Entgegensetzung nur eine Verirrung

des Denkens gewesen sei. Diese letzte Meinung hat sicher unrecht.

Auch wenn man die Gegensätze wieder vereinen will, muß man sie zuvor

scharf geschieden haben. Klarheit, sei es selbst im Irrtum, ist der

Verworrenheit stets vorzuziehen. Unter diesem Gesichtspunkte muß man

auch die Folgerichtigkeit bewundern, mit der Descartes die Seelen der

Tiere geleugnet hat. Der tierische wie der menschliche Körper war

ihm eine bloße Maschine, und jene Selbstgewißheit des Denkens, die

uns die feste Überzeugung von unserm eigenen Geiste verschafft, kann

wohl in andern Menschen, nicht aber in Tieren vorausgesetzt werden.

Unzweifelhaft ist diese Lehre von der Seelenlosigkeit der Tiere falsch;

aber es gehörte mehr dazu, einen solchen Irrtum zu begehen, als ihn zu

widerlegen. Auch daß die sinnlichen Eigenschaften der Körper, Farbe,

Ton usf. bloße »verworrene Vorstellungen«, »bloßer Schein« seien, wird

sich nicht aufrecht erhalten lassen. Wir können eine Farbe sehr klar

in ihrer Eigenart und in ihren Ähnlichkeitsbeziehungen zu anderen

Farben erfassen; und wenn wir unvermögend sind, die Farben, Töne usf.

mathematisch zu beherrschen, so vermögen wir umgekehrt auch nicht zu

sagen, warum dieser so klingende Ton gerade einer Luftbewegung von

dieser Wellenlänge entspricht. Auch hier liegen neue Probleme, die erst

eine spätere Zeit sah, die aber nur gesehen werden konnten, nachdem

Descartes und seine Zeitgenossen die mechanistische Körperauffassung

wirklich durchgeführt hatten.

Descartes' Größe liegt also einerseits darin, daß er den notwendigen

Anfangspunkt alles philosophischen Forschens, die Selbstgewißheit des

Denkens, entdeckte, anderseits darin, daß er die Begriffe von Gott,

von der Seele und vom Körper im Zusammenhang mit der entstehenden

Wissenschaft der Neuzeit klar entwickelte.

[Illustration: Descartes

Nach dem Original von Hals]

Vierter Vortrag.

Spinoza.

[Der Schüler des Descartes]

Schon einmal hatten wir das Verhältnis von Lehrer und Schüler zu

betrachten. Platon war Schüler des Sokrates, das bedeutet: Sokrates

hat ihn durch seine Persönlichkeit für die Philosophie gewonnen, die

Freundschaft des Sokrates war das entscheidende Ereignis in Platons

Leben; darum ist Sokrates die Hauptfigur in Platons dichterischen

Werken. Spinoza war Schüler des Descartes; doch müssen wir hinzufügen:

er hat ihn niemals gesehen, noch weniger einen persönlichen Einfluß von

ihm erfahren, nur seine Bücher hat er studiert und aus ihnen gelernt.

Die Verschiedenheit zweier Zeitalter tritt hier zutage: nicht mehr auf

dem Markt, nicht einmal mehr notwendig im unmittelbaren Verkehr durch

Rede und Antwort, nein, im stillen Zimmer beim Lesen des gedruckten

Buches wird jetzt der Fortschritt gewonnen.

Spinoza fühlte sich den Schriften des Descartes stets zu Dank

verpflichtet, aber während Platon seine selbständigen Gedanken dem

Sokrates in den Mund legte, betonte Spinoza die Eigenart seiner Lehre

auch seinem wichtigsten Lehrer gegenüber. Wir müssen daher fragen, an

welche Seite jener Philosophie seine Umbildung anknüpft. Wir haben nun

bereits erkannt, daß in der Philosophie des Descartes zwei Gruppen von

Gedanken liegen, deren Verbindung miteinander nicht so überzeugend

durchgeführt ist, wie der Philosoph selbst meinte. An jeden dieser

beiden Bestandteile konnte man anknüpfen.

1. Man hätte die Bemühungen um Sicherheit der Erkenntnis fortsetzen

können. Descartes hatte diese Frage als Hauptproblem der Philosophie

gestellt und in der Selbstgewißheit des Denkens den sicheren

Ausgangspunkt für alle weiteren Schritte gefunden. Aber er hat es

unterlassen, nun für jede Art des Erkennens die Grundlagen aufzusuchen;

denn er glaubte direkt aus jenem »archimedischen Punkte« genügend

sichere Einsicht zu gewinnen. Sieht man ein, daß dies voreilig ist,

so muß man genauer untersuchen, wie sicheres Erkennen möglich ist und

wie weit es reicht. Diesen Weg schlugen die unmittelbaren Nachfolger

des Descartes auf dem Festlande nicht ein. Englische Denker, besonders

Locke, knüpften an seine Anfänge an, mit vollem Bewußtsein aber nahm

erst Kant die begonnene Arbeit auf.

2. Descartes hatte aus seinen Voraussetzungen geschlossen, daß

das klar und deutlich Erkannte auch wirklich sein müsse. Klar und

deutlich erkennen wir aber uns selbst als denkendes Wesen, Gott als

allervollkommenstes Wesen und die Körper als bewegte, raumerfüllende

Dinge, deren Beziehungen und Veränderungen der Mathematik zugänglich

sind. An diesen Teil der Philosophie des Descartes knüpfte die

Entwicklung der Philosophie unmittelbar an.

Auch hier lagen Schwierigkeiten genug vor; denn Descartes hatte jene

drei Arten von Substanzen einfach nebeneinander gestellt, dabei aber

doch zugegeben, daß Gott in anderem Sinne Substanz ist als die von

ihm geschaffenen Seelen und Körper. Einerseits steht der Philosoph

durchaus auf dem gewöhnlichen Standpunkt schroffer Entgegensetzung von

Gott und Welt, anderseits scheint seine Lehre zu einer Einheit beider

zu führen, wenn man sie zu Ende denkt. Gott ist ja der Inbegriff aller

Vollkommenheit, »Sein« aber ist auch eine Vollkommenheit, und alles

Seiende ist vollkommen, soweit es existiert. Man darf daher diese

beschränkten Vollkommenheiten nicht von der Gottheit abtrennen, sonst

würden sie ihr fehlen, und Gott wäre nicht das allervollkommenste

Wesen. Daraus aber folgt, daß alle Dinge zur Gottheit gehören, daß

Gott kein Wesen ist, welches außerhalb der Welt sein gesondertes Leben

führt, sondern eben die Einheit der Welt selbst.

In anderer Weise tritt Descartes' Grundsatz, alles klar Gedachte

ist wirklich, alles Wirkliche erkennbar (wiewohl nicht für unsern

begrenzten Verstand), mit seinem Gottesbegriffe in Widerstreit. Denn

danach muß auch das Verhältnis der einzelnen Dinge und Ereignisse zu

Gott sich klar einsehen lassen, d. h. alles, was da ist und geschieht,

muß mit Notwendigkeit aus dem Begriffe der Gottheit erschlossen

werden können. Dann aber bleibt kein Raum mehr für Gottes freie

Schöpfertätigkeit.

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 5 / 12 段