großen«, d. h. die Stände des Staates. Regieren soll auch hier der
vernünftige Teil; so rechtfertigt sich Platons bekannter und zuweilen
belachter Ausspruch, nicht eher werde es im Staate besser werden, als
bis die Könige philosophieren oder die Philosophen Könige sind. Unter
einem Philosophen versteht Platon hier nämlich nicht einen einsamen, in
sein Studierzimmer eingeschlossenen Grübler, sondern einen Mann, der
außer der Erziehung durch das praktische Leben auch noch die höchste
wissenschaftliche Ausbildung empfangen hat und darum befähigt ist,
die Wissenschaft ebensowohl zu fördern wie auf den Staat anzuwenden.
Der zweite Stand, der dem Mute entspricht, ist der Kriegerstand, der
im Innern die von den Herrschern befohlene Ordnung aufrecht erhält
und gegen äußere Feinde den Staat beschirmt. Auch die herrschenden
Weisen haben zum Kriegerstand gehört, ehe sie in ihre höhere Stellung
aufrückten. Damit die beiden herrschenden Stände sich ganz ihren
Aufgaben widmen können, ist von ihnen jede Sorge um den täglichen
Unterhalt, jede Begierde nach Reichtum fernzuhalten. Sie werden
daher aus Staatsmitteln ernährt und dürfen weder Privateigentum noch
Familie haben. Der dritte Stand ist der erwerbende, er entspricht der
Begierde und hat im rechten Staate zu gehorchen. Bei der Behandlung
des Nährstandes zeigt sich in Platons Ausführungen eine Schwäche, die
er mit allen Griechen teilt. Dem sklavenhaltenden Griechen war die
Erwerbsarbeit etwas, das im Grunde eines freien Mannes nicht würdig
schien. Wir sind hier längst über das Griechentum hinausgeschritten und
sehen in jeder recht getanen Arbeit eine Verwirklichung des Besten im
Menschen. Diese Schwäche macht sich auch sonst in Platons Staatsideal
geltend. Man hat wegen der von ihm geforderten Eigentumslosigkeit
der höheren Stände in Platon oft einen der Urväter des Sozialismus
gesehen -- kaum mit Recht. Denn Platon hat wenigstens in seinem
»Staat« an das Privateigentum der Erwerbsstände nicht gerührt.[4]
In für uns auffallender Weise werden alle wirtschaftlichen Fragen
vernachlässigt. Nicht im Interesse gerechter Güterverteilung, sondern
nur, damit sie ganz ihrem Amte leben können, wird den Kriegern und
Weisen das zu ihrem einfachen abgehärteten gemeinsamen Leben Nötige
aus öffentlichen Mitteln zugeteilt. Das Herrschen ist nach Platon kein
Genuß, kein Mittel, den Herrschern Vorteile zu verschaffen, sondern
ein im Dienste des Ganzen geübtes Amt, dem sich die dazu Tüchtigen
sowenig entziehen dürfen, wie etwa die Vernunft des einzelnen Menschen
es unterlassen darf, sein tägliches Leben nach ihren Einsichten zu
regeln. Aus denselben Gründen wie das Privateigentum ist für die
höheren Stände auch die Familie abzuschaffen; in ihnen gibt es nur
einzelne gleichberechtigte Männer und Frauen, deren Verbindungen von
den Herrschern im Interesse eines tüchtigen Nachwuchses geregelt
werden. Während Platon in der Unterschätzung der Erwerbsarbeit
griechischen Vorurteilen folgte, trat er in der Bewertung der Frau der
in seinem Volke herrschenden Meinung entgegen. Er forderte völlige
Gleichstellung beider Geschlechter. Zu Kriegern und Herrschern werden
Frauen wie Männer gemacht. Die Kinder dieser höheren Stände erhalten
gemeinsame Erziehung und kennen ihre Eltern nicht. Nur die unter diesen
Kindern, die ihrer Abkunft Ehre machen, bleiben im Stande der Eltern,
die übrigen werden in den dritten Stand herabgesetzt. Ebenso werden
unter den Kindern der Gewerbsleute die tauglichen in die höheren Stände
emporgehoben.
Vieles einzelne in Platons Staatsideal ist überwunden, anderes,
wie die Forderung wissenschaftlicher Bildung für die Regierenden,
ist wenigstens teilweise Wirklichkeit geworden; manches, wie die
Zugänglichkeit der höchsten Stellen für alle Tüchtigen und die Auswahl
der Regierenden allein nach der Tüchtigkeit, ist auch heute noch Ziel
unseres Strebens. Aber weit wichtiger als alle diese Einzelheiten
ist der Geist, der in Platons Staatslehre waltet. Alle Einrichtungen
beherrscht die Vernunft, jeder Mensch dient den großen Zielen des
Ganzen. Auf diese Ziele ist der Sinn gerichtet und von ihnen aus werden
die Mittel gewürdigt. In unserer Zeit haben sich die Mittel des Lebens
unendlich vervollkommnet. Bewundernswertes ist für die Bequemlichkeit
und Gesundheit des äußeren Lebens geschehen, und diese Fortschritte
werden wachsenden Teilen des Volkes zugänglich. Wir sollen diese
technischen Errungenschaften nicht unterschätzen. Aber auch wenn wir
mit immer größerer Schnelligkeit reisen, und wenn unsere Worte durch
Telephon und drahtlose Telegraphie den Raum überwinden, die Hauptsache
bleibt stets, zu welchen Zwecken wir reisen und was wir reden. Gerade
die großen Fortschritte der Technik lassen viele vergessen, daß alle
diese Erleichterungen der Ernährung und des Verkehrs nur Mittel
sind, und daß es auf die Zwecke ankommt, zu denen wir diese Mittel
gebrauchen. Das Nachdenken über diese Zwecke heißt Philosophie. Den
Wert dieses Nachdenkens hat niemand mit größerer Kraft hervorgehoben
als Platon. In der Mahnung, über die Ziele des Lebens nachzudenken,
gipfele Ihre Erinnerung an ihn.
[Illustration: Platon
Nach einer Marmorbüste in Rom]
Dritter Vortrag.
Descartes.
[Geschichtliche Stellung]
Nicht Geschichte der Philosophie will ich Ihnen in diesen Stunden
vortragen, sondern meine Absicht ist, daß Sie die philosophischen
Grundgedanken gleichsam mit entdecken, im Geiste großer Denker
miterleben. Unter diesem Gesichtspunkte habe ich Philosophen gewählt,
die recht ursprünglich aus sich heraus die Fragen neu stellen und
lösen. Es gibt unter den großen Philosophen auch Geister anderer
Art, solche, die eine ungeheure Menge von Wissensstoff in ein
einheitliches System zu formen unternehmen. Ihre Aufgabe ist die
höchste; denn der Geist des Menschen strebt zuletzt danach, die ganze
Mannigfaltigkeit der Dinge und Erlebnisse als gegliederte Einheit
zu überschauen. Platons großer Schüler _Aristoteles_ leistete das
für seine Zeit und wurde dadurch während des ganzen Mittelalters der
eigentliche Lehrer Europas. Als großer Vollender, Zusammenfassender,
Abschließender hat er das griechische Denken den Völkern des
Morgen- und des Abendlandes vermittelt. Aber gerade jene Fülle der
Materialien und der Gesichtspunkte, die seiner Wirkung einst günstig
war, erschwert uns heute die Annäherung. Der Stoff des Wissens, den
Aristoteles beherrschte und verarbeitete, ist veraltet. Wir wissen
vieles besser, und vor allem der Umfang unserer Kenntnisse ist weit
größer. Wir sind nicht etwa klüger als Aristoteles, aber wir haben
das Glück, die Vorarbeiten vieler Geschlechter für uns benutzen zu
können und sind dadurch an Erfahrungen reicher. So vieles wir noch von
Aristoteles lernen können, über seinen Schriften liegt der Staub der
Geschichte. Wir müssen uns, um Systemen, wie Aristoteles und seine
mittelalterlichen Schüler sie schufen, gerecht zu werden, in den Geist
ferner Zeiten zurückversetzen. Sie werden bei Sokrates und Platon
selten eine derartige Schranke gefühlt haben. Die Fragen, die diese
Männer zum ersten Male mit voller Klarheit stellten, quälen noch heute
unklar jeden, der nachzudenken beginnt; ihre Antworten zeigen auch uns
noch den Weg der Lösung. Wir verkehren mit ihnen über die Jahrtausende
hinweg gleichsam unmittelbar. Ein ähnliches Gefühl der Verwandtschaft
ergreift uns erst wieder den Führern der beginnenden Neuzeit gegenüber.
Von dem größten unter ihnen, von _René Descartes_, will ich heute reden.
René Descartes (die lateinische Namensform ~Renatus Cartesius~ hat
der Philosoph selbst nicht gebraucht) wurde 1596 als jüngerer Sohn
eines französischen Edelmannes geboren. Er wurde, sobald seine zarte
Gesundheit es erlaubte, sorgfältig und vielseitig unterrichtet. Den
wichtigsten Teil seiner geistigen Ausbildung erhielt er in der damals
neu gegründeten Jesuitenschule von La Flèche; er war ein Musterschüler
dieser Musteranstalt. Descartes selbst hat später den Eindruck des
dort erhaltenen Unterrichtes auf ihn geschildert. Wir werden seine
Darstellung verstehen, wenn wir uns die Eigentümlichkeiten jenes
Zeitalters rasch vor Augen führen.
In _einer_ Beziehung erinnert der Beginn der Neuzeit an die Periode des
Sokrates und Platon. Beide Male geriet eine religiöse Überlieferung
und eine eng damit verbundene Art der Lebensführung ins Schwanken.
In solchen Zeiten besinnen sich denkende Männer auf die Grundlagen,
auf denen man gebaut hatte. Aber weiter reicht die Ähnlichkeit beider
Zeiten auch nicht. Die Überlieferung des Mittelalters war selbst
etwas ganz anderes als die griechische Religion und der griechische
Staat. Das Römerreich hatte die Völker der damals bekannten Welt fast
alle in seine _Einheit_ verflochten; das Christentum setzte für den
größten Teil dieser Völker eine _innere_ Einheit an die Stelle jener
äußeren politischen Verbindung. Wir können darum das Mittelalter als
eine Zeit der Einheit bezeichnen; politisch fühlte sich trotz aller
Kriege die Christenheit als ein Ganzes, außerhalb ihrer standen
die Feinde, die Muselmanen; weiter reichte der Gesichtskreis kaum.
Geistig wurde das ganze Leben von der Kirche beherrscht. Wie aber
jene politische Einheit der christlichen Welt im Vergleich zu den
kleinen griechischen Staaten einen ungeheuren Umfang hatte und im
Gegensatze zu der unmittelbaren Wirksamkeit jener Staaten mehr als
ideale Forderung denn als wirkliche Macht bestand, so war auch die
Einheit des geistigen Lebens weit komplizierter und barg viel größere
Gegensätze in ihrem Schoße. Der Kultus der Götter, in dem die Religion
der Griechen wesentlich bestand, war eine Staatsangelegenheit und wurde
mit dem Schwerte gegen Feinde, aber eigentlich nicht mit Gründen gegen
Andersgläubige oder Ungläubige verteidigt. Glaubenssätze, über die sich
streiten ließ, enthielt diese Religion in der vorphilosophischen Zeit
kaum. Im Mittelalter war das anders. Der christliche Glaube mußte sich
von Anfang an gegen philosophisch gebildete Angreifer verteidigen.
Innerhalb der Christenheit selbst entstanden verschiedene Richtungen;
und gegen Absonderungen der Ketzer konnte man sich nur durch strenge
Aufrechterhaltung bestimmter Glaubenssätze oder Dogmen schützen. Viele
unter diesen Dogmen -- ich erinnere an die Dreieinigkeit, an die
Gottheit Christi -- waren schwer zu erfassen und bedurften zu ihrer
Auslegung und Verteidigung großen Scharfsinns. Es wurde also viel
und zusammenhängend nachgedacht, es galt, aus den Lehren der Kirche,
den Überlieferungen der biblischen Bücher, den Anforderungen der
fortschreitenden Zeit eine Einheit zu bilden. Man bedurfte gelehrter
Denker. Der Übung ihres Scharfsinns diente auch ein lebhafter Betrieb
der weltlichen Wissenschaft, die fast ganz mit der Philosophie
zusammenfiel und deren Pflege wesentlich in geistlichen Händen lag.
Theologie und Philosophie unterlagen ähnlichen Bindungen. Wie die
Theologie an der Bibel, so hatte die Philosophie besonders im späteren
Mittelalter an den Schriften des Aristoteles eine Autorität. Über diese
Schriften wurde nachgedacht, und über ihre Auslegung stritt man sich.
Alle Studien, selbst die medizinischen, waren wesentlich Bücherstudien.
[Zeitalter]
Am Beginn des 17. Jahrhunderts, in der Jugendzeit des Descartes,
war etwa seit hundert Jahren diese alte Einheit erschüttert, ohne
daß doch ihre Herrschaft schon vorbei gewesen wäre. Die Neuzeit
beginnt auf geistigem Gebiete überall damit, daß man nicht mehr wie
bisher unter Voraussetzung des traditionellen Systems von Lehren und
Büchern um seine Ausbildung und Auslegung streitet, sondern daß die
Voraussetzungen der geltenden Lehre selbst angegriffen werden. Das
erweiterte Bild der äußeren Welt sprengte den alten Rahmen. Schon die
geographischen Entdeckungen hatten den Gesichtskreis ausgedehnt; viel
stärker aber noch wirkte die neue Astronomie. Bis zum 16. Jahrhundert
hatten die meisten Denker mit Aristoteles geglaubt, daß die Erde im
Mittelpunkt der Welt stehe und Sonne, Mond und Sterne sich um sie
drehen. _Kopernikus_ ließ die Erde sich als Planeten um die Sonne
bewegen und _Giordano Bruno_ faßte das ganze Sonnensystem als _eine_
Welt unter unzähligen anderen auf; auch die Fixsterne sind nach seiner
Lehre Sonnen, deren Planeten wir nur nicht erblicken können. Diese
Sätze, die heute Schulknaben nachreden, ohne daß sie ihnen Eindruck
machen, waren um sechzehnhundert noch aufregende, von allen Kirchen
verdammte Kühnheiten, für die Bruno selbst zum Märtyrer wurde. Nur das
Umstrittene bewegt die Geister. Mit der alten Einheit der äußeren Welt
gleichzeitig war auch die Einheit der Kirche durch die Reformation
vernichtet worden. An Stelle des einen Aristoteles ferner war infolge
der erweiterten Kenntnis des Altertums eine Menge einander bekämpfender
alter Philosophen getreten. Alle diese Neuerungen bewirkten -- zumal
in Italien, dem geistig führenden Lande der Übergangszeit -- eine
große Gärung. Der einzelne Mensch, nicht mehr gehalten durch die
Bande der Überlieferung, fühlte sich als freies, selbstherrliches
Individuum. Aber der Fülle neuer Anregungen fehlte zunächst noch die
verbindende Einheit und die Sicherheit streng wissenschaftlichen
Denkens. Der frei gewordene Geist ergriff, was ihm verwandt war, was
seine Sehnsucht zu befriedigen versprach, mit ungestümem Eifer. Darum
blühen in jenen Zeiten des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit die
Scheinwissenschaften der Astrologie, Magie, Alchimie. Langsam ringt
sich aus diesem Chaos die echte Wissenschaft empor -- ihre Anfänge
liegen in der Mathematik, der Astronomie und der philologischen
Behandlung der alten Schriftsteller.
Von diesen Neuerungen drang vieles auch in den Unterricht der
Jesuitenschule ein. Denn die Jesuiten wollten nicht weltfremde
Mönche, sondern treue Diener der Kirche in der Welt heranbilden.
Sie mußten ihren Zöglingen daher von der neuen Weisheit so viel
mitteilen, wie man in der Welt brauchte. So stand in ihrem Unterrichte
die gründliche Kenntnis der alten Sprachen und Schriftsteller und,
wenigstens in La Flèche, auch der Mathematik neben der Kirchenlehre
und der ihr entsprechenden Philosophie. Den meisten Zöglingen war
dieses Nebeneinander unverträglicher Gegenstände ganz recht, wie
ja immer in den Seelen der Mehrzahl Widersprechendes sich sehr gut
verträgt. Aber es ist ein Kennzeichen philosophischer Geister, daß
sie ein Nebeneinander unverbundener, ja widerstrebender Teile nicht
ertragen können. Darum befriedigte Descartes der Unterricht nicht. Von
Anfang an suchte er einheitliches und sicheres Wissen und begann früh
alle Zweige des Unterrichts daraufhin zu prüfen, ob sie beweisbare
Wahrheiten enthielten. Er mußte also an dem, was man ihn lehrte, Kritik
üben, verfuhr aber dabei nicht etwa als junger Umstürzler, der, weil
seine Erwartungen nicht befriedigt wurden, sich gegen alle Vorteile
des empfangenen Unterrichtes verstockte. Vielmehr wußte er ganz wohl,
daß er viel Nützliches gelernt hatte, daß die alten Sprachen seinen
Stil gebildet, die griechischen und römischen Schriftsteller seinen
Geist bereichert hatten. Auch für die religiöse Unterweisung war er
empfänglich, fühlte sich sein Leben lang als Christ und suchte stets
mit der katholischen Kirche im Einvernehmen zu bleiben. Aber der Preis
der geistig Armen, der auch in den bildungsstolzen Schulen nicht ganz
verstummen durfte, ließ den Nutzen gelehrter Theologie zweifelhaft
erscheinen, zumal der Streit um die rechte Auslegung der Lehre endlos
fortging. Nirgends zeigte sich die Sicherheit der Ergebnisse, die
Descartes leidenschaftlich begehrte. Nur in der Mathematik fand er
dieses Streben befriedigt. Aber hier handelte es sich um Gegenstände,
die ihn im Grunde kalt ließen; für Zahlen und Figuren als solche
interessierte sich der junge Descartes wenig, so sehr ihn auch die
strenge Form der mathematischen Methode anzog.
Unbefriedigt von der Schulweisheit, dabei als Sohn eines wohlhabenden
Edelmannes unabhängig, beschloß Descartes, statt der Bücher die Welt
zu studieren. Da er sich einen Beruf wählen sollte, entschied er
sich, einem Wunsche seines Vaters folgend, dafür, Soldat zu werden.
Beim Verlassen der Schule 1612 war er indessen noch zu jung und zu
schwächlich, um Kriegsdienste zu nehmen. Er stählte daher zunächst
seinen Körper durch geeignete Übungen und begab sich dann zur
gesellschaftlichen Ausbildung nach Paris.
[Jugend. Kriegszüge]
Aber schon hier zeigte es sich, daß dem jungen Manne die Versenkung in
sich selbst und das stille Studium im Grunde angemessener war als das
rauschende Treiben der Welt. Verkehr mit Mathematikern gab ihm neue
Anregung, ihre Wissenschaft fesselte ihn jetzt so sehr, daß er zwei
Jahre hindurch zurückgezogen mathematischen Studien lebte.
Im Jahre 1617 war er kräftig genug zum Kriegsdienste; er blieb nun 5
Jahre lang bis 1622 Soldat. Aber dieser junge französische Edelmann
trat nicht, wie man vermuten möchte, ins französische Heer ein, sondern
ging zu dem protestantischen Moritz von Oranien, der damals allerdings
mit Frankreich verbündet war. Als später in Deutschland der große Krieg
begann, schloß er sich dem Heere Tillys, des Feldherrn der katholischen
Liga, an. Man sieht, daß weder religiöse noch politische Interessen
ihn bei der Wahl der Fahne leiteten, der er folgte. Auch militärischer
Ehrgeiz lag ihm fern. Er blieb stets Volontär und benutzte die
Kriegszüge lediglich als Mittel, die Welt zu sehen.
Zwischen der kriegerischen Laufbahn eines Sokrates und der eines
Descartes besteht also der entschiedenste Gegensatz. Sokrates erfüllte
als Krieger seine Bürgerpflicht und ging völlig im Dienste seiner
Vaterstadt auf. Descartes machte die Kämpfe, die das Geschick der
europäischen Menschheit bestimmten, nur deshalb eine Weile mit, weil
sie ihm Gelegenheit zur Ausbildung seiner Persönlichkeit gaben. Nicht
nur zwei Männer, zwei Zeiten und zwei Lebensauffassungen stehen hier
einander gegenüber. Descartes selbst spricht von seinen Kriegszügen
wie von Reisen; durch Reisen, so sagt er, lernt man die Sitten
verschiedener Völker kennen und befreit sich von dem Vorurteil, daß man
nur nach der in der Heimat gewohnten Weise leben könne.
Aber das Lesen im eigenen Innern war für Descartes auch in dieser Zeit
wichtiger noch als das Lesen im Buche der Welt. Mehr als von Kampf
und Sieg, mehr auch als von der Durchquerung Mitteleuropas bis nach
Ungarn hin, spricht er von den inneren Erlebnissen in der Stille der
Winterquartiere. Hier nahm er im innigsten Zusammenhang mit seinen
philosophischen Überlegungen auch das Studium der Mathematik wieder
auf. An Kennern dieser Wissenschaft fehlte es in den Heeren jener Zeit
nicht, da man mathematischer Berechnungen besonders bei Belagerungen
bedurfte.
Wir müssen uns klar zu machen suchen, warum Descartes von der
Mathematik für die Philosophie so viel erhoffte. Sie war für ihn
zunächst, ähnlich wie für Platon, ein Vorbild sicher begründeter
Erkenntnis. Die Möglichkeit, durch strenge Überlegungen ohne die
unsichere Hilfe der Erfahrung neue fruchtbare Wahrheiten zu
finden, hoffte er auf die Philosophie übertragen zu können; aber zu
dieser formalen Bedeutung der Mathematik trat die Fülle ihrer neuen
naturwissenschaftlichen Anwendungen, die eben damals die Denkenden
fesselten.
[Mathematik und Naturwissenschaft]
Diese neue mathematische Naturwissenschaft bewirkte zugleich
einen vollkommenen Umschwung in der Auffassung der Körperwelt.
Platon, Aristoteles und die Denker des Mittelalters hatten alle
Naturerscheinungen durch zweckmäßig wirkende Kräfte erklären wollen.
Als die beginnende Neuzeit sich mit frischer Liebe der Erforschung der
äußeren Natur zuwandte, folgte man meist diesen Lehren, ja man überbot
sie, geleitet durch das Gefühl einer innigen Verwandtschaft zwischen
Mensch und Natur. Uns Deutschen ist diese Stimmung der Renaissancezeit
durch Fausts Monologe vertraut. Man glaubte, vermöge einer genialen
Ahnung die Geheimnisse der Natur erraten zu können, weil man sich mit
ihr eins fühlte. Alle Kräfte dachte man sich lebendig und geistig.
Indessen, so anziehend diese poetische Betrachtungsweise ist, für die
Erklärung, Beherrschung, Vorhersage der Naturerscheinungen leistet
sie nichts. Wir legen uns die Zwecke der Natur doch immer nur nach
unsern Wünschen zurecht und bleiben bei allgemeinen Sätzen stehen, aus
denen sich nichts einzelnes folgern läßt. Nur die Ursachen, nicht die
Zwecke der Erscheinungen vermögen wir zu erforschen und auch diese
beherrschen wir nur, soweit wir sie durch Maß und Zahl zu bestimmen
vermögen. Die Astronomen wurden sich zuerst dessen bewußt. In der
Zeit der Renaissance herrschte die Überzeugung, daß die regelmäßigen
Bewegungen der Sterne von vollkommeneren Geistern herrühren, die bei
der alles umfassenden Gemeinschaft der Seelen auch auf die menschlichen
Geschicke Einfluß haben. Allgemein verbreitet war daher der Glaube an
die Astrologie. Auch _Kepler_, der die Gesetze der Planetenbewegung
entdeckte, war noch von diesen Gedanken ausgegangen, lernte aber
mehr und mehr ihre Unfruchtbarkeit begreifen, widmete sich der
sorgfältigsten messenden Beobachtung der Himmelserscheinungen und
forderte von den vermuteten Ursachen der Sternbewegungen zahlenmäßige
Bestimmbarkeit. Alle Führer der neuen Zeit, so verschieden auch
sonst ihre Ansichten sein mochten, waren einig in der Abweisung der
Aristotelischen Naturphilosophie und in der Forderung einer die
Ursachen aufsuchenden, von der Mathematik geleiteten Naturforschung.
Diese neue Richtung der Forschung mußte aber die ganze Auffassung
der Körperwelt umwandeln. Durch Zahl und Maß bestimmbar sind nicht
die unmittelbar sinnlich wahrgenommenen Eigenschaften. Die Töne, so
wie wir sie hören, können wir nur in eine nach der Höhe aufsteigende
Reihe ordnen, können ihre harmonischen und melodischen Verhältnisse,
ihre Gefühlswirkungen beschreiben, aber wir vermögen nicht die Töne
und Klänge, so wie sie gegeben sind, durch ein Gesetz zu beherrschen.
Will der Physiker die ihrer Entstehung zugrunde liegenden Gesetze näher
erforschen, so faßt er sie als Wellenbewegungen der Luft auf. Diese
sind nach Wellenlänge, Wellenhöhe und Geschwindigkeit vollständig
meßbar und durch geometrische Figuren darstellbar; man kann daher
sogar vorausberechnen, was beim Zusammentreffen verschiedener solcher
Bewegungen erfolgt, und gewinnt an Stelle weniger, unbestimmter Sätze
eine große in sich zusammenhängende Wissenschaft. Wie hier, so führt
der Naturforscher überall die wahrnehmbaren Verschiedenheiten der
Qualitäten auf Bewegungen der Körper im Raume zurück, weil er diese
allein mit Hilfe der Mathematik beherrschen kann. Die Wissenschaft von
den Bewegungen der Körper im Raume unter der Einwirkung bewegender
Kräfte heißt Mechanik, daher nennt man diese Auffassung der Körperwelt
mechanistisch.
Man muß die Philosophie des Descartes durchaus im Zusammenhange
mit dieser großen geistigen Bewegung, zu deren ersten Förderern er
gehörte, betrachten, um sie zu verstehen. In der Einsamkeit jener
Winterquartiere legte sich der junge, zur Selbständigkeit gereifte
Denker die Frage vor: wie kann ich ein mathematisch sicheres Wissen von
der Wirklichkeit, vor allem aber von den letzten Ursachen alles Daseins
und von mir selbst erlangen? Lange rang er mit sich, um den Weg zur
Wahrheit zu finden; endlich im schwäbischen Winterquartier zu Neustadt
1619 erkannte er, daß es darauf ankommt, auch hier so sichere Obersätze
und Voraussetzungen zu gewinnen, wie die Mathematik sie besitzt. Das
aber ist nur möglich, wenn wir alle Meinungen, die wir ohne Beweis
für richtig zu halten pflegen, vorläufig bezweifeln und nur das
festhalten, was dem entschiedensten Zweifel gegenüber standhielt. Auf
diesem Wege gelangte Descartes zu einer festen Überzeugung und zu einer
sicheren Methode, die ihm auch mathematische und naturwissenschaftliche
Entdeckungen ermöglichte.