Wahrheit? Auf diese Frage hatte schon Sokrates geantwortet, daß das
Denken allein Sicherheit gewährt. Platon vertieft und begründet diese
Ansicht, indem er die Lehre des Protagoras von der Sinnesempfindung
hinzuzieht. Protagoras hatte gezeigt, daß verschiedene Menschen
dasselbe Ding verschieden sehen. Auch zu verschiedenen Zeiten wirkt
eine Farbe, ein Ton, ein Geschmack sehr verschieden auf denselben
Menschen. Daraus hatte er geschlossen, daß es keine für alle und zu
allen Zeiten gültige Wahrheit gebe. Platon stimmt der _Voraussetzung_
durchaus zu, bestreitet jedoch die _Folgerung_. Er schließt vielmehr:
Da es _Wahrheit gibt_, und da sie in der _Sinnesempfindung nicht
liegt_, so muß sie auf anderem Wege gefunden werden. Wir können, um
seine Antwort zu verstehen, von der Sinneswahrnehmung selbst ausgehen.
Wohl sieht man einen Tisch sehr verschieden je nach der Stellung des
Kopfes zum Tisch, wohl wirkt die Farbe der Tischplatte in veränderter
Umgebung ganz anders, trotzdem aber bezweifeln wir nicht, daß wir es
in allen Fällen mit demselben Tische zu tun haben. Niemand zögert, den
Tisch als ein Ding, das sich gleichbleibt, anzuerkennen, auch wenn er
dem Auge verschiedene Bilder bietet. Können wir nun aber eigentlich
sagen, daß wir dieses Ding, den Tisch, _sehen_? Doch wohl nicht. Wir
sehen strenggenommen nur wechselnde Farben und Umrisse, fassen sie
aber als einem gleichbleibenden Gegenstande zugehörige auf. Wenn wir
weiter irgendwelche wahre Sätze von diesem Gegenstand aussagen, etwa:
Dies ist ein Tisch, dieser Tisch ist viereckig, braun, größer als jener
andere Tisch, so überschreiten wir noch viel deutlicher den bloßen
Inhalt unserer Sinnesempfindung. Wir vergleichen in jedem dieser Sätze
den Tisch mit anderen Gegenständen; denn sogar wenn wir ihn einfach
braun nennen, erhält diese Farbenbezeichnung ihren Sinn nur durch
Vergleichung mit anderen Farben. Die Bezeichnung viereckig beruht auf
einer Zählung und zählen ist sicher etwas ganz anderes als Sehen oder
Hören. Also: schon in den wahren Sätzen, die sich auf ein einzelnes
eben vor uns stehendes Ding beziehen, liegt viel mehr vor als bloße
Empfindung. Die Fähigkeit aber zu solchen Tätigkeiten, wie Vergleichen,
Zählen, zur Einheit eines Dinges Zusammenfassen, nennen wir Verstand
und können demnach sagen: schon was aus der schwankenden Empfindung ein
Erkennen macht, ist der Verstand. Wollen wir weiter den Unterschied
bestimmen, der zwischen den Empfindungen und den Erzeugnissen des
Verstandes besteht, so sehen wir leicht, daß jede Empfindung (Farbe,
Ton, Geruch) ein einzelnes Erlebnis ist, das entsteht und vergeht,
während die durch den Verstand gewonnenen Bestimmungen, wie braun,
viereckig, auf viele Empfindungen anwendbar, d. h. allgemein sind. Der
Verstand geht also auf das Allgemeine oder, um nun die dem Philosophen
geläufigen Worte einzuführen, er sucht aus den einzelnen Erlebnissen
den _allgemeinen Begriff_ zu gewinnen. Im gewöhnlichen Leben begnügt
sich aber der Mensch, wenn er Worte wie Tisch gebraucht, mit einer
sehr unbestimmten allgemeinen Vorstellung. Es ist daher die erste
Aufgabe des wissenschaftlichen Denkens, diese unbestimmte Vorstellung
klar und durchsichtig zu machen. Es gibt mannigfaltige Tische: runde
und viereckige -- auf einem, auf vier Beinen stehende, an der Wand
befestigte Tische -- Schreibtische, Ladentische, Eßtische usw. Was ist
das ihnen allen Gemeinsame, das uns veranlaßt, hier doch überall das
Wort Tisch zu gebrauchen? Zunächst ist alles, was wir im eigentlichen
Sinne des Wortes Tisch nennen, ein von Menschen zu bestimmten Zwecken
benutzter Gegenstand. Durch die Art seines Zweckes unterscheidet er
sich von anderen Gebrauchsgegenständen. Wir können dann sagen: ein
Tisch ist ein Gegenstand, der von Menschen zu dem Zwecke verfertigt
ist oder benutzt wird, anderen Dingen während des Gebrauchs, auch vor
oder nach dem Gebrauch, zur Unterlage zu dienen. Diese Erklärung gibt
das allen Tischen Gemeinsame, den Begriff des Tisches. Diesen Begriff,
aus dem wir erschließen, ob etwas ein Tisch ist, ob ein gegebener
Tisch seinen Zweck gut oder schlecht erfüllt, _sehen_ wir nicht, wir
_erzeugen_ ihn vielmehr in unserm _Denken_. Auch der Schreiner könnte
keinen Tisch herstellen, wenn der Begriff des Tisches nicht in seinem
Geiste läge. So kam Platon dazu, den _Begriff, nicht aber die sinnlich
erfaßbaren einzelnen Dinge_, die wir als Exemplare (Beispiele) des
Begriffs bezeichnen, _für das eigentlich Erkennbare zu halten_. Er war
ferner überzeugt, daß unser Erkennen das wahre Wesen der Dinge, die
höhere Wirklichkeit hinter den wechselnden sinnlichen Bildern erfasse.
Darum sind die Ideen -- wie er die im Begriffe erfaßten Wesenheiten
nennt -- das eigentlich Wirkliche, während die sinnlich wahrnehmbaren
Dinge nur ein _Widerschein_ dieses Wirklichen sind. Da so nach
Platons Überzeugung alles von den Ideen abhängt, bezeichnet man seine
Philosophie als Ideenlehre.
[Ideenlehre]
Ich habe soeben versucht, Sie auf einem Wege, der für jeden gangbar
ist, zu einem gewissen Verständnis der Ideenlehre zu führen. Indessen,
dieser Weg eröffnet uns zwar einige Aussicht auf diese Lehre, führt
aber nicht eigentlich in ihr Inneres hinein. Platon selbst hat die
Mathematik, insbesondere die Geometrie für die wahre Vorschule der
Philosophie erklärt. »Kein der Geometrie Unkundiger trete ein«, soll
über dem Tor der Akademie gestanden haben. Ich muß für die unter meinen
Hörern, welche wenigstens die Grundlagen der Mathematik kennen, die
vorige Betrachtung im folgenden durch eine andere ergänzen.
Was an der Mathematik die Philosophen immer wieder mit fast magischer
Gewalt anzieht, ist die Sicherheit ihrer Ergebnisse. Bei geometrischen
Sätzen gibt es unter Kennern der Geometrie keinen Streit über wahr oder
falsch. Wenn einmal bewiesen ist, daß die Winkelsumme des Dreiecks
zwei Rechte beträgt, so steht das ein für allemal fest; wir wissen
von vornherein, daß kein einzelnes Dreieck jemals unsere Erwartungen
über seine Winkelsumme täuschen wird. Es ist ferner möglich, sobald
einmal gewisse Grundsätze über Linien und Flächen anerkannt sind, eine
Fülle räumlicher Gebilde wissenschaftlich zu beherrschen und eine
Menge von Eigenschaften dieser Gebilde abzuleiten. Platon lebte in
der Zeit, in der die uns vertrautesten geometrischen Sätze entdeckt
wurden. Die Sicherheit dieser jungen Wissenschaft mußte gerade im
Gegensatz zu dem zersetzenden Zweifel der Sophisten den tiefsten
Eindruck auf ihn machen. Fragt man sich nun, wodurch ein geometrischer
Satz sich von einer Aussage über wirkliche Dinge, z. B. »Hunde sind
wachsam«, unterscheidet, so erkennt man, daß es die Geometrie gar
nicht mit einzelnen Dreiecken oder Kreisen zu tun hat, sondern daß
die gezeichnete Figur nur ein Hilfsmittel ist, sich die allgemeinen
Eigenschaften des Kreises oder Dreiecks besser vorzustellen. Sage
ich dagegen, Hunde sind wachsam, so denke ich an Phylax oder Nero;
bei diesen und anderen habe ich mit der Hundenatur die Wachsamkeit
verbunden angetroffen, ich vermute, daß diese Verbindung die Regel
sein wird. Aber _ein_ schläfriger Köter genügt, um die Allgemeinheit
dieses Satzes anzufechten. Woran nun liegt es, daß wir in der Geometrie
solchen Gefahren nicht ausgesetzt sind? Der Grund dieses Vorzugs
besteht offenbar darin, daß wir hier der besonderen Erfahrungen
nicht bedürfen, sondern daß, wenn einmal der Begriff eines Dreiecks
wirklich erfaßt ist, aus unserem Geiste allein heraus die notwendigen
Eigenschaften des Dreiecks sich finden lassen. Platon hat dafür in
einem seiner Gespräche eine klassische Darstellung gegeben. Er bringt
durch geschickt gestellte Fragen einen der Geometrie unkundigen Sklaven
dahin, aus sich selbst heraus einen geometrischen Satz zu finden.
Daraus schließt er dann weiter, daß also die geometrischen Begriffe
schlummernden Erinnerungen gleich im Geiste jenes Sklaven wie jedes
Menschen liegen und nur geweckt zu werden brauchen. Des Sokrates
Hebammenkunst bekommt so eine tiefere Begründung: sie erweckt die
schlafenden Begriffe in unserem Geiste. Was die Geometrie mit den
Figuren tut, eben das will Platon mit allen Begriffen und besonders mit
den für uns wichtigsten, wie Tugend, Staat, Seele, tun: er will ihnen
ihre ursprüngliche, gleichsam entschlafene Klarheit wiedergeben.
Wenn so die Ideen in unserem Geiste schlummern, wenn die ihnen
entstammenden Erkenntnisse alle Erfahrungssätze an Sicherheit so weit
überbieten, wie sind sie dann in unseren Geist gekommen? Hierauf
gibt Platon eine seltsam scheinende Antwort. Er sagt, wir haben in
einem früheren Leben, als die Seele noch nicht durch Verbindung mit
dem Körper herabgezogen war, die Ideen selbst _geschaut_. Die dunkle
Erinnerung an dieses vergangene Sehen befähigt uns allein dazu, aus den
schwankenden, wechselnden Wahrnehmungen die gewöhnlichen Erkenntnisse
zu gewinnen; so unsicher diese Meinungen sind, nicht einmal sie wären
ohne jene Erinnerung möglich. Alle _wissenschaftliche_ Erkenntnis aber
besteht in einem _bewußten Wiedererwecken_ jener Erinnerungen.
[Idee und Welt]
Die letzten Sätze zeigen bereits, daß Platon zu Untersuchungen
geführt wird, die Sokrates abgelehnt hätte. Wenn die Seele vor ihrer
Vereinigung mit dem Körper die Ideen selbst, unvermischt mit den
Wahrnehmungen der Sinnesorgane, geschaut hat, so müssen diese Ideen
also einerseits ein _gesondertes_ Dasein haben, anderseits aber
doch auch in den einzelnen wahrnehmbaren Dingen irgendwie _wirksam_
sein. Infolge dieser doppelten Stellung der Ideen lassen sich die
Fragen nach der Natur der körperlichen Dinge nicht mehr abweisen.
Sokrates, der immer nur auf den einzelnen Fall seine Grundüberzeugung
angewendet hatte, konnte sie vernachlässigen; Platon, der einer in sich
zusammenhängenden Erkenntnis zustrebte, durfte es nicht mehr. Auch er
will vor allem die Bestimmung des Menschen in der Welt erkennen, aber
diese Frage schließt für ihn doch die andere in sich ein: was ist die
Welt? Platons Antwort, daß sie ein getrübtes Abbild jener vorbildlichen
Welt reiner Ideen ist, bereitet viele Schwierigkeiten, die der Denker
selbst erkannt hat. Wie steht denn der allgemeine Begriff des Menschen,
die Idee »Mensch«, zu Peter und Paul und den andren einzelnen Menschen?
Platon hat diese Frage bald in streng begrifflichen Ausführungen,
bald in Bildern mythologischer Art zu lösen gesucht. Aber alle diese
Darstellungen, so bewundernswert sie uns seinen reichen und ringenden
Geist offenbaren, geben neue Rätsel auf. Noch heute herrscht Streit
über Platons eigentliche Meinung. Da zudem in diesen Ausführungen, so
wichtig sie für manche späteren Denker geworden sind, doch nicht der
ewige Wert von Platons Philosophie liegt, darf ich sie hier übergehen.
Was für uns an Platons Lehre wichtig ist, können wir auch ohne Eingehen
auf diese Schwierigkeiten verstehen.
Wir finden diesen für uns wesentlichen Kern, wenn wir uns unserer
Grundfrage erinnern: Was soll ich in dieser Welt? Um Platons Antwort
darauf zu verstehen, haben wir nur noch nötig, _einen_ Punkt dem
bisher Gesagten hinzuzufügen. Wir wissen: Das wahrhaft Erkennbare und
das wahrhaft Seiende sind die vom Verstande erfaßten Begriffe oder
Ideen. Sie sind es aber auch, die den einzelnen, sinnlich erlebbaren
Gegenständen ihren Wert und ihre Bedeutung verleihen. Ein Pferd
ist gut, wenn es alle Eigenschaften, die zum Begriff des Pferdes
gehören, wie Schnelligkeit, Lenksamkeit, Stärke, in vollkommener
Weise besitzt. Es gibt nun viele Ideen, wie es viele Arten von
Dingen und Eigenschaften gibt. Es gibt Ideen des Pferdes und des
Hundes, aber auch des Tieres; des Mannes und der Frau, aber auch des
Menschen. Augenscheinlich sind einzelne dieser Ideen untereinander
ähnlich und anderen untergeordnet. Der Begriff des Mannes ist dem der
Frau ähnlicher als dem des Pferdes; Mann wie Frau stehen unter dem
allgemeineren Begriffe des Menschen; Mensch und Pferd stehen unter
dem Begriff des lebendigen Wesens. Da alle Ideen einen einheitlichen,
vernunftbeherrschten Zusammenhang bilden sollen, muß es eine oberste
Idee geben. Diese oberste Idee nun, unter der alle anderen stehen, ist
für Platon die Idee des Guten. Der Denker selbst bezeichnete diese
Einsicht als die am schwersten zu erringende. Wie er dazu kam, werden
Sie vielleicht begreifen, wenn sie sich erinnern, daß alles Gute in den
einzelnen Dingen von den Ideen kommt, daß ferner die Sicherheit unseres
Erkennens und damit die Güte unsres Handelns auf der Wiedererweckung
der Ideen in unserm Geiste beruht.
Ist die oberste Idee die des Guten, so fällt für Platon auch die
Gottheit mit dieser obersten Idee zusammen. Denn die Ideen sind es
ja, die göttergleich dauern und in ewigem Sein unsere wechselnde
Welt bestimmen. Die Einheit von Macht und Güte, die reine Idee der
Gottheit ist so errungen. Aus diesem Gedanken folgt, daß auch in der
Welt der Körper alles gemäß der Idee des Guten, d. h. dem Zwecke
des Guten entsprechend geordnet ist. Platon begründet eine Art der
Naturerklärung, die aus einer zweckmäßigen Ordnung alles einzelne
abzuleiten sucht. Die Sterne z. B. bewegen sich in kreisförmigen
Bahnen, weil die gleichartige und in sich zurücklaufende Kreisbewegung
die vollkommenste Art der Bewegung ist. Wie Sie wissen, geht die
moderne Wissenschaft ganz anders vor. Sie hat gefunden, daß die Sterne
sich nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen, und sie sucht
nun nicht etwa zu beweisen, daß die Ellipse vollkommener ist als der
Kreis, sondern sie weiß gar nichts von »vollkommener« Bewegung, sie
fragt nur, welches die Ursachen dieser Bewegung sind, und findet diese
Ursachen in der gegenseitigen Anziehung und in der Lage der Sterne
zueinander. Diesen Gegensatz einer Erklärung aus Ursachen (kausal) und
einer Erklärung aus Zwecken (teleologisch) hat Platon sich durchaus
deutlich gemacht. In dem Gespräche Phädon, das wir schon kennen, läßt
er den Sokrates etwa folgendes ausführen: Wenn man meint, durch Angabe
der Ursachen die Natur erklärt zu haben, so komme ihm das vor, als wenn
man sage, Sokrates sei im Gefängnis, weil seine Muskeln und Sehnen
sich soundso bewegt hätten und weil sie jetzt so gestellt seien, daß
er nicht weggehe. Und doch haben ihn nicht die Muskeln und Sehnen
verhindert zu fliehen, als die Möglichkeit dazu gegeben war. Er ist
vielmehr geblieben, um, wie er es für recht hielt, den Gesetzen der
Vaterstadt zu gehorchen.
[Naturauffassung. Liebe]
Für die Naturerklärung ist Platons Weg ungangbar, weil wir als
beschränkte Menschen die Zwecke des Weltganzen sicherlich nicht
erkennen können. Wir werden im nächsten Vortrage sehen, daß hier nur
die entgegengesetzte Methode zur Erkenntnis führt. Aber gerade das
Beispiel, das ich eben aus dem Phädon anführte, wird Ihnen gezeigt
haben, daß unser Handeln nur recht gewürdigt und geleitet werden kann,
wenn wir es von seinen Zielen aus beurteilen. Klug handelt, wer die
Mittel zu seinen Zwecken richtig wählt, weise, wer sich die wahrhaft
richtigen Zwecke stellt. Um Ihnen nun zu zeigen, wie Platon seine Lehre
auf unser Leben anwandte, kann ich an zwei Verbindungen anknüpfen, in
denen Sie Platons Namen wahrscheinlich oft gehört und gebraucht haben,
an die platonische Liebe und den platonischen Staat. Freilich sind die
landläufigen Vorstellungen von diesen beiden bekanntesten platonischen
Lehren gründlich verkehrt.
_Platonische Liebe_, so meint man wohl, sei eine Liebe, die nicht auf
den Besitz des Geliebten geht, die ihren Gegenstand nur von ferne
schwärmerisch verehrt. Aber wenn zwischen sinnlicher und platonischer
Liebe wirklich nur dieser Unterschied bestände, wenn Platon also eine
Liebe gepriesen hätte, die weder die Kraft hat, sich das Geliebte
zu erringen, noch den Mut, endgültig zu verzichten, so wäre die
platonische Liebe ein Trost für schwache Süßlinge, wert des Spottes
lebenskräftiger Frohnaturen. In Wahrheit ist nicht der Verzicht
auf sinnlichen Besitz, sondern der Zusammenhang mit der Ideenlehre
wesentlich für den Begriff der platonischen Liebe. Wir haben gesehen,
daß alles Wertvolle, Schöne und Gute in den Dingen von ihrem Anteil
an den Ideen herkommt. Wie jeder, der mit offenem und künstlerischem
Auge in die Welt schaut, liebte und bewunderte Platon kraftvolle und
schöngebildete jugendliche Gestalten. Er rechtfertigte sein Gefühl vor
sich selbst durch die Lehre, daß in der Schönheit des Leibes sich die
ewige Idee des Menschen dem irdischen Auge offenbart. Seiner Idee nach
ist der Mensch ein vernunftbeherrschtes Wesen; und wir dürfen, wenn
wir Platons Lehre von der Liebe verstehen wollen, nicht vergessen,
daß für den Griechen ein schöner Körper sich in erster Linie durch
gleichmäßige Ausbildung aller Muskeln auszeichnet. Einem solchen
Körper sieht man es an, daß er leicht und frei der Absicht des Willens
gehorcht; daher kommt in dem schönen Körper des Griechen die Herrschaft
des vernünftigen Geistes über die Glieder des Leibes zum Ausdruck.
Es ist ein Zeichen niederer Sinnesart, wenn manche Orientalen an den
Frauen die tote Masse des fetten Körpers lieben. Echte Liebe sucht,
selbst wenn sie sich dessen nicht voll bewußt ist, im geliebten Wesen
das wahrhaft Wertvolle. Daraus folgt, daß ihr der sinnliche Besitz
nicht das Höchste sein kann; aber die bloße Enthaltung vom sinnlichen
Besitze macht für sich genommen den Wert einer Liebe keineswegs aus,
sondern darin zeigt sich die echte Liebe, daß man in sich selbst wie
im Geliebten ein Höheres zu erzeugen sucht. Platonische Liebe sieht
also im Geliebten die Vollkommenheit angelegt und strebt für sich
selbst und für das geliebte Wesen nach der Herrschaft und Durchsetzung
dieser Vollkommenheit. Da aber alle einzelnen Dinge und Menschen ihre
Vollkommenheit doch nur aus den Ideen haben, so geht die wahre Liebe
von den Körpern zu den Seelen und von den Seelen zu den Ideen. Der
Philosoph liebt die Wahrheit mit demselben Feuer, mit dem der Liebende
seine Geliebte liebt; in dem Streben nach Wissen, das für Platon wie
für Sokrates alles beherrscht, steckt eine leidenschaftliche Liebe.
In jeder Liebe hoher Art lieben wir, selbst wenn wir uns dessen
nicht bewußt sind, die Idee, die Gottheit. Dadurch sind für Platon
die innigsten menschlichen Verhältnisse an die großen Gedanken
seiner Philosophie angeknüpft. Noch enger fast ist Platons Lehre vom
_Staate_ mit der Ideenlehre verbunden. Die Vernunft, die im einzelnen
Menschen herrschen soll, hat auch den Staat zu regieren. Hier wie
dort sollen die niederen Triebe in strengem Gehorsam gehalten werden.
Die eben angedeutete Vergleichung des einzelnen Menschen und des
Staates hat Platon überall durchgeführt. Der Staat ist ihm nicht eine
bloße Vergesellschaftung der Menschen zum Zwecke der Sicherheit und
Wohlfahrt, sondern ein in sich wertvolles vergrößertes Abbild des
Menschen. Wie der einzelne die Aufgabe hat, die Idee der Menschheit in
sich darzustellen, so soll das in größerer und vollkommnerer Weise der
Staat tun. Platon erbaut sich in Gedanken ein Staatswesen, das diesen
Anforderungen genügt. Nicht aus der Wirklichkeit nimmt er das Vorbild
für diesen Staat; ja er weiß, daß ein Staat ganz so, wie er sich ihn
denkt, nie existieren wird. Aber auch der Kreis des Mathematikers ist
in der Körperwelt nie völlig genau vorhanden und bleibt trotzdem das
Vorbild jedes Kreises, den wir zeichnen. So soll der ideale Staat
Platons ein Vorbild sein, dem sich die Wirklichkeit möglichst zu nähern
hat. Da nun der Staat der Mensch im großen ist, so entsprechen seine
Teile, die Berufsstände der Bürger, den Teilen der menschlichen Seele.
Wir müssen daher, um Platons Staatsideal zu verstehen, einen Blick auf
seine Seelenlehre werfen.
[Staat. Seelenlehre]
Da die Seele sich im irdischen Leben der einst geschauten Ideen
erinnert, hat sie vor ihrer Vereinigung mit dem Körper schon
existiert. Sie wird ebenso den Körper überdauern. Noch in anderer
Weise leitet Platon die Unsterblichkeit der Seele aus der Ideenlehre
ab. Unsere Seele ist fähig, die reinen Begriffe oder Ideen zu erfassen.
Diese Begriffe aber werden und vergehen nicht, sondern sind aus dem
Flusse des zeitlichen Geschehens gleichsam herausgehoben. Man kann
sich das wieder an einem geometrischen Begriffe wie dem des Kreises
klar machen. Begrifflich, für die Beweisführung des Mathematikers,
ist der Kreis, den der große alexandrinische Mathematiker Euklid sich
dachte, und der Kreis, an dem heute ein Schullehrer seinen Schülern die
geometrischen Sätze beweist, genau derselbe; es kommt für die Geometrie
gar nicht in Betracht, daß jener erste Kreis vor mehr als 2000 Jahren
gedacht wurde, daß die Zeichnungen, die Euklid davon machte, längst
verschwunden sind. Ein Wesen aber, das Zeitloses, Ewiges zu erfassen
vermag, muß selbst an der Ewigkeit teilhaben, kann nicht in die engen
Grenzen eines Menschenlebens eingeschlossen sein. Es liegt in diesem
Beweise der richtige Gedanke, daß wir durch Teilnahme an dem ewig
Wahren uns gleichsam über das zeitliche Leben emporheben. Aber ein
zeitliches Fortleben jenseits des Todes läßt sich weder auf diesem
noch auf einem der andern von Platon versuchten Wege wissenschaftlich
beweisen. Platon wollte hier zur _Sache des Wissens_ machen, was immer
_Sache des Glaubens_ bleiben muß.
In diesen Unsterblichkeitsbeweisen ist die Seele so völlig aus der
körperlichen Natur herausgehoben worden, daß eine besondere Vermittlung
zwischen den beiden Gegensätzen nötig wird. Platon findet sie in der
Lehre von den Seelenteilen. Wie die Ideen selbst außer ihrem reinen
und abgesonderten Dasein doch auch in der Körperwelt wirksam sind,
so beherrscht unsere Seele zugleich einen besonderen Körper, eben
unseren menschlichen Leib. Der Teil der Seele, der die Ideen schaut,
ist die Vernunft. Sie herrscht über den Leib mit Hilfe der wollenden
Seelenteile; aber den Willen bestürmen zugleich die körperlichen
Begierden. Wenn wir unsere Gelüste nicht beherrschen, werden wir
von ihnen unterjocht. Darum unterscheidet Platon zwei Willens- oder
Triebkräfte, eine höhere, den Mut, wie er sie nennt, durch den die
Vernunft wirkt, und dem auch jene edlere Liebe angehört, und eine
niedere, die Begierde. Auch die _sinnlichen Begierden_ gehören zum
Menschen, wie wir ja ohne Essen und Trinken unser Leben nicht erhalten
können; aber sie _sollen nicht herrschen, sondern dienen_. _Gebieten_
soll die _Vernunft_, ihre Gebote _durchsetzen_ soll der _Mut_.
[Staat]