nirgends, es finden sich sogar Anklänge an die altindische Weltanschauung,
die größte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der
Perser. Denn der Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf
zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung
nicht minder wie die persische; nur daß sich in der Ausprägung derselben im
Einzelnen überall ein _besserer_, heroischer und poetischer _Typus_
bewährt, dem man auch anmerkt, daß frühzeitige Auswanderung in die
nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem
schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.
Als einheitliches Weltprinzip waltet auch _über_ dem Dualismus _Allvater_,
der für die Ewigkeit den Sieg des Guten verbürgt, wenngleich er, ähnlich
dem persischen Urgeist +Zaruana akarana+ sich aus der zeitlichen Schöpfung
zurückzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergänglichen
Götter überläßt.
Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schöpfung schildern: Abgrund
(Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund
war gähnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. _Allvater_, der
Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward.
Da entstand nordwärts im Unermeßlichen, wo Finsternis ist und Eiseskälte,
_Niflheim_ (Nebelheim) und südwärts _Muspelheim_ (Glutheim), feurig glühend
von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir,
der brausende Kessel, und daraus ergossen zwölf Höllenflüsse (Eliwagar)
ihre eiskalten Wogen. -- _Das flüssige Element ist der Urstoff der Welt._
-- Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Kälte zu Eis,
und die Schollen rollten übereinander und hinunter in die unermeßliche
Kluft und weiter südwärts gen Muspelheim. Über ihnen brausten, die Eisberge
aufwühlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthätige Wärme
von Glutheim herüber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon
erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es
entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten
ihn die Alten, d. h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem
Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetüme, die ihm glichen, die
Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen).
»Unter des Reifriesen Arm,
Rühmt die Sage,
Wuchsen Mann und Magd;
Des Joten Fuß mit dem Fuß erzeugte
Den sechshäuptigen Sohn.«
_Ungeheure und ungefüge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt._
Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine große Kuh entstanden,
_Audhumla_ (die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchströme,
Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist die
_allnährende Natur_.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der
Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten
Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild.
Es war Buri oder Bör (der Geborene), die erste _geschaffene, geistige,
vollkommene Gestalt_, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermählt und
den Geist ordnend und regierend hervortreten läßt. Er erzeugt nämlich mit
der Hrimthursentochter _Bestla_ drei Söhne: Odin (Geist, beseelende
Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefühl).
Sofort entbrennt zwischen diesen Söhnen des Bör und dem Ymir ein Kampf;
Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen
Hrimthursen, bis auf einen, _Bergelmir_, der sich mit seiner Familie (wie
Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jötunen wird, eines
Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust.
Die neuen Alleinherrscher, Börs Söhne, die sich _Asen_ nannten, d. h.
Stützen und Pfeiler der Welt, schufen nun nach _Allvaters Willen_, aus
Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge,
aus dem krausen Haare die Bäume. Die Hirnschale wölbten sie hoch empor zum
Himmelsgewölbe, unter dem als Gehirn das Gewölke schwimmt. Dann bauten die
Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den
Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoße der Zeit schliefen, wie es im
Grimnismal der älteren Edda heißt.
Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel
wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprühten irr und
wirr durcheinander; denn die Sonne wußte nicht ihren Sitz, noch der Mond
seinen Malweg, noch die Sterne ihre Stätte. Die Asen wandelten die
Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht
aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Roß Hrimfaxi
(Reifmähne), von dessen Gebiß reichlich Tau in die Thäler rinnt, damit es
ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie über das Weltall fahrend den duldenden
Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dämmerung), der von
Asen stammte, gebar sie den glänzenden Tag.
Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilföri
(Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als
sie zur Jugendblüte heranreiften wunderte sich alle Welt über ihre
Schönheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen
Göttern. Aber die Asen, dem Übermute zürnend, nahmen die blühenden
Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schönerem Glanze
leuchten möchten. Also fährt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels
sprühenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frühwach) und
Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der
Schild Swalin (Kühlung) dämpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in
Flammen vergehen, denn
»Berge und Brandung verbrannten gewiß
Vor der glühenden Gottheit der Sonne,
Fiel er davor herunter.«
(Grimnismal der Edda.)
So folgt die schöne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr
tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmähne), das
edle Roß, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und
seine Mähne erleuchtet Luft und Erde.
Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals über
ein ödes Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der
abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen
schwere Wassereimer und schienen ganz erschöpft. Doch schleppten sie die
Last mühsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in später Nacht zur Arbeit
zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich
in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann.
Sol und Mani dürfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf
Sköll verfolgt sie durch die Himmelsräume, bis sie sich am Abend in die
Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach.
Wenn die Wölfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die
leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen
unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati
gebar und mästet mit andern Wölfen seiner Art ein Riesenweib, das weit
östlich in Jarwider sitzt und Göttern und Menschen ein Grauen ist. Von
ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der
Tage den Mond würgt und die Säle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es
in der dunklen Orakelsprache der Völnspa heißt:
»Östlich saß die Alte im Eibengebüsch
Und füttert dort Fenrirs Geschlecht,
Von ihnen allen wird eins das schlimmste:
Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.
Ihn mästet das Mark gefällter Männer,
Der Seligen Saal besudelt das Blut.
Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer,
Alle Wetter wüten: wißt ihr, was das bedeutet?«
Linde Lüfte bringt säuselnd Swasuder (Sanft-Süd) holdselig von Angesicht;
sein Sohn ist der blumenbekränzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige
Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und
fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Götter vergehen. Auch sitzt am
Ende des Himmels der ungeheure Riese Hräswelger (Leichenschwelger) im
Adlerkleid und schlägt die Schwingen, davon der Sturmwind über die Völker
der Erde tost.
»Hräswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitzt
Im Adlerkleid ein Jötun.
Mit seinen Fittichen facht er den Wind,
Über alle Völker.«
(Edda, Vasthrudnismal.)
Wir sehen, daß die Sonne früher auch bei den Germanen als männliches Wesen
personifiziert wurde; indeß erscheint an Stelle Sols schon frühzeitig die
weibliche _Sunna_.
* * * * *
Allvater, fährt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward. Da erstand, unberührt von der Faust dieser Gewalt, die
Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre
Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel überschattet Walhalla,
die Halle der seligen Helden. Drei mächtige Wurzeln nähren und tragen den
Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht über das Reich der
Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen
_Hwergelmir_, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge
verborgen ruhen, die weder Menschen noch Götter noch Riesen zu ergründen
vermögen. Die andere Wurzel zieht gen _Jötenheim_, wo Mimirs Born quillt,
in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge
sich birgt. Da sitzt _Mimir_ (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle
Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schöpft. Denn er selbst,
Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wächter des Brunnens, einen
Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafür ein Auge des nach
urweltlicher Weisheit spähenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet
sich gen _Midgard_ aus, der Stätte der sterblichen Menschen.
Daselbst quillt und wallt das Wasser des _Urd-Borns_, der die Geheimnisse
des Entstehens und Vergehens der _irdischen_ Dinge umschließt. Wenn die
Völker und ihre Herrscher die Tiefen ergründen und den plaudernden Fluten
lauschen wollten, würden sie mit verjüngter Kraft zu neuen Thaten
schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwäne ihre Kreise;
die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die
Zukunft, die nicht beachtet wird.
Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei
Nornen: _Urd_ (Vergangenheit), _Werdandi_ (Gegenwart) und _Skuld_
(Zukunft). »Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fäden, härene und
seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreißbar,
unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.«
* * * * *
Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er
erinnert an Platons Weltachse, +Republik X. 619+. Vgl. S. 582 oben.
Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche
Darstellung sich noch in der berühmten Irminsäule, dem Heiligtum der
Sachsen, das Karl der Große zerstörte, wiederfindet.
»Der Todesgöttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit
geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages
traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkündigen. Sie
begießen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, daß er nicht
der Fäulnis erliege; aber sie wissen und verkündigen es auch, wie alles
Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Götter nicht
entrinnen können.« -- »An den Blättern der Weltesche zehrt der Hirsch
Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der
endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor,
nähren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und
Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bäumt
sich der Drache _Nidhöggr_ und unzähliges Gewürm, die Wurzel benagend.«
* * * * *
»Können wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schützen?« fragten einst
Odin die anderen Asen.
»Gegen den großen Hirsch und die übrigen genügt die Arbeit der Nornen«,
antwortete Jener, »denn was die Schwäche der Weltlenker und das beständige
Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird
durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundübel ist
unheilbar; dem Werke klebt der vergängliche Stoff an. Zwar nur _eine_
Wurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhöggr erst gelungen
ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm
leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden,
habe ich einen treuen Wächter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht
dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So
schaut er ohne Unterlaß mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie
einschlummere, läuft jenes Eichhörnchen beständig am Stamme auf und ab.«
Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe
Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf
denselben. In dem »sympathetischen Mischmasch« (1715, S. 82) und in den 138
Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heißt es, der höchste
Tannenzapfen am Baum mache schußfrei und, wenn ein Eichhörnchen davon es
esse, könne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch
solche Zapfen im Kriege bei sich, um schußfest zu werden. (+W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 71.+)
»Nidhöggr«, fährt Odin fort, »läßt dem Wächter keine Ruhe: denn der
Lindwurm ist grimmig, daß durch die Wachsamkeit des Adlers seinem
dereinstigen Verbündeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird.
Wilde Lästerungen stößt er deswegen unaufhörlich gegen die Asen aus; das
Eichhörnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm kräftige Drohungen
zurückschickt. Der _Zorn_ über die frevle Zerstörungswut hält das Auge des
Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur
unterhalten, wenn schnelle Gedanken beständig zwischen Himmel und Erde hin
und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der
Adler nicht erschaut, das werden mir meine beiden Raben künden. Sie heißen
_Hugin_, d. h. der Gedanke und _Mimir_, d. h. Erinnerung. Täglich sollen
sie _um_ die Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere
zukünftigen Feinde bin ich gerüstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von
nun an muß Furcht hinzukommen. _Yggr_, d. h. Schrecken, wird bald mein Name
sein, und der Baum, der mich getragen, heiße Baum des Schreckens: Yggr
drasil.«
Zweites Kapitel.
Der Götterhimmel der Germanen.
Die Edda (Wöluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die
vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1) _Midgard_,
die Erde, ist schon genannt. Auf und über der Erde ist 2) _Wanaheim_, der
Wohnplatz eines jüngeren Göttergeschlechts, in denen sich die Natur der
Asen vermischte mit der Natur der Jötunen. Wahn war ihr Wesen, d. h.
unbewußtes Schauen und Sinnen. Man erklärt sie vielfach für die Götter des
Gemüts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch für die Götter der
Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flüsse standen. Unter
der Erde ist 3) _Schwarzelfenheim_, der Aufenthalt der von Loki
geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4) _Helheim_,
welches von 5) _Niflheim_ begrenzt wird. Südwärts liegt das erwähnte 6)
_Muspelheim_, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Söhne
wohnen. Über Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7) _Lichtelfenheim_, der
Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre
lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmücken und für
die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge für Widar und Hödur. Über diesem aber
wölbt sich 8) _Asgard_, die Burg der Asen, von Gold und glänzendem Gestein
erglänzend und in ewigem Frühling grünend. Dieses trennt ein breiter Strom
von 9) _Jötunheim_, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden
noch genannt 10) _Glidskialf_, der Hochsitz Odins, 11) _Gladsheim_
(Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschließt, und 12)
_Himmelsburg_, wo Heimdal wohnt, der Wächter der Götter.
Der höchste der Asen, der Göttervater, der nächst dem ungeschaffenen
Allvater die von ihm geschaffene Welt während ihrer ganzen Dauer regiert,
ist _Odin_, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit
und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an
sich weder gut noch böse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei
Unrecht verübt und schließlich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt
herbeiführen muß. Odin ist der deutsche _Wodan_, der Himmelsgott,
gewöhnlich _einäugig_ gedacht; denn der Himmel hat nur _ein_ Auge, die
Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist
blau mit goldenen Sternen bestickt.
Die Römer (Cäsar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie
berichten, Merkur sei der höchste Gott der Germanen. Dies wird nur
erklärlich, wenn man bedenkt, daß bei den Römern Merkur als Totenführer
gilt. Ein _Führer der Seelen_ war aber auch Odin-Wodan; denn die Seele
dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode führt Odin sie in
sein luftiges Reich. -- In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Führer
abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am längsten in der deutschen Volkssage
erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jäger, der in lokalen
Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das
Gespensterheer über die Wälder dahin führt.
Während aber in den späteren vom Christentum beeinflußten Sagen die
Seelenführung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im
Heidentum vor allem eine Führung der heldenhaften Seelen. Odin ist der
große Heerführer. »Gieb uns den Sieg, Heervater«, flehten betend und
opfernd die Fürsten der Vandalen zu Wodan.
In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere große
Totenhalle, in die alle Könige, Helden und zur Waffenehre berechtigten
freien Männer nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier
(Genossen des Heeres, Waffenbrüder). Sie werden an der Tafel, an der Odin
allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schönen Walkyren
(Totenwählerinnen, Wunschmädchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd
hinaus auf die Ebene Ida, um männliche Spiele zu treiben und miteinander zu
kämpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. --
Außer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der
Frauen, der Jungfrauen und einen sehr großen für das gemeine Volk. Nach
Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe
gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer
Lanze verwundet hatten.
Derselbe Odin, der Führer der Helden, ist nur bezeichnend für die
germanische Schätzung der Dichtkunst -- »es soll der Dichter mit dem König
(Helden) gehen«, -- noch der _Gott der Dichtkunst_, und wieder bezeichnend
für das Volk der Dichter und _Denker_, der Gott der Weisheit. Eigentümlich
ist die Erzählung der Edda vom _Dichtertrank_, in dessen Besitz Odin sich
mit Unrecht und Arglist zu setzen wußte. Die Asen und Vanen, d. h.
vielleicht die sittlichen und physischen Mächte, hatten sich zu Anfang
bekämpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah,
indem beide Teile in ein Gefäß spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die
Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, daß er auf
alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wußte. Quasir fuhr
nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und überall rühmte
man seine Weisheit und seinen Verstand, so daß sein Ruhm sich weithin
verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar;
diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und töteten ihn deshalb. Sein Blut
ließen sie in zwei Fässer rinnen, die Son und Boden hießen, und in einem
Kessel, den sie Odrärer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und
daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, daß er
die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Männern machte.
Dieser Zaubertrank kam schließlich in den Besitz des Riesen Suttang, der
ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht
einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schöne
Gunlödi, stellte er als Wächterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon
etwas zu genießen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut,
Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Naß, Huitbergs Met oder Naß.
Odin hatte von diesem wunderbaren Getränk gehört, und obschon er selbst
die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besaß, wollte
er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.
Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle
Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmäheten.
Obgleich der mächtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen
zu bekämpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.
Er fragte sie nämlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die
Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen
Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, daß die
Riesen darüber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein
haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder
sagte darauf, daß er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darüber in Streit.
Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie
kamen derart ins Handgemenge, daß sie sich mit ihrem Eisen töteten.
Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens
Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt
angenommen und nannte sich Bölwerk.
Bangi, der den Götterfürsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und
erzählte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und
wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich
Bölwerk, bei ihm zu bleiben während des ganzen Sommers, und ebensoviel zu
arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum
Lohne dafür am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen.
Bangi antwortete, daß er nicht Herr über den Met sei, versprach ihm jedoch,
mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so
tüchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.
Während des Sommers arbeitete Bölwerk für neun; als aber der Winter
herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang;
Bangi erzählte seinem Bruder, was Bölwerk für ihn gethan und was er ihm
versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber
Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, daß niemand von seinem Met
kosten solle.
Darauf sagte dann Bölwerk zu Bangi, daß sie es nun durch List versuchen
müßten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden.
Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der
Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Bölwerk
einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem
scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger
Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Bölwerk blies in das
gebohrte Loch, und da ihm die Spähne ins Gesicht flogen, merkte er, daß ihn
Bangi betrügen wolle. Er verlangte daher, daß Bangi den Felsen vollständig
durchbohren solle, und er mußte es thun. Als Bölwerk nun wieder
hineinblies, flogen die Spähne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte
sich nun Bölwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stieß
ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen.
Als Bölwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in
welcher er der Gunlödi so außerordentlich gefiel, daß sie ihm nichts
verweigern konnte. Während dreier Tage und dreier Nächte blieb er in dem
Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrärer, beim zweiten das
Faß Boden und beim dritten das Faß Son. Hierauf verwandelte er sich in
einen Adler, flog eiligst davon, und ließ die betrogene Gunlödi in
Verzweiflung zurück.
Unterdeß hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell
verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen
sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, daß Suttang ihn
verfolgte, und daß Odin durch den in reichlichem Maße genossenen Met
schwerfällig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefäße in den Hof, in
welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin
zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies
ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder
der Asen Gabe und Trank nennen.
So weit die Erzählung in der jüngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe
Mythe wenn auch nicht so vollständig erzählt, aber weit schöner
ausgeschmückt:
»Sobald es tagte,
Gingen die Riesen
In die erhabene
Halle hinein,
Und jeder fragte
Und forschte den Bölwerk,
Ob die Mäher mit ihm
Gekommen seien.
Lange hielt ich,
Was ich versprach,
Und vollendet die Arbeit
So gut als einer,
Daß nichts gebrach.
Darauf sucht er Suttang
Zu überlisten
Beim fröhlichen Mahl,
Allein er mußte noch
Gunlödens Thränen kosten.
Gunlöde reichte
Im goldenen Keller
Mir einen Trunk
Des kostbaren Mets dar,
Aber mit Schmerzen
Vergalt ich ihn
Ihrem heiligen Herzen
Ihrem züchtigen Sinn.
Über Flüsse mußt' ich schwimmen,
Über Felsen mußt' ich gehen;
Oben und unten
Hab' ich der Riesen
Wege gefunden,
Und setzte da meinen
Kopf auf's Spiel.
Nun hab' ich zum Dank
Den teuren Trank.
Ihn werden die Weisen
Ein Kleinod heißen.
Aus ihm entsprang
Lied und Gesang
Im Himmel und auf Erden.
Niemals würd' ich
Den Riesenhöhlen
Entkommen sein,
Hätt' ich nicht Gunlöde,
Das gute Mädchen,
Umarmt und geliebkost.«
* * * * *
Ähnlich raubt nach _indischen_ Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge
gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.
»Ich weiß«, so spricht in einer der _rätselhaftesten_ und tiefsinnigsten
Dichtungen der Edda Odin, »daß ich hing am Baume der Welt neun lange
Nächte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am
Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank.
Da, in die Tiefe spähend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom
Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus
Odrörers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort
aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.
-- Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstäbe, mächtige Stäbe, die
Götter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er
schnitt sie ein zur Richtschnur den Völkern, dann entwich er von wannen er
wiederkehrt.« -- Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaßen gedeutet:
»Der sinnende Gottesgeist, -- Odin, -- schwebt am Weltbaum außerweltlich
über der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der
Schöpfung und sucht Runen, d. h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu
erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun
lange Nächte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu
reifen. Wie er die Runen erkennt und erfaßt, sinkt er herab, er sich selbst
zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird
innerweltlich, wächst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort
aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt,
da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder,
welche die Runen lebendig, zauberkräftig machen; denn neun Hauptlieder hat
er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlöds Wundermet
getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen
_Orpheussage_ nicht bloß das menschliche Gemüt, sondern sogar leblose,
unbeseelte Dinge belebt.« -- Der _runen_kundige Gott ist zugleich der
_Zauberkundige_. Eins der ältesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener
Zauberspruch:
+phol unde uuôdan+ -- Phol (Balder) und Wodan
+uuorum zi holza;+ -- fuhren ins Holz.
+dô uuart demo balders uolon+ -- da ward des Balders Fohlen
+zin uuoz birenkit:+ -- sein Fuß verrenket;
+thu biguolen sinthgunt+ -- da besprach ihn Sintgunt
+Sunnâ, erâ suister+ -- und Sonne, ihre Schwester;
+thu biguolen uuôdan+ -- Da besprach ihn Wodan,
+sô he uuola conda:+ -- Wie er wohl konnte;
+sôse bînrenki+ -- So die Beinrenkung,
+sôse bluotrenki+ -- So die Blutrenkung.
+sôse lidirenki.+ -- So die Gliederrenkung.
+bên zi bêna+ -- Bein zu Beine,
+bluot zi bluoda+ -- Blut zu Blute,
+lid zi geliden+ -- Glied zu Gliedern,
+sôse gelîmida sên.+ -- Als ob sie geleimet seien!
* * * * *
Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu
erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born.
Aber der Riese verlangte dafür ein Auge des Gottes. So groß war dessen
Durst nach Erkenntnis, daß er das eine Auge dafür gab. Mimir hatte vordem
wohl Kunde von den _ältesten_ Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das
Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als
Trinkhorn, und aus des _Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des
Gedächtnisses_. -- Odin aber kehrte grübelnd und sinnend zurück. Vieles war
ihm klar geworden; doch sah er ein, daß niemand Allvaters Ratschlüsse aus
der Natur endlicher Wesen erschließen kann, und wenn er die Schöpfung bis
zum ersten Keimpunkt zurückverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er
sein Auge verloren, zeigte er auf die großen Lichter, welche Tag und Nacht
erhellen, und »Wißt ihr«, fragte er sie, »warum nur _eine_ Sonne und _ein_
Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem
Gewässer entgegen. _Ein Auge des Himmels wacht über der Welt; das andere
ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge._«
Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom _einen_ Auge Odins, dessen _anderes_ er
bei Mimir zum Pfande ließ, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom
transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und
Aristoteles berührten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom
Doppel-Ich, dessen eine Hälfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat.
(Vergl. S. 832 und 613 oben.)
Nächst Odin-Wodan nehmen _Thor_ und _Loki_ die bedeutendste Stelle im
germanischen Götterhimmel ein.
Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von
dem höheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nämlich als Herr
des Gewitters. Nach ihm trägt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf
einem von Böcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der
einschlagende Blitz war sein Geschoß, gedacht als steinerner Wurfhammer.
Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmütigkeit; letztere läßt ihn
oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und
der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.
Nach Mone (S. 404) ist Thor »das Übergewicht der allgemeinen organischen
Lebenskraft über die unorganische Materie oder mit anderen Worten der
kämpfende Sonnenheld«. Letzteres würde uns begreiflich machen, warum die
Römer in ihm nicht nur ihren +Jupiter tonans+, sondern mehrfach auch ihren
Herkules wiederzuerkennen glaubten.
Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der
Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden könnte. Er
versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die
blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nämlich im Sommer; im Winter heißt
sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine
hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines
Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rücken zu Fuß
einher, ißt und trinkt unmäßig, ist leidenschaftlich, und wenn er zürnt,
schnaubt er in seinen roten Bart, daß es wie Donner durch die Wolken
schallt.
Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, -- im
Winter ist seine Kraft abwesend --, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke,
seinen Hammer (Mjöllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch
Vorenthaltung des Hammers sich die Göttin Freyja zur Frau erpressen. Auf
Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki,
der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr
beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch
unmäßiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen aß er und acht Lachse und
alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier
und prallte entsetzt zurück, da er Thors furchtbar funkelnde Augen
erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.
Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht;
er ergreift ihn, erschlägt den Riesenfürsten und zerschmettert das ganze
Geschlecht.
Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt:
»da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) überliefert, so
muß Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod)
wiedergeboren sein, d. h. zu seinem Hammer gelangen will.« Einfacher und
natürlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des
Frühlings zu finden.
»Noch schläft die Mutter Erde,
Träumend vom Auferstehn;
Da ruft ein mächtig Werde
Der Gott; es muß gescheh'n.
Er spaltet mit dem Hammer
Des Eises starres Thor.
Da tritt sie aus der Kammer,
Bräutlich geschmückt hervor.«
* * * * *
_Loki_, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen
Unheils bei Göttern und Menschen, scheinbar zunächst ein treuer Gefährte
der anderen Asen, schön wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin
Blutsbrüderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bösen Weibes
getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf,
die Midgardschlange und die Totengöttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich
unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem
Widerspruch und der Verneinung dient. Er heißt auch Loptr (Luft) und Lodorr
(Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch
nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer,
das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heißen Farbauti,
der gefährlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.
Loki ist es, der bekanntlich den _Balder_, diese reinste Lichtgestalt unter
den Asen, den _guten_ Gott durch den blinden _Hödur_ töten läßt, wie es die
jüngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Träume, sein
Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schützen, und
Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen,
Tieren, Krankheiten und Giften, daß sie Balder verschonen sollten. Die Asen
stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit
allen möglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der
die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das
Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden könne.
Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem
gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu
jung vorgekommen sei. Da pflückte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hödur,
der ein Bruder des Balder und von großer Stärke, aber blind war. Als nun
alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch
der blinde Hödur versuchen; kaum aber berührte er ihn mit der Mistel, so
fiel der schöne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein
großes Schiff gebracht und verbrannt. -- Die Götter entsandten Hermordr,
einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengöttin, um den Gestorbenen
aus ihrer Macht zurückzulösen. Hel knüpfte die Auslösung an die Bedingung,
daß alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit
Ausnahme des Riesenweibes Tök, einer Vermummung Lokis, und somit konnte
Balder nicht wieder zur Welt kommen.
* * * * *
Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann
Uhlands Erklärung, +Sagenforschungen I, 144ff.+ als die natürlichste
gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hödur als die
Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwächung der Sonne in der
Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet.
Aber unerklärlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. --
Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer
erst spät zur Göttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die
ursprünglicher und echter bei Grammaticus überliefert ist, wo Balder, ein
Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna,
seine Geliebte zu erkämpfen. Er fällt hier durch das Schwert Hothers,
welches Mistilteinn heißt. Dies Wort sei später als Mistelzweig
mißverstanden.
Indeß erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist
doch, daß der esoterische Kern der Mythe ähnlich wie derjenige des Osiris-
und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung
aller Dinge betrifft. -- Die Asen wollten den Loki für seine Frevel sofort
töten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach
Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er weiß, daß alles
sich nach dem Schicksal erfüllen muß, daß Loki dereinst diese Welt
zerstören wird, daß aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder
herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit
einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reißen, so lange besteht die
Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der
Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben
Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los
wird, dann kommt das Ende der Welt.
Erwähnung verdient unter den männlichen Asen neben _Hoenir_, _Uller_,
_Bragi, dem Skaldengott_, _Aegir_, der die Ruhe des Meeres personificiert.
In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Götter gern zu Gast und
zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im
Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des
versunkenen Goldes spielen sehen. Erwähnung verdient sodann noch _Freyr_,
welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange
vergeblich um _Gerdur_, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit
bezeichnet wird, bis er schließlich mit Hilfe magischer Mittel, die sein
Diener Skirnir anwendet, sie überwindet. Endlich ist noch _Heimdallr_ zu
erwähnen, eine nordische Form des deutschen _Ziu_, der über die Welt
leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brücke Himmel und
Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er hütet diese Brücke, daß diese bösen
Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu stürmen. Wie Loki
das zerstörende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel
vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die
Fortdauer, das Leben der Menschheit überhaupt. Deshalb wird er auch unter
dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.
* * * * *
Unter den _weiblichen_ Gottheiten steht als Urgöttin, als die große
Lebensmutter, an der Spitze _Frigg_, das Weib Odin-Wodans, von der der
Freitag (+dies Veneris+) seinen Namen hat. Sie ist die Göttin der _Liebe_
und des _Kindersegens_. Als jüngere Schöpfung der isländischen Dichtung
(nach Golther) steht ihr _Freyja_ zur Seite, die vielfach mit ihr
verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstück zu Freyr. Ihr Mann
war Odr, ihr Saal heißt Saßrymnir, sie fährt aus mit zwei Katzen, nimmt
huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der
Liebeslieder. Odr ist die stürmische und feurige Begierde (dem Wort nach
die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, +Venus
libitina+. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heißt Hnoß (Genuß). Um den
kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der
Zwerge preis (+Venus pandemos+). Dagegen haßt sie die Riesen, die eben so
sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getäuscht
werden. Wie Venus (+libitina+) ist sie auch eine Todesgöttin, welche die
Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust
sterben, d. h. die Lust genießen, so heißt ihre Wohnung Fólkwángar
(Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heißt
vielmehr, sie wird alle Götter überleben.
W. Menzel erklärt sie daher als die _Sonne_, welche nach dem Weltende
wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen
längst todt sind. Sie heißt auch Mardöll, Gefen (Hingebung), Hörn (Hure).
Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck
fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen
Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrüstet verließ. Als sie
erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war
verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten
alle Länder durchirrend. Die Thränen, die sie weinte, wurden Perlen und
Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den
Schmuck zurück und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt
keine Schönere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den
deutschen Sagen wieder.
Als Frühlingssonne wird Freyja zur _Ostara_, die wir am besten durch F.
Dahns schöne Verse charakterisieren:
»Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;
Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara;
Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann,
Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.
Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;
So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!
Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,
Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;
Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang
Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.
Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang
Und dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang.
Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weiheguß
Und fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß;
Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!
Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!«
* * * * *
Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S. 106) behauptet, daß von
einer Göttin Ostara in der Überlieferung des Altertums eine Spur nicht zu
finden sei.
Dagegen berichtet uns die Edda von _Iduna_, der »vorwissenden Göttin«, daß
sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen
pflegte, herabgesunken sei.
»Schwer verträgt sie
Dies Niedersinken,
Unter des Laubbaums
Stamm gebannt,
Nicht behagt es ihr
Bei Nörvis Tochter (der Nacht)
So lange gewöhnt
An heitere Wohnung.«
Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (+id+ = wieder)
Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mühe erschöpft haben, Iduna zum
Himmel zurückzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die
Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu
neuer Beratung. Aber Nörvi, der Vater der Nacht, schlägt mit dorniger Rute
(dem Schlafdorn) die Völker ringsumher, und auch die Asen nicken
unwillkürlich ein, selbst der Wächter Heimdallr wird schlaftrunken. Am
Morgen aber geht die Sonne prächtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und
froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.
Iduna verwahrt wunderbare Äpfel, von denen die Götter essen, um sich ewig
jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mächtige Riese Thiassi
Iduna nebst ihren Äpfeln geraubt. Da fingen die Götter sämtlich zu altern
an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren Äpfeln
zurückzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung
flog, Iduna in eine Nuß verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar
verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Götter aber hielten ihn
durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus,
indem er unter Thiassi, der alles kleben d. h. gefrieren macht, den Winter,
unter Iduna und ihren Äpfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht,
welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren
Frühlingshimmel, unter der Nuß den Keim der wiederverjüngten Pflanzenwelt.
Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der
winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nüssen zu schmücken.
Die Äpfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten Äpfel, die
Athene wieder in den Garten derselben zurückversetzt. Auch Athene ist das
ewige, jungfräuliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl.
Unsterblichkeitslehre S. 99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen
Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.
Drittes Kapitel.
Götterdämmerung und Wiedergeburt.
Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die
Götterdämmerung oder _Ragnarök_ (der letzte Weltbrand).
Gemeinsame Überzeugung aller deutschen Völker war, daß Welt, Völker und
Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren
Weltschöpfung Platz zu machen.
Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern
Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen _heroischen_
Charakter. Unsere Vorfahren meinten nämlich nicht, sie würden wie Schafe im
Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kämpfen.
»Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not«, schreibt Mone, a. a. O. S. 447,
»wenn man schaudert über einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit
herbeigeführten Untergang, so muß man erstaunen über die
Unerschütterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu
Thränen rührt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch
Not wohl bis zur Gräßlichkeit getrieben werden, daß sie das Blut der
gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und
Verzweiflung zu überlassen, lachend den Tod verhöhnen, und bis auf den
letzten Hauch ihren Mut bewahren. _Ist je eine Religion geeignet, allem
Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer
durchdringenden und großartigen Überzeugung geworden, so ist es im
deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen
und darum durch ihre eigene Freiheit zertrümmert wird. Kein europäisches
Volk, selbst die Griechen und Römer nicht, haben einen Volksglauben von
dieser Größe aufzuweisen._«
Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fällt Schnee von allen
Seiten, große Kälte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei
Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen
bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des
Sohnes nicht.
»Brüder werden streiten
Und einander morden;
Verwandte werden durch
Das Blutbad sich trennen.
Es wird hart in der Welt!
Der Ehebruch waltet
Im Zeitalter der Beile,
Der Schwerter,
Wo Schilde krachen.
Es kommt die Windzeit,
Die Wolfszeit,
Ehe die Welt vergeht.
Kein Mann wird sein,
Der das andere schaut.«
Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die große Achse, die Erde und
Himmel zusammenhält.
Doch lassen wir die Edda selber reden:
»Hrymr fährt von Osten, vor sich hält er den Schild, Hormungandr wälzet
sich mit Riesenzorn, die Wogen schlägt die Schlange, der Adler schreit und
zerreißt die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fährt von Osten, kommen
werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder
fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder.
Surtur fährt von Süden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom
Schwerte der Schlachtgötter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen
werden die Bäume, die Felsenberge zerklüpften, alle Fesseln und Bande
brechen und reißen, das Meer strömt auf das Land, die Riesenweiber stürzen
zusammen, Menschen betreten den Höllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie
dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt,
die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge stöhnen vor den
Steinthüren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der
Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm
aus Augen und Nase, die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, daß alle
Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht
dem Wolfe zur Seite. Muspells Söhne reiten über Bifröst, Surtur voran, um
ihn brennendes Feuer, worauf die Brücke zerbricht. Sie kommen auf das Feld
Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde
der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.
Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf
das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und
dem Zauberspieß Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann
aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen
Feind anstrengen muß. Odin kämpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der
Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlägt; aber neun Fuß davon fällt
er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht
gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fällt er
nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem
Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig,
aber der gewaltige Sohn Sigföders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetüm
in den Unterkiefer, zerreißt ihm den Rachen, stößt ihm sein Schwert ins
Herz und rächet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im
Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz,
die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt
auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.«
* * * * *
Nach diesem Weltuntergang _wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue
Erde schaffen_.
Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde
liegt, ist die der _Wiedergeburt_.
»Wenn Himmel und Erde«, fährt die Edda fort, »und alle Welt verbrannt ist,
wenn alle Götter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird
jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn
es giebt manche guten und manche bösen Stätten; da sind drei Säle, der des
Sindri-Geschlechtes steht nordwärts von rotem Golde gemacht, der andere ist
ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heißt Brimir; in diesen
Sälen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne
steht der dritte Saal am Leichenstrand (Naströnd), die Thüre gen Norden
gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von
Schlangenrücken, die Köpfe aber stehen einwärts und blasen Gift aus, sodaß
Giftströme durch den Saal fließen, Mörder und solche, die eines anderen
Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhöggr hingegangene Leichen aus und
zerreißt der Wolf die Menschen.«
* * * * *
Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf
das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur
Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und
Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und
Niflheim zurück. Zur Erklärung schreibt Mone (a. a. O. S. 468): In der
Schöpfung ist Bewußtlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt
sich das Bewußtsein, darum ist es ein beständiger Streit zwischen Wahrheit
und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewußtseins. Da die
Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als
geistig ist, so tritt mit dem Bewußtsein die Überzeugung von Verdienst und
Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Säle der
Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der
Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer,
Hölle), Gedanken, die natürlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht
vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, daß die guten
Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sündhaften in den
Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm
liegen folgende Gedanken. Die Güte ist die wahre Tugend, die allein belohnt
wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrücklich der Gute
genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thätigen
Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem
Bösen kein größeres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz,
wer sich aber feig vom Bösen überwinden läßt, der ist ein Sünder und
verspielt sein sittliches Vermögen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im
Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Sünden
wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein
Zusatz, aber so gültig wie die Quelle. Die drei Sünden heben die Grundlagen
des Lebens, Wahrheit, Persönlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe
im Aussaugen und Zerreißen der Leichen besteht, so heißt dies mit anderen
Worten, die Sünder verlieren in der anderen Welt ihre Selbständigkeit oder
Persönlichkeit, ihr Körperliches wird aufgelöst und in die allgemeine
Materie zurückgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt,
weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe
aufgelöst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre
Strafzeit vorüber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind
also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt.
Von den Guten heißt es nie, daß ihr Körper in jener Welt zerstört würde, im
Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, daß er
durch Wunden nicht getötet wird, und die Gerechten trinken in voller
Gesundheit Bier im Saale Brimir, während Nidhöggr Leichen aussaugt, denen
die Seele entflohen (+nair framgeingnir+, Vol. 45). Man kann hieraus die
Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird,
kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt
in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die
Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier
schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den
Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und
müssen die irdische Laufbahn und Prüfung von vorn wieder anfangen. Hieraus
folgt, daß die Guten nicht mehr auf die Erde zurückkommen, wohl aber die
Gerechten und Bösen, daß also die Welt notwendig immer schlechter wird und
die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher
Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu
sein, daß jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt
untergehe, welcher Sünder sich bis dahin nicht gebessert hätte, der würde
in den Schlangensaal kommen. Dies bestärkt auch eine Stelle im Havamal, wo
nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch über den
Toten als unsterblich angeführt werden:
»Mäßige Weisheit wahre der Mann,
Er werde nicht allzu weise:
Wer, was er weiß, auch gründlich weiß,
Hat's immer leicht im Leben.
Mangelt dem Manne Gemüt und Verstand,
Bespaßt und verspottet er alles.
Wissen soll er und weiß es nicht,
Daß selber nicht frei er von Fehlern.
Ein Thor nur wähnt, man ward ihm Freund,
Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet.
Doch fehlen ihm Fürsprecher vor Gericht,
Dann merkt er, daß Mancher ihn täuschte.
Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt
In lautem losen Gerede.
Die Zunge, die ohne Zügel rennt,
Redet sich oft ins Unglück.
Früh wache, wer wenig Werkleute hat,
Um selbst nach dem Rechten zu sehen,
Manches versäumt, wer den Morgen verschläft;
Hurtig ist halb gewonnen.
Fettling hatte volle Hürden,
Und die Kinder kaun an den Fingern,
Reichtum, der falsche Freund verschwand
So schnell, wie ein Wink der Wimpern.
Gütig Gemüt und munterer Geist
Hat leichtes, sorgloses Leben.
Der Ängstliche kommt zu keinem Genuß
Und kargt auch scheu mit Geschenken.
Die Gabe braucht nicht groß zu sein,
Oft kauft man Dank mit der kleinsten;
Ein Stückchen Brot und Becher der Rest,
Gewann mir schon manchen Gesellen.
Trau nicht zu viel der Frühsaat im Feld,
Trau nicht zu viel dem Frühwitz beim Kind,
Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind,
Unsichere Dinge dünken sie sonst.
Trau nicht des Mädchens traulichem Wort,
Trau nicht des Weibes traulichem Wort,
Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad,
Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust.
Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
Dann soll man selber sterben.
_Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem,
Der schönen sich geschaffen._
Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
Dann soll man selber sterben;
_Eines nur weiß ich, das nimmer stirbt;
Das Urteil über den Toten_.«
Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzählen die Urkunden mit vieler
Bedeutsamkeit: »Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grün aus dem
Meere, Wasserfälle stürzen, Adler fliegt darüber, fängt Fische an Felsen.
Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen über den mächtigen
Staub, erinnern sich an die Machtbeschlüsse und an Fimbultyrs alte Runen.
Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in
den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Götter und Fjölnirs
Kind. Ungesäet werden die Ackerfrüchte wachsen, alles Übel vergehen, Balder
kommen und bewohnen mit Hödur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der
Seelengötter. Da kann Hönir sein Loos wählen und es bewohnen die Söhne
zweier Brüder das weite Windheim. Schöner als die Sonne ist ein Saal mit
Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die
Tage der Zeiten Seligkeit genießen. Da kommt der Reiche zum Göttergerichte,
der Starke von oben, der alles regiert, versöhnet die Gerichte, schlichtet
die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle
Drache, die glänzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhöggr trägt
in den Flügeln die Leichen und fliegt über den Grund.«
Nach der jüngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf,
unversehrt und unbeschädigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo
vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Söhne Möthi und Magni mit dem
Mjöllnir, sodann Balder und Hödur von der Hel, alle setzen sich zusammen,
erzählen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den
Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden
sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und
Lifthrasir, bleiben verborgen im Hügel des Hoddmimir und nähren sich vom
Morgenthau, von ihnen kommt das künftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne
gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter
einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen über
das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind,
obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Göttern bleibt nur
Njördr übrig, er kommt aber nicht zu den Göttersöhnen auf das Idafeld,
sondern kehrt nach Wanaheim zurück. Auch der zweite Himmel Andlängr und der
dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme
unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am
südlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so muß man ihn wohl
als das Thor und den Eingang zu den höheren Himmeln ansehen.
Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Kräfte vereinigt, daher
keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er weiß nicht, wie
und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Kräfte bleibt in jedem
Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir getötet wurde), darum blieb die
Selbständigkeit und Persönlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt
kommen, sind also nicht eine Masse von Kräften, sondern Persönlichkeiten.
Bei der _Wiedergeburt_ bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes,
darum heißt es, die Asen, die übrig bleiben, hätten Urteil und Erinnerung
über die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mächtigen Weltbaum, die
Materie, welche verurteilt, d. h. aufs neue einer höheren Schöpferkraft in
der verjüngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die
Schöpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins)
hervorgebracht wurde (+moldthinur, megin dómar, rúnar+ Vol. 60). Die
wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstück zu dem
Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmägde
mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von
Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch
nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen
und die Saat herauftreiben, sondern es heißt sogleich weiter, daß die
Früchte ungesäet wachsen, darum verschwindet auch alles Böse, denn Müh' und
Sorge und Kampf haben aufgehört. Darum kommt auch Balder und Hödur wieder,
die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum
jetzt auch das Heiligtum der Seelengötter bewohnen, wo kein Tod mehr ist.
Von den alten Göttern bleibt niemand übrig als Odins Söhne und Enkel, in
ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr Überleben im Grunde auch das
seinige. Weil er durch seinen Schöpferdrang ganz in die Materie versunken,
so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen
Balder die Güte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung
überleben ihn.
Der Welttod ist ein Zurückgehen in einen dem ersten Chaos ähnlichen
Zustand, die Wiedergeburt eine höhere Schöpfung.
Zehntes Buch.
Der Occultismus der barbarischen Völker.
Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch
seines Occultismus des _Altertums_ über den Occultismus der barbarischen
Völker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des
verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem
der im Prospekt angekündigten Überschrift entsprechenden Inhalt zu
versehen, stemmte sich bei mir zunächst das Bedenken entgegen, daß ja doch
als »barbarische« Völker im _Sinne des Altertums_ die Mehrzahl der bereits
von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen
zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Römer der Babylonier,
Chaldäer, Assyrer, Meder, Perser, Inder, Ägypter und Hebräer (I. Band) und
mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar.
Ursprünglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser
Begriff hat sich dann allmählich mit dem der Unkultur verknüpft. Will man
nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von
Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvölker gelten lassen,
so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Völkern
selbstverständlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als
»barbarische« im prägnanten Sinne bezeichnet werden könnten; allein es ist
dabei zu beachten, daß dann dieser Begriff doch ein recht relativer und
unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der
»Naturvölker« zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich
keinen Sinn, die Naturvölker des Altertums, von denen wir fast gar nichts
wissen, besonders zu behandeln.
Der »Occultismus der Naturvölker« überhaupt würde nun eine
kulturwissenschaftlich gewiß dankbare und interessante Aufgabe darstellen,
aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es
im »Occultismus des Altertums« vorliegt, unmöglich ihren entsprechenden
Raum finden kann.
Aus diesem Grunde darf und muß ich mich wohl begnügen, hier mit _einigen
Notizen_, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten
Litteratur über die den Griechen und Römern bekannten Naturvölker des
Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen
gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, _aufzuwarten_.
Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die
_Skythen_ zu denken, von denen uns Herodot wohl die ältesten fabelhaften
Berichte bringt.
Nach +Müllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S. 30ff.+ waren die Skythen
Slawen: »Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als
Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es möglich, daß die
Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Völker eines Stammes, daß beide ihre
Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.«
Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir
wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu
entscheiden ist. Sie werden uns nämlich, Männer wie Weiber, die im Äußeren
kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten
geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer
dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Gürteln oder Wehrgehenken und spitzigen
oft bis auf die Schultern herabhängenden Mützen. Offenbar ist die von
Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den
Baschkiren und Kirgisen üblich ist. Ihre Nahrung war höchst einfach und
bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt
bei Kalmücken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus
Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Käse bereiteten, wie noch jetzt
jene Steppenvölker. Wenn Herodot erzählt, daß sie dem Weingenuß sehr
ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende
Getränk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den
Kalmücken beliebt ist. -- Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf,
dessen sie sich zu den bei ihnen üblichen Schwitzbädern bedienten.
»Städte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen
befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrädrigen mit zwei oder
drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen« (+Herodot
IV, 46+), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen
Steppenvölker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag über hocken,
während die Männer zu Pferde umherschweifen.
Nach +Herodot I, 215+ lebten sie monogamisch, und nur die Könige hatten
noch Nebenweiber; nach +Hippokrates, I, 1, p. 560+ aber lebten sie
polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten,
übrigens war nach Hippokrates teils wegen des beständigen Reitens der
Männer und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen
Körperkonstitution überhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre
Zeugungskraft sehr gering.
Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte über sämtliche Skythen
_ein_ König; doch scheinen unter demselben auch Unter-Könige über die
einzelnen Stämme geherrscht zu haben.
Die _Religion_ der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt
uns folgende Götternamen: %Papaios% (Papa = Zeus), %Thamimasadas%
(= Poseidon), dem bloß die königlichen Mythen opfern, %Oitosyros%
(= Apollo), %Artimpasa% (= Afrodite), %Tabiti% (= Hestia), und %Apia%
(= Gäla) und bemerkt, daß sie außerdem noch den Ares und Herakles, am
meisten aber unter allen die Vesta und nächst ihr den Zeus und die Erde
verehrt hätten, während nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen
skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten
sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer großen Gerüste von Reisig
aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe
_Menschenopfer_. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen
spielen _Wahrsager_ eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den
heutigen _Schamanen_ entsprechen, beschreibt +Herodot IV, 6. 7. 68+ wie
folgt: »Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge
Weidenruten auf folgende Art: sie bringen große Bündel Ruten herbei, die
legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute
besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie
die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach
der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vätern her; die Enareer
aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie
wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nämlich schneidet er in drei
Stücke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und
dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der König der Skythen krank wird, so
läßt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm
auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewöhnlich immer, der und
der, und dabei nennen sie dann einen Bürger, der bei des Königs Hausgöttern
einen falschen Schwur gethan hätte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den
Skythen, bei des Königs Hausgöttern zu schwören, wenn sie einen recht hohen
Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen,
ergriffen und vorgeführt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf
den Kopf, es wäre offenbar aus der Wahrsagung, daß er einen falschen Schwur
gethan bei des Königs Hausgöttern, und deswegen wäre der König krank und
beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch
geschworen. Und wenn dieser leugnet, so läßt der König ein Paar andere
Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung
gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den
Kopf ab, und seine Güter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber
die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so müssen andere Wahrsager
kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen
freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man
bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll
Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Füße und
binden ihnen die Hände auf den Rücken und knebeln ihnen den Mund zu und
stecken sie mitten in das Reisig. Dann zünden sie dasselbe an und machen
die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun
verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung
davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch
aus anderen Gründen die Wahrsager und nennen sie Lügenwahrsager. Die aber
der König umbringen läßt, deren Söhne werden auch nicht verschont, sondern
das, was männlich ist, tötet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.«
* * * * *
Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den
afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings
den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher
hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von
Geständnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen
haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitäten des sog.
Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurückführen würden.
Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die
Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Träger nach Griechenland kamen und
dort durch den Kontrast ihrer Naturwüchsigkeit mit der griechischen Kultur
Aufsehen erregten, _Toxaris_ und _Anacharsis_. Beide sollen zur Zeit Solons
nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gespräch Lukians, das
jedoch wohl mehr den bloßen Namen zur Etikette eigener witziger Einfälle
gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persönlichkeit des
Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen
beigezählt zu werden.
Anacharsis war der Sohn des Skythenkönigs Gaurus und einer griechischen
Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verließ
er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v. Chr.)
nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht
haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wißbegierde
soll ihn so beliebt gemacht haben, daß er das athenische Bürgerrecht
erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht
worden sein. Nach Herodots Erzählung kam er nach seiner Rückkehr ins
Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen
König geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien
Mißfallen erregte.
Unter den naiven Aussprüchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind
folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die
Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. Über die
Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu
lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht würden, bemerkte er, daß
demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. »Der
Weinstock«, sagte er, »trägt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die
Wollust und die Reue.« Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf,
erwiderte er: »Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber
gereichst Deinem Vaterlande zur Schande.« Die Abbildungen, die sich von ihm
auf alten Kunstdenkmälern finden, tragen die Inschrift: +Linguam, ventrem,
veretrum, contine.+[874]
* * * * *
Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen +voyage
d'Anacharsis+ von J. J. Barthélémy, welche 1788 erschien und zu den
beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zählte.
* * * * *
Ausdrücklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserkönig
Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen _Massageten_, im Kampf gegen
welche Kyros fiel.
Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag
zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.
Über die Religion derselben berichtet er nur, daß sie die Sonne anbeteten,
der sie mit Vorliebe Pferde opferten, »weil man dem schnellsten Gott das
schnellste Geschöpf darbringen müsse«.
Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des
sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Königin ein Weib, zur
Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch
mit Menschenblut tauchen ließ mit den Worten: »Nun sättige dich endlich in
Menschenblut.«
»Ein jeglicher«, schreibt Herodot, »freit ein Weib, aber doch sind die
Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzählen, das thun
nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nämlich, wenn ein Massaget Lust
hat zu einer Frau, so hängt er seinen Köcher an den Wagen und beschläft
sie ohne alle Scham.«
Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualität der _Geten_.
Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der _Gothen_
identifiziert; allein Müllenhoff (+a. a. O. S. 125ff.+) hat wohl
ausreichend nachgewiesen, daß die Gründe dafür nicht stichhaltig sind, daß
vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht
streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine
thrakische Völkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und
werden zuerst von Herodot (+IV, 93-96+) erwähnt. Herodot kennzeichnet sie
als die sich für unsterblich haltenden -- %tous athanatizontas% -- und
dieses Epitheton wurde später fast zu einem Beinamen für sie. »Sie meinen«,
sagt Herodot, »daß sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott
(%daimôn%) _Zamolxis_ kommen; einige von ihnen halten diesen für
Gebeleizis. Alle fünf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los
erwählen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf.
Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen
den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Händen und Füßen
und werfen ihn in die Höhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott
gnädig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten
Mann und senden einen Andern ab.« Dieselben Thraker, setzt Herodot noch
hinzu, schießen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den
Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen
andern, als den ihrigen. -- Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten
von Zamolxis schon ein halbes Märchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein
Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele
Schätze erworben und zurückgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute
mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber
indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete,
habe er sie zugleich belehrt, daß sie und ihre Nachkommen nicht stürben,
sondern dereinst an einen Ort kämen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute
haben würden. Um sie davon zu überzeugen, hätte er sich drei Jahre lang in
einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, während welcher Zeit die
Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermißt und betrauert, dann aber sei er
im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. »Ich will«, sagt Herodot 4,
96, »dagegen gerade nicht ungläubig sein, aber auch nicht zu sehr daran
glauben; ich meine, daß Zalmoxis um viele Jahre früher war als Pythagoras.
Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den
Geten einheimischer Gott ist.« Daß diese Erzählung abgesehen von den
Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen
eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es müßte denn Zamolxis
die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute
überführen und täuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein
eigentümlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag für die Griechen der Gedanke
an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und
die Vermittelung konnte dann nicht natürlicher als durch einen thrakischen
Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen
auffassen, weil offenbar ihre Glaubenssätze bei den Geten selbst für seine
Lehren und Satzungen galten. Platon im +Charmides p. 157+ läßt den aus dem
Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden
Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen Ärzte des
Zamolxis -- so lautet der Name bei allen spätern -- die ja, wie man sage,
sogar unsterblich machen könnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es
sagte dieser Thraker, daß die hellenischen Ärzte Recht hätten, wenn sie
behaupteten, _ein Glied könne, ohne daß man zugleich den ganzen Körper in
Behandlung nehme, nicht geheilt werden_. »Aber Zamolxis, unser König, der
ein Gott ist, sprach er, sagt, daß wie man die Augen nicht ohne den Kopf
und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen muß, so auch nicht den
Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Böses;
die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln müsse, das
seien gute Lehren.« Und weiterhin +p. 158+ heißt es noch »wenn Du nüchtern
und mäßig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des
hyperboreischen Abaris.« Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden
sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus.
Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die
Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch
Zamolxis und die %koinê Hestia%, die gemeine Herdgöttin, bei den
sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und
ähnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, daß die Geten den
Kronos, d. h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und über die Inseln der
Seligen (+D. A. 1, 63f.+) verehrten und ihn Zamolxis nannten, +Müller
T. H. G. 3, p. 153+, vgl. +Diog. Laert. 8, 1+; +Hesych. s. v. Zamolxis+,
ferner +Strabo p. 297f.+ Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle
eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzählung der
pontischen Griechen bei Herodot übereinstimmt, ja sogar die Reisen des
Zamolxis bis Ägypten ausdehnt, im übrigen aber selbständig und offenbar aus
unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergänzt. Es wird erzählt, ein Gete
namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges
von der Himmelskunde erlernt, anderes von den Ägyptern, bis zu welchen er
streifte. Nach Hause zurückgekehrt, sei er von den Fürsten und dem Volke
hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den
König beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der
den Willen der Götter zu verkündigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum
Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst
Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugänglichen
Höhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der
Außenwelt, nur mit dem Könige und seinen Dienern. Der König aber habe mit
ihm zusammengehalten, weil er gesehen, daß die Leute ihm viel besser als
früher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Götter erteilte.
(»Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer
einer fand, der dem Könige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott
hieß.«) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heißt aber
%kôgaionon%, wie der vorbeifließende Fluß. Es ist schon von Mannert (+alte
Geogr. 2. 203+) und Uckert (+Skythien S. 602+) bemerkt, daß diese Stelle --
etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von
Strabos Hand erfahren hat -- auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie
Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der
pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, -- denn diese bleibt,
auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch
gewesen, unentschieden läßt, was bei dem Stande der Überlieferung in der
That das Rätlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem höhern
Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem
Sinne von ihm ist, -- so ergiebt sich die Thatsache, daß wie für die
Thraker südlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein
Heiligtum und Orakel des Dionisos (+Herod. 7, 111+, vgl. +Thuc. 2, 96+,
+Plin. 4. § 40+, +Strabo p. 318, 331 fr. 48+, +Sueton Aug. 94+, +Dio 51,
25+), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und für die zu ihnen
gehörenden Völkerschaften ein ähnliches des Zamolxis bestand. Antonius
Diogenes (bei +Phot. cod. 166 p. 110 Bekk.+) erzählte, daß Astraeus, ein
Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten für einen Gott
galt, mit zwei andern gereist sei und daß diese Orakel über ihr Geschick
erhalten hätten, daß Astraeus aber beim Zamolxis zurückgeblieben und von
den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und
Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird.
Ähnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia,
die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; +Suidas s. v.+ nennt sogar
eine Göttin Zamolxis.
Daß ihm ein vollständiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem,
was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der +vit. Pythagor.+
des Porphyrius § 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte
Überlieferungen stützt, es wird hier nämlich ganz der herrschenden
Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gemäß die ganze Einrichtung
des Kultus auf ihn selbst zurückgeführt. Pythagoras hatte einen Sklaven,
den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner
Geburt ein Bärenfell übergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell
%zalmos%. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den
himmlischen Dingen -- %tên meteôron theôrian% --, auch in allem was das
Opferwesen und sonst den Götterdienst angeht. Einige aber sagen, daß er
auch Thales geheißen habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren.
Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des
Pythagoras Knecht gewesen, aber Räubern in die Hände gefallen und
stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige
sagen, daß der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit
diesen Deutungen verhalten mag -- die durch %zalmos% -- (sanskr.
+tscharma+, griech. %derma%?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische
Namenform %Zalmoxis% --, so giebt Hesychius +s. v.+ noch an, daß nicht nur
ein Name für Kronos, sondern auch für einen Tanz und für ein Lied oder
einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur
aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tänzen und
Gesängen erklärt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvätern und
andern über Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und
Eigentümliches bietet, was nicht auf eine mißverständliche oder ungenaue
Auffassung der Angaben Herodots sich zurückführen ließe. Man findet die
Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollständig
nachgewiesen in der Dissertation +de Zamolxide von Athan. Serg.
Rhonsopoulus (Gottingae 1852)+.
Nächst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre
Vielweiberei und Unmäßigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein.
Hecataeus von Milet soll dafür der erste Zeuge sein, indem er (+fr. 144+)
das homerische Kabesos (+II, 13, 363+) auf die gleichnamige Stadt jenseits
des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15.
Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgültige
Zeugen (vgl. +Xenoph. Anab. 7, 2, 38+), schildern aber die Vielweiberei und
was damit zusammenhängt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker
Menander bei +Strab. p. 297+ läßt seinen getischen Sklaven auch nur als
Thraker sprechen:
»Die Thraker alle, doch wir Geten zu allermeist,
(Denn ich selbst berühme mich von dort entstammt zu sein),
Wir sind nicht sehr enthaltsam!
Denn unter uns heiratet keiner unter zehn,
Elf Frauen, auch zwölf und noch mehr. Wer erst vier
Oder fünf genommen hat und stirbt, der heißt bei uns
Zu Land ein ehelos armer, unbeweibter Mann.«
* * * * *
Noch viel zweifelhafter und dunkler ist alles, was die Alten von noch
höher nach Norden belegenen Erdstrichen und den dort wohnhaften Völkern,
den Kimmeriern und vor allem von den _Hyperboräern_ zu berichten wissen.
Vielleicht kann man als Hyperboräer die Bewohner Skandinaviens gelten
lassen. Ein Hyperboräer soll der mythische _Abaris_ gewesen sein, der
angeblich etwa um das Jahr 570 v. Chr. (Lobeck) nach Griechenland kam, wie
erzählt wird, durch eine ihm von Apollo gegebene Offenbarung veranlaßt. Er
soll mit Pythagoras bekannt geworden sein. »Als Abaris von den
Hyperboräern, unerfahren in der hellenischen Bildung und Sprache schon in
Jahren vorgerückt ankam, so führte ihn Pythagoras nicht durch mannigfache
Betrachtungen in seine Geheimwissenschaft ein, sondern statt des
Stillschweigens und des so lange Zeit nötigen Zuhörens und der übrigen
Prüfungen machte er ihn schnell durch ein abgekürztes Verfahren zum Anhören
seiner Lehrsätze geschickt und lehrte ihn die Schrift über die Natur und
die andere über die Götter in aller Kürze verstehen.« (+Jamblichus, de vita
Pythagor. § 136.+) Abaris erregte nicht nur durch seine fremde Kleidung,
sondern mehr noch durch seine »occultistischen« Gaben großes Aufsehen in
Griechenland. Er zog, wie Epimenides, wahrsagend und Orakel sprechend
umher, trat als Sühner auf, befreite Sparta von einer Pest und heilte viele
Krankheiten durch seine Zaubergesänge. Ja, es wird berichtet, daß er auf
einem von Apollo empfangenen Pfeile die Luft durchflog, überhaupt ein
Luftwandler (%aithrobatês%) war.
Toland vermutet daher, er sei ein Druide gewesen, und die Hyperboräer seien
auf den Hebriden zu suchen. Dagegen möchte Creuzer (+Symbolik II, Anhang+)
ihn zu einer bloßen Personifikation der aus den Kaukasusländern
hergekommenen Schrift verflüchtigen. Der Pfeil soll die »Rune« sein, der
Pfeilfahrer Abaris = Runa, Seher, Schreiber. Dazu bemerkt mit Recht
Guigniaut in seiner französischen Übersetzung des Creuzerschen Buchs: +Nous
ne nous dissimulons pas que cette interpretation du mythe d'Abaris est
singulièrement hasardée.+
* * * * *
Mehr ethnographisch und kulturhistorisch als occultistisch interessant sind
die Mitteilungen der Alten, insbesondere Herodots über andere jenseits des
den Griechen bekannten +orbis terrarum+ wohnhaften Naturvölker, so z. B.
die _Taurer_, die wegen ihrer Menschenopfer gefürchtet waren, die
Agathyrsen, die ȟppigsten Menschen; mit ihren Weibern begatten sie sich
alle gemeinschaftlich, damit sie aller Brüder sind und als Blutsverwandte
weder Neid noch Feindschaft wider einander hegen.« (+Herodot I, 104.+) Auch
die Neurer werden als gefürchtete Zauberer genannt; »denn die Skythen
erzählten von ihnen, daß in jedem Jahre ein Neurer ein Wolf wird auf wenige
Tage und dann nimmt er wiederum seine alte Gestalt an. Ich glaube dies zwar
nicht, aber sie sagen es nichts destoweniger und schwören darauf.«
(+Herodot I, 105.+)