L. Kuhlenbeck.

Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schließe

ich hier eine Studie über den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der

als Repräsentant des völligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch

seiner _Persönlichkeit_ wegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese

Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das

tragische Ende des Hellenismus überhaupt, in einer die Poesie und Kunst

mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaßen symbolisch

abschloß, der _Hypatia_. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze

geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich

vollendeter Schönheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um

sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkörperung zu

zeigen.

»Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,

Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;

Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwärts,

Hypatia, du edle, süßer Rede Born,

Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!«

So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum

einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurück. Dieser

Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diese jungfräuliche

Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu

Alexandria von christlichen Mönchen im März des Jahres 415 in eine

christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie

eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwölfe, -- und selbst von

ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Spürsinn

kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet.

Wenn man indeß die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schüler

beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen

der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes

unser wärmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in

demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war,

nicht müde wurde, sich zu rühmen, »ihres Geistes einen Hauch verspürt zu

haben«. Wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn wenigstens durch einen

solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht

versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schüler ist Synesios.

* * * * *

Zwischen der großen Syrte und der an der Westgrenze Ägyptens beginnenden

lybischen Wüste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der

schönste Teil des nördlichen Afrika. Im Altertum hieß es Cyrenaica oder

Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil

einschließlich Cyrene fünf große Städte, nämlich außer der genannten

Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, sämtlich Kolonieen dorischer

Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die höchste

Blüte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis

um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erreicht zu haben, als die

ursprüngliche Königsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt

ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen

Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die

Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbürgten durch ihre Werke

eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige

Ebenbürtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem übrigen Hellas. Seine

politische Unabhängigkeit wahrte der Fünf-Städtebund, wenn auch allmählich

seine ökonomische Bedeutung von der alles überwuchernden Handelsmacht

Karthagos überflügelt und selbst erdrückt wurde, bis zum Tode des großen

Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer

Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt

des Ptolemäus von Ägypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge

Juden, denen er leider noch dazu volle bürgerliche Gleichberechtigung mit

den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker

und _auch die Gegenwart_ weiß, was solche Gleichberechtigung der Juden

innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem künstlich

geschaffenen Nährboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich

und nutzten die bürgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der

Volkskräfte noch weit gründlicher aus, als das römische Reich, dem

Cyrenaica etwa von 66 v. Chr. als Provinz einverleibt war, seine

Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender

Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans

ihren angeborenen Menschenhaß zu einem Messias-Putsch fortriß, welcher in

der Scheußlichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwörungsnacht mehr als

200000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser

diese Greuelthaten gebührend zu strafen; die dadurch nur noch mehr

geschürten Rassenkämpfe beschleunigten aber wiederum die völlige Verarmung

und Entvölkerung des Landes.

Bei der Teilung des römischen Reichs durch Theodosius ward die Cyrenaica

der oströmischen Hälfte, also dem Arcadius, zugewiesen. Fünfzehn Jahre vor

diesem Ereignis, etwa um 370, war Synesios in Cyrene als Sohn eines Decurio

von hocharistokratisch-dorischer Herkunft, -- sein Stammbaum führte bis auf

Herakles zurück, -- geboren. Die Geburts- und Bildungs-Aristokratie der

Griechen und Römer widerstand am längsten dem schließlich gewaltsam

aufdringlichen Bekehrungseifer des Christentums, und so bekannte sich auch

die Familie des Synesios, den grausamen, aber gerade ihrer Grausamkeit

wegen zur Zeit noch undurchführbaren Intoleranzerlassen eines Constantin

und Theodosius trotzend, noch zum Glauben an die Götter ihrer Ahnen. Bei

der Nähe Alexandrias ist nichts begreiflicher, als daß Synesios wie auch

sein Bruder Euoptius, sobald sie das Jünglingsalter erreicht hatten, von

ihrem Vater nach dem dortigen Musensitz gesandt wurden, um von den schönen

Lippen einer Hypatia, zu deren Füßen sich die Elite der heidnischen Jugend

aus allen Provinzen des Weltreichs versammelte, die letzte und glänzendste

Vertheidigung ihrer zum Tode verurteilten hellenischen Weltanschauung zu

vernehmen. Vermutlich erst der Tod seines Vaters hat ihn in die Heimat

zurückberufen. Den kaum 30jährigen betrauten nun seine Mitbürger mit der

ebenso ehrenvollen wie schwierigen Aufgabe, als Wortführer einer

Landesabordnung dem Kaiser in Konstantinopel einen goldenen Huldigungskranz

zu überreichen und dabei, die Hauptsache, eine Erleichterung der nachgerade

dem verarmten Vaterlande unerschwinglich gewordenen Abgaben zu erbitten.

Drei Jahre hat Synesios in Konstantinopel geweilt, bevor es ihm gelang,

überhaupt erst eine Audienz beim Kaiser zu erwirken und endlich seine

Aufgabe zu erfüllen. In diesem Zeitraum hatte er allzu reichliche

Gelegenheit gehabt, aus unmittelbarer Nähe jene Mumie des Cäsarismus zu

studieren, zu vernehmen, wie der vermorschte Bau des nunmehr halbierten

Weltreichs bereits in allen Fugen seinem Ruin entgegen stöhnte, und ein

naiver Ideologe, glaubt sich der Schüler einer Hypatia berufen, den Versuch

zu wagen, nochmals einen Funken antiker Heldengesinnung und Staatsweisheit,

»und wär's auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, in des Despoten Seele kühn

zu werfen«, welcher, wie er wähnte, den Kaiser bestimmen möchte, den Staat

zu reorganisieren und das längst besiegelte Schicksal abzuwenden.

So hielt er dann bei der Überreichung des goldenen Kranzes seine

denkwürdige Rede »über die Herrscherpflichten«, mit Bezug auf welche er

sich mit Recht rühmt, daß auch in den Zeiten des freien Griechenlands vor

einem Königsthron kaum jemals eine freimütigere Rede gesprochen sei. »Die

Philosophie verlangt durch ihn Gehör und will nützen mit ihren ernsten,

alle Schmeichelei verschmähenden Worten, die sogar das Recht des Tadels für

sich in Anspruch nehmen.« -- Wie weit der Redner das Recht des Tadels zu

üben wagt, mag aus seiner Schilderung des byzantinischen Hoflebens

entnommen werden: »Die Könige ergeben sich einem schlaffen, unwürdigen

Genußleben, ihre gewöhnliche Umgebung besteht aus Spaßmachern, Zwergen und

Verschnittenen, die allein freien Zutritt haben, deren fades Geschwätz

ihren Geist wie in einem Nebel gefangen hält, ihn der ernsteren Rede

entfremdet und gegen die Verständigen im Volke mit Mißtrauen erfüllt. Dazu

kommt die übertriebene Pracht in der äußeren Kleidung der Könige. Sie gehen

einher in Purpur und Gold, mit kostbaren Steinen und Perlen über und über

besäet, so daß sie einem buntschimmernden Pfau gleichen, ja sie verschmähen

es sogar, ihren Fuß auf den bloßen Boden zu setzen, und lassen ihn mit

Goldsand bestreuen, den ganze Schiffsladungen aus fernen Landen

herbeiführen müssen. Sie führen in ihren Gemächern ein Leben wie die

Eidechsen, die mit Mühe einmal an die Sonne hervorkommen, um nur nicht von

den Menschen als Mensch erkannt zu werden. Und doch sind sie jetzt viel

schlechter daran, als damals, wo sie an der Spitze der Heere sich im

staubigen Felde bewegten, verbrannt von der Sonne, in schmuckloser

Kleidung.« Er fordert den Kaiser auf, sowohl sich selbst als auch das Volk

wiederum an die Waffen sich zu gewöhnen: »Ehe man duldet, daß die Scythen

hier in Waffen gehen, müßte man Männer vom lieben Ackerbau entbieten, um

für denselben zu kämpfen, und so viele ausheben, daß man auch den

Philosophen aus seiner Studirstube, den Handwerker aus seiner Werkstatt

aufstehen heißt, den Kaufmann aus seinem Laden; und die Drohnenschar des

Volkes, das in allzulanger Muße sein Leben im Theater hinbringt, wollen wir

überreden, auch einmal ernst zu werden, bevor sie vom Lachen zum Weinen

gelangen; denn weder die Rücksicht auf schlechte noch bessere Leute darf

uns ein Hindernis sein, daß die Kraft (%rhamê%) den Römern (%rhômaiois%)

wieder zu eigen werde.«

Bei all ihrer inhaltlichen und formellen Vortrefflichkeit kann diese

Marquis-Posa-Rede des Synesios uns nur komisch berühren; -- wenn schon ein

Plato einen Herrscher von Syrakus Jahre lang vergeblich unterrichtete, wie

mochte dieser neuplatonische Epigone sich vermessen, durch eine Predigt

einen Arcadius zu Größerem aufzufordern, als Julian vermocht hatte, ihn

bestimmen zu wollen, diesen Staats-Kadaver in eine platonische Republik

umzuschaffen! Es ist in der That schon bewundernswert, daß diese Rede dem

Kaiser so zu sagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausging, ohne den

verwegenen Sprecher zu gefährden, ja sogar ohne auch nur sein

diplomatisches Anliegen zu vereiteln. Der geforderte Steuererlaß wurde

nämlich bewilligt. Übrigens hat Synesios auch gar bald an seinem Beruf,

staatsphilosophische Ideale am byzantinischen Hofe zu verwirklichen,

verzweifelt. Als nicht nur der Einfluß des Konsul Aurelian, seines Gönners,

durch gegnerische Kabalen, bei denen sogar ein leiblicher Bruder eben

dieses Aurelian und die Kaiserin Eudoxia die Haupt-Intriguanten waren, und

durch die damit in geheimen Einverständnissen stehende Militär-Revolution

des Gothen Gainas erschüttert wurde, sondern als auch, gleichsam

mitempfindend mit den politischen Ereignissen, in Konstantinopel ein

Erdbeben den Boden unter den Füßen wanken machte, da schüttelte er den

Goldsandstaub von seinen Schuhen und verließ zu Schiff das Babylon am

goldenen Horne.

In sein Vaterland zurückgekehrt, veröffentlichte er zunächst eine Schrift,

welche nur als geistige Frucht seiner byzantinischen Erlebnisse zu

verstehen ist. Sie betitelt sich: »Die Ägypter, oder über die Vorsehung«

und vereint die Erörterung schwieriger philosophischer Probleme wie

Vorsehung und Weltregierung, Dasein und Ursprung des bösen mit einer

allegorischen Darstellung der Zeitbegebenheiten. Das Skelett bildet die in

euhemeristischer Auffassung dargestellte Mythe von Osiris und Typhon. Beide

Brüder sind Söhne eines ägyptischen Königs. Ihre Seelen aber entstammen

entgegengesetzten Quellen. Osiris entstammt dem Lichtreich und hat sich nur

incarnirt, um anderen im Erdenthal ringenden Seelen behilflich zu sein, den

Aufgang zum Reiche des Lichts zu finden. Aber Typhons Seele entstammt jenen

niederen Regionen des Seins, »wo Neid und Zorn und die Scharen der anderen

Keren auf dem Unheilgefild in Dunkel und Finsternis schweifen.« (Verse des

Empedocles.)

Der König erkannte bald die verschiedene Gemütsart seiner Söhne und ließ

deshalb noch vor seinem Tode, um etwaigen Ansprüchen des Typhon

vorzubeugen, den Osiris durch freie Volkswahl als seinen Nachfolger

betätigen. Bei dieser Wahl waren alle Götter zugegen und von den Göttern

selbst und seinem eigenen Vater empfing jetzt Osiris den Rat, seinen

verderbliche Anschläge brütenden Bruder unschädlich zu machen, da er sonst

eine unzeitige Bruderliebe werde schwer zu bedauern haben. Osiris jedoch

wies solchen Ratschlag mit Entrüstung von sich und meinte, die Vorsehung

der Götter werde ihm auch gegen etwaige böse Pläne seines Bruders in

Zukunft zur Seite stehen.

»Hierin irrst du«, entgegnete sein Vater, »denn der göttliche Teil der

Welt ist mit anderem beschäftigt, indem er größtenteils der ersten ihm

einwohnenden Kraft gemäß wirkt und im reinen Anschauen der intelligiblen

Schönheit lebt; -- nur zu bestimmten Zeiten senden sie einige der Ihrigen

herab, um den Anstoß zu einer guten Bewegung im Staatsleben zu geben.« --

-- -- »Und deshalb können gute Seelen nur spärlich hier sichtbar werden,

denn ihre Seligkeit besteht in etwas anderem. Das Genießen im Anblick der

ersten Welt ist seliger, als das Ordnen der Schlechteren; denn dies ist

Abwendung, jenes ist Hinwendung. Du bist ja wohl eingeweiht in das heilige

Geheimnis, wonach die Seele über zwei Augenpaare verfügt, von denen das

untere sich schließen muß, wenn das obere sieht, und wenn dieses sich

schließt, die Reihe des Sichöffnens an jenes kömmt.[869] Dies, glaube mir,

ist eigentlich ein Sinnbild der beschaulichen und praktischen Thätigkeit,

indem die mittleren Wesen abwechselnd beides verrichten, die vollkommenen

aber mehr dem besseren zugewandt bleiben und mit dem schlechteren nur in

Berührung kommen, soweit es nötig ist.« -- -- -- »Und du, eine göttliche

Seele unter Dämonen, die als erdgeborene natürlich feindlich gesinnt sind,

wenn einer fremde Gesetze in ihrem Gebiet beobachtet, du mußt bedenken, von

wannen du bist und daß du hier in der Welt einen Dienst erfüllst. Du mußt

selber kämpfen, nicht nur gegen andere, sondern der schwerste Kampf ist mit

dem unvernünftigen Teil der Seele; denn die Dämonen suchen vor allem die

Begierden und Regungen des Zorns mit den zugehörigen Lastern zu entflammen,

indem sie den Seelen durch die ihnen verwandten Teile sich nahen, welche

auf natürliche Weise ihre Anwesenheit empfinden, sich regen und von ihnen

Kräfte empfangen, durch die sie sich der Vernunft entziehen, bis sie die

ganze Seele beherrschen. Dies ist der größte Kampf.« -- -- -- »Und von oben

herab schauen die Götter diesem schönen Kampfe zu, in welchem du siegen

wirst. Möchte es auch in dem zweiten Kampfe der Fall sein. Doch ich

fürchte, du hast diese besiegt und wirst in jenem überwältigt werden. Denn

wenn die Dämonen an dem ersten Kampfe verzweifeln, dann rüsten sie sich mit

aller Macht zum zweiten Kampf, um das himmlische Reis auf Erden, das die

Götter fremden Zweigen aufgepfropft haben, umzuhauen und als nicht zu ihnen

gehörig von der Erde zu vertilgen. Denn sie schämen sich der ersten

Niederlage und wenn sie im Innern nicht zum Ziele kommen, versuchen sie nun

von außen heranzukommen mit Krieg und Aufruhr und was sonst den Körper

beschädigt.« -- -- -- »Du aber darfst den Göttern nicht weiter lästig

werden, da du dich mit deinen eigenen Mitteln erhalten kannst. Für sie

geziemt es sich nicht immer aus ihrer eigentlichen Sphäre herauszutreten,

und deine Gebote würden sündhaft sein, wolltest du sie dadurch nötigen, vor

der bestimmten Zeit wieder herabzukommen, um für das irdische zu sorgen. --

Deshalb dürfen die Menschen über ihre selbstgewählten Leiden nicht unwillig

werden, sie dürfen den Göttern keinen Vorwurf machen, daß sich ihre

Vorsehung nicht um sie kümmert. Denn die Vorsehung verlangt, daß sie auch

ihre eigenen Kräfte anwenden. Die Vorsehung gleicht nicht der Mutter eines

neugeborenen Kindes, die sich bemühen muß, das abzuwehren, was ihm zustoßen

und schädlich sein könnte, weil es noch unvollkommen und hilflos ist,

sondern sie gleicht einer Mutter, die ihr Kind aufgezogen und ausgerüstet

hat und es nun auffordert, seine Kräfte zu gebrauchen und das Übel von sich

abzuhalten.« Nach solchen Worten verschwand der Vater mit den Göttern.

Osiris begann nun seine Regierung, mußte aber schließlich einer offenen

Empörung Typhons weichen, kaum, daß er noch das nackte Leben in die

Verbannung rettete.

Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich nun noch die Herrschaft

Typhons und den weiteren Verlauf dieses philosophischen Romanes auch nur in

gedrängtem Auszuge wiedergeben, zumal dies keinen Sinn haben könnte ohne

gleichzeitiges Eingehen auf die mannigfaltigen, für uns natürlich oft sehr

schwer zu deutenden zeitgeschichtlichen Anspielungen. Nur soviel mag hier

bemerkt werden, daß unter Osiris vermutlich auf den vorhin genannten

Aurelian, unter Typhon aber auf dessen leiblichen, ihm feindlich gesinnten

Bruder angespielt wird. Durch eine die Schrift abschließende Betrachtung

über die Wiederkehr derselben oder analoger Ereignisse im Kreislauf der

Zeiten wird die allegorische zeitgeschichtliche Tendenz der Erzählung noch

deutlich gekennzeichnet.

Nach seiner Rückkehr fand Synesios zunächst für das von ihm selber über

jede praktische Thätigkeit geschätzte rein beschauliche Leben wenig Zeit

und Ruhe; der Steuererlaß allein konnte einem Lande wenig nützen, das durch

die elende Militär-Verwaltung des verfallenden Reichs den Raubzügen der

afrikanischen Nomadenstämme völlig preisgegeben war. Vor allem beunruhigte

der kriegerische Stamm der Maceten das von regulären Streitkräften völlig

entblößte Land. Unser Philosoph widmete sich nun mit allem Heroismus seiner

angestammten Heraklidennatur der Verteidigung und selbständigen

Reorganisation seines Vaterlandes, er bildete aus Bauern und selbst Sklaven

eine Art Landsturm und bestand, ein wackerer Reiter, manches blutige

Treffen mit den streifenden Beduinenscharen. Aus diesen kriegerischen Tagen

datiert sein folgender Brief an Hypatia:

»Wenn der Verstorbenen man auch vergißt in des Hades Behausung, so werde

ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt

von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner überdrüssig bin, weil ich

täglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und

eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst

erwarten muß, daß es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung

sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom

Schatten der leichenfressenden Vögel; -- und dennoch hänge ich mit Liebe an

meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die

nicht unrühmlichen Gräber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch

deinetwegen, glaube ich fest, könnte ich mein Vaterland verlassen, und

sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern.« -- Allmählich verzogen sich die

Kriegsstürme etwas vor der mannhaften Führung der neugebildeten Landwehr,

und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nähe der

feindlichen Grenze. Er führte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer

zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten

Fehden mit jenem Wüstenvolk gestörten Muße. Jetzt schrieb er auch sein

verloren gegangenes Werk über die _Jagd_. Den in dieser ländlichen

Zurückgezogenheit freilich zu entbehrenden persönlichen Verkehr mit

gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen

Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein

wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser muß für

einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner

Briefe, so natürlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist

doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich

und formell begründeten Reiz gewährt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia

gerichtet, die meisten übrigen an seinen Freund Herculian oder seinen

Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewußtsein verbindet, den Trank

der Weisheit aus der lautersten Quelle geschöpft zu haben. Aus einem an

Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten

Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut

zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums:

»Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige

Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie

schön ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben!

Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen

ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schön ist es hier, das

vorbeifließende Flüßchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr

sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vögel, in

der Färbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles

duftet in Wohlgerüchen, es sind die Säfte eines gesunden Bodens. Und die

Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines

Theokrit.« Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen

Landvolk, das sich von den großen Seeschiffen keine Vorstellung machen

kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, »von denen einige noch

glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog«, und

das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus

erzählt, »als habe er den Cyklopen erst kürzlich geblendet und sich vom

Widder aus der Höhle schleppen lassen.« In dieser Muße fand er auch Zeit

und Stimmung, eine sophistische Abhandlung »_Das Lob der Kahlheit_« zu

schreiben, eine von attischem Witz sprühende Trostschrift für alle, denen

»eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt«. Seine Sophistik

gipfelt darin, die Kahlköpfigkeit ein göttliches Prädikat zu nennen:

»Kahlköpfige können als gottähnlich bezeichnet werden, und wenn man von

einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so könnte man einen

vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in

vollkommenem Kreise fortwährend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist

entschieden etwas den Göttern verwandtes. Warum auch sonst trüge der

katholische Priester seine Rasur?«

Die wichtigsten seiner damals verfaßten Schriften sind der Dion und die

Abhandlung über die _Träume_. Beide Schriften hat er vor der

Veröffentlichung der Hypatia zur Prüfung vorgelegt. Das Begleitschreiben,

mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persönliche

Begründung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer

besonderen Besprechung der Abhandlung über die Träume voraussenden werde,

darf hier auch bezüglich des Dion einstweilen die Bemerkung genügen, daß

diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf

Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, daß ihm im Jahre 404 bei

Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde,

dürfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurückverlegen. Sie

enthält in der Einkleidung eines Essay's über den Stoiker Dio Chrysostomus,

(lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher

seiner allgemeinen Bildung und schönen Darstellung wegen von vielen nicht

unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine

maßvolle Polemik gegen das Christentum vom ästhetisch-kulturfreundlichen

Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede für die Musen gegen ihre

Verächter.

Doch bald riß den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in

seine Fluten und Wirbel. Zunächst verstärkten sich aufs neue die

kriegerischen Einfälle der Maceten, denen sich nun gar der weit

gefährlichere Stamm der Isaurier anschloß, und Synesios ward genötigt, die

Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mußte

seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne daß wir mit

Sicherheit wüßten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder

nach Ptolemais verlegt habe.

Aber eine vollständige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem

Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglück

dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod

prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er

gedacht.

Es geschah in diesem Jahre, daß man ihn, den kriegstüchtigen Herakliden,

den Liebhaber der Jagd, den freimütigen Philosophen, den begeisterten

Anhänger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen

Widerstrebens zum katholischen Bischof preßte, fast wie der ihm auch sonst

nicht ganz unähnliche Ritter Götz von Berlichingen von aufständischen

Bauern zu ihrem Anführer gepreßt sein soll.

Um die Möglichkeit dieser Wendung nur einigermaßen verständlich zu machen,

ist daran zu erinnern, daß in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn

irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings

anflutenden Völkerwanderung militärisch entblößten Provinz des römischen

Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswürde von größerer politischer als

kirchlicher Bedeutung war. Jene Präfekten, die der ohnmächtige kaiserliche

Absolutismus über die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mächtig

genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und

Erpressung zu mißbrauchen, und standen nicht selten gar in

hochverräterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhäuptlingen. Die

überwiegend bereits christliche Bevölkerung suchte und fand ihren einzigen

Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen

Gemeinschaft; die Kirche war ihr +forum+ und +comitium+; noch lag die Wahl

des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Bestätigung bedürfend, bei den

Gemeinden.

Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der

einerseits einem gewaltthätigen Ungeheuer, dem Präfekten Andronicus, und

andererseits den räuberischen Grenznachbarn streitbar entgegenträte; auch

fand man ja noch im Mittelalter keinen Anstoß daran, daß ein Bischof nicht

nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umständen

Schwert und Schild zu führen verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrer %anêr

kalos kagathos%, in der ganzen Provinz war Synesios, und Synesios war ein

Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbürger, welche, »sehend, wie viel

Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch

wütende Menschen angerichtet wird«, einen Hauptmann suchten, der das Volk

in Ordnung halte, aufgefaßt.

Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das

Rätsel lösen. Es ist sicher, daß Synesios an einem und demselben Tage die

Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der

Theologe Neander und Dr. Volkmann in ihren Schriften über die allmähliche

innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln,

dürfte sich ganz einfach durch einen ausführlichen Brief des Neugetauften

an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein

interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten

Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der

Welt und die Unerschaffenheit, Präexistenz der Seele, betont hat, schreibt

er: »Die priesterliche Stellung also kann ich nur übernehmen, indem ich zu

Hause philosophiere, äußerlich aber mich den Mythen anbequeme, so daß ich

zwar nicht ausdrücklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ändere und es

bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und

Philosophie mit einander zu schaffen?« -- »Wie das Auge nur zu seinem

Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie für

Leute mit kranken Augen die Dunkelheit nützlicher ist, so mag auch der

Irrtum für das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, daß ich mich

selbst in diesem Sinne ändern soll, daß der Priester die Vorstellungen des

Volks teilen müsse, so erkläre ich, daß ich in Betreff der Dogmen keinen

falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem

gegenüber ich in allen Stücken ohne Schuld sein will. In diesem einen

Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des

Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe

für Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrüben, -- ja, wie

wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen

Bogen von Würmern zerfressen, -- aber ich werde es ertragen, wenn Gott es

mir auferlegt, -- meine Überzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und

zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein.« Zum

Schluß heißt es dann: »Sorge dafür, daß mein Brief in die Kanzlei kommt und

jenem mitgeteilt wird!« Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des

Patriarchen gemeint sein.

Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu

haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15

Bischöfen in der Pentapolis bestätigt.

Unmöglich konnte jedoch dieser unvermittelte Übergang vom heidnischen

Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere äußerliche

und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem

Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den

rein politischen Erwartungen seiner Mitbürger suchte er in

uneigennützigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Präfekten Andronicus,

der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, »zur härtesten Plage der

Pentapolis geworden war, härter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und

Krieg, indem er sich begierig auf das stürzte, was sie übrig gelassen

hatten, und zuerst ganz unerhörte Arten von Marterwerkzeugen in das Land

eingeführt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Füße, ja des

ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das

grausamste verrenkte und verstümmelte«, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit

der ganzen Machtfülle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte

ihn mit dem Interdict. Als der Bösewicht hierdurch gebrochen und gedemütigt

nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat,

vergaß er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglück

zu erleichtern, und legte sogar eine Fürbitte beim Patriarchen ein. Ward es

ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu

üben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen

und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen

Äußerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des

Kanzeltons zu bedienen.

»Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hören

gewohnt seid, so müßt ihr es mir zu gute halten und vielmehr euch selbst

anklagen, daß ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor

solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt«, schreibt er

an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch

Errichtung einer Kapelle und Mißbrauch der Kirchenweihe einen strategisch

zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht

hatte, kein Bedenken, gegen die abergläubische Scheu seiner Amtsbrüder,

welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschädlichen und

rechtswidrigen Entstehung respektieren zu müssen, mit folgenden Worten zu

eifern: »Man muß den Aberglauben von der Frömmigkeit unterscheiden. Er ist

ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der

Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit längst erkannt ist.

Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloßen Einweihung kann ich

keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden.«

Ernstere innere Konflikte mit seiner Überzeugung scheinen doch nicht

ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: »Wasser

thut's freilich nicht«, den alten Heiden nicht ertränkt. Nur so wird der

Wunsch erklärlich, den er in einem seiner Briefe ausdrückt, daß er doch in

jenem Jahre lieber wirklich gestorben wäre, wie sein Traum es verheißen,

als Bischof geworden.

Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint

allerdings das Interesse der letzteren für ihn seit seinem Übertritt zum

Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen

Briefen überhaupt beklagt, daß seine alten Freunde ihn verlassen haben,

obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale -- er

verlor seine Gattin und sämtliche Kinder -- brachen ihn geistig und

körperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen

Zustand. »Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und

wünsche, daß du ihn gesund empfangen mögest, du meine Mutter, meine

Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthäterin, der

Inbegriff alles dessen, was es für mich ehrwürdiges giebt. Meine

körperliche Schwäche rührt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an

den Verlust meiner Kinder reibt mich allmählich auf. Nur so lange hätte

Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des

Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom über mich

hereingebrochen, und die Annehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O,

daß doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende

nähme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glücklichen Freunden,

vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer

dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich muß es ihm Dank wissen, daß er dir

lieb ist. Grüße auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch

etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht,

-- so mache auch ich mir nichts daraus.«

Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht,

ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren

gekommen. Wenn, -- so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust

seiner Söhne gewiß der härteste Schlag gewesen sein, der sein Herz

getroffen.

* * * * *

Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe

Zeit, welche diesen männlichen, kriegsgeübten Philosophen, der neben dem

Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu führen verstanden,

zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz

des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubenssätze

betätigte, ließ dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stücke zerreißen!

Oder welch' ein Weib muß jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen

Schüler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums

gewürdigt worden ist!

In seiner bischöflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den

Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfaßt. Wohl aber stammen

aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden

Dichter, doch als einen gefühlsinnigen Mystiker kennzeichnen.

In den sog. »Geschichten der Philosophie« wird Synesios meistens nicht mit

gezählt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und

Jamblichos, deren Werke uns größtenteils erhalten sind, kein erhebliches

wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalität und

Tiefe entbehren. Litterarisch jedoch müssen sie als einige der besten

Erzeugnisse des spätesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht

nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen

Philosophie zu würdigen weiß, wird in seiner Geschichte der Philosophie

auch einem Synesios einen Platz vergönnen. In ihm lebte eine schöne Seele

im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist

ein durchaus liebenswürdiger Heroismus.

* * * * *

Insbesondere die Schrift über die Träume.

»Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde:

Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne.

Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines,

Solche täuschen den Geist durch wahrheitlose Verkündigung;

Aber die aus des Hornes geglätteter Pforte herausgehn,

Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.«

Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem

philosophischen Roman »Dion« seine Abhandlung »über die Träume« am meisten

Beachtung.

Aus der letzteren ersehen wir, daß merkwürdigerweise Synesios, diese

entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem

eigenen Geständnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Roß dem

Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein »Träumer« gewesen ist, der

das »Träumen« systematisch betrieb und darüber Buch führte. Und es ist nur

zu bedauern, daß das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht

als Supplement seiner Abhandlung über die Träume auf die Nachwelt gerettet

hat.

Synesios widmet seine Schrift über die Träume zugleich mit dem ungefähr

gleichzeitig vollendeten Essay über Dio seiner geliebten und verehrten

Lehrerin Hypatia. Vor der Veröffentlichung übersandte er sie derselben zur

Begutachtung mit einem ausführlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz

erhalten, -- folgendes hier der Wiedergabe für wert achten möchte: »Ich

habe in diesem Jahre zwei Bücher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott,

zu dem andern durch die Schmähung der Menschen veranlaßt. Denn sowohl unter

den Leuten, die den weißen Mantel tragen, als unter denen, welche in der

schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die

Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schönheit im Ausdruck und auf

Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas über Homer sagen

will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein müßte, und

sich nur mit den göttlichen Dingen befassen dürfte. Sie selbst befassen

sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. --

Sie erklären, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befähigt, und sind

zu diesem ungünstigen Urteil veranlaßt worden, seitdem meine Schrift über

die Jagd, ich weiß nicht wie, in die Öffentlichkeit gelangt ist und bei

einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas

geben, großen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfältig

gearbeitete Gedichte. -- Unter diesen Gegnern sind die einen, deren

Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, über

Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen

allerlei verkehrte Syllogismen zu hören, und auch, wenn man kein Verlangen

darnach hat, so überschütten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie

ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl

werden nämlich in den Städten die Schulmeister und Priester genommen. Du

kennst wohl diesen oberflächlichen Menschenschlag, der ein wirkliches

wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie möchten mich gern zu ihrem

Schüler haben und versichern, sie würden mich dann in kurzer Zeit zu einem

ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden

vermöchte.

Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbärmlichere

Sophisten, als diese. Du weißt, daß manche Leute, die sich in den Schulen

völlig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu

veranlaßt wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, --

sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre

Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand stützt das bärtige Kinn, und der

ehrwürdige Ausdruck ihres Gesichts übertrifft die Bildnisse des Xenocrates.

-- Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn

einer, der für einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so

lange können sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, daß

sie innerlich voller Weisheit stecken.

Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, daß ich mich mit

wertlosen Dingen beschäftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze,

wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir

keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heißt. Gegen

sie habe ich den Dion verfaßt und bin dem Reden der einen und dem Schweigen

der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (über die Träume) habe ich

auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheißen. Sie ist

ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermögen der Phantasie? Ich habe

in ihr Untersuchungen über den ganzen vorstellenden Teil der Seele

angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die

Philosophie der Hellenen noch nicht befaßt hat. Doch wozu bedarf es

weiterer Worte über dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht

ausgearbeitet oder vielmehr in dem übrigen Teile einer Nacht, die mir ein

Traumbild gebracht hatte, daß ich sie eben schreiben sollte. An einigen

Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen,

zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhörer. Und jetzt, so oft ich an

die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtönt

mich, wie der Dichter sagt, eine Art göttlicher Stimme. Ob dies nun eine

Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem

anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn

du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir

also diese beiden bis jetzt unveröffentlichten Schriften.«

* * * * *

Da beide Schriften veröffentlicht wurden, dürfen wir vielleicht annehmen,

daß Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheißen

hat. Die Abhandlung über die Träume geht aus von einer Betrachtung des

Wesens und der Arten magischer Divination überhaupt (1). Die

verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschließen.

Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den

Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vögel, der Chiromantiker

aus den Linien der Handfläche, und mancher andere aus allerlei zufälligen

Vorfällen (+omina+) entziffern zu können (2). Die Divination oder

wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu üben, ist ein unvertilgbares

Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen

von den in dumpfem Genuß des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich

so der reinen, Zeit und Ewigkeit überschauenden Intelligenz der Götter zu

nähern suchen (3). An und für sich muß die Möglichkeit der Divination und

jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls

erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, räumlich und

zeitlich in ursächlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun

empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend

eines seiner Glieder erkrankt, z. B. ein Finger, oftmals ein von diesem

sehr entfernter Körperteil, z. B. die Hüfte einen sympathischen Schmerz

(4). Das berühmte Wort des Archimedes: »Gieb mir einen Punkt außerhalb der

Welt, wenn ich auf sie wirken soll«, gilt nicht für die Magie und

Divination. Die Seele muß passiv mitleiden, muß innerhalb des Ganzen

stehen, um magische Einflüsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den

reinen Göttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich überhalb dieser

Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus:

»Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts,

Und er achtet nicht d'rauf --«

Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf äußerlichen Mitteln

beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die

vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nämlich die

Divination des Traumes (6). Die Fähigkeit dieser Prophetie schlummert in

jedermanns Seele. Während nämlich der vernünftige Geist (%nous%) die Formen

des Seins enthält, schließt die Seele (%psychê%) die Formen des Werdens

ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen.

Die Seele nun enthält zwar sämtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch

in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zuträglichen läßt sie dem

Bewußtsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche

ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heißt Phantasie. Ebenso wie wir von

der organisierenden Thätigkeit der unbewußten Vernunft in uns nur soweit

ein Bewußtsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen für gut

befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der

»ersten« Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die

Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfängt, solche uns widerspiegelt.

Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berührende, niedere,

vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die

Sinnlichkeit selber. Wir können Farben sehen, Töne hören, überhaupt alle

sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafür geschaffenen

körperlichen Organe unthätig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die

Phantasie also ist sowohl das Organ, das für den wachenden Organismus

dessen Verkehr mit der Außenwelt vermittelt, als auch das eigentliche

Traumorgan, und sofern letzteres der Körperorgane nicht bedarf, können wir

durch sie in direkten Verkehr mit der körperlosen Geisterwelt treten. So

ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume

von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelöst oder poetische

Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fähig erschien, weshalb

auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:

»Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewußtseins

Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend

Mühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.«

Wie alle einzelnen Sinne, so muß auch die seelische Grundlage der

Sinnlichkeit überhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der

Gesundheit und Stärke vorhanden sein. Sie kann zu gröberer Stofflichkeit

und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und geläutert

werden. Im ersteren Fall wird sie nur trübe und ungewisse, im letzteren

klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der

Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwärts oder abwärts fährt, oder

auch das Fittichpaar, welches die Seele trägt. Die tugendhafte Seele wird

leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geläuterten Phantasie aufwärts,

indes die sündhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern

beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es für sie, wenn sie dieses

Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glücklich sind noch diejenigen

Seelen zu schätzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual

einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene

Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus

diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem

Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der

Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen

ihrer göttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der

Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die

Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schönheit

eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergißt, und um bei jener

zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin

bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des

Herakles und ähnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als

das Bemühen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die

Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.

Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurückkehrt, führt auch die

Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder Ätherleib zu

denken scheint, mit aufwärts. Daß die seelische Leiblichkeit, die

Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des göttlichen Daseins

teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der

Sibylle:

»Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,

Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!«

Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele,

ihr Phantasie- oder Ätherleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele

selbst (11).

Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen

Raum zu durchschweben, indem sie mit den Örtern die Zustände und

Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie

aber ihren ursprünglichen Adel und ihre völlige Unschuld wieder

zurückerlangt, wird sie das Gefäß der reinen Wahrheit, die auch die

vollendete Schönheit ist, rein, licht und unvergänglich. Göttlich, wie sie

alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen.

Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhüllt mit

Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lüge, und wird immer unfähiger, die

Dinge zu unterscheiden (12).

Das beste Mittel nun, die Phantasie zu läutern und ihre Schwingen zu

kräftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die

Seele und nähert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und

zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt

in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und

gut geregelt ist, der erhält sowohl wachend wie träumend nur getreue

Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge

zumal im Traume erhält, der kann zugleich ruhig sein über den Zustand und

das Los seiner Seele, er ist der Gottheit näher (13).

Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Träume gegeben. Die

Träume sind aber auch für das praktische Leben vom größten Wert. Denn wer

wahre Träume haben will, muß ein nüchternes und keusches Leben führen, wer

sein Bett zu einem delphischen Dreifuß machen will, muß sich hüten, es zum

Zeugen nächtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf

durch Gebete vor (14).

Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten

ungeschickter für das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele

von der Höhe aus weit besser alles überschauen, was darunten ist, als wenn

sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wünscht Synesios die Kunst der

Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann

niemals nötig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu

machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche

Penelope, von der Homer (+Odyssee XVII, 48+) sagt:

»Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch

Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.«

Während Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande äußerlicher Mittel,

deren sie dazu bedürfen, für ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen

lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines ägyptischen Vogels, keines

Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer

Rarität vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf überhaupt keines Talismans,

man legt sich schlafen, -- das ist alles; im übrigen ist man sein eigenes

Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele

offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste

ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Träumen innerhalb seines Staates

zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).

Der Unglückliche wird durch Träume getröstet und erquickt, und faßt neue

Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fühlt er sich seiner

Bande entledigt und genießt eine unbeschränkte Freiheit (16). Die Träume

sind entweder unmittelbare Wahrträume, -- solche haben schon manchem Denker

ein Problem gelöst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemüht hatte.

Auch Synesios selbst hat solchen Träumen vieles zu verdanken gehabt;

besonders während seines dreijährigen Aufenthalts in Konstantinopel haben

sie ihm viel genützt, indem sie ihm die Ränke und Intriguen der Gegner

seiner diplomatischen Mission enthüllten; aber selbst in seiner

Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, haben sie sich ihm häufig dienstbar

erwiesen, indem sie ihm die Fährten und Schlupfwinkel des Wildes

entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden

und zu stellen.

Die meisten Träume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine

besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch

eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen

bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern können,

so können wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende

Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder König nicht selber

zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und

kündigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus.

Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, künstlichen oder

natürlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nähe eines Hafens oder einer

gefährlichen Stelle (20, 21).

Diese Traumsymbolik ist aber durchaus _individueller_ Natur, auf allgemeine

Traumregeln ist kein Verlaß. »Es giebt Menschen, die sich kleine

Bibliotheken über Traumdeutung anschaffen. Ich für mein Teil lache über

alle diese Abhandlungen und halte sie für völlig wertlos. Die Phantasie der

Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie

ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein

wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein

Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung

aufzustellen wagt, möchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave

Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstände auf gleiche

Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat,

ist es unmöglich, daß dieselbe Traumvision für alle dieselbe Bedeutung

habe.« (22, 23).

Um sich nun eine individuell gültige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man

ein Tagebuch führen, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach

irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur

ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch

sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis fördern und

selbst zur stilistischen Bildung und zur Unterstützung unseres

Gedächtnisses dienlich sein können (24). Synesios berichtet nun, daß er ein

solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit größter Genauigkeit und nicht

ohne häufigen praktischen Nutzen geführt habe.

* * * * *

Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios über die Träume.

Wenn ich dieselben hier für mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht

nur in dem rein geschichtlichen Interesse, daß wir in ihr die einzige auf

uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich

+ex professo+ mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen

Deduktion befaßt. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, +Oneirocriticon+,

enthält zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten über die

Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der

Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es

ist nicht ohne Interesse zu bemerken, daß Synesios in seiner Auffassung der

Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden

Grundvermögens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst kürzlich

der jüngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewürdigten

Anthropologie und Psychologie mit großem Aufwande deutscher

Gelehrtengründlichkeit und empirischer Beobachtung zu begründen versucht

hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. III ff., ferner dessen

Seelenfrage, +pag.+ 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche

zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, _sie_ ist ihm,

ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder »Ätherleib« des

Menschen. Als solche bethätigt sie sich (1) in der vorbewußten

Leibesgestaltung und Mimik.

Daß sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklärt sich

durch die Ansteckung der Phantasiethätigkeit, durch den seelischen Rapport

zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einfluß, den das

Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausübt

(Versehen, Ähnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich

durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum

Trotz so oft auffallende besondere Individualität der Gestaltung.

2) Sodann bethätigt sie sich als unwillkürliche, aber doch die

Bewußtseinsschwelle häufig überschreitende traumbildende Triebkraft.

Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrträumen, die

der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele.

3) Ihre höchste Leistungsfähigkeit erreicht sie in der bewußten

ästhetischen Bildungskraft des Dichters und Künstlers.

Man vergleiche ferner »die Symbolik des Traumes« von Fr. G. H. v. Schubert.

Leipzig (Brockhaus), 1840.

Fünftes Kapitel.

Die Gnostiker und Manichäer.

Die Persönlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied

zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wäre aber irrig,

anzunehmen, daß Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentümlichen Mischung

antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im

Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte

der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine

ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein

pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken

als _Gnosticismus_ zu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welche

%gnôsis% = Erkenntnis, nicht bloß %pistis% = Glauben wollten, als

Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das

Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verständlich.

In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf

hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind: +Irenaeus+, Widerlegung

des fälschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog.

+philosophumena Originis+. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfaßt von

einem Schüler des Irenäus, namens Hyppolitus.

Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende:

Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an;

der Mensch als moralisch-religiöses Wesen stammt von Gott und ist Gottes

Ebenbild. Gott ist Güte und Geist. Wenn aber Gott Güte und Geist ist, woher

kommt die Materie und das Böse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhang mit

Gott? Nein; sie können nicht von Gott sein. Denn die Wirkung muß der

Ursache ähnlich sein. Das Böse und die Materie sind aber Gott

entgegengesetzt, das Böse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie

denn? Nach der _einen_ Richtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die

Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit.

Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knüpfen an die

Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus

den Geistern wieder andere u. s. w. Jede folgende Emanation ist aber

geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom

Mittelpunkte entfernt, desto schwächer wird. Die Grenze der Emanation ist

die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schöpfung aus Nichts. Diese

ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er

keine Analogie hat. -- Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die

Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von

Gott. -- Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt

darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlösung

der gefallenen Geister erscheint dann _Christus_, er, ein reiner Geist,

kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese

macht selig, und diese allein.

Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche

verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen

sinnlichen Genüssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die

den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hält von Gott. Nach den

Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der höchste. Er hat ja die Welt

erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des

Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. -- Damit verbunden war der

Doketismus, die Lehre, daß Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum

Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist dürfte er

sich mit der Materie nicht beflecken.

Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wüst und für uns

ungenießbar, ähnlich der des Juden Philo. Aber für die damalige

Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht

auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein

mythologisches Gewand.

Die Namen der Gnostiker aufzuzählen, lohnt sich nicht der Mühe. Einer der

berühmtesten war Valentin, der um 140 n. Chr. in Rom lehrte.

Nächst diesem war der bedeutendste _Mani_, der Stifter der

_Manichäersekte_. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende

des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der

Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte.

Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manichäer gewesen.

Neuntes Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.

Erste Abteilung.

Die Kelten.

Erstes Kapitel.

Die Druiden.

Wir bringen Kelten und Germanen unter einem »Buche« zusammen, weil beide

Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur räumlich, sondern

auch verwandtschaftlich _besonders nahe_ gestanden haben. Die _Kelten_

werden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit

blauen Augen und blondem oder rötlichem Haar geschildert. Menschen von

kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbändige

Leidenschaftlichkeit und Rivalitätssucht, wie besonders Cäsars Kommentarien

beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum

Untergang der Art und Sprache führte, so daß das Keltenblut jetzt nur noch

als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von

Bedeutung ist.

Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z. B. den Galatern in

Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, --

jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den »Gäler« erhalten, -- zur Zeit,

wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des

heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland

ein.

Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch

aufgefaßten Germanen, deren höhere Gesittung schon Justus Möser

nachgewiesen hat, auf einer nicht unverächtlichen Zivilisationsstufe. Das

beweist schon ihr Äußeres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen

Leibröcken, über die sie einen Gürtel von Gold oder Silber trugen, aus

langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bänder zierten die Handwurzeln

und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den

Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit

wappenmäßigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange

starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stoßlanzen

ihre Waffen. Sie waren berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der

Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Münzmeister.

Das _Religionssystem_ der Kelten würde gewiß, da es eine besonders

hochentwickelte _Geheimlehre_ dieser hocharistokratisch angelegten Rasse

war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders

in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwürdige Berichte über seine

Einzelheiten besäßen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog.

_Neo_-Druidismus, der von einigen modernen wälischen Schriftstellern

erfunden ist, kritiklos mit der _alten_ Geheimlehre der Kelten zu

verwechseln.

Wir werden uns daher zunächst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber

zuverlässig getreuen Skizzierung ihres Systems begnügen.

Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stände der Druiden und Krieger.

Das gemeine Volk, auch seinem Äußeren nach teilweise als von anderem

Aussehen geschildert, -- schwarzhaarig, kleiner gebaut, -- bestand wohl

größtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse.

Während der Krieger-Adel sich ausschließlich der Waffenübung und der Jagd

widmete, waren die _Druiden_ im Besitz aller religiösen und profanen

Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in

einer Person. Dies erinnert auffällig an das indische Verhältnis der

Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas.

Der Name »_Druiden_« wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem

griechischen %drys% = Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtümer mit

Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom

keltischen Dryw, wälisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort für einen

»weisen Mann«.

Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln

unter ihren Mitbürgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch

klösterliche Vereinigungen erwähnt werden[870], jedenfalls aber standen sie

in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes

Haupthaar, den Bart aber lang. Die höheren Grade trugen golddurchwirkte

Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weißer

Stab, +Slatan drui eachd+ oder Zauberstab genannt; ferner die

Druidenknöpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Höhe des Grades

zusammenhing, und das in Gold gefaßte Schlangenei, vermutlich die

Auszeichnung des höchsten Grades.

In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trägt der Druide auch das Bild des

gehörnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der

Hand, oder ein Füllhorn mit darüberschwebendem Monde. In allen Abbildungen

erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog. _Pentalpha_, nämlich

zwei sich durchkreuzende Dreiecke:

[Illustration: Pentalpha]

Jeder freie und edle Jüngling konnte in den Druidenorden aufgenommen

werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mündlich erteilt, weil man den

Gebrauch der Schrift, den man selbstverständlich sehr wohl kannte, bei dem

Charakter der _Geheimlehre_, der durch die Schrift bedroht ward, für

unerlaubt und schädlich hielt. Auch meinte man, daß nur durch das lebendige

Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und

unvertilgbar dem Geiste einpräge. Durch den Gebrauch der Schrift würde auch

das Gedächtnis geschwächt und eine oberflächliche Buchgelehrsamkeit

gezüchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie

die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen.

Außerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. -- Die

Unterrichtsplätze waren abgelegene Wälder und Höhlen, und der Unterricht

selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen muß in manchen Richtungen von

großer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z. B. Quintus Cicero, der

bekannte Unterfeldherr Cäsars und Bruder des Redners, indem er sich seines

vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rühmt, voll Bewunderung

darüber aus. Da indeß ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig

Zuverlässiges darüber erhalten. Aus +Macrob. Sat. I, 21+ läßt sich

schließen, daß sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben.

Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Cäsar sagt, daß sie über die

Größe und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zählten die Zeit

nicht nach Tagen, sondern nach Nächten, was sich in der englischen Sprache

(+fortnight+) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, daß sie in

Übereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre

berechnet haben und sich eingehend mit den Erhöhungen der Mondkugel

beschäftigen, möchte man annehmen, daß ihnen schon der Gebrauch

vergrößernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter bei +Ersch und

Gruber S. 490+ möchte die sog. Druidenknöpfe, aus Krystall oder Glas

geschliffene Linsen, die man bis zu 1 1/2 Zoll Durchmesser findet, damit in

Zusammenhang bringen.

Nach Strabon (+IV, 4+) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden,

sie sei unvergänglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles

überwältigen.

Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert

sowohl an den indischen wie an den ägyptischen Occultismus.

Besondere Achtung genoß ihre ärztliche Kenntnis.

Unter den mannigfachen Heilkräutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (+H. N.

VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.+) zuschreibt, nahm die _Mistel_[871] die

erste Stelle ein.

»Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen«, meint Richter a. a. O.,

»mußte es ihnen als ein Wunder erscheinen, daß dieselbe nicht auf dem

Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bäumen wuchs und hier ohne

Samen erzeugt zu sein schien.« »Vorzüglich gesucht war die auf _Eichen_

wachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste

Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwäldern

wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtsstätte. Was aus

ihr hervorkam, war ein Zeichen göttlicher Gnade, und da überdies die Mistel

selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als

göttliches Geschenk. Sie wurde mit großer Feierlichkeit abgenommen und zwar

am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer

und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das

Joch gekommenes Rinderpaar herbeigeführt. Dann stieg der Druide im weißen

Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und

ließ sie in einem weißen Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder

geschlachtet und die Götter angerufen, daß sie denen, welchen sie diese

Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen möchten. Die Mistel wurde

teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl

äußerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhärtung,

Kröpfe, Geschwüre, und Klauenfäule an; sie reinigte das Rindvieh und machte

es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde

gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne daß sie die Erde

berührte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere

und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hieß sie

in der Sprache der Druiden die _Alles Heilende_.«

* * * * *

Die Druiden sollen ihre Lehrsätze immer in _Triaden_, d. h. in drei

miteinander verbundenen Sätzen geordnet haben.

Bezüglich der _Seele_ soll die druidische Triade in folgenden drei Sätzen

bestanden haben: 1. die Seele ist unsterblich; 2. sie wandert nach dem Tode

in andere Körper; 3. nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie

wieder leben und wiedergeboren werden.

Richter meint, daß dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder

Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die

gereinigte Seele wieder in den göttlichen Schooß zurückkehrt. Jedenfalls

fiel den Römern die außerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an

Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten

sie, daß man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben

könne. Daher müsse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich

zurückziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte

oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven,

Klienten. Auch Angehörige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um

in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl. +Caesar de bello

Gallico, VI, 18.+ +Pomp. Mel. III, 2.+ Man gab den Toten sogar Briefe mit

an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem

Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung

auf das Jenseits an, in der Überzeugung, daß ihr der Schuldner dort

wenigstens gerecht werden werde. +Diod. Sic. V, 28.+ +Valer. Maximus

II, 6.+

Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden

im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2. die Barden, heilige Sänger,

3. die Vates oder Seher.

An der Spitze des ganzen Ordens stand ein _Oberdruide_, Hoherpriester,

+Coibhi+ oder +Coibhi Druidh+. Dieser regierte unumschränkt und

lebenslänglich, wurde aber gewählt, wie es scheint, gewöhnlich durch

allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei

der Papstwahl zulässig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man

annimmt, daß sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. --

Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder

auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf.

Der Oberdruide wählte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den

Vergobret. Dieses keltische Wort = +feargobreith+ ist nach Möbius

zusammengesetzt aus +fear+ = +vir+, +go+ = +ad+, +breith, bread, brawd+ =

+judicium+, so daß es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch

bis zur französischen Revolution führte der Maire von Autun den Titel

+Verg+ oder +Vierg+. Um sich ein würdigeres Aussehen zu geben, sollen die

Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben.

Die gallischen Druiden wurden unter der späteren Zeit der römischen

Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptsächlicher Teil ihres früheren

Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Städten, die

früher ihre heiligen Örter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der

früheren Druidenklöster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche

gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie

sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu

besorgen gehabt, z. B. +Apollinaris+, +Delphidius+, +Phoebicius+, Namen,

die anzeigen, daß solche Männer aus Priestergeschlechtern stammen, die dem

gallischen +Apollo-Belen+ ergeben waren. Vergl. +Ausonius, professores IV,

v. 7.+

Zweites Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.

Ein häßlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig

so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe für _Menschenopfer_.

»Das ganze gallische Volk«, schreibt Cäsar, »ist außerordentlich dem

Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in

schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden,

Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, daß

der Geist der unsterblichen Götter nicht anders befriedigt und versöhnt

werden könne, als wenn für das Leben des einen Menschen das des andern

hingegeben würde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen

gallischen Völkern giebt es Bilder von ungeheurer Größe, deren Gliedmaßen

mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefüllt werden,

die dann durch Verbrennung des hölzernen Bildes getötet werden. Sie

glauben, daß die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Räuber und

Verbrecher überhaupt den Göttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen

Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen.« +Caesar, de bello

Gallico VI, c. 16.+

Die Staatsopfer wurden nach +Diodor Sic. V, 31. 32.+ zum Zweck der

Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert

in die Herzgrube und ließ ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften

Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschließen

zu können.

Die Hauptgottheit, die in der _exoterischen_ Druidenreligion verehrt wurde,

nennt Cäsar _Merkur_. Der gallische Name scheint +Teutates+ gewesen zu

sein.

Die römische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir

erfahren, daß +Teutates+ _Seelenführer_ war.

Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung

bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben.

Nach dem Vordersatz der über Teutates berichteten druidischen Triade war

er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenführer und nach

dem Schlußsatze das Getriebe der lebendigen Welt.

Die zweite Gottheit war +Esus+ oder +Hesus+, romanisiert Mars. Die Triade

über ihn lautet: 1. Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute

gelobt; 2. nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3. das Übrige

(Waffen und Geräte) auf Einen Ort zusammengetragen.

Die dritte allgemeine Gottheit hieß +Taranis+ (vom keltischen +Taran+, der

Donner), von den Römern als Jupiter gedeutet.

Nächst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt

bezogen wird, war der von Cäsar als Apollo bezeichnete _Belin_, Belen oder

_Abelio_ der wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion.

Eine Mondgöttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva

ähnlich gedacht zu sein.

Eine große Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und

Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallisch +Dusii+ genannt, ein

Wort, das noch im englischen +Duce+ oder +Dewce+, Teufel, nachklingt. Die

Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie

beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber.

Schon zu Cäsars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz

besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872] Hier, und abgesehen von Man,

in Wales haben sich auch die meisten Denkmäler des keltischen Glaubens

erhalten; und zwar nicht nur die berühmten Steindenkmäler; auch das

_Bardentum_ hat sich wenigstens in Wales unter oberflächlicher christlicher

Gewandung bis weit in die christliche Ära hinein erhalten und es soll nach

den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl. +Mona, S. 468+) das

Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein

(Neo-Druidism). Es soll nämlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten

Anhängern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in

Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar

Thatsache, daß die wälischen Barden nicht ausgerottet worden und

insbesondere, daß sich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der

Druiden anknüpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, daß jedoch

der Stuhl von Glamorgan sich weit überschätzt und kein alt-druidisches

Bardentum mehr bewahrt habe.[873]

Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wälischen

Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstücke, unter denen eine

Art keltischer Edda, +The Myvyrian, archaeology of Wales, collected out _of

ancient manuscripts_, London 1801-1807+, an der Spitze steht.

Und aus dieser Litteratur lassen sich Rückschlüsse auf einige Teile

druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder

sind Triaden, d. h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der

interessantesten mythologischen Triaden ist die von +Hu gadarn+, dem

mächtigen Hu.

Hu (sprich Hy) war ein Führer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das

Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte.

Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei großen

Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er

bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur

Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (+Yehain Banaweg+)

verrichtete Hu eine der drei großen Heldenthaten, er ließ nämlich den Avanc

(Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die

Überschwemmung der Erde aufhörte.

Nach Owen heißt Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden

den Zusatz haben »wo nun Konstantinopel steht«, die heutige Krim(?)

verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer Überschwemmung die Rede

ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine

tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eine

_Schöpfungssage_ ist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller

Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild für die Ursache

des Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der

starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch

die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der

Schöpfungsstoffe geteilt in Festes und Flüssiges, wofür der Biber, der mit

dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehört, ein zutreffendes

Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen

im Frühjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frühlings;

er trieb den Biber heraus, d. h. er brachte den Kern der Welt zur

Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d. h. nach der Teilung der

Weltkräfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen

half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das

Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der

Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die

Harmonie der Sphären, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der

Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt

sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mächtigen Hu; denn sie

sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei,

d. h. gegen die über ihre Grenzen getretenen Kräfte, hängt damit zusammen.

Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet über Maß und

Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben.

»Hu«, singt der Barde Jolo Goch, »ist der Herr, der bereitwillige

Beschützer, der König und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser über Land und

Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der größte,

der Herr über uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses.

Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen,

groß ist er in Land und Meeren, der größte, den ich sehen werde, größer als

die Welten.«

Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heißt er

Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloße

Verwandlung, keine Zerstörung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, ähnlich

den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys.

In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des _Taliesin_.

Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich

»vom Kessel der Ceridwen« nannte.

_Ceridwen_ war nach dieser Geschichte ein zauberkräftiges Weib, das um

seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schöner zu machen, einen

Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, störte sie in

diesem Beginnen. Eines Tages, während Ceridwen Kräuter suchte und mit sich

selber murmelte, begab es sich, daß drei Tropfen des kräftigen Wassers (aus

dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn

und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese köstlichen Tropfen seine

Lippen berührten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft

geöffnet und er sah klar ein, daß seine größte Sorge sein mußte, sich vor

der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so groß war. Er floh

heimwärts mit der größten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hälften;

denn alles Wasser darin, außer den drei kräftigen Tropfen, war giftig, so

daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne

tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hieß

nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke

kam Ceridwen herein und sah, daß ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie

nahm einen Rührstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, daß eines

seiner Augen auf seine Wange fiel. »Du hast mich ungerecht verunstaltet«,

rief Morda, »du siehst ja, daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht

durch meinen Fehler verursacht.« »Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der

Kleine war es, der mich beraubte.« Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion

sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte

seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang

ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und wurde ein

Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im

Wasser, so daß er genötigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die

Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das

Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd

vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er

ließ sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm

die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab,

scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie

die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als

sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, daß

sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein

Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das

Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des

Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war

herkömmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert

Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den

unglücklichsten und ärmsten Jüngling. Dies war ein großes Herzeleid für

seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, daß er zur Unglücksstunde

geboren sei. Die Ratgeber überredeten indeß den Vater, seinen Sohn diesmal

die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein

gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekäme, um in der Welt

aufzutreten. Am nächsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die

Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem

Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: »So

ganz und gar unglücklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht

geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstört, worin man am

ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing.« »Wie so?« sprach Elphin, »das

Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten.« Das Fell ward

aufgehoben, und der Öffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte

zu Elphin: »sieh die strahlende Stirne!« »Strahlenstirne (Taliesin) sei

denn sein Namen!« erwiderte der Fürst, der das Kind in seine Arme nahm und

es seines eigenen Unglücks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf

sein Roß, als wenn es im bequemsten Stuhl säße. Gleich darauf dichtete das

Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte

es ihm seinen künftigen Ruhm. (Die Tröstung war das erste Lied, das

Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der über sein Mißgeschick beim

Reusenzug sich grämte, noch mehr, weil er dachte, daß die Welt das

Mißlingen und Unglück ihm allein zuschieben würde.)

Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es

fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf

antwortete es in folgendem Liede. »Ich bin Elphin's erster Hausbarde und

meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte

mich Herddin, zuletzt jeder König Taliesin. Ich war neun volle Monate im

Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich

Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der höheren Welt, als Lucifer fiel

in die höllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die

Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion),

im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron;

ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don,

ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim

Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher

beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwälzung im Kreise des

Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstörung

von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam

hierher zu den Überresten von Troja (d. h. nach Britannien). Ich war mit

meinem Herrn in der Eselskrippe; ich stärkte den Moses durch des Jordans

Fluß; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt

vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in

Lochlyn. Ich litt Hunger für den Sohn der Jungfrau. Ich war im weißen Berge

(dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und

Tag. Ich wohnte im Königreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein

Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis

zum jüngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich saß auf dem erschütterten Stuhl

zu Caer Sidin, der beständig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es

nicht ein Weltwunder, daß er nicht einen Glanz zurückstrahlt?« Gwyddno,

erstaunt über des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und

bekam zur Antwort: »Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist

nützlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten,

weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können.

Dreimal bin ich geboren; ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist

traurig, daß die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu

suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das

gewesen, und alles, das sein wird.«

* * * * *

Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis

zur höchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel

der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar

der höchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.

Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin,

die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mußte, wie der Meister

des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prüfungen

voraus, und von der ersten oder natürlichen Geburt bis zur zweiten war der

Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem

Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil

wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen

ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr

Teil vom erwachten Geiste zurückfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel

oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter

Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schönheit, d. h.

zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang

kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt

ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und

heißt nicht mit Unrecht der kleine, nämlich der Jüngling, der in die Schule

der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Läuterungen, bis

er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde

aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt

tritt er in einen höheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste

Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der

etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des

Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknüpft,

also durch die Frühlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien

gegründet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die

Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende

Verwandtschaft durch die ganze Sage, und muß jeden zu dem Geständnis

nötigen, daß von dem großen Lehrgebäude des Kesselordens uns nur wenig

erklärlich und verständlich geblieben.

* * * * *

Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen

Bardendichtungen mögen genügen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine

Mitteilungen daraus mit den Sätzen schließt:

»Es ist eine weite Aussicht, die sich uns eröffnet, eine vielgestaltige

Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir

treten. Wir müssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht,

mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das höhere Licht

verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen

wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverständigkeit beschönigt wird,

zerstört ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der

Glauben ohne Gründlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige

Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedürfe nur seiner Ansicht und

Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der

Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich

vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe

noch Haß hineinzutragen, _da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und

bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu

machen, dieses nämlich, daß mit dem nordeuropäischen Heidentum, vorzüglich

mit dem deutschen und keltischen, eine große Menge und Tiefe der

Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist_.«

Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.

Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, würde eine sehr

komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die _Entwicklungsgeschichte_

der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen

der einzelnen germanischen Stämme getrennt halten wollten.

Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein

anerkannten Ergebnissen gelangt.

Unsere Quellen über die vorchristliche Zeit sind äußerst dürftig. Erst die

_nordische_ Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns

reichhaltigeren Stoff gebracht. Über diese aber äußert sich wohl mit Recht

_Golther_, Götterglaube und Göttersagen der Germanen, S. 1, dahin: »Gerade

diejenige Götterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von

erhabenen Gedanken erfüllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint,

die norwegisch-isländische, die auch den Deutschen und überhaupt einmal

allen Germanen angehört haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine

eigentümliche Neuschöpfung der Nordleute, als der letzte krönende _Abschluß

einer Entwicklung_, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt

hatte.« Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschluß der

Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darüber zu

behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Cäsars, oder zur Zeit

der Völkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen

Völkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im

_Keime_ mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer

Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.

Erstes Kapitel.

Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.

Der Occultismus des Altertums · 第 151 / 155 题