Die Therapeuten und Essäer.
Die Sittenlehre der alexandrinischen Propheten ist das Gesamtprodukt des
väterlichen Glaubens, der platonischen Philosophie und der
Zeitverhältnisse, insofern der politische Druck, welcher auf den Juden
lastete, einige ihrer Leute zwang, im eigenen Innern den Trost und die
Befriedigung zu suchen, die ihnen die Außenwelt versagt, daher ihre Mystik.
Als Anhänger Platos flüchteten sich so die Mystiker unter den
alexandrinischen Juden in die innere Geisteswelt, und die Entfremdung von
der Welt, die Abtötung des Leibes wurden zur höchsten Tugend. Doch als
Juden, die im unerschütterlichen Glauben an ihr Gesetz aufgewachsen waren,
gaben sie nur die irdischen Hoffnungen der _nächsten_ Zeit auf und
erwarteten nach den alten Verheißungen eine herrliche Zukunft voll Glück,
in welcher ihr Glaube die ganze Welt beherrschen werde. So wurde die
Hoffnung, daß einst bessere Zeiten kommen würden, der Glaube, daß der Gott
der Väter sein Volk nicht verlassen werde, das Merkmal der echten Juden,
und wenn ihr in der Fremde von allen irdischen Genüssen abgekehrtes Gemüt
nicht ersterben sollte, mußte jene tiefe, in allen Systemen der Mystik
wiederkehrende Liebe die Leere des von der Außenwelt unbefriedigten
Judengemüts ausfüllen.
Nur aus diesen allgemeinen Verhältnissen läßt es sich erklären, warum wir
in beinahe allen übriggebliebenen Denkmälern der alexandrinischen
Theosophie neben den platonischen Tugenden den Glauben, die Liebe, die
Hoffnung und die Befreiung von den Fesseln des Fleisches als die höchsten
Güter genannt finden. -- So viel über die jüdischen Mystiker in Alexandria.
Es ist nun der Nachweis zu führen, daß die alexandrinische Theosophie, die
Lehre Philos, nach Palästina verpflanzt wurde. Dieser Beweis ergiebt sich
daraus, daß die Sekte der Therapeuten der alexandrinischen Mystik zugethan
war und daß die Essäer, wenn sie nicht von ihnen abstammen, doch auf das
Engste mit ihnen zusammenhängen.
Daß die Therapeuten die theosophischen Anschauungen Philos teilten, geht
aus dem großen Lob hervor, welches dieser ihnen spendet; denn in einer
religiös so bewegten Zeit, wie die Philos war, wird nicht leicht ein
Mystiker von so ausgeprägten Anschauungen wie Philo eine religiöse Partei
loben, deren Lehren nicht mit den seinen harmonieren. Philo sagt von den
Therapeuten[733]:
»Das an das Schauen gewöhnte Geschlecht der Therapeuten möge fortwährend
nach der Erkenntnis des Höchsten streben, es möge die sichtbare Sonne
überfliegen und nie seinem Berufe untreu werden, welcher zur vollkommenen
Glückseligkeit führt. Denn diejenigen, welche sich der Beschauung weihen,
-- nicht aus Gewohnheit oder durch äußere Anforderungen bewogen, sondern
von himmlischer Liebe ergriffen, -- sind wie Korybanten höherer
Begeisterung voll, bis sie das Ersehnte erschauen. Und weil sie aus
heiliger Sehnsucht nach dem seligen und ewigen Leben schon hier der
sterblichen Hülle abgestorben zu sein glauben, überlassen sie freiwillig
alle Habe ihren Söhnen, Töchtern, sonstigen Verwandten und Freunden.«
Zeugt nun schon dieser und mancher andere Ausspruch Philos für die
Wahrscheinlichkeit der Gleichheit seiner religiösen Anschauungen mit denen
der Therapeuten, so läßt sich dieselbe auch thatsächlich nachweisen. Dazu
ist jedoch notwendig, daß wir Philos Nachrichten von den Therapeuten
vollständig wiedergeben. Er sagt[734]:
»Wenn sie ihr Vermögen abgetreten haben, fliehen sie -- von keinem Reize
mehr zurückgehalten -- unaufhaltsam weg von Brüdern, Kindern, Weibern,
Eltern, von ihren Verwandten und Freunden, von dem Orte, wo sie geboren und
erzogen wurden. Denn sie kennen den verderblichen Einfluß, welchen die
Gewohnheit auf bessere Entschlüsse ausübt. Sie wandern auch nicht nur in
eine andere Stadt wie unglückliche oder schlechte Sklaven, die ihren
seitherigen Herrn um Verkauf bitten und damit keine Freiheit, sondern nur
einen Wechsel der Knechtschaft erreichen: vielmehr eilen sie hinweg von
allen Städten (denn jede -- auch die besser eingerichtete -- ist voll Lärm,
voll Unheil und Unruhen aller Art, welche ein Mann nicht mehr ertragen
kann, der einmal die Weisheit gekostet hat), in Gärten und entlegene
Landhäuser, um die Einsamkeit zu genießen, nicht als ob sie die Menschen
haßten, sondern weil sie wissen, daß der Umgang mit Andersgesinnten, der in
der Welt nicht vermieden werden kann, Verderben bringt.«
»Das Geschlecht der Therapeuten ist über die ganze Erde verbreitet, denn
Hellas und die Länder der Barbaren sollten einer so edeln Anstalt nicht
entbehren. In größter Anzahl aber finden sie sich in Ägypten, in jedem der
sogenannten %noma% und endlich in der Nähe von Alexandria. Die besten unter
allen Therapeuten eilen -- als in die gemeinsame Heimat -- an einen schönen
Ort, der über dem See Möris auf einer sanften Anhöhe liegt und hinsichtlich
der Sicherheit wie der gesunden Luft alle Vorzüge vereinigt. Für die
Sicherheit sorgen nämlich die umherliegenden Höfe und Dörfer, und seine
gesunde Luft verdankt der Ort den Winden, die sowohl vom See her, welcher
ins Meer ausmündet, als auch von dem nahen Ozean wehn. Die Lüfte vom See
her sind fein, die vom Meer her dichter, die Mischung beider ist der
Gesundheit sehr zuträglich. Die Häuser dieses Ortes sind sehr einfach und
nur auf die notwendigsten Bedürfnisse berechnet, nämlich zum Schutz gegen
die Kälte, sowie gegen die Glut und Sonne. Sie stehen nicht so nahe
aneinander wie in den Städten, denn Nachbarschaft ist beschwerlich für die,
welche die Einsamkeit suchen; aber sie sind auch nicht sehr weit
voneinander entfernt, teils weil ihre Bewohner Gemeinschaft mit einander
haben wollen, teils zur Sicherheit und gegenseitigen Unterstützung bei
Angriffen von Räubern. In jedem Hause ist ein Heiligtum, das sie Semneion
oder Monasterion nennen, in welchem Jeder in tiefer Einsamkeit die
Geheimnisse des geweihten Lebens übt. Sie bringen nichts in dieselben, was
zur Notdurft des Lebens gehört, keine Speise, keinen Trank; sie
beschäftigen sich dort allein mit Gesetzen und Orakeln, von Propheten
erteilt, mit Lobgesängen auf Gott und solchen Dingen, durch welche
Wissenschaft und Frömmigkeit gefördert werden. Das Denken an Gott weicht
nie aus ihren Seelen, so daß sie auch im Traume nichts anderes als die hohe
Schönheit der göttlichen Tugenden und Kräfte schauen. Viele reden selbst im
Schlafe von den herrlichen Lehren heiliger Philosophie.[735] Zweimal beten
sie täglich mit der Morgenröte und gegen den Abend. Wenn die Sonne
emporsteigt, flehen sie um einen wahrhaft guten Tag, daß nämlich das
himmlische Licht in ihren Seelen aufgehe. Wenn sie untergeht, bitten sie,
daß ihre Seelen gänzlich befreit von der Last der Sinnesorgane und der
äußeren Welt, in ihr innerstes Heiligtum versenkt, die Wahrheit erschauen
mögen. Die Zeit zwischen Morgenröte und Abend wird von ihnen religiöser
Übung geweiht. Mit den heiligen Schriften beschäftigt, suchen sie Weisheit,
indem sie den heiligen Urkunden einen tieferen Sinn unterlegen, denn sie
glauben, daß die Worte Sinnbilder einer tiefer liegenden Wahrheit seien,
die nur angedeutet, nicht ausgesprochen ist. Sie besitzen auch Schriften
alter Weisen, der Stifter ihrer Sekte, welche viele allegorische Denkmale
hinterlassen haben. Nach Anleitung dieser suchen sie die verborgene
Weisheit auf. Außerdem aber dichten sie selbst auch Gesänge, auch Loblieder
auf Gott in mannigfachem Metrum, je nach dem es der Gegenstand erfordert.
Sechs Tage lang sind sie, jeder für sich, in der Einsamkeit, in den oben
beschriebenen Monasterien beschäftigt, ohne je die Schwelle des Hauses zu
überschreiten, ja selbst ohne hinauszugehen. Am siebenten kommen sie
zusammen und setzen sich nieder nach ihrem Alter in anständiger Stellung,
die Hände einwärts gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke
an die Hüfte geschmiegt. Der Älteste und Erfahrenste tritt auf und spricht
mit ruhigem Blick und gelassener Stimme, nicht wie die heutigen Rhetoren
und Sophisten auf künstliches Gerede bedacht; sondern gründlich den höheren
Sinn der heiligen Schriften entwickelnd, in einem Vortrag, der nicht blos
am Ohr vorübereilt, sondern in die Seele eindringt und bleibend wirkt. Die
Andern hören ruhig zu und geben ihren Beifall nur im Winken der Augenlider
und des Hauptes zu erkennen. Das gemeinschaftliche Semneion, in welchem sie
sich am siebenten Tage versammeln, besteht aus zwei getrennten Flügeln,
deren einer für die Männer, der andere für die Weiber bestimmt ist. Denn
auch Weiber, die von demselben Eifer beseelt sind und die gleiche Lebensart
erwählt haben, hören zu. Die Mauer zwischen beiden Betsälen erstreckt sich
drei oder vier Ellen hoch nach Art einer Schutzwehr. Der obere Raum bis zum
Dach ist freigelassen. Diese Einrichtung hat zwei Gründe: Erstlich, daß der
Anstand, der sich für Weiber ziemt, gewahrt werde; und zweitens, damit
letztere doch die Stimme des Sprechenden leichter vernehmen können.«
»Die Enthaltsamkeit erachten sie für den Grund aller Tugenden, auf welchen
die andern gebaut werden müssen. Vor Sonnenuntergang nimmt keiner von ihnen
Speise oder Trank zu sich, denn sie betrachten die Beschäftigung mit
Weisheit als das einzige würdige Werk des Lichts, die körperliche Notdurft
dagegen als eine Sache der Finsternis, weshalb sie jener die Tage, dieser
einen kurzen Teil der Nacht widmen. Einige von ihnen, die inbrünstiger nach
Weisheit streben, denken erst nach drei Tagen an Nahrung; andere sind so
ganz den Tiefen des Wissens hingegeben, welches reichlich ihre Seelen
nährt, daß sie doppelt so lange ausharren und kaum am sechsten Tage
notdürftige Kost zu sich nehmen. Sie gleichen hierin den Cicaden, die, wie
man sagt, sich von Luft nähren, weil -- wie ich glaube -- der Gesang ihre
Bedürfnisse stillt. Den siebenten Tag betrachten sie als das heiligste Fest
und feiern ihn hoch. Nächst der Seele gönnen sie an demselben auch dem
Leibe bessere Pflege, als wollten sie selbst dem tierischen Teile unseres
Wesens Ruhe von der anhaltenden Anstrengung gewähren. Ihre Kost ist
einfach: Brot und als Zusatz etwas Salz; wer sich recht gütlich thun will,
nimmt ein wenig Ysop dazu. Ihr Trank ist Quellwasser. Sie begnügen sich,
die zwei Gebieter, welche die Natur über uns verhängt, den Hunger und
Durst, zu befriedigen, ohne ihnen zu schmeicheln. Nur das Nötigste, ohne
welches man nicht leben könnte, gewähren sie ihnen. Deshalb essen sie, um
nicht zu hungern und trinken, um nicht zu dürsten. Überfüllung betrachten
sie als gleich schädlich für Leib und Seele.«
»Zur Bedeckung gehören Kleider und Wohnung; von letzterer haben wir schon
gesagt, daß sie schmucklos, ohne besondere Zurüstung und nur auf das
Bedürfnis berechnet sei. Ebenso verhält es sich auch mit ihrer Kleidung.
Sie dient ihnen blos zum Schirm gegen Hitze und Kälte; im Winter ein
dichtes Oberkleid aus zottigem Fell, im Sommer ein Gewand mit Ärmeln oder
ein Stück Leinwand. Denn auf alle Weise sind sie dem Prunke feind, wohl
wissend, daß Lüge Quell des Prunkes, Wahrheit Quell der Prunklosigkeit ist.
Aus der Lüge strömen die vielfachen Arten des Bösen, aus der Wahrheit
dagegen der Reichtum himmlischer und irdischer Güter.«
»Der Üppigkeit der anderen Nationen will ich die gemeinsamen Mahle der
Therapeuten entgegenstellen, welche sich und ihr ganzes Leben der Weisheit
und Frischung nach den heiligen Vorschriften des Propheten Moses geweiht
haben. Am siebenten Sabbath kommen sie zusammen, indem sie nicht nur die
einfache Siebenzahl, sondern auch deren Kraft (Quadrat) ehren; denn sie
wissen, daß sie ewig rein und jungfräulich ist. Dieser Tag wird begangen
als Vorfeier des hocherhabenen Festes der Fünfzig (Tage -- Pfingsten),
dieser heiligsten und mit der Natur der Dinge innigst verbundenen Zahl, die
aus der Kraft des rechtwinkeligen Dreiecks entstanden, Urquell der
Schöpfung aller Wesen ist. Wenn sie in weißen Gewändern, heiter, doch mit
Ernst, versammelt sind, so stellen sie sich auf ein Zeichen des
Ephemereuten (so heißen diejenigen, denen dieses Geschäft obliegt) in
größter Ordnung längs der Wand hin auf, heben die Augen und Hände zum
Himmel empor; jene, weil sie gelehrt wurden, das wahrhaft Sehenswerte zu
schauen, diese, weil sie rein von Frevel und durch keinen ungerechten
Erwerb befleckt sind, und flehen zu Gott, daß ihr Mahl ihm angenehm sein
möge. Nach dem Gebet legen sie sich nieder in einer Reihenfolge, welche die
Zeit des Eintritts in die Gesellschaft bestimmt; denn nicht das natürliche
Alter halten sie in Ehren -- vielmehr gilt ihnen der Greis, der erst spät
die geweihte Lebensart ergriff, für ein Kind --, sondern Diejenigen haben
den Vorzug, welche sich von Jugend auf der theoretischen Weise, dem
schönsten und göttlichsten Leben geweiht haben und darin erstarkt sind.
Auch Frauen feiern das Mahl mit, meist alte Jungfrauen, die nicht -- wie
gewisse Priesterinnen unter den Griechen -- blos aus äußerem Zwang ihre
Jungfräulichkeit bewahrten, sondern aus heiligem Eifer die Weisheit sich
zur Gefährtin auserkoren und die Lüste des Körpers bei Seite setzten,
nicht nach sterblichen Sprößlingen begierig, sondern nach unsterblichen,
welche nur eine gottliebende Seele gebären kann, wenn der Vater der Welt
seine geistigen Strahlen und mit ihnen die Erkenntnis höherer Weisheit über
sie ergießt.«
»Die Teilnehmer des Mahles sind in zwei abgesonderte Reihen geordnet:
rechts die Männer und links die Weiber. Zum Lager dienen ihnen weder
prächtige noch weiche Teppiche, sondern ganz gewöhnliche Decken mit einer
Unterlage von Papyrus, welche auf der Seite, wo die Ellenbogen zu liegen
kommen, etwas erhöht ist, damit man sich leichter aufstützen kann. Denn
eben so weit von spartanischer Strenge entfernt als von Schwelgerei und
Nachgiebigkeit gegen die Lüste, bewahren sie die Mittelstraße, wie es sich
für freie Menschen geziemt. Sie werden nicht von Sklaven bedient, denn sie
glauben, die Knechtschaft sei der Natur zuwider. Diese hat alle Menschen
zur Freiheit bestimmt, und erst die Ungerechtigkeit und Habsucht und der
wilde Trieb, mehr zu sein als Andere, aus welchem alles Böse entstanden
ist, hat die Herrschaft über diese Schwachen den Gewaltigen in die Hände
gespielt. Bei diesen heiligen Mahlen dagegen ist keiner Knecht, sondern
Freie dienen, nicht aus Zwang, noch auf Befehle harrend, sondern mit
bereitwilligem Eifer den Wünschen zuvorkommend. Denn auch nicht der erste
beste wird zu diesem Dienst auserkoren, sondern die vorzüglichsten
Jünglinge aus der Gesellschaft warten den ältern Mitgliedern wie Söhne
ihren Vätern und Müttern mit der größten Freudigkeit auf. Dieselben treten
auch nicht aufgeschürzt, sondern mit hängendem Gewande in den Saal, um jede
Spur zu vertilgen, die an Sklavendienste erinnern könnte. Ich weiß, daß
Manche hierüber lachen werden, aber freilich nur solche, die selbst der
Thränen wert sind. Wein wird an diesen festlichen Tagen nicht aufgetragen,
sondern nur klares Wasser, kalt für die Mehrzahl, warm für diejenigen unter
den Älteren, die sich gütlich thun wollen. Auch keine blutige Speise kommt
auf den Tisch, sondern Brot als Hauptgericht, Salz als Zugemüse, und
bisweilen essen die Üppigsten etwas Ysop dazu. Denn wie die Priester nur
nüchtern opfern dürfen, so hat diese die Vernunft gelehrt, nüchtern zu
leben. Der Wein verleitet zu Unverstand, und üppige Speisen reizen die
Begierden, diese unersättlichen Tiere.«
Im Originaltext befindet sich hier eine Lücke, dann heißt es weiter:
»Die tiefste Stille herrscht; Keiner wagt einen Laut von sich zu geben oder
stark zu atmen. Sofort wirft einer die Frage auf über Stellen aus den
heiligen Schriften oder löst eine solche von andern gegebene, ohne sich im
geringsten brüsten zu wollen. Denn er strebt nicht nach dem Ruhm der
Beredtsamkeit, sondern er will tiefe Belehrung von anderen oder, wenn er
diese schon besitzt, so beabsichtigt er, dieselbe denjenigen mitzuteilen,
die zwar nicht so scharf sehen wie er, aber doch dieselbe Wißbegierde
haben. Deshalb verweilt der Redende auch länger bei seinen Sätzen, um seine
Gedanken den Zuhörern einzuprägen. Denn wenn die Erklärung zu schnell
forteilt, so kann der Zuhörer nicht gleichen Schritt halten und muß
zurückbleiben, wodurch ihm der Sinn des Vortrags entgeht. Die Übrigen
hängen am Munde des Redners und hören ihm in ruhiger Haltung zu. Wenn sie
seine Worte verstehen, so geben sie dies mit einem Blick oder einem Wink zu
verstehen; den Beifall drücken sie durch heitere Mienen oder durch eine
sanfte Wendung des Gesichts, den Zweifel durch ruhiges Schütteln des
Hauptes oder durch ein Zeichen mit den Fingerspitzen der rechten Hand aus.
Die zum Dienst herumstehenden Jünglinge geben übrigens so gut acht, wie die
zum Mahl gelagerten Alten. Bei Erklärung der heiligen Schriften bedienen
sie sich immer der allegorischen Weise, denn sie betrachten die ganze
Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem sie mit den Worten den Leib,
mit der Seele aber den tiefern unter den Worten verhüllten Sinn
vergleichen; in diesen schaue die vernünftige Seele, durch die Worte, wie
durch einen Spiegel hindurchblickend, hohe verborgene Gedanken.«
»Wenn der Wortführer genug gesprochen und seinen Zweck erreicht hat, so
klatschen alle mit den Händen zum Zeichen ihrer Zufriedenheit. Sofort steht
ein anderer auf und singt einen Lobgesang auf Gott, der entweder von ihm
selbst gedichtet oder von alten Dichtern der Gesellschaft verfaßt wurde.
Denn dieselben haben viele Hymnen in allen Versmaßen und Weisen
hinterlassen. Wenn der erste geendet hat, singt ein anderer der Reihe nach,
während die Übrigen in größter Stille zu hören; nur die Endsilben der Verse
und den Chor singen sie mit. Wenn alle fertig sind, so bringen die
Jünglinge den oben genannten Tisch herein, auf welchem die hochheilige
Speise liegt, nämlich gesäuertes Brot mit Salz und Ysop, zur Unterscheidung
von dem geweihten Tisch im heiligen Vorhof zu Jerusalem. Auf diesem nämlich
liegt ungesäuertes Brot mit Salz ohne Beimischung von Ysop. Denn es ist
billig, daß die reinsten und einfachsten Speisen ausschließliches Eigentum
des auserlesenen Priestertums seien zur Belohnung der heiligen Dienste; die
anderen dagegen mögen immerhin nach Ähnlichem streben, aber ohne jenes
ungesäuerte Brot zu genießen, welches nur den Besten, den Priestern zu
Jerusalem, zum Zeichen des Vorrangs gebührt.«
»Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende
Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei
Chöre, deren einer aus Männern, der andere aus Frauen besteht. Zu Führern
und Vorsängern werden für beide die Tüchtigsten und Melodienreichsten
gewählt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaßen und Weisen, bald
zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablösend. Nachdem jeder der
beiden Chöre für sich zur Genüge gesungen hat, so mischen sich Männer und
Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von göttlicher Liebe,
durcheinander und werden aus zweien _ein_ Chor, ebenso wie dies einst am
roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nämlich
vereinigten sich die israelitischen Männer und Frauen zu einem Chorus,
Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Männer und die
Prophetin Mirjam die Frauen anführte. Diesen alten Chorus haben die
Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesängen
die tiefen Töne der Männer mit den hohen weiblichen Stimmen zur schönen
Harmonie verschmelzen. Schön sind die Gedanken, schön sind die Ausdrücke,
ehrwürdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der
Gedanken und der Sänger ist Frömmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin
in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch
Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige
Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen
Körper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hände
gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um
Wahrheit und Schärfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich
jeder in seine stille Zelle zurück, um sich wiederum mit der gewohnten
Philosophie zu beschäftigen.«
Das ist, was Philo über die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. Über ihre
Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild
desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz
ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne
ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis
und alles Bösen. Die Seelen sind präexistierend und kehren nach dem Tode in
ihre himmlische Heimat zurück. Die höchste Tugend ist %enkrateia%, die
Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als
möglich der Speisen und genießen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen
sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe
und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die göttliche Liebe.
Das Ersehnte ist die wahre »innere Erkenntnis Gottes und des Himmels«.[737]
Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundsätzen
wie Philo, nur daß sie dieselben auch bis zu ihren äußersten Konsequenzen
praktisch durchführen, ähnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder
identischen Essäer in Palästina.
Die Essäer entäußern sich des persönlichen Eigentums wie die Therapeuten
und leben in Gütergemeinschaft.[738] Josephus äußert sich darüber
u. a.[739]:
»Sie haben sich nicht nur in _einer_ Stadt gesammelt, sondern in jeder
Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswärts kommen, steht
das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in
seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie
sahen, so ein, als wären es ihre nächsten Verwandten. Darum nahmen auch die
Essäer keine Bedürfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur
Waffen wegen der Räuber. Außerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein
Verwalter ausdrücklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider
und Lebensbedürfnisse reicht.«
Die Essäer enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten
wie diese keine Sklaven.[740] -- Beide Genossenschaften haben eine
Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die
Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und älteren
Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] %Ho
zêlôn%, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne
Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben muß; %ho prosiôn%, der Novize,
der noch zwei Jahre lang Prüfungen bestehen muß; endlich %ho symbiôtês%,
welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach
Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen.
Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei
Josephus[742] %epimelêtai% und bei Philo -- wie schon gesagt --
%ephêmereutai% heißen. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten
zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nämlich bei Sonnenaufgang mit
gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige
Mahle; Josephus beschreibt die Essäer folgendermaßen[743]:
»Wenn sie von ihren Geschäften zurückkommen, waschen sie den Leib
sorgfältig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von
welchem alle Nichtessäer sorgfältig ausgeschlossen sind. Denn rein müssen
sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen dürfen. Vor dem Mahle
spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berühren.
Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie
Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie
während desselben als heilige Gewänder getragen haben, wieder aus. Ebenso
halten sie es mit dem Abendessen. Kein Geräusch noch Lärm herrscht bei
diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, sodaß niemals
zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Außenstehenden das im
Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis.«
Daß die Mahle der Essäer im höchsten Ansehen standen, beweist folgende
Stelle Philos[744]:
»Die blutigsten Tyrannen Judäas, welche ihre Unterthanen mit unsäglicher
Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essäern nichts
anhaben. Sie mußten ihre Mahle und ihre über alles Lob erhabene
Gemeinschaft ehren.«
Die auffallende Gleichheit der Gebräuche beider Sekten beweist ihre innige
Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen läßt: Sie verehren
beide Gott als das höchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei
den Essäern +Memra di Jaweh+ an.[745]
Die Essäer halten wie die Therapeuten den Leib für die größte Unreinigkeit
und nehmen eine Präexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heißt es bei
Josephus[746]:
»Der Glaube steht bei ihnen fest, daß die Leiber vergänglich seien, die
Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nämlich,
von einem natürlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten Äther herab
und werden in die Leiber wie in ein Gefängnis eingeschlossen. Sie (die
Essäer) lehren, daß die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlöst sind,
voll Wonne in die Höhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer
Knechtschaft erlöst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der
hinübergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren
Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Kälte oder Hitze
belästigt wird und fortwährend von einem vom Meer her säuselnden Zephyr
Kühlung empfängt; den Bösen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung
unter der Erde, wo sie unablässige Strafe erdulden.«
(Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst
die Seele keine Ortsempfindung haben könnte.)
Es bleibt noch übrig, die Identität der Moral bei den Therapeuten und
Essäern nachzuweisen. Philo sagt über erstere[747]:
»Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausüben, sind ihnen folgende
drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis für die
Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu
vor Eiden und der Lüge, sowie die Überzeugung, daß Gott nur Urheber des
Guten und nicht des Bösen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch
Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergnügen, durch Mäßigkeit und
Ausdauer, außerdem noch durch Genügsamkeit, Bedürfnislosigkeit, Demut,
Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie
durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre
Gütergemeinschaft.«
Ähnlich sagt Josephus von den Essäern[748]:
»Sie dürfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei
Dinge sind ihrem eigenen Gutdünken überlassen, nämlich Unterstützung des
Nächsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind
und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen dürfen sie
ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind
gerechte Verwalter des Hasses; sie bezähmen den Jähzorn, üben Glauben und
sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch
sie feiern die Liebe über Alles; sie ist der wahre Quell des gottgefälligen
Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie
durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten
Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.«[749]
Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die Übereinstimmung beider
Genossenschaften, denn das Wort %essaios% stammt von dem syrochaldäischen
Verbum $Assa$ heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wörtliche
Übersetzung von %therapeutês%.
Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wäre die
nachgewiesene Übereinstimmung zwischen Therapeuten und Essäern nicht
möglich, wie schon Philo sich äußerte[750], indem er beide Orden als Zweige
eines Stammes erklärt, nur mit dem Unterschiede, daß die einen mehr
Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien.
Zweite Abteilung.
Die Neupythagoräer.
Apollonius von Tyana.
Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der
Neupythagoräer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich
vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits
bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese
eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurückzuführen,
wodurch die Nachrichten über die eigentliche Philosophie des großen Weisen
vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige,
jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren
erster Vertreter der römische Prätor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus
(gest. 45 v. Chr.) gilt.
Der wichtigste Neupythagoräer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns
jetzt eingehend zu beschäftigen haben.
Wenn überhaupt bei einer historischen Persönlichkeit, so hat bei Apollonius
von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung:
»Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.«
Was hat man nicht alles aus der uns überlieferten Biographie dieses
neupythagoräischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das
Buch ist ein Märchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert;
die andere Partei ist hingegen der Ansicht, daß Apollonius wohl existiert
habe, daß aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem
historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die
Persönlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um
dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenüber zu stellen,
während ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine
freundliche Parallele Christi betrachtet.
In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyanäers
bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist
zwischen beiden Persönlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von
Tyana, auf dem Gebiet des Übersinnlichen eine Ähnlichkeit vorhanden, die
mithin jedoch nicht in der Sphäre des Religiös-Dogmatischen, sondern in der
des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche
»Wunder« vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklärung auf lange Zeit
der Schlüssel fehlte; man sah ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht als
etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige Übung Erworbenes
an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der göttlichen
Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhänger beider suchten durch diese
Erscheinungen ihren göttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte
an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich
dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen.
So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von Bithynien
_Hierokles_ in seinem »Wort der Wahrheitsliebe«[751] Apollonius und
Christus einander gegenüber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier
Aristeas und Pythagoras hin und sagt: »Wir halten einen solchen
Wunderthäter nicht für einen Gott, sondern für einen von den Göttern
geliebten Menschen.«
Gegen diese Auffassung argumentierte _Eusebius von Cäsarea_, der die erste
Kirchengeschichte -- nach _Hases_ Worten -- »im Gefühl des großen
Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen
Hilfsmitteln desselben verfaßte«, in der unten genannten Schrift von seinem
Standpunkt aus in derselben Weise wie Hierokles. Er setzt die
Thatsächlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil
die heidnischen Götter zu bösen Dämonen geworden waren, als durch Zauber
bewirkt ansieht, und sagt: »Ich war bisher der Meinung, daß der Tyanäer ein
in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch
jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem
Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden
Erzählungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein
Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich
herausnimmt, diese Grenzen zu überschreiten und eine Ansicht aufzustellen,
welche über das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den
Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem
Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagoräische
Lebensweise als Maske über ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum
Vorschein, wohl aber ein mit der Löwenhaut verhüllter Esel, und man sieht
nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen.«
Und so blieb es. Seit der »Galiläer gesiegt hatte«, galt der Tyanäer als
Zauberer, bis die Aufklärungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum
Betrüger zu stempeln versuchte und schließlich sogar die geschichtliche
Existenz beider bezweifelte.
Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des
Apollonius, wie _Möragenes_, welcher eine (verloren gegangene) Biographie
des Tyanäers schrieb, in der er nach _Origenes_[752] sagte, daß selbst
einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wären.
Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius
entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine
außerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine höhere,
übermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.
Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit _Neander_ und _Baur_
geschwunden, die Auffassung seiner Persönlichkeit und Lehre aber ist bei
Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert
Jahren, wofür wir den Grund in den von Philostratus geschilderten
übersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als
teuflisch ansieht, während die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben
anzufangen weiß und deshalb an dem Tyanäer mit einem abwehrenden
Seitenblick vorübergeht.
Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nämlich
_Eduard Baltzer_[753], welcher sagt: »Eine _Gruppe_ nur vermisse ich noch
unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das
sind die jüngsten Kinder unserer Zeit, -- die _Spiritisten_. Gerade ihnen
aber kann ich einen großen Genuß und Triumph versprechen. Ist doch
Apollonius -- wer hätte es gedacht, -- ein entschiedener Spiritist, -- ja,
können sie doch hier die Entdeckung machen, daß ihr Spiritismus nichts
anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.«
Abgesehen von der Schlußbemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die
bei Apollonius zu Tage tretenden übersinnlichen Erscheinungen sind von
ähnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder
selbst mediumistische genannt werden dürfen, ist eine andere Frage. Bevor
wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phänomene überhaupt eingehen,
müssen wir noch einige Worte über Philostratus selbst und die Entstehung
seines Buches sagen.
Kaiser _Septimius Severus_ (193-211) war ein eifriger Liebhaber der Magie
und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein
tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens
seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem
astrologischen Grundsatz aus, daß deren Nativität eine glückliche und mit
der seinigen harmonierende sein müsse. Als er nun erfuhr, daß ein junges
Mädchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativität, welche ihr außerdem
noch den Thron verheiße, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie.
Dieses Mädchen, _Julia Domna_, vereinigte in der That alle von den Sternen
verheißenen Güter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerückten
Alter noch großer körperlicher Schönheit und verknüpfte mit scharfem
Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreißende
Liebenswürdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschützerin der
Wissenschaften besonders für Kunst und Philosophie und war die Freundin
eines jeden auftauchenden Genius.
Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Künstlern
aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagoräische, in
Athen gebildete Philosoph _Philostratus_ von Lemnos gehörte. Philostratus
war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen
Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch
sein Bestreben, altrömische Sitte und Charaktertüchtigkeit wieder
herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der
Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte
bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schülers des Apollonius mit Namen
Damis. Über dessen Persönlichkeit wie über die ihm vorliegende Apollonische
Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: »In der alten Stadt Ninive lebte
einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schüler
des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst
versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und
Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis
dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia.
Diese Fürstin, zu deren Umgebung ich gehörte, denn sie liebte und pflegte
litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften
umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl
sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des
Maximus von Aegä, welche alles umfaßt, was des Apollonius Aufenthalt in
Aegä betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem
zu ersehen ist, daß die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem
Möragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bücher über Apollonius schrieb,
aber mit großer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten
Stoff zusammengefügt und um seine Einordnung bemüht war. Möge diese Schrift
nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, _den wißbegierigen Lesern
aber zur Förderung: wenigstens sollen sie lernen können, wovon sie noch nie
gehört_.« Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus
bezeichnet. Was aber seine Glaubwürdigkeit anlangt, so sind auch hier
natürlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend,
sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene
Anachronismen befriedigend erklärt. Ja dieser berühmte Theologe nimmt sogar
für den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte über Indien, die
volle Glaubwürdigkeit in Anspruch und sagt[755]:
»Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und für
sich über die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in
demjenigen, was Philostratus über Indien meldet, entweder nur romanhafte
Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so muß uns doch,
wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort
auf diese Frage geben. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem anders woher
Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden,
welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller über Indien (Bohlen:
das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem
Leben des Apollonius über Indien vorbringt, aus ähnlichen Romanen
kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmückt und mit Angereimtheiten
erstickt.«
Im ähnlichen Sinne äußert sich _Baltzer im Nachwort seines Werkes_[756]
folgendermaßen: »Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen
Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren
Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter
Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von
seiner hohen Herrin erhält, über den Apollonius eine kritische Denkschrift
zu verfassen -- von einem solchen Mann muß man annehmen, daß er in seinem
Werke, 'Apollonius von Tyana', _das uns in unbestrittener Echtheit
vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen
wollen_. Demgemäß verfährt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er
nennt und kritisiert seine Quellen; er überarbeitet das reichlich
vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gemäß; er
ist mit Liebe und Fleiß bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der
überlieferten; er läßt seine Quellen in verbessertem Style reden und
kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natürlich im Geiste seiner Zeit,
dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.«
Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.
Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend,
zur Besprechung der sehr lehrreichen übersinnlichen Erscheinungen, um
dieselben unter die Thatsachen der magischen Thätigkeit des Menschengeistes
einzureichen.
Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter
und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. zu Tyana,
einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Bürger hervorragenden
Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermären, wie diejenige
Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging,
erschien ihr der ägyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber
frug ihn ohne Furcht, was sie gebären würde. Er sprach: »Mich.« Sie frug:
»Wer bist du denn?« Und er sagte: »Proteus, der ägyptische Gott.«[757] --
Wir haben in dieser Erzählung eine Parallele zur Verkündigung Mariä, und
eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie
indessen nicht zu sein braucht. In jener religiös erregten Zeit des ersten
Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu
Visionen geneigten Mütter Jesu Christi und des Apollonius starke
Vorahnungen von der künftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich
ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religiöse Seher aber erhält
naturgemäß seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben
kommen muß. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionär
als redende Persönlichkeit gegenüber und so empfängt die Israelitin Maria
die Botschaft des persisch-jüdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des
Apollonius die des ägyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die
romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von »Geistern«, welche
kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die
altklassische lehrt.
Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu
dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen
Aeskulaptempel berühmten Aegä verzog, um sich dort mit mehr Muße der
Philosophie widmen zu können, als dies in dem lebenslustigen bewegten
Tarsus möglich war. Hier hörte er die Vorträge des epikuräischen
Philosophen Euxenus über die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaßen
begeisterten, daß er wie Pythagoras zu leben beschloß. »Er verschmähte alle
tierischen Nahrungsmittel als unrein und geisttötend und genoß nur
Vegetabilien, die er für rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar
hervorbringt. Den Wein erklärte er zwar für ein reines Getränk, da es von
so edlem Gewächse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit
feind, da er den Aether der Seele trübe. Nächst dieser Fürsorge für
Körperreinheit ging er mit nackten Füßen und trug, da er tierische
Kleidungsstücke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die
Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum
Priester sagte, er freue sich, daß Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei,
da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach
Aegä.«[758]
Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde
in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei
allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fähigkeiten des Menschen
gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezügliche Fälle erzählt Philostratus:
Ein wassersüchtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im
Aeskulaptempel das Traumorakel: »Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest,
so würde dir wohler werden«, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein
streng vegetarisches Leben gewöhnt wurde. -- Einen einäugigen cilicischen
Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurück, wo derselbe
die Wiedererlangung seiner Sehkraft erhoffte: In der Nacht hatte der
Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius bestätigte
und hinzufügte, daß die Gattin dem ertappten Sünder mit einer Spange ein
Auge ausgeschlagen habe. -- Diese Erzählung findet Parallelen in dem
Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan,
Campbell u. a. m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet
Philostratus[759], daß Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der
in Griechenland so zahlreichen widernatürlichen Wüstlinge, seine nahe
Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich
derselbe mit dem König Archelaus von Kappadozien in eine Verschwörung gegen
die Römer eingelassen hatte.
Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fünf Jahre lang dem
»pythagoräischen Stillschweigen« und gestand von dieser Zeit, daß sie der
mühevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er hätte viel zu sagen
gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hören müssen, was ihn hätte in
Zorn setzen mögen, und er habe es überhört; oft gereizt die Leute zu
geißeln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe
die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er
aller Liebe und dem Geschlechtsgenuß.[760] Durch diese asketische
Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, daß er selbst in dem
leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstände durch sein persönliches
Auftreten schlichtete.
Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und
nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er »bei
Sonnenaufgang für sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein
vierjähriges Schweigen vollendet hatte«. Dabei suchte er auf das Volk
veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich überredenden Weise des
Sokrates, sondern »wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine Überzeugung
ist, für die Menge zum Gesetz erhebt«. Danach ging er mit sich selbst zu
Rate wegen einer größeren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen
Indiens; doch auch die Magier Babylons zu besuchen, galt ihm für einen
Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jüngern mit, zu denen er, als
sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: »Zu Beratern habe ich mir
die Götter erkoren. Euch wollte ich nur prüfen, ob ihr zu dem, was ich
vorhabe, auch Mut besäßet. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt
aber dem Studium ergeben! Ich muß hingehen, wohin mich die Weisheit und
mein Genius ziehen!«[761]
Apollonius verließ Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern
seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schloß sich ihm Damis
an, welcher sagte: »Laß mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem
Gotte, ich folge dir!« und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als
nützlicher Reisegefährte empfahl. Apollonius entgegnete: »Ich, Freund,
verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben.« Als der Ninivit
darüber erstaunte, fügte er hinzu: »Wundere dich nicht, daß ich die
Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen.« Er
wollte damit seine Fähigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. Über seine
Reise führte Apollonius ein »Brosamen« (%ekphatnismata%) genanntes
Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist.
Als Apollonius in der Nähe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte
sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes
Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: »Vom Meere ausgeworfene Fische
schnellten auf dem Lande umher, ließen ein menschliches Jammern hören und
wehklagten, daß sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der
nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und
weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten
betroffen über diesen Traum, überlegte er doch bei sich, was das sei. Um
aber Damis zu erschrecken, dessen Ängstlichkeit er kannte, erzählte er ihm
den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden
Unglück erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen
habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, daß wir, sagte er,
nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommen
und in der Fremde jammern, in der Not einen König oder sonstigen
Machthaber anflehen müssen, und dieser uns mißachtet, wie der Delphin die
Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph,
wenn du dergleichen fürchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet:
Eretrier aus Euböa sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500
Jahren von Darius aus Euböa hinweggeführt. Diese sollen bei ihrer
Wegführung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben,
indem sie förmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also,
die Götter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen;
vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf,
welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.«[763]
Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den
Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der
griechischen Kolonisten beitrug.
Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung,
von denen er sagt, daß sie -- jedoch nicht alle -- Weise seien; er
verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom
König Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde
Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe
ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nächsten Tage
werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg bestätigte diese
Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem
Könige: »Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der
mich so die Götter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen,
mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn
dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs
dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich
dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich
zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgenoß und Gesellschafter bei
Spiel und Festgelage werde ich weder Dir noch irgend jemand sein. Dunkle
und schwere Lebensrätsel aber kann ich lösen, denn ich weiß nicht nur, was
zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.«[764]
Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorräten ausgerüstet, machte sich
Apollonius auf den Weg nach Indien.
Nachdem Apollonius den Küenlün überschritten, stieg er in das Flußbett des
Indus zurück und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem
durch die Brahmanen gebildeten philosophischen König Phraotes II. auf das
beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph während seines
vom Gesetz gestatteten dreitägigen Aufenthaltes in Taxila lange
philosophische Gespräche, die sich im wesentlichen um die Vorzüge der
»naturgemäßen Lebensweise« drehten. Von Interesse für uns ist nur die
Äußerung des Apollonius über die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das
Wahrträumen der Seele begünstigen solle. Apollonius sagt: »Aber auch die
Prophetien der Träume, die in der menschlichen Natur das Göttlichste zu
sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt
ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklärer solcher
Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein
Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's
in der Frühe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele
ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Träume schaut; war's aber im ersten
Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel
ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran.« Von Phraotes mit
Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den
Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte
sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen
Gelehrten auf »dem Berge der Weisen« jenseits des Hyphasis aufzusuchen.
Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die
Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: »Die
indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf
Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch
alles besitzend.« Damis dagegen erzählt von ihnen, daß sie auf einem Lager
auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weiße Binde
und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker ähnliches Gewand von weißer
Baumwolle trügen, das Haar lang wachsen ließen und Ringe und Stäbe als
Abzeichen führten; auch habe er, Damis, sie öfter zwei Ellen hoch in der
Luft wandeln sehen. -- Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die
Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und
bedarf keiner weiteren Erörterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des
Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier,
gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wünschten, den Fleisch-
und Weingenuß.
Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne
sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Königs forderte, griechisch
angeredet. »Als Apollonius über sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener,
es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber
ausgelassen habe; und es fand sich, daß dem so war.«[766]
Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius
seine Abstammung väterlicher- und mütterlicherseits, ferner wie er Damis
gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem
Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wäre. Als aber
Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener:
»Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen.« -- »Und
wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren?« -- »Gern und neidlos«,
erwiderte Jarchas, »denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen
oder darüber zu täuschen. Übrigens bist du Apollonius, von Mnemosyne
gesegnet, der Göttin, die wir unter allem am meisten lieben.« Als später
die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekränzten sie sich
und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich -- Jarchas an der Spitze --
in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stäben auf den Boden stießen,
welcher »wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll«. -- Dieses
wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende
Phänomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und
Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen
Büchern »über die ägyptischen Mysterien«[767], dann in zahlreichen
mittelalterlichen Zauberbüchern, welche von der Geisterbeschwörung handeln,
wie die +Clavicula Salomonis+, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange
stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen »Büchlein von
olympischer Geisterbeschwörung«, in dem sog. 4. Buch der +Occulta
Philosophia+, in der +Pseudomonarchia Dämonum+; auch in einigen Ausgaben
des sog. Höllenzwangs u. s. w.
In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler
aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur
Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll
Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für
Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab
Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und
erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: »Den Äther, aus welchem
die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich,
aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.« »So soll ich das All als
Lebendiges betrachten?« frug Apollonius. »Allerdings«, sagte Jarchas,
»wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von
ihm.« -- »Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur
erachten?« »Beides«, erwiderte Jarchas, »denn indem es sich selbst
befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer,
als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn
wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele,
die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die
Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn
auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die
sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All
behandelt nicht mit _einer_ Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und
-- unbeweglich durch seine Größe -- ist es doch leicht zu zügeln und zu
lenken.«[768]
In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache,
welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den
Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen
Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon
treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr
erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit »fremden Augen«
dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.
Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben
mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der
Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. -- Auch hier haben wir einen
Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten
wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist
mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.
In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle
der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: »Auch
ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein
Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war
krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand
gesetzt ordentlich zu gehen.«[770]
Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in
den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung
aber sei die Heilkunde. »Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis
nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach
dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet
(Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen
gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet
werden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie
Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden
können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in
Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des
Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den
heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.«[771]
Nach viermonatlichem Aufenthalt verließ Apollonius die Brahmanen und begab
sich längs des Indus an die Küste des erythräischen Meeres.
Er fuhr sodann über dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf
nach Babylon zu Bardanes, begab sich über Ninive nach Antiochien und
Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, »vielbewundert und
hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schätzen wissen«.[772]
Über die nächstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu
sagen, denn die bekannte Erzählung, laut welcher unser Seher »aus der
Sprache der Sperlinge« ersehen haben soll, daß in einer Gasse zu Ephesus
ein Sack Weizen aufgegangen war, läßt eine so einfache Erklärung zu, daß
wir nicht nötig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit
zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natürliches Ereignis, so
ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo
Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdämon steinigen
ließ, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der
eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die
Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir
es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas übertriebenen
Traumbild zu thun.
Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im
Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun hätten, um günstige Träume zu
erhalten, und wo er auf dem Grabhügel des Achilles nächtigte, um sich mit
dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in überirdischer
Schönheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glänzend, in einer
übermenschlichen Größe usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in
Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so könnte sie füglich dem
Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.
In Athen traf Apollonius einen besessenen Jüngling, zu dem er sagte: »Nicht
du frevelst hier, sondern der böse Geist, von dem du besessen bist, ohne
daß du es weißt.« -- Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte,
schrie der Dämon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den
Jüngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu überfallen. Als aber
Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bösen
Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: »Das Standbild
will ich umwerfen!« und wies auf eine Statue bei der Königshalle. Wirklich
geriet diese in Bewegung und stürzte um.[774] Welches Schrecken und welches
Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jüngling aber rieb sich die Augen wie
ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf
ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und maßlos wie
vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem
Gebrauch eines Heilmittels.[775]
Diese Erzählung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten über
vorgenommene Exorcismen, daß man kein Wort zu ihrer Erläuterung nötig hat.
Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der
Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen,
welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner »Bilder aus der deutschen
Vergangenheit« mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und
betrifft eine besessene Magd Sastrows: »Mit dem Exorcismo trieb er (der
Teufel) sein lautes Gespött; denn als der Priester ihn beschwor, daß er
ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er müsse ja wohl das Feld
räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte;
wenn ihm das Geforderte abgeschlagen würde, stünde ihm das Bleiben frei. Es
stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese
beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er den Hut
vom Kopfe nehmen dürfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich
trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten
mit dem Hut gehen müssen. Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd
zu plagen, verflossen war, und vermerkte, daß unser Herrgott das demütige
Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttlich
eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute
aus demselben erlaubt wurde, _hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange
abgelöst und ist davon geflogen_. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei
der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm
Kinder erhalten.«[776]
Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als
ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: »Fürchtet euch nicht, denn
das Meer hat ein Land geboren.« Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia,
welche berichteten, daß während des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen
Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]
Ein weiterer hierher gehöriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich
Apollonius von Kreta aus begeben hatte. »Als es nämlich bei einer
Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen
scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: 'Etwas Großes wird
geschehen.' Niemand verstand das Wort, aber drei Tage später verstanden es
alle. Als nämlich Nero gerade bei Tische saß, fuhr ein Blitz auf die Tafel
und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde führte. Daß
der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte
Apollonius mit dem 'geschehen und nicht geschehen' gemeint.«[778]
Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus
erweckt, welcher ihn einkerkern ließ. Als dieser Präfekt jedoch die
Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm
selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher
Fall in dem spätern Prozeß des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779]
Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen
Heiligenlegenden und Sagen.
Wir können hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzügen
begleiten, sondern müssen uns darauf beschränken, die in das Gebiet des
Übersinnlichen gehörenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir
dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwärtigen Erfahrung
nachweisen können. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des
Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefährten:
»Wem wird nun die Herrschaft zufallen?« »Vielen Thebanern«, antwortete
Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht
nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr
kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius
sagte dann zu seinen Freunden: »Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich
Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom
werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als
die Tyrannen auf der Bühne.« -- Das Wort erfüllte sich bald: Galba kam in
Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem
Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein
glänzendes Begräbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein
gewöhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb
eines einzigen Jahres.[781]
Apollonius begab sich über Ägypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen
Straßenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach Äthiopien, um die
Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er
jedoch sehr enttäuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des
Apollonius an seinen Schüler Thespesion merkwürdig, in welcher er die
geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren
Verlauf er seinem Schüler bezüglich der Wundersucht seiner Zeit das auch
heute noch geltende Mahnwort zuruft: »_Mit dem Glauben an Unglaubliches
entsagt man der Vernunft!_«[784]
Beiläufige Erwähnung verdient noch die Erzählung von dem durch Apollonius
gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten
die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann tötete.
Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu
füllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen würde. Als der
Satyr zur Stelle beschworen worden war, »blieb er zwar unsichtbar, aber der
Wein verschwand, als ob er getrunken würde«.[785] Dieser Bericht ist
offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber
auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten
Incubusvorgänge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner
»Zauberbibliothek« mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das
eigentümliche Verschwinden von Flüssigkeiten kommt auch im modernen
Mediumismus vor.
Von Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt, sagte er dem Titus voraus, daß
ihm »der Tod aus dem Meere kommen werde«, wie dem Odysseus, was seine
Schüler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines
Rochens tödlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch
Domitian mit einem Seehasen vergiftet.
In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, daß Nerva der Nachfolger Domitians
sein werde, was durch einen Schüler des Philosophen, Euphrates, nach Rom
verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation
des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies »auf übersinnliche
Weise wie gewöhnlich voraus«, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]
Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im
Gefängnis und vor Gericht ist hier nur zu erwähnen, daß Philostratus
beiläufig erzählt, Apollonius habe sich einmal im Gefängnisse seiner
Fesseln auf übersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehört bekanntlich zu
den am häufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.
Der Prozeß endigte damit, daß Apollonius vom Kaiser freigesprochen und
aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um
seine Unabhängigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Führung der
Regierung und »verschwand aus dem Gerichtssaal«.[789] -- Als gegen Abend
desselben Tages seine Schüler im Nymphäum zu Dikäarchia um ihren Lehrer
wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er plötzlich
unter ihnen und überzeugte sie, die ihn für einen Geist hielten, von seiner
leiblichen Existenz.[790]
Man hat in dieser gewiß sehr ausgeschmückten Begebenheit eine Parallele zum
Wiedererscheinen Christi unter den Jüngern sehen wollen, aber offenbar --
weil ja Apollonius nicht gestorben war -- mit Unrecht. Eher dürfte sie eine
Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefängnis
sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzählt.[791] -- Mythisch ist
ebenfalls der Zug, daß Apollonius sieben Tage in der Höhle des Trophonius
geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras
enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage
beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, daß Apollonius zu Ephesus die
Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkündete, als sie zu Rom vor
sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewißheit, aber bald
belehrten Eilboten die Epheser über die Wahrheit des Gesichtes.[793]
Mit dieser Erzählung schließt Philostratus die Biographie des Philosophen.
Über dessen Tod teilt er keine näheren Umstände mit. Apollonius wird
einerseits als Gott und Wundermann überschätzt, andererseits als Betrüger
oder Narr unterschätzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach
pythagoräischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich
die in jedem Menschen vorhandenen übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten.
Dritte Abteilung.
Die Neuplatoniker.
Erstes Kapitel.
Plotinos.
Schon die Schüler des Sokrates sprachen gern von einem schöneren Leben in
der Vergangenheit fremder Völker und sahen in demselben ihr Ideal, welches
sie mit der jünglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu
übertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen großen Teil
Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt
geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmählich Einfluß auf
die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen
sahen mit Staunen, daß ihre hochgerühmte Kultur nur der schwache Abglanz
einer früheren viel höher entwickelten war, an welche alte halbverklungene
Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere
Wahrheit nicht absprechen.
So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben
und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den
phönicischen, ägyptischen und jüdischen Priestern in einem gewissen
Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre
vermittelt würde. Jener äußere Anstoß, welcher durch die Feldzüge
Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des
Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht übersehen
dürfen, daß auch die Mysterien und sonstige von Osten herüberkommende
Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religiösen und
philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch weiß man noch
immer zu wenig über die Geheimnisse, als daß man ihren Einfluß auf das
geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen könnte.
Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an
dieser so merkwürdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen,
nämlich der Zerfall der religiösen Vorstellungen und wissenschaftlichen
Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen.
Die griechische Religion hatte durch ihre dem Künstlerischen sich
zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine
willkürliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht
ersetzen. Es war also das Bedürfnis nach religiösen Neuerungen, welche dem
Herzen wie dem Verstande genügten, das Bedürfnis nach einer Versöhnung der
Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen
orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu
können. Daher rührt es denn auch, daß je länger, desto häufiger Griechen
von gelehrter Bildung Zugang zu den öffentlichen und geheimen Kulten der
Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit
den eigenen Überlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen
suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der
grundlegenden Anschauungen der späteren neupythagoräischen, gnostischen und
neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der
Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der
entgegengesetzten Weltanschauungen.
Solange jedoch das Römerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum
sich einer verhältnismäßigen Blüte erfreute, kamen diese eklektischen
Systeme zu keiner größeren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur
der alten Welt verfaulte und einem übertünchten Grabe glich, als eine
Stütze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung
aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten
Bedürfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch
die gleichen Umstände zur Geltung, welche auch dem Christentum seine
welthistorische Stellung erobern halfen.
Unter den bedeutendern Schriftstellern älterer Zeit, die dem
Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehörige und
eigentümliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie
_Plutarch_ (ca. 50-120 n. Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende _L.
Apulejus_ zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische
eklektische Philosophie zu immer größerer Bedeutung und verkündete sich
besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem
Göttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden
sollte und gegen welche das äußere Leben als ein leeres Schattenbild
zurücktrat.
Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschließung
jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch
heranreicht, welche uns aber verläßt, sobald wir die Schwelle des Avernus
überschritten haben. Über diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils
nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geäußerte
Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen ließen, nicht in
ihrem buchstäblichen Sinne aufgefaßt sein wollten. Je mehr man nun bei der
Betrachtung der »letzten Dinge« -- um hier vergleichungsweise diesen
christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen -- sich genötigt sah, die
Aussprüche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu
der Überzeugung, daß im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen
miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln
ausgedrückt hätten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an
den äußersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen,
welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem
Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhältnisses zum Relativen,
des Göttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, näherte sich der
griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der
orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines
transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und
Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus,
welche den Kern der älteren Systeme eklektisch umfaßte und ihre Weisheit
zum Teil unter symbolischer Hülle offenbarte.
Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene
Forschungsmethoden befolgen, indem nämlich der europäische Philosoph und
besonders der auf alle Künste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der
Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwärts geht und das als
nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem
er vom Besondern auf das Allgemeine schließt, sucht der Mystiker des
Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur
Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen
des Absoluten ist der Mystiker individuell überzeugt, und der logische
Beweis wird für ihn überflüssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist
die Askese, die möglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die
Materie. Die möglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen
Genüssen, die gänzliche Abtötung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des
Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens
teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto
mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der
für den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Außendinge,
welche wir -- allerdings aus ganz anderen Gründen -- auch bei den Cynikern
und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die
neoplatonische Lehre nicht lebensfähig werden ließ.
Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der
neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des
transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese
Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen
sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und
Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus
und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die
Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom
Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre
berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.
Der eigentliche Begründer des Neuplatonismus ist der etwa 190 n. Chr. von
christlichen Eltern geborene _Ammonios Sakkas_, welcher nach Eusebius[794]
sich dem Heidentume zuwandte, als er selbständig zu denken begonnen hatte.
Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen
Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schüler auf Außendinge nicht
den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzählen, erwarb
Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den
Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die
Übereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen
suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn
Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, daß sich die drei Schüler des
Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater
zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden hätten, die Lehren ihres
Meisters nicht zu veröffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch
dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener
Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens für entbunden
hielt und nun die Schriften verfaßte, welche wir noch jetzt von ihm
besitzen. Als ein vierter Schüler des Ammonios wird ein Grammatiker
Longinos genannt.
Der Bedeutendste von allen ist _Plotinos_, welcher im Jahre 205 zu
Lykopolis in Ägypten geboren ward.
Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28.
Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas
fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer
Weisheit und heißes Verlangen nach derselben einflößte. Deshalb nahm auch
Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte,
teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser
eröffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie
an der Quelle studieren zu können. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet
worden war, ging Plotin nach Antiochia und später nach Rom, wo er als
Lehrer der Philosophie auftrat.
Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben,
denn Amelios, ein Zögling unseres Philosophen, berichtet, daß dieselbe voll
Unruhe, Geschwätz und Lärmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im
Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen
zahlreicher Schüler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hörten nicht nur
römische Ritter und Senatoren, sondern auch eine große Menge der
vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in
ihr Haus aufnahm.
Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so daß er als
»ein heiliger, göttlicher Fürsorger« von den edelsten Männern als
Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus
war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt,
deren Erziehung er leitete und deren Güter er auf das gewissenhafteste
verwaltete, »um -- wie er sagte -- ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schätze
ungeschmälert übergeben zu können, wenn sie keinen Geschmack an der
Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten«. Sehr häufig wurde
Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so großer Klugheit
vorstand, daß er sich dabei nach der Versicherung seines Schülers
Porphyrius (in +vita Plotini+), während seiner sechsundzwanzig in Rom
verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.
Selbst Kaiser Gallienus (259-268), eines der nichtswürdigsten Ungeheuer,
welche den römischen Kaiserthron schändeten, und dessen Gemahlin Salonina
waren für die Ideeen Plotins derart begeistert, daß sie eine verfallene
Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schülern
schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von
Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden.
Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen,
daß dieser schöne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche
den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegönnt
hätten.
Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit
befallen, nach Kampanien zurück und starb, indem er dem ihn besuchenden
Arzt Eustochius die Worte zurief: »Ich führe jetzt den in mir wohnenden
Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu!« -- In demselben Augenblick kam,
so erzählt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige
Schlange, welche für den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und
verschwand durch eine in der Wand befindliche Öffnung.
Nach Porphyrius hatte Plotin sein göttliches Auge beständig auf den ihn
begleitenden Genius gerichtet und lebte »recht eigentlich in einer
wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt«. Von dem hohen
Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz
zu seiner äußeren Persönlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, daß
er seinen Freunden und Schülern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt
nannte, weil es schon zu viel sei, über solche irdische Dinge auch nur ein
Wort zu verlieren. Alles phänomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und
ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen muß, damit er
durch die »Tugend« zu Gott zurückkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf
welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die
Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht
selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, daß er sich andauernde
Schlaflosigkeit zuzog. Er gönnte sich nicht das regelmäßige Bad, wie es
doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterließ zuletzt selbst die
üblichen Abreibungen seinem Körpers, die einzige Pflege, welche er
demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine
unerträgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Körpers eine
Abbildung machen zu lassen, welche eine längere Dauer als das Original
habe. Als nachahmungswürdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen
Schülern den römischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt
worden war, daß er seine Sklaven freiließ, sein Vermögen verschenkte, sein
Prätorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern
bei seinen Freunden schlief und speiste. -- Alle späteren Neuplatoniker
eiferten ihrem Meister in dieser übertriebenen Selbstentsagung, bei welcher
indischer Einfluß unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch
Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die größten Hindernisse
eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.
Porphyrius berichtet denn auch, daß während seiner sechsjährigen Lehrzeit
bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der »Vereinigung mit Gott«
gewürdigt worden sei, während ihm -- Porphyrius -- dieses Glück im ganzen
Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war
Plotin hellsehend und hatte die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen,
er wußte Diebstähle zu verkünden so gut wie die Zukunft und sagte seinen
Schülern ihre Gedanken.
Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwürdigen Beispiel von der
hohen Entwickelung der magischen Seelenkräfte Plotins müssen wir etwas
länger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen
neidischer Schüler des Ammonios, suchte denselben durch magische Künste an
seiner Gesundheit zu schädigen, überzeugte sich jedoch sehr bald, daß sein
Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: »Welch eine
machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie
gerichteten Künste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurück!«
Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefühl, als ob ihm
Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnürt werde.
Man hat diese Erzählung sehr häufig als ein Beispiel des bei den
Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angeführt, damit aber, wie mir
scheint, den ehrlichen, wenn auch schwärmerischen, doch immerhin sehr hoch
entwickelten Männern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht
durch äußere Sinne vermittelten Gedankenübertragung aus, um jenen Bericht
zu erklären, so kommen wir zu folgenden Schlüssen: Wenn die Seele auf die
Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewußtseinsschwelle des
Beeinflußten überschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber
er bleibt an der Schwelle des Bewußtseins stehen, dann ruft er nur ein
dumpfes, unklares Empfinden hervor.[795] Das eigentümliche Gefühl der
Zusammenschnürung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu
begreifen und findet überdies seine Analogie in den krampfartigen
Erscheinungen, wie sie bei allen »magischen« Zuständen vom Somnambulismus
bis zur Besessenheit vorkommen.
Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollständig erhalten geblieben,
und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines
Lehrers übernahm, weil derselbe durch Augenschwäche von der Revision seiner
Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhängende
Bücher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der
Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die äußere Form verbesserte und noch
einiges, jetzt nicht mehr näher Bestimmbare hinzufügte. Dies ist höchst
wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch
besitzen. Andere von den schon genannten Schülern des Plotin Amelios und
Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen.