Philo von Alexandria.
Erstes Kapitel.
Philos Leben und Lehrweise.
Alexandria ist die wissenschaftliche Metropole des klassischen Altertums.
Bald nach seiner Gründung durch den großen Makedonier entstanden daselbst
eine Anzahl wissenschaftlicher Anstalten, in welchen Gelehrte aller Art
durch die Freigebigkeit des Fürstengeschlechts der Ptolemäer als
Staatspensionäre sorgenlos und ungestört ihren Studien lebten. Die
wichtigste dieser Anstalten war das Museion mit einer 250 v. Chr. schon
400000 Rollen zählenden Bibliothek, welche zwar bei der Belagerung
Alexandrias durch Julius Cäsar in Flammen aufging, aber durch Marc Anton,
der Kleopatra die 200000 Rollen starke Bibliothek der Könige von Pergamon
schenkte, zum Teil wieder ersetzt wurde. In zweiter Linie ist das Serapeion
zu nennen, dessen Bibliothek zu oben genannter Zeit etwa 45000 Rollen stark
war.
An diesen Quellen holten sich 700 Jahre lang die berühmtesten Philosophen,
Theologen, Philologen, Astronomen, Mathematiker und Ärzte ihre Bildung, bis
Caracalla das Museion schloß und die Pensionen der Gelehrten einzog, bis im
Jahre 389 der fanatische christliche Patriarch Theophilos das Serapeion
verbrannte und der arabische Feldherr Amru im Jahre 642 mit den noch
übrigen 300000 Rollen der ptolemäischen Bibliothek viertausend Bäder sechs
Monate lang heizte.
In Alexandria, der den Verkehr des Morgen- und Abendlandes vermittelnden
Weltstadt, fand zuerst die Verschmelzung griechischer Philosophie und
uralt-orientalischer Weltanschauung statt, welche als »alexandrinische
Philosophie« bezeichnet wird. Im letzten vorchristlichen und ersten
christlichen Jahrhundert erscheint uns dieselbe als eine Verbindung
altjüdischer Glaubenssätze, platonischer Ideeen und buddhistischer
Elemente. Dieser große Einfluß des Judentums kann uns nicht Wunder nehmen,
wenn wir bedenken, daß sich zur Zeit des Augustus eine Million Juden in
Ägypten aufhielten und sich namentlich in Alexandria mit griechischer
Kultur und Wissenschaft befreundet hatten. In Alexandria entstand die
griechische Übersetzung des alten Testaments durch die siebenzig
Dolmetscher (die Septuaginta), und hier bildete der Jude Philo, die
griechische Philosophie mit den heiligen Büchern des Judentums durch
allegorische Auslegungen in Übereinstimmung bringend, die oben genannte
alexandrinische Philosophie oder -- besser gesagt -- Theosophie aus.
Von Philos Leben wissen wir sehr wenig. Nach seinen eigenen Angaben und
denen des Kirchenvaters Hieronymus stammte Philo aus einer sehr angesehenen
und reichen Priesterfamilie und wurde um 20 v. Chr. zu Alexandria geboren.
In seiner Jugend lebte er ausschließlich den Wissenschaften und stiller
Beschaulichkeit; später jedoch sah er sich genötigt, im Interesse seiner
Glaubensgenossen in den Gang der öffentlichen Geschäfte einzugreifen. Die
Veranlassung war folgende: Die etwa siebenzigtausend Köpfe starke
Judengemeinde zu Alexandria lebte -- _wie überall, wo starke Judengemeinden
mit Andersgläubigen zusammenlebten_, -- wegen ihres _Wuchers_ und
_sonstigen üblen Eigenschaften_ -- mit den griechisch-ägyptischen
Einwohnern in solchem Unfrieden, daß im ersten Regierungsjahre Caligulas
unter dem Präfekten Flaccus eine blutige Judenverfolgung ausbrach. Sie
wurde zwar gedämpft, aber der Haß glomm unter der Asche fort. Als nun
später Caligula göttliche Verehrung verlangte, welche die hellenischen
Alexandriner willig leisteten, die Juden aber auf Grund ihrer religiösen
Vorschriften verweigerten, kam eine noch grimmigere Verfolgung zum
Ausbruch. Der Pöbel fiel unter dem Schein, des Kaisers Sache zu verfechten,
über die Juden her, und der Präfekt Flaccus that dem Wüten desselben keinen
Einhalt. In ihrer Not entschloß sich die alexandrinische Judengemeinde, an
den Urheber ihrer Leiden, an Caligula selbst, eine Gesandtschaft zu
schicken, die dessen Wohlwollen und Schutz erflehen sollte. Philo nebst
vier anderen bildete diese Gesandtschaft, welche jedoch nicht nur nichts
ausrichtete, sondern sogar längere Zeit in großer Lebensgefahr schwebte.
Ja, sie mußte sogar erleben, daß Caligula dem Statthalter von Syrien,
Petronius, befahl, die kaiserliche Bildsäule im Tempel zu Jerusalem
aufzustellen. -- Diese Umstände berichtet Philo selbst in seinem Buch +De
legatione ad Cajum+. -- Wie Josephus erzählt[636], führte jedoch Petronius
den kaiserlichen Befehl nicht aus und wurde zum Tode verurteilt, sein Leben
verdankt er nur der schnellen Ermordung Caligulas. -- Wie Eusebius in
seiner Kirchengeschichte berichtet, soll Philo nach Caligulas Tod seine
Schrift +De legatione ad Cajum+ im Senat vorgelesen haben; allein es ist im
höchsten Grad unwahrscheinlich, daß ein Jude der höchsten römischen Behörde
eine von grimmigstem Römerhaß strotzende Schmähschrift hätte zur Kenntnis
bringen dürfen. Unwahrscheinlich ist auch die Angabe, daß Philo in Rom
Petrus kennen gelernt habe und Christ geworden sei. Hingegen ist gewiß, daß
Philo Palästina besuchte, um der Essäer willen, deren Kopfzahl er in seinem
Buch +Quod omnis probus liber+ auf viertausend angiebt. An dieser Stelle
will ich wenigstens der _talmudistischen_ Tradition Erwähnung thun, daß der
jugendliche Jesus während des Aufenthaltes seiner vor den Nachstellungen
des Panthera -- nicht des Herodes -- geflohenen Eltern in Ägypten, Schüler
Philos gewesen sei.[637] -- Philo starb um 45 n. Chr.
Philo hat sehr viel geschrieben, jedoch liegt eine spezielle Anführung
seiner Schriften um so weniger in unserer Absicht, als die wichtigsten
derselben doch im Laufe unserer Darstellung genannt werden müssen. Die
philonischen Schriften zerfallen in historische, philosophische, politische
und allegorische, und wenn auch seit etwa zweihundert Jahren von
alexandrinischen Juden Versuche gemacht worden waren, das alte Testament
esoterisch zu deuten, so ist doch Philo als der eigentliche Vater der
theosophischen Allegorie zu betrachten. Er sagt über dieselbe[638]:
»Damit wir die Zeugung und Geburt der Tugend beschreiben können, sollen die
Abergläubischen ihre Ohren verschließen oder sich entfernen, denn wir
lehren göttliche Mysterien, aber nur solchen Seelen, welche ihrer würdig
sind. Dies sind diejenigen, welche ungeschminkte Frömmigkeit ohne Prunk
üben. Jenen andern aber, welche von einer unheilbaren Krankheit, nämlich
dem Pochen auf den _Klang_ der Worte, dem Kleben an Namen, der Gaukelei mit
Gebräuchen befallen sind und sonst nichts höheres ahnen, wollen wir die
heiligen Geheimnisse nicht mittheilen.«
Alles wird Philo zum Symbol: so ist ihm Adam der niedere sinnliche Mensch
überhaupt, Kain die Selbstsucht, Abel die Gottergebenheit, Enoch die
Hoffnung, Jenoch die Buße und Noah die Gerechtigkeit. Abraham wird zum
Symbol der durch Erziehung weise gewordenen Seele, Isaak der von Natur aus
weisen und Jakob der durch mystische Übung weise gewordenen. Sarah ist das
Sinnbild der eingeborenen Tugend, Joseph das des politischen Treibens und
Moses die höchste Darstellung des prophetischen Geistes. -- Ägypten ist das
Symbol des Leibes, Kanaan der Frömmigkeit; die wilde Taube ist Sinnbild der
göttlichen Weisheit, die zahme der menschlichen; das Lamm ist das Bild der
reinen Seele, weil es unter allen Tieren das reinste ist[639], usw. usw.
Die in der Genesis erzählten Schicksale der Urväter und Patriarchen werden
als die verschiedenartigen Veränderungen, Gestaltungen und Entwickelungen
der im Menschen vorhandenen seelisch-geistigen Kräfte in einer Weise
dargestellt, die sowohl an Jakob Böhme als an die älteste indische
Geheimlehre erinnert. Folgende Beispiele mögen dies erläutern. Über die
Geburt Kains sagt Philo[640]:
»Man muß sich oft über das Ungewöhnliche in der Darstellung unseres
Gesetzgebers wundern, denn wenn er vom ersten Menschen reden will, der von
Menschen und nicht von Gott -- wie die zwei Urmenschen -- abstammt, und den
er zuvor garnicht genannt hat: so setzt er dessen Namen geradezu her, als
wäre er längst bekannt und würde jetzt nicht zum erstenmal genannt. 'Sie
gebar den Kain.' Man möchte fragen, was für ein Kain ist dies? Hast du
vorher das Geringste über ihn gesagt? Und doch kennst du die richtige
Stellung der Namen so gut, denn nur einige Verse weiter unten kann man es
dir an einem Beispiel von derselben Person nachweisen: Adam erkannte Eva,
sein Weib, und sie gebar ihm einen Sohn, und er nannte seinen Namen Seth!
Hättest du nicht viel eher bei dem Erstgeborenen der Söhne Adams und aller
Menschen sein Geschlecht angeben sollen, ob es weiblich oder männlich, und
dann erst den Namen hinten ansetzen? Da es nun am Tage liegt, daß der
Gesetzgeber nicht aus Unkenntniß von der gewöhnlichen Sprechweise abwich,
so ist es billig, daß wir nach der Ursache dieser Eigenheit fragen. Sie
scheint mir folgende zu sein: Die übrigen Menschen gebrauchen Namen, die
dem nicht entsprechen, was bezeichnet werden soll. Bei Moses hingegen sind
die Namen klare Spiegel der Sachen, so daß beide eins sind. Unter anderem
ist unsere Stelle ein deutlicher Beleg für diese Behauptung. Wenn nämlich
unser Geist, der hier Adam genannt wird, mit der sinnlichen Kraft zusammen
trifft, durch welche alles Belebte lebt (die hier Eva heißt), und nach
Vereinigung strebend, sich ihr naht, so empfängt die Seele die sinnlichen
Gegenstände wie in einem Netze und macht auf sie Jagd, mit den Augen auf
die Farben, mit den Ohren auf die Töne, mit der Nase auf die Düfte, mit dem
Gaumen auf die Gegenstände des Geschmacks, mit dem Tastsinn auf die Körper.
Von allen dem wird sie schwanger und gebiert alsdann das schwerste der
seelischen Übel: den Wahn. Denn sie wähnt Alles, was sie sinnlich empfindet
mit den Augen, den Ohren, dem Geruch, dem Geschmack, dem Gefühl sei ihr
Eigentum, und der Geist Erfinder und künstlicher Darsteller aller Dinge.
Dies widerfährt jedoch der Seele nicht ohne Grund, denn es war einst eine
Zeit, wo der Geist mit der sinnlichen Kraft noch nicht verkehrte, noch mit
ihr vereinigt war, sondern den einsamen Tieren gleich für sich lebte.
Damals nur blos mit sich beschäftigt, hatte er keine Berührung mit dem
Körper, noch besaß er in ihm ein Werkzeug, durch das er auf die Außenwelt
Jagd machen konnte; so war er blind und unvermögend, und zwar nicht etwa
blos in der Art, in der man einen Blinden der Sinne beraubt nennt, --
sondern alle und jede sinnliche Kraft war ihm genommen, so daß er als
wahrhaft unvermögend, als die Hälfte einer vollkommenen Seele, ohne die
Fähigkeit, die Außenwelt zu erkennen, als das unselige Bruchstück eines
Ganzen ohne Unterstützung der Sinnesorgane dastand. Deswegen befand er sich
auch in dichter Unwissenheit über die Körperwelt, weil ihm nichts
Äußerliches erscheinen konnte. Da ihm nun Gott nicht nur das Übersinnliche,
sondern auch die sinnliche Welt offenbaren wollte, machte er ihn erst zu
einem Ganzen, indem er seine zweite Hälfte, die sinnliche Kraft, ihm
zuführte, welche in der Schrift mit dem Gattungsnamen Weib und mit dem
speciellen Namen Eva bezeichnet wird. Diese goß gleich bei ihrer
Vereinigung mit ihm durch alle ihre Teile -- wie durch Oeffnungen -- Licht
in vollem Maaße in den Geist, zerstreute die lange Nacht und gab ihrem
Herrn auf diese Weise die Möglichkeit, die äußere Welt genau und klar
anzuschauen. Der Geist seinerseits, wie von hellem Tageslicht erleuchtet,
das plötzlich durch die Nacht bricht, oder wie ein Mensch, der urplötzlich
vom Schlafe erwacht, oder wie ein Blinder, der mit einem Mal das Gesicht
erhält, eilte schnell auf alle Wunder zu, die sich ihm darboten, beschaute
den Himmel, die Erde, die Pflanzen, die Thiere, ihre Gestalt,
Eigenschaften, Kräfte, Lage, Bewegung, Wirkung, ihr Thun, ihre
Veränderungen, ihr Entstehen und Vergehen; das eine sah er, das andere
hörte er, wieder anderes noch kostete, betastete er, und was Lust in ihm
erregte, suchte er auf, was Schmerz, verabscheute er.
Nachdem er auf diese Weise hier und dort hingeschaut und sich und seine
Kräfte wahrgenommen hatte, gerieth er in denselben Irrthum wie Alexander
von Makedonien. Von diesem erzählt man, er habe sich in dem Wahn, Asien und
Europa schon zu besitzen, auf einen erhabenen Ort gestellt, wo er beide
Ufer sehen konnte, um sich geschaut und dann ausgerufen: Was da ist und
was dort ist, gehört mein! ein Ausspruch, der kaum eines Knaben würdig war,
aber einem König übel anstand. Lange schon vor ihm widerfuhr dasselbe dem
Menschengeiste, denn als die sinnliche Kraft mit ihm vereint wurde, und die
ganze Körperwelt durch diese Vermählung offenbar geworden war, meinte er
nun, daß Alles ihm gehöre und nichts einem Anderen. Dies ist eine falsche
Geistesrichtung, welche Moses mit dem Namen Kain oder Besitz bezeichnet,
und welche voll Thorheit -- oder besser -- voll Gottlosigkeit ist. Denn
anstatt Gott die Ehre zu geben und von ihm Alles abhängig zu machen, hält
sie Alles für eigenen Besitz der Menschenseele, die nicht einmal sich
selbst besitzt, ja nicht einmal sich selbst nach ihrem wahren Wesen kennt.«
Ein weiteres höchst charakteristisches Beispiel seiner allegorischen
Methode giebt Philo in seiner Schrift +De vita Abrahami+.[641] Hier erzählt
er die Reisen Abrahams von Chaldäa nach Haran und von Haran nach Palästina
zuerst dem biblischen Text gemäß und fährt dann folgendermaßen fort:
»Jene Reisen sind nach den Gesetzen der Allegorie Symbole einer die Tugend
liebenden und den wahren Gott suchenden Seele. Die Chaldäer trieben von
jeher Gestirndienst und hielten die Welt -- namentlich die Sterne -- für
Gott und verehrten so das Geschöpf anstatt des Schöpfers. In diesem Irrtum
war jene Seele auch befangen, weil sie Gott nicht kannte. Daher heißt es:
Abraham wohnte zu Ur in Chaldäa. Nachdem sie nun lange diesen Wahn gehegt
hatte, begann ihr das Licht aufzudämmern, und sie sah -- obschon noch
dunkel -- ein, daß ein Wagenlenker[642] über dieser Welt walten müsse.
Damit diese Ahnung klarer in ihr werde, ruft ihr nun das Wort Gottes also
zu: Großes wird oft durch Kleines erkannt. Darum laß die chaldäische
Grübelei, laß das ewige Sternschauen; _wende deinen Blick weg von der
großen Stadt, nämlich von der Welt, auf eine kleine, dich selbst, dann
wirst du den Lenker aller Dinge erkennen_. Deshalb heißt es, Abraham sei
zuerst von Chaldäa nach Haran gewandert. Denn Haran bedeutet Höhlen, und
diese sind ein Symbol der fünf Sinne. Der Sinn des Aufrufs zur Wanderung
ist aber folgender: _Wenn du deine Sinne betrachtest, so wirst du erkennen,
daß sie nichts wirken und nichts thun, es sei denn, daß der Geist -- einem
Wunderthäter gleich -- ihre Kraft erregt, richtet und befruchtet. An diesem
Beispiel kannst du lernen, daß über der Welt und den sichtbaren Gliedern
des Ganzen ein Geist walten muß, da ja auch deine Glieder, die fünf Sinne,
ohne den Geist im Innern nichts vermögen. Daß jener Weltgeist unsichtbar
ist, darf dich nicht stören, denn dein eigener Geist ist es ja auch._ Die
Richtigkeit dieser Erklärung wird gleich durch folgende Worte des Textes
bewiesen, wo es heißt: Gott erschien dem Abraham. Vorher, als der Geist
noch im chaldäischen Irrtum befangen war, konnte ihm Gott nicht erscheinen,
wohl aber jetzt, da er die Wahrheit zu erkennen begann. Es heißt aber:
'Gott erschien dem Weisen und nicht, der Weise sah Gott', _denn Niemand
kann Gott begreifen, als sofern sich dieser selbst zu erkennen giebt_. Für
diese Erklärung spricht auch die Änderung des Namens; zwar wird nur ein +A+
dem vorigen hinzugefügt, aber es ist ein großes Geheimniß in diesem kleinen
Buchstaben verborgen: Vorher heißt jene Seele Abram, d. h. der in die Höhe
strebende Vater; jetzt aber heißt er Abraham, d. h. der auserlesene Vater
des Schalls. Mit diesem Namen wird der Weise bezeichnet; denn Schall ist
gleich Rede, Vater des Schalls gleich Geist, weil dieser es ist, der die
Rede aussendet. Das Beiwort 'auserlesen' bezeichnet die Vortrefflichkeit
jenes Geistes. Die zweite Wanderung endlich, nämlich die von Haran nach
Palästina, ist von der vollständigen Erkenntniß des höchsten Wesens zu
verstehen, die jene Seele zuletzt errang.«
An einem andern Ort[643] spricht sich Philo über die mystische Reise nach
Haran folgendermaßen aus:
»So lange der Asket in den Sinnen lebt, d. h., wenn er nach Haran kommt,
denn dieser Name bedeutet die Höhlung der fünf Sinne, begegnet er dem
göttlichen Logos nicht. Es heißt aber weiter, er sei dem Logos begegnet,
als die Sonne unterging; Sonne bedeutet nämlich in diesem Fall den obersten
Gott, und der Sinn ist dieser: Wenn das göttliche Licht, die reine
Erkenntniß Gottes, untergegangen, so sehen wir den Logos; wenn jenes aber
leuchtet, so schauen wir die reine intelligible Welt. Andere fassen diese
Stelle so auf: Die Sonne ist der menschliche Verstand mitsammt den Sinnen,
der Logos das Ebenbild der höchsten Gottheit, welches erst dann erkannt
wird, wenn das menschliche Licht der Sinne untergegangen ist.«
Halten wir diese Stelle fest und den Umstand, daß Philo die Welt die große,
den Menschen aber die kleine Stadt nennt, so sehen wir ganz einwandfrei,
daß diese Spekulationen indischen Ursprungs sind. So heißt es in
_Windischmanns_ bekanntem Werk[644] über die Ekstase der indischen Sonnen-
und Mondkinder:
»Wenn die Sinne in den Manas (Allsinn) zusammengehen, sieht der Seher
nichts mit den Augen, hört nichts mit den Ohren, fühlt nichts, schmeckt
nichts; aber innerhalb der _Stadt des Brahma_ sind die fünf Pranas
leuchtend und schwach, und der Seher erreicht sich selbst im Licht bei den
verschlossenen Pforten des Leibes. Da sieht er dann, was er im Wachen sah
und that, er sieht Geschehenes und nicht Geschehenes, Gewußtes und nicht
Gewußtes, und weil Atma (der Geist, Philos Logos,) Urheber aller Handlungen
selbst ist, so verrichtet er im Schlafe gleichfalls alle Handlungen und
nimmt auch die ursprüngliche Gestalt des Lichtes wieder an und er wird wie
Brahma selbst leuchtend.«
In den _Upanischads_ heißt es:
»Manas (der Menschengeist) wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin
das Auge, das Ohr und die anderen Sinne nicht gelangen, und gewährt schon
so ein großes Licht. Ebenso wandelt er auch im Traume an entlegene Orte und
zündet den anderen Sinnen ein großes Licht an. Im tiefen Schlafe ist er
eins und ungeteilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; er ist das
Prinzip aller Sinne. Der Fähige vollbringt seine Werke mittelst des Manas,
und der Erkennende erkennt durch dasselbe. -- Es ist die Leuchte des
Leibes und die Mitte desselben und aller Sinne Mittelpunkt. In seinen
Banden ist der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt,
alles Vergängliche; Manas selbst aber vergeht nicht im Tode. In der
Herzhöhle wohnt die unsterbliche Person -- in der Mitte des Geistes --,
diese Person, das innere Licht ist klar wie eine rauchlose Flamme. In
dieser Höhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum,
der mit Akasa erfüllt ist. Derselbe Akasa, wie er außen ist, ist auch
innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen, und in ihm sind der Himmel und
die Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der
Blitz und die Gestirne. -- Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in
welcher Alles enthalten ist. -- Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der
Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und zieht aus, den Lohn der
Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber, den Geist erkennend, von
hier hinweggehen, die gehen ihrer und ihrer Wünsche mächtig und empfangen
ewigen Lohn. Wenn der Schleier des Irrthums und der Mißerkenntniß vom
Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Akasa angenommen hat, dem
ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Ihm wird die Nacht zum Tag, das
Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist
die Welt des Brahma selbst.«
Die Praxis der mystischen »Reise nach Haran«, um des Logos oder Atma
teilhaftig zu werden, wird bekanntlich in den Upanischaden am aller
ausführlichsten geschildert.
Soviel über Philos Allegorie, die zur indischen Mystik hinüberführt. -- Wir
wenden uns nun zu Philos Spekulationen über die Gottheit, den Logos und die
intelligible Welt.
Gott ist das absolute Wesen, rein in sich abgeschlossen, und ohne Beziehung
auf etwas Endliches. Er ist die Seele des Weltalls, er bleibt uns ein
Geheimnis, und man darf sich nicht erkühnen, etwas von ihm oder über ihn zu
sagen, als daß er sei.[645] Das einzig würdige Symbol Gottes unter den
endlichen Dingen ist das intellektuelle Licht und die menschliche
Seele.[646]
Gott und die Materie sind die beiden von Ewigkeit bestehenden Prinzipien;
Gott ist die unendliche Intelligenz, welche die Formen -- resp. Ideeen --
von allen möglichen Dingen in sich enthält, die Materie ist der formlose
Stoff, der ungeachtet seiner Subsistenz durch den Mangel an aller Form ein
Unding für den Verstand ist. Form und Leben erhielt die Materie durch
Gott.[647]
Gott ist das reale Wesen, welches wegen seiner Unendlichkeit von keinem
endlichen Wesen erkannt werden kann, er ist nicht im Raum, nicht in der
Zeit, außerhalb der Sinnenwelt und durch kein Prädikat eines endlichen
Wesens denkbar. Er kann nur gedacht werden als das Reale ohne bestimmte
Realität. Man weiß nur, daß Gott ist, nicht was er ist.[648]
Gott ist die hypostasierte Ewigkeit, denn in ihm ist nichts vergangen,
gegenwärtig und künftig, er ist ohne Anfang und Ende, in seinem ganzen
Wesen unveränderlich. Er ist das Urlicht, aus dessen Strahlen alle
endlichen denkenden Wesen ausgegangen sind.[649]
Als unendliche Intelligenz umfaßt Gott alle Ideeen von allen möglichen
Dingen; aber eine Idee Gottes ist nichts anderes als das Ding selbst. Was
er denkt, erhält durch sein bloßes Denken Realität.
Gott kann in seinem Verhältnis zur Welt hauptsächlich nach vier Begriffen
dargestellt werden, nämlich in Hinsicht der Macht, der Weisheit, der
Heiligkeit und der Liebe.
Philo hebt die Allmacht oft hervor, besonders in Verbindung mit der
%sophia%, der Weisheit; die Heiligkeit Gottes berührt er weniger, weil er
sie für selbstverständlich hält. Hingegen setzt er etwas Höheres an ihre
Stelle, nämlich die Reinheit. Am meisten aber verbreitet er sich über die
Güte und Liebe Gottes, weshalb man in gewisser Beziehung Philos Theosophie
die Morgenröte des Christentums nennen kann.[650]
Aus Güte und Liebe hat Gott die Welt geschaffen, er erfüllt alles mit
seiner liebenden Macht; seine Güte hält die Welt zusammen und ist selbst
die Harmonie der Welt. Alles Gute in dieser Welt, geistiges und leibliches,
ist sein Geschenk und seine Gnade. Besonders aber erstreckt sich die Fülle
der göttlichen Gnade auf die Menschen, und wenn seine Liebe nicht wäre,
würden sie alle dem Verderben anheim fallen. Alle Güter, welche die
Menschen besitzen, jede Tugend, Frömmigkeit, Wohlwollen, Gerechtigkeit,
Glauben usw., sind Gottes Geschenk, weshalb es Philo auch an unzähligen
Orten für die größte Sünde erklärt, wenn der Mensch sich selbst etwas Gutes
zuschreibt und dasselbe nicht von Gott ableitet.
Philo erklärt an einer Menge Stellen seiner Schriften Gott seinem Wesen
nach für völlig unbegreiflich, dennoch aber giebt er zu, daß eine gewisse
Erkenntnis Gottes jedem Menschen möglich ist und von jedem gefordert werden
kann, obschon Viele derselben durch eigene Schuld entbehren, nämlich: die
Erkenntnis, daß Gott sei und die Gewißheit seiner Existenz. Diese
Erkenntnis kann auf zweierlei Weise stattfinden, nämlich durch ein
mystisches Schauen, bei welcher höchsten Stufe der Erkenntnis die
Selbstthätigkeit des Menschen zwar nicht ausgeschlossen ist, bei der aber
Gott dem Menschen entgegengekommen und das Meiste thun muß. -- Die zweite
-- niedrigere -- Stufe der Gotteserkenntnis beruht auf Schlüssen aus den
Werken auf den Urheber.
Der Verstand Gottes, der Logos, welcher alle Ideeen in sich begreift, ist
die ideale Welt. Diese ist das Ebenbild Gottes, sein erstgeborener Sohn,
denn sie geht unmittelbar aus dem Wesen Gottes hervor und muß daher ebenso
vollkommen sein wie die höchste Intelligenz selbst. Philo nennt diese
personifizierte Verstandeswelt auch noch den Erzengel, (die Engel überhaupt
nennt er vielfach %logoi%), weil sie die erste aller ausgeschlossenen
Intelligenzen ist, oder den himmlischen Menschen, den Aufgang der
Sonne.[651]
Der Logos ist das Muster, nach welchem Gott die sichtbare Welt schuf. Die
göttliche Kraft, durch welche diese gebildet wurde, ist der nach außen
wirkende Logos, welcher mit der Sprache verglichen werden kann.
An anderer Stelle[652] sagt Philo vom Logos:
»Zwischen Gott und dem göttlichen Logos ist kein Zwischenraum, Beide sind
unendlich nahe. Der Logos ist der Wagenlenker der göttlichen Kräfte, der
Herr des Wagens aber ist der Sprechende, der dem Lenker des Wagens seine
Bahn vorschreibt.«
Der Logos ist die Nahrung der Seelen und wird von Philo mit dem Manna der
Wüste verglichen:
»Siehst du nun, was die Nahrung der Seele ist, nämlich das allerfüllende
Wort Gottes, das dem Thaue gleich die ganze Erde bedeckt und Alles erfüllt.
Aber nicht überall zeigt sich dieser Logos, sondern nur da, wo Leidenschaft
und Bosheit ferne sind; er ist so fein zu erfassen und zu ergreifen, klar
und rein anzuschauen; er ist wie Coriander. Die Landleute sagen nämlich von
dieser Frucht, wenn man sie auch in zahllose Theile zerschneide, so gehe
doch ein jeder derselben so gut auf wie ein ganzes Korn. So ist es auch mit
dem göttlichen Wort. Es ist im Ganzen fruchtbringend, aber auch jedem
einzelnen Theile nach, und wäre es auch der kleinste. Darum gleicht es auch
dem Augapfel, denn wie dieser als ein so gar kleines Ding alle Zonen der
Erde, das unermeßliche Meer und den unbegrenzten Luftraum überschaut, so
ist auch der göttliche Logos über alles scharfblickend und im Stande Alles
zu schauen; ja er ist es, durch den wir allein Wahrheit sehen können.
Deshalb läßt sich auch das Beiwort 'weiß', welches im Texte dem Manna
gegeben wird, auf ihn übertragen. Denn was ist lichter und klarer als der
göttliche Logos, durch dessen Besitz es jeder Seele, die sich nach dem
geistigen Lichte sehnt, erst möglich wird, die innere Finsterniß zu
zerstreuen.«
»Etwas Eigenes geschieht aber mit diesem Logos; wenn er nämlich eine Seele
zu sich ruft, so bewirkt er, daß alles Irdische, Sinnliche und Leibliche in
ihr zusammenfriert. Deswegen heißt es auch im Text, es war wie Eis auf dem
Felde. Die Seelen fragen sich, was der Logos sei, nachdem sie seine
Wirkung bereits erfahren haben. Oft geht es auch in andern Dingen so, oft
wissen wir nicht, woher der Geschmack kommt, der unsere Zunge mit Süßigkeit
erfüllt, oft kennen wir den Geruch nicht, der uns ergötzt. Dasselbe
widerfährt nun auch der Seele; eine hohe Freude wird ihr zu Teil, aber sie
weiß nicht, woher sie kommt. Diesen Aufschluß giebt ihr der heilige Prophet
Moses: 'Dies ist das Brot', sagt er, 'die Nahrung, die Gott der Seele
gegeben hat, sein Wort, sein Logos, denn in Wahrheit ist dies das Brot, das
er uns gegeben hat; dies ist sein Wort.' Auch im Deuteronomion sagt er: 'Er
hat dich geplagt und hungern lassen, aber dann mit Manna gespeiset, das
deine Väter nicht kannten, auf daß dir offenbar würde, daß der Mensch nicht
vom Brode allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das aus des Herrn
Munde geht.' Diese Plage ist ein Werk der Gnade, denn durch die Strafe
reinigt er unsere Seelen, wenn er uns nämlich die Sinnenlust entzieht,
vermeinen wir geplagt zu werden; aber eben damit erweist er sich uns
gnädig. Er schickt auch Hunger über uns, nicht nur einen Hunger nach
Tugend, sondern den, welcher die Bosheit und die Leidenschaft züchtigt;
denn zum Beweise, daß er es gut mit uns meint, heißt es ja, er sättigt uns
mit Manna, d. h. mit seinem Wort, das Alles in sich faßt, und reines Sein
ist. Manna heißt eigentlich 'Etwas', das ist das reine Sein, das
allgemeinste Wesen; denn der göttliche Logos ist über der ganzen Welt und
allgemeiner als alle Kreaturen. Diesen Logos kannten die Väter nicht, d. h.
nicht die wahren Väter, sondern nur die Alten an Jahren, nicht an Weisheit;
diejenigen, die zu den Propheten sprachen: Gieb uns einen Führer, daß wir
zurückkehren zur Leidenschaft, d. h. nach Ägypten. So werde es dann der
Seele kund, daß der Mensch nach dem Ebenbilde nicht vom Brode allein lebt,
sondern von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, d. h., daß er
sowohl durch den ganzen Logos genährt wird, als auch durch einen Teil von
ihm. Denn Mund ist ein Sinnbild der Rede, Wort aber ein Teil derselben. Die
Seele der Vollkommenheit wird durch den ganzen Logos genährt, wir aber
wollen zufrieden sein, wenn uns nur ein Teil des göttlichen Wortes
zukommt.«
An anderer Stelle nennt Philo den Logos das Vaterland weiser Seelen und
sagt zur Erklärung der Aufforderung Jakobs, Laban zu verlassen (+Genes.
XXXI, 3+), daß der Befehl, Jakob solle sich von Laban kehren, heiße, der
Geist des Asketen solle sich nicht mehr mit den sinnlichen Dingen und den
Eigenschaften der Körperwelt (Laban) abgeben; sondern sich in das
Vaterhaus, d. h. zum heiligen Logos, dem Wohnort weiser Seelen wenden.[653]
In einem andern Gleichnis nennt Philo den Logos noch den Regentau und
Steuermann der Weisen, ja das Triebrad im innern Wesen der Gottheit und der
Geisterwelt, welchem Gott bei der Schöpfung der Welt sein allmächtiges
»Werde« anvertraute.[654]
Aus Gott emanieren unzählige Kräfte und Geister, welche die intelligible
Welt als Urbild und Ideal der sichtbaren Körperwelt hervorbrachten. Unter
diesen höheren himmlischen Geistern steht eine unermeßliche Menge niederer,
welche Engel genannt werden.
Diese Geister haben verschiedene Geschäfte; sie dienen dem Allmächtigen und
haben so tiefe Einsichten, daß ihnen nichts verborgen bleibt. Sie sind
Verkünder der göttlichen Befehle und Überbringer der Gebete vor den Thron
Gottes. Ihre Existenz ist geboten, denn es ist notwendig, daß die ganze
Schöpfung belebt sei, und daß jeder Teil der Welt die ihm angemessenen
Bewohner habe.
Von den Geistern, welche die Luft bewohnen, sind einige den Menschen
gefährlich durch Einflößung sündlicher Begierden und Leidenschaften, andere
jedoch dienen dazu, in der Seele des Menschen den Trieb zur Unsterblichkeit
und Verachtung alles Irdischen zu erwecken. Und diesem muß man durch ihre
unmittelbare Einwirkung auch die menschliche Seele das Geschäft der
Inspiration zueignen.[655]
Die Geister aller Klassen und Ordnungen sind Mittelwesen und
Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen, Verkündiger der über sie
ergangenen göttlichen Ratschlüsse u. s. w. Mit einem Wort, die Geisterwelt
ist nach Philo ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des
sichtbaren Universums und namentlich des Menschen betrieben werden.
Der Mensch ist eines unmittelbaren vertrauten Umganges mit der Geisterwelt
und dem Logos durch eigene Kraft fähig, wozu ihm die durch die Askese
vermittelte höchste Erkenntnis des Wahren und Guten verhilft. Ist dann die
menschliche Seele in Verbindung mit der Geisterwelt -- und namentlich durch
den Einfluß des Logos -- zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen
gelangt, wovon wir durch die Sinne nur eine oberflächliche Kenntnis
erhalten, so erhebt sie sich über sich selbst, tritt mit dem Logos in
Gemeinschaft; sie hat den höchsten Gipfel der reinsten Erkenntnis
erstiegen, und ihr Flug ist hinfort himmelwärts gerichtet.
Zweites Kapitel.
Philos Mystik.
Die Art und Weise wie Philo den Menschen in verschiedene Grundteile teilt,
hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der sog. esoterischen Lehre. Diese
Ähnlichkeit mag wohl daher rühren, daß, wie später nachzuweisen, Philo der
Sekte der Essäer angehörte, welche bekanntlich unter den Juden durch
buddhistische Missionäre gestiftet worden war.[656]
Der Mensch besteht nach Philo aus Körper und Seele.
Der Körper %sôma% (+rupa+ der Inder, +chat+ der Ägypter, +guf+ der Hebräer,
elementarische Leib des Paracelsus) ist aus den vier Elementen
zusammengesetzt und darum sterblich.[657]
Die Seele (%psychê%) des Menschen zerfällt in einen unvernünftigen und
einen vernünftigen Teil. Zu den ersteren gehört der »Sitz der Leidenschaft«
(%to thymikon%) und der Sitz der physischen Begierden (%to epithymêtikon%).
Dieser Teil der Seele ist sterblich und hat seinen Sitz im Blut[658]; er
kann also sehr wohl mit dem +Kama rupa+ der Inder, +Ab+ der Ägypter,
+Ruach+ der Hebräer und dem +Evestrum+ oder siderischen Menschen des
Paracelsus verglichen werden.
Insofern dieser Teil der Seele und der Körper sterblich sind, nennt Philo
den Menschen ein vernünftiges sterbliches Tier.
Der niederste Grundteil der vernünftigen Seele ist nach Philo das
Sprachvermögen[659], eine Unterscheidung, die sonst nirgends gemacht wird.
Da aber die Sprache den Menschen vom Tiere zunächst unterscheidet, so
könnte man das »Sprachvermögen« Philos vielleicht mit der Menschenseele der
Inders (+manas+, +ba+, +Neschamah+, +spiritus etc.+) identifizieren.
Der zweite Teil der vernünftigen Seele ist das »Vermögen der Sinne«
(%psychê aisthêtikê%), die wir mit +Chaibi+ der Ägypter, +chaijah+ der
Hebräer und der Vernunft (+Intellectus+) der mittelalterlichen Mystiker
vergleichen können.
Der höchste Grundteil des Menschen endlich ist der »Verstand«, %nous,
logos%, +cha+ der Ägypter, +jeschida+ der Hebräer, der »göttliche Gedanke«
Agrippas und der Mensch des +Olympi novi+ des Paracelsus, welcher »ein
unzertrennlicher Teil der stetigen Natur der Gottheit ist«.[660]
Unter den bisher aufgezählten sechs Grundteilen haben wir den Astralkörper
vermißt; aber auch von diesem findet sich eine Spur bei Philo, insofern er
sagt, die Seele sei in Ätherstoff, d. h. ein fünftes Element, aus dem
Himmel und Gestirne geschaffen worden, in ein heiliges, unverlöschliches
Feuer gehüllt.[661]
Daß Philo auch die Lebenskraft kannte, ergiebt sich aus folgender
Stelle[662]:
»Oft in seinen Schriften erklärt Moses das Blut für das Wesen der Seele;
sagt er doch geradezu: die Seele alles Fleisches ist Blut. Hingegen heißt
es bei der Schöpfung des ersten Menschen: Gott blies ihm den Hauch des
Lebens ein, und der Mensch ward zur lebendigen Seele. Diese Worte beweisen,
daß die Substanz der Seele Geist ist. Da nun Moses immer mit sich
übereinstimmt, so muß er einen guten Grund zu diesem scheinbaren
Widerspruch gehabt haben. Dieser ist auch vorhanden, denn jeder von uns ist
eine Zweiheit, ein Tier und ein Mensch. Jedem von diesen beiden
Bestandteilen kommt eine besondere Kraft zu. Dem einen die Lebenskraft,
durch welche wir leben, dem andern die Kraft der Vernunft, durch welche wir
vernünftig sind. An der Lebenskraft haben auch die unvernünftigen Tiere
Anteil. Vorsteher und nicht Teilhaber der anderen ist Gott. Jene Kraft nun,
welche wir mit den Tieren teilen, hat das Blut zum Sitz erwählt. Die andere
dagegen ist eins mit dem Geiste. Deshalb sagt Moses (+Deuteron. XII, 23+):
'die Seele des Fleisches ist Blut', indem er wohl weiß, daß die Natur des
Fleisches keinen Teil am Geiste, sondern nur am Leben hat.«
Philo unterscheidet also hier eine %psychê logikê% und %psychê sarkikê%,
welch' Letztere mit der Lebenskraft identisch ist.
Den menschlichen Verstand (%nous%) bildete Gott sich selbst oder seinem
Logos vollkommen ähnlich und macht ihn somit zu seinem Ebenbild (%eikôn%),
und insofern kann man sagen, daß der Mensch dem Geist nach Gott und dem
Logos verwandt sei, ebenso wie sein Körper der äußeren Natur gleicht.[663]
Wir finden also hier zum erstenmal die später von Paracelsus ausgeführte
Parallele zwischen dem Mikrokosmus und Makrokosmus aufgestellt.
Da dieser unsterbliche Teil des Menschen schon vor der Schöpfung des
sterblichen Teils in der Gottheit existierte, so bedeutet das Wort Mosis,
daß Gott dem Menschen einen lebendigen Odem in seine Nase blies, nichts
anderes als die Absendung des %nous% von seinem seligen Sitz in der
Gottheit in den menschlichen Körper, um diesen wie eine Kolonie zu
bewohnen.[664]
Das Böse ließ Gott entstehen, um das Gute desto mehr hervorzuheben, und
verband beide im Menschen, der das Gute nicht erkennen kann, ohne das Böse
zu wissen.[665] Der Mensch ist also ein Wesen von gemischter Natur. Sein
»Verstand« ist nämlich vor seiner Verbindung mit dem Körper gut und
rein[666]; seine Sinne sind ihrer Natur nach weder gut noch böse, sondern
von einer mittleren Art, die bei den Guten gut, bei den Bösen böse ist. Die
Begierden und Leidenschaften jedoch, der unvernünftige Teil der Seele, und
vorzüglich die Wollust sind wie der Körper böse und Gott verhaßt.[667] Die
Seele befindet sich daher gewissermaßen in einem Gefängnisse, dessen
Wächter die Leidenschaften und Begierden sind, oder in einem Sarge oder
Grabe, aus dem sie sich nur durch Entäußerung der Sinnlichkeit befreien
kann.[668]
Der Körper hindert die Tugend, weshalb die Seele diesen, die Lüste,
Begierden, Sinne und Rede fliehen und verlassen muß, weil bei ihnen das
Böse sich aufhält. Sie muß sich zu der Gottheit erheben, d. h. sie muß ihre
Gedanken allein auf übersinnliche Gegenstände richten und sich nicht mehr
mit irdischen Dingen beschäftigen, als die äußerste Notwendigkeit
erfordert.[669] -- Wenn wir den Körper fliehen, so leben wir der Natur
gemäß, wir verähnlichen uns der Gottheit, soweit uns dies möglich ist, und
gelangen dadurch zum höchsten Gipfel der Glückseligkeit.[670]
In sehr prägnanter Weise spricht sich Philo über die Punkte an einer Stelle
aus[671], wo er die Prophezeiung (+Genes. XV, 13+) erklärt: »Das sollst du
wissen, daß dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist;
und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre.« Er
sagt:
»Das Erste, was uns in diesen Worten vorgehalten wird, ist die Lehre, daß
der Fromme im Leibe nicht wie in seiner Heimat wohnen, sondern ihn als ein
fremdes Land ansehen soll. Zweitens liegt darin, daß die Knechtschaft,
Unterdrückung und arge Demütigung der Seele in der irdischen Wohnung des
Leibes ihren Grund hat, denn die Leidenschaften sind der Seele völlig
fremd, sie erwachsen aus dem Fleische, in welchem sie wurzeln.« -- Nun
fährt Philo, die Sklaverei in den Banden des Leibes beschreibend, weiter
fort: »Vierhundert Jahre dauert die Knechtschaft. Diese Worte sind auf die
Zahl der hauptsächlichsten Leidenschaften zu deuten, deren es vier giebt.
Wenn die Wollust über uns herrscht, so wird der Geist von leerem Winde
aufgeblasen und übermütig; gebietet aber die Begierde in uns, so zieht die
Sehnsucht nach abwesenden Genüssen in die Seele ein und würgt und plagt sie
durch trügerische Hoffnungen. Denn sie dürstet dann immerwährend und kann
doch ihren Durst nicht löschen, so daß sie Qualen des Tantalus erdulden
muß. Sind wir aber in der Knechtschaft der Traurigkeit, so wird die Seele
zusammengeschnürt und eingeengt, und sie ist einem Baume zu vergleichen,
von welchem die Blüten und die Blätter abfallen. Sind wir endlich im Banne
der Furcht, so vermag Niemand zu bleiben, sondern darf nur in schleuniger
Flucht Rettung erhoffen. Die Begierde hat nämlich eine anziehende Kraft und
zwingt uns, das Ersehnte zu verfolgen, auch wenn es vor uns flieht. Die
Furcht dagegen trennt uns von ihrem Gegenstand. Die Herrschaft der
genannten Leidenschaften übt schweren Druck auf ihren Sklaven aus, bis
Gott, der große Richter, den Bedrückten von seinem Bedrücker trennt, um
jenem seine Freiheit zu geben und über diesen die wohlverdiente Strafe zu
verhängen. Denn es heißt ja (+Genes. XV, 14+): 'Das Volk, das sie
bedrückte, will ich richten, und dann sollen sie ausziehen mit großem
Gute.' Es ist notwendig, daß der Sterbliche dem Volk der Leidenschaft
unterworfen werde und das vom Geborenwerden unzertrennliche Los erdulde.
Aber es ist auch der Wille Gottes, die Not unseres Geschlechtes zu
erleichtern. Wenn wir daher auch in der Knechtschaft des Leibes das
Unvermeidliche erdulden, so thut Gott seinerseits, was ihm zu thun obliegt:
er bereitet Freiheit den Seelen, welche sich flehend an ihn wenden; ja, er
löst sie nicht allein aus dem Gefängnis, sondern giebt ihnen auch Zehrung
auf die Reise mit, was im Texte %aposkeuê% (Gut) heißt. Was ist dies nun?
Wenn der vom Himmel stammende Geist in die Not des Leibes gebannt wird und
sich von keiner Lust und -- wie ein Weichling -- unterjochen läßt, sondern
wie ein Mann nicht zum Leiden, sondern zur That bereit, kräftig nach
Freiheit strebt und alle Wissenschaften rüstig betreibt, so nimmt er beim
Abschied und Hingang in sein Vaterland all' jenes Wesen mit, welches hier
%aposkeuê% genannt wird.«
Jedem der drei Hauptteile der Seele setzte Gott eine Tugend zur Seite, um
ihn zu regieren: dem Verstand die Klugheit, den Leidenschaften die
Tapferkeit und den Begierden die Mäßigung, wozu dann, wenn jene die
Oberhand haben, noch die Gerechtigkeit kommt, welche insgesamt in der Güte
des Charakters ihren gemeinsamen Ursprung haben.[672]
Die Seele ist von Gott nicht den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen
worden. Als Himmelsgeborener ist der Mensch frei und in nichts zeigt sich
sein göttlicher Ursprung so schön, als in der göttlichen Freiheit, die ihm
vor allen anderen Kreaturen zu teil wurde. In dieser Hinsicht sagt
Philo[673]:
»Der Mensch besteht aus dem nämlichen Stoff, aus welchem die Naturen des
Himmels geschaffen wurden, und er ist deshalb unvergänglich. Denn ihn
allein hat Gott der Freiheit gewürdigt und für ihn die Bande der
Notwendigkeit, die alle Geschöpfe fesseln, aufgehoben; er hat ihn an dem
herrlichsten eigenen Vorzug, soviel der Mensch davon fassen kann,
teilnehmen lassen. Deswegen ist er aber auch zurechnungsfähig. Den Tieren
und Pflanzen kann man weder Fruchtbarkeit als Verdienst, noch
Unfruchtbarkeit als Schuld annehmen, aber er allein verdient Tadel, wenn er
Böses thut, und wird auch dafür bestraft.« -- Ähnlich lautet eine andere
Stelle[674]: »Um seiner Gerechtigkeit willen hat Gott der menschlichen
Seele den Geist eingehaucht, denn wäre dem Menschen das wahre Leben nicht
eingegeben worden, und wäre er somit zur Tugend unfähig gewesen, so hätte
er, wenn er für seine Sünden bestraft wurde, sagen können, daß er ungerecht
bestraft werde, und Gott selbst sei an seinen Vergehungen schuld, weil er
ihm die Möglichkeit Gutes zu thun nicht verliehen, denn Fehler ohne
Freiheit seien keine Fehler.«
Wegen ihrer göttlichen Eigenschaften wird die Seele der »Tempel Gottes«
genannt. So heißt es[675]:
»Das wahrhaft Gute hat in nichts Äußerem seinen Sitz, weder im Körper noch
in der Seele, sondern allein in dem königlichen Geiste. Denn da Gott wegen
seiner Milde und Liebe das Gute in die Welt einführen wollte, so hat er
keinen würdigeren Tempel gefunden als den menschlichen Geist.«
Philo hält den Zustand des jetzigen Menschen für sehr verschieden von dem
des idealen, wie er aus der Hand des Schöpfers kam. Diese Spekulation über
den Zustand des idealen Menschen vor dem Fall (Adam), über den Sündenfall,
seine Folgen &c. durchziehen die ganze christliche Mystik und finden
namentlich auch bei Jakob Böhme ihren Niederschlag. Da sie somit jedermann
bekannt sein werden, bedürfen sie hier einer flüchtigen Erwähnung.[676]
Adam war vollkommen an Leib und Seele: Die Schönheit seines Leibes folgt
aus drei Gründen: Erstens waren in der jugendfrischen Schöpfung alle Stoffe
weit vollkommener und reiner als später; zweitens wählte Gott aus den
besten Teilen des Stoffes das Vorzüglichste aus, um das Gefäß einer
unsterblichen Seele zu bilden, drittens war der Schöpfer selbst der
vorzüglichste Werkmeister. Der hohe Adel der Seele Adams folgt daraus, daß
sie Gott nach nichts Sichtbarem, sondern nach seinem Ebenbilde schuf. Darum
mußte sie als Abbild des Vollkommensten notwendig selbst vollkommen sein.
Die jetzigen Menschen sind nur von Menschen erzeugt und nicht -- wie Adam
-- von Gott selbst geschaffen. Soweit aber Gott den Menschen übertrifft, um
so höher muß auch ein göttliches Geschöpf über ein menschliches erhaben
sein.[677]
Adam war fernerhin gleich bei seinem Eintritt in die Welt König der
sichtbaren Natur, über die er eine unbeschränkte Herrschaft ausübte[678],
und er bewies diese Herrschaft gleich anfangs dadurch, daß er allen Dingen
Namen gab.[679] -- Auch lebte er im Umgang mit den Bürgern der Geisterwelt
und bestrebte sich, alle Befehle der Gottheit zu vollziehen, auf dem Wege
der Tugend sich zur Verähnlichung mit ihr emporzuschwingen, da Gottes Geist
reichlich auf ihn herabströmte.[680]
Mit dem Sündenfall trat ein völliger Umschwung ein. Dennoch wird derselbe
nicht als eine unermeßliche Schuld Adams, sondern als eine Folge seiner
schwachen und sterblichen Natur dargestellt.[681]
Anlaß zum Sündenfall gab das Weib. Solange Adam allein lebte, war er
schuldlos, als aber das Weib geschaffen wurde, eilte er auf dasselbe zu,
voll Freude über die befreundete Gestalt, und umarmte sie. Aus dieser
Umarmung entstand die Liebe, und aus der Liebe die Wollust. Diese ist der
Keim aller Laster, und sie bewirkte, daß Adam ein unsterbliches und seliges
Leben mit einem unglücklichen und sterblichen vertauschen mußte.[682]
Außer dieser sich an den Bibeltext anschließenden Darstellung des
Sündenfalls hat Philo noch eine allegorische Erklärung: Nach der Genesis
ist der Ort des Sündenfalls das Paradies, der Garten Gottes; Verführerin
ist die Schlange, und der Anlaß des Falls das Verbot, vom Baume der
Erkenntnis zu essen. Dies alles erklärt Philo für ein Bild: das Paradies
ist die Seele, die in demselben wachsenden Pflanzen sind die Tugenden, der
Baum des Lebens ist die erste der Tugenden, nämlich die Ehrfurcht gegen
Gott, und der Baum der Erkenntnis endlich ist die Klugheit. Die Schlange
ist die Wollust, welche den Menschen zur Sünde verführt. Unter dem Mann
versteht Philo den Verstand des Menschen, unter dem Weib die Sinne, bei
denen sich die Wollust einschmeichelt, um dadurch den Verstand zu betrügen
und zum Bösen zu verführen.[683]
Mit dem Fall begann eine Reihe von Übeln über die Menschen hereinzubrechen.
Das Weib fand seine Strafe in den Schmerzen der Geburt, in den Beschwerden
der Kindererziehung und in der Unterwürfigkeit unter den Willen des Mannes;
der Mann in der Arbeit und Sorge um den nötigsten Lebensunterhalt.[684]
Selbst die Erde wurde wegen des Sündenfalls bestraft, und sie bringt ihre
Früchte nicht mehr so dar, wie sie dieselben ohne die Sünden der Menschen
getragen hätte. Denn die Erde würde auch ohne Ackerbau alles im Überflusse
erzeugt haben, wenn nicht die Laster über die Tugend die Oberhand gewonnen
und die Gottheit genötigt hätten, der unaufhörlichen Mitteilung ihrer Güter
eine Grenze zu setzen, um sie nicht an Unwürdige zu verschwenden und den
Menschen durch einen von Müßiggang und Überfluß erzeugten Mutwillen in noch
größeres Sündenelend zu stürzen.[685] -- Würden die Menschen aufhören, den
göttlichen Gesetzen entgegen zu handeln, und ein göttliches Leben führen,
so würde auch die erste Fruchtbarkeit wieder eintreten.
Seit Adam artet das Menschengeschlecht von Generation zu Generation immer
mehr aus[686], wie das erste Bild, das nach dem Urbild gemacht wurde, noch
am meisten demselben ähnlich sieht, während die späteren, nach Abbildern
gemachten Kopien immer schwächer und unkenntlicher werden, oder wie in
einer Reihe von Eisenstäben, die an einem Magnetstein aufgehängt sind,
derjenige die meiste magnetische Kraft bewahrt, welcher den Stein
unmittelbar berührt, die tiefer hängenden aber immer weniger. -- Doch haben
die späteren Menschen das Ebenbild Gottes nicht ganz verloren, sondern es
ist nur verdunkelt worden. Diese Verwandtschaft besteht in der vernünftigen
Seele; dem Körper nach sind wir mit der Welt verwandt; er ist aus allen
Elementen zusammengesetzt und faßt alle Eigenschaften derselben in sich.
Deshalb macht er den Menschen zu einem Proteus, welcher gleich gut auf dem
Lande, im Wasser, in der Luft und im Feuer leben kann.[687] -- Außerdem
aber haben die späteren Menschen von der Herrschaft, welche Adam in vollem
Maße über die Natur besaß, wenigstens die Gewalt über die Tiere
behalten.[688]
Unzählig sind die den Sterblichen angeborenen Übel, unter denen Philo die
Leidenschaften und Begierden, nicht die spezifische Erbsünde versteht,
obschon er einen gewissen Einfluß des Sündenfalls auf die Nachkommenschaft
zugiebt. Von diesen Übeln können wir uns nie gänzlich losreißen; wir können
sie nicht vertilgen, sondern müssen sie nur zu mildern suchen. Bei Jedem,
sei er auch noch so gut, ist durch die Geburt selbst das Sündigen mit
seiner Natur verwebt, und Niemand kann daher ohne zu sündigen, sein Leben
beenden.[689] In den ersten sieben Lebensjahren freilich[690] haben wir
noch eine unverdorbene Natur, weil die Seele noch unausgebildet ist, und
weder die Begriffe des Guten noch des Bösen in ihr haften. Im darauf
folgenden Knabenalter jedoch fangen wir gleich an, ein sündiges Leben zu
führen, indem wir teils das Böse aus uns selbst heraus erzeugen, teils von
andern begierig aufnehmen. Auch ohne Lehrer lernt die Seele das Böse von
selbst und richtet sich durch ihre stete Fruchtbarkeit an Lastern zu Grund,
denn die Seele des Menschen strebt, wie Moses sagt, von Jugend auf den
Bösen nach.[691]
Auf diese Weise müßten wir von den Leidenschaften hingerissen und notwendig
von den uns anhängenden Übeln besiegt werden. Allein, der Mensch ist nach
dem Ebenbilde Gottes geschaffen und deshalb dazu bestimmt, Gott nachzuahmen
oder ihm immer ähnlicher zu werden.[692] Damit der Mensch nun, welcher von
Natur verdorben ist, zu diesem Ziele gelangen könne, muß Gott sich seiner
annehmen.[693] -- Dies thut Gott auf zweierlei Art: Erstens dadurch, daß er
dem Menschen die Tugenden, die göttlichen Kräfte, in die Seele pflanzte,
welche ganz besonders noch durch die Beschäftigung mit den Wissenschaften
angezogen werden. In diesem Sinne sagt Philo[694]:
»Die Menschenseele ist ein Tempel des unsichtbaren Gottes; wenn sie nämlich
durch die vorbereitenden Wissenschaften[695] gehörig vorbereitet ist, so
dürfen wir frohe Hoffnung schöpfen und die Ankunft der göttlichen Kräfte
erwarten. Diese steigen herab, um uns zu heiligen und zu reinigen nach dem
Befehle ihres himmlischen Vaters. Wenn sie dann in die tugendliebende Seele
eingezogen sind, säen sie in ihr die Saat der Seligkeit.«
Zweitens aber thut sich Gott von oben und außen auf verschiedene Weise
kund, indem er dem hülfsbedürftigen Menschen entweder seine Engel, den
Logos (%logos%), den göttlichen Geist (%pneuma hagion%) oder die göttliche
Weisheit (%sophia%) schickt; ja er sagt sogar, daß Gott selbst in die
Seelen herabsteigt.[696] Daß Gott sich Allen durch seinen Geist kundgebe,
sagt Philo mit folgenden Worten[697]:
»Der Herr sprach: mein Geist soll in den Menschen nicht bleiben ewiglich,
weil sie Fleisch sind. Wohl kehrt er ein, aber nicht immer bleibt er auf
ihnen; denn wer ist so vernünftig oder seelenlos, daß er nie, freiwillig
oder unfreiwillig, einen Begriff des höchsten Gutes erhalten habe? Auch zu
den Verruchtesten schwebt oft plötzlich das Schöne in flüchtiger
Erscheinung herab, aber sie sind nicht imstande, dasselbe festzuhalten, und
bald entflieht es wieder. Es wäre auch gar nicht zu ihnen gekommen, wenn
nicht in der Absicht, jene Menschen, welche das Laster anstatt der Tugend
erwählen, zu überführen. Nur bei denen allein, die sich vom Körper
loszureißen streben, bleibt der heilige Geist beständig.«
Durch den Logos erleuchtet und belehrt Gott die Menschen ins besondere über
sich selbst; er sendet ihnen in die tugendhaften Seelen wie einen
erquickenden Strom, heilt durch ihn die Krankheiten der Seele, flößt ihr
seine heiligen Gesetze ein, muntert sie auf und stärkt sie zur Beobachtung
derselben. Er wohnt und lebt in tugendhaften Seelen; er selbst ist
vollkommen rein und keiner Sünde fähig. _Er ist der Mittler zwischen Gott
und den Menschen._[698] Er ist weder ungeschaffen wie Gott, noch auf
dieselbe Art wie die Menschen geschaffen. Sehr charakteristisch für die
Auffassung des Logos im Christentum sind Philos eigene Worte[699]:
»Gott läßt seine Weisheit sanft in tugendhafte Seelen herniederströmen, sie
sichert dieselben vor allen unangenehmen Empfindungen, läßt aber in rohe
unwissende Seelen die Strafe gleich einem reißenden Strom herniederstürzen.
Aber dem uralten _Logos, dem vornehmsten Gesandten Gottes, hat der Vater_,
welcher Alles zeugte, den ausgezeichneten Auftrag gegeben, daß er auf einer
Grenze zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen stehen sollte. _Er fleht
den Unsterblichen für den stets fehlenden Sterblichen um Gnade an und ist
der Abgesandte des höchsten Königs an seine Unterthanen._ Er freut sich
seines Auftrags, er rühmt sich desselben und spricht: Ich stehe mitten
zwischen euch und dem Herrn (+Numeri 4816+). Er ist weder ungezeugt wie
Gott, noch gezeugt wie wir; er steht in der Mitte zwischen zwei Extremen
und ist bei beiden _ein Bürge_; bei dem Schöpfer steht er dafür, daß
niemals das ganze Geschlecht von ihm abfallen und in Unordnung
zurückstürzen werde; dem Geschöpf hingegen verbürgt er, _daß es die gewisse
Hoffnung haben soll, der gnädige Gott werde immer für sein eigenes Werk
Sorge tragen_.«
Philo betrachtet den Ornat des Hohepriesters als Symbol des Weltalls, und
den aus zwölf Steinen bestehenden Brustschild (Urim und Thummim), das
heilige Orakel, als das Symbol des Logos, welcher das ganze Weltall
zusammenhält und regiert; »denn«, setzt er hinzu, »es war notwendig, daß
derjenige, welcher vor den Vater der Welt treten wollte, (der Hohepriester
im Allerheiligsten) _sich dessen mit vollkommener Tugend begabten Sohnes
als Fürsprecher bediene zur Vergebung der Sünden und zur Mitteilung
reichlicher Güter_.«[700] -- -- --
So viel über die direkten göttlichen Hülfen.
Die Menschen dagegen müssen ihrerseits, falls sie Kräfte genug dazu
besitzen, im dritten Menschenalter (vgl. oben) durch den Unterricht
(%mathêsis%) in den Vorbereitungswissenschaften zur Philosophie ihren
Verstand zu schärfen und an Betrachtungen zu gewöhnen suchen. Darauf müsse
eine angestrengte Übung folgen (%askêsis%), die in einem anhaltenden Kampf
zwischen Sinnlichkeit und Vernunft besteht, bis die Gottheit, wenn wir eine
Zeit lang Stand gehalten haben, dem Guten das Übergewicht verleiht.[701]
In diesem Sinne sagt Philo[702]:
»Zur Tugend gelangt man entweder durch Natur, durch Askese oder durch
Unterricht. Deswegen schreibt Moses von drei weisen Stammeshäuptern unseres
Geschlechts, die zwar nicht denselben Weg einschlugen, aber zu demselben
Ziele gelangten. Der älteste derselben, Abraham, strebte auf dem Wege des
Unterrichts zur Tugend; der zweite, Isaak, erreichte sie durch die
angeborene Kraft oder durch die Natur; der dritte, Jakob, durch asketische
Übungen. Es gibt also drei Arten, um zur Weisheit zu gelangen, und von
diesen berühren sich die beiden äußersten am nächsten. Die Askese ist
nämlich eine Tochter des Unterrichts; die Natur dagegen ist zwar als ihre
gemeinschaftliche Wurzel beiden verwandt, aber sie hat den entschiedensten
Vorzug vor ihnen. Daher konnte nun Isaak, nachdem er durch die Natur eines
Bessern belehrt war, der Vater Jakobs werden, der sich durch die Askese
emporarbeitete. _Nur ist weder Abraham noch Jakob als Mensch, sondern beide
sind als Seelenkräfte zu nehmen_, jener für diejenige Kraft des Geistes,
die sich zum Unterricht hindrängt, dieser für die Willigkeit zur Askese.
Wenn aber der Asket kräftig nach dem Ziele läuft und hell zu schauen
beginnt, was er vorher nur im Dunkeln und wie im Traume sah, so wird sein
Name Jacob, 'der Fersenstoßer', in den höhern Israel, 'Beschauer Gottes',
umgewandelt, und dann ist nicht mehr der lernende Abraham, sondern Isaak,
der selbstgelehrte Natursohn, sein Vater.«
Das Verhältniß zwischen Askese und Unterricht bestimmt Philo folgendermaßen
genauer[703]:
»Wer auf dem Wege des Unterrichts reif wird, bleibt, vom Gedächtnis und
einer glücklichen Natur unterstützt, fest bei dem Erlernten. Der Asket läßt
manchmal nach, wenn er sich mit Anstrengung geübt hat, um die erschöpften
Kräfte wieder zu ersetzen, wie es die Athleten zu thun gewohnt sind.
Außerdem erreicht der, welcher auf dem Wege des Unterrichts nach Tugend
strebt, auch dadurch Unveränderlichkeit, daß er einen unsterblichen Lehrer,
den Logos, hat und unsterblichen Unterricht von ihm empfängt. Der Asket
dagegen hat nur seinen eigenen freien Willen für sich, welchen er
anstrengt, um das den Kreaturen angeborene Verderben auszutreiben. Aber
wenn er auch das Ziel bis zur Vollendung erreicht, so fällt er doch
zuweilen, von den Anstrengungen ermattet, in das frühere Übel zurück. Der
Asket ist mehr im Kampf geübt, jener aber glücklicher, denn er hat einen
Andern zum Lehrer, während der Asket aus sich herausarbeitet und mit Eifer
und fortgesetzter Anstrengung in das Wesen der Dingen einzudringen sucht.«
Das Verhältnis des Unterrichts und der Askese zur Natur (%physis%) bestimmt
Philo folgendermaßen[704]:
»Die erlernte und durch Übung errungene Tugend ist der Vervollkommnung
fähig, denn der, welcher Unterricht nimmt, strebt nach Kenntnissen, die er
noch nicht besitzt, der Asket dagegen nach den Kränzen und Preisen des
Kampfes; doch das selbstgelehrte Geschlecht der Natursöhne ist von
vornherein vollendet.«
Nach diesen Stellen nimmt der Asket die unterste Stufe der nach Vollendung
Strebenden ein, und seine Eigentümlichkeit besteht darin, daß er sich
unaufhörlich bemüht, durch eigene Kraft sein Ziel zu erreichen. In diesem
Sinne sagt Philo[705]:
»In der Himmelsleiter, welche Jacob im Traume sah, schaute er ein Bild
seines eigenen Lebens: denn die Askese ist ihrer Natur nach ungleich; bald
steigt sie in die Höhe, bald sinkt sie wieder herab, bald fährt sie mit
gutem Winde, bald kämpft sie mit schlechtem, bald ist der Asket voll Leben,
bald ist er tot und begraben, so daß sich die Worte Homers auf ihn anwenden
lassen:
'Daß die Beid' abwechselnd den einen Tag um den andern leben und wieder
sterben.'[706]
In der That ist ihr Leben von dieser Art. Die Weisen haben nämlich den
Himmel zur Wohnung erhalten, da sie unausgesetzt in die Höhe streben, die
Schlechten aber die Höhlen des Hades, weil sie vom Anfang bis zum Ende auf
den Tod hinarbeiten und sich an der Verwesung erfreuen. Der in die Mitte
zwischen beide gestellte Asket dagegen steigt wie auf einer Leiter auf und
ab, bald von seiner besseren Natur emporgehoben, bald wieder durch die
schlechtere herabgedrückt, bis der Schiedsrichter und Herr aller Kämpfe dem
bessern Teil den Sieg verleiht und den schlechtern auf immer zerstört.«
Der Gegenstand der Askese ist also, wie aus den angeführten Stellen
ersichtlich ist, die Wissenschaft und praktische Übung der Tugend, welche
hauptsächlich in der Unterdrückung des Fleisches und seiner Lüste besteht.
So sagt Philo[707]:
»Die Worte (+Genesis XXVIII, 11+) 'und er nahm einen Stein des Orts und
legte ihn zu seinen Häupten' haben auch nach der wörtlichen Erklärung einen
guten Sinn: sie bezeichnen das harte und rauhe Leben des Asketen. Diese
betrachten Mäßigung, die Kunst mit wenigem zu leben, als die Grundpfeiler
des Lebens, sie verachten Geld und Ruhm, selbst die Speise und Trank,
insofern sie der Hunger nicht zwingt, davon zu kosten; sie sind im Dienste
der Tugend gleichgültig gegen Kälte und Hitze und von kostbaren Kleidern
wissen sie nichts.«
Die drei genannten Wege sind darin gleich, daß der Tugendhafte, mag er nun
durch Askese oder Unterricht nach oben streben, oder von Natur aus schon
das Höchste besitzen, sich dem Leibe, als Quelle alles Bösen, soviel als
möglich entzieht.
Philo spricht sich folgendermaßen sehr prägnant über dieses Thema aus:
»Nur die guten und weisen Menschen sind wahrhaft Gottes Geschöpfe. Der
heilige Chor solcher Männer giebt aber nicht nur den Besitz äußerer Güter
auf, sondern auch das Fleisch verachten sie. Die Athleten freilich, welche
den Körper gegen die Seele auftürmen, strotzen von Kraft und Gesundheit;
aber die Tugendkämpfer sind mager, bleich und abgezehrt; sie suchen die
Körpermasse in Seelenkraft umzubilden, um ganz Geist zu werden. Das
Irdische wird mit Recht vernichtet, wenn man Gott gefallen will; aber
selten, doch nicht unmöglich, ist dies Geschlecht auf Erden zu
finden.«[708]
»Ein jeder muß den Bruder des Geistes, den Leib, den nächsten des
vernünftigen Teils der Seele, den unvernünftigen, töten. Denn nur dann kann
der Geist in uns Diener Gottes werden, wenn erstens der Mensch ganz in
Seele aufgelöst wird, dadurch, daß der verbrüderte Leib samt seinen
Begierden weichen muß; zweitens, wenn die Seele ihr Nächstes, nämlich den
unvernünftigen Teil (%to alogo tês psychês meros%), aufgiebt. Dieser teilt
sich wie ein Strom in fünf Arme, die Sinne, und rührt diese durch die Macht
der Leidenschaften auf. Endlich muß noch die Vernunft ihren angrenzenden
Nachbar, die Rede, entfernen, sodaß nur das innere -- geistige -- Sprechen
übrig bleibt, erlöst von den Sinnen, erlöst vom Leibe, erlöst von der Rede
des Mundes. Denn nur, wenn der Geist auf diese Weise für sich allein lebt,
kann er das Wesen rein und ungestört verehren.«[709] Damit nun
Außenstehende nicht meinen könnten, Philo verlange eine gänzliche Trennung
vom Leibe und somit eine Art Selbstmord, sagt derselbe an anderer
Stelle[710]:
»Verlaß den Leib, die Sinne und die Erde, soll nicht heißen: trenne dich
wesentlich von ihnen, sondern es heißt bloß: entferne dich geistig von
diesen Dingen, laß dich nicht von ihnen beherrschen, denn es sind deine
Unterthanen!«
Es ist aber nicht genug, daß sich die Seele vom Leib, den Sinnen und der
Rede los sagt, sie muß, wenn es ihr möglich ist, aus sich selbst
herausgehen.
Philo sagt deshalb in Beziehung auf den Spruch (+Genesis XV, 4.+): »Und
siehe, der Herr sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der
von deinem Leibe kommen wird, soll dein Erbe sein«[711]:
»Wer wird deine Erbe sein? Nicht der Geist, der freiwillig im Gefängnis des
Leibes verharrt, sondern der sich von diesen Banden befreit, der außerhalb
der Mauern heraustritt und womöglich sich selbst verläßt. Denn es heißt ja:
der aus dir herausgeht, wird dich beerben. Wenn du also die göttlichen
Güter zu erben wünschest, o Seele, so verlasse nicht allein die Erde, d. h.
den Leib, die Verwandtschaft, d. h. die Sinne, das Vaterhaus oder die Rede,
sondern fliehe dich selbst, gehe aus dir heraus wie die Korybanten, die von
göttlicher Begeisterung trunken sind. Denn nur da ist die Erbschaft
himmlischer Güter, wo die begeisterungsvolle Seele nicht mehr bei sich
selbst ist, sondern in göttlicher Liebe schwelgt und, von der Weisheit
geleitet, hinauf zum Vater gezogen wird.«
Anderswo heißt es[712]:
»Der Geist, der nach Freiheit strebt, muß alles Sinnliche, wie die Organe,
die Täuschungen eines sophistischen Verstandes verlassen, ja sich selber
muß er aufgeben. Deshalb ruft auch die Schrift, das Los eines solchen
Geistes preisend, aus: 'Der Herr, der Gott des Himmels, der mich von meines
Vaters Hause genommen hat!'[713] Wer noch im Leibe und unter dem
sterblichen Geschlecht wohnt, darf Gott nicht nahen, sondern nur derjenige
vermag es, den Gott aus diesen Banden befreit. Deshalb geht auch die
Seelenfreude, Isaak mit Namen, hinaus, wenn sie allein mit Gott sein will,
sich und den eigenen Geist fliehend, denn es heißt[714]: 'Isaak ging
hinaus aufs Feld gegen Abend um zu beten.' Und auch Moses, die prophetische
Rede spricht[715]: 'Wenn ich aus der Stadt, d. h. der Seele hinausgehe,
will ich meine Hände ausbreiten'; d. h. ich will alle meine Handlungen dem
Herrn, vor dem keine Bosheit verborgen bleibt, vorlegen und ihn zum Zeugen
und Richter derselben machen. Wenn nämlich die Seele sich ihrer selbst ganz
entäußert und Gott hingegeben hat, so hört das Getümmel der Sinne auf,
welches durch die äußeren Gegenstände angeregt wird, und es herrscht
vollkommene Ruhe. Aber dies geschieht nur dann, wenn die Seele aus sich
selbst heraustritt und Gott ihre Handlungen und Gedanken weiht.«
Zur Erklärung dieser Stelle führe ich einen Ausspruch Philos an, in welchem
er sagt[716], der Geist könne in dem nämlichen Augenblick dem Wesen nach im
Körper zu Alexandria sein, der Kraft nach aber in Sizilien oder in Italien
oder gar im Himmel, sobald er nämlich über diese Gegenstände nachdenke.
Der Zweck des Heraustretens aus dem eigenen Ich ist das Verlangen, in Gott
zu versinken, was Philo in einem schönen Bilde in Bezug auf die Worte
Hanna's (+I. Sam. 1, 15+) »Ich bin ein betrübtes Weib, Wein und starke
Getränke habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz vor dem Herrn
ausgeschüttet«, sagt[717]:
»Anna behauptet, daß sie keinen Wein, noch anderes starkes Getränke zu sich
nehme, und rühmt sich der Nüchternheit ihres Lebens. In der That ist es
auch viel, einen freien, reinen, von keiner Leidenschaft trunkenen Sinn zu
bewahren. Wem dieses gelingt, der mag sich selbst als reines Trankopfer dem
Herrn ausgießen. Denn was bedeuten die Worte: ich will meine Seele dem
Herrn ausgießen, anders als: ich will mich heiligen; dadurch nämlich, daß
die Bande, welche die eiteln Sorgen des Lebens um uns schlingen, gesprengt
werden, damit der Geist aus sich selbst heraustrete, die Grenzen des
Weltalls erreiche und selbst den himmlischen Anblick des Ungezeugten
genieße.«
Diese außerordentliche Höhe der Vollendung kann nur nach langen Kämpfen
erreicht werden[718], und Philo unterscheidet daher drei Stufen des
Fortschritts: nämlich den Anfänger (%ho archomenos%), den Fortschreitenden
(%ho prokoptos%) und den Vollendeten (%ho teleios%).
Der Vollendete ist der wahre Gottmensch (%anthrôpos theou%), weil er sich
Gott zum Eigentum hingegeben. Er ist mehr als ein Mensch und bildet das
Mittelglied zwischen Gott und dem sterblichen Geschlecht.[719]
Ihm kommen wegen dieser innigen Verbindung mit Gott auch wahrhaft göttliche
Eigenschaften zu, so die Unveränderlichkeit und die Freude, deren Wesen
Philo sehr schön beschreibt[720]:
»Demjenigen, der Tugend durch Natur, ohne Anstrengung und Kampf zum
Eigentum erhielt, ward als Preis die Freude zu Teil, denn er wurde, wie die
Griechen sagen, %gelos%, wie die Chaldäer, Isaak genannt. Das Lachen ist
nämlich das sichtbare Zeichen unsichtbarer innerer Freude. Freude aber ist
die beste und edelste der menschlichen Empfindungen, durch welche die Seele
ganz und gar mit Wohlgefallen erfüllt wird, indem sie sich ihres
himmlischen Vaters erfreut, ja selbst über das, was nicht zu unserer Lust
ausfällt, wenn es nur nicht aus Bosheit, sondern zum Wohl des Ganzen
geschieht. Denn wie ein Arzt bei großen und gefährlichen Krankheiten oft
Teile des Körpers ablöst, um das Ganze zu retten, oder wie ein Steuermann
einen Teil seiner Ladung zur Rettung des Übrigen ins Meer wirft, ohne daß
Jemand einen solchen Steuermann tadelt, so muß man auf ähnliche Weise
überall das Urwesen bewundern und alles, was in der Welt geschieht,
lobpreisen und sich daran erfreuen, nur das ausgenommen, wobei Bosheit im
Spiel ist, ohne daran zu denken, ob etwas uns Vorteil bringe, sondern ob
die Welt gleich einem wohlgeordneten Staat zum Heile des Ganzen regiert
werde.«
Außer der Freude wird noch der Friede das Eigentum des Weisen genannt, und
neben diesen Gütern des Herzens und Gemüts sind noch die höchsten Schätze
des Geistes Eigentum des Vollendeten. Vollendung der Weisheit aber besteht
im Schauen Gottes, welches nur den Vollkommenen zu Teil wird. Über die Art
dieses Schauens drückt Philo sich nicht bestimmt aus, sondern nennt es
gewöhnlich eine unvollkommene und nur annähernde Erkenntnis.[721]
Nur einige wenige Menschen bedürfen der Anstrengung des Unterrichts und der
Askese nicht, da sie Gott schon vor Geburt, noch ehe sie etwas Gutes gethan
haben konnten, vortrefflich ausbildete und zu einem bessern Schicksal
bestimmte.[722] Es sind dies die vollkommenen göttlichen Menschen. Über
diese sagt Philo[723]:
»Die Stelle (+Genesis VI. 4+): 'Es waren auch zu den Zeiten Riesen auf
Erden' sei nicht wörtlich zu nehmen, als wären damals wirklich Riesen auf
Erden gewesen; sondern die Schrift will uns mit diesen Worten andeuten, daß
es dreierlei Menschen gibt: irdische, himmlische und göttliche. Die
irdischen sind die, welche in das Fleisch versunken sind und nur das
treiben, was Lust erregt. Himmlische Menschen sind alle Freunde der Kunst,
der Wissenschaft und Weisheit, denn das Himmlische in uns ist der Geist.
Der Geist aber beschäftigt sich mit himmlischen Dingen, mit den
Wissenschaften und Künsten, um sich durch Betrachtung der übersinnlichen
Dinge zu üben und zu stärken. _Göttliche Menschen endlich sind die Priester
und Propheten, welche es verschmähten, Bürger der Erde zu werden, sondern,
alles Sichtbare und Sinnliche überfliegend, in die geistige Welt
einwanderten und sich in den Staat unvergänglicher Ideen einschreiben
ließen._ -- Ein solcher Mann Gottes hängt an seinem Gott allein, folgt ihm
und richtet nach ihm die Pfade seines Lebens. Die Söhne der Erde aber haben
seinen Geist aus seinem Besitz, nämlich der Denkkraft, ausgetrieben und
graben aus den finstern Schachten des unbeseelten Fleisches. Auf sie läßt
sich der Ausspruch des Gesetzgebers anwenden: 'Beide werden zu einem
Fleische' (vgl. +Genesis, II. 24+); 'sie haben das herrlichste Gepräge
verfälscht, die bessere Stellung verlassen und sind Überläufer geworden zum
Schlechten und Entgegengesetzten.'«
Den »Söhnen der Erde«, welche nicht Kraft genug besitzen, sich aus eigener
Kraft in die Höhe zu schwingen, können fünf Hilfsmittel dienen, nämlich:
die schaffende, herrschende, gebietende und verbietende Kraft sowie die der
göttlichen Gnade, denn wer einsieht, daß Gott die Welt geschaffen hat, wird
von Liebe zu ihm hingerissen; wer weiß, daß Gott der Herr des Geschaffenen
ist, wird wie der Unterthan durch die Furcht vor dem König und wie ein
Kind, wenn nicht durch Liebe, doch durch die Furcht vor den zügelnden
Zwangsmitteln des Vaters -- von der Sünde zurückgehalten, wer überzeugt
ist, daß Gott gnädig ist, wird aus Hoffnung auf Vergebung sich bessern; und
wer endlich glaubt, daß Gott Gesetzgeber ist, wird entweder seinen Geboten
gehorchen, oder doch wenigstens seine Verbote nicht übertreten.[724]
Die in den Sünden Verharrenden straft Gott nicht gleich nach seiner Güte,
sondern läßt ihnen Zeit zur Bekehrung und Verbesserung ihrer Fehler oder
schiebt doch die Strafe wegen der unter ihnen wohnenden Rechtschaffenen
auf, da diese ein Lösegeld für die Bösen sind, die sie durch Unterricht auf
bessere Wege zu bringen suchen und teils durch ihre guten Erfolge, teils
durch ihre Person, um welche herum die Gottheit lauter Wohlthaten
verbreitet, die Strafe abwenden. Sobald die Sündigen sich zu bessern
beginnen, vergiebt ihnen die göttliche Gnade nach ihrer Gerechtigkeit, ohne
sich darum bitten zu lassen.[725]
Wer aber an der Sünde wie an einer unheilbaren Krankheit darnieder liegt,
der muß beständig sein nie aufhörendes Unglück tragen, verstoßen in die
Gegend der Gottlosen, um hartes unaufhörliches Unglück zu leiden.[726]
Diese Gegend ist jedoch nicht der fabelhafte Hades, sondern der Sitz der
Lüste, Begierden und alles Bösen.[727] Die Menschen glauben zwar, der Tod
sei das Ende aller Strafen, da er doch vor dem Tribunal der Gottheit kaum
der Anfang davon ist; denn es giebt eine doppelte Art des Todes: die
Trennung der Seele vom Körper, eine, wo nicht gute, so doch gleichgültige
Sache, und _das Ersterben in Sünden_, welches durchaus übel und je länger
desto übler wird. Dieser ewige Tod besteht in einer beständigen
hoffnungslosen Traurigkeit und Furcht.[728]
Die Tugendhaften dagegen, welche ein gutes praktisches Leben führten,
belohnt Gott im Alter mit einem einsamen der Betrachtung geweihten Leben,
wodurch sie zum endlichen Ziele ihres Strebens, zur wahren Weisheit und
Erkenntnis Gottes gelangen durch wahre Freude und Glückseligkeit und
Heimsuchung ihrer Seelen durch die Gottheit, deren Tempel sie sind.[729]
Diejenigen Seelen, welche nach der Vollendung ihrer irdischen Laufbahn noch
starke Reize zum Bewohnen der von Natur aus bösen Körper empfinden, kehren
nach dem Tode wieder in andere zurück. Die aber des eiteln Lebens völlig
überdrüssig sind, betrachten den Körper als ein Gefängnis oder Grabmal, in
welches sie sich nur aus Wißbegierde einschließen ließen[730]; sie erheben
sich schnell zum Äther und wohnen dort von Ewigkeit zu Ewigkeit.[731]
Drittes Kapitel.
Die Elemente der Gnosis bei Philo.
Die für die Geschichte der Gnosis wichtigen Grundprinzipien der Hermeneutik
Philos sind die folgenden:
Der höchste Zweck der göttlichen Offenbarungen ist der, dem Menschen die
ewigen Wahrheiten mitzuteilen, die sich auf den Geist als den wahren
Menschen (%noêta%) beziehen und diesen dadurch mit Gott und der Geisterwelt
(%kosmos noêtos%) in Verbindung zu setzen. Um nun den Menschen, der doch
ohne die Erweckung seines geistigen inneren Sinnes von dem Göttlichen
nichts vernehmen kann, nach und nach aus sich selbst zu erwecken und auch
zum Nutzen derer, die zu dieser höchsten Stufe des religiösen Lebens noch
nicht gelangt sind, zu wirken, sind diese höheren Wahrheiten in die Hülle
einer zur sittlichen Belehrung und Besserung dienlichen Geschichte und
praktischen Religionseinrichtungen eingekleidet worden.
Jene höhern Wahrheiten sind die eigentliche Seele des Ganzen, das Reale,
welches nichts weiter suchen läßt (%to sôma%); die Geschichte ist im
Verhältnis dazu nur ein Schatten (%skia%). Für diejenigen, welche nur das
in die Augen Fallende betrachten, hat das Ganze auch historischen Sinn;
höher aber stehen Diejenigen, welche in die innere Natur, die verborgene
Kraft, das wahrhaft Reale einzudringen fähig sind. Das scheinbar Böse oder
Unmoralische in den somatischen oder noëtischen Offenbarungen fügt sich
höherer Harmonie als gut oder ist allegorisch zu deuten.
In der Theosophie Philos findet sich die allen orientalischen Systemen
gemeinsame Unterscheidung zwischen einem verborgenen, in sich
verschlossenen, unbegreiflichen, über jede Bezeichnung und Abbildung
erhabenen Wesen der Gottheit und dessen Offenbarungen, als dem ersten
Übergangspunkt zur Schöpfung, dem Grund aller Lebensentwicklung (%ho ôn, to
on%).
Jehovah und seine Offenbarung oder der Inbegriff aller im Wesen Gottes
verborgenen Kräfte (%dynameis tou ontos, logos tou ontos%), wobei Philo
immer den Gegensatz vor Augen hat zwischen einem %heinai%, in sich selbst
sein, und %legesthai%, ausgesprochen, geoffenbart werden: Die unmittelbare
Wirkung des verborgenen und insofern noch nicht schaffenden Gottes, nicht
die Welt, sondern der %logos%, durch den er alles hervorgebracht.
Alles Dasein und alles Erkennen ist eine Offenbarung desjenigen, der in
sich selbst unsichtbar, alles ans Licht fördert. Die Gottheit ist der
Urquell alles Lichts, von welchem Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen.
Vermöge dieser Strahlen hat Gott Leben aus sich hervorgebracht, wirkt durch
dieselbe immerfort im Weltall und teilt sich dem Empfänglichen mit, diese
Strahlen sind %dynameis tou ontos%. Vermöge derselben ist Gott überall
gegenwärtig, denn kein Platz der Schöpfung ist von seinen Kräften
unerfüllt; durch diese verknüpft er alles mit unsichtbaren Banden; daher
ist er überall und nirgends, überall nämlich durch die Allerfüllung seiner
Kräfte, und doch nirgends, weil das Wesen Gottes als solches nirgends
erscheinen kann.
Wo also von Theophanien die Rede ist, da ist es nicht das %on% oder der
%ôn%, sondern eine %dynamis%, die in Erscheinung trat. Nicht der %ousiôdês
theos%, sondern seine %do xa%, Schechinah, die ihn repräsentierenden Kräfte
oder höchsten Geister kamen herab.
Als %ôn% ist Gott der %onomastos% oder %akatonomastos%, über jede
Bezeichnung erhaben und nur in seinen einzelnen Kräften bezeichnet, diese
Kräfte sind daher eben so viele Namen des an und für sich Unnennbaren.
Diese Kräfte sind teils die verschiedenen Relationen, in denen der
unbegreifliche %ôn%, der endlichen Vernunft aktiv erscheint, teils die
einzelnen Vollkommenheiten höchst potenziert als Individualitäten.
Insofern das %on% an und für sich über jede Bezeichnung erhaben ist und
nur nach den von denselben ausstrahlenden Kräften bezeichnet werden kann,
welche alle der %logos% in sich schließt, nennt er ihn vorzugsweise %onoma
ton theou% und zugleich %polyônymos%, als %archangelos%, weil er nicht blos
eine einzelne göttliche Kraft darstellt, sondern alle in sich faßt, die
%archê%, das erste Glied und das erste Prinzip in der Kette der
Lebensentwickelung, in dem das %on% an und für sich mit derselben in keine
Berührung kommt, wie die Gnostiker sich deutlich ausdrückten, nicht %archê%
sondern %proarchê% ist der höchste Gottesbetrachter, das Ideal der höchsten
Kontemplation. Dasselbe, was er von %ouranios sophia% als %horasis theou%
sagt, diese personifizierte himmlische Weisheit als Inbegriff der
himmlischen Tugenden, welche Gott aus seinem himmlischen Licht auf ewig
unauslöschlich hervorgehen ließ.
Wie der %logos%, die allgemeine Offenbarung des %on% das allgemeine %eikôn
tou ontos%, so ist im Besondern jeder Engel eine Offenbarung Gottes, jeder
Geist eine Offenbarung des verborgenen Gottes. Philo definiert daher einen
Engel als %eikôn tou ontos%, und so definierten die Valentinianer einen
Engel als %logon epangelian echonta tou ontos%. Der %logos% als der
allgemeine Gottesoffenbarer heißt eben in dieser Beziehung im Verhältnis zu
den einzelnen %logois archangelois%.
Auch der Geist, der eigentliche Mensch im Menschen, hat dieselbe
Bestimmung, Gott zu offenbaren und göttliches Leben in sich aufzunehmen und
aus sich zu verbreiten. Die Seelen sind nicht verschieden von den
himmlischen Geistern, sondern himmlische Wesen, in die zeitliche ihrer
Natur fremdartige Welt herabgesunken. Der menschliche Geist ist also auch
ein Bild des %on%, aber nicht unmittelbar, denn der unmittelbare Abdruck
des Bildes des verborgenen Gottes ist nur sein %logos%, jede endliche
Vernunft nur ein Abbild und Offenbarung jener höchsten Gottesvernunft. Nach
dem Bilde des höchsten Allvaters kann nichts Sterbliches geschaffen werden,
sondern nur nach dem Bilde des zweiten Gottes, welches der %logos% ist. Der
Charakter der Vernunft in den menschlichen Seelen mußte von dem höchsten
%logos% eingeprägt werden, weil %hoprôtos logos theos% höher ist als jede
vernünftige Natur, so konnte dem über den %logos% Erhabenen, der den
höchsten und vor allen anderen ausgezeichneten Platz einnimmt, nicht
Geschaffenes ähnlich gebildet werden.
Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen
Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergöttlicht
werden, Offenbarung göttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben
des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in
menschlicher Form. Der %logos% wurde daher angesehen als das Urbild der
Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des göttlichen Lebens, das
weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der
%logos% ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, %ho theias adiaphorôn
eikonos%.
Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit.
1. Das Erkennen des %on% nicht als solches, nicht in seinem verborgenen
Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches
Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schöpfung ist, durch die
Schöpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als
göttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren.
2. Das Erkennen des %on% in sich selbst. Trotzdem das %on% an und für sich
ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem
sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und überhaupt nichts
prädizieren läßt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben
über alle Verstandeserkenntnis, über alle mittelbare Offenbarung desselben,
über alle analogische von der Schöpfung auf den Schöpfer schließende
Erkenntnis, wodurch der Geist eine über allen %logos% und alles %logikon%
erhabene Gewißheit und Klarheit erhält.
Philo drückt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des %on%, in
sich selbst und in seinem Schatten (+Leg. Alleg. p. 79+): »Diejenigen,
welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schöpfung); es
giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in
die großen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem
Schatten des Wahrhaften, sondern über alles Erstandene sich erhebend, die
klare Offenbarung des Ewigen erhält, daß er ihn selbst in sich selbst
erkenne, und zugleich dessen Schatten, den %logos% und diese Welt.« Das
%on% wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch
Argumente bewiesen.
In Rücksicht auf die doppelte Erkenntnis des %on% in sich selbst und das
durch den %logos% offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religiösen
Betrachtung: den Standpunkt der %hyioi theou% in eigentlichem Sinn, welchen
die unmittelbare Anschauung des %on% zu Teil geworden und der %tou logou
hyioi%. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei
verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die %theou dia%,
welche die höchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der
Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen,
von der Liebe zu ihm beseelt. Die %logou hyioi%, welche Gott noch nicht
nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thätigkeit
erkannt haben, sind noch nicht fähig, das Beseligende der Gemeinschaft mit
Gott zu erfahren, noch nicht empfänglich für die höchsten Triebfedern der
Religion. Sie müssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen
werden, und Gott läßt sich zu diesen ihren Bedürfnissen herab. Aber von ihm
selbst unmittelbar kann keine Strafe herrühren; er ist nur die Quelle des
Segens und der Beseligung für alle Empfänglichen, und vollzieht die
Strafgerichte über die, welche dadurch erzogen werden können, durch
dienende Geister.
Es giebt also eine Religion der %pneumatika% und eine Religion der
%psychikoi%; die %pneumatikoi% erkennen das %on% und die %psychikoi% einen
dieses repräsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung
übertragen wurde.
Dieser die Gottheit repräsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister
der Welt, ist der Demiurgos.
Als Eins erscheint das %on%, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur
über die Vielheit, sondern auch über die der Einheit am nächsten verwandte
Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee.
Als Drei erscheint der Seele das %on% nicht unmittelbar wie es in sich
selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend.
Die Juden sind das dem %on% geweihte Volk[732], welches dieser selbst
regiert, während die andern Völker andere Kräfte Gottes zu ihren Vorstehern
haben; aber auch Israel zerfällt in einen %israêl ais thêtos% und einen
%israêl noêtos%. Der ersten Klasse offenbart sich Gott durch seine Engel,
weil sie der reinen geistigen Gottesverehrung nicht fähig sind. Den rein
geistigen und seiner Verehrung geweihten Seelen kann sich Gott offenbaren,
wie er in sich selbst ist; er geht mit ihnen um, wie der Freund mit dem
Freunde; denen aber, die noch im Körper sind, offenbart sich Gott unter der
Gestalt der Engel, nicht als ob er seine Natur verwandle, sondern indem er
die Vorstellung bei ihnen erregt, daß das Bild das Urbild selbst sei. So
wie diejenigen, welche die Sonne nicht selbst betrachten können, ihr Bild
im Widerschein für sie selbst halten, so sehen diese Gottes Bild, seinen
Engel, für ihn selbst an.
Gott und seine Kräfte können sich in scheinbar sinnlichen Formen der
Menschheit offenbaren, die jedoch kein reales Dasein haben; die höheren
Naturen nehmen mannigfach wandelbare Formen an je nach den Bedürfnissen
derer, denen sie erscheinen.
Es ist notwendig, daß die ganze Schöpfung belebt sei, denn Gott, die
Urquelle alles Lebens und die Summe aller Kräfte, ist überall gegenwärtig;
darum wird auch jeder Teil der Schöpfung ihm angemessene Bewohner haben.
Diese Geisterwelt ist ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten
des %kosmos aisthêtos% und besonders der Menschheit erledigt werden.
Die Mitte dieses intellektuellen Staates hat den %logos% inne, der
erhabenste aller Geister der aktive %on%. Er ist das Triebrad im innern
Wesen der Gottheit wie der gesamten Geisterwelt. Gott vertraute ihm bei der
Schöpfung das allmächtige Werde! an, und also entstand die Welt durch ihn.
Er schuf die Formen der Dinge durch seine Weisheit, denn er ist der Sohn
der Weisheit, vom Vater gezeugt, ehe die Welt erschaffen worden. Er
vereinigte Macht und Güte bei der Schöpfung und machte dadurch Gott zum
höchsten Guten. Er führte zur Bezeichnung seiner Eigenschaften und Kräfte
dem Namen %polyônymos%.
Der Mensch ist fähig, in eine unmittelbare Gemeinschaft und einen
vertrauten Umgang mit den Kräften des %ôn% zu kommen, wozu die moralische
Güte und die Askese die Haupterfordernisse sind. Durch diesen Umgang wird
die Seele hoher Macht und Kenntnisse teilhaftig. Denn, wenn der
Menschengeist auch durch eigene Kraft vieler Künste und Wissenschaften
fähig ist, so vermag er doch nur durch übersinnliche Hülfe wahrhaft
begeistert zu werden, und nur vermittelst dieses Umgangs gelangt er zur
wahren Erkenntnis des Guten und Wahren. Ist die Seele durch ihre Verbindung
mit der Geisterwelt und namentlich durch den Einfluß des Logos zur
Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen der Dinge gelangt, dann erhebt sie
sich über sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft und ersteigt den
Gipfel der reinsten Erkenntnis; ihr Flug ist fortan nur himmelwärts
gerichtet.