Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist,

während alle Späteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder

Magier[796] zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze

Darstellung des plotinischen Lehrgebäudes zu geben, wobei wir uns möglichst

an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen.

Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von

Substanzen, nämlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein

des Realen, der Schatten der Geister. Die Welt ist ewig wie Gott. Gott ist

keinem Menschen und überhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine

urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist

die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt

giebt.[797]

Der Intellekt (%nous%) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes muß

es Ähnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt

ist nur dadurch geworden, daß er das Eine schaute. Daher ist auch im

Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Möglichkeit aller Dinge. Der

Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben

ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt,

vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermögen von dem Einen

erhalten hat, so ergießt sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und

erzeugt andere, ihr ähnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798]

Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem

Einen hat, so muß auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar

nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben würde, aber doch etwas

Ähnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine

sieht nicht nach außen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es

liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der

Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes

Produkt.[799]

_Das Licht ist die ursprüngliche, ruhige, stätige, unveränderliche

Thätigkeit des Urwesens_, das aus ihm unmittelbar und unaufhörlich

Ausströmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine

Form erhält. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800]

Der Intellekt umfaßt alle möglichen Objekte, d. h. die ganze

Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und

Realität umfassen alles Sein und Leben.[801]

Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was

in dieser wirklich ist, muß daher auch in der Verstandeswelt enthalten

sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein

mit Sternen besäeter Himmel, eine Erde mit allen möglichen Pflanzen und

Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen

Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem

Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes

Wesen, ein Welttier.[802]

Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen müssen etwas

Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im

Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so können sie

allein durch das ihnen Eigentümliche unterschieden sein, wodurch sie zu

besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo

nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d. h. durch die Form

Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d. h. nicht die

sinnliche, sondern die übersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt

mit der Sinnenwelt überein, daß sie aus Form und Materie besteht.

Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt

ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts übrig als

das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam

trägt.[803]

Durch die Thätigkeit und schöpferische Kraft des Intellekts entsteht die

Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thätigkeit, durch welche

die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das

Innere gerichtete. Soll nun auch eine äußere Welt entstehen, welche sich

auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so muß außer dem Einen

und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thätigkeit nicht

nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]

Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen

ist. Nach dem Grundsatz, daß alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale

erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nächsten,

aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor,

was ihm am nächsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thätigkeit des

Intellekt.[805]

Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher

unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und

Thätigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die

Seele nicht ohne Veränderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen

dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem

Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach

außen gerichtete Thätigkeit; sie bringt etwas außer sich hervor, was nun

nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrübtes Sein

hat.[806]

_Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht_, aber nicht ein

selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das

einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergießt. Die

Seele empfängt das Licht vom Intellekt.[807]

Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lösten sich

alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermöge eines natürlichen

Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwörers erweckt, von

dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in

die Gemeinschaft mit den Körpern ein. Indem sie aus ihrer göttlichen

Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der

sichtbaren Götter, _wo sie ein Gewand aus ätherischem Stoff gewebt

erhielten oder annahmen_. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die

Seelen gleichsam zwei Welten berührten und das niedrigste Glied der

intelligibeln wie das höchste der materiellen ausmachten, verweilten sie

nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie

aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab.

Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen

Körper und wurden also in dem großen zwischen Himmel und Erde ausgespannten

Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschöpfe mit einem

_dichten irdischen Gewand_ bekleidet.[808]

Durch die Thätigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen.

Die Kräfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere

gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die

verstandesmäßigen Kräfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete

und sie bildende Kraft, die Empfindung nämlich und vegetative Kraft.[809]

Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der

Natur hervorgebracht wird, hat eine übersinnliche Form, wodurch die Materie

eine Gestalt erhält, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] _Die

Natur ist also nichts anderes als eine Seele_, welche wiederum das Produkt

einer höheren und mächtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur

_eine der Qualität nach identische Kraft wirksam: die Seele, die

Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das

Anschauen_. Es herrscht also derselbe Prozeß im innern Menschen wie in der

äußeren Natur.[812]

Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von

ihrem Leben erfüllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in

die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine

belebende Natur in sich trägt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige.

In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkörper findet sich göttliches

Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im

ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813]

Die Verstandeswelt ist ein unveränderliches, absolutes, lebendes Ganze, in

welchem keine Trennung durch den Raum, kein Wechsel in der Zeit

stattfindet. Sie enthält alles, was ist, aber kein Werden noch

Vergangensein. Sie ist in keinem Raum und bedarf keines Raumes, denn sie

ist in sich vollständig, sich durchaus gleich und sich selbst erfüllend.

Wenn man sagt, die Verstandeswelt ist allenthalben, so heißt das nichts

anderes als, sie ist in dem Sein und daher in sich selbst.[814]

_Die Verstandeswelt ist nichts anderes als das Geisterreich._ Es giebt

erstens einen höchsten Intellekt, welcher in sich alle möglichen Intellekte

und Objekte +in potentia+ enthält; der Wirklichkeit nach giebt es aber

ebenso viele einzelne Intellekte, als im höchsten Intellekt der Möglichkeit

nach enthalten sind. So wie es einen höchsten Intellekt giebt, so giebt es

auch eine höchste Weltseele und viele einzelne Seelen, und jene verhält

sich zu den vielen wie die Gattung zu den Arten. Die Arten unterscheiden

sich untereinander, ob sie gleich alle aus der Gattung entspringen; es muß

also zum Gattungsbegriff noch etwas hinzukommen, damit die Arten näher

bestimmt werden. Ebenso muß auch zum Intellekt etwas hinzukommen, daß

daraus die Weltseele entspringe, und die einzelnen Seelen müssen

vollkommener oder unvollkommener in Rücksicht auf das Denkvermögen sein,

sonst würden es eben nicht verschiedene Arten von Seelen sein.[815]

_Es giebt nichts durchaus Vernunftloses in der Natur._ Auch die Tiere,

welche wir für unvernünftig halten, scheinen nur vernunftlos zu sein. Denn

Vernunft ist dasjenige, in welchem und aus welchem alles ist; wie sollte

also etwas der Vernunft Entgegengesetztes existieren können? Wir stoßen uns

daran, daß die Tiere ihre Vernunft auf eine ganz andere Art äußern, als die

Menschen, und wollen ihnen daher gar keine Vernunft einräumen, weil sie

nicht die unsere ist. Es giebt unzählige Arten des Lebens, der Thätigkeit

und der Vernunft, welche untereinander verschieden sind. Und dann darf man

auch nicht vergessen, daß auch der sichtbare Mensch nicht so lebt und auf

dieselbe Art vernünftig ist als der Mensch in der Verstandeswelt. Wir

rechnen zum Wesen der Vernunft das Schließen und Beurteilen; dort ist aber

die Vernunft ein anderer und über das Schließen weit erhabener Vorgang,

_nämlich ein unmittelbares Anschauen in vollkommenster Deutlichkeit_.[816]

Der Endpunkt der Vernunftthätigkeit ist der äußere Gegenstand, z. B. ein

einzelnes Tier. Denn wenn sich die Kräfte entfalten und in ihrer Entfaltung

fortschreiten, so verlieren sie immer etwas und werden niedriger; es

entstehen unvollkommene Produkte; aber selbst aus dem, was diesen fehlt,

wissen sie noch etwas hinzuzusetzen, um das Fehlende zu ergänzen. Weil

z. B. das bloße Sein zum Leben nicht hinlänglich ist, so kamen Krallen,

Schnäbel, Hörner und Zähne zum Vorschein.[817] Auf diese Art hebt sich die

im Herabsteigen unvollkommener gewordene Vernunft wieder durch

Zulänglichkeit empor.[818]

Ist die Verstandeswelt, in welcher alles bestimmt und notwendig ist, ein

Ausfluß des Urwesens; ist die Sinnenwelt wieder ein Ausfluß der

Verstandeswelt; ist die Zufälligkeit und Veränderlichkeit der Dinge in

derselben eine unvermeidliche Folge ihres Abstandes vom Urwesen und dieser

Abstand im Grade der Vollkommenheit ein Naturgesetz; ist das durch die

Thätigkeit der drei Prinzipien alles Seins nicht in der Zeit entstandene

Weltganze ein großes lebendiges Wesen, in welchem Einheit und Zusammenhang

ist, wo auch das Entfernteste einander nahe ist und kein Teil wirken kann,

ohne daß auch die entfernteren Teile in Mitleidenschaft kommen, weil im

Ganzen _eine_ Seele ist, welche ihre Thätigkeit auf alle einzelnen, das

große Ganze ausmachenden Teile erstreckt, so wird es eine natürliche Magie

und Mantik geben, weil alles in einem natürlichen Zusammenhang steht und

das Ganze eine Mannigfaltigkeit von Kräften ist, die einander auf die

vielfachste Weise anziehen und abstoßen und durch eine Kraft zu einem Leben

vereinigt werden.[819]

Alle Seelen samt der Weltseele sind Amphibien, welche sich bald dem

Sinnlichen zuwenden und mit ihm verflochten an seinen Schicksalen

teilnehmen, bald ihrem Ursprunge, der Vernunft, anhängen und mit ihr

vereinigt werden. Die Seele spaltet sich, indem ihre niederen Teile immer

weiter abwärts steigen, während die besseren bis über den Himmel

hinausragen.[820]

Die Einkörperung der Seele wird dadurch bewirkt, daß sie dem Körper etwas

abgiebt, ohne deswegen ihm anzugehören. Deshalb nimmt auch nur der mit dem

Körper vermischte Teil der Seele an ihrem Leiden teil. Die bösen Regungen

entspringen nur diesem Teil, weshalb auch die Strafen nur dies

zusammengesetzte Wesen, das belebte Tier oder das Scheinbild der Seele,

nicht aber den eigentlichen Menschen treffen und berühren. Da nun die Seele

um so gröbere Hüllen anzieht, je mehr sie sich dem Niedern zuwendet, und da

die Strafen nur die äußern Hüllen treffen, so muß der eigentliche Mensch

durch ein wiederholtes Leben gereinigt werden, in dessen Zwischenräumen die

Hüllen an besonderen Orten der Qual vernichtet und gereinigt werden,

währenddem die reine Seele zum Vater hinaufsteigt, und wieder zur Erde

herabkommt, wenn der geeignete Zeitpunkt einer neuen leiblichen Existenz

naht.[821]

Unser Verstandesdenken lehnt sich an Begriffe und Begriffserklärungen an,

welche durchaus nicht die wahre Grundlage der vollkommenen Einsicht sind,

weil sie zu viel Gemeinschaft mit dem verständigen Denken und dem

Sinnlichen haben. Darum muß sich die Seele in das Begrifflose flüchten und

sich entschließen, jeden Begriff und jede Erkenntnis aufzugeben, wenn sie

zum Urersten gelangen will, denn das Eine ist eine unbegreifliche Kraft.

Wir müssen uns frei machen von der Mannigfaltigkeit der Gedanken, welche

uns zum Sinnlichen führen, sowie von jeder Rede; denn das, was über das All

erhaben ist, geht auch über die Rede und die ehrwürdigste Vernunft hinaus;

wir widersprechen uns, wenn wir von ihm etwas aussagen. Nur durch ein

unmittelbares Schauen, nur durch Gegenwart kann das Eine gewonnen werden.

Das Schauen ist besser als Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist eine

Vielheit und nicht die wahre Einheit, welcher allein das Gute zukommt.[822]

Es giebt zwei Wege, um die Menschen zum Schauen des Einen, Ersten und

Höchsten hinzuführen. Man muß erstens die Ursache zeigen, warum die Seele

jetzt solche Dinge schätzt und man muß sie zweitens über ihren Ursprung und

ihre Würde belehren. Mit dem letzteren muß man anfangen, denn es geht

daraus auch die erste Belehrung hervor. Es bringt uns auch dem Ziele aller

Nachforschung nahe und führt uns auf dieser Laufbahn eine beträchtliche

Strecke weiter. Denn das Forschende ist die Seele, welcher das Anschauen

nicht gelehrt und gegeben werden kann, was vielmehr durch ihre eigene

Anstrengung zu Stande gebracht werden muß. Gelangt der Mensch nicht zu

dieser Anschauung, so empfängt er auch nicht das wahre Licht, welches die

ganze Welt erleuchtet, er wird nicht davon affiziert und hat gleichsam

nicht das Gefühl der Liebe, durch welches der Liebende sich im Anblick

seiner Geliebten verliert. Zwar ist das Eine von keinem entfernt, wohl aber

jedem gegenwärtig oder nicht. Gegenwärtig ist es nur denen, welche fähig

und vorbereitet sind, dasselbe zu empfangen, zu berühren und zu umfassen

durch die Ähnlichkeit und Verwandtschaft des von ihm empfangenen Vermögens.

Ist mit einem Wort, die Seele so beschaffen wie damals, als sie von dem

Einen entsprossen war, dann kann sie das Eine in der Art anschauen, wie es

seiner Natur nach angeschaut zu werden vermag. Ist Einer wegen der ihm

anklebenden, die Seele belastenden Hindernisse, oder weil die Vernunft

nicht gehörig den Weg zeigt und die Überzeugung von jenem Wesen

hervorbringt, noch nicht dahin gelangt, der messe sich selbst die Schuld

bei und suche sich von allem loszureißen und völlig Eins zu sein.[823]

Willst du dies Eine aber durch dein Denken finden, so mußt du dein Denken

von allen andern außer dir abstrahieren, weil es kein Merkmal mit irgend

einem Gegenstand gemein hat. Soll die Seele es ganz und rein umfassen, so

muß sie sich von allen Eindrücken, Figuren, Gestalten und Formen gereinigt

haben; sie muß nichts, auch sich selbst nicht denken. Gott ist allen

zugegen, auch denen, die ihn nicht erkennen. Aber sie fliehen ihn, sie

treten aus Gott oder vielmehr aus sich selbst heraus. Sie können also den

nicht erfassen, den sie fliehen, sie suchen nach einem anderen, nachdem sie

sich selbst verloren haben.[824]

Schreitet die Seele auf dem Wege fort, daß sie der Vereinigung mit Gott

teilhaftig wird, und erkennet sie, daß sie die wahre Urquelle des Lebens

hat und keines Dinges mehr bedürfe, sondern vielmehr alles andere von sich

legen und nur allein in ihm sein und leben und selbst das sein müsse, was

das Eine ist; strebt sie, aus diesem irdischen Sein zu entfliehen, um Gott

ganz und mit jedem Teil zu umfassen: dann kann sie sich und ihn schauen, so

weit nämlich dieses Schauen überhaupt möglich ist. Sie sieht sich nämlich

als verklärt, erfüllt mit dem übersinnlichen Lichte, oder vielmehr als das

reine, schwerelose leichte Licht selbst, als einen gewordenen oder vielmehr

seienden Gott, der jetzt hervorstrahle, aber dann verdunkelt werde, wenn

das Licht wieder seine Schwere erhält.[825]

Warum bleibt aber die Seele nicht auf dieser hohen Stufe stehen? Weil sie

noch nicht ganz aus dem Irdischen heraus gegangen ist. Doch ist auch ihr

zuweilen ein ununterbrochenes Anschauen vergönnt, wenn sie gar keine

Störungen mehr von dem Körper erhält. Nicht das Subjekt der Anschauung,

sondern das andere ist es, was stört; denn das Anschauende ist bei dem

Anschauen ganz unthätig, Denken und Schließen ruhen. Das Anschauen und das

Anschauende sind nicht mehr Vernunft, sondern stehen vor und über der

Vernunft wie das Angeschaute selbst. Schaut sich die Seele so an, so wird

sie inne werden, daß sie mit dem Angeschauten eins und völlig einfach

geworden ist. Denn das Objekt und Subjekt sind jetzt nicht mehr zwei, auch

unterscheidet sich die Seele nicht; die Seele ist auch nicht mehr sie

selbst, sondern sie wird das, was sie angeschaut; sie geht in das Objekt

über, sowie ein Punkt in Berührung mit einem Punkte ein Punkt ist und

nicht zwei, sondern nur in der Getrenntheit als zweiter existiert. Darum

ist auch dieser Zustand etwas Unbegreifliches. Denn wie soll man dem Andern

das Angeschaute als etwas Verschiedenes verständlich machen, da es, als man

es anschaute, nicht verschieden, sondern mit dem Subjekt identisch

war.[826] -- Insofern nun die Seele in inniger Vereinigung das Eine

angeschaut hat, trägt sie selbst das Bild des Einen in sich, wenn sie

wieder zu sich selbst kommt. Sie war aber auch selbst das Eine und fand

nicht die geringste Differenz in Beziehung auf sich und andere Dinge. Denn

in ihr war keine Bewegung, kein Gefühl, keine Begierde nach etwas anderem,

indem sie in diesem Zustand der Erhöhung war, auch kein Denken und kein

Begreifen. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn man so sagen darf, sondern

aus sich gerissen, entzückt, in einem bewegungslosen Zustande, in ihrem

eigenen Wesen ruhend, zu nichts sich hinneigend, sondern völlig ruhend und

gleichsam die Ruhe selbst; nicht mehr selbst etwas von dem Schönen, sondern

das Schöne schon übersteigend, auch schon über die Fülle der Tugenden

hinaus, sowie einer, der in das Allerheiligste eingegangen und die Statuen

des Tempels hinter sich gelassen hat, welche dann, wenn er wieder

herauskommt, die ersten Anschauungen sind, die sich in ihm wiederum

darstellen. Dieses sind der Ordnung nach die zweiten Anschauungen nach der

ersten innigen Anschauung und Vereinigung, deren Gegenstand kein Bild ist.

Doch vielleicht ist dieses nicht einmal Anschauung, sondern eine andere Art

des Sehens, ein Heraustreten aus sich selbst, eine Vereinfachung und

Erhöhung seiner selbst, ein Ringen nach Berührung und Ruhe. Indem aber die

Seele aus sich selbst herausgeht, geht sie nicht etwa in das Nichtreale;

aber in der entgegengesetzten Richtung kommt sie nicht in etwas anderes,

sondern in sich selbst, und ist nur in sich selbst; sie ist gewissermaßen

nicht mehr Wesenheit, sondern noch über die Wesenheit erhaben.[827]

Dies sind -- soweit sie sich aus den ziemlich zusammenhanglosen Enneaden

zusammenstellen lassen -- die Grundzüge von Plotins Philosophie. Im

nächsten Kapitel werden wir uns zu den späteren Neuplatonikern wenden,

deren Leben sowie deren Lehren und Beobachtungen vom höchsten Interesse

sind angesichts der neuerdings wiederum begonnenen Erforschung des

übersinnlichen Seelenlebens.

Zweites Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.

Der bedeutendste unter den Schülern des Plotin war der im Jahre 233 n. Chr.

zu Batanea in Syrien geborene _Malchus Porphyrius_, welcher bis zu seinem

dreißigsten Lebensjahre in der Rhetorik, Grammatik und neuplatonischen

Philosophie von Longinus unterrichtet wurde. Als er 263 nach Rom kam,

begann er mit Plotin einen Streit über die Ideeenlehre des Plato, wurde

aber von Plotins Schüler Amelios widerlegt und zu einem der eifrigsten

Anhänger seines früheren Gegners gemacht. Nachdem Porphyrius sechs Jahre

als Schüler Plotins zu Rom gelebt hatte, ging er, weil ein Anfall tiefer

Melancholie einen Ortswechsel für ihn wünschenswert machte, nach Sizilien,

wo er bis zu dem 270 erfolgten Tode des Plotins blieb. Hierauf kehrte er

nach Rom zurück und verweilte daselbst bis zu seinem Ende im Jahre 304

n. Chr.

Das äußere Leben Porphyrius verlief noch ereignisloser als das des Plotin;

er rühmt sich auch, nur ein einziges Mal im 68. Lebensjahre der Vereinigung

mit Gott gewürdigt worden zu sein, während seinem Lehrer diese glückliche

Ekstase (welche wir uns ähnlich wie die der Yogis und Fakire zu denken

haben) viermal widerfahren sei.[828]

Schriftstellerisch wirkte Porphyrius durch die Herausgabe der plotinischen

Enneaden; durch eine kurze Aufstellung der Hauptlehrsätze der

neuplatonischen Schule, seine Sentenzen; durch seine bekannte Schrift über

die Enthaltung vom Tierfleisch; endlich durch seine Biographie des Plotin

und den berühmten Brief an den Priester Anebo.

Das Hauptbestreben des Porphyrius ist der sittlichen Übung zugekehrt,

welche uns von den leidenden Stimmungen der Seele befreien soll; diese

betrachtet er als die schrecklichsten und gottlosesten Tyrannen, von

welchen wir uns selbst mit Verlust unseres ganzen Körpers losmachen sollen.

Mithin ist auch bei Porphyrius die Askese der Weg zur Vollendung der

höchsten menschlichen Aufgabe. Er sagt darüber[829]: Die eingekörperte

Seele ist einem Reisenden ähnlich, der sich lange unter fremden Völkern

aufgehalten und nicht nur seine vaterländischen Sitten verlernt, sondern

auch ausländische angenommen hat. Wenn dieser in seine Heimat zurückkehren

und von seinen Freunden und Verwandten gütig aufgenommen werden will, so

bemüht er sich, alles Fremde, welches sich ihm während seiner Entfernung

angehängt hat, abzulegen, um seine ehemalige Art zu denken und zu leben

wieder zu erhalten. Auf eben diese Weise muß die in den Körper verbannte

Seele, wenn sie sich zu ihrem himmlischen Vaterland erheben will, alles

ausziehen, was sie von sterblicher Natur an sich genommen hat und was die

Ursache ihrer Verweisung oder ihres Herabsinkens in die Materie geworden

ist. Sie muß sich bemühen, nicht nur die äußere gröbere Decke, _sondern

auch die innern Hüllen, in welche sie gekleidet ist_[830], allmählich

auszutrocknen und abzuwerfen, damit sie leicht und gleichsam nackt in die

ewige Wohnung der Seligkeit eingehen kann.

Es giebt zwei giftige Zauberquellen, aus welchen der Mensch eine gänzliche

Vergessenheit seines ehemaligen und gegenwärtigen Zustandes und seiner

wahren Bestimmung trinkt, nämlich sinnlicher Schmerz und sinnliche Lust.

Durch beide, vorzüglich aber durch letztere und die aus ihnen

entspringenden Begierden und Leidenschaften, wird die Seele gleichsam

verkörpert und wie durch eben so viele Hefte oder Nägel an den Leib

geschmiedet; auch das _aus der Luft gewebte Vehikel der Seele_ wird durch

sie gemästet und schwerer gemacht. Man muß daher alles vermeiden, wodurch

Sinnlichkeit gereizt wird, weil da, wo Sinnlichkeit herrscht, die lautere

Vernunft und der reine Verstand absterben. Man muß also nie zum bloßen

Vergnügen, sondern nur zur äußersten Notdurft essen und trinken, weil

überflüssige und besonders tierische Nahrung die Seele fester an die

Materie bindet und von der Gottheit wie den göttlichen Dingen abzieht. --

Als ein Priester der Gottheit suche sich der Weise in ihrem großen Tempel,

der Welt, vor aller Befleckung zu bewahren und vergehe sich nie so weit,

daß er, der sich so oft dem Vater des Lebens naht, selbst ein Grab toter

Körper werde. Er friste daher sein leibliches Leben allein durch den Genuß

der reinen Geschenke, welche ihm die mütterliche Erde darbietet. Noch

ähnlicher würden wir Gott werden, wenn wir auch die Pflanzen schonen

könnten und ihrer Nahrung nicht bedürften.

Ebenso wie vor dem Fleisch scheuten sich die Neuplatoniker vor dem Wein und

vor dem Geschlechtsgenuß, weshalb auch die meisten unvermählt blieben. Nur

Porphyrius hatte zu Rom eine gewisse Marcella, die Witwe eines seiner

Freunde geheiratet, aber wie sein Biograph Eunapius bemerkt, »nicht um

seines eigenen Vergnügens willen, oder um Kinder zu zeugen, sondern um den

Kindern seines verstorbenen Freundes eine anständige Erziehung zu geben«.

Daß derartige, wenn auch ursprünglich edeln Motiven entstammende, so doch

alle Lebensverhältnisse auf den Kopf stellende Bestrebungen im

lebenslustigen klassischen Altertum nicht viel Freunde fanden, liegt auf

der Hand; daß aber eine solche Hyperaskese ebenso wie das der gleichen Zeit

entstammende christliche Mönchswesen überhaupt Boden fassen konnte, ist

psychologisch nur als Reaktion gegen den wüsten Taumel der Kaiserzeit zu

erklären.

In den _Sentenzen_, worin Porphyrius die Lehre seiner Schule zusammenfaßt,

hebt er ganz besonders den Unterschied zwischen dem Unkörperlichen und

Körperlichen hervor. Das Unkörperliche beherrscht das Körperliche und ist

daher, obgleich nicht im Raum, so doch seiner Kraft nach überall

gegenwärtig; das körperliche Sein kann dasselbe nicht hindern, den Körpern

gegenwärtig zu sein, welchen es will. Daher hat auch die Seele das

Vermögen, überallhin ihre Kraft auszustrecken; sie ist von unendlicher

Kraft, und ein jeder Teil derselben, wenn er von Vermischung mit der

Materie rein ist, vermag alles und ist überall gegenwärtig. -- Die Dinge

wirken nicht nur durch Berührung in der Nähe, sondern auch in der

Entfernung, sofern sie eine Seele haben, welche als Unkörperliches vom

Körper nicht eingeschlossen sein kann wie das Wild vom Tiergarten oder eine

Flüssigkeit von einem Schlauche. -- Wegen der wesentlichen Einheit und

Identität mit dem höchsten kann die Seele durch ihre ins Unendliche gehende

Thätigkeit alles bewirken, alles erfinden. Daher vermag selbst eine

individuelle Seele alles, wenn sie vom Körper gereinigt wird.[831]

Porphyrius blieb wie Plotin noch bei der Entgegensetzung des Körpers und

der Seele stehen, und kam daher auch nicht dazu, über die Möglichkeit eines

Astralleibes eingehendere Spekulationen anzustellen. Berücksichtigen wir

aber die beiden obigen Stellen und bedenken wir auch, daß Porphyrius von

einem %pneuma% oder Luftkörper spricht, an welchen die Seele der Dämonen

gebunden ist, so wird es wahrscheinlich, daß auch ihm schon die Idee eines

Astralleibes dunkel vorschwebte, die dann von den spätern Neuplatonikern

weiter ausgebildet wurde.

Seine Dämonologie entwickelt Porphyrius in seiner Schrift +De

Abstinentia+.[832] Er teilt die Dämonen in menschenfreundliche, gute, und

menschenfeindliche, böse. Beide sind mit einem feinen geistigen aber

veränderlichen und vergänglichen Körper bekleidet und unterscheiden sich

noch dadurch, daß die guten Dämonen stets Meister ihres Körpers bleiben,

während die bösen von ihm beherrscht werden. Erstere sind als die

Beschützer von Menschen, Tieren und Gewächsen, als Regierer der

Jahreszeiten, die Lehrer nützlicher Künste und Beschäftigungen, als

Verkünder der Zukunft und Geber aller irdischen Güter zu verehren; die

letzteren hingegen sind die Ursache aller Unfälle, welche den Menschen und

Tieren begegnen. Sie verursachen Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen,

Hungersnot und suchen die Menschen zu überreden, daß alle diese Übel von

den guten aber erzürnten Göttern herrühren. Sie entzünden im Menschen alle

unmäßigen gehässigen Begierden und Leidenschaften, reizen ihn zu

Ausschweifungen, Aufruhr und Krieg und verführen ihn zu Tieropfern, von

deren fetten Dämpfen sie sich mästen. Darum muß sich auch ein weiser Mann

vor dem Schlachten und Opfern empfindender Geschöpfe hüten, damit er nicht

böse Dämonen herbeilocke und an sich ziehe.

Bei der Betrachtung dieser in kurzen Zügen dargestellten Dämonologie würde

man versucht sein zu glauben, daß Porphyrius ein jedes ins Gebiet des

Transscendentalen gehörende Phänomen für eine Äußerung der Thätigkeit guter

oder böser Dämonen ansähe; und doch regt er mit einer schon von Jamblichus

gerügten Inkonsequenz in seinem Brief an Anebo Spekulationen ganz

entgegengesetzter Art an und sucht -- wovon wir schon oben einen Beweis

hatten -- die Ursache aller »mystischen« Erscheinungen in einer

fernwirkenden und fernsehenden Kraft der Seele. Der Brief an Anebo kann als

erster schüchterner Versuch einer Psychophysik gelten.[833]

Porphyrius richtet diesen Brief an den Phthapriester Anebo, und verlangt

von diesem Auskunft über eine große Menge zweifelhafter, die griechische

Theologie betreffender Fragen, welche in der Mehrzahl nur noch historisches

Interesse besitzen und Teilnahme für die kühne Skepsis des Verfassers

erregen. Vor allen Dingen erregt dem Porphyrius die Behauptung Bedenken,

daß sich die mächtigen Götter und Dämonen durch Magie zwingen lassen

sollten, den Menschen zu manchmal recht nichtigen und sündigen Diensten zu

stehen. Er sagt: »Mich bringt vorzüglich das in Verlegenheit, wie die

Götter und Geister, welche als mächtigere Wesen herbeigerufen werden, sich

doch wie schwächere befehlen lassen. -- Sind die Götter von allen Leiden

frei, so sind ihre Anrufungen, Beschwörungen &c. eitel und vergebens; noch

mehr aber die theurgischen Mittel, durch die man sie zwingt. Was keinem

Leiden (Affiziertwerden) unterworfen ist, kann auch nicht gezwungen werden.

Wie vieles geschieht nun nicht in den theurgischen Zeremonien, was die

Götter und Dämonen als leidend darstellt?«

Am wichtigsten sind die Auslassungen des Porphyrius über die Divination,

welche ihm -- ganz im Gegensatz zu seinem Zeitalter -- durchaus keine

Thätigkeitsäußerung der Götter und Dämonen, sondern des Menschengeistes zu

sein scheint. »Das räumliche und zeitliche Fernsehen, Mantik, kann aus

ganz natürlichen Ursachen geschehen, denn weil die ganze Natur in

Wechselwirkung steht, so braucht nur der innere Funke geweckt zu werden, um

die Teile den Ganzen zu überschauen. Dies ist eine natürliche Eigenschaft

des Menschen, welche sich unter gewissen Umständen entwickelt.«

»Was geschieht in der Mantik? Oft stellen wir uns im Schlafe durch Träume

das Künftige vor, ohne daß wir in einer Ekstase sind, denn der Körper liegt

ruhig; aber gleichwohl begreifen wir das Künftige nicht so wie im wachen

Zustande.«

»Viele sehen das Künftige durch Begeisterung und göttliche Eingebung

voraus; sie wachen zwar, und ihre Sinne sind thätig, aber sie begreifen

sich selbst nicht oder wenigstens nicht so wie in einem wachen Zustande.«

(Ekstase.)

»Von denen, welche außer sich sind, werden einige begeistert, wenn sie

Zymbeln, Pauken oder gewisse Lieder hören, wie die Korybanten, die in die

Mysterien des Bacchus Sabazius und der Göttermutter Eingeweihten; andere,

wenn sie ein gewisses Wasser trinken, wie die Priester des Apollo Klarius

zu Kolophon; andere, wenn sie über den Öffnungen gewisser Höhlen sitzen,

wie die delphischen Priesterinnen; andere durch die Dünste, welche aus dem

Wasser aufsteigen, wie die Priesterinnen des Branchidischen Orakels;

andere, wenn sie auf Charakteren stehen, wie diejenigen, welche Eingebungen

erhalten. Andere sind ihrer selbst im übrigen bewußt, aber ihre Phantasie

ist begeistert, wobei bald die Finsternis, bald gewisse Getränke, bald

gewisse Wortformeln und Umstände mitwirken. Einige werden an einem

verschlossenen, andere an einem freien oder von der Sonne beschienenen Ort

begeistert. Einige verschaffen sich durch die Eingeweide der Opfertiere,

andere durch Vögel, andere durch die Kenntnis des Himmels den Blick in die

Zukunft.«

»Ich frage also: wie und wodurch wird die Mantik bewirkt? Alle

Wahrsager[834] behaupten, ein Vorherwissen des Künftigen sei uns durch

Götter oder Dämonen möglich, und es könne kein Wesen das Künftige wissen,

wenn es nicht Urheber desselben sei. Dann wundert mich aber, wie sich die

göttliche Natur zum Dienst der Menschen herablassen kann, daß es auch

Wahrsager durch das Mehl giebt?«

»In Rücksicht auf die Ursachen der Mantik ist es ein Problem, ob Gott oder

ein Engel[835] oder Dämon oder wer sonst bei den Erscheinungen,

Wahrsagungen und allen religiösen Handlungen gegenwärtig ist, durch uns

selbst, durch die zwingende Kraft der Anrufungen oder des Citierens

herbeigezogen wird.«

»Ist es nicht vielleicht die Seele, welche dieses voraussagt und sich

vorstellt, wie einige sagen, so daß es Veränderungen der Seele sind, welche

durch kleine Funken erweckt werden?«

»Vielleicht ist die Wahrsagung ein gemischter Vorgang, welcher zum Teil

durch unsere Seele, zum Teil von außen durch Eingebung bestimmt ist.«

»Ob nicht die Seele durch solche Bewegungen und Funken das Vermögen, das

Künftige sich vorzustellen, in sich erzeugt? Ob nicht das aus der Materie,

vorzüglich der Tierwelt, in uns Aufgenommene durch seine inneren Kräfte

Dämonengebilde darstellt und konstituiert?«

»Daß ein gewisser Zustand der Seele Ursache der Mantik ist, erhellt daraus,

daß die Sinne gebunden und unterdrückt sind, daß gewisse Dünste und Dämpfe

und die Citationsformeln gebraucht werden, daß nicht alle Menschen, sondern

nur zartere und jüngere zur Mantik am tauglichsten sind.«

»Daß eine gewisse Verrückung des Verstandes die Ursache der Mantik ist,

beweist der Wahnsinn und die Verrücktheit in Krankheiten, das Fasten, die

durch Ergießung gewisser Säfte im Körper oder durch krankhafte Bewegungen

des Körpers entstandenen Einbildungen. Der Mittelzustand beweist es, wo man

nicht recht bei sich und auch nicht recht außer sich ist, endlich die durch

Magie künstlich hervorgebrachten Vorstellungen.«[836]

»Die Natur, die Kunst, die natürliche Verbindung der Teile des Universum,

daß sie gleichsam ein großes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen

künftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Körper, welche so

beschaffen sind, daß der eine die Vorstellung einer künftigen auf einen

andern Körper sich beziehenden Begebenheit erweckt.«

Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er für uns von Wichtigkeit

ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser über jetzt unwesentliche

mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos

wäre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, daß die

Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, +Esprits

menteurs+ kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist:

»Einige behaupten, außer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere

Wünsche erhören und von betrüglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen

annehmen, die Rolle der Götter, Dämonen und abgeschiedener Seelen spielen

und dadurch alle scheinbaren Güter und Übel hervorbringen können.«

Diese Lehre griff auch _Jamblichus_ auf und bildete sie in seinem berühmten

Werk +De mysteriis Aegyptiorum+ weiter aus.

Vom äußeren Leben des _Jamblichus_ wissen wir trotz der ziemlich

ausführlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, daß er aus

Chalkis in Cölesyrien gebürtig war, im Orient viele Schüler um sich

versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen,

welche ihn nur den »göttlichen« nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren.

So soll er beim Beten nach der Erzählung des Eunapius sich über zehn Ellen

hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte

erglänzte. In den heißen Bädern zu Gadara soll er vor den Augen seiner

Schüler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben

entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten

und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzählung einen historischen Hintergrund

hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden läßt,

so hätten wir in ihr vielleicht »Materialisation« zu sehen.)[837] Endlich

aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schülern, als er an

einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurückkehrte, (nach welcher sagt

Eunapius nicht) gesagt haben, daß der Weg durch eine auf demselben zu Grabe

getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher bestätigte. --

Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus weiß.[838]

In seiner Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sucht derselbe alle von

Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters

Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebräuche der Magie im

allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der über allen

Verstand gehenden Anschauung des Höchsten, und läßt die ganze

ägyptisch-griechisch-römisch-hebräische Götter-, Dämonen- und Engelwelt vor

unsern erstaunten Augen Revue passieren.

Wenn Porphyrius behauptete, die Götter würden durch den Gehorsam gegen die

magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so

macht ihm Jamblichus den Vorwurf, daß er dabei einen Unterschied zwischen

dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die höhern Wesen nicht

passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut

Guten dehnt er so aus, daß daraus auch die »Henosis« mit allen höhern Wesen

folgt, für deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir

dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Götter

sind nicht nur im Himmel, sondern überall, teilen sich also auch dem

Theurgen mit und belehren ihn über ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese

göttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle

Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurückgeführt.[840] Darauf beruht

auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das

tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein höheres Dasein lebt, wie

Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, daß er die Abänderung der

organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustände

im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom »göttlichen Hauch Berührten«,

welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche

es nicht fühlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer

verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder -- wie

der Priester bei den castabalischen Festen -- auf wunderbare Weise über

Flüsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch

einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: »Einige von den Begeisterten

werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen

bleiben völlig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik,

einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen

scheint ihr Körper in die Höhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen

scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine

wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenräume oder Stillschweigen

getrennte Töne und vieles andere.«[842]

Die Vereinigung mit dem Göttlichen beruht wesentlich darauf, daß die vom

Körper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Körper

hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen,

d. h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Göttern

vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und

Gott vermag kein Gedanke auszudrücken. Der, welcher dieses göttliche Werk

vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von

der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem

Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausführer der Befehle, zwischen dem

Höheren und Geringeren.[843]

In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz übereinstimmend mit den

indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des

Porphyrius über die Macht, welche die Theurgen über die Götter ausüben

würden. Die Götter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns

durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles

zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844]

»Wenn die Seele sich mit den Göttern zu vereinigen strebt, so erhält sie

die Macht und Fähigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie

durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet

es in gebührender Weise; sie empfängt die Macht zu heilen und zu

verbessern. Kranke Körper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die

Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Künste, spricht Recht

und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch göttliche

Träume Heilmittel offenbart. -- Das ganze Heer Alexanders wäre zu Grunde

gegangen, wenn nicht nächtlicherweile Dionysius erschienen wäre und

Heilmittel gegen das schwere Übel gezeigt hätte.«[845]

Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang

und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende Äußerungen, auf den

»Traum als Arzt«, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet.

Alle Mantik ist eine Gabe der Gottheit, und die menschliche Seele besitzt

an sich keine intuitiven Fähigkeiten, sondern nur die Gabe, sich mit der

Gottheit vereinigen zu können und dann in und mit ihr das Geschehende zu

erschauen. Es giebt aber auch eine trügerische Pseudomantik, bei welcher

die Idole trügerische Bilder in Spiegeln hervorrufen. Diese Idole sind

Schattenbilder, welche auf wunderbare Weise (+fabrica prodigiosa+) durch

den Lauf des Himmels und nicht durch die menschliche Seele, welche

tierische Materie in sich aufgenommen hat, geschaffen werden. Jamblichus

bestreitet hierin die obige Annahme des Porphyrius, die menschliche Seele

sei göttlicher Natur und könne nur Wahres und Gutes schaffen; auch nähren

sich die Idole nicht vom Dampf der Materie, sondern werden durch

Räucherungen vertrieben.[846]

Jamblichus war der erste Neuplatoniker, bei welchem sich die sichere Spur

von der Annahme eines Astralleibes findet. Er schreibt diesem auch die

Vermittelung des divinatorischen Vermögens zu, indem er von der künstlich

bewirkten Mantik spricht. Er sagt[847]: »Diese ganze so vielgestaltige

Gattung der Mantik kann man -- wie irgendwo gethan -- mit dem Begriff

Erleuchtung bezeichnen, denn sie erfüllt mit göttlichem Licht das

ätherische und glänzende Vehikel (%augoeides ochêma%), welches die Seele

umgiebt.« Hier finden wir auch zum erstenmale den Körper der Seele als eine

Art Licht bezeichnet, ein Gedanke, welcher, wie wir bald sehen werden, von

den späteren Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde.

Die bis in den modernen Spiritismus hinein spukende Lehre der Truggeister

wurde zuerst von Jamblichus (gest. 333), aufgenommen, welcher die

Einmischung der Truggeister von theurgischen Kunstfehlern abhängig macht,

indem er in seiner den Brief an Anebo beantwortenden Schrift +De mysteriis

Aegyptiorum+ sagt[848]:

»Götter, Engel und gute Dämonen erscheinen nur unter angenommenen wahren

Bildern; denn so wesentlich das Licht mit der Sonne vereinigt ist, so

wesentlich ist mit ihnen Wahrheit, Güte und Vollkommenheit verbunden. Die

bösen Dämonen bedienen sich aber öfter falscher Bilder, um in höherem Rang

zu erscheinen und die Theurgen zu täuschen. -- Wenn etwas in der

theurgischen Kunst versehen worden und anstatt der verlangten wahren

Erscheinungen falsche zum Vorschein kommen, so nehmen in diesem Fall die

untern und unvollkommenen Geister leicht die Gestalt der höhern an. So

entstehen oft eine Menge großer und gefährlicher Irrtümer beim Citieren der

Geister. Wer solchen falschen Erscheinungen traut, wird in Irrtümer und

Täuschungen gestürzt und von der wahren Erkenntnis Gottes abgeführt. Denn

warum erscheinen sie? Etwa um denen, die sie citieren, einen Vorteil zu

gewähren? Nein, sondern um sie zu hintergehen und ihnen zu schaden, denn

aus einer Lüge kann kein Nutzen erwartet werden. Die göttliche Natur, als

die ewige Quelle des Seins und der Wahrheit, läßt in kein anderes Objekt

ein täuschendes Bild von sich übergehen.«[849]

Im übrigen ist die Schrift des Jamblichus +De mysteriis Aegyptiorum+ nur

eine Beantwortung der von Porphyrius in seinem Brief an Anebo aufgeworfenen

Zweifelsfragen, worin die Theurgie nicht als Ausfluß philosophischer

Spekulation, sondern als Erfahrungswissenschaft, welche die »drastische

Vereinigung« mit Gott und der Geisterwelt hervorbringt und direktes

Erkennen im Gefolge hat, dargestellt wird:

»Es giebt eine reale, innige, wirksame Vereinigung mit Gott und der

gesamten ihm unterworfenen oder von ihm ausfließenden Geisterwelt der

Untergottheiten, Dämonen, Engel, Heroen und Seelen, welche durch keine

Vernunfterkenntnis erlangt werden kann, sondern allein durch gewisse

geheimnisvolle theurgische Handlungen, Ceremonien und Worte, die eben

deshalb, weil diese Wirkungen auf keiner Vernunfterkenntnis beruhen,

Symbole und Synthemata (also magische Charaktere &c.) genannt werden, deren

Kenntnis und Anwendung durch die Theurgie den Priestern allein als Vorrecht

zukommt, ein göttliches Geschenk und Offenbarung ist und deshalb den

Menschen weiter aufwärts führt als alle Erkenntnis durch Vernunft und

Philosophie.«[850]

Die Götter bilden die höchste und die menschlichen Seelen die niedrigste

Stufe in der Geisterhierarchie des Jamblichus; die Mittelstufe nehmen die

Dämonen ein.

Die Dämonen sind von den Göttern abhängig und ihrer Natur nach viel

geringer und unvollkommener; sie sind Diener der Götter und Vollstrecker

ihres Willens. Sie haben einen weiten Wirkungskreis und stellen das

Unsichtbare und Unaussprechliche der Götter in Worten und Werken dar,

gestalten das Formlose in Formen und offenbaren in Begriffen das alle

Begriffe Übersteigende. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig

oder ihrer Natur nach fähig sind, von den Göttern und teilen es wieder den

unter ihnen stehenden Geschlechtern der Dinge mit. Somit erfüllen die

Dämonen samt den Heroen den Zwischenraum zwischen den Göttern und Menschen

und verbinden sie miteinander.[851]

Die verschiedenen Geisterwelten offenbaren sich dem Menschen, welcher im

Besitz der wahren Praxis der rechten Theurgie ist, und ihre Erscheinungen

sind ihrem Rang nach verschieden.[852] -- Sie entsprechen dem Wesen, den

Kräften und Wirkungen der verschiedenen Götter- und Geisterarten, wonach

sich die Art und Weise richtet, wie sie durch Beschwörungen sichtbar

werden, Wirkungen äußern und die ihnen angemessenen Gestalten, sowie die

ihnen eigentümlichen Unterscheidungsmerkmale erblicken lassen.

Die Mitteilung dieser charakteristischen Kennzeichen der verschiedenen

Geisterklassen ist nun das Prachtstück der theurgischen Weisheit des

Jamblichus.

Die Erscheinungen der Götter sind in ihrer Art homogen, die der Dämonen

mannigfaltig, die der Engel einartiger als die der Dämonen, jedoch

unvollkommener als die der Götter. Die Erscheinungen der Erzengel kommen

denen der Götter am nächsten. Die Erscheinungen der Fürsten der Elemente

unter dem Mond sind zwar mannigfaltig, aber doch einer gewissen

Bestimmtheit und Ordnung nicht entbehrend; die Erscheinungen der Fürsten

der Materie jedoch sind mannigfaltiger als jene; die der Seelen sind die

mannigfaltigsten.

Die Erscheinungen der Götter bestrahlen das Gesicht mit einem wohlthätigen

Licht; die der Erzengel sind zugleich kraftvoll und mild, lieblich die der

Engel, furchtbar die der Dämonen, milder die der Heroen. Die Erscheinungen

der Fürsten der Elemente betäuben, die der Fürsten der Materie sind widrig

und öfter den sie Schauenden gefährlich[853]; die Erscheinungen der Seelen

sind denen der Heroen ähnlich, aber schwächer.

Die Götter zeigen in ihren Erscheinungen eine gewisse Stetigkeit und

Ordnung, die Erzengel dabei noch eine gewisse Kraft, die Engel Anmut und

Ruhe mit einiger Beweglichkeit vereinigt; die Dämonen zeigen stürmische

Bewegung und Unordnung, die Weltfürsten (Fürsten der Elemente) eine in sich

ruhende Stätigkeit, die Fürsten der Materie Tumult, die der Heroen

Nachgiebigkeit gegen die Bewegung, während die der Seelen noch beweglicher

sind.

Die Erscheinungen der Götter sind zuweilen so groß, daß sie Sonne und Mond

verhüllen, und bei ihrem Herabsteigen ruht die Erde nicht mehr fest. Wenn

die Erzengel erscheinen, so werden einige Teile der Welt bewegt, und ein

Licht geht als Vorläufer vor ihnen her. Kleiner und beschränkter ist die

die Engel begleitende Lichterscheinung, noch kleiner stufenweise die der

Fürsten der Welt und der Materie, der Heroen, der Seelen.

Die Bilder der Weltfürsten sind unermeßlich groß, die der Fürsten der

Materie prahlerisch und aufgeblasen; die Bilder der Seelen sind ungleich

groß, jedoch kleiner als die der Heroen. Überhaupt richtet sich die Größe

und Beschaffenheit der Erscheinungen stets nach der Größe der Kräfte oder

Gewalten, welche sie repräsentieren. An den Erscheinungen der Götter zeigen

sich die Bilder der Wahrheit deutlich, glänzend und bestimmt ausgeprägt.

Die Bilder der Erzengel sind wahr und erhaben. Die Engel behalten zwar

immer die bestimmte Gestalt, welcher jedoch vollständige Bestimmtheit

mangelt. Die Bilder der Dämonen sind undeutlich und noch unbestimmter die

der Heroen. Die Bilder der Weltfürsten sind deutlich, die der Fürsten der

Materie dunkel und verworren, beide aber gebieterisch. Die Bilder der

Seelen sind schattenartig.[854]

In den Göttererscheinungen liegt die Kraft, die Seele vollkommen zu

reinigen. Die Erzengel erheben die Seelen, die Engel lösen sie von den

Banden der Materie, die Dämonen ziehen sie in das Naturgetriebe herab, die

Heroen verwickeln sie in Sorgen und zeitliche Dinge, die Weltfürsten

verhelfen ihr zur Herrschaft über die weltlichen und die Elementarfürsten

zu der über die materiellen Dinge.[855] Die erscheinenden Seelen streben

zur Erzeugung und Fortbildung (also Reincarnation).

Die Götter besitzen die Kraft, die Materie auf einmal zu verzehren; die

Erzengel, solche nach und nach aufzuzehren; die Engel, von derselben

loszumachen und die Menschen davon abzuziehen; die Dämonen, sie täuschend

auszuschmücken; die Heroen, ihr das rechte Maß anzupassen; die Weltfürsten

zeigen sie in ihrer Erhabenheit; die Fürsten der Materie sind ganz mit

Materie erfüllt. Die reinen Seelen kommen von aller Materie rein und die

unreinen als von Materie erfüllt zur Anschauung.[856]

Die Gegenwart der Götter schenkt unserm Körper Gesundheit, der Seele

Tugend, der Vernunft Reinheit, höhere Kräfte, göttliche Liebe,

überschwängliche Freude; sie stellt das, was nicht Körper ist, den Augen

der Seele durch die Augen des Körpers dar, als wäre es Körper. Die

Erscheinungen der Erzengel gewähren dasselbe, jedoch nicht jedesmal und

nicht Allen, ebenso nicht Allen in gleichem Grade. Weiter geben sie

intellektuelle Betrachtung und ausdauernde Kraft. -- Die Erscheinung der

Engel ist von beschränkter Wirkung, denn die Kraft, womit sie erscheinen,

steht noch weiter von dem vollkommenen Licht ab, welches alle Kraft in sich

erhält. Jedoch gewährt sie uns Weisheit, Forschungstrieb, Tugend, Ordnung

und Ebenmaß. Die Erscheinung der Dämonen beschwert den Körper, plagt ihn

mit Krankheiten, zieht die Seele in die Natur herab, reißt sie nicht vom

Körper und der ihm anhängenden Sinnlichkeit los und befreit nicht von den

Banden des Fatum. -- Die Erscheinung der Heroen erweckt zu einzelnen großen

und edlen Thaten. Die Weltfürsten geben bei ihrem Erscheinen die Güter der

Welt[857] und die glänzenden Auszeichnungen dieses Lebens; die Fürsten der

Materie dagegen materielle und irdische Güter, Schätze, Geld usw.[858] --

Das Anschauen der reinen und in die Ordnung der Engel aufgenommenen Seelen

ist für den Geist erhebend und heilsam, es erweckt die heilige Hoffnung und

schenkt Alles, wonach diese strebt. Die Erscheinung der unreinen Seele

dagegen zieht zum Vergänglichen herab, verdirbt die Kräfte der Hoffnung und

erfüllt mit Leidenschaften, welche an den Körper fesseln.[859]

Das Gefolge der Geisterhierarchie richtet sich bei den Erscheinungen nach

dem Rang und der Würde der erscheinenden Geister. Die Götter erscheinen in

der Umgebung der Götter und Erzengel; die Erzengel in der Begleitung von

Engeln, welche ihnen als Vorläufer, Diener und Trabanten beigegeben sind.

Die guten Dämonen stellen uns die weltlichen Güter dar, mit denen sie uns

begaben; die bösen und rächenden Dämonen jedoch die verschiedenen Arten der

Übel und Strafen. Außerdem werden sie noch von einem Gewimmel wilder,

grauenerregender, schädlicher und blutsaugender Tiere umgeben.[860]

Das Licht, welches die Götter bei ihren Erscheinungen umfließt, ist so

fein, daß die Theurgen bei der Anschauung dieses göttlichen Feuers

gewöhnlich in Ohnmacht fallen. Auch die Erzengel strahlen ein so feines

Licht aus, daß es dem dasselbe Einatmenden beschwerlich fällt. Die Engel

dagegen teilen der Luft keine beschwerlichen Eigenschaften mehr mit. Bei

der Erscheinung der Dämonen wird die Luft nicht verändert, auch begleitet

sie nur so viel Licht, als nötig ist, ihr Bild zur Darstellung zu bringen.

Bei der Erscheinung der Heroen werden zuweilen einzelne Landstriche

erschüttert, jedoch wird die Luft nicht dünner und für den Theurgen nicht

atembar. Die Erscheinung der Weltfürsten umschwärmt auf eine dem Theurgen

fast unerträgliche Weise ein Gewühl von weltlichen und irdischen Bildern,

ohne daß jedoch die Luft eine merkliche Veränderung erlitte. Bei der

Erscheinung der Seelen ist die sie umfließende sichtbare Luft mit ihnen

verwandt und nimmt, indem sie sich an sie schmiegt, gleichsam ihre Umrisse

an, weshalb sie denn auch luft- und schattenartig erscheinen.[861]

Dies ist der Kern des theurgisch-dämonologischen Systems von Jamblichus, in

welchem alle späteren Systeme bis auf Allan Kardecs »+Echelle spirite+«

vorhanden sind. Ist bei den älteren Theurgen das Streben nach der

mystischen Henosis vorherrschend, so tritt bei Jamblichus der eigentliche

Geisterverkehr lebhaft hervor, und auch der Verkehr mit den bösen Dämonen

wird eingehend besprochen, welcher von jetzt an in aller späteren Theurgie

der vorherrschende bleibt.

Der bedeutendste Neuplatoniker der spätern Zeit ist der von lykischen

Eltern zu Byzanz 412 geborene _Proklus_, welcher zu Alexandria und später

zu Athen durch den jüngern _Plutarch_ und _Syrianos_ eine gründliche

Erziehung genoß. Sein Leben war ganz der neuplatonischen Lehre gewidmet,

und nach dem Tode des Syrianos war er dessen Nachfolger und die Hauptstütze

seiner Schule. Er zeichnete sich durch große schriftstellerische Thätigkeit

auf dem Gebiete der heidnischen Theologie und durch strenge Askese aus. Er

nahm bis zu seinem 485 erfolgten Tode monatlich mehrmals reinigende Bäder

im Meer, fastete am letzten Tage der Monate und feierte die Zeit des

Neumondes aufs prächtigste. Auch beobachtete Proklus genau die heiligen

Tage der Ägypter, sang orphische und chaldäische Hymnen und diente den

Göttern aller Völker, denn er pflegte zu sagen, der Philosoph solle nicht

allein ein Verehrer der Götter seiner Stadt oder einiger Völker, sondern

ein Priester der ganzen Welt sein.

Infolge seiner Frömmigkeit gelangte Proklus zur Anschauung allerdings nicht

des Einen Höchsten, aber doch der Athene, des Apollo, des Asklepios, der

Hekate und der platonischen Ideeen. Er hatte zahlreiche vorbedeutende, oft

in Gedichten sich kundgebende Träume, in deren einem ihm offenbart wurde,

daß er zur hermetischen Kette der Philosophen gehöre und in früherer

Incarnation der Pythagoräer Nikomachos gewesen sei. Sein Gebet war

heilkräftig und soll sowohl einen wohlthätigen Regen haben herbeiziehen,

wie auch schädliche Erdbeben abwenden können.

Darum genoß auch Proklus bei seinen Anhängern hohe Verehrung. Ein hoher

Staatsbeamter mit Namen _Rufinus_ wohnte einstmals einer Vorlesung des

Philosophen bei und sah dessen Haupt von göttlichem Lichte umstrahlt.

Sobald der Meister aufhörte zu reden, fiel Rufinus vor ihm wie vor einem

Gotte nieder und beteuerte mit heiligem Eide sein gehabtes Gesicht.

Da jedoch die Gesetze der christlichen Kaiser gegen die Ausübung der

heidnischen Religionen sehr streng waren, so war Proklus genötigt, seine

Lehren in geheimer abendlicher Versammlung vorzutragen und mußte sogar

einmal eine Zeit lang aus Athen flüchten. -- So berichtet sein Schüler

_Marinos_ in der +Vita Procli+.

Von der Philosophie des Proklus können uns nur einige psychologische

Spekulationen interessieren. Er denkt sich ähnlich den indischen

Philosophen der Vedantalehre, die Seele mit feinern und gröbern Hüllen

umgeben, welche göttliche, von der ersten unveränderlichen Ursache

herrührende, unveränderliche Körper sind, die immer dieselbe Gestalt und

Größe haben, obgleich sie durch Zusatz oder Ausscheidung von anderen

Körpern veränderlich erscheinen. -- Er führt keinen Grund an, weshalb die

Seele mit solchen Hüllen umgeben sei, und macht auch weiter keinen

praktischen Gebrauch von dieser Annahme außer um gewisse sichtbare

Erscheinungen der Seele (die Doppelgänger?) und die Notwendigkeit der

Reincarnation zu erklären.

Proklus spricht nur an einigen Stellen seines Alcibiades von der

Reincarnation auf eine beiläufige Weise; wahrscheinlich gehörte die Lehre

von der Reincarnation zu den esoterisch vorgetragenen. Er sagt: »Wie würde

die Seele fehlen und sündigen und sich wieder zum Göttlichen erheben

können, wenn nicht sie und ihre Vernunft und die Freiheit ihres Willens an

der Vermischung mit den Leiden teil hätten, wenn sie nicht im Zeitlichen

wäre und die materiellen Kleider umnähme und wieder ablegte nach gewissen

Perioden der Zeit.«[862] Je mehr sich die Seele von den äußeren Hüllen

befreit hat, desto höher steigt sie.[863]

Beiläufig verdient noch erwähnt zu werden, daß Proklus die Dämonen in fünf

Klassen teilte, welche der schon genannte Psellus noch um eine vermehrte;

außerdem machte Proklus einen Geschlechtsunterschied bei den Dämonen, wobei

sich wieder orientalischer Einfluß geltend macht.

Kurze Erwähnung müssen wir noch der »allsehenden« _Sosipatra_, der Gattin

des sonst unbedeutenden Neuplatonikers _Eustathius_ schenken, welche in der

zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts lebte.

Eustathius wählte _Sosipatra_ zu seiner Gattin, ward aber, wie Eunap sich

ausdrückt, durch deren unbeschreibliche Weisheit so sehr in Schatten

gestellt, daß er an ihrer Seite nicht als ein Denker und Philosoph, sondern

als ein äußerst unbedeutender Mann erschien. Ihr Vaterland war Asien, die

Gegend um Ephesus, welche den Fluß Kayfar bewässerte. Als kleines Kind

schon veredelte sie gleichsam alles um sich her durch ihre ausnehmende

Schönheit und Schamhaftigkeit, und ihr Vater, der sehr reich war, that

alles, was er vermochte, ihr die beste Erziehung zu geben.[864]

»Da kamen«, heißt es nun am eben angeführten Orte wörtlich weiter, »in

ihrem fünften Jahre zwei in Pelz gekleidete und große Taschen tragende

Greise auf eines der Landgüter ihres Vaters, und überredeten den Verwalter

desselben, ihnen die Besorgung des Weinbergs allein zu überlassen.« Der

überaus reichliche Ertrag erweckte den Gedanken bei ihm, es müsse ein

Wunder und eine Gottheit dabei im Spiele sein. Der Vater der Sosipatra

ehrte die beiden Fremden durch eine treffliche Mahlzeit, und bezeigte seine

Unzufriedenheit über die übrigen Arbeiter, daß sie nicht eben so viel Fleiß

auf die ihnen obliegenden Zweige der Landwirtschaft gewendet hätten.

Hierauf nahmen die Fremdlinge, welche durch die Gestalt und das

liebenswürdige Benehmen der beim Mahle anwesenden _Sosipatra_ bezaubert

waren, das Wort. »Die übrigen Geheimnisse und Schätze verborgener

Weisheit«, sagten sie, »behalten wir für uns. Das alles, was du soeben von

uns als eine empfangene Wohlthat, oder als Probe von unserer

Geschicklichkeit so sehr rühmtest, ist nur eine Kleinigkeit und ein

geringes Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir sonst noch vermögen.

Willst du, daß wir dir für die Ehre, welche du uns erzeigest, und für die

Geschenke, welche wir von dir empfangen haben, ein Gegengeschenk machen,

nicht mit vergänglichen Gütern, sondern mit etwas Höherem, das über dich

und dein Leben hinausgeht, und bis an den Himmel und die Sterne reichet, so

übergieb uns, als den wahren Eltern und Erziehern, fünf Jahre lang diese

Sosipatra. Du sollst und darfst dich aber diese ganze Zeit hindurch nicht

um sie bekümmern, noch jenes Landgut auch nur mit einem Fuße betreten.

Alsdann wird nach Verlauf dieser Zeit deine Tochter nicht allein ein

hochgebildetes weibliches und menschliches Wesen sein, sondern du wirst

unfehlbar in ihr auch noch etwas Anderes und Höheres ahnen. Hast du nun

guten Mut und Vertrauen zu uns, so nimm unseren Vorschlag willig an, bist

du aber mißtrauisch, so wollen wir -- _nichts gesagt haben_.«

»Stillschweigend und bestürzt übergab ihnen der Vater hierauf seine

Tochter. Dann rief er seinen Verwalter und befahl ihm, den Fremdlingen

alles zu reichen, was sie nur immer verlangen würden, und sich um nichts

weiter zu bekümmern, machte sich als ein Flüchtiger noch vor Anbruch des

Tages auf, und verließ die Tochter und das Landgut. Die Männer, _es mögen

nun Heroen oder Dämonen, oder noch höhere Geister gewesen sein_, nahmen das

Mädchen und weiheten es ein -- in welche _Mysterien_? und _Wozu_? das

vermochte niemand, auch der Allerneugierigste nicht, jemals zu erforschen.«

»Als nun die festgesetzte Zeit herum war, kam der Vater auf das Landgut. Er

kannte seine Tochter nicht mehr, so außerordentlich hatte sie sich in

Absicht auf Größe, Wuchs und äußerliche Schönheit verändert. Auch sie

erkannte ihren Vater kaum mehr. Er fiel vor ihr nieder auf seine Kniee, so

sehr glaubte er ein anderes Wesen vor sich zu sehen. Jetzt erschienen auch

die beiden Lehrer. Du kannst, sagten sie, deine Tochter alles fragen, was

du immer willst. Ach! Vater, fiel Sosipatra ihnen in die Rede, frage mich

doch etwas, frage mich doch, wie dir's auf dem Wege gegangen ist. Sie

erzählte ihm darauf alle Vorfälle, Reden, Besorgnisse, Drohungen u. s. f.,

kurz alles, was auf der Reise vorgekommen war, so genau, als wenn sie

selbst mit in dem Wagen gesessen hätte.«

»Der Vater war ganz außer sich vor Erstaunen, und glaubte fest, _seine

Tochter sei -- eine Göttin_. Er fiel vor den Männern nieder und bat, sie

möchten doch sagen, wer sie wären (damit er sie auf gehörige Weise verehren

könne). Nach langem Zögern, denn so gefiel es vielleicht der Gottheit,

sagten sie endlich, aber nur durch dunkle Andeutungen und mit

niedergeschlagenem Gesicht, sie wären nicht ganz uneingeweiht in die

chaldäische Weisheit. Hierauf fiel er abermals auf seine Kniee und bat, sie

möchten doch geruhen, die Herren von dem Gute zu sein, und seine Tochter

bei sich zu behalten, um derselben ihre Bildung noch länger angedeihen zu

lassen, und sie noch vollkommener einzuweihen. Sie nickten mit dem Kopfe,

sagten es aber nicht mit Worten zu. Der Vater glaubte indessen, ihr

Versprechen erhalten zu haben, und war darüber so froh und vergnügt, als

wäre ihm ein Orakelspruch zu teil geworden. Was er aber aus der ganzen

Sache machen sollte, das wußte er durchaus nicht. Mit Begeisterung pries er

den Homer, daß er ein großes und herrliches Geheimnis ausgesprochen habe in

den Worten:

_Die Götter wandern in mancherlei Gestalten,

Reisenden aus fremden Ländern ähnlich, umher._«

»Denn auch er glaubte von Göttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch

erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergnügt ein. Die

Greise aber führten nach der Mahlzeit das Mädchen auf ihr Zimmer, übergaben

ihr sorgfältig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch

einigen andern Sachen, ließen ihr ein Kästchen versiegeln und thaten noch

einige Bücher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darüber, und liebte

überhaupt die fremden Männer wie ihren eigenen Vater.«

»Am folgenden Tage morgens frühe, als die Thüren geöffnet wurden, und

jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewöhnlich

aus, das Mädchen aber lief zu dem Vater mit der fröhlichen Nachricht, und

ließ das Kästchen und die Bücher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte über

die kostbaren Schätze, welche er fand, und ließ die Männer rufen. Aber sie

waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend

eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten,

als sie mir dies Alles mit Thränen in den Augen übergaben. Betrachte dieses

öfters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer

machen, und alsdann sofort wieder zurückkehren.«

»Alles dieses beweist offenbar, daß die Fremdlinge Geister oder höhere

Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu

sich, ließ sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekümmerte sich um ihr

Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen

Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wußte

sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter,

Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit großer

Anstrengung und vielem Schweiße kaum mittelmäßig erlernen und begreifen,

darüber wußte sie sich so leicht und gewandt auszudrücken, als ob es nur

ganz unbedeutende Aufgaben wären. Die Fremdlinge aber kehrten niemals

wieder zurück« usw.[865]

Drittes Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. --

Die letzten Neuplatoniker.

Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften,

in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch

dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist,

das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so dürfte es

vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem

Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der

theoretischen wie der praktischen Forschung zugänglich zu machen;

vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der

Beteiligten, als die neuere hierher gehörige Litteratur, wie sie z. B. von

Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.

In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprüche des Pythagoras

hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit

von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges

Eigentum der alten und neuen pythagoräischen Schule waren. Sie lehren die

mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen

zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem

er sagt[866]: »Dieser (höhere) Einfluß wird uns aber nur dann zu teil, wenn

wir uns von den die Seele niederdrückenden Hindernissen, von den

fleischlichen und irdischen Beschäftigungen und von jeder von außen

kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die

allzustark leuchtenden Gegenstände nicht anschauen kann, so wird auch der

das Göttliche nicht fassen können, der die Reinigung der Seele

vernachlässigt. Man muß aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser

Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird

sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist

allmählich daran zu gewöhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich

entfaltet, und dieser, dem göttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm

vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehörig gereinigt und geheiligt

ist, so tritt sie von allen störenden Einflüssen ungehindert in freier

Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Göttliche und

unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher

zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch

Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der

Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst

allmählich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke

das, was sie wünscht.«

In den ersten vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche wird nun diese

»stufenweise Reinigung des Herzens« gelehrt, während in den letzten

zweiunddreißig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit

des Adepten geschildert wird. -- Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat

nach den etwas modernisierten Übersetzungen von Schultheß[867] folgenden

Wortlaut:

»Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,

Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen

Helden des Äthers zunächst, dann auch der Erde Dämonen

Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern

Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes. 5.

Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen

Dir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden,

Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen

Zürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht;

Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte 10.

Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu,

Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,

Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest.

Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern;

Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren. 15.

Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,

Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern,

Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist.

Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen.

Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken, 20.

Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.

Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,

Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge,

Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,

Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen 25.

Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine Regel

Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:

Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,

Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;

Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln, 30.

Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung.

Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.

Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt.

Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst du

Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen. 35.

Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.

Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes.

Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein.

Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. Vermeide

Alles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand 40.

Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir

Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen.

Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.

Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,

Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben: 45.

Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet?

Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen?

Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;

Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.

Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren, 50.

Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,

Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend,

Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer Seele

In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!

Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter, 55.

Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig geworden

Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden

Von der Geister System und auch der unsterblichen Götter,

Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die

Kräfte

Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde. 60.

Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten

Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,

Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.

Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen,

Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht

wollen, 65.

Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen,

Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal,

Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen

Dahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende.

Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme

Gefährte, 70.

Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sie

Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.

Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen,

Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet.

Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes

Geschlechte; 75.

Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.

Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler,

Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen,

Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.

Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide 80.

Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele,

Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen.

Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen.

Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe,

Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, 85.

Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!«

Diese pythagoräischen Verse wurden von dem Neuplatoniker _Hierokles_

ausführlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schüler des

Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von

seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas überliefert uns

einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in

stoischer Größe erscheinen läßt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in

dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit

christlichen Priestern) zur Geißelung verurteilt, welche auf das strengste

an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der

Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der

Peitschenhiebe entströmenden Blutes auf und warf es demselben mit

homerischen Worten ins Gesicht: »Nimm, Cyklop, und trink eins; auf

Menschenfleisch ist der Wein gut.«

Der Erfolg dieser That war, daß Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde

und nach Alexandria zurückkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schüler

ungehindert wie früher Philosophie weiter lehrte.

Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die

Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen

Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in

der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der

Mensch der wahren Glückseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur

Vergöttlichung führen den Philosophen gewisse kurzgefaßte Grundsätze oder

Kunstregeln, unter denen die pythagoräischen Verse den ersten Rang

einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thätigen als der

beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen -- nach den Worten des

»Timäus« -- in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.

Die Gebote der thätigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trägheit und

Sinnlichkeit überwunden sein müssen, bevor sich der Mensch mit den höheren

göttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines

Auge den Glanz der Sonne erträgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz

praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten.

Die thätige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung

ihrer Gebote führt uns auf den Weg der beschaulichen göttlichen Tugend und

Philosophie (V. 50-54). Man muß also zunächst Mensch werden, um sich zum

Gott entwickeln zu können; zu dem ersten machen uns die thätigen, und zum

letzteren -- vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend -- die

beschaulichen Tugenden.

Die Vorschriften der thätigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem

Grade für sich selbst, daß wir den zu ihnen gehörigen langen Kommentar bis

zu den Versen 36-38 übergehen können, worin Pflege der Gesundheit und

Mäßigkeit empfohlen wird, um den Körper zu einem brauchbaren Instrument der

Weisheit zu machen. Hierokles sagt: »Damit dann sein (des Philosophen) Leib

ein Instrument der Weisheit abgeben möge, wird er denselben durchaus also

nähren und gewöhnen, daß dabei vorzüglich für die Seele, zunächst aber und

um ihretwillen für den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die

Maschine, in größeren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht.

Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlässigen, weil

die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung für die

Gesundheit des Leibes, mit Rücksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist,

Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied

bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es

giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weil sie den Leib

beschweren und _den Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht,

in gröbere Leidenschaften hinschleppen_.«

Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit

der vernünftigen Seele in engerem Zusammenhang als der äußere Zellenleib

stehenden geistigen oder ätherischen Leib, welcher Glanzleib oder der

geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht

verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu

salzige oder zu fette Speisen genießt; durch diesen Genuß wird der

Glanzleib getrübt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit

emporfahren soll, versagt seinen Dienst. -- Zum Verständnis der durch

gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung,

daß Pythagoras und Plato nach Diogenes Laërtius die Seele in zwei Teile

teilten, in einen vernünftigen -- %logon% -- und einen unvernünftigen Teil

-- %alogon% -- welch letzterer wieder in den zornigen -- %thymikon% -- und

begierigen -- %epithymikon% -- zerfiel und sich also mit obigem »Geist der

Seele« deckt.

Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der

erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit berücksichtigen, sowie

auch bedenken, »ob er ein Anfänger im philosophischen Leben sei, oder schon

die Höhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Maßhalten allen

Schaden vermeiden und alle Vorteile für die nach Vollkommenheit strebende

Seele zu erringen suchen.« »Denn wenn sie (auf ihrem glänzenden Wagen) zur

Vernunft hinauffährt, muß es um sie her von Leidenschaften ganz windstille

sein, ihre untern Triebe müssen sich in der besten Ordnung und tiefsten

Unterthänigkeit befinden, damit die höheren Seelenkräfte in ihren

Betrachtungen ungestört bleiben.«

Die Verse 50-55 stellen den Jünger auf die Grenze zwischen der praktischen

und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und

den höheren eines Gottes. Daß aber die theoretische Wahrheit zu diesem

hohen Ziele führe, bezeugen die Verse ausdrücklich, mit welchen unser

Dichter dieses Lehrgedicht beschließt:

»Scheidest du früh oder spät aus diesem sterblichen Leibe,

Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,

Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«

Diese Dinge führen auf den Weg zur göttlichen Tugend, sie »werden dich

Gott ähnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der

Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge führt, weil

die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schöpfergottes liegen,

zum höchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die Ähnlichkeit mit Gott

mit sich bringt.«

Der Verfasser verheißt den in praktischer und theoretischer Tugend Geübten

nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern

auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: »Eine

wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die

praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmücken und ihre

menschliche Rechtschaffenheit zu göttlicher Tugend erhöhen; denn dadurch

erlangt man Ähnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr

Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die

körperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der

vernünftigen Wesen untergeordnet ist, so kündigt unser Lehrer in den

folgenden Versen (61-64) an, daß man in der gehörigen Ordnung nun auch zu

dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde.«

Die höheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen

Intelligenzen bevölkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung

besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und

diese bloßen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen

der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er

Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rückkehr zur Vernunft

(%nous%) wieder in seinen ursprünglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu

den sterblichen Wesen, läßt die göttlichen Gesetze außer acht und sinkt von

der ihm zukommenden Würde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden

Wesen angehört, so besitzt er von Natur aus das Vermögen nicht, zu jeder

Zeit und stets gleich vernünftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter

höheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon

er »von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen

Götter und Helden des Äthers«.

Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Mensch die Stufenfolge

der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, daß die

Natur überall sich selber gleich bleibt, daß dem so sei »nach ewigen

Rechten, nach dem göttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschöpfen) Gott

diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es

körperliche oder unkörperliche Wesen, nach den Maßregeln seines Planes

angeordnet hat«.

Aus der Kenntnis der körperlichen und unkörperlichen Schöpfung erwächst dem

Weisen der Gewinn, daß er nichts Eitles hofft und daß ihm nichts verborgen

bleibt.

Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf

und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, »wie selbst erwähltes Übel die

Menschen plage, daß sie aus eigenem Entschluß elend und mühselig sind«;

denn sie lassen sich sowohl durch einen jähen Trieb in das körperliche

Leben herabziehen, als auch im körperlichen Leben in Leidenschaften

verstricken, die sie an die Erde binden, während sie sich doch zeitig von

ihr loslösen könnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch

nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen

oder zu entdecken, die sich von dem Übel frei zu machen wissen, diese

werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und »wandern hinüber

in den reinen Äther«.

Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und überall auf Hindernisse

stoßen; sie geraten durch ihre erdwärts treibenden Handlungen in tausend

Übel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets

grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der

dem Thoren nicht Anlaß zum Bösen werde, weil das Laster sein

selbstgewähltes Teil ist, und er weder auf das göttliche Licht schauen,

noch auch von den wahren Gütern hören will. Unsere Erlösung wird aber

sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen

lernen, daß ein göttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen

Übeln ist jedoch denen möglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren

Güter befassen und von der Philosophie, »der heiligen Mutter«, in der

Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen.

Das vernünftige Geisteswesen ist -- nach neuplatonischer Anschauung --

ursprünglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar

derart, daß es weder der Leib selbst, noch ohne Leib ist, sondern an sich

zwar etwas Unkörperliches ist, daß er aber doch ein Körper mit seinem

ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehört. Höhere Intelligenzen und

Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernünftigen Seele und einem

anerschaffenen Lichtleibe bestehen.

Zur Vervollkommnung der Seele dienen Wahrheit und Tugend, zur Reinigung

unseres Glanzleibes hingegen die Fortschaffung jeder Befleckung, welche wir

uns durch die Gemeinschaft mit der Materie zugezogen haben; ferner der

Gebrauch heiliger Reinigungsmittel und endlich die von Gott uns

eingepflanzte Stärke, die uns zum Rückflug von hinnen den Schwung giebt.

Darüber belehren uns die Verse 80-83, welche uns alle überflüssige

Verunreinigung durch die Materie untersagen und uns den Gebrauch der

mystischen Reinigung und der uns eingepflanzten Stärke zur Befreiung der

Seele empfehlen. Diese Reinigung erstreckt sich auf Speise und Trank, ja

auf die ganze Pflege unseres sterblichen Leibes, innerhalb dessen unser

Glanzleib wohnt, dem äußern seelenlosen Körper Leben einhaucht und ihn zur

Übereinstimmung mit ihm selbst heranbildet: »Der immaterielle Leib ist ein

lebendiges Wesen und die wirkende Ursache des Lebens, welches der

materielle Leib besitzt und wodurch unser sterbliches Tier seine

Vollständigkeit erreicht, das aus dem sinnlichen Leben und dem materiellen

Leib zusammengesetzt ist, ein Schattenbild des Menschen, der aus einem

vernünftigen Wesen und einem immateriellen Leibe besteht.«

Die mystische Reinigung bedient sich körperlicher Mittel, um den sein

eigenes Leben besitzenden »Glanzleib« zu heilen und anzutreiben, daß er

sich von der Materie scheide und seinen Rückflug in den Himmelsäther,

dorthin nehme, wo er früher glücklich war. Alle Ceremonien dieser

Reinigung, wenn mit Ernst ausgeübt wird, sind in den Gesetzen der Tugend

und Wahrheit gegründet. Dabei ist die Hauptsache, daß der Mensch sich

allmählich gewöhnt, irdische Dinge zu missen und sich mit immateriellen zu

beschäftigen, wenn er sich von den Befleckungen reinigt, die er sich durch

sein Leben im materiellen Körper so zahlreich zuzog. Durch diese Bemühungen

lebt er gewissermaßen wieder auf und kommt wieder zu sich.

Viertes Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Der Occultismus des Altertums · 第 149 / 155 题