improvisiert wurden, _fescenninisch_; vermutlich hängt das Wort zusammen
mit +fascinum+ = Phallus (italienisch +fescina+, zugleich ein phallusartig
geformter Korb zum Traubenpflücken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung
natürlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in
Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon).
Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der
neapolitanische Dichter _Tansillo_ in seinem aus formvollendeten Ottave
Rime bestehenden »Winzer« (+vendemmiatore+) gedichtet; er entschuldigt
ihren allerdings bedenklich obscönen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: »In
jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht würden,
würden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche überhaupt besitzen; und
dies zumal, wenn sie Leuten in die Hände fielen, die den _Brauch meiner
Heimat_ nicht kennen. Dieser Brauch gestattet nämlich zur Zeit der Weinlese
dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame
die gröbsten Anstößigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der
Leiter an einem Baum[629] steht und die Trauben pflückt und die nun
zufällig Vorüberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer
zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen
zuwirft.«
* * * * *
Mit der griechischen Afrodite hat eine Ähnlichkeit die römische Göttin der
_Blüten_ und Blumen, _Flora_.
Die spätere euhemeristische Mythologie erzählte, Flora sei ein besonders
schönes Freudenmädchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein
sehr großes Vermögen erworben und dieses dann als Erbschaft dem römischen
Volke hinterlassen habe. Übrigens gehörte ihr Dienst zu den ältesten in
Rom, und wenn jene Erzählung von dem patriotischen Testament eines
Freudenmädchens auch historisch begründet sein mag, so kann sie doch nicht
zur Erklärung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28.
April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das
ebenfalls mit besonderer »Freiheit des Scherzes«, wie Ovid sagt, begangen
wurde, die Freudenmädchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergötzten
das Volk mit obscönen Tänzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu
entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkämpfe
aufzuführen. »Warum aber der Stand der öffentlichen Buhlerinnen die Spiele
der Flora besonders ehrt«, sagt Ovid, »davon ist der Grund leicht zu
erkennen. Sie ist nicht Göttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen,
sie wünscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie
auf, die Blüte des Alters, so lange sie dauert, zu genießen: die Dornen
verachtet man, wenn sie abgefallen sind.« -- Auch die anderen Frauen und
Mädchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte
Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht übel. »Ganz wird die Schläfe
mit festgenähten Kränzen umwunden«, singt Ovid, »und der kostbare Tisch
wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das
Haar umflochten mit Lindenbast und übt die Kunst des Weintrinkens in
maßlosem Grade. Trunken tanzt er an des schönen Liebchen harter Schwelle.
Um sein gesalbtes Haupthaar hängen weiche Kränze. Bacchus liebt Blumen; daß
Kränze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne
entnehmen.« -- Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt,
bei Fackelschein, »entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten«,
sagt Flora bei Ovid, »scheint sich der Fackelschein für meine festlichen
Tage zu schicken, oder weil weder die Blüte noch die Flamme von matter
Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oder _weil nächtliche
Freiheit meinen Vergnügungen gemäßer ist. Die dritte Ursache ist näher der
Wahrheit._«
Andrerseits ist aber auch wieder die römische _Venus_ keineswegs kongruent
mit der reizendsten aller antiken Göttergestalten, der griechischen
Afrodite. Erst spätere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen
Widmungsverse an die Venus berühmt sind, und Ovid haben überhaupt die Venus
der Römer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem
mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne
Einfluß darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren
Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises
zurückführten. -- Aber während Venus Afrodite eine von hellenischer
Ästhetik zur Göttin der Schönheit verklärte Naturgottheit war,
symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Römer, wiewohl auch
sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (+venustas+) mit einschloß,
doch in erster Linie nur den Sinnengenuß und stand insofern nicht viel
höher als _Volupia_, die eigentliche Göttin der Wollust. In den Kapellen
der letzteren pflegte man merkwürdigerweise Bildsäulen eines geradezu
entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nämlich der _Angeronia_ oder
Angstgöttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte
man sich diesen gefürchteten Dämon dadurch gerade geneigt zu machen und
fernzuhalten, daß man ihn im Tempel der Wonne aufstellte.
Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders
geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (+Aprilis+,
+Aphrilis+, %aphrilis%, +Aphrodite+).
An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Göttin zu entkleiden
und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu
schmücken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb
heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Bräute schmückt. Auch führt
Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die »Mütter und
Schwiegertöchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern
sind« (die Buhlerinnen) unter grünender Myrte zu baden. »Denn«, erzählt
Ovid, »am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn
schalkhafter Haufen bemerkt die Göttin. Sie sah es und verhüllte ihren
Körper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that
und gebietet nun Euch, es nachzuahmen.«
Andere Beinamen der Venus waren _Placida_, _Genitrix_, _Verticordia_
(Herzenswenderin), _Calva_ und _Cloacina_. Die beiden letzteren Namen haben
zu manchen Deutungen Anlaß gegeben; wahrscheinlich bedeutet +calva+ nicht
die »kahle«, »geschorene«, sondern kommt von +calvere+ = foppen, und
bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie
boshafter Weise einige Kirchenväter meinen, direkt von Cloake, sondern
hängt mit +cloare+ = reinigen, zusammen.
»Wenn nämlich der strenggesetzliche Römer eine Göttin des fleischlichen
Liebesgenusses verehrte«, meint Hartung +a. a. O. 250+, »so läßt sich
denken, daß er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die
Lustgöttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wünschenden
Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten
Römer gemäß zumeist äußerlich und körperlich geübt, so daß Abspülung und
Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Beräucherung mit
Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem
Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt.« -- Ein Fragezeichen scheint mir
hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht.
* * * * *
Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwähnen _Minerva_, die ganz
der griechischen Pallas entspricht, der jungfräuliche Typus der
überlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allem _Vesta_, die
griechische Hestia, die Göttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum
befindlichen runden Tempel, -- nach Plutarch rund, weil er das Weltall
vorstellt, in dessen Mitte die Pythagoräer das Feuer setzen, wurde das
unauslöschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehütet. Die
Jungfräulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, daß der
Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb
gefordert sein, weil man das reine und unvergängliche Wesen des Feuers nur
reinen und unbefleckten Körpern anvertrauen wollte oder zwischen der
Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige Ähnlichkeit
zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mädchen im
jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden für
die ihnen zur strengsten Pflicht gemachte Keuschheit durch zahllose
Vorrechte entschädigt. Plutarch zählt als solche auf, daß sie noch bei
Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und -- eine in Ansehung
des Keuschheitsgelübdes sonderbare Fiktion --, +jus trium liberorum+
besaßen, d. h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von
Vormundschaft, die für andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier
Kinder verbunden waren. Wenn sie öffentlich erschienen, ging ein Liktor vor
ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufällig einem zum Tode geführten
Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mußte die Vestalin
schwören, daß die Begegnung nicht absichtlich veranlaßt war. Der Bruch des
Keuschheitsgelübdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der
Verführer zu Tode gegeißelt, die Priesterin lebendig begraben.
Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen
Feuergotts _Vulcan_ von Romulus und Tatius gegründet sein. Über den Kultus
dieses Gottes, der keine große Rolle spielte, ist nur zu bemerken, daß ihm
seltsamer Weise mit Vorliebe _Fische_ geopfert wurden, um durch die
Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf
magische Weise zu besänftigen.
Die ursprüngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung des
_Faunus_, dessen Wesen Dionysius, röm. Gesch. V, 16, mit den Worten
bezeichnet: »Die Römer schreiben diesem Dämon alles Panische und alle
gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen
zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden
Rufe als sein Werk.« Der Name bezeichnete allmählich nicht mehr ein
Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lüsterne
koboldartige Wesen, von denen es hieß, daß sie mit Vorliebe die Nymphen,
aber auch Frauen im Schlafe zu überfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft
führten sie die Beinamen _Ficarii_[630] und _Incubi_. Hartung meint, daß
Alpdrücken und ähnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung
dieser Dämonengattung gebildet haben.
Die Tochter des Faunus, _Fauna_, auch _Fatua_ oder Oma genannt, wurde als
_gute Göttin_, +bona Dea+, verehrt. Sie bildet einen seltsamen Kontrast zu
ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, daß
nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nähe genannt werden
durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein
geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte
sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar
im Hause des jedesmaligen +Praetor urbanus+. Das Haus desselben mußte dann
von allen Personen männlichen Geschlechts geräumt werden, nicht einmal
Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen mußten sich durch
mehrtägige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von
Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, daß die Frauen durch Musik und
übermäßigen Weingenuß sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer
Verzückung zu geraten. Das Fest hatte große Ähnlichkeit mit den
Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die
Größe des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wüstling Clodius, der
bekannte Gegner Ciceros und Freund Cäsars, dadurch bereitete, daß er, als
dieses Fest im Hause Cäsars gefeiert wurde, der gerade Prätor war,
begünstigt von der Pompeja, Cäsars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen
Einverständnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich.
Vergl. +Plutarch, Leben Cäsars, Kap. 9 u. 10+. +Ciceros Briefe an Attikus
I, 13+.
* * * * *
Der eigentliche Hirtengott aber war _Pales,_ den merkwürdigerweise einige
Dichter, z. B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, sodaß spätere ihn
sogar für einen Zwittergott erklärten. Der spätere Gott der Gärten,
Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt,
eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich später
mit dieser Göttergestalt verknüpft, schon der ältesten Zeit nicht fremd.
Seine altrömische Bezeichnung war _Fascinum_ und der ihn führende Gott hieß
Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als kräftigstes Mittel gegen
jede böse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus
und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (+Hortus+), daher
Gartengott, aufgepflanzt.
Um der Ehe Glück und Segen zu verbürgen, mußte sich sogar die Braut vor
der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Daß die
sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also
nur ein anderes Wort für Priapejen sind, wurde schon erwähnt.
+Praefiscine+, die Anrufung des Fascinus, war der übliche Ausruf der Römer,
wenn sie etwas lobten oder für gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung
der deutschen Volksredensart: »Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm
Tisch geklopft!«
* * * * *
Wir könnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von
Göttern und Genien zweiten Ranges vervollständigen, z. B. die _Anna
Perenna_, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert,
und die in Mädchengesellschaften mit Rücksicht auf ein verliebtes
Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde,
ferner die _Acca Laurentia_, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines
Freudenmädchens handelt, wie bei der Flora. Vgl. +Plutarch, Romulus
Kap. 5+:
»Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf
den Einfall, mit dem Gotte Würfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er
gewönne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlöre er aber, so
wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und überdies ein schönes Mädchen
verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst für
Herkules und dann für sich selbst, und da fand sichs, daß er verloren
hatte. Der Tempelaufseher, der es für seine Pflicht hielt, das, was
ausgemacht war, genau zu erfüllen, veranstaltete für den Gott ein
Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schönes
Freudenmädchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet
hatte, und nach Tische schloß er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr
kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl
ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen
würde, sich durch einen Kuß zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein
Bürger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein
ansehnliches Vermögen besaß und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte.
Dieser Mann machte mit ihr Bekanntschaft und gewann sie so lieb, daß er
sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schönen Güter
einsetzte, wovon sie dann später den größten Teil durch ein Vermächtnis dem
Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in großem Rufe stand und für eine
besondere Freundin der Göttin gehalten wurde, gerade an dem Orte
verschwunden sein, wo die ältere Larentia begraben lag.« -- Diese _ältere_
Larentia aber war die Wölfin (+lupa+), die den Romulus gesäugt hatte. Dabei
verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, daß Lupa bei den Lateinern sowohl eine
Wölfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch
Laurentia genannt wird, knüpfte sich die Entstehung einer den bereits
erwähnten Luperci ähnlichen Priesterbrüderschaft, der sog. _Arvalbrüder_.
Dieselbe soll nämlich vom Romulus (oder Herkules) zwölf Söhne gehabt haben,
mit denen sie alljährlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und für
die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend
gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrüderschaft trug als Abzeichen
Ährenkränze mit weißen Binden und hielt alljährlich einen Umzug durch die
Felder, worauf sie zur Entsündigung der Felder das +suovetaurilium+
opferte.
Da wir auf die unterirdischen Götter, zu denen übrigens die Acca Laurentia
in einer ähnlichen Beziehung stand, wie die griechische Proserpina, im
folgenden Kapitel kommen, dürfen wir hiermit unsere Skizze des römischen
Götterwesens abschließen.
* * * * *
Kaum ein anderes Wort ist mit verschiedeneren Ideeen und Gefühlen je nach
Zeit, Ort, Rasse, Kulturentwickelung und endlich Individualität
vergesellschaftet, als das kaum noch eine bestimmte Definition zulassende
Wort »Religion«. Ein feinfühliger Christ wird mit vollem Rechte dieses Wort
als mißbräuchlich angewandt bezeichnen auf ein Göttersystem, wie das in
diesem Kapitel skizzierte römische, das sich bis zur Vergöttlichung von
Freudenmädchen verstiegen habe. Er mag eben durch den Kontrast die geistige
Höhe des Christentums um so angemessener schätzen lernen.
Allein er darf sich dadurch nicht zu einem ungerechten Urteil über die
sittliche Bedeutung der heidnischen Religionen und der römischen
insbesondere hinreißen lassen.
Alle heidnischen Religionen und so auch die römische, sind eben reine
Naturreligionen. Die Natur und ihre Kräfte werden in anthropomorpher Weise
personifiziert, und wie diese Phantasiethätigkeit ausfällt, das hängt eben
von dem mehr oder weniger edlen Typus des Menschen ab. Nun läßt sich
keineswegs behaupten, daß die römische Naturreligion auf einem besonders
niedrigen sittlichen Niveau gestanden hat; wenngleich die orientalischen
Religionen stellenweise den Anschein größerer spekulativer Tiefe an sich
tragen, so sind ihre Gedanken- und Phantasiebildungen darum weder reiner
noch inniger. Selbstverständlich bildet in jeder reinen Naturreligion die
Fruchtbarkeit und Zeugungskraft und somit das Natürlich-Geschlechtliche den
wichtigsten Gegenstand der Andacht. Der Phallusdienst z. B. erstreckte sich
über ganz Asien und nahm wohl die wüstesten orgiastischen Formen bei den
von Natur wollüstig und zerfahren veranlagten semitischen Stämmen an
(Mylitta- und Kybele-Dienst). Bei den Römern hielt er sich stets in relativ
sehr anständigen Schranken. Die geschlechtliche _Sinnlichkeit des Römers
war stark, aber_, so lange sie nicht durch schlechte internationale
Einflüsse corrumpiert ward, naturwüchsig _gesund_ und forderte gesetzliches
Maß und Ordnung. Erwähnt wurde bereits die lange Jahrhunderte hindurch
streng gewahrte _Heiligkeit der Ehe_. Nicht die unbefangene Natürlichkeit
in sexuellen Angelegenheiten, sondern das naturwidrig Raffinierte, was sich
ja oft gerade mit asketischen Enthaltsamkeits-Tendenzen als anderem Extrem
vereint, ist das allgemein Unsittliche. Die fescenninischen Verse und
krassen Priapejen der Römer sind nicht so unsittlich, wie manche mit
äußerlicher Eleganz geschriebene hochmoderne Litteraturerzeugnisse. Oder
war etwa das germanische Mittelalter, das an vielen Dingen keinen Anstoß
nahm, die heute auszusprechen, ein arger Verstoß ist, darum _sittenloser_,
als die Neuzeit, in der ernstliche Schriftsteller die Frage diskutieren
können, ob nicht z. B. die Ehe vielfach zu einer konventionellen Lüge
geworden sei? Man kann sogar behaupten, daß das gesetzliche und im engeren
Sinne moralische Gefühl die Römer weit länger vor der Ansteckung mit den
wüsten Formen des orientalischen, mystisch angehauchten Wollustkultus
bewahrt hat, als das mehr bloß ästhetische Maß die Hellenen. Wenn die
Griechen es als die erste und höchste Pflicht betrachteten, daß alles, was
zur Verehrung der Götter geschehe, schön sei, glaubten die Römer mit
konservativer Zähigkeit und peinlichster Sorgfalt darauf achten zu müssen,
daß alles exakt und pünktlich sei. Allerdings wurde die subjektive Religion
bei ihnen von der positiven, dem Kultus, völlig absorbiert, wie dies in
gewissem Grade ja auch im Gegensatz zu den vielen anderen Abzweigungen des
Christenthums sich noch im römischen Katholizismus wiederholt. Noch in den
Zeiten des schon begonnenen Verfalls der römischen Religion schrieb der
Geschichtsschreiber Dionysius (+II. 18+), indem er die römische Religion
der griechischen gegenüberstellt:
»Der Stifter des römischen Staates hat die von den Göttern überlieferten
Sagen, welche Verunglimpfungen und Lästerungen derselben enthalten, als
nichtswürdig, unnütz und ungebührlich, und nicht einmal rechtschaffener
Menschen, geschweige Götter würdig, samt und sonders verbannt, und es so
eingerichtet, daß die Menschen von den Göttern nur das Edelste und Beste
erzählen und sich einbilden, und ihnen keine solchen Eigenschaften
andichten, welche seliger Wesen unwürdig sind. Denn man weiß bei den Römern
nichts von Entmannung des Uranus durch seine eigenen Söhne, nichts von der
Kinderverschlingung des Kronos aus Furcht vor deren Nachstellungen, nichts
von Entthronung und Einkerkerung im Tartarus, die Zeus an seinem eigenen
Vater verübt habe, nichts von der Götter Kämpfen, Verwundungen, Fesselungen
und Knechtsdiensten bei den Menschen, und es wird bei ihnen kein Fest in
Trauerkleidern und mit Wehklagen begangen, wo sich die Weiber unter Weinen
und Schreien die Brüste zerschlagen über das Verschwinden einer Gottheit,
wie die Griechen bei dem Raube der Persephone und den Leiden des Dionysos
und anderen dergleichen Gelegenheiten thun; auch erblickt man bei ihnen,
trotzdem, daß die Sitten bereits verdorben sind, kein Außersichgeraten und
Verrücktthun, kein Bettelpriestertum, kein Begeistertsein noch geheime
Weihen, kein Durchnachten der Männer mit den Frauen in Heiligtümern, kurz
nichts von allen diesen Gaukeleien und Schwärmereien, sondern statt dessen
bloß Andacht und Achtsamkeit auf Worte und Handlungen in allen religiösen
Verrichtungen, wie bei keinem anderen Volke der Griechen oder Barbaren.«
* * * * *
Allerdings ist nicht zu verkennen, daß eben diese äußerlich gesetzliche
Auffassung der Religion ein wirklich religiös fühlendes Gemüt abstoßend
berührt, wenn dabei die Einsicht hervortritt, daß die _gebildeten_ Römer in
Ermangelung jeder _spekulativen_ Vertiefung des Religionsinhalts, wie sie
den gebildeten Griechen sich in den Mysterien frühzeitig darbot, dieselbe
als eine bloß _politische_ Staatseinrichtung betrachtet haben. Der
Geschichtsschreiber Polybius freilich, der dieses Verhältnis klar
durchschaute, findet gerade deshalb die römische Staatskunst ebenso wie
nach ihm Machiavelli besonders bewundernswert: »Den größten Vorzug«,
schreibt er (+VI, 56+), »scheint mir die römische Politik hinsichtlich
ihrer Religionsmaximen zu haben: und zwar giebt, wie mich dünkt, gerade die
Sache, welche man anderwärts tadelnswert findet, dem römischen Staat seine
Festigkeit, ich meine den Aberglauben. Denn dieser Punkt ist mit einer
solchen Wichtigkeit behandelt und dergestalt mit dem öffentlichen und
Privatleben verwebt, daß nichts darüber geht. Hierüber mögen sich nun
manche wundern: mir aber scheint dies um der Menge willen geschehen zu
sein. Wenn freilich der Staat ein Zusammentritt lauter Weiser wäre, so
hätte man dergleichen Mittel nicht nötig: nun aber die Menge immer
wetterwendisch ist und regellosen Begierden, unvernünftigen Leidenschaften
und stürmischen Aufregungen gehorcht, so bleibt nichts übrig, als sie durch
blinde Furcht und solches _Gaukelspiel_ im Zaum zu halten. Darum scheinen
mir die Alten den Glauben an die Götter und die Vorstellungen von der Hölle
keineswegs aus Unverstand und Unüberlegtheit der Menge eingeprägt zu haben,
vielmehr die Jetzigen ihn unverständig und unbesonnen zu verbannen.«
* * * * *
Diese politische Weisheit dürfte erstens fehlgreifen in ihrer
geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwüchsig aus dem
Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklärt. Sie
dürfte aber auch pragmatisch nur für Staatswesen zutreffen, die von
vornherein auf eine unnatürliche demokratische Grundlage gestellt sind und
deshalb unsichtbarer, trügerischer, im schlechtesten Sinne »politischer«
Mittel bedürfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, daß kein Staat
und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und daß
daher jeder vernünftige Politiker alle Art rein _negativer_ sog.
Volksaufklärung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch eine _rein
negative_ Aufklärung der _herrschenden_ Gruppen im Staate auf die Dauer
unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmöglich läßt sich durch
_Heuchelei_ der Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne
irgend welchen Glauben an Übersinnliches keine Moral. Der Moral bedürfen
auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur
die Forderung, daß die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem
voreiligen Bedürfnis nachgeben sollen, der nur für gröbere Vorstellungen
reifen Masse ihre wissenschaftlich geläuterte Weltanschauung einzuflößen.
Denn Einreißen ist leichter als Aufbauen.
Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende
Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwören
scheint.
Drittes Kapitel.
Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.
Dafür, daß wenigstens der _Glaube_ an die persönliche Unsterblichkeit aus
einer _allgemein menschlichen_ Prädisposition hervorgeht, scheint mir kaum
eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die
hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprägter Form bei den
nüchternen, so ganz auf das _Diesseits_ gerichteten Römern gespielt hat,
deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des
natürlichen und bürgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das
vorstehende Kapitel im Umriß zeichnete. Offenbar muß dieser Glaube, wenn
ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur
Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, eine
_sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft_ sein, eine Eigenschaft, die sich im
Kampf der Völker ums Dasein bewährt. -- Hängt nicht aber das Wort Wahrheit
sprachgeschichtlich mit _bewähren_ zusammen, und sollte nicht der Schluß
gerechtfertigt sein, daß ein Glaube, der sich praktisch für Völker und
Individuen als zweckmäßig bewährt, unmöglich eitel sein kann? Oder giebt es
auch _zweckmäßige_ Irrtümer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein
Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus
den Postulaten der _praktischen_ Vernunft sagen wollte.
_Genien_, _Laren_ oder _Manen_ und _Lemuren_ bezeichnen in der
lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustände des unsterblichen Teils der
menschlichen Individualität.
_Genius_ kommt von +gignere+ = zeugen. Genius ist der schon _vor_ der
Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und
damit zugleich das Göttliche und Unvergängliche im Individuum. Hören wir
darüber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrömischer
Religionskunde schöpfenden _Varro_: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei
Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem
animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewußtsein, drittens
dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewußtsein. Alle drei zeigen sich in
der menschlichen Natur vereinigt, nämlich die erste in den Nägeln, Haaren
und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack und Gefühl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im
Menschen +genius+, der das Leben _zeugende_, im Universum +deus+, Gott
heißt. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden,
insofern z. B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und
Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles
durchdringende Äther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere
emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt,
entsprechen.
Daß dies nicht pythagoräisch-platonische Philosopheme, sondern
echtrömische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen
Philosophen selber nur übernommene Sätze sind, ist leicht zu beweisen.
Der Genius, der sich, wie das transcendentale Ich du Prels nur teilweise in
die irdische Erscheinung versenkt, ist der Führer des persönlichen
Schicksals, das Instinktartige, Unbewußte im Menschen, daher +genius
fatalis+ oder auch direkt +fatum+ genannt. Vergl. +Horatius, epistol. II.
2, 178. Genius est deus, cujus in tutela ut quisque natus est vivit; hic
sive quod ut genamur curat sive quod una gignitur nobiscum sive etiam quod
nos genitos suscipit ac tuetur certe a gignendo genius appellatur
(Censorinus de die natali c. 3).+
Da er als transcendentaler göttlicher Teil über die irdische Erscheinung
hinausragt, genießt er auch seit urältester Zeit göttliche Verehrung. Bei
keiner festlichen Gelegenheit vergaß man, seinem Genius zu opfern. »Beim
Erntefest«, bezeugt Horaz (+Epist. II. 1, 40+) »opfert man dem mit den
Lebensjahren geizenden Genius und treibt fescenninische Späße«; letzteres,
da Genius zugleich die Bedeutung »zeugungskräftig« hat, weshalb auch bei
Hochzeiten dieselbe Sitte. Sein alljährlich wiederkehrendes Fest ist der
_Geburtstag_. An diesem brachte man ihm Opferschrot, Kuchen, Honig, Wein,
Weihrauch und Kränze, aber kein blutiges Opfer dar. Vor allem gedachte man
seiner, wie bemerkt, auch bei Hochzeiten, da als Zweck der Ehe die
Erzielung kongenialer Nachkommen galt; daher weihte man ihm das Brautbett,
das nach altherkömmlicher Sitte mit Togen im Atrium gebreitet und +lectus
_genialis_+ genannt wurde. Einer der heiligsten Schwüre war der beim
eigenen oder beim Genius einer geliebten Person. Der Jurist Ulpian bezeugt
ein kaiserliches Gesetz, das den, der in Geldsachen beim Genius des Kaisers
schwört und eidbrüchig wird, mit Stockschlägen bedroht.
Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem
Jahre verjüngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch
wird uns eine mehrfach verbürgte Erzählung vom Tode des Vaters der
Gracchen, als Muster römischer Gattenliebe verständlich. Jener erblickte
einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen
der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu töten, mit dem
Bemerken, wenn er die männliche töte, würde _er_, wenn er die weibliche
töte, seine Gattin, die berühmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er tötete
die männliche und starb bald darnach an einer plötzlichen Krankheit.
Cicero, der (+de divinatione+) diese Erzählung erwähnt, wirft allerdings
die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nicht _beide_ entgegen dem Rate
der Seher am Leben gelassen. Übrigens wurde der Genius auch als angehender
Jüngling, geflügelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen
oder einem Wachholderzweige dargestellt.
_Manen_, wohl nicht von +manere+ = bleiben, sondern von +manis+ = milde,
sind die frommen _guten Seelen_ der _Abgeschiedenen_, also die wieder mit
dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister.
Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus.
Darum wird auch ihnen göttliche Verehrung zu teil. »Wenn ich einst tot
bin«, schreibt Cornelia, die Tochter des großen Scipio, des eben erwähnten
Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, »so wirst du mir opfern
(+parentabis+) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann
nicht beschämen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch
lebte und gegenwärtig war, nicht beachtet und verschmäht hast?« (+Cornelius
Nepos fragm.+) Der berühmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus
lebte, Begründer der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat
eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift über die Manen und ihre
Verehrung verfaßt (+de diis, quibus origo animalis est+) d. h. über die in
göttliche Geister verwandelten Menschenseelen.
Die göttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem
Tode, wenigstens erst _nach_ der Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur
Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen
magischen oder »magnetischen« Zusammenhang der Seele mit der unreinen
Leiche zu lösen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Höhen
begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke
bestimmten Nebenraume des Vestibüls im römischen Hause aufgebahrt zu
halten. Während dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor
der Thür warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem
Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur
Brandstätte, -- Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose,
Regel, -- getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet
war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf
dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben möge,
»Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet,
Flammend sich vom Menschen scheidet
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.«
Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder,
Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thränen und
Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelöscht, in den Schooß
gesammelt, mit Milch abgespült, in einem reinen Leinentuche gelüftet, in
die Urne gelegt und nebst Thränenfläschchen, Weihrauch und Spezereien in
der Grabstätte beigesetzt. -- Nunmehr kehrte man nach Haus zurück, welches
inzwischen gründlich gefegt und gescheuert war, schritt über ein Feuer und
ließ sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der
große Wert, den die Römer, wie die Griechen, auf eine angemessene
Bestattung legten (+justa facere+), wird verständlich durch den Glauben,
daß die Seele vorher keine endgültige Ruhe finde; die Erde beherbergte
keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft
übergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der
Hinterbliebenen gefeiert, die sog. +feriae denicales+, zu dem selbst einem
Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die
Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern,
durch Anzündung von Räucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und
Bekränzung desselben mit Blumengewinden.
»Dieses Fest«, sagt Cicero (+de legibus II, 22+) »darf nur auf solche Tage
verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und
die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner großen
_Wichtigkeit und Heiligkeit_.«
Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein
allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild
unserer »Aller-Seelenfeier«. Allgemein brachte man an diesem Tage den
lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen genügsam. »Leicht versöhnt
sind die Seelen der Väter«, sagt Ovid (+Fast. II, 535+), »nur kleines
begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit
hingestreuten Kränzen, und gestreute Früchte und wenige Körner von Salz,
auch in Wein getränktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch größere
Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten
versöhnbar. Füge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die üblichen
Formeln hinzu.« -- »So lange dieses Fest währt (sechs Tage), so lange
weilt, ehelose Mädchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage,
verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen
Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Gräber. Auch verschließe
man die Tempel und verberge die Götter: von Weihrauch sollen deren Altäre
nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Denn jetzt irren umher
die luftigen Seelen: jetzt nähren sich die Schatten von dargebrachten
Speisen.« Man ging eben von der Überzeugung aus, _daß der Zusammenhang und
die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des
Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem höheren
Zustande empor zu steigen, der magischen Beihülfe ihrer hinterbliebenen
Angehörigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre
Gewissen beruhigten in dem Bewußtsein dadurch noch etwas für die
verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, daß die Seelen
der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer
Hinterbliebenen nähmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe,
hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nähe weilten_. Aus diesem Grunde
und da man zugleich annahm, daß die Reliquien und Überreste der Toten ein
magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die
Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in möglichster Nähe, auf
der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war
der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft
noch vertauscht werden; er stand im _Eigentum der Toten_. Der Verehrung der
Ahnen (+lares domestici+) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium
gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden.
An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht
ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd
gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein
solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung für das Glück des Hauses
die Ode von Horaz:
»Wenn du die Arme flehend zum Himmel hebst
Bei jungem Mondlicht, ländliche Phidyle,
Und fromm die Laren sühnst durch Weihrauch,
Heurige Frucht und ein rundes Ferklein,
Dann spürt des Südwinds giftigen Odem nicht
Der schwang're Rebstock, noch den verderblichen
Mehlthau die Saatflur; nicht das junge
Saugende Lamm die Beschwer der Obstzeit.
Der Opferstier, der kräftige Weide fand
Im Eichenforst am schneeigen Algidus,
Den Albas Grasflur üppig nährte,
Röthe mit blutig getroff'nem Nacken
Das Beil des Priesters. Aber für _Dich bedarfs
Nicht vielen Bluts unschuldiger Lämmer erst;
Nur Rosmarin und zarte Myrten
Winde den Göttern des Herds zum Kranze_!
Denn _deine_ Hand, die fromm den Altar berührt,
Versöhnt, auch arm an Gaben, wie köstlicher
Brandopfer Duft den Zorn der Götter,
Spendet sie knisterndes Salz und Mehl nur.«
* * * * *
Nichts ist abgeschmackter und unrichtiger, als wenn man hin und wieder
einen besser in der Geschichte der Juden, deren Pietätlosigkeit gegen Tote
so groß war, daß die Gelehrten noch nicht eins sind, ob das alte Testament
überall die Unsterblichkeit der Seele gelehrt habe, als in der des
klassischen Altertums bewanderten christlichen Geistlichen predigen hört,
wie z. B. Luther, von den »unseligen Heiden, die keinen Trost für des Todes
Bitterkeit wußten«. Umgekehrt ist es eine kulturgeschichtliche Thatsache,
daß die Pietät gegen die Hingeschiedenen zuerst durch die Christen, welche,
so uneinig sie auch über den Zustand der Seelen nach dem Tode
augenscheinlich gewesen sind, meistens dem aus persisch-pharisäischen
Vorstellungskreisen entnommenen Glauben an _fleischliche_ Auferstehung
anhingen und bis dahin einen sog. Seelenschlaf (+pannychie+) voraussetzten,
aus der Mode kam; den ersten Christen erschien der Manen- und Penatenkult
als _Abgötterei_. Der Tote wurde begraben und bald vergessen; vor allem
aber gab man den Zusammenhang mit den nicht christlich gewesenen und somit
ewiger Verdammnis verfallenen Ahnen auf, soweit nicht etwa stellenweise
griechische und römische Pietät, die auch das Dogma der sog. Höllenfahrt
Christi motiviert haben wird, den übrigens sehr zweifelhaften Ausweg
ergriffen haben mag, sich »über«, wie Luther schlecht übersetzt, richtiger
wohl »für« oder »im Namen« der Toten taufen zu lassen. (+Corinth. I. 15,
V. 29.+) Erst _später_ gab die römische Kirche dem im Volke nachhaltig
wurzelnden Glauben an einen unzerreißbaren Zusammenhang der Liebe zwischen
den Verstorbenen und Hinterbliebenen insoweit nach, als sie das
»Aller-Seelenfest« und die »Totenmessen« einführte. Es blieb aber jetzt die
_düstere_ Vorstellung von einem _qualvollen_ Zustande der abgeschiedenen
Seelen im Fegefeuer maßgebend, der durch diese kirchlichen Gnadenmittel
gemildert werden könnte. Immerhin hat die katholische Kirche durch diese,
kulturgeschichtlich an den alten Römerglauben anzuknüpfende Institution
einen das Gemüt sehr ansprechenden Vorzug vor dem Protestantismus, der den
Glauben an die Unsterblichkeit zu einer kalten Abstraktion verflüchtigt und
ebenfalls erst lange nach Luther, dessen grobsinnliche und wenig logische
Natur niemals zu einer ganz klaren Lehre über das Jenseits gelangte, wieder
in der Feier des sog. Totensonntags ein schwächliches Surrogat für die
Allerseelenfeier gesucht hat.
Die jetzt im Katholizismus vorherrschende düstere Auffassung des
jenseitigen Seelenzustandes war übrigens auch den Römern nicht fremd. Ihr
entspricht die dritte Klasse der Abgeschiedenen, der sog. _Lemuren_, d. h.
der friedlosen _Gespenster_, zu deren Beruhigung das Fest der Lemuralien
(vom 9. bis 13. Mai) gefeiert ward.
»Wenn schon Mitternacht ist und dem Schlafe Stille darbeut,« sagt Ovid
(+Fasten V. 430ff.+), »und der Hund und ihr mancherlei Vögel stille
schweigt, so erhebt sich, wer eingedenk des alten Brauchs und
gottesfürchtig ist: seine beiden Füße fesseln keine Bande. Er giebt Zeichen
mit den Fingern dicht angefügt, den Daumen in der Mitte, damit nicht ein
leichter Schatten, wenn er ruhig wäre, ihm entgegen käme. Dreimal bespritzt
er mit dem Wasser eines Gottes die reinen Hände, dreht sich um, und nimmt
in den Mund schwarze Bohnen. Er wirft sie umgedreht; aber während er wirft,
spricht er: das hier bringe ich: mit diesen Bohnen löse ich mich und die
Meinen. Das spricht er neunmal, nicht zurückschauend. Der Schatten, glaubt
man, lese sie auf und folge, wenn keiner zurückblickt. Darauf wieder
besprengt er sich mit Wasser, und schlägt klirrend temesäische Erze
zusammen, und fleht, daß der Schatten aus seiner Wohnung gehen möchte. Hat
er neunmal gesprochen: Geht heraus, ihr Männer der Väter! so blickt er
zurück, und hält die Opfer für heilig geendigt. Woher der Tag benannt ist,
und woher der Ursprung des Namens, weiß ich nicht. Von einem Gotte müssen
wir's erfahren. Du der Pleiade Erzeugter, belehre uns, ehrwürdig durch
deinen mächtigen Stab! Oft hast du den Königspalast des stygischen Zeus
gesehen. Erfleht erschien der Träger des Stabs: Vernimm die Ursach des
Namens! Von ihm selbst, dem Gotte, hab' ich die Ursache erfahren. Wie
Romulus die Schatten seines Bruders im Leichenhügel verborgen, und dem
unglücklichen Springer Remus das Todtenopfer vollendet, so besprengte der
unglückliche Faustulus und Acca mit fliegenden Haaren die verbrannten
Gebeine mit ihren Thränen. Drauf kehrten sie traurig beim Anfang der
Dämmerung nach Hause zurück, und legten sich in diesem Zustande nieder aufs
harte Lager. Remus blutiger Schatten schien vor dem Lager zu stehen, und
mit leisem Gemurmel diese Worte zu reden: Auf dann, sehet, was ich nun sei,
ich die Hälfte von euch und der andere Teil des Gelübdes; wie und wer ich
soeben war, während ich, hätte ich nur Vögel gesehen, die mir Herrschaft
verhießen, der größte in meinem Volke sein konnte. Jetzt bin ich entflohen
den Flammen des Scheiterhaufens, bin ein leeres Schattenbild. Das ist die
Gestalt von jenem Remus zurückgelassen. Ach! wo ist Vater Mars? wenn ihr
anders die Wahrheit geredet habt, und jener den Ausgesetzten die Euter
einer Wölfin vergönnte? Den eine Wölfin erhielt, den hat eine frevelnde
Hand eines Mitbürgers gemordet. O wie viel sanfter war _sie_? Wüthrich
Celer, unter Wunden gieb deinen grausamen Geist auf, und betritt, wie ich,
das Unterreich mit Blut befleckt! Das war der Wille meines Bruders nicht:
auch er besaß, wie ich, gleiche Liebe. Thränen, nur das vermocht er, vergoß
er um meinen Tod. Ihn fleht bei seinen Thränen, ihn bei eurer Erhaltung,
daß er feierlich mit festlicher Ehre den Tag auszeichne! Wie er den Auftrag
gab, wünschten sie ihn zu umfassen, und streckten aus die Arme. Den
greifenden Händen entfloh der flüchtige Schatten. Sobald das fliehende Bild
den Schlaf mit sich entführte, so berichten beide dem König den Befehl
seines Bruders. Romulus gehorchte und nannte den Tag Remuria, an dem den
begrabenen Ahnen Todtenopfer gebracht werden. Der harte Buchstabe, der
erste im ganzen Namen, ist in der langen Zeit in einen gelinden verändert
worden. Bald auch nannte man der Schweigenden Seelen Lemuren, das ist des
Wortes Sinn, das seine Bedeutung. Doch die Tempel verschlossen die Alten an
jenen Tagen, so wie man sie noch jetzt zur Leichenzeit verschlossen sieht.
Auch war dies nicht die Zeit schicklich zu fackeln einer Verwittweten noch
einem Mädchen. Lange lebte die nicht, die hier sich verhüllte. Darum sagt
auch der große Haufe: (wenn dir Sprichwörter gefallen): Schlechter Mädchen
Ehe fällt in den Monat Mai.«
* * * * *
Während Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der übrigen guten
Geister. Im übrigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des
_Orcus_, der auch Dis, Jupiter Stygius heißt, identisch mit dem Pluton der
Griechen. Dessen Gattin, von den späteren Dichtern mit Proserpina
identifiziert und gewöhnlich auch so genannt, hieß mit ihrem
altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur
Aufbewahrung aller zu Leichenbegängnissen erforderlichen Gerätschaften;
ihre Priester, die +libitinarii+ fungierten als Leichenführer, führten auch
das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der
Lustgöttin Venus identifiziert, so daß man von einer _Venus_ Libitina
liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode
und zur Zeugung erinnert.
Viertes Kapitel.
Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.
Noch heutzutage muß dem Nordländer, der Italien zum ersten Male bereist,
die große Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den
bösen Blick (+mal occhio+), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage,
Stunden, Zahlen u. s. w., und an bedeutsame symbolische Handlungen
auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends
werden, selbst von Angehörigen der sog. gebildeten Stände, besonders
freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u. s. w. getragen,
als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch
das Christentum einigermaßen gedämpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit
gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der _Bulla_ bei den
römischen Jünglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine
hohle, runde, inwendig mit magischen Präservativmitteln gegen Behexung und
Neid gefüllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die
ja ganz besonders dem Neid und bösen Blick ausgesetzt zu sein besorgen
mußten.
Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschäftes achtete man auf alle nur
erdenklichen Zeichen (+omina+), die man teils für günstig, teils für
ungünstig hielt. Da ein ungünstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht
beobachtet wurde, auch keine Bedeutung für ihn hatte, so pflegte der Römer
beim Opfer sich das Gesicht zu verhüllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und
beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u. s. w. einen
Flötenbläser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern.
So gingen dem Opferkönig und den Priestern Herolde (+praeclamitatores+)
vorauf, welche mit dem Rufe: +hoc age!+ »Habt Acht!« die Leute, bis der
Priester vorüber wäre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen
davon, daß die Arbeit an sich nicht zur Feier paßte, war die Einstellung
derselben nötig, weil bei vielen Beschäftigungen, z. B. beim Schlagen,
Hämmern und Sägen Mißtöne erzeugt werden konnten, die unheilkündend waren
und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank,
Scheltworte und Flüche. Darum ertönte auch vor jedem Opfer der Ruf des
Herolds: »Habet Acht auf Gedanken und Worte!«
Doch war glücklicher Weise die Zahl glückverheißender Omina nicht geringer,
als die der ungünstigen; und das Beste war, daß nach römischer Auffassung
die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte,
ein Zeichen anzunehmen (+accipio omen+) oder zurückzuweisen (+ad me non
pertinet+). So war z. B. das Niesen ein göttliches Zeichen. Der Römer
pflegte es sofort mit einem +accipio omen+ aufzunehmen. Ich bin überzeugt,
daß die Römer, hätten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von
ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung,
selbst bei Opfern und religiösen Handlungen Gebrauch gemacht haben würden.
Gewiß würde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich geführt haben.
Auch konnte man der sich zunächst aufdrängenden ungünstigen Bedeutung eine
passende günstige substituieren, die Kraft des bösen Zeichens brechen und
seine anscheinende Drohung in eine Verheißung verwandeln. Durch solche
Geistesgegenwart haben große Männer sich nicht selten zu Herren der
Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den
irgend ein anscheinend ungünstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein
Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z. B., daß Cäsar, als er an der
afrikanischen Küste aus dem Schiff springend zu Boden stürzte, die Worte
sprach: »Ich fasse Dich, Afrika!« Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn
einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom
Waffenblitz geblendet und vom Getöse scheu geworden auf die Seite sprang,
frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des
Betens gemacht.
Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen,
das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzählt
+Livius I, 45+ und Plinius (siehe folgende Seite!).
Kein Römer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner
Schrift über die Weissagung.
»O, unglaublicher Unsinn!« ruft er aus, »Wie kannst Du, wenn du darauf
achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben,
sondern die Vernunft zum Führer zu haben? -- Sollen wir bei unseren
Handlungen auf das Anstoßen des Fußes, auf das Zerreißen eines Fußriemens
und auf das Niesen Acht geben?« -- Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl
auch in den gebildeten Römern der späteren Zeit wurzelte, beweist nichts
mehr als die folgende Ausführung des Naturforschers Plinius, desselben, der
den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber
in seiner Naturgeschichte (+H. N. XXVIII, 3+) _über die Kraft symbolischer
Sprüche und Handlungen_ folgendes bemerkt:
»Es ist eine große und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und
Zaubersprüche eine Wirkung haben. Zwar die persönliche Überzeugung aller
Vernünftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder
Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hält man doch die
Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Götter ohne Gebet für
ungültig. Man hat obendrein besondere Formeln für Erforschungsopfer,
besondere für Abwendungsopfer, besondere für Erflehungsopfer, und wir
sahen, wie die höchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so daß einer
die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt
würde, ein zweiter als Hüter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein
dritter den Anwesenden gebieten mußte, daß sie auf ihre Worte Acht geben
sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut
vernehmen möchte; und man weiß von beiderlei Fällen merkwürdige Beispiele,
daß nämlich, so oft ein widerwärtiger Laut störend dazwischentönte oder der
Betende irr wurde, plötzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder
das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier
dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier,
des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das
Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im
Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) _Wasser im Sieb trug_; ja selbst unsere
Zeit hat es noch erlebt, daß auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine
Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun
hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer
liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fünfzehn dabei vorzusprechen
pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprüche, die durch eine
achthundertunddreißig-jährige Erfahrung bestätigt ist, nicht leugnen mögen.
Wir glauben noch heutzutage, daß unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven,
wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen
vermögen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, daß die Götter
Gebete erhören und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe
nicht mehr in Abrede stellen. Rücksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben
unsere Vorfahren stets nur diese Überzeugung gehegt, und sogar das
Schwerste nicht für unmöglich gehalten, nämlich Blitze zu entlocken, wie
seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch
seiner Annalen, der König Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den
Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen
versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze
erschlagen worden; viele andere melden, daß durch Worte das Schicksal
mächtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen
verändert zu werden vermögen. Als man z. B. den Grund zum Tarpeischen
Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der
berühmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte
geschickt hatte, dieses vortreffliche und glückliche Anzeichen durch die
zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinüberzuspielen. Er
beschrieb nämlich erst den Umriß des Tempels vor sich im Sande, und sprach
dann: 'Also hier, sagt ihr, Römer, hier soll der Tempel des besten und
höchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden': und die Annalen
behaupten einstimmig, daß das Anzeichen auf Etrurien übergegangen wäre,
hätten nicht die römischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus
gewarnt, geantwortet: 'Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der
Kopf gefunden worden.' Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das
thönerne Viergespann, welches für das Giebelfeld desselben Heiligtums
bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf
gleiche Weise für Rom gerettet. Dies möge genug sein, um durch Beispiele
darzuthun, daß die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist,
und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn
in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es für ausgemacht, daß weder
ein widerwärtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung für den
habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschäftes sagt, daß er es nicht
bemerkt habe: und dies ist eine der größten Wohlthaten der göttlichen
Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwölf Tafelgesetzen die Worte: wer
Früchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bösen
Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus führt glaubwürdige Gewährsmänner
dafür an, daß man bei der Bestürmung von Städten vor allem die
Schutzgottheiten durch die römischen Priester herauszubeschwören pflegte,
und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom
versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch
erhalten, auch ist bekannt, daß eben darum die Schutzgottheit Roms
verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen
werden möchte. Der Furcht, durch Verwünschungen behext werden zu können,
entschlägt sich niemand: Beweis dafür ist, daß jedermann die Schalen der
Eier und Austern, die er ausgeschlürft hat, sogleich zerbricht oder mit dem
Löffel durchstößt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt
Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele
glauben, daß man auf diese Weise Töpferwaren bersten machen kann, etliche
sogar, daß die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden
verstünden, welches die einzige Verstandesäußerung dieser Tiere sei, und
daß sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst während
der Nachtruhe. Auch Wände werden _durch Besprechung des Feuers demselben
zur Grenze gesetzt_. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die
schwerauszusprechenden fremden Wörter oder die seltsamen lateinischen dem
Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lächerlich
zu finden, während man etwas Großartiges erwartet, das da würdig wäre,
einen Gott zu rühren, ja zu nötigen. Homer erzählt, wie Odysseus das
rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe;
Theophrast lehrt, daß sich das Hüftweh damit heilen lasse; Cato hat einen
Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen
gegen das Podagra; der Diktator Cäsar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen
gefährlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch
dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise
eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir
wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persönliche Bewußtsein
eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nämlich den ersten Tag des
Jahres durch gegenseitige Glückwünschungen ein? warum wählen wir bei
öffentlichen Sühnopfern sogar zu Führern der Schlachtopfer nur solche,
welche glückbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den
Behexungen durch einen ganz eigentümlichen Gottesdienst, indem man die
griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem
Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch
ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, daß man ihr
Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, daß die ungeraden
Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem
Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies
sei altes, wir möchten neues? warum wünschen wir beim Niesen Wohlsein? was
auch Cäsar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war,
im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es für besser, wenn
man beim Grüßen den Namen dazu sage. Es wird angenommen, daß sogar die
Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spüren, wenn von ihnen gesprochen
wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl
zwei spreche, so sei er gebannt und könne nicht stechen. -- --
Es ist ferner offenbar, daß auch viele ceremoniöse Handlungen von
Wirksamkeit sind. Einer besänftigt die Herzensangst, indem er Speichel
hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heißt uns, wenn wir jemand
wohlwollen, den Daumen drücken: beim Beten legen wir die Rechte an den
Mund und drehen uns mit dem ganzen Körper herum: das Wetterleuchten durch
den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei
zusammengedrückten Lippen entsteht, ist übereinstimmende Sitte der Völker.
Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so gießt man, um die
Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren,
während ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell
wegzutragen, während er trinkt, wird für eine sehr schlimme Vorbedeutung
gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine
Abhandlung darüber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll:
denn noch zählte man nicht mehr Tische als Gäste. Sodann gilt es für ein
widerwärtiges Anzeichen, ein Gerücht oder den Tisch durch Niesen
zurückzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder überhaupt
gar nichts ißt. Diese Gebräuche schreiben sich aus einer Zeit her, welche
die Götter bei jedem Geschäft und zu jeder Stunde gegenwärtig glaubte, und
deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gnädig erhält.
Wenn die Tafel plötzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, außer bei
gleicher Zahl der Gäste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der
daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls
wieder über die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen,
daran blasen; ja es sind eigens dafür Augurien eingerichtet, bei welchen
Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwünschtesten gehört
es z. B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfährt. Etwa
das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen,
fordert Sühne. -- -- Ein ländliches Gesetz verbietet auf den meisten
italienischen Landgütern, daß die Weiber, wenn sie über die Straße gehen,
die Spindel nicht drehen und überhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil
dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrüchten, zuwider
ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn
er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand
anderes sie ihm ankündigte, die zwei griechischen Buchstaben %P% und %A%
auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den
Hals zu hängen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nämliche mit einer
lebendigen Mücke in einem weißen Stückchen Leinwand vor, und sie rühmten
beide, daß dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprüche gegen den
Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschäden, deren
manche bewährt sind: aber sie mitzuteilen hält uns eine starke Scheu ab
wegen der großen Verschiedenheit der Ansichten. _Darum halte es mit diesen
Dingen ein jeder nach seinem Gutdünken!_«
Fünftes Kapitel.
Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.
Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber
genötigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und
Prophetenkünste Rechnung zu tragen. Während aber in Griechenland vielfach
ein unabhängiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen
Einfluß auf die Politik erlangte, so daß gerade die hervorragendsten
Staatsmänner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener
Opposition gegen den religiösen Glauben der Menge und durch Verdächtigung
des Orakels, dem z. B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke
behaupten konnten, hat es die römische Staatskunst verstanden, das gesamte
Orakel- und Zeichenwesen schließlich zu einem gefügigen Werkzeug ihrer
eigenen Zwecke herabzudrücken. Alle mit der Überwachung desselben betrauten
Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der
sibyllinischen Bücher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen
hatten großen Einfluß auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine
von der Staatsbehörde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu
treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte
jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein
vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der
Auguren gehörte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene
Beobachtung band ihn nicht.
Alles in Allem, die römische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und
das »Recht« der Vorzeichen, -- dem Römer gestaltet sich alles zum _Recht_,
-- so einzurichten, daß nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen
den Menschen untergeben waren.
Diese Bemerkung muß den »Occultismus« der Römer in den Augen des modernen,
gläubigen »Occultisten« degradieren, in demselben Grade, in dem sie die
Staatsklugheit der Römer in den Augen des Politikers erhöht. Allein ich
darf ihre Schärfe dadurch abstumpfen, daß ich zugebe, in der älteren Zeit,
in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum
des Römers, das bei ihm schließlich geradezu, wie v. Ihering sagt, an
Stelle der Religion trat, noch nicht zum völligen Durchbruch gelangt war,
muß selbstverständlich die Sache anders gelegen haben. »Jene Augurenkunst
des Romulus«, dies giebt sogar der feine Spötter Cicero zu, »war ländlich,
nicht politisch und nicht erdichtet für den Glauben des Pöbels, sondern von
Kundigen empfangen und den Nachkommen überliefert.« Darum bleibt dies ganze
Gebiet nicht nur für den eigentlichen »Occultisten«, sondern auch für den
Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist,
die Divination überhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten,
den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung überall bedeutsame
Zeichen der Götter zu wittern, so rätselhaft bleiben doch die besonderen
Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche
dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht.
Das eigentliche _Orakelwesen_, meint +Mommsen, röm. Geschichte I, 177+, sei
nach Latium erst durch die Griechen eingeführt. »Die Sprache der römischen
Götter beschränkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und höchstens auf die
Darlegung ihres Willens durch das -- wie es scheint, ursprünglich italische
-- _Werfen der Loose_[631]; während seit sehr alter Zeit, wenngleich
dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die
redseligeren Griechengötter wirkliche Wahlsprüche erteilten.«
Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in
Präneste, während sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo
das Bildnis dieser Göttin -- +o diva, gratum quae regis Antium+, singt
Horaz, -- auf Fragen nickend antwortete.
Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der
übrigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb,
weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos
echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde
die Beinamen +fatuus+ und +fatua+[632] trugen, nach römischer Auffassung
die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die
Standpunkte der altitalischen Orakel in Wäldern. Eines der ältesten und
berühmtesten dieser Orakel war dasjenige zu _Tibur_, dem heutigen Tivoli.
+Vergil, Aeneis VII, 85ff.+ beschreibt die hier übliche Methode der
Wahrsagung in folgenden Versen:
»Aber der König erschrak, ob der Schau, _und zu Faunus Orakel_
Geht er und forscht in den Hainen _des schicksalredenden Vaters_,
An der Albunea Schlund, die groß vor den Nymphen der Wälder,
_Rauscht_ mit _heiligem Quell_ und _dumpf mephitischen Dunst haucht_,
Wo der Italer Stämm' und rings die önotrischen Lande,
Wankend in Not, Antworten erspähn. Wenn Gaben der Priester
Dartrug und _in der Stille der Nacht_ auf geopferter Schafe
Ausgebreitete Vließ hinsank und pflegte des _Schlummers_,
Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung,
Und er vernimmt vielfaches Getön und hält mit den Göttern
Hehres Gespräch und redet zum Acheron tief im Avernus.«
Daß es sich hier um _somnambule_ Zustände handelte, ist unzweifelhaft; der
Befragende, wie der Priester, mußte sich vorher des Fleischgenusses und des
Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein
schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere
Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt
dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vließ des Schafes zur
Nachtzeit in der Nähe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der
betäubenden (mephitischen) Bodenausdünstung nieder, um somnambule Träume zu
erlangen.
Ein anderes seit der Urzeit berühmtes Orakel war zu _Cumae_, wo der Gott
sich durch eine alte aber jungfräuliche Frau, die Sibylle, offenbarte,
welche übrigens ihre Verkündungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin
in Delfi mündlich, sondern schriftlich überlieferte. Dieses beschreibt
ebenfalls Vergil (+Aeneis III, 441ff.+):
»Wenn hierher du gelangt der kumäischen Stadt dich genähert,
Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus,
Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft
Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet.
Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau,
Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen.
Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung.
Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel
Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte,
Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen,
Noch zu erneuern die Lag' und die Sprüche zu einigen, sorgt sie.
Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle.«
* * * * *
Vorzugsweise auf eine Cumäische Sibylle Amalthea führte man die Orakel
zurück, die der römische Senat als »_sibyllinische Weissagungen_«
aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der
Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun
Bücher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich
auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bücher
verbrannt haben, bis schließlich der König die drei übrig gebliebenen aus
ihren Händen nahm, worauf sie auf unerklärliche Weise vor seinen Augen
verschwand. -- Einzelne der in den sibyllinischen Büchern überlieferten
Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur
hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen
Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden.
Die sog. _sibyllinischen Bücher_ verwahrte man bis zum Jahre 670 im
Erdgeschoß des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und
Ausdeutung derselben wurde in frühester Zeit ein eigenes nur den Augurn und
Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverständigen
(+duoviri sacris faciundis+) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre
mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald
aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue,
gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mißbrauch, der mit den
übrigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Büchern getrieben
wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben
sämtlich dem städtischen Prätor auszuliefern, er ließ dann 2000 für unecht
erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schränken im
Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frühern +duoviri s. f.+
eine neue Kommission von fünfzehn Männern ein, um sie zu beaufsichtigen.
Die zwei Priester, die früher, und die Fünfzehner, die seit Augustus die
Obhut über die sibyllinischen Bücher hatten, durften nur auf Befehl des
Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen
und dem Volke keine Orakel eigenmächtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr
und Not, zumal wenn ungewöhnliche Zeichen die Gemüter aufregten, nahm man
zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine
Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern ließ man, indem man nach
einiger ceremoniöser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl öffnete,
den Zufall walten, wobei es natürlich immer möglich blieb, das zufällig
entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle
Orakel, unbestimmt genug abgefaßt, um so ziemlich auf alle Fälle zu passen.
Übrigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer
schließlichen Rückkehr zum Anfangszustande (+apocatastasis+), die sich
ebensowohl in den Bewegungen der Weltkörper wie in dem Zustande der
Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen
die Prophezeiung sich gefunden haben, daß einem aus Judäa Kommenden die
Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvätern
auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur
eine sibyllinische Weissagung in den Versen:
»Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf,
Goldenes Alter kehret zurück, es kehret die Jungfrau,
Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel«,
Verse, die ja ebenfalls frühzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene
neue Weltperiode gedeutet worden sind.
Übrigens wandte man sich auch frühzeitig an den _delfischen_ Apollo;
italische Städte wie Spina und Cäre hatten im delfischen Heiligtum wie
viele andere mit demselben in regelmäßigem Verkehr stehende Gemeinden ihre
eigenen Schatzhäuser. Außerdem zeugt dafür die frühe Aufnahme des mit dem
delfischen Orakel eng zusammenhängenden griechischen Wortes +thesaurus+ in
die lateinische Sprache und die älteste römische Form des Namens Apollon
Aperta, der Eröffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen
Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrät.
Sechstes Kapitel.
Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.
Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der _Himmelsvater_, der
Beherrscher der Atmosphäre, der höchste Gott und Lenker aller irdischen
Geschicke war, so wird es begreiflich, daß sie den Erscheinungen des
Luftraums die größte Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubten, weil sie
nun einmal von dem Glauben beseelt waren, daß der Gott ihnen seinen Willen
durch Zeichen kundgeben wolle. Erklärlich wird es daher auch, daß die
Segler der Lüfte, die Vögel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses
höchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen
Phänomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die häufigsten
Träger der göttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. +Denominatio fit a
potiori.+ Man nannte jedes Himmelszeichen +auspicium+, wenn es sich
ungesucht darbot, +augurium+, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten
war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit +avis+ = der Vogel. +Avis+
wurde geradezu mit +omen+ gleichbedeutend gebracht. -- Diesen Brauch, der
offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurückreicht, in der Italiker und
Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir
bereits bei den Homerischen Griechen; und daß es schon damals im edelsten
Sinne _starke Geister_ gab, die diese Superstition verachteten, beweisen
die unsterblichen Worte Hektors (+Ilias XII, 236-243+):
»Du hingegen ermahnst, den weitgeflügelten Vögeln
Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,
Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne,
Oder auch links dorthin zum nächtlichen Dunkel gewendet.
Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschluß,
Der die Sterblichen all' und die ewigen Götter beherrschet!
_Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!_«
Wörtlich heißt hier der letzte berühmte Vers im Griechischen:
%heis oiônos aristos machein peri patridos aiês%.
d. h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kämpfen für den
vaterländischen Boden! Voß, dessen Übersetzung ich citiere, hat eben von
der schon im Griechischen üblichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung
Gebrauch gemacht.
Bei den Römern scheint dieser starke Geist Hektors anfänglich nicht
geherrscht zu haben und erst allmählich und zwar, wie wir bereits im
vierten Kapitel zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu
sein. Der römische Staat hatte im Priesterkollegium der _Auguren_
öffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit,
als »Ausleger und Verkündiger des höchsten Jupiters« alle Arten von
Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vögel zu beobachten hatten.
Auf den ersten Blick muß die Macht dieser Priester sehr groß erscheinen, da
weder in inneren noch in äußeren Angelegenheiten irgend etwas ohne die
Bestätigung ihrer Zeichen vollführt werden durfte, und sie jedem Beginnen
die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den _Auspicien_ jemandes
fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewöhnlich ist, geradezu
gleichbedeutend wurde mit »in jemandes Diensten stehen«. Cicero (+de leg.
II, 8 und 12+) sagt von ihnen: »Es müssen zwei Arten von Priestern
vorhanden sein, die eine für den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der
vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des höchsten und
besten Jupiters, die öffentlichen _Auguren_, sollen in Zeichen und
Vorbedeutungen das Zukünftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester,
Felder und Wälder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im
Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankündigen, und diese ihnen
gehorchen, vorhersehen, was die Götter erzürnt, und demselben begegnen, des
Himmels Blitze nach abgemessenen Räumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel
ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur für unrecht, sündhaft,
fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungültig und nichtig
sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig.« -- »Groß und herrlich
ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einfluß begabt
ist. Denn was ist höher, als Versammlungen, die von den höchsten Gewalten
im Heere und den höchsten Mächten im Staate angeordnet sind, während ihrer
Dauer auflösen oder nach ihrer Schließung verwerfen? Was ist würdevoller
als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs
'Ein ander Mal!' Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, daß Konsuln
ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu
Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebühr
beantragtes Gesetz ungültig machen zu können?«
* * * * *
Der Glaube der _alten_ Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so
unerschütterlich, daß sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht
glücklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung
voraussetzten. Oft mußten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall
begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (+nova auspicia captare+), nach
Rom zurückkehren.
Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft.
Über ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied städtische
und ländliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des +pomoeriums+
vorgenommen, d. h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der
uralten Form der Städtegründung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die
städtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des
Kapitols, der ein für allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog.
+auguraculum+, vorgenommen. -- Nur Feldherrn durften außerhalb des
Stadtkreises sog. ländliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mußte der
Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man +templum+ nannte.
Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung
seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die Äußerung des Servius:
»Andere verstehen unter +templum+ nicht bloß einen verschließbaren, sondern
auch einen mit Pfählen oder Spießen und dergleichen abgesteckten und mit
Fellen oder etwas Ähnlichem verhängten Raum, der durch Spruchformeln
geweiht ist (+ecfatus+). Mehr als _einen_ Ausgang darf derselbe nicht
haben, weil dort der Auspicierende sich lagern muß.« Man wählte dafür am
liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der
weiten Aussicht +tesca+ (von +tueri+) nannte.
Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des
_Krummstabes_ (+lituus+)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den
katholischen Bischöfen geführten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich
zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhüllt, wendete der Augur
zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von
Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte
hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nördlich dieser Linie
lag, nannte er die linke, was südlich, die rechte Seite. In den meisten
Fällen galten die Vögel, die von rechts kamen, für günstige (+dextra
auspicia prospera+). Doch kam es auch auf die Gattung an; z. B. gewährte
die Krähe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam,
Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von
rechts kam.
Übrigens beobachtete man nicht nur den _Flug_ der Vögel, sondern auch das
Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen _heiligen Hühner_.
Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (+H. N. X. 21+): »Sie
sind es, welche unsere Beamten alltäglich regieren, und ihnen ihre
Behausungen verschließen oder aufriegeln, die die römischen Fasces
antreiben oder zurückhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die
Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind
es, die den Gebietern dieser Welt gebieten.« -- Wir haben freilich schon
angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hühner
wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist.
Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer
Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hühner wollten nicht fressen, diese
mit der Bemerkung, nun so mögen sie saufen, ins Meer werfen ließ, keine
Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in
seiner Hand zu haben. Dasselbe war günstig, wenn die Hühner recht hurtig
aus dem Käfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig über das
Fressen herfielen, daß ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zähen Breies
(+puls+) aus den Schnäbeln fielen.
Cicero, _der selber Augur war_, schreibt über die Auspicien in seinem Buche
über die Weissagung (+de divinatione II, 33+): »Doch sehen wir zuerst die
Auspicien. Ein schwer zu bekämpfender Punkt für einen Augur. Für einen
Marsischen vielleicht; aber für einen Römischen äußerst leicht. Denn wir
sind nicht Auguren der Art, daß wir aus der Beobachtung der Vögel und
sonstigen Zeichen die Zukunft verkündigten. Wiewohl ich dennoch glaube,
Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, daß
es für das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, -- denn das
Altertum hat in vielen Punkten geirrt, -- die wir jetzt teils durch
Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verändert sehen. Es
wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Vorteil des Staats Brauch,
Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Würde des Kollegiums
beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius höchst
strafwürdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie hätten der
Regierung gehorchen sollen und die väterliche Sitte nicht so hartnäckig
verschmähen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und
der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht;
er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr später gehorchte
Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen?
Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren
wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien,
Auspicien auf keine Weise.
'O, Fabius, ich begehre, daß du mir auspicieren helfest.' Er antwortet:
'Ich hab's gehört.' Hierzu wurde bei unsern Vätern ein Sachverständiger
genommen, jetzt ein jeder. Notwendig muß aber der ein Sachverständiger
sein, der wissen will, was +Silentium+ ist. Denn +Silentium+ nennen wir bei
den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Dieß zu verstehen
ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem,
der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: 'Sage, ob dir
+Silentium+ vorhanden zu sein scheint?' so sieht dieser weder rechts noch
links, und antwortet sogleich: Es scheine +Silentium+ vorhanden zu sein.
Darauf spricht jener: 'Sage, ob die Vögel fressen?' 'Sie fressen?' Welche
Vögel? oder wo? Es hat, heißt es, in einem Käfig Hühner gebracht der Mann,
der davon der Hühnermann (+pullarius+) heißt. Diese Vögel sind also die
Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Für die
Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß ihnen
etwas aus dem Maul fällt und auf die Erde schlägt, +terram pavire+, so hat
man dies zuerst +Terripavium+, hierauf +Terripudium+ genannt, und das heißt
jetzo +Tripudium+. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fällt, so
verkündigen sie dem Auspicierenden das +Tripudium faustissimum+.«
»Kann nun ein solches Auspicium etwas göttliches haben, das so erzwungen
und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient,
dafür ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, daß jeder
Vogel ein Tripudium machen könne. Dann wäre es also wohl ein Auspicium,
wenn es ihm frei stünde, sich anzuzeichen: dann könnte jener Vogel
Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen
Käfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmächtig, auf die Mußbrocken stürzt,
und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspicium,
oder glaubst du, daß Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe?
Glaubst du nicht, daß diejenigen, welche auspicierten, auch die
Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hühnermann. Der
sagt ihnen Antwort.«
* * * * *
Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in
Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die
_Opferschauer_ oder +haruspices+.
Es scheint, daß das +haruspicium+ nach Rom von den Etruskern eingeführt
worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim
Opfern auch bei vielen asiatischen Völkern und bei den Griechen bestanden
hat. Jedenfalls beweist der Umstand, daß die Haruspices gedungene Ausländer
waren, daß es sich um eine nicht ursprünglich nationale Übung handelte.
Die Römer wollten eben nichts entbehren, was in Fällen der Not von
Bedeutung sein konnte. Übrigens soll schon der ältere Cato, ein Mann von
sonst streng religiöser Gesinnung geäußert haben, er wundere sich, wie ein
Haruspex den andern ohne Lachen ansehen könne. Erwähnung verdient auch ein
von Cicero überliefertes Wort Hannibals; als der König Prusias, bei dem
Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat
günstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil »die Eingeweide es
verböten«, sagte er: »Willst du einem Stückchen Kalbfleisch lieber als
einem ergrauten Feldherrn glauben?« -- Ungeachtet aller Aufklärung und
alles Gespöttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im römischen
Heere; Cäsar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten
Haruspex gewarnt, im Bürgerkriege gegen Pompejus nach Afrika über. Während
desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt
seinem Bruder: »In diesem Bürgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles
trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat
man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und
Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzählen und es ist auch nicht nötig,
am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, daß alles den
entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen.«
* * * * *
Interessant ist es schließlich noch, auf die Beobachtung der _Blitze_ zu
kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen
des Seneca (+quaest. nat. 49+) müssen wir folgern, daß bereits die alten
_Etrusker_, die Lehrmeister der Römer in dieser Art von Auspicien, es
verstanden haben, _durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische
Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen_. Sonderbarerweise
taucht hier der Jahrtausende später in der Geschichte der
Elektrizitätslehre so berühmt gewordene Name _Volta_ -- die Geschichte
macht manchmal derartige Witze, -- zum erstenmale auf. Plinius berichtet
nämlich über diese Sache folgende (+H. N. II, 54+): »In den Annalen wird
berichtet, daß man durch gewisse Ceremonien und Sprüche den Blitz
erzwingen oder entlocken könne. Es ist eine alte Sage Etruriens, daß man
ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens _Volta_, nach Verheerung des
Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom
König Porsenna herabgezogen worden und vor diesem öfters durch Numa, wie L.
Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als
er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen
worden. Wir haben ferner Haine, Altäre und Ceremonien, in denen man neben
einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen _Elicius_ genannt
hört.« Feretrius ist der _einschlagende_ Jupiter, Elicius der
herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz.
Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (+Fast. III, 325ff.+) in
folgender Weise: »Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren
dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die
Wipfel des aventinischen Waldes, so erzählt man allgemein, zitterten, und
niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Königs Herz klopft,
blutlos wird seine ganze Brust, und sträubend starren die Haare. Sobald
sein Mut wiederkehrte, sprach er: '_König und Vater der erhabenen Götter,
entdecke sichere Versöhnungsmittel deines Blitzes_, wenn wir immer mit
heiligen Händen die dir geweihten Altäre berührt haben, und wenn auch das,
was ich wünsche, geheiligt meine Zunge fleht!' Durch Wink versprach er's
dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und
schreckte durch schwankenden Ausspruch den König. 'Einen Kopf haue ab',
sprach er. Und ihm erwiderte der König: 'Ich will gehorchen: Ein
Zwiebelkopf aus meinen Gärten gegraben, soll abgehauen werden.' Jener
setzte hinzu: 'Von einem Menschen!' Und er erwiderte ihm: 'das oberste
Haupthaar.' Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: 'die eines
Fisches.' Er lachte und sprach: 'Damit versühne, o Mann, würdig der
Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der
Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir
sichere Pfänder eurer Herrschaft senden.' _Sprachs, und oben der Äther
wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschüttert_; und nun verließ er den
betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzählt den Quiriten den
Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzählung. 'Wahrlich
glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfüllung begleitet.'
Siehe, höre wer da ist, was morgen geschieht. _Wenn der Gott von Cynthos
ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere
Pfänder unserer Herrschaft senden._ Voller Zweifel gehen sie heim, und
zögernd dünkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hängt die
Gewißheit der Rede ab. Noch weich und vom Frühthau bereift war die Erde,
als vor seines Königs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte
sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzählbar standen die Männer
um ihn stillschweigend. Soeben erschien am äußersten Rande Phöbus, und
schon zagten von Hoffnung und Furcht geängstigt ihre Seelen. _Er erhub
sich, und das Haupt umhüllt mit schneeweißer Hülle, reckte er empor seine
Hände, die die Götter schon kannten_, und rief nun also: '_Es ist gekommen
die Zeit des verheißenen Geschenkes: gewähre Jupiter deiner Rede die
versprochene Wahrheit!_' Indeß er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze
Scheibe aufgetaucht, und es _ertönte von der Axe des Äthers ein furchtbares
Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewölbe, dreimal loderten
Blitze. Glaubet meiner Erzählung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene
Wunder._«
* * * * *
Wenn man also nicht entweder an thatsächliche Wettermagie (Wetterhexen
usw.) glauben, oder annehmen kann, daß jene Berichte der Annalen auf leeren
Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, daß den alten Etruskern und
den in deren Geheimlehre eingeweihten römischen Priestern auf Grund
zufälliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phänomene bekannt
gewesen sind, wie sie später einen Franklin zur Erfindung des
Blitzableiters führten. Diese geringen Keime wirklicher
naturwissenschaftlicher Kenntnis können sich sehr wohl mit einem System des
rohsten Aberglaubens verquickt haben, so daß die Praktiker jener einfachen
Manipulationen selber ihre Wirksamkeit für eine magische ansahen und den
dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso große Bedeutung beilegten,
wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt
sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was
war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein
sonderbares Gemisch wüster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen
zufällig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung.
Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag,
daß uns nichts Genaueres über die Methode des Blitzableitens der Alten
überliefert ist, so würde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man
im übrigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den
Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker _zwölferlei_ verschiedene
Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (+naturales quaestiones
II, 41+): »Die Etrusker legen dem Jupiter _dreierlei_ Blitze bei; die erste
Gattung warne und sei gnädig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die
zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschluß seines Staatsrats (+ex
consilii sententia+), indem er die zwölf Götter berufe, und dieselbe fromme
zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach
Befragung der sog. _höheren_ oder _verhüllten_ Mächte, und dieselbe
verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der
Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen.«
* * * * *
Es geht übrigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius,
Festus, Ammianus) hervor, daß die Blitze, welche die Etrusker in ihrer
Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, daß
sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, plötzliche Lähmungen oder
Schlagflüsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben.
Die Römer hatten von den zwölferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei
oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten --
Nacht, Tag und Zwielicht -- bestimmt wurde.
Alle Gegenstände, die vom Blitze berührt waren, galten als heilig. Vom
Blitze getroffenes Erdreich faßte der Pontifex zusammen (+ignes
colligere+), verbarg es unter Flüstern gewisser Gebetsformeln unter dem
Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte,
ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (+fulgur condere+). Man umgab dann
den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu
opfern; der Ort, der +puteal+ genannt wurde, durfte nicht überdacht werden.
Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwühle, werde von den
Göttern mit Wahnsinn gestraft werden.
Wenn Bäume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man
Sorge, daß sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwähnte
Feigenbaum, +ficus ruminalis+, auf dem Forum. »Wenn dieser Baum verdorrt«,
sagt Plinius, »so tragen die Priester immer wieder Sorge, daß er erneuert
wird.«[634]
Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen
Hügel. Wenn jemand bemerkte, daß derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so
brauchte er nur »Wasser« zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die
es vernommen hatten, mit Gefäßen herbei, um ihn zu begießen.[635]
War gar ein Mensch vom Blitze berührt worden ohne getötet zu werden, so
galt er als ganz besonderer Liebling der Götter; wurde er aber getötet, so
durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie
wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt.
Achtes Buch.
Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.