2. Das Gute für den Menschen ist die Tugend, und die menschliche Tugend ist
die vollkommene Beschaffenheit des Menschen.
3. Die Tugend des Menschen ist Tugend durch die Parusie der göttlichen
Tugend; vollkommen ist nur diese, die menschliche aber nicht.
4. Der Mensch ist Eins, wie Gott Eins ist, sein Leib ist die Erscheinung
seiner Seele, wie die sichtbare Welt die Erscheinung der Gottheit ist. (An
diesem »Monismus« der Seelenlehre Platons, als seine esoterische Theorie
hält Niemann im Gegensatz zu dem seiner Ansicht nach mehr exoterisch
geschriebenen Dialog Phädons hauptsächlich unter Berufung auf den oben
erwähnten Dialog: Parmenides fest.)
5. Die Seele des Menschen ist ohne Anfang und kehrt, je nach ihrer größeren
oder geringeren Vollkommenheit in bestimmten Zwischenräumen in menschlichen
Körpern auf Erden wieder, während ihr in den Zwischenräumen der Anblick des
Seienden, der idealen Tugend vergönnt wird.
6. Das menschliche Bewußtsein ist ein Zustand der Erinnerung an das Seiende
und wird geweckt durch den Anblick der Erscheinungen im Himmel (Gestirne)
und auf Erden, die ein Spiegelbild des Seienden sind.
7. Die Gottheit vernachlässigt und versäumt nichts, sie sorgt für das
Kleine wie für das Große und bringt die Seelen der Menschen immer an den
für sie geeigneten Platz.
Niemann schließt dieses Resümé mit der Bemerkung: »Anders, als in solcher
Allgemeinheit über Platos Philosophie zu reden, ist unmöglich für jeden,
der nicht mit Sehergabe ausgerüstet seine Schriften liest. Denn die
wichtigsten und entscheidenden Stellen sind stets nur den 'Bacchen'
verständlich gewesen; sie bilden offenbar eine _Geheimlehre_.«
Zehntes Kapitel.
Aristoteles.
Die Fachphilosophie ist immer noch geneigt, in Aristoteles den
vollendetsten Vertreter des griechischen Denkertums zu erblicken. Diesem
Urteil können wir unmöglich beipflichten. Aristoteles war lediglich im
vollkommensten Sinne das, was man einen Polyhistor oder Vielwisser nennt;
wenn man will, ein _Universal-Gelehrter_, auf keinen Fall aber ein
Universalgenie. Seine Belesenheit ist eine erstaunliche, und schon Plato
soll ihm den Beinamen »der Leser« gegeben haben. Für uns liegt aber darin,
daß wir durch Aristoteles indirekt die Lehren der früheren griechischen
Denker kennen lernen können, da er nach der Art eines gründlichen Gelehrten
die ihm im weitesten Sinne zugänglich gewesene Litteratur verwertet hat,
seine beste Seite. Seine eigenen Lehren, obwohl wir ihnen ein gewisses Maß
methodischer Schärfe und Gründlichkeit nicht absprechen wollen und können,
sind in wichtigen Punkten nichts weniger als klar und originell.
Andererseits hat aber bekanntlich der in ihnen vorwaltende rein formell
logische Charakter nicht wenig zur Begründung der Scholastik beigetragen,
mit deren letzten Resten erst unsere modernste Ära aufgeräumt hat;
beispielsweise kleben dem großen Philosophen Kant die scholastischen
Eierschalen noch in einem solchen Grade an, daß Schiller bei demselben (in
einem Briefe an Körner) nicht mit Unrecht etwas »Mönchisches« konstatieren
konnte. Die Morgenröte der modernen Zeit, die Renaissance, begann daher mit
einem heftigen Kampfe gegen die wissenschaftliche Autorität des
Aristoteles. Das Mittelalter kannte eben von den gesamten Denkarbeiten des
Altertums kaum etwas Anderes als die Schriften des Aristoteles. Ein Plato
wurde erst durch die byzantinischen Gelehrten, welche nach der Eroberung
Konstantinopels ihre Zuflucht in Italien suchten und damit den ersten
Anstoß zur Renaissance d. h. zur Wiedergeburt der Wissenschaft und Kunst
gaben, im vollen Umfange bekannt. Besonders war es Georgios Gemistos
(Plethon), der den Neuplatonismus und damit eine erste prinzipielle
Gegnerschaft gegen den Aristotelismus des Mittelalters wiedererweckte. Der
erste bedeutende Platoniker des Abendlandes erstand dann in Marsilius
Ficinus. Bei den Scholastikern ging die Vergötterung des Aristoteles in der
That ins Unglaubliche; jeder Zweifel an seine Allwissenheit galt geradezu
als +crimen laesae majestatis+. Die Werke des Aristoteles und noch dazu in
ihrer unkritischen aus dem Arabischen übersetzten Form bildeten die Bibel,
den papiernen Pabst, der jeden Fortschritt der Wissenschaft hemmte. Man
bedenke, daß Ramus, ein Zeitgenosse Brunos, welcher die Autorität des
Aristoteles auf logischem Gebiete anzufechten wagte, wie Bruno auf
physischem oder naturphilosophischem, bloß deshalb als ein Opfer eines
Meuchelmords auf dem Katheder fiel. (1572.) Diese Überschätzung übernahm
die europäische Scholastik von den Arabern. Der arabische Kommentator des
Aristoteles, Averroës, von den Scholastikern auch schlechthin der
Kommentator genannt, schreibt in seiner Vorrede zur Aristotel. Physik:
+Complevit, quia nullus eorum, qui secuti sunt eum usque ad hoc tempus,
quod est mille et quingentorum annorum, quidquam addidit, nec invenies in
ejus verbis errorem alicujus quantitatis, et talem esse virtutem in
individuo uno _miraculosum_ et extraneum extitit, et haec dispositio, cum
in uno homine reperitur, dignus est esse divinus magis quam humanus. --
Aristotelis doctrina _Summa Veritas_, quoniam ejus intellectus fuit finis
humani intellectus. 1. Destruct. disp. 3.+
Noch +Malebranche, recherche de la verité II. c. 23+ hält es für
erforderlich, gegen die allgemeine Anbetung des Aristoteles, deren
psychologische Wurzel er in der ansteckenden Wirkung der Phantasie findet,
zu polemisieren. Augenscheinlich verwertet er dabei einen Gedanken Giordano
Bruno's, wenn er z. B. schreibt:
+On ne considère pas qu' Aristote, Platon, Epicure étaient hommes comme
nous et de même espèce que nous: et de plus qu' au temps, où nous sommes,
le monde est plus âgé de deux mille ans, qu'il a plus d'expérience, qu'il
doit être plus éclairé et que c'est la vieilleisse du monde et
l'expérience, qui font découvrir la vérité.+
Dieser geistreiche Gedanke, der ähnlich bei Bacon von Verulam, bei Pascal
und Descartes wiederholt wird, findet sich zuerst bei +Bruno, cena de
ceneri (IV. 1.)+ Vergl. +Brunnhofer, Festschrift zur Feier der am 9. Juni
1889 in Rom stattgehabten Enthüllung des Bruno-Denkmals (Rauer & Rocco
1890)+.
Übrigens wird Bruno und vor allem Ramus, Pascal, Malebranche in
begreiflicher Weise oft ungerecht gegen Aristoteles, und Lewes
(+Aristoteles, ein Abschnitt aus der Geschichte der Wissenschaft S. VII+)
dürfte den Streit um die richtige Würdigung dieses immerhin eminenten
philosophischen Vielwissers am besten in dem Boileau'schen Verse erledigt
haben:
+Certes il ne méritait
Ni cet excès d'honneur
Ni cette indignité.+
Aristoteles war im Jahr 384 zu Stagira, einer Stadt Thraciens geboren. Mit
Recht nennt ihn daher Bernays (+Dial. d. Aristot. 2, 55+) einen
Halbgriechen. Wer wenigstens die große naturwüchsige Bedeutung der Rasse
nicht verkennt und zugleich einiges Gefühl für die entscheidendsten
Eigentümlichkeiten des reinhellenischen Typus besitzt, wird in Anbetracht
der Thatsache, daß die Bevölkerung Thraciens und Makedoniens nur sehr dünn
mit hellenischem Blute gemischt war, diese auch schon von W. Humboldt
gemachte Bemerkung nicht mißbilligen. Auch bei den sog. deutschen Denkern
d. h. bei denen, die innerhalb des geographischen Deutschlands gelebt und
geschrieben haben, ist es oft von Interesse, ihre unzweifelhaft undeutsche
Denkungsart aus dem bedenklichen Mischcharakter großer Teile[620] der
deutschen Bevölkerung zu erklären; so z. B. ist der sorbisch-slawische
Typus der sog. kursächsischen Bevölkerung (Thüringen, Königreich und
Provinz Sachsen) in einem »Nietzsche« unverkennbar.
Der Vater des Aristoteles war Leibarzt des makedonischen Königs, und es
scheint der ärztliche Beruf ein altes Erbteil seines Geschlechts gewesen zu
sein. Nach dem Tode seiner Eltern soll ein gewisser Proxenos aus Atarneus
seine Erziehung übernommen haben. In seinem achtzehnten Lebensjahr kam
Aristoteles nach Athen, wo er in den Schülerkreis Platos eintrat, dem er
bis zu dessen Tode (347) angehört hat. Einige Zeit vor Platos Tode soll
jedoch bereits ein Zerwürfnis zwischen ihm und dem Meister ausgebrochen
sein. Nach einem Berichte +Aelians (V. H. III. 19)+ soll Aristoteles, als
Plato bereits 80jährig und deshalb schwachen Gedächtnisses gewesen, während
Xenokrates und Speusippos, die Lieblingsschüler und Vertreter des bejahrten
Meisters, abwesend waren, von einer durch ihn gebildeten Clique
unterstützt, mit Plato eine Streitunterredung angefangen und den Greis
dabei in böswilliger Weise so in die Enge getrieben haben, daß sich dieser
aus den Hallen der Akademie in seinen Garten zurückgezogen habe. Erst nach
drei Monaten, als Xenokrates zurückkam, habe dieser den Aristoteles
genötigt, den streitigen Raum Plato wieder zu überlassen. Die Erzählung
kennzeichnet wenigstens den Beginn kleinlicher Gelehrten-Konkurrenz, wie
sie seit dem mit Aristoteles gewissermaßen beginnenden Zeitalter der
Alexandriner den Verfall der Philosophie zu einer bloßen Schulweisheit
begleitet. Daß übrigens Plato den Aristoteles nicht gerade zu seinen
berufensten Schülern gerechnet hat, ist auch abgesehen von der ziemlich gut
verbürgten Bezeichnung desselben als »bloßer Leser« schon aus einem
Vergleich der grundsätzlich verschiedenen Naturen, die auch auf die
philosophische Auffassung zurückwirken mußten, mehr als bloß
wahrscheinlich. Nach dem Tode Platos begab er sich mit dem Platoniker
Xenokrates nach Mysien zum Fürsten Hermias, wo er drei Jahre verblieb. Als
Hermias durch Verrat in die Gewalt der Perser geriet, nahm Aristoteles, der
inzwischen die Pythias, nach einigen eine Nichte, nach anderen eine
Schwester des befreundeten Fürsten geheiratet hatte, seine Zuflucht
zunächst nach Mytilene. Von hier aus wurde er 343 oder 342 v. Chr. von
Philipp an den makedonischen Hof berufen, um die Erziehung des jungen,
damals 13jährigen Alexander zu leiten, welcher er sich bis zu dessen 16.
Lebensjahre widmete. Der Unterricht mußte aufhören, weil Alexander schon
in diesem Lebensjahre von seinem Vater zum Reichsverweser bestellt wurde.
Aristoteles scheint sich jetzt zunächst in seine Vaterstadt zurückgezogen
zu haben, von wo er jedoch bald nach dem Ende Philipps, jedenfalls vor
Beginn des großen Eroberungsfeldzugs Alexanders nach Athen übersiedelte.
Hier gründete er im Lyceum seine eigene Schule, deren Mitglieder infolge
der Aristotelischen Gewohnheit, die Unterredungen im Auf- und Abgehen in
den Promenadengängen des Lyceum zu führen, den Namen _Peripatetiker_
erhielten.
Die Hilfsmittel, deren er zu seinen weitschichtigen, das ganze damalige
Wissensgebiet umfassenden Arbeiten bedurfte, bot ihm Alexanders königliche
Freigebigkeit im größten Maßstabe; Plinius berichtet, Alexander habe ihm
alle Fischer, Jäger und Vogelsteller seines Reiches, alle Aufseher
königlicher Jagden, Fischteiche, Heerden u. s. w., mehrere tausend Menschen
allein zu Zwecken naturgeschichtlicher Forschungen zur Verfügung gestellt.
Auch war Aristoteles, der übrigens selber wohlhabend war, durch jene
Hülfsquelle nicht nur in der Lage, sich die kostspieligste Privatbibliothek
anzuschaffen, sondern auch über die Verfassungen und Gesetze ausländischer
Staaten mühsame Erkundigungen einzuziehen, wofür auch das erst kürzlich
wiederentdeckte Buch über den Staat der Athener einen Beweis liefert.
In den letzten Lebensjahren trübte sich das Verhältnis zu seinem edlen
Zögling und Begünstiger, hauptsächlich wohl, weil Kallisthenes, ein
Verwandter des Aristoteles, den dieser selbst dem Könige als Begleiter
empfohlen hatte, mit Recht oder Unrecht in den Verdacht geriet, sich an
einer Verschwörung gegen das Leben Alexanders beteiligt zu haben, und
infolge dieser Anklage das Leben verlor.
Nach dem Tode Alexanders, nach zwölfjähriger Wirksamkeit als Lehrer und
Schriftsteller in Athen, wurde er durch eine Anklage wegen Atheismus, die
von der national-hellenischen Partei (Demosthenes) ausging und die Religion
wohl nur zum Vorwand nahm, veranlaßt, sich nach Chalcis auf Euböa
zurückzuziehen. Hier erlag er schon im folgenden Jahre, im Sommer 322,
einer Krankheit. Die Erzählung, er habe sich in den Euripus gestürzt, weil
es ihm nicht gelungen sei, die Erscheinungen der Ebbe und Flut zu erklären,
ist, wie Dühring (+Krit. Gesch. der Phil., S. 115+) bemerkt, mindestens
gut erfunden. »Sie kennzeichnet uns jenen Sinn, der die Theorie als
Attribut der Götter nahm und in ihr den Schwerpunkt des höchsten Lebens
voraussetzte.«
* * * * *
Aristoteles hat außerordentlich[621] viele Schriften hinterlassen; etwa der
sechste Teil seiner Werke mag uns erhalten sein; allerdings auch dieser nur
in einer sehr fragwürdigen Gestalt, die dem Streit über Echtheit und
Authentizität sowohl ganzer unter seinem Namen kursierender Schriften, wie
auch einzelner Abschnitte großen Spielraum läßt. Die auffälligen
Unordnungen und nicht seltenen Wiederholungen in einer und derselben
Schrift scheinen die Vermutung zu unterstützen, daß wir _größtenteils_ nur
mündliche, von Schülern redigierte Vorträge vor uns haben.
Schon das Altertum teilte seine Schriften ihrem Werte nach in zwei Klassen,
in exoterische und esoterische ein, welche letztere auch _akroamatische_
genannt wurden. Aristoteles soll nämlich im Lyceum des Morgens vor einer
größeren Anzahl von Zuhörern in populärer Weise seine Lehren, besonders
diejenigen über Logik, Rhetorik, Politik und Naturgeschichte vorgetragen,
abends aber in vertrauterem Kreise seine eigentlichen metaphysischen, wir
dürfen auch geradezu sagen »occultistischen« Theorien entwickelt haben. Die
letzteren Vorträge nannte man _akroamatische_. Offenbar lag es jedoch dem
Aristoteles nicht sehr an ihrer Geheimhaltung; denn daß er sie selber noch
veröffentlicht hat, beweist ein schon von Andronikus mitgeteilter Brief
_Alexanders_ an ihn, in dem dieser ihm wegen der Veröffentlichung der
akroamatischen Schriften (gewissermaßen +collegia privatissima+) Vorwürfe
macht. Aristoteles erwidert darauf, daß er sich in seinen akroamatischen
Schriften absichtlich einer Darstellungsform bedient habe, die sie andern,
als seinen Schülern unverständlich mache. (+Gellius XX, 5+).
Da uns nur diejenigen Schriften des Universalgelehrten des Altertums
interessieren, die eine occultistische Beziehung im Sinne der Vorrede
haben, so gehen uns wesentlich nur die Bücher über Metaphysik, Physik,
sowie die über Psychologie und über Schlaf und über Träume an, während wir
gerade die verdienstlichste Seite der aristotelischen Arbeitsleistung,
diejenige über Logik, Ethik, Politik und Ästhetik links liegen lassen
müssen.
Um den metaphysischen Standpunkt des Aristoteles zu verstehen, muß man von
seiner Kritik der Platonischen Ideeenlehre ausgehen. Die Annahme von Ideeen
ist nach Aristoteles nicht begründet. Denn unter den platonischen Beweisen
für dieselbe ist keiner, der nicht von entscheidenden Einwürfen getroffen
würde, und was durch die Ideeen erreicht werden soll, das ist auch ohne
dieselben zu erlangen; ihr Inhalt ist ganz derselbe, wie der der
diesseitigen Dinge, im Begriff des Menschen »an sich« z. B. sind dieselben
Merkmale enthalten, wie im Begriff des Menschen überhaupt, er unterscheidet
sich von diesem nur durch das Wort »an sich«. Die Ideeen sind eine
unzulässige Hypostasierung, eine überflüssige Verdoppelung der Dinge in der
Welt. Dies gilt sogar von ethischen, für die auch Kant die Gültigkeit der
Ideeenkonzeption in Anspruch nimmt. Auch die ethischen Begriffe lassen sich
nicht schlechthin von ihren Gegenständen trennen: es kann keine für sich
bestehende Idee des Guten geben; denn der Begriff des Guten kommt in allen
möglichen Kategorien vor, und bestimmt sich je nach verschiedenen Fällen
verschieden. Auch sind die Bestimmungen der Urbildlichkeit und der
Teilnahme, auf die Plato das Verhältnis der Ideeen zum empirischen Sein
zurückführt, leere Bilder. Vor allem fehlt den platonischen Ideeen das
_bewegende_ Prinzip, ohne das doch kein Werden und keine Naturerklärung
möglich ist.
Die Wissenschaft hat es mit dem Wirklichen zu thun. Die _allgemeinen_
Begriffe aber bezeichnen immer nur gewisse Eigenschaften der Dinge, sind
nur Prädikats-, -- nicht Subjektsbegriffe; und auch wenn eine Anzahl
solcher Eigenschaftsbegriffe zum Gattungsbegriff zusammengefaßt wird, so
erhalten wir nur ein +nomen+, keine Substanz. Substantiell ist nur das
_Einzelwesen_.
Dennoch aber kehrt Aristoteles, indem er nun das _Einzelwesen_ und seine
Entstehung zu begreifen versucht, wieder zu einem unsinnlichen Träger der
Einzelwirklichkeit zurück, der der Platonischen Idee, abgesehen von den
Allgemeinbegriffen, so ähnlich ist, wie ein Ei dem andern, nur daß er sie
mit Aktualität d. h. mit schaffender Thätigkeit ausrüstet; und diese neue
Aristotelische Idee heißt _Form_. So gewiß die Wahrnehmung etwas anderes
ist, als das Wissen, sagt er mit Plato, so gewiß muß auch der Gegenstand
des Wissens ein anderer sein, als die sinnlichen Dinge. Alles Sinnliche ist
vergänglich und veränderlich, es ist ein Zufälliges, das so oder anders
sein kann; das Wissen dagegen bedarf eines Gegenstandes, der ebenso
unveränderlich und notwendig ist, wie es selbst. Dieser Gegenstand aber ist
die _Form_; und diese ist zugleich die unentbehrliche Bedingung alles
Werdens; alles Werden wird aus etwas zu etwas, das Werden besteht darin,
daß ein Stoff eine bestimmte Form annimmt; diese Form muß daher von jedem
Werden als das Ziel desselben gegeben sein, und allem Gewordenen als
_ungewordene_ Form vorausgehen.[622]
Aus demselben Grunde aber muß der Form der Stoff, als etwas ebenfalls ewig
Vorhandenes, Ungewordenes gegenüberstehen. Der Stoff oder die Materie ist
das Substrat, die _Möglichkeit_ des Werdens passiv, die Form aktiv.
Die Materie des Aristoteles ist eine vom modernen, besonders vom
materialistischen Materien-Begriff wohl zu unterscheidende metaphysische
Abstraktion. Sie ist das völlig Prädikatlose, Unbestimmte,
Unterschiedslose, Dasjenige, was allem Werden als Bleibendes zu Grunde
liegt und die entgegengesetzten Formen annimmt, das, was alles der
Möglichkeit nach und nichts der Wirklichkeit nach ist, das rein potentielle
Sein ohne alle und jede Aktualität. Da das Bestimmungslose nicht erkannt
werden kann, so ist die Materie als solche unerkennbar. Alle Eigenschaften
der Dinge, alle Bestimmtheit, Begrenzung und Erkennbarkeit fallen auf die
Seite der _Form_. Jene _völlige_ Bestimmungslosigkeit und Unerkennbarkeit
gilt eben nur von der _ersten_ Materie, dem Stoff _an sich_, welcher
_allen_ Dingen zu Grunde liegt. Es hat aber andererseits auch jedes Ding
seinen _eigentümlichen_ letzten Stoff, und zwischen beiden liegen alle
stofflichen Gestaltungen in der Mitte, welche der Grundstoff durchlaufen
muß, um der bestimmte Stoff zu werden, mit dem sich die Form des Dings
unmittelbar verbindet. Die Elemente z. B., welche den Stoff aller anderen
Körper enthalten, sind _Formen_ des Urstoffs; das Erz, welches der Stoff
einer Bildsäule ist, hat als dieses Metall seine eigentümliche Form; die
Seele ist zwar die Form ihres Körpers, in ihrem höchsten und von der
Materie entferntesten Teile sind aber wieder zwei Elemente zu
unterscheiden, die sich untereinander wie Form und Stoff verhalten.
Die Form stellt sich in der Erscheinung unter der Gestalt einer dreifachen
Ursächlichkeit dar, im Stoffe liegt der Grund alles Leidens und aller
Unvollkommenheit, der Naturnotwendigkeit und des Zufalls.
Die _reine_ Form bezeichnet Aristoteles auch mit der unübersetzbaren Formel
%to ti ên einai%, wörtlich »das was war Sein«. Gewöhnlich legt man dieselbe
aus als das _Sein, was dem Gewesensein entspricht und daher das sich gleich
Bleibende ist_, der Begriff des Wesens, der reine Begriff.
Der Begriff jedes Dings ist von seinem _Zwecke_ nicht verschieden, da alle
Zweckthätigkeit der Verwirklichung eines Begriffes gilt; zugleich ist
derselbe auch die _bewegende_ Ursache, mag er nun das Ding als seine Seele
von innen heraus in Bewegung setzen oder mag ihm seine Bewegung von außen
kommen. Die _reine_ Form, welche, da alles gegebene Sein, alle
Einzelsubstanz, Alles, was ein Dieses ist, aus Form _und_ Stoff besteht, im
gegebenen Reiche des bestimmten Seins nicht existiert, ist also die oberste
Ursache oder die _Gottheit_, die den höchsten Zweck der Welt und den Grund
ihrer Bewegung vereinigt.
Der reine Stoff andrerseits ist das der Form widerstrebende; von ihm rührt
alle Zufälligkeit und Unvollkommenheit in der Natur her. Zufällig ist
nämlich das, was einem Dinge gleichsehr zukommen und nicht zukommen kann,
%to symbebêkos%, was nicht in seinem Wesen enthalten und durch die
Notwendigkeit seines Wesens gesetzt ist, was daher weder notwendig noch in
der Regel stattfindet. Allem Einzelsein haftet daher eine Unvollkommenheit
an. Daß aller Stoff Form werde, alles Vermögen Wirklichkeit, alles Sein
Wissen, ist zwar eine Forderung der Vernunft und das Ziel alles Werdens, --
aber unvollziehbar, da die Materie als »Beraubung« der Form (%sterêsis%)
niemals ganz zur Wirklichkeit und somit zur Erkenntnis kommen kann.
In dem hier klar werdenden _Dualismus_ zwischen Form und Stoff liegt eine
Schwierigkeit, ja ein Widerspruch, der uns auch die Zweideutigkeit vieler
einzelner Sätze des Systems begreiflich macht. Mit Recht bemerkt schon
Locke, daß die Gelehrten über die wahre Meinung des Aristoteles in vielen
der wichtigsten Punkten wohl niemals einig werden würden.
Einmal soll nach Aristoteles, -- im Gegensatz zu Plato, -- nur das
Einzelwesen für etwas Substantielles im vollen Sinne gelten. Der Grund des
Einzelwesens, des Bestimmten, aber soll in der Form als dem Bestimmenden
liegen. Volle und ursprüngliche Wirklichkeit soll nur der Form zukommen,
der Stoff soll nur die bloße Möglichkeit desjenigen sein, dessen
Wirklichkeit die Form ist. Die Form wird also der Substanz gleich gesetzt.
Dann wird aber doch wieder der Stoff als die Unterlage alles Seins, als das
Beharrliche im Wechsel bezeichnet; und indem die reine Form immer ein
Allgemeines bleibt, das Einzelwesen erst durch Verbindung derselben mit der
Materie entsteht, wird also der eigenschafts- und bedingungslose Stoff als
dasjenige statuiert, was die individuelle Bestimmtheit der Einzelwesen
erzeugt.
Einerseits polemisiert Aristoteles gegen den platonischen Idealismus,
wonach das wahre Wesen der Dinge, die doch erst durch den Stoff _wirklich_
werden, in der Form sucht. Bald erscheint die Form, bald jedoch wieder das
aus Form _und Stoff_ zusammengesetzte Einzelwesen als das Wirkliche.
Diese Doppeldeutigkeit macht sich zunächst fühlbar, wenn es sich darum
handelt, eine klare Vorstellung von dem Gottesbegriff des Aristoteles und
dem Verhältnis Gottes zur Welt zu beschaffen.
Gott ist die reine Form, der erste Beweger, schlechthin unkörperlich,
unteilbar und außer dem Raume, reine Energie. Eine schlechthin
unkörperliche Substanz ist eine bloß denkende Substanz. Gott ist absolute
Denkthätigkeit. Er denkt sich selbst; sein Denken ist Denken des Denkens.
Aristoteles gilt insofern als der erste wissenschaftliche Begründer des
Theismus; denn er will die Gottheit als selbstbewußten (reinen) Geist
gefaßt wissen.
Wie aber kann dieser bloß denkende reine Geist zugleich der erste Beweger
sein? Hierauf antwortet er: »Gott bewegt die Welt also: was begehrt und
gedacht wird, bewegt, ohne sich zu bewegen. Dieses beides aber ist auf der
höchsten Stufe dasselbe (der absolute Gegenstand des Denkens ist ebendamit
das absolute Begehrenswerte, das Gute schlechthin); denn Gegenstand des
Verlangens ist das anscheinend Schöne, ursprünglicher Gegenstand des
Wollens das wirklich Schöne, das Begehren aber hat in der Vorstellung (vom
Wert des Gegenstands) seinen Grund, nicht diese in jenem. Das erste mithin
ist der Gedanke. Das Denken aber wird vom Denkbaren bewegt, an und für sich
denkbar aber ist nur die eine Reihe, und in dieser ist das erste das Wesen,
und zwar das einfache und schlechthin wirkliche.« »Die Zweckursache bewegt
nur das Geliebte, und durch das (von ihr) bewegte bewegt sie das übrige.«
Gott ist also das erste Bewegende nur, sofern er der absolute Zweck der
Welt ist, gleichsam der Regent, dessen Willen alles gehorcht, der aber
nicht selbst Hand anlegt. Dieses ist er aber deshalb, weil er die absolute
Form ist. Wie die Form überhaupt die Materie dadurch bewegt, daß sie
dieselbe sollicitiert, sich aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit zu
entwickeln, so kann auch die Wirksamkeit Gottes auf die Welt keine andere
sein.
Aber die Vorstellung, daß der Bewegte ein natürliches Verlangen nach dem
Bewegenden habe, ist offenbar höchst unklar. Wie soll ferner, wenn doch
nach der eigenen Annahme des Philosophen das Bewegte immer vom Bewegenden
_berührt_ werden muß, der unräumliche erste Beweger die räumliche Welt
berühren? Wenn ferner Aristoteles unter der Gottheit die höchsten Formen,
insbesondere die Geister, welche die himmlischen Sphären bewegen und
beseelen, für unentstanden erklärt, ebenso wie den unvergänglichen Teil der
menschlichen Seelen, wie soll das Verhältnis dieser Formen zur reinen Form
einerseits, zu Gott, und zur Materie andrerseits gedacht werden? Mit Recht
bemerkt Schwegler, Geschichte der Philosophie S. 95: »Man sieht nicht,
warum der letzte Grund der Bewegung, was der absolute Geist zunächst einzig
ist, auch als persönliches Wesen gedacht werden müsse, man sieht nicht, wie
Etwas bewegende Ursache und doch selbst unbewegt, Ursache alles Werdens,
d. h. des Vergehens und Entstehens, und doch sich selbst gleichbleibende
Energie, ein Bewegungsprinzip ohne Vermögen (Potenzialität) sein könne:
denn das Bewegende muß doch in einem Verhältnisse des Leidens und Thuns mit
dem Bewegten stehen.« Überhaupt hat Aristoteles, was schon aus diesen
widersprechenden Bestimmungen hervorgeht, das Verhältnis zwischen Gott und
Welt nicht vollständig und folgerichtig durchgebildet. Da er den absoluten
Geist einseitig nur als beschauende theoretische Vernunft bestimmt, und
alles Thun und Handeln, weil dieses einen unvollendeten Zweck voraussetzt,
von ihm als dem vollendeten Zwecke ausschließt, so fehlt das rechte Motiv
seiner Thätigkeit in Beziehung auf die Welt. Bei seinem nur theoretischen
Verhalten ist er nicht wahrhafter erster Beweger; außerweltlich und
unbewegt, was er seinem Wesen nach ist, geht er nicht einmal mit seiner
Thätigkeit ins Weltleben ein; und da auch die Materie ihrerseits nie ganz
zur Form wird, so offenbart sich auch hier der _unvermittelte Dualismus_
zwischen dem göttlichen Geist und dem unerkennbaren Ansich des Stoffs.
Noch mehr tritt diese Unklarheit des Aristotelischen _Dualismus_ hervor in
seiner, hier wohl am meisten interessierenden _Seelenlehre_. Die uns
erhaltene Aristotelische Psychologie gilt zwar mit Recht als das erste
wissenschaftliche Werk über diesen Gegenstand; zweifelsohne gehört sie zu
den esoterischen oder akroamatischen Schriften und ist eine seiner
bedeutendsten Leistungen. Sie enthält auch manche vortreffliche Bemerkung
und dauernd anerkannte Sätze. Berühmt ist vor allem der erste Satz: »Wenn
das Wissen zu dem Schönen und Ehrenwerten zu rechnen ist, das eine Wissen
aber mehr als das andere dazu gehört, sei es wegen seiner Genauigkeit oder
weil sein Gegenstand besser und bewundernswert ist, so möchte ich wohl aus
beiden Gründen der Seelenlehre den ersten Rang mit einräumen; denn die
Kenntnis der Seele scheint für die Wahrheit viel zu nützen; hauptsächlich
in Bezug auf die Natur; denn die Seele ist gleichsam der Anfang der
lebenden Wesen.«
In der That steht die Psychologie an einem Punkte, wo die Naturwissenschaft
und die Geisteswissenschaften sich schneiden; sie bildet die natürliche
Grundlage, auf welcher die idealen Geisteswissenschaften, die Logik und die
Ethik, nebst ihren Verzweigungen, auch die Jurisprudenz, aufbauen müssen.
Allein die Psychologie des Aristoteles stellt zumeist bloße Begriffsschalen
als bequeme Auskunftsmittel hin, wo es gilt, den Mangel eines
Gedankeninhalts zu verdecken und dem allgemeinen Gefühl, daß über eine
Frage doch irgend etwas aufgestellt werden müsse, Rechnung zu tragen.
Für eine solche leere Begriffsschale müssen wir vor allem die weltberühmte
Definition erklären: »Die Seele ist die erste vollendete Wirklichkeit eines
dem Vermögen nach lebenden Naturkörpers und zwar eines solchen, welcher
Organe hat.« (+de anima II, 1-4+). Die Seele ist die Form oder _Entelechie_
des Leibes. Wenn +du Prel, monist. Seelenlehre cap. IV.+, in Aristoteles
den Begründer einer _monistischen_ Seelenlehre sieht, so hat er nur
insoweit Recht, als nach Aristoteles auch die Physiologie nur ein Teil der
Psychologie ist. Sobald wir aber der Aristotelischen Psychologie näher
treten, zeigt sich, daß sein dualistischer Standpunkt ihn auch hier in den
Hauptfragen zu keiner klaren Stellungnahme gelangen läßt, und wird es
begreiflich, daß von jeher die Aristoteles-Gelehrten z. B. darüber nicht
einig geworden sind, ob und wieweit die Unsterblichkeit der Menschenseele
von ihm behauptet oder verneint werden sollte.
Anscheinend geht er zunächst aus von der Einheit, nicht Einerleiheit der
Seele nicht etwa mit der Materie, wohl aber mit dem belebten Leibe. Man
kann nicht, insofern protestiert er gegen den Pythagoräischen
Seelenwanderungsglauben, jede beliebige Seele in jeden beliebigen Leib
stecken. Die Seele ist die Entelechie ihres Leibes d. h. die _Entfaltung
dessen, was in dem lebendigen Leibe als Potenz angelegt ist_. Dieser Satz
klingt ganz monistisch, und selbst ein Materialist könnte ihn
unterschreiben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet er die Ernährung
und Fortpflanzung als das Eigentümliche der Pflanzenseele, die Empfindung
und die Selbstbewegung als das Hinzukommende der Tierseele. Allein bei der
Menschenseele reicht er damit nicht aus. Sie kann nur nach der animalischen
Seite hin als Entelechie des Leibes begriffen werden. Sie ist nicht etwa
die vollkommenste Tierseele, wie der menschliche Leib der vollkommenste
Leib ist. Es ist etwas in ihr, was sich so nicht erklären läßt und wodurch
sie die Sphäre des Sinnlichen überschreitet. Dies Übersinnliche ist die
Vernunft, der Intellekt. Aristoteles meint, daß dem Gedanken nicht, wie
jedem animalischen Seelenakt, eine leibliche Funktion entspreche. Die
animalische Seele hat zwar einen rein physischen Ursprung. Indem er als
Naturforscher den Prozeß der Zeugung verfolgt, sucht er nachzuweisen, daß
das Zusammenwirken des männlichen und weiblichen Faktors ohne Hinzutritt
irgend eines Dritten hinreichend sein müsse, um eine neue animalische
Seele hervorzubringen. Indem das Männliche als thätige Ursache zu dem
Weiblichen als der leidenden hinzutritt, entsteht sofort diejenige Wirkung,
welche der Natur beider entspricht, es entwickelt sich aus ihnen das, was
sie an sich sind, nicht weil die Stoffe, die sie enthalten, räumlich nach
dem gleichartigen hinstreben, sondern weil jedes, wenn es einmal in
Bewegung gesetzt ist, sich in der Richtung bewegt, zu der es die Anlage
trägt, _weil schon im Samen die Seele der Möglichkeit und dem Keime nach
gesetzt ist_. Die wirkenden Kräfte, deren sich die Natur hierbei bedient,
sind die Wärme und Kälte; das Maß und die Richtung dieser Kräfte ist aber
durch die Natur des Zeugungsstoffes und der in ihm angelegten Erzeugnisse
bestimmt: aus jedem Keim entwickelt sich ein Wesen derselben Art, wie das,
von welchem er herstammt, weil im Blut, als dem unmittelbaren
Nahrungsstoff, der Trieb zur Bildung eines Leibes von dieser bestimmten Art
liegt, und weil eben dieser Trieb im Samen fortwirkt; und daher kommt es,
daß nicht bloß der Gattungscharakter, sondern auch der der Einzelnen durch
die Zeugung sich fortpflanzt. Hat hiebei der männliche Samen, von welchem
der Anstoß zur Entwicklung ausgeht, die Kraft, den ihm gegebenen Stoff
vollständig zu zeitigen, so folgt das Kind dem Geschlecht des Vaters; fehlt
es ihm hiezu an der nötigen Wärme, so entsteht ein Wesen von kälterer
Natur, ein Weib. Dies nämlich ist es, was die beiden Geschlechter in
letzter Beziehung unterscheidet, die größere oder geringere Lebenswärme;
die wärmere Natur vermag das Blut zu Samen zu verkochen, die kältere ist
darauf beschränkt, in den Katamenien den rohen Stoff zur Fortpflanzung
herzugeben; das Weib ist ein unfertiger, auf einer tieferen
Entwicklungsstufe stehen gebliebener Mann. Nach dieser Fähigkeit richten
sich die Geschlechtsorgane; diese sind mithin nicht die Ursache, sondern
nur die Erscheinung des Geschlechtsunterschieds; sein letzter Grund liegt
vielmehr in der Beschaffenheit des Lebensprinzips und des Centralorgans,
worin dieses seinen Sitz hat, und wenn er auch erst mit dem Hervortreten
der Geschlechtsteile zur Vollendung kommt, so ist er doch schon beim ersten
Anfang der Entwicklung in der Bildung des Herzens begründet.
Ganz anders als mit der vegetativen Seele aber verhält es sich nach
Ansicht des Aristoteles mit der _Vernunft_. Sie ist es einzig und allein,
die als ein _Göttliches_ von _außen_ hereinkommt. (%thyrathen epeisietai%.)
Ob er aber jenes von außen hinzutretende Göttliche und allein
Unvergängliche in der Menschenseele als _persönliche Substanz_ dachte oder,
wie Alexander von Aphrodisias und später besonders der Kommentator Averroës
meint, als bloßes Hereinspielen und Hereinwirken eines pantheistisch zu
denkenden Weltgeistes in das rein sinnliche, mit dem Tode dem gänzlichen
Untergange geweihte Individuum, darüber wird wohl immer Streit bleiben.
_Schloßmann_, das Vergängliche und Unvergängliche in der menschlichen Seele
nach Aristoteles, Halle 1873, meint, daß Aristoteles ähnlich wie Kant (und
neuerdings du Prel) der mystischen Conception von einem intelligiblen
(idealen) und empirischen Ich gehuldigt habe. Er verweist selber zur
Unterstützung dieser Duplicitätstheorie auf die Spontaneität des Genies.
»Woher die Macht jenes geistigen Triebes, welchem die Menschheit so viele
bleibende geistige Eroberungen verdankt? Solchen Erscheinungen gegenüber
(und wer kann sie alle herzählen?) wird jede bloß empirische und
insbesondere die materialistische Erklärung, die sie sämtlich aus einer
mechanischen Bewegung des Stoffes ableiten will, zur puren Ungereimtheit.
Wir stehen hier vor den geheimnisvollen Tiefen der intelligiblen Welt.
Gerade das Bewußtsein davon hat den ächten Genius immer, mitten in dem
Gefühle seiner Kraft, zugleich demütig gemacht. Göthe, indem er vor der
größeren dichterischen Schöpfermacht Shakespeares sich beugt, Tieck aber
bei aller Anerkennung, die er ihm zu teil werden läßt, unter sich selber
stellt, fügt hinzu: Ich darf das frei sagen, ich habe mich ja nicht selbst
gemacht. -- Ebenso sind Vernunft und Gewissen in unser aller geistigem
Dasein etwas, das wir nicht gemacht haben, geistige Mächte, welche aus der
Tiefe unseres eigenen Bewußtseins emporsteigend auf unser freithätiges Ich
beständig und unmerklich treibend eindringen. Daher geraten wir mit jedem
Denkakt in den Bereich der Denkgesetze, welche unsre Vernunft, ohne daß wir
hierüber reflektieren, zur Geltung bringt; mit jedem Willensakt in den
Bereich der sittlichen Gesetze, welche unser Gewissen, wie wir alle aus
Erfahrung wissen, auch im Fall unseres Widerstrebens aufrecht erhält. Dies
führt, namentlich auf sittlichem Gebiet, zu dem Begriff eines _idealen_,
eines _inwendigen_ Menschen, nach welchem der äußere, empirisch gegebene
Mensch sich gestalten, bezw. sich umgestalten soll. Eben jener inwendige
Mensch ist, wie wir ihn wahrhaft erkennen, nach Göthe schlechthinige
Autorität für uns. -- Für dieses ethische Verhältnis wird ein Analogon aus
der _ästhetischen_ Sphäre zur Erläuterung dienen können. Ein feiner und
zartsinniger Beobachter hat mit Recht gesagt, daß der ächte _lyrische
Dichter_ nicht eine bloße Kopie der Eindrücke seines empirischen Ich giebt,
sondern daß in ihm gleichsam ein ideales Ich dies empirische belauscht,
gewisse Elemente desselben mit nicht minder unerbittlicher Strenge
zurückweist und nur den Duft, den Wiederhall, die ätherischen Nachklänge
der Wirklichkeit in sein Spiegelbild aufnimmt. Erst _diese zweite Seele_,
fügt er hinzu, macht den Dichter.[623] -- Eine solche zweite Seele ist es,
die auch den sittlichen Menschen macht. Auch hier belauscht gleichsam ein
ideales Ich das empirische, weist gewisse Elemente desselben mit nicht
minder unerbittlicher Strenge zurück und entwirft auch seinerseits von ihm
ein ideales Spiegelbild, aber nicht um sich an dem ästhetischen
Wohlgefallen daran genügen zu lassen, sondern um dessen Verwirklichung,
wenn es sein muß, im hartnäckigen Kampfe, dem empirischen Ich abzuringen.«
-- »Dem _idealen_ Ich entspricht _bei Aristoteles_ der _thätige Intellekt_
(der %nous poiêtikos%), den er ja auch als eine zweite Art von Seele
bezeichnet und im Gehorsam gegen welche er die Sittlichkeit bestehen läßt.
Dem _empirischen Ich_ entspricht der _leidentliche Intellekt_ (der %nous
pathêtikos%). Bei Kant ist analog die Unterscheidung zwischen dem
intellektuellen oder intelligiblen Ich und dem sinnlichen Ich, von welchen
er jenes als das bestimmende, also thätige, dieses als das bestimmte, also
leidentliche denkt. Einmal wirft er die Bemerkung hin, daß durch solche
Unterscheidung eines doppelten Ich zwei Subjekte (also gewissermaßen zwei
Hypostasen) in einer Persönlichkeit vorausgesetzt zu werden scheinen.«[624]
Der leidentliche Intellekt des Aristoteles gehört der vorübergehenden
Erscheinung an; er ist keine eigene selbständig geistige Substanz, sondern
nichts als eine Ausstrahlung, die der thätige Intellekt, als die einzige
geistige Substanz im Menschen in der Sphäre des Sinnlichen dadurch
hervorbringt, daß er sich mit dem beseelten Körper verbindet. Sobald diese
Verbindung sich löst, verschwindet damit zugleich der leidentliche
Intellekt und unser empirisches sinnliches Ich. Nicht aber das intelligible
Ich, der thätige Intellekt, der gleichsam hinter und über jenem den
unvergänglichen Wesensgrund bildet. Dieser gleicht nach dem Bilde eines
griechischen Kommentators alsdann »einem Künstler, der seine Werkzeuge
weggeworfen hat, dessen Wirksamkeit aber fortdauert, nämlich in rein
geistiger, nicht stofflicher und werkzeuglich vermittelter Weise.«[625]
* * * * *
Ob hiernach Aristoteles eine _individuelle_ Unsterblichkeit angenommen oder
geleugnet habe, gehört zu den zahllosen wohl niemals zu Ende kommenden
Streitfragen der Aristoteles-Gelehrten.
Es wiederholt sich hier der bereits hervorgehobene logische Defekt seines
Dualismus zwischen Form und Stoff. Wie es schon in seiner Metaphysik
unentschieden bleibt, ob der Grund des Einzelseins in der Form oder im
Stoff liege, so bleibt es erst recht in seiner Psychologie im Dunkeln, ob
die Persönlichkeit in den höheren oder den niederen Seelenkräften, in dem
unsterblichen oder sterblichen Teile unserer Natur liegt. Einerseits
scheint es, daß der thätige Intellekt, die Vernunft als solche, der reine
Geist nicht der Sitz der Persönlichkeit sein kann; denn alle Bestimmtheit,
alle Lebendigkeit des persönlichen Daseins, der ganze auf der
Wechselwirkung zwischen Welt und Mensch, auf Veränderung und Entwicklung
gegründete _Inhalt_ der Persönlichkeit fällt ja auf die Seite der
Sinnlichkeit, ist _empirisches_ Ich. Selbst das Denken ist ja ohne
Phantasiebilder nicht möglich, von denen nach Untergang der empfindenden
Seele nicht mehr die Rede sein kann. Und selbst wenn man mit Aristoteles an
eine Fortdauer der _reinen Denkthätigkeit_ nach dem Tode glauben wollte,
wie soll man sich die Identität des Geisteslebens nach dem Tode mit dem
jetzigen vorstellen? +Zeller, Philosophie der Griechen II, S. 607+, bemerkt
aber mit Recht: »Und doch kann die _Persönlichkeit_ eines vernünftigen
Wesens und seine freie Selbstbestimmung nicht in seiner sinnlichen Natur
liegen. Wo sie aber dann liege, darnach fragen wir (Aristoteles) vergebens:
wie die Vernunft von 'außen her' (%thyrathen%) zu der sinnlichen Seele
hinzutritt und beim Tode sich wieder von ihr abtrennt, so fehlt es beiden
_auch während des Lebens an der inneren Einheit_, und was der Philosoph
über die leidende Vernunft und den Willen sagt, ist in seiner unsicheren
Haltung nicht geeignet, zwischen den ungleichartigen Teilen des
menschlichen Wesens die wissenschaftliche Vermittlung zu bilden.«
* * * * *
Anstatt der erste Begründer einer _monistischen_ Seelenlehre zu sein,
laboriert also Aristoteles, der scheinbar eine Einheit zwischen Leib und
Seele vertritt, auf der anderen Seite selber an einem unversöhnlichen
_Dualismus_ zwischen (animalischer) Seele und Geist. Offenbar liegt dies an
einer sein ganzes System kennzeichnenden Überschätzung des rein
theoretischen, abstrakten Denkvermögens und Verkennung der hohen geistigen
und sittlichen Bedeutung, die auch das scheinbar Niedrige, die
Sinnlichkeit, im Menschen beansprucht.
Eine andere Anschauung hatten Plato und die Mysterien von dem
unvergänglichen Teile der Seele, und diesen, nicht dem Aristoteles, der
richtiger von Averroës vertreten sein dürfte, folgten die christlichen
Aristoteliker des Mittelalters, wenn sie, im Anschluß unter anderem auch an
die bekannten Worte des Paulus, den Geist nach dem Tode als Gefäß der zu
rettenden Persönlichkeit eine _verklärte_ Leiblichkeit nach sich ziehen
lassen. Zu ihnen gehört Dante, wenn er schildert, wie in den durch Zeugung
und Geburt entstehenden menschlichen Leib, und zwar in das Gehirn, ein
göttlicher Hauch sich einsenkt und sich so ein einheitliches Seelenwesen
gleichsam anbildet, und dabei im dichterischen Gleichnis auf die Sonnenglut
verweist, die mit dem Saft des Weinstocks verbunden den Wein entstehen
läßt:
+Guarda il calor del Sol, che si fa vino
Giunto all' humor, che dalla vite cola.+
Er läßt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden
abschneidet, sich vom Leibe lösend Göttliches _und Menschliches_ mit sich
hinwegnehmen:
+Seco ne porta e l'umano el il divino+,
und hebt hervor, daß alsdann _Gedächtnis, Intellekt und Willen sich
steigern_, während nur die niederen animalischen Kräfte ersterben. So kommt
er sogar zur Annahme eines _Astralleibes_,
Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
So folgt dem Geiste seine neue Form;
Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
Wird Schatten sie genannt.
(+Purgat. XXV. 97-101.+)
Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine
die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie
denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt:
Jedweder Leib verfällt des Todes
Übermacht; doch lebend übrig bleibt
_Des Erdenlebens Geistesbild_[627], denn das nur ist von den Göttern.
Es schläft, wenn die Glieder sich mühen,
_Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Träumen
Der Freud' und des Leides nahes Verhängnis_.
Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift
»über den Schlaf« eine durchaus _rationalistische_ Theorie der Träume
entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie
Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermögens; beide Wechselzustände kommen daher
nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fähig sind, bei ihnen
aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermögen kann unmöglich
immer wirksam sein, ohne daß sich seine Kraft zeitweise erschöpfte. Der
Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche
ihrerseits wieder dem höheren Zwecke der wachen Thätigkeit dient. Seine
natürliche Ursache liegt in dem Ernährungsprozeß. Die Lebenswärme treibt
die aus der Nahrung sich entwickelnden Dämpfe nach oben; indem sie sich
hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunächst die
Schläfrigkeit; am Gehirn sich abkühlend, sinken sie dann wieder nach unten
und bewirken eine Erkältung des Herzens, in deren Folge die Thätigkeit
dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gerät. Dieser Zustand
dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere für die oberen
Teile des Körpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu führenden,
ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche
nach dem Aufhören der äußeren Eindrücke fortdauern, entstehen die Träume:
im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und
Denkthätigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende
desselben, nachdem die anfängliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten
sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, daß eine innere Bewegung im
Körper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankündigt, oder
daß der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorführt, zu
einer späteren Handlung den Anstoß giebt; es ist auch möglich, daß während
des Schlafs sinnliche Eindrücke an uns gelangen, die bei Tage, in der
bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen hätten oder von uns nicht
bemerkt worden wären; und insofern lassen sich gewisse weissagende Träume
auf natürlichem Weg erklären; was aber darüber hinausgeht, ist für ein
zufälliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Träume
nicht eintreffen.
Allerdings hat Aristoteles nach +Arist. Divin c. 2.+ sogar eine Schrift
»über weissagende Träume«, %peri tês kath' hypnon mantikês%, verfaßt, der
zufolge das Ahnungsvermögen, das sich in weissagenden Träumen und
enthusiastischen Zuständen offenbart, nur eine unklare Äußerung jener Kraft
sein sollte, die als thätiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen
und dem göttlichen Geist bilde (vergl. +Cicero, Divin. I. 38, 81.+); auch
hat uns Sextus Empiricus (vergl. +Math. IX. 20+) ein Fragment aus seinem
Dialog +Eudemos+ aufbewahrt, in dem es heißt, im Schlafe gelange erst die
Seele zum rechten Beisichsein (%kath' heautên ginetai%) und werde ihrer
eigenen Natur teilhaftig (%tên idion physin apolambanei%); daher könne sie
alsdann weissagen und das Zukünftige vorherverkünden. In einen solchen
Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom
Körper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurück.
Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Sätze mit den vorstehenden liegt
auf der Hand und bildet ein weiteres Rätsel für die Aristoteliker.
+Zeller, Philosophie der Griechen S. 552, u. f.+ meint nun, die letzteren
Äußerungen könnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen
Überzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in
denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung
des Götterglaubens Veranlassung gegeben habe. »Sollte er aber auch dieser
Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprächs einen ernstlichen Wert
beigelegt haben, so wäre dies nur einer von den vielen Beweisen für die
Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausübten.«
Für mich und vermutlich für die meisten Leser kann es wenig Interesse
haben, welche Ansicht er über diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt,
scheinbar oder wirklich gehegt hat. Möglicherweise war die eine esoterisch,
die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an
das berüchtigte System der »doppelten Buchführung in philosophischen
Fragen«, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist.
Möglich ist es ja aber auch, daß ihm dasselbe, was auch heutzutage noch
vielen _ehrlichen_ Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten
verschieden, bald skeptisch, bald gläubig über diese occultistischen
Thatsachen zu denken, deren allgemeingültige wissenschaftliche
Konstatierung leider immer noch unmöglich erscheint.
Siebentes Buch.
Der Occultismus der alten Römer.
Erstes Kapitel.
Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.
Während sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen
geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefaßter, Abriß der Geschichte der
alten Philosophie geben konnte und mußte, wird die Form der occultistischen
Anschauungen wieder eine völlig andere, indem wir den italischen Boden
betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Römern, die dies
beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen
will, so haben die Römer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem
Gebiete überhaupt nichts Ursprüngliches aufzuweisen. Sämtliche lateinische
Philosophen, von Cicero bis auf Boëthius, sind entweder als bloße
Eklektiker oder bestenfalls als Schüler der einen oder anderen griechischen
Philosophenschule zu bezeichnen.
Anders verhält es sich mit der _Religion_ der Römer. Diese zeigt einen
entschieden selbständigen, streng national gefärbten Typus, der allerdings
seit der Berührung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen
Kriege, durch künstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas
verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptsächlich von den Dichtern durch
oft willkürliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprünglich
verschiedener Götterbegriffe versuchte Verähnlichung nie dahin gelangt, die
ursprüngliche Selbständigkeit der römischen Religion, die sich durch eine
Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem
blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen
Kultus im eigentlich römischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat
freilich kein Staat in toleranterem Maße fremden Gottesdiensten Aufnahme
gewährt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu
überwuchern lassen, als der römische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft.
In der Urzeit des römischen Volkes scheint aber der einzige Einfluß, den
die Römer in Sachen der Religion und überhaupt der übersinnlichen
Angelegenheiten von Außen zugelassen haben, auf das rätselhafte Volk der
_Etrusker_ sich zu beschränken. Doch darf auch dieser Einfluß nicht
überschätzt werden. Die Nachricht des +Livius IX, 36+, daß in der ältesten
Zeit römische Jünglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie
später in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene
Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschränkte sich wohl nur auf
eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jünglinge
(vergl. Cicero über die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die
nachweisbar allerdings von den Etruskern übernommenen Künste der
Opferschau, für deren Ausübung man sich in Rom anfangs mit gedungenen
Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worüber später mehr, zu
erlernen.
Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten,
_Rasen_, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen,
die von den Römern übernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist
bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre
ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines
in Caere ausgegrabenen Thongefäßes lautet:
+minice dumamimadumaramlisiaedipurenaiedecraisiepanamine dunastavhelefu+.
Die verschiedensten Idiome sind auf Stammesverwandtschaft mit den
etruskischen vergeblich geprüft worden, wenn auch einige Spuren darauf
hinzudeuten scheinen, daß die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen
beizuzählen sind. Vielleicht hängt der Name des etruskischen Zeus +Tina+
oder +Tinia+ mit dem sanskritischen +dina+, Tag zusammen. Übrigens
schreibt schon Dionysios: »die Etrusker stehen keinem Volke gleich an
Sprache und Sitte.«
Wahrscheinlich ist es, daß die Etrusker über die rätischen Alpen nach
Italien gekommen sind, da die ältesten in Tirol und Graubündten
nachweisbaren Ansiedler bis in die historische Zeit etruskisch redeten und
auch ihr Name auf den der Rasen anklingt. Nach Herodot sollen sie freilich
aus Asien eingewanderte Lyder sein, allein schon Dionysios erklärt diese
Erzählung bei der großen Verschiedenheit zwischen Religion, Gesetz, Sitte
und Sprache der Lyder von ihnen für ein unmögliches Märchen.
Mit Mommsen dürfen wir es übrigens für zuverlässig halten, daß das letzte
Königsgeschlecht, das über die Römer herrschte, das der Tarquinier aus
Etrurien entsprossen ist.
Die Anschauungen der Etrusker wurzelten mehr als die irgend eines anderen
bekannten Volkes des Altertums im eigentlich occultistischen
Gedankenkreise. Insofern zeigen sie eine gewisse Ähnlichkeit mit den
Egyptern, von denen sie sonst nach Sprache, Sitte und Verfassung
entschieden zu trennen sind. Die Nekromantie und schwarze Magie scheint ihr
eigenstes Element gewesen zu sein. Der Totenkultus scheint bei ihnen eine
noch größere Rolle gespielt zu haben, als bei den Egyptern. Es gab eine
Unzahl von Todesgenien, deren furchtbare Bilder an den Mauern der
Totenstädte, auf den Sarkophagen u. s. w. uns entgegenstarren. Sie sind
dargestellt, wie sie die armen Menschenseelen verfolgen, peinigen und trotz
alles Flehens entführen, archaistische Höllenbreughel; sehr selten sieht
man auch gute Geister die Seelen freundlich einladen, auch gute und böse
sich um dieselben streiten. Die Totenstädte der Egypter übertrafen die
Städte der Lebenden an Ausdehnung und wurden mit größerem architektonischen
Aufwand, als jene, ausgeschmückt. »Aus den Trümmern, die vom etruskischen
Sacralwesen auf uns gekommen sind«, schreibt +Mommsen, röm. Gesch. I,
S. 180+, »redet eine _düstere_ und dennoch langweilige Mystik, Zahlenspiel
und Zeichendeuterei und jene feierliche Inthronisierung des reinen
Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet. Wir kennen zwar den
etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher Vollständigkeit und Reinheit
wie den latinischen; aber mag die spätere Grübelei auch manches erst
hineingetragen haben und mögen auch gerade die düstern und phantastischen,
von dem latinischen Kult am meisten sich entfernenden Sätze uns
vorzugsweise überliefert sein, was beides in der That nicht wohl zu
bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug übrig, um die Mystik und
Barbarei dieses Kultus als im innersten Wesen des etruskischen Volkes
begründet zu bezeichnen. -- Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungenügend
bekannten etruskischen Gottheitsbegriffes zu dem italischen läßt sich nicht
erfassen; aber bestimmt treten unter den etruskischen Göttern die bösen und
schadenfrohen in den Vordergrund, wie dann auch der Kult grausam ist und
namentlich das Opfern der Gefangenen einschließt, -- so schlachtete man in
Caere die gefangenen Phokaeer, in Tarquinii die gefangenen Römer. Statt der
stillen in den Räumen der Tiefe friedlich schaltenden Welt der
abgeschiedenen »guten Geister«, wie die Latiner sie sich dachten, erscheint
hier eine wahre Hölle, in die die armen Seelen zur Peinigung durch Schläge
und Schlangen abgeholt werden von dem Totenführer, einer wilden halb
tierischen Greisengestalt mit Flügeln und einem großen Hammer; einer
Gestalt, die man später in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um den Mann
zu kostümieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatze
wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein
verbunden, daß es sogar eine Erlösung daraus giebt, die nach gewissen
geheimnisvollen Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Götter. Es
ist merkwürdig, daß um ihre Unterwelt zu bevölkern, die Etrusker früh von
den Griechen deren finsterste Vorstellung entlehnten, wie denn die
acheruntische Lehre und der Charun eine große Rolle in der etruskischen
Weisheit spielen. -- Aber vor allen Dingen beschäftigt den Etrusker die
Deutung der Zeichen und Wunder. Die Römer vernahmen wohl auch in der Natur
die Stimme der Götter; allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen
Zeichen und erkannte nur im allgemeinen, ob die Handlung Glück oder Unglück
bringen werde. Störungen im Laufe der Natur galten ihm als unglückbringend
und hemmten die Handlung, wie zum Beispiel bei Blitz und Donner die
Volksversammlung auseinanderging, und man suchte auch wohl sie zu
beseitigen, wie zum Beispiel die Mißgeburt schleunigst getötet ward. Aber
jenseits der Tiber begnügte man sich damit nicht. Der tiefsinnige Etrusker
las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere dem gläubigen
Mann seine Zukunft bis ins Einzelne heraus und je seltsamer die
Göttersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab
er an, was es verkünde und wie man das Unheil etwa abwenden könne. So
entstanden die Blitzlehre, die Haruspicin, die Wunderdeutung, alle
ausgesponnen mit der ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden
Verstandes, vor allem die _Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt
mit grauen Haaren, der von einem Ackersmann bei Tarquinii war ausgepflügt
worden, Tages genannt_ -- man sollte meinen, daß das zugleich kindische und
altersschwache Treiben in ihm sich selber habe verspotten wollen, -- also
Tages, _hatte sie zuerst den Etruskern verraten und war dann sogleich
gestorben. Seine Schüler und Nachfolger lehrten, welche Götter Blitze zu
schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels und an der Farbe den
Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen dauernden Zustand
andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob dasselbe ein
unabänderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben lasse bis zu
einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte oder den
drohenden einzuschlagen zwinge_, und dergleichen wundersame Künste mehr,
denen man gelegentlich die Sportulierungsgelüste anmerkt. Wie tief dies
Gaukelspiel dem römischen Wesen widerstand, zeigt, daß, selbst als man
später in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward es
einzubürgern; in dieser Epoche genügten den Römern wohl noch die
einheimischen und die griechischen Orakel. -- _Höher als die römische
Religion steht die etruskische insofern, als sie von dem_, was den Römern
völlig mangelt, _einer in religiöse Formen gehüllten Spekulation wenigstens
einen Anfang entwickelt hat_. Über der Welt mit ihren Göttern walten die
verhüllten Götter, die der etruskische Jupiter selber befragt; jene Welt
aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch wieder vergehen
nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die Saecula sind.
Über den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und Philosophie
einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen, doch scheint auch ihnen
ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen
gewesen zu sein.«
Die obersten Götter des etruskischen Volkes, die »Verhüllten« durften nicht
mit Namen genannt werden. Nach ihnen kamen zwölf Gottheiten der Oberwelt,
an deren Spitze +Tina+ (Zeus?) stand, dieselben erinnern, ebenso wie die
Blitzwissenschaft, auffällig an die obersten Götter der Akkader und sind
augenscheinlich nichts anderes, als die zwölf Monate oder zwölf Zeichen des
Tierkreises (Planetengötter), vergl. Teil I dieses Werkes (S. 7 und 53),
ferner _Müller_, die Etrusker (2 Bände); dann die Gottheiten der Unterwelt,
vor allem Mantus und Mania, denen in ältester Zeit sogar Kinderopfer
dargebracht sein sollen, an deren Stelle erst in römischer Zeit Mohn- und
Kohlköpfe substituiert wurden.
Zweites Kapitel.
Die Religion der Römer.
In seinen Göttern spiegelt sich der Mensch. Diese nicht erst von Feuerbach,
sondern wie wir sahen, schon von Xenophanes (S. 475 oben) erkannte Wahrheit
bestätigt sich auch, wenn wir die religiösen Vorstellungen der Römer Revue
passieren lassen. Man erwarte daher von den praktischen, fast ganz auf die
Beherrschung der diesseitigen Welt gerichteten Römern keine tiefsinnige
Mystik, wie sie uns bei den Orientalen und teilweise auch bei den Griechen,
später auch wieder bei den Germanen entgegentritt. Von den
träumerisch-phantastischen, ja unheimlichen Etruskern übernahmen zwar die
Römer einige Praktiken, mit denen sie den abergläubischen Sinn der Menge
unmerklicher unter das Joch der Politik bringen konnten; ihre religiöse
Weltanschauung selbst trägt einen durchweg klaren, wesentlich nur die
wichtigsten Naturerscheinungen und Interessen ihres, ursprünglich mit
Ackerbau und Hirtenleben einerseits und Krieg andererseits verwachsenen
Lebens symbolisierenden naturalistischen und fast rationalistischen
Charakter. Die Religion steht durchaus im Dienste der irdischen Zwecke, vor
allem des Staates, nicht umgekehrt. Allerdings drängt sie sich, um den
staatlichen Dingen die nötige Weihe zu geben, überall vor, aber wenn durch
diesen Schein verleitet, Hartung, ein Philologe, über die Religion der
Römer schreibt, »man müsse den älteren Römern nachrühmen, daß sie eine so
allgemeine, so durchreichende und so unerschütterliche Religiosität
besessen und geübt haben, wie kein anderes Volk der Erde«, so verfehlt ein
besserer Kenner des eigentlich römischen Geistes, der Jurist +R.
v. Ihering, Geist des römischen Rechts, § 21+, nicht, die Kehrseite der
Medaille aufzuweisen und von frühzeitigem Formalismus und _Jesuitismus_,
man könnte auch sagen Machiavellismus der Römer in Beziehung auf die
Religion zu sprechen. Die Religion der Römer ward schon sehr früh mit ihrem
gesamten Apparat von in den Willen der Staatsregierung gegebenen
geistlichen Beamten, Zeichen, Nichtigkeitgründen u. s. w. ein _politisches_
Institut; und +Mommsen, römische Geschichte I, S. 160+, macht auf das
Schwanken der römischen Religionsvorstellungen im Laufe der Geschichte
aufmerksam; »der Staat und das Geschlecht, das einzelne Naturereignis, wie
die einzelne geistige Thätigkeit, jeder Mensch, jeder Ort und Gegenstand,
ja jede Handlung innerhalb des römischen Rechtskreises kehren in der
römischen Götterwelt wieder; und _wie der Bestand der irdischen Dinge
flutet im ewigen Kommen und Gehen, so schwankt auch mit ihm der
Götterkreis_.«
Den Vorrang unter den männlichen Göttern der ältesten Anschauungsform
beanspruchen _Jupiter_, _Mars_ und _Quirinus_. Diese drei wurden am
heiligsten verehrt; sie waren die eigentlichen Schutzgottheiten Roms gegen
auswärtige Feinde. So lautete ein altes Gesetz der Numa, das uns Festus
aufbewahrt hat: »Unter wessen Anführung in der Schlacht die vornehmste
Beute gewonnen wird, der soll dem _Jupiter_ Feretrius einen Ochsen
schlachten, und dem der sie gewonnen dreihundert Pfund geben; für die
zweite soll er an dem Altar des _Mars_ auf dem Marsfelde Suovetaurilien
nach Belieben schlachten, für die dritte dem _Quirinus_ ein männliches
Lamm.«
Jupiter, aus +Djovis pater+ entstanden, bedeutet zunächst Himmelsvater, als
Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftveränderungen, Regen und Gewitter,
Blitz und Donner unterworfen. Darum heißt er auch, je nachdem er seine
Macht äußert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der
heiligste Eid lautete, indem der Schwörende einen Kieselstein in die Hand
nahm und auf das Opfertier schleuderte: »wenn ich mit Wissen und Willen
einen Meineid schwöre, so soll mich Jupiter also schlagen (+ferito+), wie
ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat
also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da!«
Bei langdauernder Dürre brachte man ihm ein Opfer dar, das +aquilicium+
oder Wasserentlockung hieß; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien
verbunden war, ließ man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. Über
diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin
des +Tages+ und +Bacis+ in 15 Büchern erläutert hat, nur folgendes
erhalten: »Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann müssen
die _rinnenden Steine_ (+manales petrae+) in Bewegung gesetzt werden.«
Als höchster Gott heißt er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als
höchster auf dem Kapitol gegründet. Ihm gelten die Triumphzüge nach jedem
Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berühmten Kapitolinischen Spiele
gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein großes
Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll
durch ein solches frühzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates
erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter ähnliche Wettspiele, wie man
sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des
siegenden Viergespanns plötzlich, wie von einem unsichtbaren Dämon
getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen
sie den Tuskerjüngling, welcher den Namen Ratumena führte, beim
Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und
rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter
Kapitolinus gefahren waren.
Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und
menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer
wichtigen Handlung begrüßt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig
(die _Iden_), außerdem die sämtlichen Weinfeste.
Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges
der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frühlings, des sog.
+ver sacrum+ als Opfer. Eigentlich gehören dazu auch die in diesem Frühjahr
geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wäre, so viele
unschuldige Kinder abzuschlachten, so ließ man sie groß werden, und trieb
sie dann in einem Frühjahr miteinander, verhüllten Gesichtes, über die
Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie führte, und
auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war
dieser Weihefrühling ein Mittel, der Übervölkerung und Nahrungsnot durch
geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu
expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glänzenden Ballade gemacht,
in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung
mit folgenden Worten begründet:
»Nicht läßt der Gott von seinem heil'gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling welk und taub,
Nein, einen Frühling, welcher treibt in Saft.«
»Aus der Latiner alten Mauern soll
Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
Aus diesem Lenz, urkräft'ger Keime voll,
Wird eine große Zukunft ihm erstehn.«
»Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut!
Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt;
Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut!
So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!«
»Der junge Stier pflüg' euer Neubruchland!
Auf eure Weiden führt das muntre Lamm!
Das rasche Füllen spring' an eurer Hand,
Für künft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!«
»Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt;
Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.«
»In eurem Tempel haften wird sein Speer;
Da schlagen ihn die Feldherrn schütternd an,
Wann sie ausfahren über Land und Meer
Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.«
»Ihr habt vernommen, was dem Gott gefällt.
Geht hin, bereitet euch, gehorchet still!
Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
Das ist der Weihefrühling, den er will.«
Jupiter ist ferner Beschützer des Rechts und der Tugend, als Gott der
Treue, +Dius Fidius+ auch besonders des Ehebundes; -- da später die
Schwurformel +me Dius Fidius+ identisch mit dem aus der Fremde
eingedrungenen +me Hercle+ wurde, hat man fälschlich diesen Gottesbegriff
später auf +Hercules+ übertragen. Nach +Augustin (IV, 23)+ hätten die Römer
auch einen gewissen rätselhaften (+nescio quem+) Summanus noch höher als
Jupiter selbst geehrt. Indeß kann dieser Summanus schwerlich ein anderer,
als Jupiter gewesen sein, zumal die Römer, wie Augustin berichtet, ihm die
nächtlichen Blitze zuschrieben.
Der römische _Mars_ ist in vieler Hinsicht eher mit der griechischen Pallas
Athene als mit Ares, dem Kriegsgott zu vergleichen. Den bloßen Krieg
personifizierte Bellona, eine weibliche Gottheit. Mars symbolisiert mehr
das stetige Gerüstetsein zum Krieg, als den blutigen Kampf; darauf deutet
schon der Wortstamm +Mavors+, +Marmar+, verwandt mit +arma+ und dem
sanskritischen +wârajâmi+ d. h. schützen. Ihm war ein uraltes Heiligtum auf
dem Berg Quirinus geweiht, alle vier Jahre wurde auf dem _Mars_felde eine
(militärische) Schätzung der ganzen Bürgerschaft vorgenommen, wobei ein
Stier, ein Widder und ein Bock dreimal um das ganze Heer herumgeführt und
dann geopfert wurde; dies war das erwähnte +suovetaurilium+. Sein Hauptfest
fand im Frühling statt, das eingeleitet durch das Pferderennen, +equirria+
am 27. Februar, im März selbst an den Tagen des Schildschmiedens
(+mamuralia+), des Waffentanzes (+quinquatrus+) und der Drommetenweihe
(+tubilustrium+) seine Haupttage hatte. Hierbei spielten die _Salier_ eine
Hauptrolle, wörtlich »Tänzer«, d. h. eine aus zwölf Mann bestehende
geistliche Brüderschaft. Dieser anzugehören, rechneten sich die vornehmsten
Männer, wie P. Scipio zur Ehre; ihr Anzug war eine bunte Tunika, über
welche um die Brust ein breiter eherner Gurt gelegt wurde, eine verbrämte
Toga, mittelst Hefteln gabinisch aufgeschürzt, eine eherne Spitzhaube
(+apex+) und ein Schwert. In der rechten Hand hielten sie ein ehernes
Stäbchen, in der linken den Schild, der an einem Riemen um den Hals hing.
Dieser hatte ungefähr die Gestalt einer arabischen 8; daher wohl sein Name
+ancile+ (%ankylos%). Einer von diesen Schilden sollte zu einer Zeit, da
eine Seuche in Rom wütete, vom Himmel gefallen sein, Numa hatte dann auf
Anraten der Nymphe Egeria durch den Waffenschmied Mamurius die elf anderen
diesem so täuschend nachmachen lassen, daß niemand mehr den echten vom
unechten unterscheiden konnte. In der Prozession ging auch ein Mann, rings
mit dicken Häuten umhangen, der den Mamurius vorstellte und ganz
unbekümmert mit Stangen auf seinen Lederpanzer hauen und stoßen ließ. Das
Debüt der Priesterschaft bestand in einem Waffentanz und Absingung von
uralten Liedern, deren Sprache die Gelehrten zur Zeit Cäsars bereits nicht
mehr völlig entziffern konnten. Von dem Waffentanze selber sagt Plutarch
(+Numa c. 13+): »Das Meiste bei diesem Tanze haben die Füße zu thun und man
sieht mit Vergnügen den Bewegungen der Tänzer zu, da sie nach einem
geschwinden, lebhaften Takte allerhand Krümmungen und Wendungen machen, die
eine besondere Stärke und Leichtigkeit verraten.« Noch heute dürften uns
die sog. Pyrrhischen Tänze der Arnauten und einiger anderer neugriechischer
Stämme ein analoges Bild dieser uralten kulturhistorisch interessanten
Tanzart gewähren. Die Salier waren von Dienern begleitet, denen sie in den
Pausen die Ancilia übergaben. Dionysios erzählt, wie sogar ein römischer
Prätor diesen Dienst seinem Vater ohne Widerrede leistete und dessen Schild
trug, während sechs Lictoren ihm voranzogen.
_Quirinus_ war der Genius der gesamten römischen Bürgerschaft (Quiriten).
Vor seinem Heiligtum standen zwei Myrten, als Bundessymbole, die eine die
patrizische, die andere die plebejische genannt. Sein Fest, die Quirinalia,
wurde am 17. Februar gefeiert. Dieses Fest hieß auch _das Fest der Dummen_.
Die Ursache dieses Namens gibt Ovid (+Fasten II. 475+) folgendermaßen an:
»Vernimm auch, warum derselbe Tag das Fest der Dummen heißt. Die Ursach ist
zwar gering, aber passend doch. Das Land unserer Vorfahren hatte keine
geschickten Bebauer: wilde Kriege ermüdeten die thätigen Männer. Größern
Ruhm erntete man durch Schwerdt, als durch die gekrümmte Pflugschaar; wenig
trug der Acker, von dem Besitzer nicht geachtet. Doch Dinkel säten die
Alten, und ernteten Dinkel: abgemäht brachte man Dinkel, als Erstlinge der
Ceres dar. Durch Erfahrung belehrt legten sie ihn zum Dörren ans Feuer:
litten aber durch eigne Fehler vielen Schaden. Denn statt des Dinkels
kehrten sie bald schwarze Asche zusammen, bald brannten sie wohl gar mit
Feuer ihre Hütten nieder. Daher schuf man sich die Göttin Fornax. Fröhlich
aber beten zu ihr die Landbewohner, ihre Früchte nach Ordnung zu bereiten.
Jetzt kündigt die Fornacalien mit feyerlichen Worten der Curie Maximus an:
denn einen bestimmten festlichen Tag macht er nicht. Auf dem Forum wird
jede Curie auf den vielen herumhängenden Täfelchen mit bestimmten Zeichen
angedeutet. Aber der unwissende Teil des Volkes kennt seine Curie nicht und
hält daher das zu feiernde Fest am Ende des Tages.«
Zur Seite Jupiters steht _Juno_, als Lichtgöttin auch Lucina genannt, die
Himmelsgöttin, der Genius des Weibes. Das Hauptfest derselben, die
Matronalien, wurde am 1. März, welcher Tag deshalb die Kalenden der Frauen
hieß, von den _Frauen_ gefeiert, der Sage nach zum Andenken an die Stiftung
der Ehe durch Romulus und an das Verdienst der Frauen bei Vermittelung der
Feindseligkeiten ihrer Sabinischen Väter und Brüder nach dem bekannten
Raube. Sein Hauptgegenstand war Feier der Geschlechtsliebe und Gebet um
ehelichen Segen. »Ja jetzt weicht endlich der Winter«, singt Ovid (+Fasten
III. 167ff.+), »und von lauer Sonne erwärmt thauet der Schnee. Laub vom
Froste gestreift bekleidet frisch die Bäume, und die lebende Knospe blüht
aus dem zarten Rebenschoß hervor. Jetzt auch sucht sich das dichtsprossende
Kraut, das lange die Erde barg, eine himmlische Bahn, um sich zur Luft zu
erheben. _Fruchttragend_ ist jetzt die Flur; jetzt ist die _Zeit zur
Erzeugung_: jetzt werden auf grünem Gesproß die Nester und Häuschen von
Vögeln gebaut. Mit Recht feiern Latiums Mütter diese Zeit, ihre Niederkunft
fordert Kampf und Gelübde. -- Günstig ist meine Mutter den Verlobten; drum
ehret mich die Schaar der Mütter. Bringt der Göttin Blumen! An blühenden
Kräutern ergötzt sich die Göttin: umkränzt euer Haar mit jungen Blumen!
Flehet zu ihr: Du hast uns, Lucina, das Tageslicht gegeben. Sei auch dem
Gelübde der Gebärenden hold! Doch welche Mutter schwanger ist, die bete mit
aufgelöstem Haare: die Göttin möge sanft ihre Geburt erleichtern!«
Ein anderes Fest zu ihren Ehren wurde an den Nonen des Juli bei dem sog.
Ziegenbaume gefeiert. Es war dies der alte Feigenbaum auf dem Comitium,
+ficus Ruminalis+, unter dem vor Alters die Zwillinge Romulus und Remus
von einer Wölfin gesäugt sein sollten. Die Feige (+fica+) hat übrigens noch
jetzt in Italien eine Nebenbedeutung allerintimster Natur; der italienische
Dichter Molza hat sie in einem aus wohlgefügten Terzinen bestehenden
Lehrgedicht, der sog. Ficheis, besungen und noch dazu einen sehr deutlichen
Kommentar verfaßt, in dem ebenfalls an den +ficus Ruminalis+ als +principio
della Città di Roma+ erinnert wird. Die Feige bedeutet die weibliche
»Natur«. Neben diesem Feigenbaum stand ein Ziegenbock, als Sinnbild der
männlichen Zeugungskraft. »Verehelichte, was wartest Du?« singt bei
Gelegenheit dieses Festtages Ovid in den Fasten, »Du wirst nicht durch
kräftige Kräuter, nicht durch Gebete, nicht durch Zaubergesänge Mutter
werden. Es war eine Zeit, wo nach hartem Verhängnis die Mütter nur selten
Pfänder der Geburt erzeugten. Was nützt mir's, rief Romulus, neun
sabinische Mädchen geraubt zu haben. Da sprach die Göttin (Juno) in ihrem
Haine wundersame Worte. In italische Mütter, rief sie, dringe ein haariger
Bock ein! Es staunte der Haufe erschreckt über die zweideutigen Worte. Ein
Seher war da; sein Name ist vergessen, er war eben als Fremdling aus
etruskischem Lande gekommen. Dieser schlachtet einen Bock; auf seine
Belehrung reichten die Frauen ihren Rücken zum Schlag mit den
ausgeschnittenen Riemen dar. Der Mond nahm bei dem zehnten Umlauf neue
Hörner wieder, und es waren Gatten auf einmal Väter und Verehelichte
Mütter.«
Zu diesem Feigenbaum also wallfahrteten die römischen Matronen, unter
ausgelassenen Scherzen, (ich erinnere an die griechischen Thesmophorien
S. 531), allerlei männliche, glückbringende Namen rufend, wie Lucius, Gajus
u. s. w. Beim Feigenbaum angelangt verrichtete man ein Opfer, wobei Saft
des Feigenbaums anstatt der Milch gebraucht wurde, und schmauste, von
seinen Ästen beschattet und mit seinen Zweigen geschmückt.
Weil der Ziegenbock Symbol männlicher Zeugungskraft war, so galt die
Berührung alles dessen, was von ihm kam, als ein Mittel, die Fruchtbarkeit
zu fördern und den Einflüssen dieselbe hindernder Dämonen entgegenzuwirken.
Ein ähnliches Fest, das zugleich die römische Religion als eine
ursprüngliche _Hirten_religion kennzeichnet, waren die Lupercalien.
In der Nähe jenes sog. Ziegenfeigenbaums war nämlich auch dem Gotte
Lupercus ein Altar errichtet, der im Bildnisse nackt und mit einem
Ziegenfell um die Schultern dargestellt war. Dieser Gott war, wie richtig
Hartung vermutet, ebenso wie der Seher und Augur Picus nur eine gleichsam
zur besonderen Person verdichtete losgetrennte Eigenschaft des Mars.
Seine Gattin Luperca war die Wölfin, die dem Romulus und Remus sich als
Amme bot. Im Jahre 446 wurde zum Andenken an jene mythische Begebenheit ein
Erzbild derselben mit den saugenden Zwillingen bei dem Feigenbaum
aufgestellt. Dieses Erzbild ist bis auf den heutigen Tag erhalten, die
berühmte Wölfin des Kapitols.
Offenbar handelt es sich bei Lupercus und Luperca, also Wortbildungen von
+lupus+ und +lupar+, ebenfalls nur um Symbolisierungen des männlichen und
weiblichen Begattungstriebes; +lupa+ bedeutet sowohl Wölfin als Buhlerin;
daher auch die Ableitung +lupanar+, worüber jedes Lexikon Auskunft erteilt.
Lupercus führte auch den Zunamen Innuus (von +inire+ = Bespringen).
Am 15. Februar fanden sich nun beim Feigenbaum zwei Priesterkollegien ein,
die sog. Fabii und Quinctilii, Jünglinge aus patrizischen Geschlechtern,
verrichteten ein Opfer von Ziegen und jungen Hunden, Tieren die sich durch
starken Begattungstrieb auszeichnen, zerschnitten die Ziegenfelle in Lappen
und Riemen, gebrauchten erstere zur oberflächlichen Umhüllung ihres sonst
nackten Körpers und nahmen letztere als Geißeln zur Hand, mit denen sie
dann die Stadt durchliefen und alle Frauenzimmer, die ihnen begegneten,
schlugen. Besonders solche, die an Unfruchtbarkeit litten, stellten sich
ihnen gerne in den Weg. Vgl. Shakespeare's +Julius Cäsar I. 2+. Cäsar:
»Vergeßt, Antonius, nicht in Eurer Eil',
Kalpurnia zu berühren; denn es ist
Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber,
Berührt bei diesem heil'gen Wettlauf
Entladen sich des Fluchs.«
Von dieser symbolischen Handlung, die man +inire+ oder auch +februare+
nannte, erhielt nicht nur der Monat Februar, in dem sie stattfand, seinen
Namen, sondern auch Juno, der die Ehe heilig war, wurde _Februata_
genannt, und wiederum nannte man das Ziegenfell, weil die Bildnisse der
Göttin gleichfalls mit demselben bekleidet waren, _Rock der Juno_.
Außerdem führte Juno, als Ehegattin, den Beinamen Juga, auch Unxia;
letztere Bezeichnung hing mit einer Ceremonie zusammen, von der das Wort
+uxor+ = Ehefrau abgeleitet ist.
Wenn nämlich die Jungfrau bei der Hochzeit die Schwelle des Hauses ihres
Gatten überschritt, mußte sie zuvor die Pfosten mit Wolle umwinden und mit
Öl oder Fett salben (+ungere+). Ein weiterer Zuname war Cinxia, weil der
Leib der neuvermählten Jungfrau mit einem wollenen Gürtel gebunden war,
dessen Knoten der Bräutigam zu lösen hatte.
Der Juno untergeordnete Hilfsgenien waren _Subigus_ (+id est deus qui
adest, ut nova nupta a viro subigatur+), _Prema_ (+id est dea, quae facit,
ut ne virgo se commoveat, quando a sponso premitur+), _Pertunda_ (+id est
dea, quae in primo concubitu naturam feminae pertundere dicitur+), und
endlich _Perfica_ (welches Wort entweder mit +fica+, siehe oben S. 634,
oder mit +perficere+ = vollenden zusammenhängt).
Man sieht also, wie die Römer den Akt der Begattung bis aufs einzelste
analysierten und besondere Genien darfür aufstellten.
Nach der Konzeption war es wieder Juno _Fluonia_, die den +menses+ Einhalt
that, bis endlich Juno Lucina die Geburt ans Tageslicht förderte.
Übrigens war es nicht bloß die Fruchtbarkeit, sondern auch die _Heiligkeit_
der Ehe, die dieser Göttin am Herzen lag. Unkeuschheit und alle ungeordnete
Befriedigung des Geschlechtstriebes war ihr ein Gräuel. Ein Gesetz des Numa
lautet also:
»Eine Buhlerin soll den Altar der Juno nicht anrühren: thut sie es, so soll
sie der Juno mit herabhängenden Haaren ein weibliches Lamm schlachten.«
Ungeachtet all der unverhüllten Natürlichkeit, die aus den mitgeteilten
Kultushandlungen hervorleuchtet, galt bekanntlich den alten Römern die Ehe
in demselben Maße als heilig, in dem sie den späteren Römern der Kaiserzeit
profan und frivol war; die gestörte Eintracht zwischen den Ehegatten stellt
Juno Conciliatrix oder Viriplaca wieder her, die einen Tempel auf dem
Palatin besaß; und da sie die Ehen beständig erhielt, verdiente sie auch
den Beinamen Manturna; es ist bekannt, daß in Rom fünfhundert und zwanzig
Jahre lang keine Ehescheidung vorfiel.
* * * * *
Eine spezifisch römische Gottheit war sodann der zweiköpfige _Janus_. Ihn
charakterisieren wir wohl am besten, mit den Worten Ovids (+Fasten I.
90ff.+): »Doch für welchen Gott soll ich Dich ausgeben, zweigestalteter
Janus? Denn kein dir ähnliches Wesen besitzt Griechenland. Sage zugleich
die Ursache, warum du allein von den Himmlischen das was dir von hinten
ist, erblickst, und das, was vorn ist. Ich nahm die Tafeln, und als ich es
bei mir im Sinne überdachte, schien mir heller als vorher meine Wohnung zu
sein. Darauf erschien plötzlich der heilige Janus, wundersam zu schauen,
mit doppeltem Bilde, darstellend meinen Augen sein zwiefaches Antlitz. Ich
staunte, fühlte vor Angst erstarrt meine Haare, und eiskalt mein Herz vom
überraschenden Schauer. Er, ein Scepter in der Rechten, und in der Linken
einen Schlüssel, sprach aus dem vorderen Antlitz zu mir diese Worte:
Entferne deine Furcht, o Sänger, der du bemüht um die Tage bist, höre, was
du bittest, und fasse meine Worte in deine Seele. Mich nannten die Alten
(denn ein uraltes Wesen bin ich) Chaos. Siehe, welche längst vergangene
Begebenheiten ich verkündige! Diese durchsichtbare Luft und die noch dann
übrigen Körper, Feuer, Wasser und Erde, waren einst nur ein Chaos. Sobald
aber diese Masse in einem Streite ihrer Lage sich trennte, und aufgelöst in
neue Wohnörter ging, so erhob sich das Feuer in die Höhe, der benachbarte
Raum nahm die Luft ein, und im mittlern Raume lagerten sich das Meer und
die Erde. Damals nahm ich wieder, der ich eine Kugel gewesen war und eine
bildlose Masse, Gestalt an, und göttliche Glieder. Auch noch jetzt ist ein
kleines Merkmal der einst verwirrten Gestalt übrig; denn es wird an mir
dieselbe Gestalt vorwärts und rückwärts gesehen. Vernimm nun die andere
Ursache der angenommenen Gestalt, damit du diese und meine Geschäfte
kennest. Alles, was du nur siehst, Himmel, Meer, Wolken und Erde, ist alles
von meiner Hand verschlossen oder steht offen durch sie: bei mir allein ist
die Bewachung der weiten Welt, und mein ist das Recht, die Angeln zu
drehen. Wenn es gefällt, aus ruhiger Wohnung den Frieden zu schicken, so
wandelt er frei und ununterbrochen auf der ganzen Erde; aber von
mordbringendem Blute wird der weite Erdkreis erfüllt werden, wenn nicht
starrende Schlösser die erregten Kriege verwahren. Ich bewache die Thore
des Himmels mit den gütigen Horen, und selbst Jupiter geht und kehrt zurück
durch meinen Dienst. Darum werde ich Janus genannt; und bringt mir der
Priester auf den Altar cerealische Kuchen und mit Salz vermischten Dinkel:
so wirst du meine Namen belachen, denn bald heiße ich dann im Munde des
Priesters Patulcius und bald Clusius. Denn wisse, es wollte jenes rohe
Altertum durch den abwechselnden Namen meine verschiedenen Ämter andeuten.
Erzählt hab ich dir meine Gewalt: so vernimm nun den Grund meiner Bildung.
Doch auch du erkennst ihn schon zum Teil. Jede Thür hat von innen und außen
doppelte Seiten, deren eine nach dem Volke, die andere aber nach dem
Hausgotte blickt. Und so wie bei euch der Wächter der Thür, sitzend an der
Schwelle des Eingangs des Hauses, allein Aus- und Eingang bemerkt: so
erblicke auch ich, der Pförtner des himmlischen Hofes, die Gegenden von
Osten und Westen zugleich. Hekates Antlitz siehst du nach dreien Seiten zu
wenden, um die in drei Wege zerschnittenen Straßen zu schützen; drum kann
auch ich, um durch des Nackens Beugung nicht Zeit zu verlieren, ohne des
Körpers Bewegung nach zwei Seiten blicken. So sprach er, und zeigte durch
Miene, daß er, wenn ich wünschte noch mehr zu erforschen, sehr bereitwillig
gegen mich sein würde. Mut faßte ich, und dankte unerschrocken dem Gotte,
und sprach wenige Worte zur Erde hinschauend: Sage mir, wohlauf, warum das
neue Jahr mit Kälte beginnt, das wohl besser mit dem Frühling begänne; dann
blüht alles, dann ist das Alter der Zeit verjüngt; und aus
fruchtschwangerem Rebenschoß bläht sich der junge Keim: der Baum wird von
neu gesproßten Reben bekleidet, und ragend erhebt sich über den Boden der
Halm der Saat: Vögel bezaubern dann auch die laue Luft mit Konzerten, und
auf den Wiesen spielt und ist fröhlich das Vieh. Dann ist lieblich die
Sonne und es naht sich die fremde Schwalbe, und erbaut unter erhabenem
Gebälk ihr Häuschen aus Koth. Dann läßt der Acker Bestellung zu, und wird
durch den Pflugschar verjüngt. Dieses müßte mit Recht des Jahres
Verjüngung heißen. Wortreich hatt' ich gefragt: er aber, ohne mich lange zu
verweilen, schränkte seine Rede auf diese zwei Verse ein:
Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter;
Gleich ist der Anfang, den nimmt Phöbus zugleich mit dem Jahr. --
Aber warum bist du im Frieden verborgen, und warum eröffnest du deinen
Tempel bei erregten Kriegen? Er weilte nicht; vom Gefragten gab er mir den
Grund an. -- Damit dem Volke, wenn es zum Krieg geeilt ist, die Rückkehr
offen stehe, steht auch meine Thür offen und das Schloß ist hinweg. Im
Frieden verschließ' ich die Thore, damit nirgends der Ausgang vergönnt sei;
und lange werde ich unter Cäsars göttlichem Schutze verschlossen bleiben.
Sprachs, und erhebend die Augen, die hier und dort hinblickten, sah er
alles, was auf dem weiten Erdkreise lebte. Friede wars, und schon hatte der
Rhein, die Ursache deines Triumphs, Germanikus! dir seinen Strom zur
Knechtschaft übergeben. O Janus, mache ewig den Frieden, und ewig dauernd
die Friedensstifter; und gewähre, daß der Dichter sein Werk nicht
unvollendet lasse!«
* * * * *
Unmittelbar an Janus reiht sich der Gott _Saturn_.
Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich sämmtliche Götter in
früheren Zeiten als Könige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war
auch Janus ein italischer König; während seiner Regierung kam Saturn nach
Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenüber dem
Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg
hieß. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner
Italiens den _Ackerbau lehrte_, sie von der wilden Lebensweise entwöhnte
und zur Ordnung und friedlichen Beschäftigung anleitete. Er vertritt also
bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche
Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war das _goldene
Zeitalter_. Zur Erinnerung daran feierten die Römer im Dezember, wo man die
Feldarbeiten des verflossenen Jahres sämtlich beendet und die des neuen
noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an
dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens für einen Tag wieder
aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit
herrschen, wie in jenen Tagen. Darum ließ man während seiner Feier die
Sklaven in Herrenkleidern und Hüten gehen, die das Zeichen der Freiheit
waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr
selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum
gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien
Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich
reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und
Bilderchen geschenkt wurden.
Überall ertönte der jedes böse Omen verscheuchende Ruf: +Io Saturnalia! io
bona Saturnalia!+ Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im
Karneval.
Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung
Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher später von den
meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der
alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus.
Als solcher eröffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die
Viehzucht beschützender Götter und Göttinnen.
Seine Gattin zunächst heißt _Ops_, gleichbedeutend mit Fülle, Reichtum und
Wohlstand.
Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgöttinnen.
Endlich wurden frühzeitig aus Griechenland eingeführt _Ceres_, _Liber_ und
_Libera_.
Daß _Ceres_ sehr früh rezipiert worden, bezeugt Cicero (+p. Balb. 24+):
»Den Dienst der Ceres«, sagt er, »haben unsere Altvordern mit großer
Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland
entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen
ausgeübt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person,
welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen
wurde, so wollten sie dennoch, daß dieselbe die Opfer, die zum Heile der
Bürger gebracht wurden, auch als Bürgerin verrichte, um die unsterblichen
Götter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer
Frömmigkeit zu verehren. Ich finde, daß diese Priesterinnen gewöhnlich aus
Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals
mit Rom im Bündnis standen.«
Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen
Demeter trat, -- sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar --,
anzudeuten, daß die fremde Göttin mit einer schon bekannten einheimischen
verschmolzen worden ist.
_Liber_ und _Libera_ sind Bacchus und Ariadne.
Das Wort Liber »frei« scheint anzudeuten, daß die Sendung des Bacchus im
Sinne einer freieren Lebensführung aufgefaßt wurde. An seinem Feste, den
Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Römer ihr
kindliches Kleid mit der männlichen Toga. Auffällig ist auch, daß +liberi+
die Kinder und +liberi+ die Freien ein lateinisches Wort sind, wie
+Hartung, Religion der Römer S. 138+, bemerkt, »hat um der guten
Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit für das höchste Gut des
Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet.« Varro freilich deutet
das Wort auf den zügellosen Liebesgenuß und die Ausgelassenheit, die bei
der Verehrung dieser Gottheiten üblich war, in sehr drastischer
Ausdrucksform (»Liber«, +qui marem effuso semine liberat+, Augustin
VII. 2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Süditalien, eine
mindestens so zügellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in
Griechenland.
»Auch die Ausomischen Landleute«, sagt +Vergil, Georg. II. 380ff.+, »feiern
nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen
Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehöhlter Rinde, rufen dich
Bacchus an in fröhlichen Liedern, und hängen dir zu Ehren
Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu
reichem Ertrage, füllen sich Thäler und Gründe und Hügel, zu denen der Gott
sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebühr des
Bacchus Lob feiern mit herkömmlichen Liedern, und ihm gefüllte Schüsseln
und Kuchen darbringen, und beim Horne geführt stehe der Bock vor dem Altar,
und sein fettes Eingeweide brate am Spieß.« Hierzu muß eine Schilderung
gefügt werden, welche Augustin (+VII. 21+) von demselben Feste entwirft:
»Welchen Grad von Schändlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist
schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzählen zu umständlich wäre, meldet
Varro, daß auf den Straßen Italiens gewisse Ceremonien mit so großer
Schändlichkeit begangen wurden, daß man zu Ehren des Liber männliche
Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch
noch etwas verschämteren Heimlichkeit, sondern auf offener Straße ihr Wesen
trieb. Denn dieses scheußliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit
großer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die
Wege und Straßen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In
dem Städtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat
gewidmet, wo alle Tage die unzüchtigsten Reden zu hören waren, bis das
Glied über den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht
war: und diesem unehrbaren Gliede mußte die ehrbarste Matrone vor den Augen
aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mußte der Gott Liber zum
Gedeihen der Aussaaten günstig gemacht, so der Einfluß böser Dämonen von
den Feldern getrieben werden, daß die Matrone auf offener Straße zu thun
gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn
Matronen zusähen!«
* * * * *
Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in
Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so
schreibt z. B. in seiner Geschichte Nolas (+Historia Nolana lib. III.
c. 14+) Ambrogio Leone: »Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die
Traubenlese besorgen und überhaupt während der ganzen Weinernte voller
Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge üben sie gegen
alles gewöhnliche Maß aus, Essen, Weinlese und übermütigen Lärm. Ja, auf
dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhörlich schamlose
Worte und sprechen von unzüchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf
unsittlichste Wollust gerichtet wäre. Es ist Landessitte, diese
Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darüber mit ihnen schelten
sollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus;
keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die größte
Zügellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau
getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und
Bacchuspriester auf.«