Schwegler will drei Entwicklungsperioden seiner Lehre unterscheiden; in die

erste verlegt er die kleinen Gespräche, welche lediglich praktisch

sittliche Fragen in sokratischer Weise behandeln, so den Charmides, der die

Mäßigung, den Lysis, der die Freundschaft, den Laches, der die Tapferkeit

behandelt, und schließlich den Gorgias, der gegen die sophistische

Identificierung von Lust und Tugend, Gutem und Angenehmen gerichtet ist.

Hier haben diese rein ethischen Schriften, da sie jeder Beziehung zum

»Occultismus« ermangeln, kein Interesse. In die zweite verlegt er die als

Vermittlung mit der _Eleatik_ sich vollziehende Aufstellung und

dialektische Begründung der _Ideenlehre_.

Ihre Hauptschriften sind der Theätet, der Sophist und der Politikos, vor

allem aber der _Parmenides_. Von diesem letzteren Dialog, der ziemlich

einstimmig für den ontologisch wichtigsten von allen erklärt wird, läßt

Plato den Sokrates mit dem Eleaten Dialektik treiben, und der wesentliche

Gedankengang ist nach einem von August Niemann (+Sphinx IV. 22+) gemachten

Auszug folgendes: »Wenn ihr sagt, daß die Gottheit nur Eins sei, so stimme

ich euch zu. Als Vielheit würde Gott sich selbst sowohl gleich als ungleich

sein, sich also von sich selbst unterscheiden, was unmöglich zu denken ist.

Daran ist aber auch nichts zu verwundern, sondern die Einheit Gottes liegt

auf der Hand. Zu verwundern ist aber, daß verschiedene Begriffe, welche

unversöhnlich einander gegenüberstehen, innerhalb des All-Einen zu finden

sind. Ihr sagt freilich, daß ja auch der Mensch diese miteinander

streitenden Begriffe in sich trägt, indem er in einer Hinsicht Ähnlichkeit,

in anderer Hinsicht Unähnlichkeit besitzt, wie er auch zugleich Einheit und

Vielheit in sich trägt. Einer bin ich unter der Menge, vieles bin ich, weil

ich eine rechte und linke Seite u. s. w. habe. Aber was ich sagen will, ist

noch ein anderes. Alles, was ähnlich ist, ist insofern und in dem Grade

ähnlich, als es an der Ähnlichkeit selbst, an der Idee der Ähnlichkeit

teil hat. Durch die Parusie der Ähnlichkeit ist das Ähnliche ähnlich. Und

so ist es auch mit dem Gleichen, dem Schönen und allen derartigen. Nun kann

ja der Mensch ganz gewiß, so wie jedes Ding, zugleich an allen möglichen

Ideeen teilhaben; die Ideeen aber bleiben immer dieselben und haben nur an

sich selbst teil. _Wir müssen daher die Ideeen von den Dingen absondern_

und jedes für sich betrachten. Was mich nun, wie gesagt, in Verwunderung

setzt, ist das, daß die Ideeen, obwohl für immer geschieden, doch in der

Gottheit vereinigt sind.«

Hierauf antwortet _Parmenides_: »Wenn ich dich recht verstehe, so nimmst du

also eine für sich bestehende Idee des Gerechten, des Schönen, des Guten

u. s. w. an, und ebenso Ideeen von allem anderen, _welche gesondert von dem

sinnlich Wahrnehmbaren sind_. Zum Beispiel eine Idee des Menschen würdest

du annehmen, welcher etwas anderes ist, als irgend ein wirklich lebender

Mensch, eine Idee des Feuers, des Wassers und aller Dinge. In deinen

Gedanken entsteht eine _Ideeenwelt und diese nennst du Gott_, während du

die sinnlich wahrnehmbare Welt nur insofern benennen willst, als sie an der

Ideeenwelt teil hat. Doch habe ich meine Bedenken hinsichtlich deiner

Ansicht.« -- Als solche Bedenken führt er dann an, daß erstens, wenn alles

an den Ideeen teil habe, jedes auch an der ganzen Welt teil haben müsse.

Wenn jemand mutig sei, insofern er an der Idee des Mutes teil habe, so

müßte die Idee des Mutes, da ja alle Menschen und auch die Tiere in

größerem oder geringerem Maße mutig seien, in allen Erscheinungen ganz

auftreten, also in unzählige Vielheiten aufgelöst werden.

Zweitens würde beim Vergleich der Dinge mit den Ideeen die Parusie eines

Dritten erforderlich sein, mit welchem die Vergleichung geschähe, und das

Fortschreiten der Untersuchung würde unermeßliche Vielheiten erzeugen.

Drittens müßte die größte Schwierigkeit erst aus der Unmöglichkeit der

Erkennbarkeit der Ideeen entstehen. Denn es habe den Anschein, als ob die

Ideeen infolge der ihnen zuerteilten Beschaffenheit sich nicht bei uns

befinden könnten, weil dadurch ihr Fürsichbestehen aufhören würde, und als

ob auch diejenigen Ideeen, welche ihre Beschaffenheit nur in

Wechselbeziehung untereinander hätten, ihre Natur nur untereinander, aber

nicht in Bezug auf ihre Abbilder, die Dinge geltend machen würden. So wenig

also die Gottheit vom Menschen erkannt werden könne, so wenig könne der

Mensch von der Gottheit erkannt werden. -- _Trotz aller dieser selbst

gemachten Einwürfe schließt er mit dem Satze, daß überhaupt jede ernste

Philosophie unmöglich sei, wenn man die Ideeenlehre verwerfe._

* * * * *

Wir sind damit nicht nur bei dem schwierigsten Teile der platonischen

Philosophie, über deren Sinn noch immer die verschiedensten Auffassungen

streiten, sondern vielleicht bei dem schwierigsten Teile der Philosophie

überhaupt angelangt. Denn um diesen Angelpunkt dreht sich der immer noch

endgiltig nicht entschiedene Streit zwischen Nominalismus und Realismus,

wie man es im Mittelalter, oder Idealismus und Realismus, wie man es in

etwas verschobener Namensbedeutung bezüglich des letzteren, in der modernen

Philosophie bezeichnet. +Bruno, de umbris idearum+, und ihm folgend

+Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung II. S. 417ff.+, auch

+Dühring, krit. Geschichte der Philosophie S. 101ff.+ wollen in den

Platonischen Ideeen nichts anderes finden, als das, was wir empirisch

redend die Spezies oder Art nennen.

Unrichtig ist dies gerade nicht, aber es deckt nicht die ganze Bedeutung

der platonischen Ideeen; denn wenn dieselben auch keineswegs mit den

Allgemeinbegriffen zu verwechseln sind, und Plato gewiß keine Ideeen z. B.

von Artefakten angenommen hat, so gehören doch vor allem auch die Ideeen

der Moral und Ästhetik zur Ideenwelt, und Kant (+Kritik der reinen Vernunft

II. 1+) hebt mit Recht hervor, daß gerade auf _praktischem_ Gebiete Plato

die _vorzüglichste_ Bedeutung seiner Ideeenlehre suchte. Die große Frage

ist nun, einmal wie Plato sich das _Sein_ der Ideeen gedacht habe, ob er

sie »_hypostasiert_« und ihnen eine höhere über den Dingen schwebende, von

der empirischen Wirklichkeit getrennte Existenz zugeschrieben hat oder

nicht; sodann, wie er sich ihr Verhältnis zur Gottheit gedacht habe, welche

letztere Frage zusammenfällt mit der nach der theologischen Grundlage

seiner Weltanschauung.

Den ersten Teil dieser Frage scheint mir am klarsten und zutreffendsten

Lotze in seiner +Metaphysik S. 513+ zu beantworten:

»So wenig jemand sagen kann, wie es gemacht wird, daß Etwas ist oder Etwas

geschieht, ebenso wenig läßt sich angeben, wie es gemacht wird, daß eine

Wahrheit gelte; man muß auch diesen Begriff als einen durchaus nur auf sich

beruhenden Grundbegriff ansehen, von dem jeder wissen kann, was er mit ihm

meint, den wir aber nicht durch eine Konstruktion aus Bestandteilen

erzeugen können, welche ihn selbst nicht bereits enthielten.

Von hier aus scheint mir Licht auf eine befremdliche Angabe zu fallen, die

in der Geschichte der Philosophie überliefert wird: Platon habe den Ideeen,

zu deren Bewußtsein er sich erhoben, ein Dasein abgesondert von den Dingen,

und doch, nach der Meinung derer, die ihn so verstanden, ähnlich dem Sein

der Dinge, zugeschrieben. Es ist seltsam, wie friedlich die hergebrachte

Bewunderung des Platonischen Tiefsinns sich damit verträgt, ihm eine so

widersinnige Meinung zuzutrauen; man würde von jener zurückkommen müssen,

wenn Platon wirklich diese gelehrt und nicht nur einen begreiflichen und

verzeihlichen Anlaß zu einem so großen Mißverständnis gegeben hätte. Der

Ausdruck philosophischer Gedanken ist von der Leistungsfähigkeit der

gegebenen Sprache abhängig, und es ist kaum vermeidlich, zur Bezeichnung

dessen, was man meint, Worte zu benutzen, welche diese eigentlich nur für

Verwandtes, was man nicht meint, ausgeprägt hat, dann vorzüglich, wenn ein

neues Gebiet eröffnet wird und die Dringlichkeit der Unterscheidung des

gemeinten von jenem anderen noch wenig empfunden werden kann. Hierin

scheint mir der Grund jenes Mißverständnisses zu liegen. Nichts sonst

wollte Platon lehren, als die Geltung von Wahrheiten, _abgesehen davon, ob

sie_ an irgend einem _Gegenstande der Außenwelt_, als dessen Art zu sein,

sich bestätigen; die ewig sich selbst gleiche Bedeutung der Ideeen, die

immer sind, was sie sind, gleichviel ob es Dinge giebt, die durch Teilnahme

an ihnen sie in dieser Außenwelt zur Erscheinung bringen, oder ob es

Geister giebt, welche ihnen, indem sie sie denken, die Wirklichkeit eines

sich ereignenden Seelenzustandes geben. Aber der griechischen Sprache

fehlte damals und noch später ein Ausdruck für diesen Begriff des Geltens,

der kein Sein einschließt; eben dieser des Seins trat allenthalben, sehr

häufig unschädlich, hier verhängnisvoll an seine Stelle. Jeder für das

Denken faßbare Inhalt, wenn man ihn als etwas mit sich Einiges von anderem

Verschiedenes und Abgeschlossenes betrachten wollte, alles, wofür die

Sprache der Schule später den nicht üblen Namen des Gedankendinges erfunden

hat, war dem Griechen ein Seiendes, %on% oder %ousia%; und wenn der

Unterschied einer wirklich geltenden Wahrheit von einer angeblichen in

Frage kam, so war auch jene ein %ontôs on% --; anders als in dieser

beständigen Vermischung mit der Wirklichkeit des Seins hat die Sprache des

alten Griechenlands jene Wirklichkeit der bloßen Geltung niemals zu

bezeichnen gewußt; unter dieser Vermischung hat auch der Ausdruck des

Platonischen Gedankens gelitten.

Man überzeugt sich leicht, daß alles, was von den Ideeen gesagt wird, unter

der Voraussetzung, die wir machten, sich als natürlich und notwendig

ergiebt, und daß die verschiedenen Wendungen, die in der Darstellung ihres

Wesens genommen werden, eben darauf hinauslaufen, den Begriff, zu dessen

Bezeichnung ein einziger Ausdruck fehlte, durch viele einander zu Hilfe

kommende und beschränkende zu erschöpfen. Ewig, weder entstehend noch

vergehend (%aidia, agennêta, anôlethra%), mußten die Ideeen genannt werden

gegenüber dem Fluß des Heraklit, der auch ihren Sinn schien mit sich

fortreißen zu sollen; die Wirklichkeit des Seins allerdings kommt ihnen

bald zu, bald nicht zu, je nachdem vergängliche Dinge sich mit ihnen

schmücken oder nicht; die Wirklichkeit der Geltung aber, welche ihre eigne

Weise der Wirklichkeit ist, bleibt unberührt von diesem Wechsel; diese

Unabhängigkeit von aller Zeit, in Vergleichung gebracht mit dem, was in der

Zeit entsteht und vergeht, konnte nicht wohl anders als durch das zeitliche

und doch die Macht der Zeit negierende Prädikat der Ewigkeit ausgesprochen

werden, ebenso wie wir das, was an sich nicht gelte und gelten könnte, an

seinem Niemalsvorkommen in aller Zeit am leichtesten erkennen würden.

Trennbar oder getrennt von den Dingen (%chôris tôn ontôn%), heißen die

Ideeen zunächst begreiflich, weil das Bild (%eidos%) ihres Inhalts unserer

Erinnerung vorstellbar bleibt, auch nachdem in der Wirklichkeit des Seins

die Dinge verschwunden sind, durch deren Anregung es in uns entstanden war;

dann aber, weil unter jenem Inhalt nur das verstanden war, was in

allgemeiner Gestalt faßbar, in verschiedenen Erscheinungen der äußern

Wirklichkeit sich selbst gleich vorkommt, und deshalb unabhängig ist von

jedem einzelnen Beispiele seiner sinnlichen Verwirklichung. Aber es war

nicht die Meinung Platons, daß die Ideeen nur von den Dingen unabhängig,

dagegen in ihrer Weise der Wirklichkeit abhängig sein sollten von dem

Geiste, welcher sie denkt; Wirklichkeit des Seins genießen sie freilich nur

in dem Augenblicke, in welchem sie, als Gegenstände oder Erzeugnisse eines

eben geschehenden Vorstellens, Bestandteile dieser veränderlichen Welt des

Seins und Geschehens werden; aber wir alle sind überzeugt, in diesem

Augenblicke, in welchem wir den Inhalt einer Wahrheit denken, ihn nicht

erst geschaffen, sondern nur ihn anerkannt zu haben; auch als wir ihn nicht

dachten, galt er und wird gelten, abgetrennt von allem Seienden, von den

Dingen sowohl als von uns, und gleichviel, ob er je in der Wirklichkeit des

Seins eine erscheinende Anwendung findet oder in der Wirklichkeit des

Gedachtwerdens zum Gegenstand einer Erkenntnis wird; so denken wir alle von

der Wahrheit, sobald wir sie suchen und suchend vielleicht ihre

Unzugänglichkeit für jede wenigstens menschliche Erkenntnis beklagen; auch

die niemals vorgestellte gilt nicht minder, als der kleine Teil von ihr,

der in unsere Gedanken eingeht. In etwas anderer Form, und gegen

Protagoras, wird die selbständige Geltung der Ideeen hervorgehoben, wenn

sie als an sich seiend was sie sind (%auta kath' auta onta%) der

Relativität entzogen werden, in die sie der berühmte Ausspruch dieses

Sophisten verwickeln wollte. Zugegeben selbst, daß die Lehre desselben, auf

sinnliche Empfindungen beschränkt, ihre gute Gültigkeit hat, und daß Platon

sie in dieser Beziehung mißverständlich bekämpft, zugegeben also, daß jede

sinnliche Empfindung für den, der sie hat, so gut eine Wahrheit ist, wie

eine abweichende andere für den, der diese andere hat, so würde doch Platon

mit Recht behaupten, weder der eine noch der andere könne diese oder jene

Empfindung haben, ohne daß dasjenige, was er in ihr empfindet, Rot oder

Blau, Süß oder Bitter, ein an sich Etwas und immer dasselbe Etwas

bedeutender Bestandteil einer Welt von Ideeen sei; sie bildet gleichsam den

beständigen unerschöpflichen Vorrat, aus dem jedem Dinge der Außenwelt

alle die noch so verschiedenen Prädikate, mit denen es sich wechselnd

bekleidet, und ebenso jedem Geist die verschiedenen Zustände zugeteilt

werden, die er soll erfahren können; unmöglich ist es dagegen, daß ein

einzelnes Subjekt etwas empfinde oder vorstelle, dessen Inhalt nicht in

dieser allgemeinen Welt des Denkbaren seine bestimmte Stelle, seine

Verwandtschaften und Unterschiede gegen anderes ein für allemal besäße,

sondern eine zu dieser ganzen Welt beziehungslose, nirgends sonst heimische

Sonderbarkeit dieses einen Subjekts bliebe. Ist nun durch diese Ausdrücke

für die selbständige Gültigkeit der Ideen gesorgt, so ist auch hinlänglich

vorgebaut, daß diese Gültigkeit nicht mit der Wirklichkeit des Seins

verwechselt werde, die nur einem beharrlichen Dinge zugeschrieben werden

könnte. Wenn die Ideeen in einem intelligiblen überhimmlischen Ort

(%noêtos, hyperouranios topos%) ihre Heimat haben sollen, wenn sie

anderseits ausdrücklich noch als nirgends wohnend bezeichnet werden, so ist

für jeden, der die Anschauungsweise des griechischen Altertums versteht,

vollkommen hinlänglich ausgedrückt, daß sie zu dem nicht gehören, was wir

reale Welt nennen; was nicht im Raume ist, das ist für den Griechen nicht,

und wenn Platon die Ideeen in diese unräumliche Heimat verweist, so liegt

darin nicht ein Versuch, ihre bloße Geltung zu irgend einer Art von

seiender Wirklichkeit zu hypostasieren, sondern die deutliche Anstrengung,

jeden solchen Versuch von vornherein abzuwehren. Auch dies steht nicht

entgegen, daß die Ideeen als Einheiten (%henades, monades%) aufgeführt

werden; denn keine Veranlassung liegt vor, diese Bezeichnung in dem Sinne

atomistischer Vorstellungen, sei es auf körperliche Unteilbarkeit, sei es

auf eine der Persönlichkeit ähnliche Selbstheit zu deuten; vielmehr dem

Sinne jeder Idee, und nicht jeder einfachen blos, sondern auch jeder

zusammengesetzten, kommt es zu, durch Vereinigung des in ihm

zusammengehörigen und durch Ausschließung alles Fremden sich als Einheit zu

beweisen. Dennoch aber, obgleich alle diese Äußerungen darin

übereinstimmen, daß Platon _nur_ die ewige _Gültigkeit_ der Ideeen,

_niemals_ aber ihr _Sein_ behauptete, dennoch blieb ihm auf die Frage: was

sie denn seien, zuletzt nichts übrig, als sie doch wieder unter den

Allgemeinbegriff der %ousia% zu bringen, und so war dem Mißverständnis eine

Thür geöffnet, das seitdem sich fortgepflanzt hat, obschon man nie

anzugeben wußte, was denn das eigentlich sei, wozu Platon durch die ihm

schuld gegebene Hypostase seine Ideeen hypostasiert haben sollte.«

* * * * *

Über das Verhältnis der Ideeenwelt zur Gottheit und die »theologische«

Seite des »Systems«, -- wenn man bei Plato von einem System reden darf --,

geben uns diejenigen Schriften Auskunft, welche in die von Schwegler

angenommene _dritte_ und letzte Periode seiner Entwicklung fallen, nämlich

in die Zeit nach seiner Heimkehr in die Vaterstadt bis zu seinem Tode; es

sind dies in erster Linie der Phädrus, Philebus, die Republik und der

Dialog von den Gesetzen. Äußerlich kennzeichnet diese Schlußperiode seines

geistigen Schaffens sich durch das Überhandnehmen der mythischen Form.

Die wichtigsten hier in Betracht kommenden Sätze sind folgende: Den

Schöpfer und Vater des Weltalls zu finden, ist schwer, und wenn man ihn

gefunden, mit allen darüber zu sprechen, unmöglich: alte heilige

Überlieferungen bezeichnen ihn als den Gott der Götter, der nach Gesetzen

regiert, als den Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge. In der Natur

dieses Gottes wohnt eine königliche Seele, und in dieser ein königlicher

Verstand, welcher die oberste Ursache alles Guten, Wahren und Schönen ist.

Alle Wesen stimmen darin überein, daß dieser bewunderungswürdige Verstand

der König des Himmels und der Erde sei; daß nicht wie die Menge wähnt, eine

blind wirkende Natur und Notwendigkeit, sondern der göttliche seiner selbst

bewußte Verstand, um eines guten Endzwecks willen, das Weltall geordnet

habe, und daß ohne Gott diese Weltordnung ganz unmöglich wäre.

Wie nun ein Künstler, bevor er sein Kunstwerk sinnlich ausführt, sich zuvor

eine Idee desselben bildet, nach welcher er das Werk ausführt: so hat auch

Gott, der größte und beste aller Künstler, ehe er diese sichtbare Welt und

in ihr die einzelnen Dinge gebildet, zuvor die Ideeen derselben konzipiert,

und diese göttlichen Ideeen und geistigen Vorbilder sind das der

Erscheinungswelt vorangehende, wahre, ewige, allein reale Wesen der Dinge;

die einzelnen sogenannten wirklichen Dinge, die wir durch die Sinne

wahrnehmen, sind nur Abbilder, vorübergehende vergängliche Erscheinungen

jener göttlichen Ideeen. Es giebt also zwei Welten, eine göttliche

Ideeenwelt, die Welt der ewigen substanziellen Gedanken Gottes, und eine

irdische Erscheinungswelt, die Welt der wandelbaren Formen; die Welt des

ewig Seienden und ewig sich Gleichbleibenden, und die Welt des zeitlichen

Werdens, des Entstehenden und Vergehenden, der Zeugung und des Todes. Die

erscheinenden Dinge in dieser Welt sind nur die Wirkungen der wahren

Existenzen in jener Welt; jedes Ding hat seine Idee in Gott, diese

göttlichen Ideeen sind das Original, die irdischen Phänomene die Kopieen.

In der Ideeenwelt aber ist die oberste nur mit Mühe erkennbare Ursache

alles Wahren und Schönen die Idee des Guten, der Urheber des Guten aber ist

Gott, der sich selbst immerdar gleich und mit sich identisch ist, und der

allein auch vollkommenste Erkenntnis besitzt.

Wäre dieser Gott neidisch, so hätte er sich an sich selbst genügen lassen

und nichts außer sich ins Leben gerufen; da er aber nicht neidisch, sondern

neidlos gütig ist, so hat er auch das Nichtsein an dem Reichtum seines

Seins teilnehmen, und das Einzelne, Unvollkommene um der Vollkommenheit und

Glückseligkeit des Ganzen willen entstehen lassen: er hat gleichsam wie ein

reicher Mann ein armes Mädchen, das Nichtseiende sich zur Braut erwählt und

mit ihr, aus Liebe, die Welt erzeugt. Die Unvollkommenheit aller irdischen

Dinge hat daher ihren Grund darin, daß in ihnen zwar etwas Göttliches,

Ewiges, Wirkliches, aber auch etwas Ungöttliches, Vergängliches, Nichtiges;

daß in ihnen Sein und Nichtsein, Freiheit und Notwendigkeit gemischt ist.

Das Nichtsein, aus dem die Dinge hervorgerufen sind, klebt ihnen noch an,

ja es ist ganz unmöglich, daß sie absolut vollkommen seien; denn nur Gott

ist dieses, nichts geschaffenes. Man muß demnach zwei Arten von Ursachen

unterscheiden, eine naturnotwendige, leibliche, und eine göttliche,

seelische: die göttliche muß man in allen Dingen aufsuchen, um, so viel die

menschliche Natur es zuläßt, ein glückseliges Leben zu erlangen; die

naturnotwendige aber nur um jener willen. Die göttliche ist die eigentliche

Ursache, die naturnotwendige die Hilfsursache zur irdischen Geburt. Die

stofflichen Entstehungsgründe oder Urelemente der Dinge, des Menschen wie

aller übrigen Wesen, lassen eine logische Erklärung nicht zu, es ist

unmöglich, diese Urstoffe durch Worte zu definieren, sie sind ihrer Natur

nach unerklärlich, unsere Sprache hat für sie kein adäquates Wort.

Der Mensch nun, das am meisten zur Gottesverehrung befähigte unter allen

Geschöpfen, ist ursprünglich nicht eine irdische, sondern eine himmlische

Pflanze; unter allen Besitztümern, die er hat, ist nächst den Göttern seine

Seele sein wertvollstes göttlichstes Eigentum, ja das eigentliche Wesen des

Menschen: ihre Ausbildung ist daher Menschen und Göttern das teuerste: denn

ihr allein kommt, wie die Priester und alte göttliche Dichter lehren,

wahres unsterbliches Sein zu: sie gehört zu den ersten Existenzen, und ist

älter und früher als alle Körper, und hat vor ihrem gegenwärtigen Leben in

einer höheren Region gelebt und die Wahrheit geschaut: so daß, da die ganze

Natur unter sich verwandt ist, was sie in dem irdischen Leben lernt,

eigentlich nur eine Wiedererinnerung dessen ist, was sie in einem

vorirdischen Leben schon einmal gewußt hat. In der Seele aber, als die

oberste Seelenkraft wohnt der reine denkende Geist, der, wie er vom Himmel

in den Menschen herabgekommen ist, den Menschen auch wieder von der Erde in

den Himmel emporhebt, als der einem jeden von Gott geschenkte Schutzgeist.

Dieser spezifisch geistige Teil der menschlichen Seele, der göttliche Geist

in uns, läßt sich nicht genügen an dem Einzelnen, Vielen, Veränderlichen,

Sinnlichen, sondern fühlt sich erst dann befriedigt und gesättigt, wenn er

vorgedrungen ist bis zu dem Urgrunde, der ewigen Wesenheit der Dinge und

der ewigen Wahrheit, welchen beiden er selbst verwandt und homogen ist.

Liebe zu dem ewig Seienden, zu der ewigen Weisheit, und zu der ewigen

Wahrheit, sind dem Menschen von Natur eingeboren: sein denkender Geist

strebt ebenso natürlich nach Erkenntnis der Wahrheit, wie das sonnenartige

Auge des Menschen nach Licht; und wie diesem die Finsternis, so ist jenem

die Unwissenheit zuwider. Die echt philosophischen Naturen haben darum ihr

Denken nicht auf die Welt des Werdens, sondern auf das ewig und

unveränderlich Seiende gerichtet: sie sind vor allem bestrebt die ewige

Wesenheit der Dinge zu erkennen, die obersten Ursachen in der göttlichen

Ideenwelt; nicht dasjenige, was zwischen Entstehen und Vergehen hin und her

schwankt, die vorübergehende Erscheinungswelt.

Dieses ist das ursprüngliche Verhältnis der menschlichen Seele und in

dieser des menschlichen Geistes zu Gott und dem Weltall. Ursprünglich, in

Kraft und Fortwirkung ihres göttlichen Ursprungs, sind die Menschen viel

wahrhaftiger, großherziger, vollkommener gewesen als später, wo der Anteil

Gottes in ihnen, durch die fortgesetzte Vermischung mit der sterblichen

Natur, immer schwächer geworden, und der menschliche Charakter immer

stärker hervorgetreten ist. So kommt es, daß jetzt allerdings, wie der

Meerdämon Glaukos von dem Seewasser angefressen und durch das Seetang und

Muschelwerk, was sich ihm angesetzt, fast unkenntlich geworden ist, auch

die menschliche Seele in dem gegenwärtigen Leben, in dem Meer der

Todeswelt, durch vielfache Übel ihre ursprüngliche Reinheit und Schönheit

fast ganz verloren hat, und wenn sie diese wiedergewinnen will, zuerst aus

dem Meere, in welchem sie versunken ist, sich erheben und alles ihr

fremdartige Anhängsel abwerfen muß. Reinigung der Seele von den

Leidenschaften, Loslösung von den Banden des Leibes und allem Irdischen,

ist darum die notwendige Vorbedingung jedes echten Philosophierens. Denn

nur mit reiner Seele können wir das Reine, Wahre, Ewige berühren, nur dann

mit der Seele selbst das wahre ewige Wesen der Dinge schauen und erkennen.

Wer darum wahrhaft philosophisch gesinnt, und wirklich in Freiheit und Muße

auferzogen ist, der trachtet so schnell als möglich aus dem Irdischen in

das Überirdische sich zu flüchten. Diese Flucht bringt ihn dann zur

möglichst größten Verähnlichung mit Gott, diese Verähnlichung aber besteht

darin, daß er mit Wissen und Willen gerecht und fromm ist. Dieses zu

erkennen ist die wahre Weisheit und Tugend; darin unwissend zu sein,

offenbarer Unverstand und Schlechtigkeit.

* * * * *

Hier freilich dürfte am meisten die Lehre Platos von der _Unsterblichkeit

der Seele_ interessieren. Als Quellen kommen dafür hauptsächlich die

Dialoge »_Phaedon_«, »_der Staat_«, »_Phaedrus_«, »_Timaeus_« und das

»_Gastmahl_« in Betracht.

Im _Phaedon_ läßt er Sokrates in dem unmittelbar vor seinem Tode geführten

letzten Gespräch davon ausgehen, daß der Tod der Gegensatz des Lebens sei.

Der Tod ist eben die Trennung der Seele vom Körper, und da der Körper nur

die Wahrnehmungen trübt, ein _ersehnenswertes_ Ziel. Der Weise hofft durch

den Tod mit den Göttern und mit den dahingegangenen guten Menschen

vereinigt zu werden. Erst nach der Trennung vom Körper wird die Seele,

losgelöst von allem Sinnlichen, die Wahrheit erkennen. In den eleusinischen

Mysterien werde bildlich angedeutet, »daß, wer uneingeweiht und ungeheiligt

in den Hades kommt, im Schlamm liegen, der Gereinigte und Geheiligte aber,

wenn er dorthin kommt, mit den Göttern wohnen wird.«

Nach altem Glauben kommen die Seelen von hier in den Hades, _kehren aber

vom Hades wieder hierher zurück_.

Da alles aus Gegensätzen entsteht, der Gegensatz des Lebens aber der Tod

ist, so müssen die Seelen auch im Tode irgendwo sein, von wo aus sie wieder

zum Leben erwachen.

Wäre dem nicht so, so würde eben entweder das Lebendigsein oder das

Todtsein ausschließlich bestehen.

Ferner, da das Lernen nur Rückerinnerung ist, eine Voraussetzung, die Plato

mehrfach durch Vorführung empirischer Beispiele der sokratischen Dialektik

zu beweisen versucht, so muß die Seele, bevor sie in diesen Leib kam,

irgendwo bestanden und das, dessen sie sich jetzt im Lernen wieder

erinnert, gewußt haben.

Auf den Einwurf eines Teilnehmers am Gespräch, ob denn die Seele nicht im

Tode sich auflösen könne, erwidert Sokrates, die Seele sei nichts

Zusammengesetztes, sie sei eine der selbständigen, sich immer

gleichbleibenden Ideeen und sei wegen ihrer angeborenen Herrschaft über den

Körper dem Göttlichen gleich. Auch gehe ja nicht einmal das Körperliche im

Tode zu Grunde, löse sich vielmehr nur in seine unteilbaren Bestandteile

auf. Warum sollte die an sich unteilbare Seele zu Grunde gehen?

Übrigens gelangt nur die gereinigte Seele wieder ins Göttliche zurück, die

nicht gereinigte wird auf's neue in das irdische Gebiet des Sichtbaren

herabgezogen und hat zu ihrer Läuterung nur Wandlungen zu bestehen; ja sie

kann zu diesem Ende in Tierleiber übergehen und zwar wahrscheinlich

jedesmal in solche, die ihren im Vorleben ausgebildeten Neigungen am

meisten angepaßt sind, z. B. können Schlemmer als Schweine, Ungerechte und

Räuber als Wölfe sich »metensomatisieren.«

Heftige Begierden und Leidenschaften lenken auch die Seele auf begehrliche

und leidenschaftliche Gedanken, und solche Gedanken »nageln die Seele

gleichsam an den als Werkzeug dafür geeigneten Körper an.«

Nur der von allen Sinneseindrücken Losgelöste kann in die »Gattung« der

Götter kommen.

Auch das _sittliche_ Gefühl streite für die Fortdauer der Seele nach dem

Tode, deren Vernichtung ja nur für den Schlechten ein Gewinn sein würde.

In mythischer Einkleidung schildert Sokrates den Hades mit topographischer

Genauigkeit: Die vom Körper getrennten Seelen werden, nachdem sie ihr

Urteil vom Totenrichter empfangen, von Dämonen, die besseren von Göttern

selbst in ihre neuen Wohnsitze geleitet, welche sich je nach ihrem Vorleben

verschieden gestalten; die ganz Schlechten werden sogleich in den Tartarus

geschleudert, die Reuigen irren lange umher und werden in bestimmten

Zeitläufen in die Nähe der von ihnen gekränkten geführt, so daß sie

dieselben um Verzeihung anflehen können; wird ihnen diese jetzt oder nach

wiederholtem Irrgang zu teil, so kommen sie an bessere Wohnorte. Solche,

die zwar sträflich gelebt, aber doch Gutes aufzuweisen haben, wandern,

nachdem sie endlich gereinigt worden sind, zu neuem Lebenslauf auf die

Erde.

Nur, wer philosophisch gedacht und gelebt, kann in die reinen Sphären,

abgeklärt von allem Irdischen, gelangen. Zu solchem reinen philosophischen

Denken und Leben, zum Verzichten auf alles, was auch nur teilweise davon

ablenken könnte, mahnt Sokrates seine Schüler und schließt mit den Worten:

»schön ist der Kampfpreis und groß die Hoffnung.«

* * * * *

In dem Dialog _über den Staat_ ist der Gedankengang der

Unsterblichkeits-Spekulation folgender: Wenn etwas zu Grunde geht, so kann

dies nur durch das ihm innewohnende Schlechte geschehen; aber das der Seele

innewohnende Schlechte vernichtet ja dieselbe nicht, wie solches beim Leibe

der Fall sein kann. Der Zerstörende und Verderbende ist das Schlechte, der

Bewahrende und Nutzbringende aber das Gute; eines schließt das andere aus.

Finden wir nun etwas, das durch das Schlechte zwar geschädigt, aber nicht

vernichtet werden kann, so müssen wir das wohl für unzerstörbar halten.

_Ein solches nun ist offenbar die Seele._ Die Seele wird durch

Ungerechtigkeit und andere Schlechtigkeit allerdings gefährdet, aber zu

einer Auflösung derselben, wie dies beim Körper durch ihre betreffenden

Übel geschehe, kommt es darum bei der Seele nicht.(?) Überhaupt giebt es

für jedes Ding nur _ein_ eigentümlich Zerstörendes; so kann das Fieber nur

den Körper schädigen und zerstören, nicht aber die Seele. Nun aber (ein

Beweis wird nicht einmal versucht), meint Plato, kann die Seele weder durch

eigenes noch durch fremdes Schlechte zu Grunde gerichtet werden, ist

demnach ein immerwährendes, ein Unsterbliches.

Man sieht, wie auch hier die »Beweisführung« ebenso wie im Phädon nur in

einer sich im Kreise drehenden Beteuerung des Dogmas besteht.

Das Unsterbliche ist aber nach Plato dem Göttlichen verwandt und kann in

seiner Reinheit nur dann betrachtet werden, wenn es von allen Schlacken

vollständig befreit ist, d. h. nach der Loslösung vom Leibe. Doch schon in

diesem Leben wird das Streben nach Gerechtigkeit von den Göttern gesehen,

denen dasselbe ja nur angenehm sein kann; sie sorgen dafür, daß denen, die

nach Gerechtigkeit streben, alles, _wenn nicht hier_, -- denn hier

triumphiert oft das Ungerechte, -- so doch _nach dem Tode zum Guten

ausschlagen wird_. Auch diese Deduktion schließt mit einem vom Darsteller

selber als Gesicht eines Scheintoten bezeichneten Bericht über das

Jenseits.

»Ich werde Dir«, sagt Sokrates, »keine Erzählung eines Alkinoos mitteilen,

sondern die eines wackeren Mannes, des _Er_, des Sohnes des Armenios, eines

Pamphyliers, der einst im Kriege geblieben war und, als am zehnten Tage die

Toten, die bereits verwest waren, aufgehoben wurden, wohlerhalten

aufgehoben ward, dann nach Hause geschafft, um bestattet zu werden, am

zwölften auf dem Scheiterhaufen wieder auflebte und nach seinem

Wiederaufleben erzählte, was er dort gesehen.

Er sagte aber, er sei, nachdem seine Seele ihn verlassen, mit vielen

gewandelt und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde

zwei aneinander grenzende Öffnungen gewesen und ebenso am Himmel oben zwei

andere gegenüber; Richter aber hätten zwischen diesen gesessen, welche, je

nachdem sie ihren Urteilsspruch gethan, den Gerechten befohlen hätten, den

Weg nach rechts und nach oben durch den Himmel einzuschlagen, wobei sie

ihnen vorn Zeichen der beurteilten Thaten angeheftet, den Ungerechten

dagegen den nach links und nach unten, ebenfalls mit Zeichen hinten von

Allem, was sie gethan. Als er aber herangetreten sei, hätten sie gesagt, er

müsse den Menschen die dortigen Dinge verkünden, und sie forderten ihn auf

alles an diesem Orte zu hören und zu beschauen. Er habe nun daselbst

gesehen, wie durch jede von beiden Öffnungen im Himmel und der Erde die

Seelen fortgingen, nachdem ihnen das Urteil gesprochen, bei den anderen

aber sie aus der einen hervorkamen aus der Erde voll Schmutz und Staub, aus

der anderen aber andere rein herabstiegen aus dem Himmel. Und die jedesmal

ankommenden hätten wie von einer langen Reise herzukommen geschienen, wären

vergnügt nach der Wiese abgegangen, hätten sich da wie bei einer

Festversammlung gelagert, die sich gekannt einander begrüßt, die aus der

Erde kommenden sich bei den anderen nach den dortigen Verhältnissen und die

aus dem Himmel kommenden nach denen bei jenen erkundigt. Da hätten sie sich

nun einander erzählt, die einen unter Jammern und Thränen, indem sie sich

erinnerten, wie Vieles und Welcherlei sie gelitten und gesehen bei ihrer

Wanderung unter der Erde -- die Wanderung sei aber eine tausendjährige --

die aus dem Himmel dagegen hätten von herrlichen Genüssen erzählt und von

Anblicken von unbeschreiblicher Schönheit.

Das Meiste nun davon zu erzählen, o Glaukon, würde zuviel Zeit erfordern,

die _Hauptsache aber, sagte er, sei dieses, daß jeder für alles Unrecht,

was er jemals und gegen wen immer verübt, der Reihe nach Strafe erlitten

habe, für jedes zehnfach_ -- das aber finde statt allemal nach einem

Zeitraum von hundert Jahren, weil dieses die Dauer des menschlichen Lebens

sei, -- damit sie so zehnfach die Buße für das Unrecht entrichteten, zum

Beispiel, wenn manche am Tode Vieler Schuld waren, indem sie entweder

Städte oder Kriegsheere verrieten und in Knechtschaft gestürzt hatten, oder

sonst an einem Elend mitschuldig waren, sie von allen diesen zehnfache

Pein für jedes erduldeten, und wiederum, wenn sie irgend Wohlthaten

erwiesen hatten und gerecht und fromm gewesen waren, nach demselben

Maßstabe den verdienten Lohn erhielten. Von denen aber, die gleich nach

ihrer Geburt starben und nur kurze Zeit lebten, erzählte er anderes, was

nicht der Erwähnung wert ist. Für Ruchlosigkeit dagegen und Ehrfurcht gegen

Götter und Eltern und für eigenhändigen Mord (Selbstmord?) erwähnte er noch

größere Vergeltungen. Er sagte nämlich, er sei zugegen gewesen, wie einer

von einem anderen gefragt wurde, wo Ardiäos der Große wäre. Dieser Ardiäos

aber wäre in irgend einer Stadt Pamphyliens Gewaltherrscher gewesen,

tausend Jahre vor jener Zeit, und hatte seinen greisen Vater und älteren

Bruder getötet und noch vielen anderen Frevel verübt, wie man sagte. Der

Gefragte nun, erzählte er, habe gesagt: Er ist nicht gekommen und wird auch

nicht hierher kommen.

Wir sahen nämlich unter den schrecklichen Schauspielen ja auch dieses mit

an: Als wir nahe an der Mündung und im Begriff waren emporzusteigen und das

andere alles überstanden hatten, erblickten wir plötzlich jene und andere,

von denen fast die Meisten Gewaltherrscher waren; es gab aber auch einige

Privatleute darunter aus der Zahl derer, die große Frevel begangen hatten;

und als diese meinten, daß sie eben emporsteigen könnten, nahm sie die

Mündung nicht auf, sondern brüllte laut auf, so oft einer von den in Bezug

auf Schlechtigkeit Unverbesserlichen oder, der nicht hinreichend Strafe

erlitten, Anstalt machte emporzusteigen. Da waren nun, fuhr er fort, wilde,

feurig aussehende Männer bei der Hand, welche, als sie den Ton vernahmen,

die einen ergriffen und wegführten, dem Ardiäos aber und anderen banden sie

Hände, Füße und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften

sie seitwärts vom Wege und zerfleischten sie auf Dornen, wobei sie jedesmal

Vorübergehenden anzeigten, weswegen sie abgeführt würden und wohin sie

sollten geworfen werden. Hier nun, erzählte er weiter, sei unter vielen und

mannigfachen Ängsten, die sie gehabt, diese überwiegend gewesen, es möchte

für jeden, wenn er hinaufsteigen wollte, jener Ton sich vernehmen lassen,

und höchst vergnügt sei ein jeder, wenn er nicht vernommen worden,

hinaufgestiegen. Und die Strafen und die Züchtigungen seien irgend

derartige, und diesen wieder entsprechend die Belohnungen.

Nachdem aber denen auf der Wiese jedem sieben Tage verstrichen, müßten sie

am achten von dort aufbrechen und weiter wandern, und sie kämen am vierten

Tage dahin, von wo man von oben ein durch den ganzen Himmel und die Erde

gespanntes gerades Licht erblicke, wie eine Säule, am meisten dem

Regenbogen vergleichbar, aber glänzender und reiner; und zu diesem seien

sie gekommen, nachdem sie eine Tagereise weiter gegangen, und hätten dort

gesehen, wie nach der Mitte des Lichtes hin vom Himmel her die Enden seiner

(des Himmels) Bänder gespannt seien; denn es sei dieses Licht das Band des

Himmels, welches ebenso, wie die Gurte der Dreirudrer, den ganzen Umkreis

zusammenhalte; an die beiden Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit

gespannt, vermittelst welcher alle Umdrehungen geschehen, und an dieser sei

die Stange und der Hacken von Stahl, der Wirtel[614] aber gemischt aus

dieser und anderen Arten. Die Beschaffenheit aber des Wirtels sei folgende:

an Gestalt dieselbe, wie bei uns hier; nach dem aber, was er sagte, muß man

sich ihn so vorstellen, als wenn in einem großen, hohlen und durch und

durch ausgemeißelten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepaßt

wäre, geradeso wie die Gefäße, welche ineinander passen, und ebenso ein

anderer dritter, vierter und noch vier andere. Denn acht Wirtel seien es im

ganzen, die ineinander liegen, ihre Ränder von oben als Kreise zeigen uns

einen zusammenhängenden Rücken eines einzigen Wirtels um die Stange

herumbilden; diese aber sei mitten durch den achten hindurchgetrieben. Der

erste und äußerste Wirtel nun habe den breitesten Kreis des Randes, der

sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den

fünften der siebente, den sechsten der fünfte, den siebenten der dritte,

den achten der zweite. Und der des größten sei bunt, der des siebenten der

glänzendste, der des achten habe seine Farbe von der Beleuchtung des

siebenten, der des zweiten und fünften seien einander ähnlich, gelblicher

als jene, der dritte habe die weißeste Farbe, der vierte sei rötlich, der

zweite an Weiße der sechste. Es bewege sich aber nun bei ihrer Drehung die

Spindel ganz in ein und derselben Richtung im Kreise, bei dem Umschwunge

des Ganzen aber drehen sich die sieben inneren Kreise in einer dem Ganzen

entgegengesetzten Richtung ruhig herum, und von diesen selbst gehe am

schnellsten der achte, dann folgten und zugleich miteinander der siebente,

sechste und fünfte, als der dritte seinem Schwunge nach kreise, wie ihnen

geschienen, der vierte, als vierter der dritte und als fünfter der zweite.

_Sie selbst (die Spindel) aber drehe sich in dem Schoße der Notwendigkeit._

_Auf den Kreisen derselben ferner stehe oben auf jedem eine Sirene, welche

sich mit herumdrehe, Eine Stimme, Einen Ton von sich gebend, und aus allen,

die acht seien, stimme zusammen eine Harmonie._[615] Drei andere aber säßen

da ringsum in gleicher Entfernung voneinander, jede auf einem Throne,

nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Mören, in weißen Gewändern und

mit Kränzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zur

Harmonie der Sirenen, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwärtige,

Atropos das Zukünftige. Klotho nun greife von Zeit zu Zeit mit der rechten

Hand zu und drehe den äußeren Umschwung der Spindel mit herum, Atropos aber

wiederum mit der linken in gleicher Weise die inneren Umläufe, und Lachesis

fasse abwechselnd jeden von beiden mit jeder der beiden Hände.

Nachdem sie nun angekommen, hätten sie sogleich zur Lachesis gehen müssen.

Da habe sie ein Dolmetscher zuerst in Ordnung auseinander gestellt, dann

aus der Lachesis Schoße Lose und Muster von Lebensweisen genommen, sei

damit auf eine hohe Bühne gestiegen und habe gesagt: 'Dies ist die Rede der

Tochter der Notwendigkeit, der Jungfrau Lachesis: Ihr Eintagsseelen, es

beginnt ein anderer todtbringender Umlauf des sterblichen Geschlechts.

Nicht euch wird ein Dämon sich erlesen, sondern ihr werdet Euch einen Dämon

wählen. Wen aber zuerst das Los getroffen hat, der wähle sich zuerst eine

Lebensweise, mit der er aus Notwendigkeit verbunden sein wird. Die Tugend

aber ist herrenlos, und je nachdem sie ein Jeglicher ehrt oder

geringschätzt, wird er mehr oder weniger von ihr haben. Die Schuld trifft

den Wähler, Gott ist schuldlos.' -- Nach diesen Worten habe er nach allen

hin die Lose geworfen und jeder habe das neben ihn gefallene aufgehoben,

nur er nicht; ihm habe es jener nicht gestattet; wer aber es aufgehoben,

dem sei es klar gewesen, die wievielste Stelle er getroffen. Hierauf habe

er wiederum die Muster der Lebensweisen vor ihnen auf die Erde hingelegt,

die an Zahl die Anwesenden überstiegen, und zwar von allen Arten, nämlich

Lebensweisen von allen Tieren, ja auch die menschlichen insgesamt. Denn

Gewaltherrschaften seien darunter gewesen, teils lebenslängliche, teils

auch mitten inne zu Grunde gehende und in Armut, Verbannung und

Bettelhaftigkeit endende; ebenso auch angesehener Männer Lebensweisen,

teils wegen ihres Äußern in Bezug auf Schönheit und außerdem auf

Körperkraft und Kampftüchtigkeit, teils wegen ihrer Abstammung und ihrer

Vorfahren Tugenden, desgleichen Lebensweisen unangesehener Männer in

derselben Beziehung, und in gleicher Weise auch von Frauen; eine

Rangordnung der Seele aber habe dabei nicht stattgefunden, weil notwendig

die, welche eine andere Lebensweise wählt, eine andere Beschaffenheit

erhält; das Andere aber teils miteinander sowohl als mit Reichtum und

Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit gemischt, noch Anderes

aber liege auch in der Mitte zwischen diesen.

Hier nun, wie es scheint, lieber Glaukon, liegt die ganze Gefahr für einen

Menschen, und deswegen ist zumeist dafür Sorge zu tragen, daß jeder von uns

mit Hintansetzung der anderen Kenntnisse diese Kenntnisse sowohl suche als

lerne, ob er nämlich irgendwoher zu lernen und ausfindig zu machen imstande

ist, wer ihn fähig und kundig machen könne, eine gute und schlechte

Lebensweise zu unterscheiden und so nach Möglichkeit stets überall die

bessere zu wählen, indem er erwägt, wie sich alles jetzt eben Gesagte

sowohl miteinander zusammengestellt als getrennt in Bezug auf Trefflichkeit

einer Lebensweise verhält, und zu wissen, was Schönheit mit Armut oder

Reichtum vermischt und bei welcher Seelenbeschaffenheit sie Böses oder

Gutes bewirkt, und was edle und unedle Abkunft, Zurückgezogenheit und

Staatsämter, körperliche Kraft und Schwäche, Gelehrigkeit und

Ungelehrigkeit und alles Derartige von dem, was von Natur der Seele

anhaftet und dazu erworben ist, durch gegenseitige Vermischung bewirkt, so

daß er aus diesem Allen einen Schluß ziehend in Hinblick auf die Natur der

Seele imstande ist, die schlechtere und die bessere Lebensweise zu wählen,

schlechter diejenige nennend, welche sie (die Seele) dahin führen wird, daß

sie ungerechter, besser aber diejenige, welche dahin, daß sie gerechter

wird; alles Übrige aber wird er unbeachtet lassen. Denn wir haben gesehen,

daß dieses sowohl für das Leben als nach dem Tode die beste Wahl ist.

Unerschütterlich fest also an dieser Meinung muß er hängen und so in den

Hades gehen, damit er sich auch dort nicht von Reichtum und derartigen

Übeln aus der Fassung bringen lasse und nicht in Gewaltherrschaften und

andere dergleichen Geschäfte geratend viel unheilbares Übel anrichte,

selbst aber noch größeres erdulde, sondern immer die zwischen solchen in

der Mitte stehende Lebensweise zu wählen verstehe und das Übermaß nach

beiden Seiten hin zu meiden sowohl in diesem Leben hier nach Möglichkeit,

als auch in jenem künftigen; denn so wird der Mensch am glücklichsten.

Und so berichtete er denn auch damals als Bote von dorther, daß der

Dolmetscher also gesprochen habe: Auch dem zuletzt Herantretenden, wenn er

mit Verstand gewählt hat, mit Anstrengung sein Leben führt, liegt eine

annehmbare Lebensweise bereit, keine schlechte. Weder der zuerst Wählende

sei sorglos, noch wer zuletzt, mutlos. Als jener dies gesprochen, erzählte

er weiter, sei der, welcher zuerst gelost, herangetreten und habe sich die

größte Gewaltherrschaft gewählt, und zwar habe er aus Unverstand und

Gierigkeit nicht alles gehörig erwägend die Wahl getroffen, sondern es sei

ihm entgangen, daß das Verzehren seiner eigenen Kinder und anderes Unheil

als Geschick damit verbunden sei; nachdem er es in Muße betrachtet, habe er

sich vor die Brust geschlagen und seine Wahl bejammert, da er dem nicht

treu geblieben, was der Dolmetscher vorher verkündet hatte; denn nicht sich

habe er die Schuld des Unheils beigelegt, sondern dem Schicksal, den

Dämonen und allem eher, als sich selbst. Er sei aber einer von denen

gewesen, die aus dem Himmel gekommen, der in einer geordneten Verfassung

sein früheres Leben zugebracht und nur durch Gewöhnung ohne Weisheitsliebe

der Tugend teilhaftig gewesen. Es lieferten aber, könne man sagen, die aus

dem Himmel Gekommenen beinahe nicht die geringere Zahl derer, die von

solchem befangen wären, da sie keine Erfahrung in Mühseligkeiten hätten;

die meisten dagegen von den aus der Erde Gekommenen träfen, inwiefern sie

sowohl selbst Mühseligkeiten überstanden, als auch andere darin gesehen,

ihre Wahlen nicht so auf den ersten Anlauf. Daher erführen denn auch die

meisten Seelen einen Wechsel zwischen Bösem und Gutem, und auch durch den

Zufall des Loses; denn wenn jemand stets, so oft er in das Leben hier

träte, sich auf vernünftige Weise der Weisheitsliebe befleißigte und ihn

das Los zur Wahl nur nicht unter den letzten träfe, so scheint es nach dem,

was von dorther berichtet wurde, daß er nicht nur hier glücklich sein,

sondern auch die Wanderung von hier nach dort und wieder zurück nicht auf

unterirdischem und rauhem Pfade, sondern auf glattem und himmlischem

stattfinden würde. Dieses Schauspiel nämlich, erzählte er, sei sehenswert

gewesen, wie die einzelnen Seelen sich ihre Lebensweisen gewählt hätten;

denn es sei kläglich, lächerlich und wunderlich anzusehen gewesen. Denn sie

hätten nach der Gewohnheit ihres früheren Lebens meistenteils die Wahl

getroffen. So habe er gesehen, wie die Seele, welche einst die des Orpheus

gewesen, sich das Leben eines Schwanes wählte, indem sie aus Haß gegen das

weibliche Geschlecht[616] wegen des durch diese erlittenen Todes nicht habe

von einem Weibe erzeugt geboren werden wollen; ferner habe er die Seele des

Thamyras[617] das Leben einer Nachtigall wählen sehen; er habe aber auch

gesehen, wie ein Schwan zur Wahl eines menschlichen Lebens überging, und

andere musikliebende Tiere ebenso. Eine Seele aber, welcher das Los an

zwanzigster Stelle fiel, habe sich das Leben eines Löwen gewählt, und das

sei die des telamonischen Ajas gewesen, welche eingedenk des Urteilspruches

über die Waffen vermied, ein Mensch zu werden. Nächst diesem sei die Seele

des Agamemnon gekommen, und auch diese habe aus Feindschaft gegen das

menschliche Geschlecht wegen des Erlittenen das Leben eines Adlers gelost.

Inmitten aber habe die Seele der Atalante gelost, und da sie große

Ehrenbezeugungen eines Wettkämpfers gesehen, habe sie nicht vorübergehen

können, sondern zugegriffen. Nach dieser habe er die des Epiros, des Sohnes

des Panopeus, in die Natur einer kunstreichen Frau sich begeben, weit unter

den letzten aber die des Possenreißers Thersites in einen Affen einkehren

sehen. Aus Zufall aber sei die des Odysseus beim Losen unter allen die

letzte gewesen und so an die Wahl gegangen, in Erinnerung an die früheren

Mühen des Ehrgeizes ledig sei sie lange Zeit herumgegangen, um das Leben

eines Privatmannes, der sich von öffentlichen Geschäften zurückgezogen, zu

suchen, habe es mit Mühe irgendwo liegend und von anderen vernachlässigt

gefunden und bei dessen Anblick gesagt, sie würde ebenso gehandelt haben,

auch wenn sie das erste Los bekommen hätte, und es vergnügt gewählt.

Außerdem seien nun auch aus den Tieren in gleicher Weise welche in Menschen

und eine andere Art in die andern übergegangen, die ungerechten in die

wilden und die gerechten in die zahmen, und so seien Mischungen aller Art

vorgekommen.

_Nachdem nun aber alle Seelen ihre Lebensweisen gewählt, seien sie in der

Ordnung, wie sie gelost, zur Lachesis hinzugetreten; diese aber habe einem

jeden den Dämon, den er sich gewählt, zum Hüter seines Lebens und zum

Vollstrecker des Gewählten mitgegeben._ Dieser nun habe sie zuerst zur

Klotho unter die Hand derselben und unter die Herumdrehung des Wirbels der

Spindel geführt, um das Geschick, welches sie nach dem Lose sich gewählt,

zu befestigen, und nachdem er diese berührt, habe er sie wieder zur

Spinnerei der Atropos geführt, um das Zugesponnene unabänderlich zu machen.

Von da aber sei er nun ohne sich umzudrehen unter den Thron der

_Notwendigkeit_ gegangen, und als er durch diesen hindurchgegangen und auch

die anderen durch gewesen, _seien sie dann sämtlich auf das Feld der

Vergessenheit_ durch furchtbare Hitze und Stickluft gewandert; denn es sei

dasselbe leer von Bäumen und Allem, was die Erde erzeugt. Sie hätten sich

also, da es schon Abend geworden, am Flusse[618] sorgenlos gelagert,

dessen Wasser kein Gefäß halten könne. Ein gewisses Maß nun von diesem

Wasser sei für alle nötig gewesen; die sich aber durch Überlegung nicht

bewahrt, hätten über das Maß getrunken; _sobald aber einer davon getrunken,

habe er alles vergessen_.

Nachdem sie sich aber zur Ruhe begeben und es Mitternacht geworden, sei

Donner und Erdbeben entstanden, und plötzlich seien sie von dannen

flimmernd, wie Sterne, der eine dahin, der andere dorthin, hinaufgefahren

zu ihrer Geburt. Er selbst aber sei zwar verhindert worden, von dem Wasser

zu trinken; wie und auf welche Weise jedoch er wieder in seinen Körper

gekommen, wisse er nicht, sondern plötzlich die Augen aufschlagend habe er

sich des morgens auf dem Scheiterhaufen liegen gesehen.«

* * * * *

Ich habe mir nicht versagen können, diese ganze, in ihrer poetischen

Anschaulichkeit an Dante's göttliche Komödie erinnernde Stelle den Lesern

in wörtlicher Übersetzung mitzuteilen, einmal weil sie das beste Beispiel

der mythischen Darstellungsform ist, in die Plato, der größte Dichter unter

den Denkern, seine esoterische Philosophie einzukleiden liebt; sodann weil

dieser Mythos gerade die bedeutendsten Probleme der Transcendental-

Philosophie beantworten will, so insbesondere das Problem der Freiheit des

Willens und seiner Vereinbarkeit mit der empirischen Notwendigkeit alles

Geschehens.

Wir sehen hier Plato als Vorgänger Kants und Schopenhauers, er will die

Antinomie der Notwendigkeit alles empirischen Geschehens einerseits und der

Wahlfreiheit und Verantwortlichkeit andererseits dadurch lösen, daß er

letztere in das transcendente Sein verlegte. Bekanntlich leugnen sowohl

Kant wie Schopenhauer auf Grund des Causalitätsgesetzes die Freiheit des

menschlichen Willens in empirischer Beziehung; jede Handlung ist durch die

beiden Faktoren, Charakter und Motiv, schlechthin bestimmt. Das Thun folgt

ganz und gar aus dem Sein -- +operari sequitur esse+ --, der Charakter

aber ist empirisch, -- denn er wird erst an seinen Früchten, den Thaten,

langsam im Verlauf des Lebens erkannt --, er ist konstant --, denn es

ändert sich wohl mit der Erziehung der Vorrat möglicher Motive, d. h. die

Erkenntnis, nicht aber der Charakter selbst, -- er ist endlich _angeboren_;

denn die Verschiedenheit des Handelns zweier Menschen von gleicher

Erziehung, Bildung u. s. w. ist nur durch einen essentiellen Unterschied

ihres Charakters erklärbar.

Um nun aber das dennoch vorhandene »völlig deutliche und sichere Gefühl der

Verantwortlichkeit« und Reue zu erklären, meinen sie, das Gefühl der

Verantwortlichkeit gehe auf das _Sein_ des Menschen; dasselbe sei für

seinen _angeborenen_ Charakter verantwortlich; und dieser kann natürlich

nur wieder unter Voraussetzung einer _vorgeburtlichen_ Wahl des Charakters

bejaht werden. Der »intelligible« Charakter, der Wille als _Ding an sich_,

welcher aus der Realität der Erscheinungswelt hinausgerückt ist, hat sich

nach Kant und Schopenhauer absolut frei selbst bestimmt. -- Diese in ihrer

abstrakten modernen Fassung sehr schwer verständliche Lehre unserer beiden

berühmtesten deutschen Metaphysiker läßt sich nur durch obigen Mythos

einigermaßen veranschaulichen; man kann darnach wenigstens ahnen, wie sie

sich die Sache gedacht haben, wenngleich damit für die logische

Zuverlässigkeit jener transcendentalen Lösung des Problems wenig gewonnen

wird. Aber historisch wenigstens wird uns jenes Kantisch-Schopenhauersche

Dogma begreiflich, wenn wir uns erinnern, daß beide Philosophen, auch

Schopenhauer, dessen Leugnung der individuellen Unsterblichkeit nur eine

scheinbare, auf die _Erscheinung_ d. h. auf die _empirische_ Individualität

beschränkte ist, auf Platos Schultern stehen. Plato aber knüpft, wie nach

den früher mitgeteilten Bruchstücken des Heraclit, Empedocles u. s. w. kaum

hervorgehoben zu werden braucht, unmittelbar an die traditionelle,

wahrscheinlich aus Egypten stammende Geheimlehre an.

Im Gespräche »_Phaedrus_« wird die Unsterblichkeit der Seele von Plato in

folgender Weise begründet (+c. 24+): »Jede Seele ist unsterblich. Denn das

immerwährend Bewegte ist unsterblich; hingegen, was ein anderes bewegt und

von einem anderen bewegt wird, hat, weil es einen Ruhepunkt der Bewegung

hat, auch einen Ruhepunkt des Lebens; allein das sich selbst Bewegende,

insofern es sich selbst nicht verläßt, hört niemals auf, bewegt zu werden,

sondern auch für das übrige, was bewegt wird, ist dieses die Quelle und der

Anfang der Bewegung; der Anfang aber ist ungeworden; denn aus einem Anfang

muß alles Werdende werden, er selbst aber aus nichts; denn wenn der Anfang

aus etwas würde, so würde er auch nicht von Anfang aus werden; da er aber

ein Ungewordenes ist, so ist dies auch ein Unvergängliches; denn wäre ja

der Anfang einmal zu Grunde gegangen, so würde weder er selbst aus etwas

noch ein anderes aus ihm mehr werden, wofern das Gesamte aus einem Anfang

werden soll. So also ist im Anfang der Bewegung das selbst sich Bewegende;

von diesem aber ist es weder möglich, daß es zu Grunde gehe, noch daß es

werde, oder es müßte das ganze Himmelsgebäude und jedes Werden überhaupt

zusammenstürzend stillstehen und niemals mehr hernach etwas haben, von wo

aus sie wieder in Bewegung gesetzt und werden könnten. Indem sich aber als

unsterblich dasjenige gezeigt hat, was von sich selbst bewegt wird, so wird

man eben dies als Wesen und Begriff der Seele zu bezeichnen keine Scheu

haben; denn jeder Körper, für welchen das Bewegtwerden von außen kommt, ist

unbeseelt, derjenige aber, für welchen es von innen aus ihm selbst sich

ergiebt, ist beseelt, eben als wäre dies die Natur der Seele. Wenn aber

dies sich so verhält, daß nichts anderes das selbst sich selbst Bewegende

ist als Seele, so dürfte notwendig etwas Ungewordenes und Unsterbliches die

Seele sein.«

Man sieht, wie derselbe Plato, der uns, sobald er mythisch schreibt, durch

seine poetische Begabung ergötzt, so oft er dialektisch zu beweisen

versucht, nichts anderes zustande bringt, als ein äußerst _unerquickliches_

Drehen im Kreise vorgefaßter Behauptungen. Die Seele soll nun einmal

unsterblich sein. Darum ist sie ein sich selbst Bewegendes. Ein sich selbst

Bewegendes ist unsterblich. Darum ist die Seele unsterblich!

Im _Timäus_ erhebt sich seine Darstellung des Unsterblichkeitsdogmas

stellenweise allerdings in unbewußtem Widerspruch mit der »Beweisführung«

im Phädrus wieder zu einer ergreifenden _poetischen_ Form (§ 55): »Als der

Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es belebt und bewegt

und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen

daran, und in dieser Freude beschloß er dann, es noch mehr seinem Vorbilde

ähnlich zu machen. Die Natur der höchsten Lebendigen war aber eine ewige

(ohne Anfang), und diese auf das Entstandene vollständig zu übertragen, war

eben nicht möglich.«

Er schuf die Sterne mit verschiedenen Umlaufszeiten als Werkzeuge der Zeit,

ebenso Sonne und Mond; sie alle sind beseelt, sind Götter. Was die

Volksgötter betrifft, so hält er es für das Beste, an dem bisherigen

Glauben an sie festzuhalten, da die Erzählungen über sie von ihren Kindern

herrühren. Nachdem nun Gott so alle Untergötter gebildet hat, spricht er zu

ihnen (§ 67): »Göttliche Göttersöhne, deren Bildner ich bin und Vater von

Werken, welche durch mich entstanden, unauflösbar sind, weil ich es so

will, -- ihr seid, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings

unsterblich und unauflösbar, aber ihr sollt nicht aufgelöst noch des

Todesgeschickes teilhaftig werden!« -- Diese Stelle hatte wohl Giordano

Bruno im Auge, als er im Dialog +cena de la ceneri I. 191+ schrieb: +Ma a

costoro (i. e. mondi) come crede Platone me Timeo, _e crediamo ancor noi_+

(im Dialog von den Welten scheint er es, dem Anaximander S. 448 oben

folgend, nicht mehr zu glauben) +è stato detto del primo principio: voi

siete dissolubili, ma non vi dissolverete!+[619]

Er trägt ihnen nun auf, zur Vervollständigung und in Nachahmung seiner

Thätigkeit »die drei sterblichen Geschlechter« zu schaffen, was er ja

selbst nicht könne, da sie sonst nach seinem Urbild Götter würden, d. h.

ohne Anfang, und fährt fort (§ 68): »So viel an ihnen dem Unsterblichen

gleichnamig zu sein verdient, nämlich das göttlich zu Nennende und Leitende

in ihnen, soweit sie stets dem Rechte und euch zu folgen geneigt sind, von

dem will ich die Samen und Keime selber bilden und euch dann übergeben; in

ihren übrigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit diesem Unsterblichen

Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschöpfe vollenden.«

Zur Bildung der Seelensubstanz nimmt Gott dann Überreste derselben

Bestandteile, aus welchen die Seele des Alls gebildet war, aber von

minderer Reinheit. Sobald die Seelen in die Leiber kamen, entstanden

Wahrnehmung und Empfindung, Erregung und die aus Lust und Schmerz gemischte

Liebe. Wenn die Menschen ihre Erregungen beherrschen, leben sie gerecht,

lassen sie sich aber von ihnen beherrschen, ungerecht.

»Wer die ihm zugemessene Zeit hindurch gerecht gelebt hat, der soll in die

Behausung des ihm verwandten Gestirns zurückkehren und ein seliges und

seiner Gewohnheit entsprechendes Leben führen; wer aber in diesem Leben

gefehlt, kommt für einen nächsten Lebenslauf in den nächst niederen Grad

des weiblichen Körpers und wenn es ihm dann noch nicht gelingt, sich von

dem ihm anklebenden Schlechten zu befreien, so wird er so lange zu neuen

Existenzen in die durch seine Laster ihm verwandten Tiere verwandelt

werden, bis es ihm endlich gelingt, durch die Vernunft des Schlechten Herr

zu werden und zu seiner früheren, edelsten Beschaffenheit zurückzukehren.«

In einem späteren Teile des Timäus wiederholt Plato, daß Gott sich

vorbehalten habe, das Göttliche im Menschen selbst zu bilden, die

Entstehung des Sterblichen aber seinen eigenen Erzeugten aufgetragen habe.

§ 164: »Diese nun, in Nachahmung seiner, umwölbten die überkommene

unsterbliche Grundlage der Seele ringsherum mit einem sterblichen Körper«,

und legten im Körper noch eine andere Art von Seele, die sterbliche an,

»welche gefährliche und der blinden Notwendigkeit folgende Eindrücke

aufnimmt, die Lust, die stärkste Lockspeise des Bösen, dann den Schmerz,

den Verscheucher des Guten, ferner Mut und Furcht, zwei thörichte Ratgeber,

schwer zu besänftigenden Zorn und leicht verlockende Hoffnung«, endlich die

Triebe. Aus Scheu, das Göttliche, das in den Kopf verpflanzt wurde, durch

Berührung mit dem minder Edlen zu beflecken, wurde zwischen den Kopf und

den übrigen Körper der Hals eingeschoben; in die Brust wurde der edlere

Teil der sterblichen Seele verpflanzt, während der Teil der Seele, der

Begierde nach Speise und Trank trägt, in die Gegend zwischen Zwergfell und

Nabel versetzt und hier angebunden wird, »wie ein wildes Tier, das aber

wegen der Verbindung, in welcher es mit dem Ganzen steht, notwendig ernährt

werden mußte, wenn einmal ein Geschlecht sterblicher Wesen entstehen

sollte.« In der »Königsburg« des Kopfes aber thront die unsterbliche Seele,

die lenkt und erforscht, was zum gemeinsamen Besten des irdischen Wesens

frommt, wie ein »Schutzgeist«, der (§ 236) »uns über die Erde zur

Verwandtschaft mit den Gestirnen erhebt, als Geschöpfe, die nicht

irdischen, sondern überirdischen Ursprungs sind.« »Wer sich den Begierden

oder dem Ehrgeize hingiebt, wird nur sterbliche Meinungen in sich

erzeugen«, und zieht nur das Sterbliche in sich groß; wer dagegen die Kraft

des Wissens vor allen anderen Kräften seiner Seele geübt hat, wird

unsterbliche und göttliche Gedanken in sich tragen, und wird, soweit die

menschliche Natur der Unsterblichkeit fähig ist, solche erreichen und

glückselig sein.

* * * * *

Ohne jede Anspielung auf das Dogma von der Seelenwanderung behandelt Plato

das Unsterblichkeitsproblem im »Gastmahl«, hier läßt er den Sokrates

folgende, diesem durch die weise Diotima aus Mantinea erteilte Offenbarung

in einer Lobrede auf den Eros wiedergeben: Eros sei eigentlich, da er das

_Verlangen_ nach dem Schönen und Guten personifiziere, also noch nicht im

Besitze derselben sei, noch kein Gott, sondern nur ein großer Dämon zu

nennen. Dieser Dämon ist es, der den Göttern die Bitten und Aufträge der

Menschen, den Menschen aber die Aufträge, Vergeltungen und Belohnungen der

Götter vermittelt. Er ist das Prinzip der Wahrsagung und der priesterlichen

Kunst. Denn Gott verkehrt nicht unmittelbar mit Menschen, Eros vermittelt

den Verkehr mit ihm, ob nun die Menschen schlafen oder wachen. Eros ist der

Sohn der »Penia« (Armut) und des Überflusses »Poros«. Als der »Liebende«

ist er nicht an sich schön und gut, sondern er sehnt sich nach dem Schönen

und Guten, weil er es wenigstens _noch nicht dauernd_ besitzt. Um des

Schönen und Guten immerwährend teilhaft zu werden, muß ein geistiges

Gebären eintreten, das aber nur durch eine Übereinstimmung des Göttlichen

mit dem Schönen möglich wird. »_Ein Weltschicksal und ein geburtshelfendes

Wesen ist die Schönheit für alles Entstehen._« Dieser Vorgang ist aber

etwas Göttliches, und dieses wohnt dem lebenden Wesen, welches sterblich

ist, _als etwas unsterbliches inne_. Wenn aber Eros sich nach dem Guten und

Schönen sehnt, so kann er, wie im leiblichen den Wunsch nach Fortdauer der

Gattung, auch den Wunsch nach (individueller) Fortdauer im geistigen Sinne

nicht aufgeben: er _wünscht_, unsterblich zu sein(!) Nun aber verändert

sich der Mensch zwar geistig und körperlich, -- in Neigungen, Streben und

Kenntnissen, sowie im leiblichen Wachsen, -- unaufhörlich und bleibt doch

fortwährend derselbe. Alles Sterbliche wird so bewahrt, nicht dadurch, daß

es ganz und gar identisch bleibt, wie das Göttliche, sondern dadurch, daß

es bei seinem Entweichen und Veralten ein anderes, neues, gerade wie es

selbst, zurückläßt. »Durch diese Veranstaltung hat das Sterbliche an

Unsterblichkeit teil, sowohl in seinem Körper als auch in allem Übrigen,

das Unsterbliche aber durch eine andere.« In dieser Weise z. B. streben die

Ehrgeizigen mit Hintansetzung alles anderen darnach, ein unsterbliches

Andenken zu hinterlassen; so wäre nicht Alkeste für Admetos, Patroklos für

Achilles, so wäre nicht Kodros gestorben, wenn sie nicht nach unsterblichen

Andenken gestrebt hätten. Die geistigen Kinder stehen unendlich höher, als

die leiblichen, und wer hätte nicht gewünscht, Kinder zu hinterlassen, wie

dies Homer und Hesiod, Solon und Lykurg mit ihren Schöpfungen gethan!

Solchen Vätern habe man wohl auch Tempel errichtet, nicht aber Vätern

leiblicher Kinder. Wer geistige Kinder erzeugen wolle, der müsse sich früh

bemühen, an Schönem Gefallen zu finden, und aufsteigen vom körperlich

Schönen zu schönen _Gedanken_, Reden, Kenntnissen, und so werde er endlich

bei der »Kenntnis des Urschönen« anlangen. »Wer aber das Urschöne lauter,

rein und unvermischt geschaut, wird nur Vortrefflichkeit erzeugen. Hat er

aber wahre Vortrefflichkeit erzeugt und aufgenährt, so ist es sein Anteil,

daß er gottgeliebt, und wenn je irgend ein anderer Mensch, auch er

unsterblich wird.« --

Wir haben im Gastmahl den ersten Keim jener _ästhetischen_ Mystik, die

später hauptsächlich von Plotin, endlich von Giordano Bruno in seinen

+eroici fuori+ und zuletzt von Schiller (+Ideal und Leben, Briefe über

ästhet. Erziehung+) gepflegt worden ist; offenbar knüpft Plato an die zum

Mythenkreise der eleusinischen Mysterien gehörige Fabel von Eros und Psyche

an, deren esoterische Tendenz ich in meinem gleichnamigen Gedichte (Verlag

von Rauert & Rocco) neugestaltet und in folgenden Schlußversen zum Ausdruck

gebracht habe:

»Dir, die allmächt'ger als der Tod,

Dir ew'gen Lebens Morgenrot,

Dir, Bürgin der Unsterblichkeit,

Dir, _Liebe_, ist mein Sang geweiht.

Wo Du im Menschenherzen glimmst,

Auch nur als schwaches Fünkchen flimmst,

Du läuterst Dich zur Flammenglut,

Die nimmer rastet, nimmer ruht,

Bis sie am hohen Himmelszelt

Verwandten Sternen sich gesellt.«

Es kann schon nach den wenigen mitgeteilten Auszügen aus seinen

Hauptschriften nicht auffallen, daß die Unsterblichkeitsidee Platos zu

vielfachen Kontroversen Anlaß gegeben hat. Besonders dreht sich der Streit

darum, ob er Seele und Leib, Geist und Materie einander gegenüberstellt

habe, also »Dualist« gewesen oder ob er als Monist zu betrachten sei und

die Einheit des Ganzen gelehrt habe, ferner ob er eine individuelle

(persönliche) Unsterblichkeit oder nur eine Unsterblichkeit der in den

Einzelnen sich offenbarenden Idee, der Gattung niederen oder höheren

Grades, habe lehren wollen.

Uns scheint, daß dieser Streit um deswillen niemals mit streng

geschichtlicher Kritik erledigt werden kann, weil nichts wahrscheinlicher

ist, als daß Plato in verschiedenen Zeiten und bei Abfassung verschiedener

Schriften in der That verschieden darüber gedacht hat. Auf ein streng

gegliedertes Gedankensystem ist es ihm eben niemals angekommen. Am besten

charakterisiert ihn wohl Dühring, +krit. Geschichte der Philosophie,

S. 100, 101+: »Für die dichtende Phantasie ist Vieles vereinbar, was für

den weniger losgebundenen Verstand bei näherer Untersuchung als Widerspruch

hervortritt. Die künstlerische Darstellung kann daher eine Fülle von Ideen

dialogisch vorführen, ohne daß sie genötigt wäre, in jedem Falle selbst

einen markierten Standpunkt einzunehmen. Ihre Stärke wird vielmehr in der

lebendigen, dem Wesen der dichterischen Vertiefung entsprechenden

Reproduktion der mannigfaltigsten Gedanken zu suchen sein. Löst sie diese

Aufgabe noch mit jener besonderen Grazie, die dem in Rede stehenden

Philosophen einen großen Teil seines Zaubers verliehen hat, so wird man

füglich hinreichend befriedigt sein, wenn man anstatt der strengeren

Systematik nur einen _leitenden Grundgedanken eigner Konzeption_ antrifft.

Ein solcher Gedanke, der an sich gleichsam den Rohstoff zu dem strengsten

System abgeben könnte, ist bei Plato die Vorstellung von einer den edelsten

Typus der Existenzen enthaltenden, schöpferisch wirksamen und für die

Gestaltung der Dinge vorbildlichen Idee. Die Erfassung der ideellen Muster,

hinter denen das wirkliche Dasein mit seinen Gestaltungen zurückbleibt,

diese metaphysische künstlerische Vertiefung in das, was aus den lebendigen

Gestalten der Natur und besonders aus der Erscheinung der Menschen spricht,

macht nicht nur Platos Eigentümlichkeit aus, sondern stimmt vollkommen mit

dem _dichterisch_ gearteten Wesen seines ganzen Philosophierens, ja sogar

mit einem Grundzuge des griechischen Geistes überein.«

* * * * *

Dieser leitende Grundbegriff ist das einzige, was neben dem ästhetischen

Genusse, den uns die Lektüre seiner Schriften bereitet, einen Plato auch

für die moderne wissenschaftliche und im edleren Sinne positivistische

Philosophie wertvoll erscheinen läßt.

Im übrigen mag A. Niemann, (+Die Menschenseele, Platons esoterische Lehre+;

+Sphinx IV, 22+) geschichtsphilosophisch das Richtige getroffen haben, wenn

er die Hauptsätze dieses Philosophen kurz dahin resümiert:

Der Occultismus des Altertums · 第 142 / 155 题