III. Die samothrakischen Mysterien.

Außer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland

am berühmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot

erwähnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten

Jahrhundert, wo Philipp II. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen

ließen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien

halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es

in seiner Rede für die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines

zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, -- so nannte man jene

samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des

Sängers Orpheus eine Hauptrolle spielt, -- gewesen zu sein. »Als du zum

Manne herangewachsen warest«, so redet Demosthenes den Aeschines an,

»lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bücher vor,

und halfest ihr auch bei den übrigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit

die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug

einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend sühntest, und ihnen dann

nach der Reinigung gebotest aufzustehen und zu sagen: 'Ich entrann dem

Übel und fand das Bessere;' -- bei Tage aber die schönen, mit Kränzen von

Fenchel und Weißpappel geschmückten Festzüge durch die Straßen führtest und

die dickbackigen Schlangen drücktest und über dem Kopfe schwenktest, +Evoe

Saboi!+ rufend und dazu tanzend: +Hyes Attes, Attes Hyes!+; von den alten

Weibern als Vorsteher und Anführer und Kistosträger begrüßt, und mit

Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafür belohnt.«

Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des

Dionysios; seine Zerreißung durch die Titanen, sein Tod und seine

Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der

Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher

ähnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und düsteren

Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst.

Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen

verunreinigt, mit Sühnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen,

und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwähnt: »Ich

entrann dem Übel und fand das Bessere.«

Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer künftigen Seligkeit, die

man ausdrücklich als das glückliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als

geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzügen zu den

Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weißpappel und Fenchel bekränzt,

während die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Händen

trug (der Kistos, +cistus+, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blüten),

unter den Jubelrufen: +Hyes Attes+ usw.: »Er lebt der Vermißte, der

Vermißte lebt!«

Die »Orphiker« waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung

der mit ihrem mystischen Kultus verknüpften Lehre verbunden.

Daß nämlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst

verbunden war, berichtet schon +Herodot II. 51+. »Wer in die

samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, weiß, was ich meine«, ist

freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und

scheute sich deshalb etwas Näheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit

nach aber ist diese Lehre in dem als »_heilige Sage_« bezeichneten

Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein

dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagoräer jener Zeit waren

sämtlich Orphiker.

Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der

Mysten gesprochen zu denken haben:

»Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetzt

Zu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren,

Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der Musen

Sohn, Du höre. Denn _Wahres_ verkünd' ich, damit nicht des Busens

Früher gehegter _Wahn_ Dein liebes Leben verblende.

Trachte nach göttlicher _Einsicht_ vielmehr, sie faß in das Auge,

Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihrem

Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.

Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.

Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner

Anzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut.

Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget:

Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal;

Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher.

Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet,

Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen,

Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.

Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtet

Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,

Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die Rechte

Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen

Berg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres.

O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds,

Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst,

Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern,

Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,

Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich Alles

Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet,

Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, -- Dein ist der Gestirne

Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen,

Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet,

Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt,

Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet.

Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,

Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,

Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, und

Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget,

Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden Schöpfung

Würze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]

Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis daß sie

Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des

Alls[611], die

Alles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne,

Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, die

Schlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem.

Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,

Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.

Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die Sitte

Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.

Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen!

Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind,

Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.

Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du

Irgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander.

Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aber

Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und

dann den

Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben,

Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.

Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben,

Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!

Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist,

Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.

Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,

Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondern

Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessen

Doch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten.

Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen

Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals

Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mit

Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:

Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du Etwas

Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!

Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde,

Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.

Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist.

Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,

Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.

Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest,

Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halte

Maß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet.

Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit Deine

Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.

Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!

Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste.

Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.

Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,

Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:

Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?

So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du

Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!

Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe!

Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, bei

Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der

Ewig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und

Bitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, so

Wird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen Verbindung

Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch

Klar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,

So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst;

Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln.

O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen

Guten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge.

So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel

Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sie

Ahnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen

Anhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm

ausweicht.

Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle,

Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt.

Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, und

Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!

Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,

Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.

Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rung

Und zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur Jedes

Und erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker.

Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst,

Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.«

Hiermit endete der moralische Teil der heiligen »Sage«, den wir wohl auch

nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger

lückenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun

noch einige Verse, die sogenannten »Orphischen Schwüre«, welche das Ganze

abschlossen. Sie scheinen, -- denn etwas ganz Bestimmtes läßt sich aus dem

kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht

festsetzen, -- den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche

zu ändern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns überliefert wird,

lautet nach Beseitigung einiger späteren Entstellungen:

»Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großen

Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten

Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den Weltbau

Gründete«,

und muß etwa so ergänzt werden:

»Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!«

Sechstes Kapitel.

Anaxagoras.

Aus der etwas narkotischen Atmosphäre der Mysterien und ihrer symbolischen

träumerischen Geheimlehre, -- wenn man überhaupt von einer mit ihnen

verknüpften »_Lehre_« sprechen will --, wenden wir uns gern wieder zur

Entwicklung der griechischen _Philosophie_ zurück, deren klassische Blüte

in _Athen_ sich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das »Auge

von Hellas« unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der

Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines ästhetischen

Gemeinwesens erfüllt. Hier war es der Philosoph _Anaxagoras_, der, wie

Aristoteles (+Metaphysik I. 3+) hervorhebt, »als der Erste vor Jedermann

den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur

eine _Vernunft_, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, ein

_Satz, welcher gegenüber den früheren sinn- und haltlosen Behauptungen

eigentlich erst die Periode des nüchternen Denkens eröffnete_.«

Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch, +Leben des

Perikles Kap. 4+ berichtet, »den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm

jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten,

beibrachte und überhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Würde und

Vollkommenheit erhob, den Beinamen +Nus+, _Verstand_, entweder aus

Bewunderung über seine großen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde,

oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den

Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauteren _Verstand_

annahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen

Theile absonderte.«

Anaxagoras war 500 v. Chr. Geburt zu Klazomenä in Jonien geboren; sein

Vater, Hegesibulos, besaß hier ein nicht unbedeutendes Vermögen und

ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verließ jedoch in frühem

Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt,

ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als

seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die

Sonnenfinsternisse aus natürlichen Ursachen zu erklären und nahm der Sonne

ihre Göttlichkeit, indem er sie für eine glühende Metallmasse erklärte, die

größer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine

Kometentheorie zu liefern, und gewiß ist, daß er vom Monde behauptet hat,

derselbe habe, ähnlich wie die Erde, Berge und Thäler und sei

wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen

weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des

Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen

wollten, den Anlaß, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in

eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgötter zu verwickeln.

Sein beredter und einflußreicher Gönner vermochte ihn nicht vor einer

Verurteilung zu schützen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten

belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo

er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein

Leben beschloß.

Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrücklich den Geist, Verstand oder

die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht für unbewußt erklärt,

sondern sagt, daß derselbe »aus seinem Wissen und nach seiner

Vorherbestimmung die Welt gebildet habe«, als _deistische_ und

_dualistische_ bezeichnet werden. Übrigens machte er, wie wir aus Platos

Phädon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen

sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklärung auskommen

konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug.

Dem uranfänglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die

ewige Materie gegenüber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den

Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schöpfungsthat nur, wie Zeller sagt,

noch als »Maschinengott« ein.

Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er

abweichend von den übrigens an seine eigene nüchterne Naturforschung

anknüpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Körper für die

ursprünglichsten hielten, umgekehrt für jedes besondere Ding gleichnamige

Urelemente an, so daß z. B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich

kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-,

Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Körper immer auf etwas

_Gleichartiges_ komme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen

Nachfolgern _Homöomerien_ genannt. In der Wirklichkeit kommen diese

Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor;

allen ist fremdartiges beigemischt. _In Allen ist Alles oder jeder

Materienteil ist ein Universum im Kleinen._ Wenn uns ein Gegenstand irgend

eine Eigenschaft mit Ausschluß anderer zu besitzen scheint, so rührt dies

nur daher, weil von den entsprechenden Homöomerien _mehr_ in ihm sind, als

von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur

der Geist ist _nicht_ in allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eine

_Seele_ haben. Da der Geist allein das ist, was die _Bewegung_

hervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eine _Seele_. Darum

legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben

(Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezüglich der Entstehung

des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet

seines grundsätzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen,

von dem er dagegen als Leugner aller übernatürlichen Wunder und

Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die

Unsterblichkeit der geistigen Individualität, da diese körperlich bedingt

sei; nur der unpersönliche Geist als solcher sei ewig.

Siebentes Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.

Die Atomistiker, welche Ritter in seiner +Geschichte der Philosophie+ sehr

übelwollend behandelt und kaum noch für Philosophen gelten lassen möchte,

bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen

höchste Stufe der _Natur_-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher

Begründer war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber

so wenig überliefert ist, daß er nur als der Lehrer seines großen Schülers

Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit

ist ungewiß, zwischen 424 bis 460 v. Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine

Stadt, die später zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schöppenstedt

gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war.

Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rückzuge

nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat

jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen

Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das

ererbte Dritteil des großen väterlichen Vermögens verbraucht haben.

Diogenes Laertius behauptet, daß er schon als Knabe Unterricht durch Magier

bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar Äthiopien und

Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor

diesen Reisen genossen. Nach der Rückkehr von denselben ließ er sich wieder

in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die

Erzählung von seiner Selbstblendung (+Gellius N. A. X, 17+) verdankt

vielleicht einer mißverständlichen Deutung seiner Äußerungen über die

Unzuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung ihre Entstehung; schon Plutarch

hat sie als Lüge bezeichnet.

Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterließ eine große Anzahl von

Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schließen, das

Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des

griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den

Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil

kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre

wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schönheit der Sprache

ausgezeichnet haben sollen.

Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgänger in der

Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche

Sein, vielmehr zunächst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der

materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Repräsentanten des

Nichtseins gegenüberstellt. Allerdings faßt er auch dieses Nichtsein,

diesen leeren Raum nicht als völlige Negation des Seins auf; vielmehr

schreibt er ausdrücklich auch dem Leeren eine objektive Realität zu und in

diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrücklich, »das

Sein sei um nichts realer als das Nichts«.

Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren

Raum als dessen Erfüllung gegenübersteht, ist kein zusammenhängendes,

sondern besteht aus unzähligen _Atomen_: diese letzten Elemente des

Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ

gleichartig und unveränderlich; sie unterscheiden sich aber in

quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrer _Form_, _Größe_ und _Lage_,

auch _Schwere_.

Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der

wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte,

sondern Körper von gewisser Größe, nur zu klein, um mit dem Sinne

wahrgenommen zu werden.

Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eine +conditio sine qua

non+ der Körperlichkeit überhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren

Körper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte.

»_Wenn es scheint, ein größerer Körper sei leichter, als ein kleinerer, so

rührt dies nur daher, daß er zwischen den einzelnen Atomen oder

Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthält, daß also seine Masse in

Wahrheit geringer ist, als die der anderen._«[613]

Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaßten

Atome unendlich.

Alle sinnlich wahrnehmbaren _Eigenschaften_ der Dinge nun sind in letztem

Grunde ausschließlich auf die Menge, die Größe, die Gestalt und das

räumliche Verhältnis der Atome zurückzuführen, und ebenso jede Veränderung

der Einzelkörper als solcher auf eine Veränderung ihrer Atomverbindungen.

So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle

qualitativen Eigenschaften und Veränderungen auf _quantitative_ Beziehungen

zurückzuführen, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum

führt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklärung des Welträtsels

findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen

Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre

Objekte möglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rückführung

eines Naturphänomens auf seine bestimmten quantitativen Verhältnisse zu

erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen

Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wärme-Äquivalents durch R. Mayer.

Außerdem aber enthält diese Behauptung Demokrits einen ganz

außerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtümlich

häufig erst einem Locke zugeschrieben wird.

Demokrit unterschied nämlich klar zwischen primären und sekundären

Eigenschaften der Dinge; die sekundären Eigenschaften, Farbe, Geruch,

Geschmack, Wärme, Kälte usw. erkannte er als bloß _subjektive_ Wirkungen

der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den »vier Elementen«

hatte natürlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr.

Aus den »zufälligen« Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die

Entstehung der Welten her; für den »Zufall« könnten wir auch die

Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil

eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras.

Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige

zusammengeführt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben

deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits

werden auch, wenn verschiedengestaltete Körperchen durcheinander

geschüttelt werden, viele von ihnen aneinanderhängen und sich ineinander

verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so daß auch manche an einem

Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gemäß ist, und so

kommt es zur Bildung zusammengesetzter Körper, zur Wirbelbewegung und zur

Störung des Gleichgewichts d. h. zu all jenen vielfältigen sich kreuzenden

Bewegungen des Wachstums, der Ernährung, des Vergehens, welchen ein

wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine

rein mechanische Naturerklärung fast durchaus mit den Grundzügen des

modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen

Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, daß ersterer

einen _besonderen Seelenstoff_ annahm, der aus den feinsten, rundesten,

glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an

eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und

wird deswegen von Plinius verspottet. (+Plin. H. N. VII, c. 56.+)

Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine

Studienreisen im Orient zurückzuführen haben und auf seine Erfahrungen bei

den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner

Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche über die Litteratur der

Babylonier, die, wie +Röth, Geschichte der abendländischen Philosophie I,

362+, meint, wohl nichts als ein Bericht über die Lehre der Magier gewesen

ist.

Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, daß

Demokrit ein Schüler der Magier gewesen, und läßt sogar den Apollonius in

seiner Apologie behaupten, daß er durch magische Künste Abdera von einer

Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein ähnlicher

historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzählung von Empedocles. Es

wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner

physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen

Kenntnisse gehandelt haben.

* * * * *

Ich erwähnte schon oben, daß der Professor Ritter den Atomistikern in

seiner +Geschichte der Philosophie+ keine wohlwollende Behandlung zu teil

werden läßt; derselbe schreibt in der +Allgem. Encyklopädie von Ersch und

Gruber+ sogar: »Er bewegte sich in derselben Richtung, in welcher um die

Zeit des Sokrates viele waren, denen die Wissenschaft fast nur als ein

Spiel der Vorstellungsweise erschien. Wenn er gleich selbst die Künste

dieser Männer, welche gewöhnlich unter dem Namen der Sophisten

zusammengefaßt werden, in starken Ausdrücken tadelte, so war er doch von

ihrer Denkart nicht fern.«

Diesen Vorwurf, den auch Schleiermacher erhebt, hat Zeller in seiner

+Philosophie der Griechen, S. 943-959+, gründlich zurückgewiesen.

Ich hebe aus letzterer folgenden Satz hervor:

»Im allgemeinen muß über die Zusammenstellung der Atomistik mit der

Sophistik bemerkt werden, daß dieselbe auf einem allzu unbestimmten Begriff

der Sophistik beruht. Sophistik wird jede Denkweise genannt, in der man die

rechte wissenschaftliche Gesinnung vermißt. Dies ist aber nicht das

geschichtliche Wesen der Sophistik, dieses besteht vielmehr in der

Zurückziehung des Denkens aus der objektiven Forschung, in seiner

Beschränkung auf eine _einseitig subjektive_, gegen die _wissenschaftliche

Wahrheit gleichgültige Reflexion_, in der Behauptung, daß alle unsere

Vorstellungen bloß subjektive Erscheinungen, alle sittlichen Begriffe und

Grundsätze willkürliche Satzungen seien. Von allen diesen Zügen findet sich

nichts bei den Atomistikern.«

* * * * *

Im übrigen verdienen die _Sophisten_ hier nur insofern berührt zu werden,

als dieselben ihre Hauptaufgabe im _Gelderwerb_ durch Verbreitung einer Art

von rein _negativer_ Aufklärung suchten, _deren Mittelpunkt der

bodenloseste Skepticismus_ war; außerdem durch ihre damit zusammenhängende

frivole Disputiersucht. Die bekanntesten dieser Virtuosen der Deputierkunst

waren Gorgias und Protagoras, letzterer allerdings ein Landsmann des

Demokrit.

Der berühmteste Satz des Protagoras ist der: »Der Mensch ist das Maß aller

Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.«

Damit wurde der subjektivistische Grundsatz aufgestellt: »Jedes Ding ist

für jedes Individuum so, wie es erscheint, aber es ist so auch nur für dies

Individuum und genauer für dessen augenblicklichen Wahrnehmungszustand.«

Wenn Hegel irgendwo (+W. W. XIV. 5ff.+) ein berechtigtes Moment in der

Wirksamkeit dieser Leute hervorgehoben haben soll, so wird er dies

hoffentlich nur in dem Sinne gemeint haben, daß durch ihre Wirksamkeit der

Hauptanstoß für die gewaltige Persönlichkeit des Sokrates gegeben worden

ist, dem eingebildeten Scheinwissen und der sophistischen Halbbildung

überhaupt den Streit zu verkünden und diesem Streite ihr Leben zu widmen

und zu opfern.

Achtes Kapitel.

Sokrates und sein Dämonium.

Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, daß er die Philosophie vom

Himmel zur Erde zurückgerufen habe; man wollte damit sagen, daß er die

philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis des _Welträtsels_,

sondern auf diejenige des _Menschenrätsels_ beschränkt wissen wollte.

»Er redete«, schreibt sein Schüler Xenophon, »nicht wie die Meisten, über

die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte,

was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos für eine Bewandtnis

habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich

gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge

grübelten, für thöricht.«

Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung

den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschließlich die

_Moral_. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebührt

ihm daher, abgesehen von seiner Begründung der dialektischen Methode und

den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom

Standpunkte der _praktischen_ Philosophie aus. Für bloße Physiker oder gar

bloße Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie

Schopenhauer schreibt, +Parerg. und Paralipomen. I 13+, »ein bloßer

_Glaubensartikel_.« Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als

dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beiträge zur Ethik und

Lebensweisheit geschrieben hat, hätte einige seiner Bemerkungen über

Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z. B.: »Nach Lukianos

hätte Sokrates einen dicken Bauch gehabt, welches eben nicht zu den

Abzeichen des Genies gehört.« -- Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab,

es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfähigkeiten, weil er

_nichts geschrieben habe_. Ich habe mir an dieser Stelle meiner

Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen können: +O si tacuisses+

usw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der

Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben

Begriff, er verlegte sie ausschließlich in die Sphäre der Vorstellung. Er

hätte aber von Sokrates lernen können und sollen, daß die echte Philosophie

auf dem Zusammenwirken beider, überhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren

Seiten des Menschenwesens, des _Wollens und Vorstellens_ beruht. »Die

philosophische Gesinnung«, sagt sehr schön Dühring, »leitet zu dem

entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die

Willensrichtung maßgebend und veredelnd zurück.«

Richtig ist freilich, daß auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig

machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste

naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein

diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des

ihm vorliegenden bloßen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar

erscheinen.

Wäre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu

schreiben, so würde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung

bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren

deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schüler konstruiert werden

müßten. Wir würden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen müssen,

den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefärbten

Darstellung seines begabtesten Schülers, Platos, und aus den _gewiß

wahrheitsgetreuen_, aber _unzulänglichen_ Memorabilien des vielfach

beschränkten und der Größe seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon

herauszuarbeiten.

Glücklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal,

dieses Problem zu berühren. Ja, wenn es sich um die _Lehren_ des Sokrates

handelte, so würde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche

überhaupt zu übergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen

Philosophie in Betracht kommen können, welche irgend welche, wenn auch

noch so entfernte Beziehungen zum »Occultismus« haben. Nun aber stellt uns

gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch sein _Leben_

und seine _Persönlichkeit_ eines der interessantesten occultistischen

Probleme.

Der Leser, den ich selbstverständlich als bekannt mit den wichtigsten Daten

des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, daß ich damit auf

das viel erörterte Problem des sog. Genius oder »Dämon« des Sokrates komme.

Am liebsten würde ich mich freilich auch der Besprechung dieses

Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen

Standpunkte aus denselben gründlichst und lichtvoll beleuchtenden

Ausführungen du Prels in seiner +Mystik der alten Griechen+ entledigen,

vgl. auch +Sphinx IV, 22 und 24+, wie ich denn überhaupt in diesem Bande

den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener »Mystik der

alten Griechen« seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei

Seite lasse und nur die Theorie berücksichtige. Dennoch würde eine völlige

Übergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung

vielleicht als Lücke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch

bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein

direkter Sprung von Demokrit auf Plato könnte unmotiviert erscheinen.

Wir dürfen deshalb die Stellung des Sokrates zum Gegenstand der

occultistischen Forschung nicht unerwähnt lassen. Zunächst ist es nun schon

an sich bemerkenswert, daß ein so nüchterner und gewiß von reinster

Wahrheitsliebe bis zum Märtyrertum beseelter Denker, mindestens doch einer

der aufgeklärtesten Köpfe seines Zeitalters nachweislich dem Glauben an die

Orakel ernstlich gehuldigt hat. Wir wissen, daß er den Xenophon, als

derselbe ihn um seine Meinung fragte, ob es für ihn ratsam sei, sich der

Expedition des jüngeren Cyrus anzuschließen, ausdrücklich an das Orakel zu

Delphi verwies. Unmöglich können wir annehmen, daß er dies lediglich

gethan, um eine verantwortliche Raterteilung von sich auf einen beliebigen

Dritten abzuwälzen. Auch berichtet Xenophon in seinen Memorabilien über ihn

folgendes:

»Es hat böses Blut gemacht, daß Sokrates sagte, das _Dämonium gebe_ ihm

_Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie_, wie ich glaube, _ihn

beschuldigt haben, daß er fremde Gottheiten einführe_. -- Aber er führte

damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die anderen, welche an

Weissagungen glauben; -- und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses

zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm das Dämonium eine Andeutung

gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber,

die ihm nicht folgten, bereuten es. -- Die notwendigen Dinge riet er so zu

thun, wie er glaubte, daß sie am besten gethan sein würden; hinsichtlich

alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das

Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften. Auch diejenigen,

welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten,

sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein

Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder

einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein

Rechenkünstler, ein Hausverwalter oder ein Heerführer zu werden, für

erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht

gewonnen werden. -- Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht

kommt, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen

nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut

bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher

sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein

Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der

Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates

stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um

sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde;

auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflußreiche Männer im Staate

habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen

könnte. Diejenigen aber, welche glaubten, daß nichts von alledem von der

Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen

Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen,

welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den

Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z. B.

einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk

anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das

Steuern verstünde, auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht

verstünde, -- ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch

Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den

Göttern erfragten, -- alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, daß

man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben

hätten, erlernen müssen; das aber, was den Menschen unergründlich sei,

müsse _man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen

versuchen; denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig

seien_.«

Auch aus Platos Schriften können wir eine nicht geringe Anzahl von

Selbstzeugnissen des Sokrates über das Dämonium, das er sich zuschrieb,

entnehmen.

Dem Alkibiades gegenüber, dessen Vormund Perikles war, rühmt er sich

(+Plato, Alkibiad. 1+), daß er in seinem Dämonium einen besseren Vormund

besitze. In seiner Verteidigungsrede, die Plato jedenfalls in möglichst

getreuem Anschluß an seine eigenen Worte uns wiedergiebt, sagt er, um sein

grundsätzliches Fernhalten von Politik zu erklären: »Der Grund davon liegt

in dem, was Ihr mich oft und bei vielen Gelegenheiten sagen hörtet, daß

etwas Göttliches und Dämonisches sich mir vernehmen lasse ... Das begann

bei mir schon _von meinen Knabenjahren an; eine Stimme läßt sich

vernehmen_, und wenn sie sich vernehmen läßt, _warnt sie mich stets vor

dem, was ich zu thun im Begriffe bin, treibt aber mich nie an_; das ist es,

was mich abmahnt, mit öffentlichen Angelegenheiten mich zu befassen.« -- So

motiviert er auch sein Verhalten in dem Prozesse selbst: »Mir, verehrter

Richter, widerfuhr etwas Wundersames. Die _weissagende Stimme_ nämlich, die

ich zu vernehmen pflege, mahnte mich in der ganzen früheren Zeit sehr

häufig ab, und zwar _bei sehr geringfügigen Veranlassungen_, wenn ich etwas

Verkehrtes zu thun im Begriffe war. Jetzt aber ist mir das begegnet, was

ihr selbst seht, und manche für das größte Unglück halten möchten, und was

wirklich dafür gilt« -- seine Verurteilung nämlich; -- »doch mich mahnte

weder, als ich am heutigen Morgen vom Hause wegging, der Wink des Gottes

ab, noch als ich hier heraufstieg zum Gerichtshof, noch bei meiner Rede,

wenn ich irgend etwas zu sagen im Begriffe war, obwohl er fürwahr bei

anderen Vorträgen _häufig mitten in der Rede mich zurückhielt_. Jetzt aber,

bei der Verhandlung selbst, hat er mich nirgends von etwas, was ich that

oder sagte, abgemahnt. Wie erkläre ich nun diese Erscheinung? Das will ich

Euch sagen: zu meinem Heile scheint mir, was mir widerfuhr, sich begeben zu

haben, und unmöglich haben diejenigen von uns die richtige Ansicht, die

annehmen, das Sterben sei ein Übel. Dafür wurde mir ein starker Beleg;

notwendig nämlich hätte das gewöhnliche Zeichen mich abgemahnt, war ich im

Begriffe, etwas Unheilbringendes zu thun.«

Als Sokrates einst das Lyceum verlassen wollte und eben aufstand, berichtet

Plato, +Euthydem. 2+, wurde ihm das gewöhnliche dämonische Zeichen zu teil.

Er setzte sich also wieder nieder, und in der That kamen bald darauf

Euthydemos und dessen Bruder Dionysodor herbei.

+Plutarch de genio Socratis+ erzählt: Als Sokrates mit verschiedenen

Freunden zum Wahrsager Eutyphron gegangen war, blieb er auf einmal stehen

und kehrte nach einiger Besinnung durch eine andere Gasse um, die

voraufgegangenen Freunde zurückrufend, da sein Genius ihn hindere, weiter

zu gehen. Die meisten kehrten mit ihm um; die andern, um den Genius einmal

Lügen zu strafen, gingen den geraden Weg fort, begegneten aber einer Herde

Schweine und wurden, da nicht ausgewichen werden konnte, zu Boden geworfen

und mit Schmutz bedeckt. Im Theages des Plato berichtet Sokrates selbst:

»Mir ist nämlich durch die göttliche Fügung von meinen Knabenjahren an

etwas dämonisches zugesellt: das besteht in einer Stimme, die stets, wenn

sie sich vernehmen läßt, von dem, was ich unternehmen will, mir abrät, doch

nie zu etwas mich antreibt. Auch wenn einer meiner Freunde sich über etwas

mit mir bespricht, und die Stimme sich vernehmen läßt, hält sie ihn davon

ab und gestattet ihm nicht, es zu unternehmen. Und dafür kann ich auch

Zeugen aufstellen .... Wollt ihr ferner den Bruder des Timarchos, den

Kleitomachos, befragen, was Timarchos zu ihm sagte, als er auf dem geraden

Wege sich befand, durch Henkershand zu sterben, er und der Wettrenner

Euathlos, der den Timarchos auf seiner Flucht bei sich aufnahm? Dieser wird

euch nämlich erzählen, daß jener zu ihm sprach: Gewiß, lieber Kleitomachos,

sagte er, gehe ich jetzt dem Tod entgegen, weil ich auf den Sokrates nicht

hören wollte. Warum sagte denn das nun wohl Timarchos? Das will ich euch

sagen. Als vom Zechgelage Timarchos und Philemon, der Sohn des

Philemonides, sich erhoben, um den Nikias, den Sohn des Heroskamandros,

umzubringen, -- ein Anschlag, von dem sonst niemand wußte, -- sagte

Timarchos im Aufstehen zu mir: Was meinst Du, lieber Sokrates? Zecht ihr

nur; ich aber muß mich irgendwohin aufmachen, doch bin ich, wenn es

gelingt, bald wieder da. Da erhob sich die Stimme in mir und ich sagte zu

ihm: Stehe doch nicht auf, denn ich habe die gewöhnliche dämonische

Wahrnehmung empfangen. Und er verweilte noch. Nachdem er eine Weile

gewartet, machte er wieder Anstalt zu gehen, und sagte mir: Ich gehe nun,

lieber Sokrates. Die Stimme wurde wieder laut, daher nötigte ich ihn

wieder, zu verweilen. Das dritte Mal stand er, weil ich es nicht bemerken

sollte, ohne mir etwas zu sagen, auf, sondern paßte, um von mir nicht

bemerkt zu werden, den Augenblick ab, wo meine Aufmerksamkeit eine andere

Richtung hatte, entfernte sich schleunigst und führte das aus, weshalb er

jetzt dem Tode entgegenging. Darum sagte er das, was ich euch jetzt

erzähle, zu seinem Bruder, er geht jetzt zum Tode weil er mir nicht

glaubte. Demzufolge werdet ihr noch jetzt über die Ereignisse in Sikelion

von vielen hören, was ich über den Untergang des Heeres äußerte. Doch

Vergangenes wollt ihr von den davon Unterrichteten vernehmen; aber auch

jetzt könnt ihr das Zeichen erproben, ob es von Bedeutung ist. Als nämlich

der schöne Samion in das Feld zog, erhielt ich das Zeichen; nun ist er, um

unter Prasyllos zu fechten, auf dem geraden Wege nach Ephesos und Jonien.

Darum glaube ich, daß er entweder umkommen oder etwas dem Ähnliches

erfahren wird, und ich bin auch wegen des übrigen Heeres in großer

Besorgnis. Das hab ich dir aber erzählt, weil die Einwirkung dieses

Dämonischen auch über den Umgang der mit mir Verkehrenden alles

entscheidet.«

Dieses Dämonion nun, offenbar eine der bestbeglaubigten Thatsachen aus der

Geschichte des Occultismus, hat bereits im Altertum zu den verschiedensten

Hypothesen Anlaß gegeben, Plutarch, Maximus Tyrius, Apulejus haben darüber

geschrieben. Bei den Alten überwiegt die Auslegung, daß Sokrates von einem

Dämon, einem göttlichen Wesen inspiriert gewesen sei. -- Völlig ratlos

steht die moderne _vulgäre_ Psychologie dem Problem gegenüber. Die seichte

rein negative Aufklärung ging daher soweit, die gut beglaubigten Thatsachen

zu leugnen und einen Mann von dem sittlichen Ernste eines Sokrates zum

Komödianten zu stempeln.

Barthélemy, (+voyage du jeune Anarchis c. 67+) meint, daß Sokrates mit

seinem Dämonion nur Spaß gemacht habe; Plessing (+Osiris und Socrates 185+)

erklärt es für eine bewußte Erfindung. Der französische Arzt Lelut (+Le

démon de Socrate+) wittert darin ein Symptom des Irrsinns. Ihm folgt

Lombroso (+Genie und Irrsinn+). Die meisten Philologen und Philosophen

finden sich dem Problem gegenüber mit unbestimmten vagen Redensarten ab.

Zeller schreibt (+II. 1, 65+): »Die dämonische Stimme zeigt sich (vielmehr)

im allgemeinen als die Form, welche das lebhafte, aber nicht zur klaren

Erkenntnis seiner Gründe aufgeschlossene Gefühl von der Unangemessenheit

einer Handlung für das eigene Bewußtsein des Sokrates annahm.« Der

Philologe Cron (+Einleitung zu Platons Apologie S. 17+): »Daß Sokrates

darunter kein besonderes, für sich bestehendes Wesen, sondern nur eine

Offenbarung der göttlichen Liebe und Güte verstand, geht aus allen

authentischen Berichten unwiderstehlich hervor.«

Etwas weniger seicht, aber noch mehr die Unbegreiflichkeit des Phänomens

konstatierend, drückt sich +Dühring, krit. Geschichte der Philosophie

S. 87+, aus: »Dieser Dämon oder Genius, der in wichtigen Fällen ihm als

allein zureichender Erklärungsgrund der übrigens unmotivierten Entscheidung

galt, ist offenbar nichts anderes, als die instinktive Ergänzung zu den

bewußten und rein nach klaren Verstandesgesichtspunkten bemessenen Gründen

gewesen. Manche haben dieses Prinzip mit dem bloßen Takt verwechselt,

welcher für den einzelnen Fall über die Unzulänglichkeit allgemeiner Regeln

hinweghilft. Allein der Takt ist nur eine Art Gefühl, dessen Bestandteile

nicht gesondert vorgestellt werden. Er ist nur eine bestimmte Form des

gewöhnlichen, meist äußerlich und offen daliegenden Urteils, während der

dunkle Antrieb, den Sokrates meinte, gar nichts mit der individuellen

Geschicklichkeit des Verhaltens zu thun hat, sondern nur diejenigen

unbewußten Motive betrifft, die sich nicht als gewöhnliche verstandesmäßige

Gründe begreifen lassen. Es ist das Unbegreifliche, -- was in der Form des

Dämonischen sich unwillkürlich auszugleichen sucht.«

Allein es ist mir zweifelhaft, ob diese Unbegreiflichkeit sich nicht

vielleicht _nur_ für den Standpunkt der materialistischen Psychologie

ergiebt. Ich habe zwar die »spiritistische« Deutung der eleusinischen

Mysterien, welche +du Prel a. a. O.+ zu geben versucht, desavouieren zu

müssen geglaubt. Was dagegen das Dämonion des Sokrates betrifft, so glaube

ich, daß du Prel, der hier nicht bis zum Spiritismus ausgreift, sondern

lediglich im Rahmen seiner, die _dramatische Spaltung des Ich_ als

fruchtbaren Erklärungsgrund vieler rätselhafter Erscheinungen des

Seelenlebens verwertenden »Philosophie der Mystik« bleibt, in dem citierten

Buche die beste Auflösung des Problems liefert. Ich schließe daher dieses

Kapitel mit folgendem Citat aus +du Prels Mystik der alten Griechen,

S. 136ff.+:

»Demnach ist die dramatische Spaltung des Ich nicht nur die psychologische

Formel zur Erklärung unseres Traumlebens, sondern auch die metaphysische

Formel zur Erklärung des Menschen. Unsere Existenz, ohne ein bloßer Traum

zu sein, hat doch die Formel des Traumlebens. Unser irdisches Wesen ist nur

die Hälfte unseres eigentlichen Wesens, dessen andere Hälfte für uns

transscendental bleibt, hinter dem irdischen Bewußtsein liegt. Wir gleichen

also einem Doppelstern, ohne unsern dunkeln Begleiter zu erkennen. Tritt in

unseren Träumen eine zweite Figur neben uns auf, so gehört diese zwar auch

unserem Wesen an, aber nur einen Teil dieses unseres Wesens haben wir in

diese Traumfigur versenkt und nur im anderen Teile erkennen wir unser

eigenes Ich. Darum reden wir im Traume mit solchen Figuren wie mit fremden

Wesen, wiewohl die beiden Personen durch ein gemeinschaftliches Subjekt

zusammengehalten sind und beim Erwachen in der That wieder zusammenrinnen.

In eine Traumfigur können wir schon darum nie ganz versenkt sein, weil

deren meistens mehrere vorhanden sind, deren jede nur einen Teil unseres

Wesens objektiviert. Nicht einmal in die Gesamtheit der Figuren sind wir

ganz ausgegossen, sonst wäre es nicht möglich, daß wir auch noch selbst auf

der Bühne uns bewegen; es bliebe für uns nur mehr der Anteil eines

vollständig objektiven Zuschauers, was in jenen Träumen, darin wir uns auf

der Bühne nicht mit befinden, teilweise allerdings der Fall ist. Diese im

Traume bloß psychologische Thatsache der Spaltung wird als eine außerhalb

des Traumes metaphysische erwiesen durch die transscendentalen Fähigkeiten

unserer Seele, die aus dem irdischen Bewußtsein nicht abzuleiten sind. Dies

ist der Grund, warum Kant gerade gelegentlich seiner Schrift über den Seher

Swedenborg dahin gelangte, die hier vorgetragene Formel zur Erklärung des

Menschenrätsels in ganz klaren Sätzen auszusprechen. Die Rationalisten

sehen in dieser Schrift Kants -- 'Träume eines Geistersehers' -- nur eine

Verspottung des Geisterglaubens; sie übersehen dabei, daß von diesem Spott

mindestens ein Geist ganz unberührt bleibt, der Geist des Menschen im Sinne

eines transscendentalen Subjekts. Ein solches bezweifelt Kant nicht nur

nicht, sondern er behauptet es mit großer Entschiedenheit: 'Ich gestehe,

daß ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu

behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu

versetzen.' .... 'Die menschliche Seele würde daher schon in dem

gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zwei Welten zugleich müssen angesehen

werden, von welchen sie, sofern sie zur persönlichen Einheit mit einem

Körper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein

Glied der Geisterwelt die reinen Einflüsse immaterieller Naturen empfängt

und verteilt, so daß, sobald jene Verbindung aufgehört hat, die

Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein übrig

bleibt und sich ihrem Bewußtsein zum klaren Anschauen eröffnen müßte.' ....

'Es wird künftig, ich weiß nicht, wo oder wann, noch bewiesen werden, daß

die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen

verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt

stehe, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke

empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewußt, so lange alles wohl

steht.' .... 'Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und

unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber nicht eben dieselbe

Person, weil die Vorstellungen der einen, ihrer verschiedenen

Beschaffenheit wegen, keine begleitenden Ideen von denen der anderen Welt

sind, und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht

erinnert wird.'

Aus diesen so klaren und bestimmten Sätzen ergiebt sich, daß meine

Behauptung, die dramatische Spaltung des Ich, die im Traum als

psychologische Formel auftritt, sei zugleich die metaphysische Formel des

Menschen, mit den Ansichten Kants übereinstimmt, aber auch mit dem, was

Kant in der Lehre von der dritten Antinomie sagt; er hat demnach diese

seine Ansicht auch noch in seinem Alter aufrecht erhalten. Sogar des von

mir gebrauchten Ausdrucks 'transscendentales Subjekt' bedient er sich, wenn

er sagt, daß 'das transscendentale Subjekt uns empirisch unbekannt ist',

d. h. also, daß unser Selbstbewußtsein nur auf einen Teil unseres Wesens,

auf die irdische Person sich erstreckt, daß unser Wesen über das

Selbstbewußtsein hinausragt.

Einen Verkehr mit unserem transscendentalen Subjekt und durch dessen

Vermittlung mit den transscendenten Subjekten, d. h. mit dem Geisterreich,

hält nun Kant nicht für möglich 'so lange alles wohl steht'; damit ist aber

gesagt, daß er ihn für möglich hält in abnormen Zuständen: 'Diese

Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und deren, die zum leiblichen

Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als ein so großes Hindernis

angesehen werden, daß sie alle Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der

Einflüsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben bewußt zu

werden. Noch leichter müßte daher ein Übergang einer Vorstellung unseres

eigenen transscendentalen Subjekts in das sinnliche Bewußtsein eintreten;

denn in beiden Fällen der dramatischen Spaltung, in der psychologischen,

wie in der metaphysischen, ist die Empfindungsschwelle die Bruchfläche der

Spaltung; diese Empfindungsschwelle ist aber beweglich, schon im

gewöhnlichen Traum, mehr noch im Somnambulismus, und daß dieses im Wachen

geradezu unmöglich sei, läßt sich in keiner Weise begründen; wohl aber ist

vorweg zu erwarten, daß transscendentale Vorstellungen, die während des

Wachens die Empfindungsschwelle überschreiten, an Bestimmtheit verlieren

und vielleicht nur teilweise zum Bewußtsein kommen.'

_Damit ist nun auch das Rätsel des Sokratischen Dämonions erklärt._

Sokrates war ein Mensch von beweglicher Empfindungsschwelle, so daß er

sich transscendentaler Einflüsse bewußt werden konnte, die sich auf die

Folgen seiner Handlungen bezogen. Daß nun das transscendentale Subjekt

fernsehend ist, zeigt sich in häufigen Fällen bei Somnambulen. Diese zeigen

sogar eine gesteigerte Form des Sokratischen Dämonions. Bei Sokrates trat

dasselbe in der abgeschwächten Form bloßer Ahnungen ins Bewußtsein, und es

verhielt sich nur abhaltend, nicht antreibend. Diese beiden Merkmale lassen

sich auf die gemeinschaftliche Ursache zurückführen, daß das Dämonion sich

im Wachen und darum in abgeschwächter Form geltend machte.

Sokrates selbst sagt, daß die innere Stimme sich nur geltend machte, wenn

er etwas in den Folgen Unangemessenes und Nachteiliges thun wollte. Nun ist

es ein alter Erfahrungssatz der Mystik, daß das Fernsehen, wenn es spontan

eintritt, auf die Schattenseiten der Zukunft sich richtet. Gerade solche

Ferngesichte aber müssen begreiflicherweise mit dem größten Gefühlswert

versehen sein, und weil ihnen ein größerer Reiz zu Grunde liegt, müssen sie

mit größerer Leichtigkeit auch die Empfindungsschwelle überschreiten. Wenn

aber selbst das Ferngesicht als solches nicht ins Bewußtsein tritt, so muß

doch die damit verbundene Gefühlserregung bewußt werden, die dann aber nur

mehr als von der beabsichtigten Handlung Abhaltendes, als ein innerhalb des

Bewußtseins unmotiviertes Gefühl sich geltend machen wird. Dies war eben

bei Sokrates der Fall. Nur die Gefühlswirkung des Ferngesichts war ihm

bewußt.

Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß alle Fälle von Ahnungen auf

solchen abgeschwächten Ferngesichten beruhen, die nur mit ihrem Gefühlswert

über die Empfindungsschwelle treten, während die Vision unbewußt wird. Denn

ein Motiv muß diesen Gefühlserregungen zu Grunde liegen, und es ist wohl

kein anderes denkbar als eine Vision, wir müßten denn zur Inspiration

greifen. Den Schein einer fremden Inspiration müssen allerdings Ahnungen

selbst dann haben, wenn sie auf ein bloßes Angstgefühl beschränkt bleiben,

weil eben das transscendentale Bewußtsein vom irdischen abgegangen ist.

Eine Steigerung schon ist es, wenn, wie bei Sokrates, zum abhaltenden

Gefühl in dramatischer Spaltung die innere Stimme hinzukommt, die gleich

einer fremden vernommen wird. Bei noch höherer Steigerung nimmt der

Abmahner plastische Gestalt an; dies scheint aber bei Sokrates niemals

eingetreten zu sein, er hörte nur immer die Stimme, sein Dämonion kam aber

nie zur Sichtbarkeit.

Das Dämonion des Sokrates ist also ein dramatisiertes Ahnen, eine

abgeschwächte fernsehende Erkenntnis von der Unangemessenheit einer

beabsichtigten Handlung; dieses transscendentale Fernsehen, ins Bewußtsein

nur als Ahnung dringend, scheint aber immer erst dann eingetreten zu sein,

wenn er eben im Begriffe war, die betreffende Handlung zu begehen.«

Neuntes Kapitel.

Platon.

Das sokratische Prinzip hatte zwar der naturwissenschaftlichen Metaphysik,

die in Demokrit ihren Höhepunkt erreichte, ein Ende gemacht; nicht aber der

Metaphysik überhaupt. Vielmehr, wie später unmittelbar an Kant, dessen

Prinzip in vieler Hinsicht an Sokrates erinnert, eine besonders lebhafte

Thätigkeit der metaphysischen Forschung anknüpft, so auch schon an

Sokrates.

Zweifellos der begabteste aller Schüler des Sokrates ist _Platon, der Vater

des Idealismus_.

Er war als Sohn des Ariston, eines Atheners von vornehmster Geburt, der

seinen Stammbaum auf König Kodrus zurückführen konnte, im Jahre 427 zu

Ägina geboren. Er soll zuerst nach seinem väterlichen Großvater Aristoteles

genannt sein und den Namen Platon erst als Beinamen (wegen seiner breiten

Brust) im Gymnasium erhalten haben. Von der Natur mit allen körperlichen

und geistigen Vorzügen begabt, empfing er die sorgfältigste Erziehung. Im

Jünglingsalter widmete er sich zuerst der Dichtkunst. Von diesen poetischen

Versuchen aber brachte ihn Sokrates ab, mit dem er angeblich schon in

seinem zwanzigsten Jahre in vertrautesten Umgang trat. Die Sage hat diesen

Moment durch einen Traum des Sokrates ausgeschmückt, _von einem Schwan, der

aus seinem Busen auffliege_.

Als ihm am Tage nach diesem Traum Plato von seinem Vater zum Unterricht

zugeführt wurde, soll er den Traum sofort erzählt und Plato als den Schwan

bezeichnet haben.

Der Tod des Sokrates machte auf ihn einen erschütternden Eindruck und

verklärte das Bild seines Meisters zu dem Ideal des vollkommensten Weisen,

welches in fast sämtlichen seiner zahlreichen Schriften in der Rolle des

Sokrates auftritt. Er ging nach diesem Ereignis zunächst mit anderen

Schülern seines Meisters zu Euklides nach Megara. Bald darauf trat er eine

große Reise an, die ihn jedenfalls zuerst nach Kyrene und nach Ägypten

führte. Mit Unrecht wird bezweifelt, daß er sich hier lange Zeit

aufgehalten und in die Geheimlehren der Priester habe einweihen lassen; die

Nachrichten der alten Schriftsteller über diesen Punkt, auch _indirekte_

Zeugnisse unmittelbarer Zeitgenossen, wie z. B. des Isokrates, sind

unanfechtbar. Diogenes Laert. (+III. 7+) berichtet, er habe auch die

persischen Magier besuchen wollen, sei aber durch den Krieg daran

verhindert worden. Daß er sich im Innern Asiens längere Zeit aufgehalten

hat, bestätigt auch Cicero (+Tusc. IV. 19+).

Nach Rückkehr von Ägypten oder Asien unternahm er seine erste Reise nach

Unteritalien und Sizilien, um mit den dortigen Pythagoräern in näheren

Verkehr zu treten. Diese Reise führte ihn an den Hof des bekannten Tyrannen

von Syrakus, Dionysios des Älteren. Er schloß hier einen engen

Freundschaftsbund mit Dion und wurde durch diesen in die politischen

Gegensätze und Parteiungen, die zu Syrakus herrschten, hineingezogen, was

für ihn bedenkliche Folgen hatte. Der Tyrann ließ ihn festnehmen, lieferte

ihn als Kriegsgefangenen den Spartanern aus und diese ließen den

Philosophen in Ägina _als Sklaven verkaufen_. Ein Kyrenaiker namens

Annikeris soll ihn dann frei gekauft haben. Im Alter von vierzig Jahren

(387) kehrte er nach Athen zurück und gründete hier in dem akademischen

Gymnasium eine philosophische Schule, in der er teils in der dialogischen

Methode des Sokrates, teils auch durch Vorträge seine Philosophie

verbreitete. Diese Lehrthätigkeit wurde aber durch zweimaligen längeren

Aufenthalt in Sizilien unterbrochen.

Zunächst kehrte er nach dem Tode des älteren Dionysios auf den Wunsch des

Dion, dem der jüngere Dionysios anfänglich sehr gewogen war, nach Syrakus

zurück. Dionysios wurde anfangs leidenschaftlich für Plato eingenommen und

nahm sich dessen Lehren und Beispiele zu Herzen; »wie ein wildes Tier«,

sagt Plutarch (+Dion 16+), »mit der Zeit das Betasten der Menschen ertragen

lernt, so gewöhnte sich auch Dionysios so an Platons Umgang und Lehren,

daß er ihn möglichst lange in Sizilien zurückhielt und eine gewisse

tyrannische Liebe gegen ihn hegte, indem er verlangte, Plato solle ihn

allein lieben und bewundern und dem Dion vorziehen.« Allein als Dion

schließlich vom Dionys verbannt wurde, auch die Bemühungen Platos, dessen

Rückkehr durchzusetzen und den Tyrannen zur Entsagung auf die

Alleinherrschaft und zur Einführung einer platonischen Aristokratie zu

bestimmen, sich als nutzlos erwiesen, verließ Plato Syrakus. Zum dritten

Male freilich kehrte er auf die dringenden Bitten Dions und seiner

pythagoräischen Freunde im Jahre 361 v. Chr. an den Hof des Dionysios

zurück; von letzterem anfangs mit großer Freude aufgenommen, geriet er

jedoch, bei seinen unablässigen Bemühungen, denselben wieder mit Dion und

dessen politischen Grundsätzen zu versöhnen, infolge einer Verstimmung des

Tyrannen wiederum in persönliche Gefahr. Nur das energische Eintreten der

Pythagoräer, die, an ihrer Spitze Archytas, die damals nicht geringe Macht

Tarents für ihn engagierten, scheint ihn gerettet zu haben. Er kehrte nach

Athen zurück, wo er fortan unter Fernhaltung von jeder politischen

Thätigkeit nach dem Vorgange des Sokrates, -- die Demokratie Athens war ihm

seit der Verurteilung des Sokrates in höchstem Maße verhaßt und selbst über

die besten Staatsmänner seiner Vaterstadt, wie z. B. Perikles, enthalten

seine Schriften nur bittere Urteile --, sich mit größtem Eifer der

wissenschaftlichen Lehrtätigkeit in der Akademie und der Abfassung von

Schriften widmete.

In ungeschwächter Geisteskraft erreichte er das 81. Lebensjahr und starb

348 v. Chr. nach +Diogenes III. 2+, bei einem Gastmahl, nach Cicero

(+Senect. 5+), falls dessen Angabe wörtlich zu nehmen ist, schreibend.

Schon das Altertum, das als besondere Merkwürdigkeit auch seine angeblich

unverletzte Virginität hervorhebt, bewunderte ihn wie einen Heros.

In der That hat er, wie kein anderer, die schöne Lebensführung des

Hellenentums durch eine Tiefe des geistigen Daseins geadelt, die ihn am

Horizonte der menschlichen Weltanschauung für alle Zeiten als Stern erster

Größe strahlen läßt.

* * * * *

Platos Lehre wird nicht mit Unrecht als die vollkommenste Gestalt der

hellenischen Philosophie, als ihre höchste Blüte bezeichnet, wenn man

gleichzeitig zugiebt, daß die höchste Blüte auch regelmäßig den Wendepunkt

und Übergang zum Verfall in sich birgt.

Der Occultismus des Altertums · 第 141 / 155 题