III.

Epimenides von Kreta.

Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat

unstreitig jener Epimenides von Kreta gehört, dessen historische Existenz

ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne über sein Leben berichtete

Wunderdinge auf Übertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen

Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein.

Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos

nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf

diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Höhle Schatten und

Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen

_tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein

soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583],

suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er

es nicht fand, nach der Stadt zurück. Sein Erstaunen war nicht gering, als

er alles verändert fand und zu Hause nur noch seinen jüngsten Bruder, der

mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.

Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzählungen indischer

Reisender von den »schlafenden Fakiren« erinnert, wird freilich für immer

der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner könnte vielleicht

an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog.

+Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Störungen beruhenden

Schlafsucht, von der man Fälle registriert hat, die sich über viele Jahre

hinaus erstreckt haben.[584]

Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:

Des Epimenides Erwachen.

Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in

folgenden Versen zurückgeführt:

»Auf Kretas Höh'n, des Vaters Herde weidend,

Die Insel unter mir, ringsum das Meer,

Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,

Von tausenden den nächtigen erleuchtet;

Da strebt's in meiner Seele, dieses All,

Das herrliche zu kennen; doch umsonst:

Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.

Da nahmen sich die Götter meiner an,

Zur Höhle führten sie den Sinnenden,

Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf.

Als ich erwachte, hört' ich einen Gott:

»Bist vorbereitet«, sprach er, »wähle nun!

Willst du die Gegenwart und das, was ist,

Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?« -- Gleich

Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,

Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.

Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt,

Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt. --

Den schau ich nun so viele Jahre schon;

Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen.

Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,

Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre.«

Historisch beglaubigt ist, daß er von Kreta nach Athen berufen wurde, um

hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein

anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre

zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und

religiöse Hymnen eine Pestilenz aufhören zu machen. Die Athener

beunruhigten sich nämlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, über den uns

+Thucydides I. 126+ folgendes erzählt:

»Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen

Spielen gesiegt hatte und aus einem der ältesten und mächtigsten Häuser war

und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher

damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu

Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem größten

Feste des Zeus der Burg zu Athen bemächtigen. Er ließ demzufolge sich von

Theagenes Söldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten

beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten

olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der

Absicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dies hielt er nämlich als das

größte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaßen noch näher anginge, da er

in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das größte Fest

in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darüber hatte er sich weiter

keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt,

indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios außerhalb der Stadt ein

großes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der

Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer

von den eigenen Landesfrüchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit

seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar

auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und

sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit ließen sie

sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermüden und zogen größtenteils

ab, bevollmächtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung

der Zugänge sammt allen übrigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und

Gutdünken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit über den

größten Teil der Regierungsgeschäfte unter Händen. Kylon und diejenigen,

welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser

und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umständen. Inzwischen fand er

selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die übrigen, die immer mehr

ins Gedränge gerieten, so daß auch schon einige Hungers starben, setzten

sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die

Athener, welche die Wache hatten, hießen sie davon weggehen; und als sie

sahen, daß sie in dem Tempel sterben wollten, _führten sie dieselben unter

dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und töteten sie;

andere, welche zu den Altären der ehrwürdigen Göttinnen ihre Zuflucht

genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_.«

Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische

Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevölkerung sehr

beängstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch

Hallucinationen, Visionen, Auditionen beängstigt, und es traten alle nur

denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krämpfe massenhaft auf.

Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu »reinigen und zu entsühnen«.

Er gründete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene

Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der

Frauen so, daß er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten,

beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: »Wir

wissen kaum etwas Genaueres über sein Thun; aber die Thatsache seines

Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religiösen

Verzweiflung, welche die Athener niederdrückte, hervorgebracht, sind wohl

bezeugt. Überdies besaß Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu

vereinigen, und während er so viele wertvolle Ratschläge erhalten mochte,

unterstützte er indirekt die Erhöhung des Rufes des Solon selbst, dessen

konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug

in Athen, um einen gemütlicheren Ton der religiösen Gefühle vollständig

wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und

Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom

heiligen Ölbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_«.

Nach einer Angabe, welche schon während der Zeit des Xenophanes von

Kolophon gangbar war, soll er das ungewöhnliche Alter von 154 Jahren

erreicht haben; und die Kreter (sprüchwörtlich »böse Lügner und faule

Bäuche«) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rühmten

ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als

Dichter; sehr lange »Dichtungen« mystischen Inhalts wurden ihm

zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in

demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporären ekstatischen

Zufällen_ die Zukunft habe vorausverkünden können. Nach Aristoteles dagegen

gab Epimenides selber an, von den Göttern keine höhere Gabe empfangen zu

haben, als die unbekannten Phänomene der Vergangenheit zu erraten.[585]

Plato (+Kratyl. p. 905+, +Phaedr. p. 244+) glaubte fest an Epimenides als

gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch,

welche zu seinen Lebzeiten Ansprüche auf übersinnliche Kräfte vorbrachten,

war er weniger leichtgläubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten

die Orpheotelesten der späteren Zeit mit gebührender Verachtung.[586]

Wäre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklärung der Massen

große Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so würde

wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein,

und er würde sich nur vereinzelter Erfolge bei älteren Weibern und in

rückständigen entlegenen Dörfern haben rühmen können, wie dieselben

Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.

Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.

Über die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er

habe zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen

sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es

scheint, zwei weitere nicht näher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein,

aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der

Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr

natürlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen

Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann

weitere Erzeugungen hervorgegangen.

Fünftes Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.

Persönlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides

bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der

griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den

verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.

Diese Mysterien bilden immer noch eins der größten kulturhistorischen und

psychologischen Probleme des Altertums.

Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei

den Zweck, die übrigens uralten, möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert

v. Chr. zurückdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.

Man hat nämlich ursprünglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien

zu unterscheiden.

Die allgemeine religiöse Idee beider war zwar dieselbe. Beide führen auch

auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflüsse

zurück. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika

jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden.

Kreta hat für die Verbindung mit dem Orient die glücklichste Lage, es war

eine der ersten Niederlassungen phönizischer Kolonisten, es empfing früh

egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus

ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, daß _Minos_ der erste

gewesen, »der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog.

griechische Meer größtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln

unter seiner Botmäßigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst

angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Söhne als

Häupter der neuen Kolonien einsetzte.«[589]

Cadmus, Phönix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem

orientalischen Mystizismus die Brücke von Asien nach Europa.

Wolfgang Menzel[590] meint, daß die Mysterien mit einer demokratischen

Tendenz verbunden gewesen, daß sie einen geheimen Kampf der Humanität gegen

Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach

Art unserer modernen Freimaurerei, geführt hätten. So paradox diese

Behauptung klingt und so übertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise

erscheinen muß, so kann ich nicht in Abrede stellen, daß wenigstens die

Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen

der (älteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann,

und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen

Solons, der ja im Sinne einer gemäßigten Demokratie reformierte, zu

Epimenides. Ferner ist sicher, daß die demokratische Verschwörung des

Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und

beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wäre.

Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren

jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die

Lehren.

Der Occultismus des Altertums · 第 132 / 155 题