Epimenides von Kreta.
Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat
unstreitig jener Epimenides von Kreta gehört, dessen historische Existenz
ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne über sein Leben berichtete
Wunderdinge auf Übertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen
Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein.
Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos
nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf
diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Höhle Schatten und
Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen
_tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein
soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583],
suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er
es nicht fand, nach der Stadt zurück. Sein Erstaunen war nicht gering, als
er alles verändert fand und zu Hause nur noch seinen jüngsten Bruder, der
mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.
Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzählungen indischer
Reisender von den »schlafenden Fakiren« erinnert, wird freilich für immer
der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner könnte vielleicht
an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog.
+Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Störungen beruhenden
Schlafsucht, von der man Fälle registriert hat, die sich über viele Jahre
hinaus erstreckt haben.[584]
Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:
Des Epimenides Erwachen.
Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in
folgenden Versen zurückgeführt:
»Auf Kretas Höh'n, des Vaters Herde weidend,
Die Insel unter mir, ringsum das Meer,
Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,
Von tausenden den nächtigen erleuchtet;
Da strebt's in meiner Seele, dieses All,
Das herrliche zu kennen; doch umsonst:
Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.
Da nahmen sich die Götter meiner an,
Zur Höhle führten sie den Sinnenden,
Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf.
Als ich erwachte, hört' ich einen Gott:
»Bist vorbereitet«, sprach er, »wähle nun!
Willst du die Gegenwart und das, was ist,
Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?« -- Gleich
Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,
Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.
Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt,
Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt. --
Den schau ich nun so viele Jahre schon;
Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen.
Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,
Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre.«
Historisch beglaubigt ist, daß er von Kreta nach Athen berufen wurde, um
hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein
anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre
zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und
religiöse Hymnen eine Pestilenz aufhören zu machen. Die Athener
beunruhigten sich nämlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, über den uns
+Thucydides I. 126+ folgendes erzählt:
»Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen
Spielen gesiegt hatte und aus einem der ältesten und mächtigsten Häuser war
und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher
damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu
Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem größten
Feste des Zeus der Burg zu Athen bemächtigen. Er ließ demzufolge sich von
Theagenes Söldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten
beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten
olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der
Absicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dies hielt er nämlich als das
größte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaßen noch näher anginge, da er
in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das größte Fest
in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darüber hatte er sich weiter
keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt,
indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios außerhalb der Stadt ein
großes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der
Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer
von den eigenen Landesfrüchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit
seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar
auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und
sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit ließen sie
sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermüden und zogen größtenteils
ab, bevollmächtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung
der Zugänge sammt allen übrigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und
Gutdünken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit über den
größten Teil der Regierungsgeschäfte unter Händen. Kylon und diejenigen,
welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser
und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umständen. Inzwischen fand er
selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die übrigen, die immer mehr
ins Gedränge gerieten, so daß auch schon einige Hungers starben, setzten
sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die
Athener, welche die Wache hatten, hießen sie davon weggehen; und als sie
sahen, daß sie in dem Tempel sterben wollten, _führten sie dieselben unter
dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und töteten sie;
andere, welche zu den Altären der ehrwürdigen Göttinnen ihre Zuflucht
genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_.«
Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische
Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevölkerung sehr
beängstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch
Hallucinationen, Visionen, Auditionen beängstigt, und es traten alle nur
denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krämpfe massenhaft auf.
Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu »reinigen und zu entsühnen«.
Er gründete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene
Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der
Frauen so, daß er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten,
beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: »Wir
wissen kaum etwas Genaueres über sein Thun; aber die Thatsache seines
Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religiösen
Verzweiflung, welche die Athener niederdrückte, hervorgebracht, sind wohl
bezeugt. Überdies besaß Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu
vereinigen, und während er so viele wertvolle Ratschläge erhalten mochte,
unterstützte er indirekt die Erhöhung des Rufes des Solon selbst, dessen
konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug
in Athen, um einen gemütlicheren Ton der religiösen Gefühle vollständig
wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und
Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom
heiligen Ölbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_«.
Nach einer Angabe, welche schon während der Zeit des Xenophanes von
Kolophon gangbar war, soll er das ungewöhnliche Alter von 154 Jahren
erreicht haben; und die Kreter (sprüchwörtlich »böse Lügner und faule
Bäuche«) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rühmten
ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als
Dichter; sehr lange »Dichtungen« mystischen Inhalts wurden ihm
zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in
demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporären ekstatischen
Zufällen_ die Zukunft habe vorausverkünden können. Nach Aristoteles dagegen
gab Epimenides selber an, von den Göttern keine höhere Gabe empfangen zu
haben, als die unbekannten Phänomene der Vergangenheit zu erraten.[585]
Plato (+Kratyl. p. 905+, +Phaedr. p. 244+) glaubte fest an Epimenides als
gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch,
welche zu seinen Lebzeiten Ansprüche auf übersinnliche Kräfte vorbrachten,
war er weniger leichtgläubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten
die Orpheotelesten der späteren Zeit mit gebührender Verachtung.[586]
Wäre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklärung der Massen
große Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so würde
wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein,
und er würde sich nur vereinzelter Erfolge bei älteren Weibern und in
rückständigen entlegenen Dörfern haben rühmen können, wie dieselben
Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.
Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.
Über die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er
habe zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen
sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es
scheint, zwei weitere nicht näher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein,
aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der
Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr
natürlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen
Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann
weitere Erzeugungen hervorgegangen.
Fünftes Kapitel.
Die Geheimlehre der Mysterien.
Persönlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides
bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der
griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den
verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.
Diese Mysterien bilden immer noch eins der größten kulturhistorischen und
psychologischen Probleme des Altertums.
Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei
den Zweck, die übrigens uralten, möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert
v. Chr. zurückdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.
Man hat nämlich ursprünglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien
zu unterscheiden.
Die allgemeine religiöse Idee beider war zwar dieselbe. Beide führen auch
auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflüsse
zurück. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika
jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden.
Kreta hat für die Verbindung mit dem Orient die glücklichste Lage, es war
eine der ersten Niederlassungen phönizischer Kolonisten, es empfing früh
egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus
ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, daß _Minos_ der erste
gewesen, »der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog.
griechische Meer größtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln
unter seiner Botmäßigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst
angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Söhne als
Häupter der neuen Kolonien einsetzte.«[589]
Cadmus, Phönix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem
orientalischen Mystizismus die Brücke von Asien nach Europa.
Wolfgang Menzel[590] meint, daß die Mysterien mit einer demokratischen
Tendenz verbunden gewesen, daß sie einen geheimen Kampf der Humanität gegen
Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach
Art unserer modernen Freimaurerei, geführt hätten. So paradox diese
Behauptung klingt und so übertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise
erscheinen muß, so kann ich nicht in Abrede stellen, daß wenigstens die
Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen
der (älteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann,
und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen
Solons, der ja im Sinne einer gemäßigten Demokratie reformierte, zu
Epimenides. Ferner ist sicher, daß die demokratische Verschwörung des
Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und
beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wäre.
Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren
jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die
Lehren.