Pherekydes.
Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und »Theologie« (in antikem Sinne)
oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt
auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer
der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit
zwischen 600-596 v. Chr. (+Ol. 45+). Diogenes nennt ihn einen Schüler des
Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten über seine
Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit
vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer
Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein
anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben
vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, möglichst bald
mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze
Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen
Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft.
Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und für das Ansehen, das er
genoß, bürgt der Bericht, daß ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt
seien:
%Tês sophias pasês en emoi telos% =
Aller Weisheit Vollendung war in mir.
Eine Schrift »über den Ursprung der Dinge« von ihm scheint noch dem Cicero
bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was
immer war, Zeus, Chronos und Chthon.
Zeus ist der höchste weltschöpferische Gott und zugleich der höchste
Himmel, vielleicht der Äther.
Unter Chthon, meint Conrad (+De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia,
Koblenz 1857+), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe,
außer dem Äther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei
dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man
gewöhnlich die _Zeit_. +Zeller, a. a. O., S. 73+ bemerkt jedoch, daß es
kaum glaublich sei, daß ein so altertümlicher Denker den abstrakten Begriff
der Zeit unter den ersten Urgründen aufgeführt hatte; Chronos bringt
nämlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll
damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher
meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (+Gesch. der Entw. der
griech. Philosophie+), daß Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als
Gott der heißen Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls
als ein realer Bestandteil der Welt.
Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Götter in fünf
Geschlechtern. Preller glaubt (+Rh. Museum 382+), es sollen damit fünf
Mischungsverhältnisse der Elementarsubstanzen (Äther, Feuer, Luft, Wasser,
Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus
verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft
ist die Liebe. Er machte ein großes Gewand, in das er die Erde und den
Okeanos einwob und spannte dieses über einen von Flügeln getragenen
Eichbaum, d. h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerüst (daher
die Flügel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberfläche des
Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als
Repräsentant der untergeordneten Naturkräfte, aber das Götterheer unter
Chronos stürzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel.
Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen
abgerissenen Sätzen, die uns von seiner Lehre überliefert sind, entnehmen
können, daß man sich bemühte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere
der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht +Conrad,
a. a. O.+, wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der
aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische
Einflüsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen;
Suidas läßt ihn die Geheimschriften der Phöniker benutzen, Josephus (+e.
Ap. I 2+) zählt ihn zu den Schülern der Egypter und Chaldäer.