In der Schöpfungslehre der _bacchischen_ Mysterien erscheint zunächst
Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser _Chronos_
zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten _Äther_ und dem finstern
Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand
gehüllt war, welches nachher zerriß. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein
Mannweib, auch Protogonos und _Pan_ genannt. Man stellte ihn dar mit
goldenen Flügeln, auf den Schultern mit Stierköpfen und auf dem Kopfe mit
einer Schlange. Als »Aeon« wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist
die demiurgische Ursache oder der Anlaß zur Weltschöpfung. Er wird nämlich
vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die
Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d. h. Zeus bringt
alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen
Versen, die dem sagenhaften Sänger Orpheus zugeschrieben wurden, heißt es
daher:
»Zeus wurde der erste, Zeus der letzte Herrscher des Blitzes;
Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet;
Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau.
Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels,
Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlöschlichen Feuers,
Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne,
Zeus der König, Zeus, der selber Alles geboren.«
Die Ahnung der göttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines körperlichen
Ganzen, eines Riesenkörpers ausgeprägt. Übrigens werden in fast allen
heidnischen Religionen die ältesten Gottheiten androgyn mannweiblich
gedacht.
Das zweifellos nach Egypten zurückweisende Symbol dieser aus sich selbst
alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der
Scarabäus, d. h. der Mist-Käfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt:
»Zeus, hehrester, größter der Götter, eingewickelt
In Mist von Schafen, Rossen und Mäulern!«
Erst später zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein
weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen Übergang zum
Anthropomorphismus.
Dieses weibliche Urwesen heißt Chthonia (von %chthôn% = unbegrenzter Grund
und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter
Erde (Gäa) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt.
So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo
Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen über Jupiters
Ratschluß einholten:
»Zeus war, Zeus wird sein, o großer Zeus!
Die Erde bringt Früchte hervor, drum preiset die Mutter Erde!«
Von diesem Zeus und der Gäa geht nun Dionysos aus, der übrigens seinem
Wesen nach identisch ist mit Zeus selber.
Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen
verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein
und mit ihr den Zagreus gezeugt haben.
Sehr bemerkenswert für die Herkunft dieser Götterbegriffe ist der naive
Bericht des +Herodot II. 52+: »Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona
vernommen, anfänglich unter Gebeten den Göttern Opfer aller Art. Jedoch
legten sie keinem von jenen einen _Beinamen_ oder _Namen_ bei, dieweil sie
noch niemals dergleichen gehört hatten. Götter benannten sie dieselben und
deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen
gemacht. Später, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus _Egypten_
gekommenen Namen der übrigen Götter, des _Dionysius Namen erfuhren sie aber
viel später_.«
Möglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592]
Nach +Arrian Ind. Kap. 5+ zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rückkunft
nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift:
»Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus _von Indien_ her weihet sie dem
Apollo, dem Delphier.«
Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eifersüchtige Here, ihn
zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete
sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und
verwandelte sich dann vergeblich in alle mögliche Gestalten, er wurde von
den _Titanen zerrissen_. (Dieselbe Sage vom Zerreißen wiederholt sich bei
dem mythischen Sänger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die
Mänaden zerreißen.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem
Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt,
so daß erst die Sündflut das Feuer wieder löschen kann. Das Herz des
Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie
Mutter des Dionysos.
Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d. h. das in vielen Formen sich
darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren.
Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der
Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren
und wieder an das Eine zu befestigen.
In sieben Teile war Zagreus zerstückelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher
Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der
Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heißt auch
Quelle der Seelen. Man unterschied übrigens zwei solcher Becher. Die Alten
haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am
Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der
erste heißt Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher.
Manilius (+astron. V. 116+) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den
Trunk aus ihm vergißt die Seele ihre höhere Natur und sinkt in die
Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird.
Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen
und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder.
Der erste Becher heißt auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen
Seelen müssen in die _Individualität_ treten, sie müssen in die Geburt
herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur
Erhaltung der Weltökonomie; das sind die Neulingsseelen (+mentes
novellae+).[594] Andere müssen zur Strafe herab; andere geben sich
freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in
den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge
gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und
bei Nonnus ist es die Liebesgöttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher
reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist übrigens
gleichgültig. Das Wesentliche ist die Einführung eines passiven, die
Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das
Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das
weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das männliche
Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die
rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder.
Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so
mehr werden sie berauscht, um so mehr erblaßt das Andenken an ihre höhere
Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken
daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen
Menschen. -- Anders die unedlen, die das _Feuchte_, (die Materie) lieben,
die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese »feuchten« Seelen weilen
gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in
tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurückspiegelt. Diese Welt der
Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die täuschende Maja, indisch
Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie
wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr
die Seelen am irdischen Dasein hängen, desto mehr Leiber, wie Kleider.
Plato, Gorgias 523. Die Seele hängt sich gleichsam an den zuerst
gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Göttin weiter und webt das Kleid
fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloße Schattenleib als
Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja,
Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung
des Leibes.
Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott.
Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn
durch den Tierkreis verknüpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jährlich die
doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn
ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im
Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem
Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe
Milchstraße zur himmlischen Welt empor.
Hier trinken sie dann aus dem schon erwähnten zweiten Becher, dem Becher
der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am
Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nämlich die Sonne in dieses Zeichen
tritt, wird die Natur im Frühling wiedergeboren und damit wird die
Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen.
Dionysos hat also einen _doppelten_ Charakter. Er ist einmal das Prinzip
der Zeugung, der Versinnlichung, der »Wille zum Leben«, der Gott der
Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung,
der Entsinnlichung, der Erlösung, welche letztere ja in allen mystischen
Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird.
Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegensätze, auf die _alle
Mystik_ hinausläuft, Lust und Unlust, Sünde und Entsühnung eng aneinander
gerückt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer
und Klage abgelöst und umgekehrt.
In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des _Weines_
und der Liebe. Man vergleiche hierüber die geistreichen Bemerkungen
Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S. 90-96.) Auch der
Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen
zu »dithyrambischer« Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und
läßt im Rausche die Welt schöner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch
Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein
zweiter Schleier der Maja gewebt.
Gleichzeitig hat der Wein selber in der Gärung eine Art Wiedergeburt
durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere
feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich über seine
gemeine Wirklichkeit:
»Die kummerbelastenden Sorgen
Fliehen aus der Brust des Menschen,
Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Fülle
Allhin zum Strande der Täuschung.
Der Arme wird reich, der Reiche
Durch neuen Reichtum bereichert,
Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebändigt«
singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang
zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von
letzterem singt:
»Wer ihn betastet
Oder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens.
Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an,
Daß der nysäische Gott auf dem zärtlichen Purpur geschlummert,
Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schönen
Busen von Minos Tochter berührte.«
Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale
Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was
die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darüber +Nork,
vergleichende Mythologie S. 177ff.+ seltsame etymologische Bemerkungen. Er
erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch
der Thränengott (Rutren) hieß; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen
Bacchus und dem semitischen +bacca+ = weinen, vergißt aber
merkwürdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen.
Dagegen ist ihm Ariadne das semitische +ari edna+ = Wollust des Löwen und
er bemerkt +S. 178+:
»Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fällt in die Gewalt der Titanen
-- d. h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit
selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird,
weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott
übergehen, der Zustand ist, wo Niemand 'Ich' sagt.«
Ich möchte glauben, daß der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien
mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte
Bedeutung, nämlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf
Sarkophagen finden wir häufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden
Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schöne Ariadne, setzt ihr
den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schöne Knabe
Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der »Traubengeist«.
Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen läßt (Dionysos ist
ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse
der fraglichen indischen Ideen (+Symbolik I. S. 399+):
a) Das erste Sein vor und über Allem.
b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich
hingegeben hat. Mithin
c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes.
d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge.
Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie,
sie sind nicht auf dem Standpunkte _über_ der Trennung. Die Liebe ist
Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloßen Schein geboren, es ist
ein Scheinbild, es sind Zaubergärten, die mit dem Beschwörungsworte in sich
selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbständige.
Diese spekulative Auflösung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der
Liebe im Scheine, mithin ist sie a) ästhetisch, b) sie hat sich aber ganz
natürlich aus dem ersten _naiven Naturmythus_ entwickelt. Hiernach ist die
schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann
in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die
gesteigerte Spekulation die angeführte Rechenschaft.