Empedocles.
Mit Empedocles tritt uns ein »Philosoph«, wenn wir ihn so nennen dürfen,
entgegen, der zwischen Heraclit und der eleatischen Schule eine
selbständige Stelle einnimmt und die anscheinend unversöhnbaren Gegensätze
dieser beiden Richtungen, sofern ersterer alle Beharrlichkeit der Substanz
aufhob und das Sein als ewiges Werden bezeichnet, letztere aber die
Bewegung und Veränderung leugnete, augenscheinlich zu überbrücken versucht.
»Occultistisch« ist Empedocles jedenfalls interessant, weil die über ihn
erhaltenen biographischen Notizen ähnlich, wie diejenigen über Pythagoras,
ganz abnorme Dinge bieten, die in der That, soweit sie nicht, wie bei
Pythagoras, großenteils auf fabuloser Übertreibung beruhen, die Vermutung
nahe legen, daß Empedocles ein Praktiker auf dem Gebiete der sog.
Geheimwissenschaften gewesen ist, und zwar eine Faust-Natur, die es sich
nicht versagen konnte, sich ein wenig als Wundermann aufzuspielen, was
freilich seine moralische Qualität in weniger günstigem Lichte erscheinen
läßt.
Empedocles ist um 490 v. Chr. zu Agrigent auf Sizilien geboren. Er
entstammte einem reichen und vornehmen Geschlecht. Dies geht schon daraus
hervor, daß sein gleichnamiger Großvater bei den olympischen Festspielen
mit einem Viergespann den Sieg davontrug, bekanntlich bei den alten
Hellenen nicht nur ein Zeichen feinster Aristokratie, sondern auch eine der
unvergeßlichsten Auszeichnungen, würdig plastischer und poetischer
Verewigung. Irrtümlich haben spätere diesen Sieg dem »Philosophen« selber
zugeschrieben.
Ungeachtet seiner aristokratischen Abstammung und entgegen der sonstigen
Haltung griechischer Denker scheint er sich politisch zur demokratischen
Fraktion gehalten zu haben. Er soll die ihm angebotene Tyrannis verschmäht
haben[573]; mußte aber gleichwohl die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren
und verließ wahrscheinlich infolge eines Verbannungsbeschlusses Agrigent,
um dann im Peloponnes, vielleicht durch einen Sturz vom Wagen, sein Leben
zu enden.
Empedocles scheint stellenweise weniger ein Philosoph als vielmehr ein
richtiger Medizin-Mann im Sinne des Indianer-Jargons gewesen zu sein, und
zwar ein solcher, der eine teilweise vielleicht ganz rationelle hygienische
Technik, um sich ein größeres Ansehen bei der gläubigen Masse zu
verschaffen, mit dem Humbug eines Paracelsus vereinigte.
Ein historischer Kern steckt gewiß in der Erzählung, daß er die Stadt
Selinunt, die infolge von Verjauchung eines sie durchströmenden Flüßchens
durch Pestilenz heimgesucht wurde, dadurch von dieser Pestilenz befreite,
daß er, und zwar, wie hinzugefügt wird, auf eigene Kosten zwei
Nachbarflüsse mit dem verjauchten Flußbett durch Kanäle vereinigte und so
durch vermehrten Zufluß das verpestete Wasser aus der Stadt ableitete. Die
Selinuntier haben zum Andenken daran Denkmünzen geprägt, deren zwei uns
erhalten sind. Eine Abbildung derselben, welche das Ereignis sinnbildlich
darstellen und den Philosophen neben dem Fernhintreffer Apollo, den Erreger
der Epidemie, auf einem Wagen zeigen, wie er dem unheilstiftenden Gotte in
die Zügel fällt, findet man in Karstens +Empedoclis Carminum reliquiae
S. 23+.
Das höchste Interesse gläubiger Occultisten fordert aber die Erzählung
heraus, daß er seine Vaterstadt, die von trockenen Winden dermaßen
heimgesucht wurde, daß alle Früchte verdarben, _von diesen schädlichen
Winden befreite_, eine That, die ihm sogar den Ehrennamen %kôlysanemas%
oder +ventos arcendi artifex+ eintrug. Nach einer Mitteilung des Thimaeus
soll er dies durch Einfangen der Winde in Eselhäuten erreicht haben, was
beinahe an eine bekannte Erzählung von den Schöppenstedtern erinnert. Mir
persönlich erscheint die Erzählung der angeblich wunderbaren Heilung eines
hysterischen Frauenzimmers namens Panthea von Atemlosigkeit (%apnoia%) und
totenähnlicher Starre glaubhafter, die, wie Heraclides berichtet, ihn in
den Ruf brachte, Tote zum Leben erwecken zu können.[574] Über die
hypnotische Technik muß er in hohem Grade verfügt haben. Denn als einst in
seiner Gegenwart ein rasender junger Mann einen seiner Gastfreunde mit
gezücktem Schwerte durchbohren wollte, soll er denselben durch bloßes
Anstimmen eines besänftigenden Zaubersangs sofort entwaffnet haben.[575]
Es ist unleugbar, daß Empedocles selber sich den Besitz übernatürlicher
Weisheit und magischer Kräfte und zwar mit ziemlich charlatanmäßiger
Großsprecherei zugeschrieben hat, er suchte schon durch seine äußerliche
Erscheinung Aufsehen zu erregen, trug, wie auch heute noch gern derartige
»Brüder«, ungeschorenes langes Haupthaar, affektierte in stets
salbungsvoller Rede eine tragische schauspielerische Würde und kleidete
sich nur in langen Purpurgewändern, die er mit weithin klingenden
Erzschellen besetzt hatte, stets hatte er bei öffentlichem Auftreten einen
Lorbeerzweig in der Hand und das Haupt mit einer Priesterbinde umwunden. Er
schreibt sich in seinen »Gedichten« selber die Macht zu, Alter und
Krankheit zu heilen, Winde zu beschwichtigen und zu erregen, Regen und
Trockenheit herbeizuführen, ja er sagt:
%chairet', egô d'hymin theos ambrotos, ouk eti thnêtos pôleumai.%
»Freut Euch, ich bin ein unsterblicher Gott, kein sterblicher
Mensch mehr!«
Er ist wenn nicht gar der Begründer, so doch einer der bedeutendsten
Vertreter einer noch zu Platos Zeit in Griechenland häufigen Klasse von
Charlatanen, der sog. Goëten. Unter Goëtie[576] verstand man die Kunst,
mittelst gewisser in _heulendem Tone_ gesungener Beschwörungsformeln
allerhand Zauber zu verüben, die Seelen Verstorbener zu citieren, die
Götter zu bewegen, dem Menschen dienstbar zu sein und eventuell, wie wir
sehen, selbst Wetter zu machen; sie erinnert lebhaft an den +modus
operandi+ der indianischen Medizin-Männer.
Aus diesem Auftreten wird uns denn auch der Mythus über seinen Tod
erklärlich, er soll nämlich nach einer Erzählung plötzlich bei einem
Gastmahl verschwunden sein und durch eine übernatürliche Stimme verkündet
haben, er sei zu den Göttern entrückt, nach einer anderen bekannteren
Anekdote soll er sich in den Krater des Ätna gestürzt haben.
Die wenig ansprechende, aber nach den Berichten unzweifelhafte
Charlatanerie des Empedocles ist psychologisch um so auffälliger, als wir,
sobald wir seinem Gedankenkreise näher treten, Symptome einer oft genialen,
wenn auch unreinen und wüsten Denker-Phantasie nicht verkennen können.
Empedocles fordert insofern unwillkürlich zur Vergleichung mit einem viel
späteren »Dichter«-Philosophen, nämlich mit Giordano Bruno, heraus, dem ja
bei aller intellektuellen und moralischen Größe im übrigen ebenfalls ein
kleiner Hang zur Großsprecherei und Überschwenglichkeit anhaftet. Wie Bruno
vereinigt Empedocles abgesehen von der poetischen Darstellungsform mit
interessanten allgemeinen Gesichtspunkten einzelne überraschende Treffer
einer wissenschaftlichen Phantasie in Einzelheiten. Zunächst erklärt er die
Entstehung für einen leeren Namen und weist hierdurch die gemeine
Vorstellung von einer Schöpfung aus nichts zurück.
Es ist ein grobsinnlicher Irrtum, meint er, wenn man ein Wesen ins Leben
treten sieht, anzunehmen, es sei etwas, was vorher nicht da war, es sei
entstanden; und umgekehrt, wenn man es untergehen sieht, zu glauben, ein
Seiendes habe aufgehört zu sein. Denn woher könnte der Gesamtheit des
Wirklichen etwas hinzukommen, und wo sollte das, was ist, hinkommen? Es ist
ja nirgends ein Leeres, in das es sich auflösen könnte, und was es auch
werde, immer wird wieder _etwas_ daraus werden.
Was wir Entstehung nennen, ist in Wahrheit nur Verbindung, Mischung, was
wir Vergehen nennen, in Wahrheit nur Trennung der Stoffe. Immer wird nur
entweder (im Fall des Entstehens) Eines aus Vielem, oder umgekehrt (im Fall
des Vergehens) Vieles aus Einem. Der _Kreislauf des Stoffwechsels_ ist also
vielleicht zum ersten Male von Empedocles deutlich erkannt. Aus 4
Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, ist alles zusammengesetzt. Diese 4
Grundstoffe sind gleich ursprünglich, ungeworden und unvergänglich, sie
bestehen aus qualitativ gleichartigen Teilen, ohne sich selbst in ihrer
Beschaffenheit zu ändern, durchlaufen sie die verschiedenen Verbindungen,
in die sie durch den Kreislauf des Stoffes gebracht werden.
»Thörichte sind's, denn sie reichen nicht weit in ihren Gedanken,
Die da wähnen, es könne Zuvor-nicht-Seiendes werden,
Oder auch etwas ganz hinsterben und völlig verschwinden.
Aus Nicht-Seiendem ist durchaus ein Entstehen nicht möglich;
Ganz unmöglich auch ist, daß Seiendes völlig vergehe;
Denn stets bleibt es ja da, wohin man es eben verdränget.«
* * * * *
»Aber erforsche mit allem Vermögen, wie Jegliches klar sei;
Weder vertrau dem, was du erschaust, mehr, als dem Gehöre,
Nach dem Getön des Gehörs mehr, als der Empfindung der Zunge,
Auch zu den anderen Gliedern, soviel da Wege des Wissens,
Halte zurück das Vertrauen, doch sieh, wie Jegliches klar ist.«
* * * * *
»Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen,
Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe;
Denn aus diesen ist alles, was war und was ist und was sein wird.«
* * * * *
»Aber indem sie sich mischen, entsteh'n unzählige Wesen,
Mit manchfachen Gestalten geschmückt, ein Wunder dem Anblick.«
* * * * *
»Wie da geschieht, wenn Maler ein prächtig Gemäld' ausführen,
Männer, die wohl in der Kunst von göttlicher Weisheit belehrt sind;
Diese, nachdem sie der Farben verschiedene Stoffe genommen
Und sie passend gemischt, die mehr und weniger jene,
Bilden daraus sie Gestalten, den sämmtlichen Dingen vergleichbar.
Bringen sie Bäum' aus ihnen hervor und Männer und Frauen,
Tiere des Feld's und Vögel und wasserbewohnende Fische
Und langlebende Götter zumal, an Ehren die Höchsten.
Also täusche dich nicht, als kämen die sterblichen Wesen,
Die da entsteh'n unendlich an Zahl, aus anderer Quelle,
Sondern gewiß glaub' dieses, dieweil's eine Gottheit dich lehret.«
* * * * *
Er beschreibt das Feuer als warm und glänzend, die Luft als flüssig und
durchsichtig, das Wasser als dunkel und kalt, die Erde als schwer und hart;
er legt der Erde eine natürliche Bewegung nach unten, dem Feuer nach oben
bei. Erst Giordano Bruno, der übrigens selber bis über die Ohren in
Empedocleischen Vorstellungen steckte, hat in seiner naturphilosophischen
Hauptschrift vom Unendlichen, dem All und den Welten, diese Lehre von den 4
Elementen, soweit sie gegen die Aristotelisch-Kopernikanische
Weltanschauung verwertet wurde, zu erschüttern versucht. (+Vgl. S. 192
meiner Übersetzung dieser Dialoge.+) Er bemerkt: »Die alte Unterscheidung
der Elemente beruht nicht auf natürlichen, sondern logischen
Unterschieden.« Ich möchte freilich diese Bemerkung dahin berichtigen, daß
sie auch nicht auf logischen Erwägungen, sondern neben einer
oberflächlichen Beobachtung wohl in erster Linie auf mystischen Ideen,
nämlich auf der Pythagoräischen Wertschätzung der Vierzahl beruhte. Eine
solche langdauernde Bedeutung konnten zahlensymbolische Spielereien in der
Geschichte des menschlichen Wissens erhalten! Noch heute hat ja der vulgäre
Sprachgebrauch die Tradition des griechischen Dichter-Philosophen nicht
verlassen. Empedocles bezeichnet die Elemente mit mythologischen Namen, das
Feuer ist für ihn Zeus oder Hephästus, die anderen erhalten die Namen Here,
Aidoneus und Nestis.
»Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen
Zeus im Glanz und Here, die Nährerin, und Aidoneus,
Nestis dazu, die in Thränen den Sterblichen Fließendes ausgießt.«
* * * * *
Als treibende Kräfte aber für die stetige Bewegung der Elemente in der
Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als
Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen
würden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung _Liebe_ und _Haß_.
Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Kräfte begnügen
will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein
auch heute noch naturphilosophisch zulässiger Gedanke, nämlich die
Voraussetzung, daß in den realen Elementen _innere_ Zustände irgend welcher
nach Analogie der psychischen _Triebe_ zu denkenden Art vorhanden sind,
welche den räumlichen Entfernungen entsprechen und das nächste wirksame
Glied sind, von dem die Größen der bewegenden Kräfte, welche die Elemente
ausüben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung +z y+
zwischen den Atomen +z+ und +y+ zunächst nichts weiter ist, als die
Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den räumlichen Ort
des +y+ durch Ausgehen von dem Orte des +z+ zu erreichen sucht und sich
dabei der Größe der Veränderung bewußt wird, die der Zustand seiner Sinne
dabei erfährt; -- so muß doch auch +z+ selbst, wenn es sich nach der
Entfernung richten soll, etwas von ihr _merken_, d. h. es selber muß
_innerlich_ anders affiziert sein, wenn ihre Größe +p+ und anders, wenn sie
+q+ beträgt. Was soll es sonst heißen, die Entfernung bestehe _für_ +z+ und
+y+? (+Vgl. Lotze, Grundzüge der Naturphilosophie S. 25.+)
Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite.
»Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers
Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen,
Alle, soviele da sind, hat _Afrodite_ gebildet.«
* * * * *
»Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander
verlaufend,
Werden sie Menschen und all die unzähligen andern Wesen,
Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd,
Jetzo durch Haß und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend.«
* * * * *
Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelförmig, da die
Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind
die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener
Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden
Liebe, und die Schöpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und
Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit.
Zunächst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos
auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die
Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt.
In der ursprünglichen Einheit:
»Da sind weder des Feuers bewegliche Glieder gesondert«
noch die Erde, das Wasser und die Luft;
»Also ist sie durch heimliche Kraft der Verbindung gehalten,
Eine gerundete Kugel, sich ruhender Kreisung erfreuend.«
* * * * *
»Aber nachdem ihr der mächtige Streit in den Gliedern erwachsen,
Und zu Macht und Ehren gelangt, da die Zeit sich erfüllet,
Die abwechselnd den beiden erscheint nach gewaltigem Eidschwur,
Sämtlich da nacheinander erbebten die Glieder der Gottheit.«
Indem sich die Elemente trennen, wird der Leib der Gottheit zerrissen,
oder, wie der Dichter Claudian[577] sagt: Empedocles:
»Streuet umher und erneuert den Gott und knüpfet von neuem
Wieder durch Liebe zusammen, soviel auflöste die Zwietracht.«
* * * * *
»Bald wächst aus Vielem zu Einem
Alles heran, bald wieder zergeht's aus Einem in Vieles,
Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe,
Und von diesem gesondert der Streit, jedwedem gewachsen,
Und in diesen die Liebe, die gleich an Läng' und an Breite.
Und nie hörte es auf, in Ewigkeit immer zu wechseln,
Bald durch Liebe sich alles in Eins zusammen verbindend,
Bald durch Hader und Streit sich in Einzelnes wieder zerstreuend.«
* * * * *
Die kosmischen Vorstellungen des Empedocles sind wüst und kindisch, obwohl
sie einzelne _für die damalige Zeit_ auffällige Ahnungen wahrer
Sachverhalte einschließen.
_So soll er behauptet haben, daß das Licht der Sonne eine gewisse Zeit
gebraucht, um zu uns zu gelangen._[578] Im übrigen aber hält er die Sonne
für einen gasartigen Körper, der, angeblich so groß wie die Erde, die
Strahlen des Feuers aus der ihn umgebenden lichten Hemisphäre wie ein
Brennspiegel sammle und zurückstrahle; ähnlich sollte der Mond aus
krystallartig gehärteter Luft bestehen; seine Gestalt jedoch sei die einer
Scheibe. Daß der Mond sein Licht von der Sonne erhält, war ihm bekannt;
auch wurden von ihm die Sonnenfinsternisse durch Dazwischentreten des
Mondes erklärt.
Geradezu wie eine antizipatorische Persiflage auf die zur Zeit noch moderne
Darwinistische Theorie aber nimmt sich die Anschauung des Empedocles von
der Entstehung der organischen Wesen und ihrer Gattungen aus. Er ist ein
Anhänger der Urzeugung: Die organischen Wesen sind aus dem Schlamm
entstanden, und Ovid hatte jedenfalls nicht Pythagoras, sondern Empedocles
in der Vorstellung, wenn er +Metam. I, 422ff.+, schreibt:
»So, wenn das triefende Land der sich siebenfach mündende Nilstrom
Wieder verläßt und in's frühere Bett die Gewässer zurückzieht,
Und von dem hohen Gestirn der entstandene Schlamm sich erwärmet,
Findet der Bauer, nachdem er die Schollen des Bodens gewendet,
Vielerlei Tier', und erblickt da die einen soeben begonnen,
Grad' im Entstehen, und andere noch nicht völlig entwickelt,
Einiger Glieder beraubt, und oft in demselben Körper
Lebet ein Teil und der andere Teil ist lauter Erde.«
* * * * *
Ferner +XV, 374ff.+:
»Samen besitzet der Schlamm, die grünliche Frösche erzeugen,
Und er gebiert sie zuerst fußlos, d'rauf leihet er ihnen
Schenkel, zum Schwimmen geschickt, und damit die auch dienen zu langen
Sprüngen, erhebt sich der hinteren Maaß weit über die vorderen;
Auch ein Junges nicht ist, was eben die Bärin gebieret,
Sondern noch kaum lebendiges Fleisch; durch Lecken erst bringet
D'raus sie die Glieder hervor und Gestalt, die ihr selber zu
Teil wird.«
* * * * *
Ebenso »dichtet« Empedocles:
»Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden,
Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil;
Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang,
Ganz noch an ihnen verhüllt die gefällige Bildung der Glieder,
Weder mit Laut, noch gar mit der üblichen Rede der Menschen.«
* * * * *
Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der
_indirekten Auslese_ oder Selektion des Zweckmäßigen sagen, die ja, um die
Voraussetzung eines bewußten Schöpfers zu umgehen, als Hauptstütze der
modernen Entwickelungslehre gilt?
»Also geschah's, daß Häupter, des Nackens beraubt, aufsproßten;
Bloß auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten;
Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen,
Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz;
Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes
Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem
Manne,
Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.«
* * * * *
Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des
Empedocles von derjenigen Häckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt
die Erinnerung an den Häckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei
Lektüre dieser grotesken Schöpfungspoesie sehr nahe.
Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein
ähnliches Interesse für eine vergleichende Theorie spekulativer
Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei
Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis
geblieben sind, wiederholt finden. So z. B. seine Theorie des Sehens.
Zufolge dieser Theorie müßten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen
können. Er meint nämlich, daß das Sehen durch eine Ausströmung von Strahlen
aus dem Auge zu den Gegenständen hin geschehe, »feine Netze halten im Auge
die Masse des umherschwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber
springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und
ihn gewissermaßen wie weit vorgestreckte Fühlhörner betasten.« Er
vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.
»Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte,
Daß sie die stürmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle,
Und die Latern' anzündet, die jeglichem Winde verschlossen;
Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde;
Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner,
Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermüdenden Strahlen:
Also lagert von Häutchen umschlossen das ewige Feuer,
Von ganz feinen Gewändern umhüllt, in der runden Pupille,
Diese verhegen die Flut ihm des rings anspülenden Wassers,
Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.«
* * * * *
Auch spätere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame
Optik, die das Sehen auf eine aktive +per radios ab oculo+ statt +per
radios ad oculum+ vermittelte Thätigkeit zurückführt, lehren und damit
gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen über die Wirkung des bösen
Blicks u. s. w. als thatsächliche Verhältnisse und Naturerscheinungen
erklären. Auch Bruno lehrt, daß das Sehen eine Thätigkeit des
»Nervengeistes« ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen
sich nach außen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit
verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, und sich dann
wieder zusammenzieht (wie wenn z. B. eine Schnecke ihre Fühlhörner nach der
Berührung wieder einzieht).
Bekanntlich ist diese +ante+-Newtonische Optik auch den modernen
Spiritisten außerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren
spiritistischen Experimente, wie z. B. die sog. Materialisationen, der
Apport von Gegenständen u. s. w. niemals zu stande kommen, wenn ein
kritischer Zuschauer ein Auge auf den +modus operandi+ des sog. Mediums
hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, daß der feindselige
Magnetismus des Auges, also jene _vom_ Auge ausgehenden Sehstrahlen +à la+
Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Kräfte verhindern;
man muß vielmehr solange die Augen schließen oder nach einer anderen
Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, +hocus pocus fidibus+, die
phänomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphäre einzugreifen
Zeit und Gelegenheit gefunden hat.
Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf
seine _Seelenwanderungslehre_. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so
dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt
der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewiß hat man alle Veranlassung, nach
den bisherigen Prämissen zu erwarten, daß Empedocles so etwas wie eine
unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit
der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige
Inkonsequenzen! Für Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren
Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, daß ihn das
Bedürfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu
rechtfertigende Goëtie oder Nekromantik, d. h. der antike Spiritismus, zur
Annahme derselben führte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche
die Seelenwanderung für eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie
beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen über
die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage
aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war;
ja einige gingen soweit, ihn des _geistigen Diebstahls_ (%logoklopeia%) an
der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagoräer zu beschuldigen[580];
und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles könne
diese Lehre, wie manches andere, z. B. seine Kosmogonie und Optik, nur der
Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die
Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch
gewinnen, daß die verschiedensten großen Denker ganz _selbständig_ zu
derselben Vorstellungsweise gelangt wären?
Empedocles also schreibt:
»Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen,
Daß nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet,
Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden,
Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind.«
* * * * *
»Also besteht ein Verhängnis, ein alter Beschluß von den Göttern,
Der für die Ewigkeit gilt, durch mächtige Eide besiegelt;
Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket,
Von den Dämonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben,
Muß unzählige Horen entfernt von den Seligen irren,
Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen.
So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flüchtling,
Dienstbar dem rasenden Zwist.«
* * * * *
Dann ruft er aus:
»O! aus was für Ehr' und aus was für Höhe des Glückes
Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!«
Und er betrachtet die Welt als eine finstere Höhle, indem er die Mächte,
welche die Seele hierher geleiten, sagen läßt:
»Also gelangten wir hier in die dunkele Grotte«
und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt:
»Und ich weinet' und schrie, da ich sah den unheimlichen Wohnsitz.«
(Shakespeare beging also vielleicht eine %logoklopeia% an Empedocles, als
er schrieb:
»Wenn wir geboren werden, weinen wir,
Weil wir die Narrenbühne Welt betreten.«)
Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, muß sie hier
durch alle Arten der sterblichen Geschöpfe wandern, selbst in Pflanzen
eingehen:
»Denn ich selber (+scilicet+ Empedocles) war auch vordem schon Jüngling
und Jungfrau,
Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere.«
Aber während andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer
schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z. B.:
»Werden zu Leu'n, die Bewohner die Berg', auf der Erde sich lagern,
Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bäumen;«
hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nächsthöchste Stufe des
»Mahatma« erlangt, nämlich:
»Aber zuletzt als Seher und heilige Sänger und Ärzte,
Und als Lenker der Völker erstehen sie unter den Menschen.
Und aus ihnen erblüh'n dann Götter, an Ehren die Höchsten.«
* * * * *
Und so ruft er denn schließlich gar, seine Göttlichkeit vorausnehmend
seinen Mitbürgern zu:
»Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher fürder
Wandle bei Euch!«
* * * * *
Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang -- insofern war er anscheinend
konsequenter als Pythagoras -- auch sein strenger Vegetarismus. Mit
Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus:
»Steht ihr nicht ab vom Morden, dem greulichen? Sehet ihr denn nicht,
Daß ihr Einer den Andern verzehrt gleichgültigen Sinnes?«
* * * * *
»Siehe, den eigenen Sohn, den verwandelten, bringet der Vater
Dar zum Opfer mit Beten, der Thörichte; jener nun schreitet
Flehend daher, doch er hört ihn nicht, und treibet ihn scheltend,
Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheußliches Mahl zu;
Auch so der Vater den Sohn, und die Mütter ergreifen die Kinder,
Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine.«
* * * * *
So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewöhnlichen Gebrauche nach
hätte einen Ochsen opfern müssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen
kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk
verteilen lassen.
Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen
bewohnt werden können, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur
eine Halbheit.
Möglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das
große Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus
Mineralien, aus Steinen und Erde gelöst haben wird, daß dann sogar der
Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder
Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in
welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder
Tierleichenverzehrer dasteht.