3. Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn:

a) Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Körper nicht an einen anderen

Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten

durchlaufen zu haben.

b) Achilleus kann die Schildkröte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er

an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch

diesen immer schon wieder verlassen hat.

c) Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an _einem_

Orte.

d) Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nämliche Punkt

durchläuft mit der nämlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine

Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570]

* * * * *

Wir können nur bedauern, daß uns die eleatische Philosophie nur

bruchstückweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich

eingehend mit ihrer Widerlegung beschäftigt, erhalten ist. Denn wir sehen,

daß in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer

Besonnenheit die höchsten Probleme des rein logischen und

erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem

Wesen von Raum und Zeit, dem Verhältnis von Wirklichkeit und Erscheinung,

dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche

Formulierung der Aufgabe ist aber der erste große Schritt zur Lösung. Es

kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die

ersten Schritte zur Lösung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der

Richtung des selbst heute noch keineswegs _erreichten_ Endziels geführt

haben; selbstverständlich können diese ersten Schritte nur höchst unsicher

und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Würdigung der Eleatischen

Gedanken bietet Dühring in seiner +Geschichte der Philosophie I, S. 34-50+,

und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur

folgende Sätze hervor: »Der Begriff des einheitlichen Seins repräsentiert

die höchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die größte Energie der

spekulativen Synthese.« -- Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst

aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist,

liegt in der Idee des Unendlichen. »Die zwingende Kraft und die eigentliche

Schlüssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen

Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet,

die Unzahl als gleichsam abgezählt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt

die Kraft und Schärfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in

anderen untergeordneten Umständen und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist

der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich überall und auch da, wo er

zunächst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten

erweist. Er ist es, der die Idee der Veränderung und Vielheit verdächtig

macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung

wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurückgegriffen, und der

Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und

das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten

Ansprüche.«

Das nun, was Dühring in seinen philosophischen Systemschriften als »Gesetz

der bestimmten Anzahl« erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende

falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlüssel, zu

den Rätseln der Eleaten, überdies aber, was mehr bedeutet, _der Eröffner

eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus_.

Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber

zum »Occultismus« einnimmt, schließlich die Berechtigung, den Eleaten einen

Platz innerhalb einer Geschichte des »Occultismus« einzuräumen. Denn bei

denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder »mystischen«

Geistesrichtung, die sich über das wüste Ideendelirium der Kabbalisten und

ähnlicher »Offenbarungen« einer intellektuellen Anschauung (+lucus a non

lucendo+) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja

allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder

richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg

möglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die

eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben

verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen können.[571] Auch ist ja das

Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, _die sich selber in den Schwanz

beißende Schlange_, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der

ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten über die

angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen

Neu-Buddhisten europäischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der

Hinweis auf die bloß phänomenale Seite der Wirklichkeit nur zur

Rechtfertigung jeglicher, auch der wüstesten _traumhaften_

Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dühring bemerkt,

ungeachtet ihrer noch nicht genügenden Klärung über den Begriff des Seins

und seines Verhältnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die

gegenständliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch

Realisten und nur transcendentale Idealisten.

Vergl. Kant, +Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S. 55, 56)+. »Offenbar

kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der

Existenz überhaupt, sondern stets nur um die _Rangordnung_ der Realitäten

handeln.«[572]

Viertes Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

Der Occultismus des Altertums · 第 129 / 155 题