Xenophanes.
Der Begründer der eleatischen Schule ist Xenophanes. Als seine Vaterstadt
wird Kolophon genannt. Er wanderte frühzeitig in die phokäische Kolonie
Elea, deren Gründung er in einem aus 2000 Hexametern bestehenden Gedicht
besungen haben soll, aus. Der größere Teil seiner langjährigen Wirksamkeit
ist in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. zu versetzen. Lucian
giebt seine Lebensdauer auf 91 Jahre an. Seine philosophischen Ansichten
legte er in einem Lehrgedicht »über die Natur« nieder, von dem uns
zerstreute Fragmente erhalten sind.[565]
Xenophanes ist zwar von einer allen Forschungswert und die Wahrheitsliebe
selbst vernichtenden Skepsis weit entfernt; allein er meint, daß die
Wahrheit nur allmählich und mühsam entdeckt werden kann; er glaubt, daß
eine vollkommene Sicherheit des Wissens selbstverständlich nur in
philosophischen, besonders metaphysischen Dingen unmöglich ist und will
deshalb auch seine eigenen Ansichten nur als wahrscheinlich
bezeichnen.[566]
Nichts genaues hat jemals ein Mensch gewußt noch auch wird je
Wissen ein Mensch über Götter und übernatürliches Wesen,
Sollt' auch in vielerlei Richtung er Richtiges treffend behaupten,
Wissen kann er es nicht. Zu meinen ist allen beschieden.
In diesem Sinne behauptet er zunächst die Einheit der Welt und nennt das
Weltganze Gott. Er ist der Urheber des %hen kai pan%, des »Eins und Alles«.
Er scheint sich aber diese Einheit der Welt nicht in gewöhnlicher
pantheistischer (unbewußter), sondern in theistischer Wesenheit gedacht zu
haben; denn der Eine Gott ist ihm »ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sinn und
Bewußtsein.«[567] Entschieden tritt sein reiner Monotheismus der
Vielgötterei entgegen und besonders tadelt er, fast wie ein Apostel des
Christentums, daß die alten Dichter den »Göttern« so mancherlei
Unsittlichkeiten angedichtet haben.[568]
Die Menschen scheinen sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen
zu haben.
Jeder stellt sich die Götter so vor, wie er selbst ist, der Neger schwarz
und plattnasig, der Thracier blauäugig und rothhaarig, und wenn die Pferde
und Ochsen malen könnten, so würden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde
und Ochsen darstellen.
Von seinen physikalischen Ansichten wird mitgeteilt, daß er angenommen
habe, daß die Erde sich nach unten, wie auch die Luft nach oben hin
unbegrenzt weit hin erstrecke; wahrscheinlich hat er indeß die Kugelform
der Erde gelehrt. Das Vorkommen versteinerter Seetiere in den Bergwerken
von Syrakus führte ihn zu der Annahme, daß das Meer das Land bedeckt haben
müsse.