Heraclit der Dunkle.
Die Lehre dieses Philosophen schließt sich zwar insofern noch an die drei
bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der
sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde
legt, nämlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich
über die von den Vorgängern gesteckten Grenzen hinaus und enthält soviel
keimkräftige, erst in späteren Perioden der Philosophie-Geschichte von
einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung geförderte Gedanken, daß man
ihrer Universalität Unrecht thun würde, wollte man Heraclit noch zu den
sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles +Metaphys. I. 3ff.+
thut. Heraclit wurde nach Hermann (+De philos. Jonic. aetatt S. 10. 22+) um
510 v. Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v. Chr.; Zeller
dagegen (+Philosophie der Griechen I. S. 524+) setzt seine Geburt in die
Zeit zwischen 530-540 v. Chr. Es steht fest, daß er ein Alter von 60 Jahren
erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt,
wie schon daraus hervorgeht, daß er das in seiner Familie erbliche Amt
eines Opfer-Königs seinem jüngeren Bruder abtrat. Er trat der
demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen
Grundsätzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner großen Popularität.
Seine Verbitterung gegen die Mitbürger steigerte sich in hohem Grade, als
sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist
Pomponius in seiner +Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 § 4+ berichtet, daß
er den römischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwölf-Tafeln an die Hand ging.
Über Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und
teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat
P. Schuster in den +Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig
1873+, zusammengestellt.
Man darf behaupten, daß Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse
Erkenntnis-Kritik vorausgehen ließ. »Wenn eine Rede verständig sein soll«,
sagt er, »so muß sie sich auf das stützen, was allen gemeinsam ist, das
Denken.«[516] Was unsere _Sinne_ wahrnehmen, ist nur die flüchtige
Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem
Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus
der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thätigkeit des
Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur
eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und für diese
bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der
Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverständige Seelen haben.[518] Gerade
dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir
bei ihm ähnlich geringschätzige Äußerungen über die große Masse der nicht
denkenden Menschen, auch sogar über frühere und gleichzeitige Dichter und
Denker, wie sie in ähnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano
Bruno wiederkehren. Besonders verächtlich erscheint ihm die bloße
_Vielwisserei_. +Polymathie noon u didaskei+, die bloße Vielwisserei,
schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begnügen, mit vieler Arbeit
weniges zu finden, wie die Goldgräber, nicht leichthin über das Wichtigste
urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die
Gottheit.[520] Nur wer dem göttlichen Gesetz, _der allgemeinen Vernunft_,
lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem täuschenden Schein der
Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig
verborgen.
Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten
Menschen dahin wie das Vieh, sie wälzen sich im Schmutze und nähren sich
von Erde gleich dem Gewürm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne
ein höheres Lebensziel zu verfolgen.[521]
Die meisten Menschen sind für die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie
ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an,
das sie nicht kennen. Besonders _durch seine Unglaublichkeit entschlüpft
das Wahre zumeist dem Erkanntwerden_.[522]
Der Esel frißt eben lieber Spreu, als Gold.
Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin
bestanden, daß man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die
ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt,
alles ist in unablässiger Veränderung begriffen (%to pan rhei%), wie ein
Strom, »man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.«[523]
Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so
viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegensätze, das von Hegel als
logische Einheit des Widerspruchs mißdeutet wurde. Er selbst hat damit nur
das antagonistische Spiel der Naturkräfte bezeichnen wollen, in dem nicht
das Gleichgewicht, sondern das Übergewicht und die Störung wesentlich sind
und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den
Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre
durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich
finden wir bei ihm Äußerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d. h. es
ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und
Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und
Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sättigung, Anstrengung und
Erholung gehören zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten
Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u. s. w., nur in
der Bewegung beruht alles Leben, besteht überhaupt das Dasein der Dinge,
kein Ding _ist_ dieses oder jenes, sondern es _wird_ nur in der beständigen
Bewegung des Naturlebens.[526] Während Parmenides dem Begriff des Werdens,
als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realität
abspricht und ihn, ähnlich wie der moderne Philosoph v. Kirchmann in das
Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: _Sein ist Werden_.
Wenn nun alles in unaufhörlicher Bewegung und Veränderung begriffen ist, so
folgt, daß _alles Feuer ist_. Offenbar will er, da er sein tieferes
philosophisches Bewußtsein noch nicht abstrakt ausdrücken kann, seiner
Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527]
»Diese Welt«, sagt er, »hat weder der Götter noch der Menschen einer
gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer,
nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.«[528] Offenbar
verstand Heraclit unter dem Feuer nicht bloß das sichtbare Feuer, sondern
überhaupt das Warme, Wärmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten,
»trockene Dünste«, ja geradezu Hauch, die %psychê%, also etwa den _Äther_.
Nichts aber wäre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische
Abstraktion aufzulösen, wie »die prozessierende Einheit des Sein und
Nichtsein.«[529]
Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen Äther, läßt er alle
Einzelsubjekte durch _Streit_ (+eris+) (auch %polemos%) hervorgehen,
welcher der »Vater aller Dinge ist.«[530] Die Welt ist die zerteilte
Gottheit, das %en diapheromenon hauto hautô%; aber indem sie sich in sich
selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer
Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter
Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelprozeß der
relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der
Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d. h. der feste und
flüssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des
Feuers; dieses geht in sie über in der %hodos katô%, dem Wege nach der
Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurück, in der %hodos
anô%, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers,
Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder
Seele). »Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren
gegen Gold und Gold gegen Waaren.«[532] Alles Leben bewegt sich also im
Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen
Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch
die früheren Zwischenstufen schließlich doch zum Anfang zurück. Somit
strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder
zur anfänglichen Einheit zurück; und dies Streben wird von den Dingen
empfunden als Zustand der begehrenden Bedürftigkeit, die wiedergewonnene
Einheit aber als Sättigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und
die ewige Versöhnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Fluß des
Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmäßigkeit beherrscht, die er mit
dem Namen der Harmonie, der +Dike+ (Gerechtigkeit), des Schicksals, der
weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die
Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch
kein besonderes Bewußtsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine
Weltanschauung läßt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als
hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534]
Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne
ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die
aufsteigenden Dünste genährt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abfluß an
ihrem Körper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom
Wiederersatz der Sonnenwärme durch Meteormassen zu denken.[535]
Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen
Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie
in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Maß, auch
Zeitmaß, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt
Heraclit _ein großes Jahr_, das er zu 18000 Sonnenjahren angenommen haben
soll.[536]
Man sollte nun glauben, daß ein Monist, wie Heraclit, die Selbständigkeit
und Substantialität der Menschenseele konsequent habe leugnen müssen. Aber
dem ist nicht so. Sein Pantheismus schließt den Individualismus, wenigstens
als relativen, nicht aus, sondern ein.
Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt;
die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat
sich das göttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je »trockener«
dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch
Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die
Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der »angefeuchteten
Seele« beweisen. Wie übrigens jedes Ding in unablässiger Umwandlung
begriffen ist, so auch die Seele, auch sie muß sich vom Feuer außer ihr
nähren, das sie durch die Sinnesorgane empfängt. Dieses beweist der Schlaf,
der das Licht des Bewußtseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele
ihre Identität im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Götter, die
Götter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Götter, unser Tod ihr
Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der göttliche Teil seines Wesens
mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird;
die Seelen durchwandern ebenfalls den »Weg nach unten« und »den Weg nach
oben«, sie treten in Leiber ein, weil sie der Veränderung bedürftig sind,
und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538]
_Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu
glauben wagt._[539]
_Die besseren Menschen kehren nach dem Tode als Dämonen in ein reineres
Leben zurück_, die gewöhnlichen aber sinken weiter zum Hades herab.[540]
_Übrigens ist alles voll von Seelen und Dämonen._[541]
»_Wenn wir leben, sind unsere Seelen tot und in unseren Leibern begraben;
erst wenn wir sterben, erwachen sie zum vollen Bewußtsein und Leben._«[542]
Der Dämon des Menschen ist sein Gemüt. Von diesem hängt es allein ab,
glücklich zu leben und sich in die Weltordnung zu finden.[543] Die Meinung,
daß die Gottheit nach Belieben Glück oder Unglück verhänge, vertrug sich
nicht mit Heraclits Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des Naturlaufs. Wohl
aber glaubte er an die Möglichkeit der Weissagung und erkannte z. B. in den
Sprüchen der Sibylle eine höhere Eingebung.[544]
In politischer Hinsicht war Heraclit ein Freund der Freiheit, und eben
darum ein schroffer Gegner der Demokratie, die auch den Besten nicht zu
gehorchen und keine hervorragende Größe zu ertragen weiß.[545]
Er legte seine Bücher über die Natur als ein frommes Opfer im Tempel der
großen Diana zu Ephesus nieder.[546]
Creuzer, +Symbolik und Mythologie II. 196+, hat zuerst die Vermutung
ausgesprochen, daß Heraclit ein Schüler der _Zoroastrischen_ Lehre gewesen.
»Was ihm der Orient und Egypten in der Religion seines Vaterlandes
dargeboten, was er aus eigenem dort erleichterten Verkehr mit dem
Morgenlande geschöpft hatte, durchdrang er mit griechischem, scharfen
Geiste, begründete er durch eigenes tiefes Denken, brachte es in
systematischen Zusammenhang, und machte es fruchtbar für sein Volk.«
»Aus _sich_ hat er also vieles genommen; aber daß er alles aus sich
genommen, daß er im strengsten Sinne Erfinder seiner Lehre sei, ist nicht
zu glauben.« »Heraclit geht sichtbar von der Priesterlehre und von Symbolen
der Lichtreligionen aus.«
Auch bei Zoroaster ist die Feindschaft, der Streit, der Grund der endlichen
Dinge. »Bedeutet doch des Bogens Namen (%bios%) Leben, sein Geschäft aber
ist der Tod.«[547] Daß diese Sätze in die Ephesische Priesterdogmatik
aufgenommen waren, wäre schon aus dem nachgewiesenen Zusammenhange der
Artemisischen Religion mit dem Feuerdienste Oberasiens wahrscheinlich. »Die
ganze Feuerlehre des Ephesers ist in Prinzip und Folgerungen Magismus,
besonders sein Satz von der Geburt der Götter aus dem Feuer.«[548] Freilich
auch bei den Egyptern finden wir Phtha, das Urfeuer, und selbst die
Sonnentheorie des Heraclit.
»Aus den Lichttheorien des Orients hatte er den Inhalt seiner Lehren
genommen, von dort nahm er auch seine Bilder.«
»Ob nun dieser Heraclitus einen Zoroaster geschrieben, wie spätere Zeugen
wollen, oder nicht, ist gleichgültig. Es ist genug, daß er Zoroastrisch
philosophiert hat, daß er gelehrt hat, wie der alte große Lichtlehrer
Zerethoschtro, der Stern des Goldes.«
Der Beiname des Dunklen, weil er »nicht redet, nicht verbirgt, sondern
andeutet«, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift +de
mundo (c. 5)+. Sokrates soll gesagt haben, es bedürfe zum Verständnis
seiner Schreibweise eines delischen (tüchtigen) Tauchers. Könnte man ihn
aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und
Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den _lichten_ nennen? Auch dadurch
würde sich für ihn die Coincidenz des Gegensatzes bestätigen.
Zweites Kapitel.
Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.
Pythagoras gehörte einer etwas früheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als
_Dorer_ schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen
Philosophen.
Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel
gehüllt, daß in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die
denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine
Existenz bezweifelt und die Möglichkeit bejaht haben, daß er ein bloßer
Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und
nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf
vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strauß an der Geschichte
Jesu bis zur Selbstironie übertriebene Skepsis, welche zum großen Teil der
aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen
mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, müssen aber zugeben,
daß die zweifellos historische Persönlichkeit dieses dorischen Denkers
dermaßen von Mythen umrankt ist, daß es schwer fällt, einen thatsächlichen
Kern aus dem Sagengewirr herauszuschälen. Fest steht, daß er ein Sohn des
Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v. Chr. geboren ist, von wo aus er
erst in späteren Jahren, vielleicht 529 v. Chr. nach Kroton in Unteritalien
übersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religiösen Geheimbund
stiftete. Im übrigen wächst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen über ihn
nahezu im quadratischen Verhältnisse der zeitlichen Entfernung und somit im
umgekehrten der Zuverlässigkeit. Am meisten wissen die fast ein
Jahrtausend später lebenden sog. Neupythagoräer und Neuplatoniker von ihm
zu erzählen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausführliche
Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern.
Von dem ihm zeitlich am nächsten stehenden Heraclit ist uns eine Äußerung
über Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung
einschließt. Er sagt: »Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung
geübt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich _seine eigene_
Wahrheit gebildet, eine _Vielwisserei_ und _gelehrte Kunst_.«
Nicht unwahrscheinlich ist es daher, daß er, wie dies ja wißbegierige
Hellenen, z. B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch große Reisen
gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in
die dortige Priesterweisheit einführen zu lassen. Dadurch würde sich sein
mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur
unorganisch verknüpfter Glaube an die Seelenwanderung erklären. Jedenfalls
aber sind seine Reisen von den Späteren, deren einige ihn sogar bis nach
Indien zu den Brahmanen führen[551], sehr übertrieben, und Zeller bemerkt
wohl mit Recht, daß »nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit
auswärtigen Völkern zu der Annahme über den Ursprung seiner Lehre, sondern
vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswärtigen Ursprung seiner
Lehre zu den Erzählungen über seinen Verkehr mit Barbaren den Anstoß
gegeben haben wird.« Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen König der
im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552]
Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des
Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf
Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig
Glauben.[553]
Für den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische
(aristokratische) Richtung verhängnisvoll. Derselbe wurde durch eine
blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. »Kyloner«
vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine
sämtlichen Anhänger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis
umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzündeten.
Unwahrscheinlich ist der Bericht, daß Pythagoras selbst bei dieser
Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100
Jahre nach seiner Geburt datiert werden müssen.
Zuverlässige Mitteilungen über seine Lehre bieten uns nur Plato und
Aristoteles.
Darnach scheint dieselbe rationelle und mystische Elemente in
wunderlichstem Grade verquickt zu haben. Einerseits müssen wir annehmen,
daß die Mathematik und zwar die Geometrie in erster Linie ihm nicht
unbedeutende Fortschritte verdankt. Bekannt ist ja die Erzählung, daß er
den wichtigen nach ihm benannten Satz von der Flächengleichheit des
Hypotenusenquadrats und der Kathetenquadrate entdeckt und zum Dank dafür
den Göttern eine Stierhekatombe geopfert hat, woher das +bon mot+, daß
seitdem alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird.
Auch werden die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie
auf ihn zurückgeführt. Die Beobachtung der letzteren hat vermutlich den
Ausgangspunkt seiner Grundlehre gebildet.
Weil die Pythagoräer zwischen den Zahlen und den Dingen manche Ähnlichkeit
entdeckten, sagt Aristoteles[554], so hielten sie die Elemente der Zahlen
für die Elemente der Dinge selbst; sie sahen in der Zahl sowohl den Stoff
als die Eigenschaften der Dinge. Das Rationelle an dieser Einsicht
beschränkt sich auf die Erheblichkeit der quantitativen Beziehungen in der
Konstitution der Dinge und in der Beschaffenheit der Phänomene, die ja in
der That eine Grundlage des Verständnisses alles Daseins ist.
Alles weitere ist nur aus der im Anfange der menschlichen Denkarbeit, wie
es scheint, ganz unvermeidlich gewesenen und auch für uns Modernen immer
noch eine bedenkliche Klippe des Verstandes bildenden Hypostasierung oder
Verdinglichung abstrakter Begriffe zu erklären. In der Ausführung dieser
Zahlenphilosophie treffen wir nur auf zahlenmystische Spielereien und
Deuteleien. So ist die sog. Tetraktys, die Zahlengruppe 1, 2, 3, 4, deren
Summe 10 giebt, Gegenstand besonderer Heilighaltung gewesen, da sie die
Grundzahl der Menschenseele bilde. Diese spielerische Symbolik wurde
besonders auf die moralischen Erscheinungen übertragen; so sollen sie die
Gerechtigkeit bald auf die Zahl 3, bald auf die 4, bald auf die 5, bald auf
die 9 zurückgeführt haben. Weil alle Zahlen sich in ungerade und gerade
teilen, so fand man darin einen weiteren grundlegenden Wesensunterschied,
indem man das Ungerade dem Begrenzten, das Gerade dem Unbegrenzten
gleichsetzte. Das Begrenzte ist das Bessere und Vollkommene, das
Unbegrenzte und Gerade das Unvollkommene.
In 10 Gegengrundsätzen stellten sie die erste, höchst willkürliche Tafel
sogenannter Kategorien auf:
1. Grenze und Unbegrenztes. 2. Ungerades und Gerades. 3. Eins und Vielheit.
4. Rechtes und Linkes. 5. Männliches und Weibliches. 6. Ruhendes und
Bewegtes. 7. Gerades und Krummes. 8. Licht und Finsternis. 9. Gutes und
Böses. 10. Quadrat und Rechteck.
Über die _Theologie_ der alten Pythagoräer läßt sich nichts Sicheres
feststellen. »So unleugbar die Pythagoräer an Götter geglaubt haben, und so
wahrscheinlich es ist, daß auch sie der monotheistischen Richtung, welche
seit Xenophanes in der griechischen Philosophie so bedeutenden Einfluß
gewann, soweit gefolgt sind, um aus der Vielheit der Götter die Einheit
(%ho theos, to theion%) stärker, als die gewöhnliche Volksreligion,
herauszuheben, so gering scheint doch die Bedeutung der Gottesidee für ihr
_philosophisches_ System gewesen zu sein, und in die Untersuchung über die
letzten Gründe scheinen sie dieselbe nicht tiefer verflochten zu
haben.«[555]
Auch die _kosmologischen_ Einsichten des Pythagoras bezw. der ältesten
Pythagoräer werden vielfach mit Rücksicht auf spätere Unterschiebungen und
infolge allzu günstiger Deutung der wenigen unklaren Überlieferungen stark
überschätzt.
Das Weltgebäude selbst dachten sich die Pythagoräer als eine Kugel. Im
Mittelpunkt derselben nahmen sie ein Centralfeuer an. Um dieses sollen
_zehn_ himmlische Körper sich von West nach Ost bewegen, zunächst die 5
Planeten Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, dann die Sonne, der Mond
und die Erde. Als zehnten Himmelskörper, wohl nur, um die heilige Zehnzahl
voll zu machen, setzten sie dann eine sog. Gegenerde, +antichthon+; der
äußerste Umkreis aber wird durch eine feurige Region, das Empyreum,
gebildet.[556] Das ganze System erhält sein Licht und seine Wärme mittelbar
vom Centralfeuer und unmittelbar von der Sonne.
Wenn einzelne Historiker der Astronomie in der sog. Gegenerde die andere
Halbkugel der Erde sehen wollen und dem Pythagoras schon die nachweisbar
erst von Heraclides Ponticus, Ekphant, Plato und Hicetas behauptete
Axendrehung der Erde als bekannt zuschreiben, so ist das, wie gesagt, eine
zu günstige Auslegung. Nur die Kugelform der Erde ist den alten
Pythagoräern bekannt gewesen. Mit dieser Anschauung vom Bau der Welt
verband sich nun die berühmte Lehre von der _Harmonie der Sphären_.
Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt
stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell
bewegte Körper einen Ton erzeugt. Diese Töne der Planeten setzen sich zu
einer Harmonie zusammen; daß wir von dieser Sphärenharmonie, die man sich
durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen
könnte, nichts hören, erklärte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit
wie den Bewohnern einer Mühle; da wir das gleiche Geräusch von Geburt an
unausgesetzt vernehmen, so kämen wir nie in den Fall, sein Dasein am
Gegensatz der Stille zu bemerken.
Was die _Psychologie_ des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunächst
seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewöhnlich als
_Metempsychose_, also wörtlich übersetzt »Umbeseelung« bezeichnet, während
man richtiger von einer _Metensomatose_, d. h. Umkörperung reden sollte.
Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557];
und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagoräer
sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung
der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber für möglich hielt, nicht sehr
weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner
Psychologie, einige von den Pythagoräern hätten die Seelen in den
Sonnenstäubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558]
Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der
Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian +V. H. IV. 17+ soll Pythagoras
sogar die Erdbeben von Wanderungen (%synodoi%) der Toten hergeleitet
haben. Vielleicht läßt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen
Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies später bei Plato und Vergil
geschieht, daß nämlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen
Körper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer
dient, läutern muß.
Ob die Pythagorärer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch
Wahl, wie später Plato, oder durch natürliche Verwandtschaft oder durch den
Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen.
Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest
ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre
Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen
überhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung
gebracht haben.
Wenn nämlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als
Harmonie des Körpers aufgefaßt, so könnte man daraus auf eine die
Unvergänglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie
schließen.
Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, muß sie ja
zweifellos mit der Auflösung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist
aber doch der Pythagoräische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da
sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener
späteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich
selbst »bewegenden« Zahl voraussetzen dürfen, die eine große Rolle bei
Plotin und später noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus
freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, muß eine
solche Verdinglichung derselben ganz unverständlich erscheinen. Allein die
Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element
aller Spekulationsdichtung.
Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagoräer
schon jene eigentümliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und
Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen
Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem
Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung
entgangene merkwürdige Neubegründung durch einen deutschen Philosophen
erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am
allerwenigsten vermuten möchte, nämlich durch den Realisten v. Kirchmann.
Vergl. dessen Schrift: +Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3.+ +Die
Wiederkehr des Wissens. S. 130+: »Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend
das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl möglich, daß solcher
Ursachen nicht bloß _eine_ besteht, sondern daß _mehrere_ in gewissen
Abständen einander folgen. Die Wirkung würde dann _die_ sein, daß das Sein
des Menschen nach seinem Tode nicht für alle Ewigkeit zur Bewußtlosigkeit
verdammt bliebe, sondern daß mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens,
welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit
dem Bewußtsein sich verbinden würde. Wäre dieser zweite Lichtstreifen dem
ersten durchaus gleich, so würde das bewußte Leben des Menschen ganz in
derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal
durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen,
dieselben Freuden und Leiden würden noch einmal von ihm wiederholt werden.
Dies zweite Leben wäre nur eine genaue Wiederholung des ersten.« -- Eine
wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches
erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes
für erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausführlichste
Darstellung dieser Idee giebt »Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung«.
Vergl. auch Bruno, +de Triplici minimo, c. l. v. 170-174+.
Die ägyptische, pythagoräische Seelenwanderungslehre, die wir als
Metensomatose (Umkörperung) bezeichnet haben, mußte bei den gebildeten
Griechen schon früh Anstoß erregen. Man versuchte ihr daher allmählich eine
bloß allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische
Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte.
So erzählt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, daß letzterer
oft scherzend geäußert habe, er glaube »Kirke habe dadurch Leute zu
Schweinen gemacht, daß sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei
darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und
aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem übermäßigen Genusse der Speisen
gehütet habe.«
Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende
Lehre von der _Palingenesie_, deren Unterschied von der groben Umkörperung
darin besteht, daß sie nur annimmt, daß die _allgemeine_ oder die Weltseele
in allen wechselnden Erscheinungen der Körperwelt wirksam bleibe.[561]
Als der erste Pythagoräer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift
dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von
dieser Schrift überlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente
beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (+Philolaos des
Pythagoräers Lehren nebst den Bruchstücken seines Werkes. Berlin 1819.+)
Ein anderer Jünger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmäon, ein
Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwähnt und soll zuerst den
Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den
Sinnesorganen aus durch Kanäle hingeleitet würden. Der schon erwähnte
Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach
Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser
Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprüche des Pythagoras. Außerdem werden
als ältere Pythagoräer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt
Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos,
endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische
Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der +Ode 18, Buch I+, mit den
Versen verewigt hat:
+Te maris et terrae numeroque carentis arenae
Mensorem cohibent, Archyta,
Pulveris exigui prope litus parva Matinum
Munera, nec quicquam tibi prodest
Aërias temptasse domos animoque rotundum
Percurrisse polum morituro.+
* * * * *
Die Pythagoräer sollen sich durch besondere Mäßigkeit im Genuß von
Nahrungsmitteln und einfache Kleidung ausgezeichnet haben. Ob sie, wie
später behauptet worden ist, ganz vegetarisch lebten und sexuelle
Enthaltsamkeit forderten, ist zweifelhaft.[562] Wenigstens Gellius, +Noctes
Atticae IV, 11+ schreibt: Es ist eine alte, aber falsche Ansicht, der
Philosoph Pythagoras habe keine Fleischspeisen genossen und sich auch jener
Bohne enthalten, welche die Griechen +cyamus+ nennen (sog. große oder
Saubohne, ein besonders bei den Westfalen mit Schinken oder Speck beliebtes
Gemüse). In dieser unrichtigen Meinung hat Cicero im ersten Buch von dem
Ahnungsvermögen folgendes geschrieben:
Plato schreibt daher vor, daß man sich in solcher Leibesverfassung schlafen
legen solle, daß alles, was die Seele in Irrtum und Unruhe bringen könne,
vermieden sei. Und deshalb soll auch den Pythagoräern verboten sein, Bohnen
zu essen, da diese leicht starke Blähungen erzeugen, was für Leute, die
nach geistiger Ruhe trachten, widerwärtig sein muß. So zwar Cicero. Aber
Aristoxenos, ein in der alten Litteraturgeschichte sehr gelehrter Mann,
der Hörer des Philosophen Aristoteles, behauptet, daß Pythagoras gerade
keine andere Hülsenfrucht öfter gegessen habe, als die Bohne, da dieselben
langsam abführend und erleichternd wirkten. Die eigenen Worte des
Aristoteles lauten: »Pythagoras liebte unter den Hülsenfrüchten am meisten
die Bohne. Denn sie sei abführend und erleichternd. Deshalb aß er sie am
meisten.«
Derselbe Aristoxenos berichtet auch, daß er gern Schweinefleisch und
Lammfleisch gegessen. Er scheint dies von dem Pythagoräer Xenophilus,
seinem Freunde, und einigen anderen Zeitgenossen des Pythagoras erfahren zu
haben. Die Ursache des Irrtums hinsichtlich des Bohnenverbots wird in einem
Gedichte des Empedocles, das die Pythagoräische Lehre betrifft, gefunden:
»Elende Welt, enthalte dich doch des Genusses der Bohne!«
Hier haben die meisten angenommen, sei die Hülsenfrucht der Bohne gemeint.
Die aber, welche die Verse des Empedocles scharfsinniger auslegen, wollen
an dieser Stelle unter Bohnen die Geschlechtsteile verstanden wissen,
welche von den Pythagoräern wegen der (im Griechischen) auffälligen
etymologischen Verwandtschaft (%kyamoi%, +quod sint+ %aitioi tou kyein%) so
genannt seien.
Empedocles habe daher die Menschen nicht vor dem Genuß der Bohnen, sondern
vor der geschlechtlichen Ausschweifung warnen wollen.
Allgemein bekannt ist, daß Pythagoras behauptet haben soll, er sei in einem
früheren Leben Euphorbus gewesen; weniger, was Clearchus berichtet, daß er
später als Pyrrhus, dann als Aethalides und zuletzt als ein schönes Weib,
namens Alco, das sich der Prostitution ergeben habe, sich wieder verkörpert
habe.
Die zuletzt von Gellius erwähnte Fabel zeigt deutlich, bis zu welchem Grade
in späteren Zeiten die Person des Pythagoras zum Gestell abgeschmacktester
Fabeleien mißbraucht wurde, gewiß kein beneidenswertes posthumes Schicksal
für einen Philosophen.
Vielleicht aber hat Pythagoras selbst einige Veranlassung zu den über ihn
berichteten Mythen gegeben. Denn nach einer Äußerung des Plutarch, der ihn
übrigens sogar in ganz unhistorischer Weise mit Numa in Verbindung bringt,
möchte man annehmen, daß er es nicht verschmäht hat, ungefähr wie die
modernen Theosophen, seinen theoretischen Lehren durch »magische« Künste
Nachdruck zu verschaffen. Plutarch erzählt, daß er einen Adler abgerichtet
und ihn durch gewisse Worte mitten im Fluge aufgehalten und zu sich
herabgelockt habe, -- wir hätten in ihm also das historische Vorbild des
bekannten Mannes »mit Speck unterm Hut«; -- nach Aelian +IV, 17+ hätte
schon Aristoteles erzählt, daß Pythagoras einmal gleichzeitig in Kroton und
Metapont gesehen worden sei (also Doppelgängerei oder sog. Majavi-Rupa nach
Art der berüchtigten Blavatzki-Mahatmas +fin de siècle+), aus dem Wasser
eines Brunnens soll er ein Erdbeben drei Tage vor seinem Eintritt
prophezeit haben; mit der Seele eines Freundes soll er nach dessen Tode in
fortwährendem Verkehr gestanden und +last not least+ eine goldene Hüfte
gehabt haben und einmal von einem veritablen Flußgott angeredet worden
sein.[563]
Der um das Jahr 270 vor Christi Geburt lebende Epigrammendichter Timon von
Phlius, ein Freund des Königs Antigonus von Makedonien widmete ihm daher
folgende Denkschrift:
Pythagoras hascht nur nach dem eitlen Ruhme des Gauklers,
Menschen weiß er geschickt durch blendende Reden zu fangen.
Drittes Kapitel.
Die Eleaten.
Als Eleaten bezeichnet man vornehmlich drei Philosophen, die sämmtlich in
Elea, einer Stadt Unteritaliens lebten und lehrten. Der Gedankenkreis
dieser Männer ist, wie Eugen Dühring[564] mit Recht bemerkt, der subtilste,
dessen die gesammte griechische Philosophie sich rühmen kann.
Wir finden bei ihnen bereits erkenntniskritische und weltschematische
Probleme erörtert, wie sie die moderne Philosophie erst mit Kant ernstlich
wieder aufgenommen hat. Im allgemeinen läßt sich die Eleatik als der erste
unbeholfene Versuch eines _idealistischen_ Monismus bezeichnen. Ihr
einziges Endziel bildet die Erkenntnis des »reinen Sein«, welches der
bestimmungslose Grund alles Werdens ist, während das empirische Sein, das
räumlich-zeitliche Dasein nur Erscheinung ist. Indem sie damit schließlich
zu dem Satze kommt: »Nur das Sein ist und das Nichtsein, das _Werden_, ist
gar nicht«, bildet sie die dialektische Antithese zu der geschilderten
objektiv-realistischen Weltanschauung des Joniers Heraclit.
Durch ihre entschieden logische Richtung blieb die Eleatik mehr als der
Pythagoräismus und Platonismus vor occultistischen Trübungen bewahrt. In
einer Geschichte des Occultismus in demjenigen Sinne, in welchem
Kiesewetter dieses Werk auffaßte, können sie daher keinen »Ehrenplatz«
beanspruchen. Wenn ich ihnen gleichwohl eine Stelle in diesem Bande
einräume, so geschieht dies nicht sowohl aus meiner persönlichen, größeren
Sympathie mit diesen wirklich rationellen Denkern, welche zugleich in
wohlthuendem Gegensatz zu den Pythagoräern von jeder Wichtigthuerei mit
»Geheimwissen« und jeder »Geheimbündelei« sich frei hielten, als um darauf
hinzuweisen, daß der griechische Geist ursprünglich in der That kräftig
genug gewesen ist, die größten Probleme des philosophischen Denkens
wenigstens festzustellen, sodaß wir nur bedauern müssen, daß sein
vorzeitiges Altern und die durch orientalische Einflüsse in Verbindung mit
der zersetzenden Sophistik verursachte Entartung die Gedankenkeime der
Eleatik nicht zur Entwickelung gelangen ließ.