Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia.
Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das
Zeitalter des Perikles, in dem allmählich die Sophisten an ihre Stelle
traten.
Als die drei bedeutendsten späteren Vertreter dieser Richtung werden uns
Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt.
Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem
unverständigen Spotte der attischen Komiker, der später für Sokrates so
bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes
Wolken:
»Da haben weise Geister ihr Studiergemach.
Es wohnen Männer drinnen, die beweisen Dir,
Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stülpkamin,
Der rings um uns sich wölbe, wir die Kohlen drin.«
bemerkt der Scholiast, daß dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf
den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir können darnach vermuten, daß
Hippo längere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstände,
insbesondere seine Herkunft, sind ungewiß, er war vielleicht auf Samos oder
Melos geboren.
Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verächtlicher, als von
den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele für
Wasser, vermutlich als Anhänger des Thales, für ein feuchtes Prinzip
gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, daß aller tierischer
Same feucht ist. Aus dem flüssigen Aggregatzustand ließ er das »Feuer« und
aus der »Überwindung des Wassers durch das Feuer« die Welt entstehen,
weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser
gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph
gewesen zu sein und sich hauptsächlich mit der Entwicklungsgeschichte des
Fötus und der Lehre von der Erzeugung beschäftigt zu haben.
Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer
Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben.
Idaeus aus Himera scheint sich hauptsächlich an Anaximenes angeschlossen zu
haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns
ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er
stellte bezüglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, daß dasselbe
der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, daß es zugleich ein
denkendes Wesen sein müsse, insofern ein Vorgänger (oder auch Nachfolger)
des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und
unveränderlicher Körper, groß und gewaltig und reich an Wissen, das, was
man »gewöhnlich die Luft nenne.« Aus ihm entsteht durch Verdichtung und
Verdünnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen
Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach
oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der
körperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff.
Infolge der Wärme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein,
wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem
Urzustand eine weiche und flüssige Masse, die allmählich durch die
Sonnenwärme ausgetrocknet ist. Der Erdkörper sei von Gängen durchzogen, in
welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft,
so entstehen Erdbeben.
* * * * *
Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die
jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen
Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem
Vorgange des Aristoteles mit Geringschätzung betrachten und sich auch über
ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverständlich rohen
Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Würdigung ihrer
unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute
liefernden, _Positivität_ in folgenden Worten Dührings zu finden:
»Wichtiger, als die verhältnismäßige Übereinstimmung, welche unser modernes
naturwissenschaftliches Bewußtsein den Vorstellungen der jonischen Denker
nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Nötigung unserer
Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die
astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rücksicht auf die
Abplattung der rotierenden Weltkörper und im Hinblick auf die mechanischen
Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rückschluß nicht bloß
berechtigt, sondern nötigt, daß ein weniger fester Aggregatzustand den
gegenwärtigen Verhältnissen vorausgegangen sein müsse. Durch derartige
Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der
leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurück, die der uns
übrigens bekannten und etwa durch Rechnung rückwärts feststellbaren
Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein muß. Wo die
Fingerzeige der aus der gegenwärtigen Gestaltung sprechenden Züge aufhören,
da hat auch die wissenschaftlich begründete und mit ihr eigentlich alle
gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn
bei irgend einem Zustande mit den Rückschlüssen Halt gemacht werden muß.
Sind wir einmal bei der gasförmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu
einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d. h. in der
Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknüpfungspunkt vorhanden. Die
Zustände der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel
hindurch dürfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas
Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil
lehrt sie uns, _daß wir in dieser Richtung in dem, was der engeren
Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten
antiken Denker, und daß wir vor ihnen nichts, als die bessere Begründung
und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch für die
logische Notwendigkeit ein letzter Abschluß offen, und dieser besteht in
der unumgänglichen Voraussetzung eines allem zählbaren Wechselspiel der
Vorgänge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des
Weltmediums.«[515]