IV.

Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia.

Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das

Zeitalter des Perikles, in dem allmählich die Sophisten an ihre Stelle

traten.

Als die drei bedeutendsten späteren Vertreter dieser Richtung werden uns

Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt.

Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem

unverständigen Spotte der attischen Komiker, der später für Sokrates so

bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes

Wolken:

»Da haben weise Geister ihr Studiergemach.

Es wohnen Männer drinnen, die beweisen Dir,

Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stülpkamin,

Der rings um uns sich wölbe, wir die Kohlen drin.«

bemerkt der Scholiast, daß dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf

den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir können darnach vermuten, daß

Hippo längere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstände,

insbesondere seine Herkunft, sind ungewiß, er war vielleicht auf Samos oder

Melos geboren.

Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verächtlicher, als von

den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele für

Wasser, vermutlich als Anhänger des Thales, für ein feuchtes Prinzip

gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, daß aller tierischer

Same feucht ist. Aus dem flüssigen Aggregatzustand ließ er das »Feuer« und

aus der »Überwindung des Wassers durch das Feuer« die Welt entstehen,

weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser

gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph

gewesen zu sein und sich hauptsächlich mit der Entwicklungsgeschichte des

Fötus und der Lehre von der Erzeugung beschäftigt zu haben.

Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer

Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben.

Idaeus aus Himera scheint sich hauptsächlich an Anaximenes angeschlossen zu

haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns

ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er

stellte bezüglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, daß dasselbe

der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, daß es zugleich ein

denkendes Wesen sein müsse, insofern ein Vorgänger (oder auch Nachfolger)

des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und

unveränderlicher Körper, groß und gewaltig und reich an Wissen, das, was

man »gewöhnlich die Luft nenne.« Aus ihm entsteht durch Verdichtung und

Verdünnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen

Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach

oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der

körperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff.

Infolge der Wärme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein,

wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem

Urzustand eine weiche und flüssige Masse, die allmählich durch die

Sonnenwärme ausgetrocknet ist. Der Erdkörper sei von Gängen durchzogen, in

welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft,

so entstehen Erdbeben.

* * * * *

Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die

jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen

Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem

Vorgange des Aristoteles mit Geringschätzung betrachten und sich auch über

ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverständlich rohen

Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Würdigung ihrer

unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute

liefernden, _Positivität_ in folgenden Worten Dührings zu finden:

»Wichtiger, als die verhältnismäßige Übereinstimmung, welche unser modernes

naturwissenschaftliches Bewußtsein den Vorstellungen der jonischen Denker

nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Nötigung unserer

Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die

astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rücksicht auf die

Abplattung der rotierenden Weltkörper und im Hinblick auf die mechanischen

Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rückschluß nicht bloß

berechtigt, sondern nötigt, daß ein weniger fester Aggregatzustand den

gegenwärtigen Verhältnissen vorausgegangen sein müsse. Durch derartige

Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der

leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurück, die der uns

übrigens bekannten und etwa durch Rechnung rückwärts feststellbaren

Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein muß. Wo die

Fingerzeige der aus der gegenwärtigen Gestaltung sprechenden Züge aufhören,

da hat auch die wissenschaftlich begründete und mit ihr eigentlich alle

gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn

bei irgend einem Zustande mit den Rückschlüssen Halt gemacht werden muß.

Sind wir einmal bei der gasförmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu

einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d. h. in der

Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknüpfungspunkt vorhanden. Die

Zustände der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel

hindurch dürfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas

Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil

lehrt sie uns, _daß wir in dieser Richtung in dem, was der engeren

Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten

antiken Denker, und daß wir vor ihnen nichts, als die bessere Begründung

und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch für die

logische Notwendigkeit ein letzter Abschluß offen, und dieser besteht in

der unumgänglichen Voraussetzung eines allem zählbaren Wechselspiel der

Vorgänge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des

Weltmediums.«[515]

Der Occultismus des Altertums · 第 124 / 155 题