Anaximenes.
Anaximenes war nach Diogenes Laertius ein Schüler des Anaximander. Von
seinen Lebensumständen wissen wir fast nichts, als daß auch er aus Milet
war, ein Sohn des Euristratus, geboren zwischen 529-525 v. Chr. und um die
Zeit der Eroberung von Sardes durch die Jonier gestorben (499 v. Chr., also
etwa 45 Jahre später, als Anaximander.)
Er hinterließ eine Schrift über die Natur, aus der uns Stobäus den Satz
erhalten hat: »Wie unsere Seele Luft ist und unseren ganzen Leib
durchdringt, so auch durchdringt und umfaßt eine geistige Luft das
Weltall.« Diese (beseelte) Luft also erklärte er für das Prinzip aller
Dinge. Nach der einstimmigen Angabe aller Berichterstatter hat er sich
diese Luft als _unendlich_ der Ausdehnung nach gedacht und die Dinge aus
derselben durch Verdünnung und Verdichtung abgeleitet, oder wie der ihm
eigentümliche Ausdruck gelautet zu haben scheint, durch »Zusammenziehung«
und »Nachlassung«. So lehrte er, das Warmwerden und Kaltwerden der Dinge
bestehe nur in der Verdünnung und Verdichtung der Luft; verdünnt werde die
Luft Feuer, verdichtet Wind und Gewölk, noch mehr verdichtet Wasser, und
daraus wieder durch Verdichtung Erde und Stein; alles übrige aber werde aus
diesen. Es ist möglich, daß Anaximenes nur durch die Beobachtung des
Athems, als einer Bedingung alles tierischen Daseins, dazu geführt ist, in
der Luft zunächst das Lebensprinzip und so schließlich das Prinzip aller
Dinge überhaupt zu suchen. Die Identifizierung von Leben, Seele und Athem
(Odem) ist ja uralt, wie denn sogar die Stammgeschichte der Worte Seele,
Geist, +anima+, +psyche+, darauf zurückweist. Auch deutet darauf hin die
von ihm für die Gleichstellung der Naturkräfte mit dem Lebensprinzip und
die Erklärung des Lebensprozesses angeführte naive Bemerkung, wenn wir die
Luft mit den Lippen zusammengedrückt aushauchten, würde sie kalt, aus
geöffnetem Munde dagegen gehe sie warm hervor.
Ein gewisser Fortschritt über Anaximander ist insofern nicht zu verkennen,
als Anaximenes den Versuch machte, eine bestimmtere Vorstellung von dem
_Prozeß_ zu gewinnen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bilden.
_Anaximenes soll auch zuerst die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und
den Grund der Mondfinsternisse entdeckt haben._[514]
Übrigens dachte er sich die Erde noch als eine runde breite von der Luft
getragene _Platte_, und dieselbe Scheibengestalt schrieb er auch der Sonne
und den Gestirnen zu.