II.

Anaximander.

Anaximander, um 610 v. Chr. geboren, soll ein Schüler des Thales gewesen

sein. Jedenfalls stand er, als sein Mitbürger und jüngerer Zeitgenosse,

unter der geistigen _Anregung_ der Lehren des Thales. Er hat aber einen

erheblichen Fortschritt in der Richtung der philosophischen Abstraktion von

der sinnlichen Anschauungsweise gemacht. Er nannte zuerst ausdrücklich das

materielle Urwesen »Prinzip« (%archê%) und bezeichnete es näher als einen

_luft- oder gasförmigen_, der Masse nach _unendlichen_ Stoff. Andere

meinen, er habe den Urstoff als etwas zwischen Luft und Wasser in der Mitte

Liegendes gedacht. Vielleicht hat er geglaubt, ein recht vollkommenes

Prinzip dadurch zu gewinnen, daß er sich die drei in der gegebenen Welt

bestehenden Aggregatzustände in einem chaotischen Urstoff _gemischt_

vorstellte und so einen Schluß auf die Dichtigkeit in der vorausgesetzten

Aggregation machte; jedenfalls finden wir, daß sein Urstoff auch als

_Mischung_ (%migma%) bezeichnet wird[510]; und er lehrte, daß die

besonderen Stoffe aus dem unendlichen Urstoff durch Entmischung entstanden

seien, indem das Verwandte sich vereinigte, die Goldteilchen mit

Goldteilchen, Erde mit Erde u. s. w. Dagegen ist die unter den Historikern

der Philosophie bestehende Controverse, ob er sich diese Entwicklung der

besonderen Stoffe und Dinge rein mechanisch durch Trennung und Verbindung

gedacht habe (Ritter), oder dynamisch, so daß die Unterschiede nur

potentiell in dem an und für sich gleichartig gasförmigen der Qualität nach

unbestimmten Urstoff vorhanden gewesen wären (Herbart), in Ermangelung

ausreichender Quellenberichte mit keinerlei Sicherheit zu entscheiden.

Aristoteles scheint die Annahme eines _qualitätslosen_ Urstoffs dem

Anaximander aufs bestimmteste abzusprechen, wenigstens die Annahme, daß die

Dinge aus diesem Urstoff durch bloße Verdünnung oder Verdichtung

entstehen.[511] Vielmehr schreibt er ihm die Lehre zu, daß die Entwicklung

der Einzelstoffe und Einzeldinge durch Sonderung der im »Unendlichen«

enthaltenen Gegensätze sich vollziehe. Zuerst scheiden sich voneinander

Warmes und Kaltes; eine feurige Sphäre umgiebt rings die Luft und die Erde;

aus Feuer und Luft bilden sich die Gestirne. Im Mittelpunkt der unendlichen

Welt ruht die Erde, unbeweglich wegen des gleichen Abstandes von allen

Punkten der Himmelskugel. Die Gestirne sind »himmlische Gottheiten«. Die

Erde hat sich aus einem ursprünglich flüssigen Zustande gebildet. Aus dem

Feuchten sind unter dem Einfluß der Wärme in stufenweiser Entwickelung die

lebenden Wesen hervorgegangen. Da alle lebenden Wesen ursprünglich im

Wasser entstanden sind, so nahm er an, daß auch die Landtiere, mit

Einschluß des Menschen, zuerst fischartig gewesen und erst infolge der

Abtrocknung der Erdoberfläche sich allmählich zu ihrer jetzigen Gestalt

entwickelt haben. Ueberweg findet daher nicht mit Unrecht bei ihm die

ersten Anfänge des heute vorzugsweise sog. Darwinismus. Ja, Anaximander

spricht schon von dem Einfluß der _veränderten Lebensbedingungen_ auf die

Entwicklung der Arten.

Die Seele soll er als luftartig bezeichnet haben.

Er lehrte, daß es unendlich viele Welten, d. h. Weltkörper gebe, die

zusammen ein Weltsystem bilden, und die er wohl nur deshalb Welten nannte,

weil er sie für weit größer und unserem Weltkörper ähnlicher ansah, als die

gewöhnliche Meinung. Die Entstehung dieser einzelnen Weltkörper aus dem

ursprünglich luft- oder modern genauer gesprochen gasförmigen Zustande

suchte er sich mechanisch zu erklären, wahrscheinlich war er dabei auf eine

ähnliche Theorie geraten, wie die sog. Wirbeltheorie des Descartes[512];

wenigstens wird berichtet, er habe die Bewegung der Himmelskörper von

Luftströmungen hergeleitet, die eine Drehung der Gestirnsphären

herbeiführten.

Dühring bemerkt, daß uns die jonischen Philosophen erst in richtiger

Beleuchtung erscheinen, wenn wir ihre freilich noch roheren Vorstellungen

mit den neueren naturphilosophischen und zugleich naturwissenschaftlichen

Ideen über einen denkbar frühesten Zustand des Kosmos vergleichen. »Kant

legte in seiner Naturgeschichte des Himmels ebenfalls die Hypothese zu

Grunde, alle Weltkörper seien durch Verdichtung aus einem Urnebel

entstanden.«[513]

Und jedenfalls hat Bruno so Unrecht nicht, wenn er auf den Rückgang der

kosmologischen und insbesondere der kosmogonischen Vorstellungsweise eines

Aristoteles gegenüber diesen ersten von Aristoteles stets mit einer

gewissen verächtlichen Blasiertheit behandelten »Physikern« hinweist.

Vergl. meine Übersetzung der Dialoge Brunos +Vom Unendlichen und den

zahllosen Welten S. 74ff.+

Der Weltenentstehung aber entspricht eine Weltenzerstörung. Er lehrt:

»Woraus die Dinge entstehen, in eben dasselbe müssen sie auch vergehen, wie

es der Billigkeit gemäß ist; denn sie müssen Buße und Strafe geben um der

Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit.« Man kann hierin ein

pessimistisches Element in der Philosophie des Anaximander finden und zwar

eben jenes, das bekanntlich Felix Dahn auf modern naturwissenschaftlicher

Grundlage in seinem »Odhins Trost« poetisch ausgesponnen hat. Auf diese

Annahme eines dereinstigen Vergehens der Welten weist uns auch die

Nachricht, daß er eine allmähliche Abnahme und endliche Austrocknung des

Meeres angenommen habe; ich verstehe nicht, wie noch Zeller (+die

Philosophie der Griechen I. S. 202+), sagen kann, daß eine solche

Vorstellung für uns _fremdartig_ klinge, für uns, denen die Notwendigkeit

und Thatsächlichkeit einer solchen Entstehung und allmählichen Vergehung

der einzelnen Welten geradezu naturwissenschaftlich bewiesen ist, für uns,

die wir insbesondere mit unseren Teleskopen den Mond als Beispiel einer

bereits greisenhaft ausgetrockneten und erstorbenen Welt den Augen

nahebringen können.

Vielmehr können wir der wissenschaftlich treffenden Intuition des Milesiers

unsere Bewunderung nicht versagen.

Auch im Einzelnen soll Anaximander für seine Zeit nicht unerhebliche

Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete besessen haben. Er

beschäftigte sich vorwiegend mit Astronomie und Geographie, entwarf nach

Eratosthenes eine metallene Erdtafel und eine Himmelskugel; nach +Diogenes

Laertius II, 1+, soll er die Sonnenuhr (%gnômôn%) erfunden haben;

wahrscheinlich hat er jedoch nur, da solche bereits bei den Babyloniern in

Gebrauch waren, die Hellenen nur zuerst damit bekannt gemacht.

Näheres siehe bei +Teichmüller, Studien S. 1-70+.

Der Occultismus des Altertums · 第 122 / 155 题