Thales von Milet.
Das erste Erwähnen des natur-philosophischen Bewußtseins hat auf jonischem
Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und
verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder
Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn
man will nach dem »Ding an Sich« oder dem »reinen Sein«.
Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder
Physiker, eröffnet Thales von Milet.
Über das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig,
aber doch immer noch verhältnismäßig besser unterrichtet, als über
dasjenige mancher späterer, durch unkritische Sagenbildung umwölkter
Philosophen, z. B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen
Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v. Chr. geboren; jedenfalls war er
ein Zeitgenosse des Solon und Crösus. Er war ein Bürger von Milet, sei es,
daß er selbst erst dort eingewandert und unter die Bürger aufgenommen war,
oder daß bereits sein Vater Examios das Bürgerrecht erlangt hatte. Es steht
fest, daß er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen
hat.
Nach +Herodot I., 170+, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch
die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit
einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte früh in ganz
Griechenland den Ruf großer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben
Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzählt, daß er anfangs über seinen
naturphilosophischen Spekulationen sein Vermögen vernachlässigt habe, dann
aber, als ihm dieserhalb Vorwürfe gemacht wurden, um zu beweisen, daß einem
Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthätigkeit eine
Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit
Ölpressen sich gewaltige Reichtümer erworben habe.
Zunächst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr
rückständigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben.
Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, daß die Dreiecke auf dem
Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Höhe der
Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen,
daß die Scheitelwinkel einander gleich sind, daß Dreiecke sich gleich sind,
wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und daß man mittels
dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen könne, auch
habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafür entdeckt, daß der
Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift über
nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem
Samier Phocus zuschreibt. Möglich ist, daß er diese geometrischen und
astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet
hat.[508]
Am berühmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen
Königs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen
Untersuchungen (vgl. +Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, § 12+), hat
diese Finsternis am 30. September 161 v. Chr. stattgefunden.
Möglicherweise hat er dabei den Saros, d. h. die von den Chaldäern durch
fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt,
welche 223 synodische Monate oder 6585 1/3 Tage umfaßt.
Aristoteles sagt +Metaph. I, 3+: »Von denen, welche zuerst philosophiert
haben, haben die meisten bloß _materielle_ Urgründe angenommen, und zwar
Thales, der Urheber dieser Richtung das _Wasser_. Er schöpfte diese Meinung
wahrscheinlich aus der Beobachtung, daß die Nahrung von allem feucht sei,
und daß das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich
erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber für dieses das Prinzip; --
ferner aus der Beobachtung, daß der Same seiner Natur nach feucht sei; das
Prinzip aber, vermöge dessen das Feuchte feucht sei, sei das _Wasser_.«
Dazu bemerkt Dühring in seiner +kritischen Geschichte der Philosophie
(S. 20 u. 22)+: »Mit vollem Rechte werden die ursprünglichen flüssigen oder
gasförmigen Zustände der Natur als Totalitäten gedacht, in denen alles der
Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen
gestalteten Welt anzutreffen ist.« »Stand es einmal für den Verstand fest,
daß das Gegebene seine gegenwärtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke
und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die
nächste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich
bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Kräfte mit Leichtigkeit
wirken können. Das Feste ist erfahrungsmäßig wenig bildsam. Es mußte daher
eine der Bethätigung des Kräftespiels günstigere Urbeschaffenheit
angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natürlichen
Gestaltungshergänge mögen das Flüssige als Ausgangspunkt des Festwerdens
sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische
Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkürliches Prinzip,
sondern als _eine für den damaligen Stand des Naturwissens verhältnismäßig
gelungene Idee_.«
Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen »Vom Unendlichen«
daran erinnert, daß Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, daß daher
sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung
verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wölbung
erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefühlsmäßigen Antrieb zur
Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schönen Versen
seines +Childe Harold+ ausdrückt:
»Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen
Blickt des Allmächt'gen Bild! Zu allen Zeiten,
Still und bewegt, im Sturm, im Brausen,
Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten,
Nachtdunkel, endlos, hehr, -- der Ewigkeiten
Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein!
Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten
Bloß deinem Schleim entsproßt! Allwärts herrscht dein
Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein!«
* * * * *
Wir dürfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den
flüssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht für
eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem
oberflächlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint.
Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist
unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog.
Hylozoismus war, »sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Kräfte
nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat«, ist sehr
zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, daß alles voll von
Göttern sei. Ich möchte dem Urteil Dührings den Vorzug geben, wonach eine
Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Kräften oder gar
geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag,
wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefaßt worden ist. Man thut
ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit
Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es
schlecht beglaubigt, daß er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt
habe. Ebenso unverbürgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprüche, die
Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das älteste aller Wesen; denn er
ist unentstanden. Das Schönste ist das Weltall; denn es ist von Gott
erschaffen. Das Größte ist der Raum; denn er umfaßt alles. Das Schnellste
ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Stärkste ist die
Notwendigkeit; denn sie überwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie
entdeckt alles. _Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben._ Als ihn mit
Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: »Warum stirbst du
denn nicht?« soll er geantwortet haben: »Weil es keinen Unterschied
ausmacht.« Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu
kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschläge zu
erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schläge des Schicksals am
leichtesten ertragen könne, antwortete er: Wenn man sehe, daß es unseren
Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am
besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen
tadelnswert finde, selber vermeide.
Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifuß von
bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben.
Um den unter ihnen über das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten,
sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort:
Über den Dreifuß befragst den Gott du, Milesische Jugend:
Der gehöret dem Mann, deß Weisheit unübertroffen.
Man gab daher den Dreifuß dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte
er schließlich an Solon, der ihn dann mit der Erklärung, daß der Gott der
Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll.