In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den
Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie eine Form (Zurach) vernichten und eine
andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba)
vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.
_Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol. 46.
Die Lehrer sagen: Wenn einer plötzlich erschrickt, wiewohl er nichts
siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt)
etwas. Denn ein plötzlich den Menschen überfallender Schrecken ohne
bestimmte Ursache giebt einen Beweis, daß wiewohl das Körperliche nichts
sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen
bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesfälle und bösen
Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne
bestimmte Gründe, denn die N'schama sieht das, was künftig über den Leib
kommt und trauert darüber.
_Nischmath Chajim_, Fol. 101.
Wenn sich die Heiligen und Wunderthäter in die Einsamkeit begeben und sich
mit höheren Geheimnissen beschäftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft
ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermögens die heiligen Namen so,
als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wären, und diese furchtbaren
Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr
Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen
auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhört.
Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bösen Gedanken hängt,
sündigt mehr als durch die That.
_Mairecheth Aeloluth_, Fol. 41, 63.
Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da
jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das
Denken im Nephesch, usw.
_Kisri Melech_, Fol. 53.
Es ist eine Eigenthümlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen,
zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstören und andere
hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes
Wesen über, so daß der Ruach schon durch seine Imagination Schaden
hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba töten kann, und
um so mehr noch, wenn er zu den Bösaugigten (+mal' occhio+) gehört. Denn
die Kräfte des Menschen sind verschieden, Böses und Gutes hervorzubringen.
Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthäter groß ist, um Gutes zu thun den
Guten, so ist auch durch die andere Seite den bösen sündigen Menschen
Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Böses zuzufügen durch die
Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und
äußeren Sinne.
_Een Jacob_, Fol. 46.
Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und
Geistiges, und ein Gestirn und Wächter über ihm oben. Denn wenn es nicht so
wäre, könnte die Erde nicht Kräuter, Früchte und Samen hervorbringen, in
denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist über dem Leben des
Mineralreichs, denn es wächst und wird groß wie der Mensch, und das in ihm
wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch höher,
insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt
wird, wie es heißt: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des
vernünftigen Menschen aber steht höher als alle.
_Etz Hachajim_, Fol. 192.
Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der
Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende Äther. In
ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die
Blicke des Auges, als auch die Öffnung des Mundes zum Guten wie zum Bösen;
selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u. s. w.
bringen im äußern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf
den Äther ein.
_Esarah Maimeroth_, Fol. 49.
Sechstes Buch.
Der Occultismus der alten Griechen.
Erstes Kapitel.
Die jonischen Naturphilosophen.
Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes,
dessen letzten Band ich hiermit beginne, als »Occultismus« bezeichnet ist,
in die Philosophie einzumünden. Philosophie ist nicht nur dem Namen,
sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes.
Der »Occultismus« der Griechen fällt daher in gewissem Grade mit einer
Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende
Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewöhnlichen
Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den
mystischen Elementen derselben eine größere Beachtung schenkt. _Wir treten
zwar aus dem Nebel der orientalisch wüsten Phantastik heraus in eine
reinere und freiere Atmosphäre._ Allein wir werden finden, daß selbst die
rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Völker von mystischen
und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und daß
mit der Auflösung der griechischen Kraft auch die Philosophie im
Neu-Pythagoräerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so
verheißungsvollen Erwachen einer nüchternen, wissenschaftlichen
Naturbetrachtung wieder in die Träume und Superstitionen des Asiatismus und
zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des
wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen
störenden Einfluß auf den Anfang der neueren Philosophie ausgeübt hat. So
z. B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verständlich.
Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem
Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein
wissenschaftliche Denkweise gereift, für welche die Philosophie nichts
anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und
Verknüpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de
philosophie positive+.