Blüten vom Baume der Kabbala.[507]

In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den

Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie eine Form (Zurach) vernichten und eine

andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba)

vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.

_Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol. 46.

Die Lehrer sagen: Wenn einer plötzlich erschrickt, wiewohl er nichts

siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt)

etwas. Denn ein plötzlich den Menschen überfallender Schrecken ohne

bestimmte Ursache giebt einen Beweis, daß wiewohl das Körperliche nichts

sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen

bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesfälle und bösen

Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne

bestimmte Gründe, denn die N'schama sieht das, was künftig über den Leib

kommt und trauert darüber.

_Nischmath Chajim_, Fol. 101.

Wenn sich die Heiligen und Wunderthäter in die Einsamkeit begeben und sich

mit höheren Geheimnissen beschäftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft

ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermögens die heiligen Namen so,

als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wären, und diese furchtbaren

Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr

Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen

auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhört.

Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bösen Gedanken hängt,

sündigt mehr als durch die That.

_Mairecheth Aeloluth_, Fol. 41, 63.

Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da

jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das

Denken im Nephesch, usw.

_Kisri Melech_, Fol. 53.

Es ist eine Eigenthümlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen,

zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstören und andere

hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes

Wesen über, so daß der Ruach schon durch seine Imagination Schaden

hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba töten kann, und

um so mehr noch, wenn er zu den Bösaugigten (+mal' occhio+) gehört. Denn

die Kräfte des Menschen sind verschieden, Böses und Gutes hervorzubringen.

Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthäter groß ist, um Gutes zu thun den

Guten, so ist auch durch die andere Seite den bösen sündigen Menschen

Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Böses zuzufügen durch die

Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und

äußeren Sinne.

_Een Jacob_, Fol. 46.

Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und

Geistiges, und ein Gestirn und Wächter über ihm oben. Denn wenn es nicht so

wäre, könnte die Erde nicht Kräuter, Früchte und Samen hervorbringen, in

denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist über dem Leben des

Mineralreichs, denn es wächst und wird groß wie der Mensch, und das in ihm

wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch höher,

insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt

wird, wie es heißt: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des

vernünftigen Menschen aber steht höher als alle.

_Etz Hachajim_, Fol. 192.

Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der

Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende Äther. In

ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die

Blicke des Auges, als auch die Öffnung des Mundes zum Guten wie zum Bösen;

selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u. s. w.

bringen im äußern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf

den Äther ein.

_Esarah Maimeroth_, Fol. 49.

Sechstes Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.

Erstes Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.

Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes,

dessen letzten Band ich hiermit beginne, als »Occultismus« bezeichnet ist,

in die Philosophie einzumünden. Philosophie ist nicht nur dem Namen,

sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes.

Der »Occultismus« der Griechen fällt daher in gewissem Grade mit einer

Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende

Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewöhnlichen

Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den

mystischen Elementen derselben eine größere Beachtung schenkt. _Wir treten

zwar aus dem Nebel der orientalisch wüsten Phantastik heraus in eine

reinere und freiere Atmosphäre._ Allein wir werden finden, daß selbst die

rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Völker von mystischen

und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und daß

mit der Auflösung der griechischen Kraft auch die Philosophie im

Neu-Pythagoräerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so

verheißungsvollen Erwachen einer nüchternen, wissenschaftlichen

Naturbetrachtung wieder in die Träume und Superstitionen des Asiatismus und

zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des

wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen

störenden Einfluß auf den Anfang der neueren Philosophie ausgeübt hat. So

z. B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verständlich.

Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem

Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein

wissenschaftliche Denkweise gereift, für welche die Philosophie nichts

anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und

Verknüpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de

philosophie positive+.

Der Occultismus des Altertums · 第 120 / 155 题