idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt
nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit
von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren
Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder
metaphysischer Natur und drücken die absolute Identität der Existenz und
des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die
intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter
zur Schau und lassen Gott als die Identität der Güte und Weisheit
erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Güte oder vielmehr im
höchsten Wesen den Ursprung der Schönheit und Größe oder Erhabenheit. Man
nennt sie auch »die Tugenden« oder »die sensible Welt« in der erhabensten
Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute
sowohl die allgemeine Vorsehung als den höchsten Künstler, welcher auch die
absolute Kraft, die allmächtige Ursache und das zeugende Element alles
Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natürliche Welt
oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, +Natura naturans+,
bildet. Es möge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen
Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinität
zurückzuführen gesucht werden:
»Um die Wissenschaft der göttlichen Einheit zu erhalten, müssen wir die
Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezündeten Lampe
emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weißes und ein dunkles
oder blaues. Das weiße schwebt oben und steigt in gerader Linie empor,
während sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weißen zu
sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, daß
sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das
weiße wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man
unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen,
welches sich nach oben an das weiße Licht und nach unten an die
angezündete Materie anhängt. Alles zusammen bildet jedoch eine
Einheit.«[437]
Über den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fügen
hinzu, daß sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstäblich wird, um
die Natur der menschlichen Seele zu erklären, welche ebenfalls eine
Trinität bildet, die eine abgefaßte Kopie der Allerhöchsten ist.
Die letzte Gattung der Trinitäten, welche alle übrigen in sich faßt, giebt
uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar
die größte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei
Ausdrücke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als höchste
Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitäten repräsentiert: unter den
metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die
Schönheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der
kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute
Wesen. Was ist die Schönheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrücklich sagt,
der höchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als
Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne
verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche
dieselbe in Nacht versinken würde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was
ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller
vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der
Schöpfung, welche Idee durch das Wort »Schechinah« bezeichnet wird, durch
einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die
immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke
und das Leben, d. h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies
ist der wahre Sinn dieser Trinität. Diese enthält, was die Kabbala »die
Säule der Mitte« nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die
Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder
Säule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen
kann, von den »Gesichtern« oder symbolischen Personifikationen entnommen,
und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets »das
große Gesicht«, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die
Schönheit ist der heilige König oder einfach der König und die Schechinah,
die göttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Königin. Wenn
die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder
nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex
oder das Bild der idealen Schönheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen
Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und
alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Schoß hervor und wird durch
sie gesegnet.[438] -- Der König und die Königin, welche man auch »die
beiden Gesichter« nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es
ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das
Werk der Schöpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige
Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise
und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Früchten hervor. Von oben
kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie
gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den
Naturkörpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von
der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoße
der Gottheit das, was sie zurückführen kann. Der Sohar selbst giebt uns ein
Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen
Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel
in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen
Seele. Ist die Seele nun eine männliche, so passiert sie von hier aus das
Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der
Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir
durch die Vereinigung des Königs mit der Königin leben, welche, wie der
Text sagt, das für die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau für die
Erzeugung des Körpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die
Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den
Schooß der Gottheit zurückbegiebt. Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und
sich mit allen Tugenden geschmückt hat, so erhebt sie sich durch ihre
eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trägt, zu dem
höchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der
idealen Form setzt. Der König und die Königin vereinigen sich von neuem,
aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441]
Der Sohar sagt hierüber: »Auf diese Weise ergießt sich das Leben sowohl von
oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefüllte Meer
vertheilt seine Gewässer aller Orten.«[442]
Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir
würden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzückung und der
Rëinkarnation berühren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen müssen.
Jedoch müßten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen
dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter
welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum
mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen
Kreisen oder -- besser gesagt -- aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem
gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des
menschlichen Körpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die
Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der
Schönheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern
Körperteile entsprechen den übrigen Attributen. Auf diese ganz
willkürlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar,
die praktische Kabbala begründet, welche durch die verschiedenen Namen
Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Körperteile befallen, zu
vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht
das erste Mal, daß zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die
gröbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens
tritt. Schließlich kann man die letzte Manier der Darstellung der
Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie
stehen die expansiven Attribute, nämlich des Logos oder die Weisheit, die
Gnade und Stärke; links in einer Parallellinie befinden sich die des
Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewußtsein des
Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich
die substantiellen Attribute, welche wir in der höchsten Trinität gefunden
haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das
Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem
Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird
deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen
Seiten dieser Figur auch die Säule der Gerechtigkeit, die Säule der Gnade
und die Säule der Mitte genannt. Übrigens betrachtet man die Figur auch
nach Horizontallinien, wobei die sekundären Trinitäten entstehen, von
denen wir oben gesprochen haben. Außer diesen Figuren sprechen die neueren
Kabbalisten auch noch von Kanälen, welche unter einer materiellen Form
alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen
darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher
siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezählt hat.[444] Diese
Subtilitäten können bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe
interessieren, für die metaphysische Spekulation sind sie jedoch
belanglos.
In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee,
welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nämlich in
der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphäre der Attribute
selbst, einer gescheiterten Schöpfung, in welcher Gott herniederstieg, um
auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und
der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste
Darstellung ist.
Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und »das Buch der
Geheimnisse« davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier
wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von
sieben Königen von Edom, welche den Königen Israels vorangingen und einer
nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des
Sohar eine solche Gedankenordnung sehen, daß ihre Gläubigkeit daraus eine
Art Revolution in der unsichtbaren Welt der göttlichen Emanation macht.
Unter den Königen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des
absoluten Seins, welche als König und Königin bezeichnet werden, und für
unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst repräsentieren.
Die Könige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Könige sind die
Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als
Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer
größten Reinheit zu dienen. Schließlich ist das beste Mittel, uns diese
dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verändern, klar zu
machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche
citieren, welche dieselbe zu erläutern sucht:
»Bevor der Älteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen
Dinge ist, die Gestalten der Könige und der ersten Kronen geschaffen hatte,
besaß er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner
eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf
derselben die Umrisse und Gestalten der Könige ab. Aber dieselben konnten
nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Könige, welche im
Lande Edom regierten, ehe denn ein König über Israel herrschte. Es handelt
sich hier um die idealen Könige und um das ideale Israel. Alle die so
geschaffenen Könige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher
bestehen, als bis der Älteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen
enthüllte.«[445]
Daß in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schöpfung, von
einer früheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der
Sohar teilt uns an einem späteren Ort diese einstimmige Anschauung der
neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrücken mit. Aber warum sind
diese früheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte
regelmäßig und beständig wohnte, oder -- wie der Text sagt -- weil er nicht
zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt
hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schöpfung zu bleiben und seine
Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche er damals durch
eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken
verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern
und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen.
»Unter den zerstörten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt,
weil es sich bei ihnen ähnlich verhält wie bei einem Schmied, der das
glühende Eisen hämmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind
die Urwelten, welche zerstört wurden und nicht bestehen konnten, weil der
Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt
bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.«[446]
Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation
der endlichen Existenzen unmöglich ist, und welche so recht eigentlich den
Arbeiter in den göttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die
Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer höchsten
Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und
intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und
Fortdauer umfaßt, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die
Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Körper anwenden.
Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und
Reproduktion der menschlichen Gestalt sind für sie das Symbol des
universellen Lebens, die regelmäßige und unendliche Entwickelung des Seins,
eine regelmäßige und fortgesetzte Schöpfung nicht allein hinsichtlich der
Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller
möglichen Existenzformen.
Wir sind der Grundlage dieser Idee schon früher begegnet, hier folgt aber
noch etwas mehr, nämlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und
des göttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz
begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuöse, ungeordnete und
unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.
»Warum wurden jene Urwelten zerstört? Weil der Mensch noch nicht geschaffen
war. Da nämlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschließt, ist
auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte,
so konnten die früheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie
zerfielen in Trümmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf
sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.«[447]
Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem
Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genüge, daß
von dieser Anschauung an unzähligen Stellen des Sohar die Rede ist, und daß
sie auf den charakteristischen Namen »die Wage« führt. Das Buch des
Geheimnisses sagt:
»Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der König und die Königin
(die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten
Könige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem
Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf
ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere
unsichtbare Wage ohne Stütze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was
sein wird. Das trägt diese Wage.«[448]
Wir haben schon in einem früheren Citat gesehen, daß die Könige von Edom,
die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem
kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts
absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des
aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich außerhalb seiner selbst in
menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen
in das allgemeine System der Schöpfung einzutreten.
»Wenn man sagt, daß die Könige von Edom gestorben sind, so spricht man
nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstörung,
sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.«[449]
In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt -- sie erhoben
sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den äußersten Grad des
Universum versetzt worden. Sie repräsentieren die rein passive Existenz,
oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die
Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der
Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein
männliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trägheit wie in der Materie
ist.
Deshalb wurden sie auch die Könige von Edom genannt, denn Edom war
diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die
spirituelle und aktive Existenz repräsentiert. Wir können also, wenn wir
die meisten dieser Ausdrücke wörtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten
sagen, daß die Urwelten ein Aufenthaltsort für die Bestrafung der
Verbrechen geworden sind, und daß von ihnen jene bösartigen Wesen ausgehen,
welche der göttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch
diesen Gedanken verändert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar
sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so große Rolle spielt,
besteht die Züchtigung schuldiger Seelen hauptsächlich in der Wiedergeburt
auf niedriger Stufe der Schöpfung und in größerer Sklaverei der Materie.
Was die Dämonen anlangt, so wurden sie übereinstimmend mit dem Namen
»Hüllen« ($Klipot$) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie
selbst und die von ihr abhängigen Leidenschaften. Also ist jede
Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder,
wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es genügt nicht,
daß alle Dinge von Gott kommen müssen, um Realität und Bestand zu haben,
Gott muß auch beständig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich
enthülle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn
er sich von ihnen losmachen wollte, würden sie vergehen wie ein Schatten.
Dieser Schatten ist auch ein Teil des göttlichen Wesens; er ist die
Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das
Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.
Auf diese Grundsätze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala
gegründet.
Siebentes Kapitel.
Die Weltanschauung der Kabbalisten.
Was wir über die Anschauungen der Kabbalisten von der göttlichen Natur
wissen, nötigt uns, etwas länger bei ihrer Betrachtungsweise der Schöpfung
und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nämlich beides in ihrem Geist
ineinander fließt. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalität,
im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewiß, daß außer ihm nichts
existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft
oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthüllung oder ein
teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trägen und
von ihm getrennten Substanz ist eine Unmöglichkeit, eine Chimäre, und die
Schöpfung ist, wie sie gewöhnlich aufgefaßt wird, unmöglich. Diese letzte
Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen:
»Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht
erkannt werden. In Folge seiner Stärke und Reinheit hat er sich in sich
selbst zurückgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den
unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen
Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu
können. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient
ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer beständig herniedersteigenden
Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.«[451]
Wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß das absolute Sein und die
sichtbare Natur nur einen einzigen Namen »Gott« haben. Eine andere Stelle
deutet uns an, daß die vom Geist ausgehende und mit dem höchsten Gedanken
identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und
das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Kräfte der Natur.[452] Alle
diese Elemente und Kräfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist
ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen
Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme,
von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten
sich die Kabbalisten mit dem landläufigen Glauben, daß die Welt aus nichts
geschaffen sei zu versöhnen. Aber das Nichts hat für sie einen anderen Sinn
als den gewöhnlichen. Es möge folgen, was über diesen Punkt ziemlich
deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird:
»Wenn man zugiebt, daß alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so
spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem
Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden
das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann,
nämlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende ($Ayyin Kadmon$)
nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein
die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt
gegründet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf
welche Weise ist sie in der Weisheit oder der höchsten Krone enthalten? so
kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein
Unterschied und keine Existenz. Man wird zunächst nicht begreifen, wie die
Weisheit mit dem Leben verbunden ist.«[453]
Alle alten und neueren Kabbalisten erklären auf diese Weise das Dogma von
der Schöpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: +Ex nihilo
nihil.+ Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine
Schöpfung in der landläufigen Auffassung. Der Sohar sagt:
»Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes.
Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, gelobt sei er, läßt
dort seine Werke zusammenströmen. Nichts fällt ins Leere, selbst nicht die
Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.«[454]
Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schülern des Jochai, und
sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens,
weshalb sie in die Worte ausbrachen:
»O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren?
Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer
hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst
in einen bodenlosen Abgrund.«[455]
Sie führen auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemäßigt in
seinen Ausdrücken, sich nicht ohne Mittel zur Rückkehr auf dieses uferlose
Meer hinauswagte, d. h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg.
Dieses Mittel wird mit großer Freimütigkeit folgendermaßen kundgegeben:
»Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als
der Körper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurück, woraus sie
entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der
Schöpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit
dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet
der unzähligen Formen, mit denen es bekleidet ist.«[457]
Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen würde, die
immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstück
der Vervollkommnung, der Weisheit und höchsten Güte ist. Zur Darstellung
dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen
Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z. B. Jakob Böhme und St.
Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und
betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, daß der Buchstabe, mit
welchem das erste Wort des mosaischen Schöpfungsberichtes beginnt
($Bereshit$), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen ($Berakhah$)
ist.[458] -- Nichts ist absolut schlecht, nichts ist für immer verdammt,
selbst nicht der Erzengel des Bösen, die vergiftete Schlange ($Chivya
Bisha$), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er
seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schließlich
ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Güte, weil das
Universum durch das göttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts
anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des
Sohar: der artikulierte Ausdruck des göttlichen Gedankens. Es ist, wie wir
schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in
den ewigen Formen der höchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die
markanteste Stelle über diese Lehre:
»Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und
zerstört, bevor ihm der Schöpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser
Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle
Geschöpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren
wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft
sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat
Ähnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert,
erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur
Eins.«[461]
Diesen erhabenen Glauben, welchen man -- allerdings mehr oder weniger
verändert -- in allen großen metaphysischen Systemen wiederfindet, haben
die Kabbalisten auf ihren Mysticismus zurückgeführt, indem sie annehmen,
daß Alles eine symbolische Bedeutung besitze, und daß sich alle materiellen
Dinge in dem göttlichen Denken oder der menschlichen Intelligenz
wiederfinden. Alles, was vom Geist kommt, muß sich äußerlich manifestieren
und sichtbar werden.[462] Dies ist die Wurzel des Glaubens an ein
himmlisches und ein physiognomisches Alphabet. In folgenden Ausdrücken
sprechen die Kabbalisten über das Erstere:
»In der ganzen Ausdehnung des Himmels, der die Welt umgiebt, sind Figuren
und Zeichen verborgen, mittelst deren wir die tiefsten und verborgensten
Geheimnisse ergründen können. Diese Figuren werden durch die
Constellationen und Sterne gebildet, welche für den Weisen ein Gegenstand
der Betrachtung und eine Quelle mystischer Freuden sind.[463] Wer sich auf
eine Reise begiebt und früh aufsteht, sieht, wenn er aufmerksam den Osten
betrachtet, wie diese Buchstaben am Himmel erscheinen; die einen steigen
auf, die andern gehen unter. Diese glänzenden Formen sind die Buchstaben,
durch welche Gott Himmel und Erde geschaffen hat; sie bilden seinen
geheimnißvollen und heiligen Namen.«[464]
Solche Ideen können, wenn sie nicht in einem erhabenen Sinn aufgefaßt
werden, einer ernsten Arbeit unwürdig erscheinen. Bevor wir sie aber
verurteilen, müssen wir das ganze System des Sohar betrachten, welches voll
der glänzendsten und begründetsten Aphorismen ist und sich wohl hütet,
gegen unsere intellektuellen Gewohnheiten zu verstoßen, andernfalls würden
wir der geschichtlichen Wahrheit untreu werden. Endlich ist noch zu
bemerken, daß noch eine große Anzahl ähnlicher Träumereien von dem gleichen
Prinzip ausgingen und keineswegs schwachen Köpfen entstammten. Pythagoras
und Plato sind hier zu nennen, und alle großen Repräsentanten des
Mysticismus, welche in der äußern Natur nur eine lebende Allegorie sehen,
nehmen je nach Maßgabe ihrer Intelligenz die Theorie der Zahlen und Ideen
an. Es ist dies nur eine Konsequenz ihres allgemeinen metaphysischen
Systems oder, wenn es hier gestattet ist, in der philosophischen Sprache
unserer Zeit zu reden, ein Urteil +a priori+, welches die Kabbalisten über
die Physiognomik abgaben, die ihrer Natur nach schon im Zeitalter des
Sokrates bekannt war. Sie sagen:
»Die Physiognomik besteht, wenn wir den Meistern der innern Wissenschaft
Glauben schenken dürfen, nicht in der Erkenntniß der sich äußerlich
kundgebenden Züge, sondern in der Erkenntniß jener, welche sich auf
geheimnißvolle Weise im tiefsten Grund unserer Natur abzeichnen. Die
Gesichtszüge verändern oft die Form des innern Gesichts unseres Geistes;
der Geist allein aber bringt die die Weisen kennzeichnenden Gesichtszüge
hervor; es ist der Geist, welcher ihnen den Ausdruck giebt. Wenn der Geist
oder die Seelen von Eden (so nennt man die höchste Weisheit) auswandern, so
haben sie alle eine gewisse Gestalt, welche sich später in der Physiognomie
ausprägt.«[465]
Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgen eine große Anzahl detaillierter
Beobachtungen, welche noch heut zu Tage ihre Gültigkeit besitzen. So ist
z. B. eine breite und konvexe Stirn das Zeichen eines lebhaften und tiefen
Geistes, einer auserlesenen Intelligenz. Eine breite, aber platte Stirn ist
ein Zeichen der Dummheit. Eine breite, in eine Spitze auslaufende und an
den Seiten zusammengedrückte Stirn ist ein unfehlbares Zeichen eines sehr
beschränkten Geistes, welcher jedoch mit einer maßlosen Eitelkeit verbunden
sein kann.[466] Endlich werden alle menschlichen Physiognomien in vier
Hauptklassen geteilt, welche sich je nach dem Rang, welchen die
menschlichen Seelen in der intellektuellen und moralischen Reihenfolge
einnehmen von einander entfernen oder sich einander nähern. Diese Figuren
werden durch die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel
gekennzeichnet: des Menschen, des Löwen, des Ochsen und des Adlers.[467]
Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dämonologie nichts anderes
sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in
der äußern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dämonen und
Engel hatte sich seit altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der
göttlichen Einheit entgegengesetzte lächerliche Mythologie im menschlichen
Glauben festgewurzelt. Warum also hätten sich die Kabbalisten ihrer nicht
bedienen sollen, um ihre Ideen über die Beziehungen der Gottheit zur Welt
zu verschleiern, da sie sich der Schöpfungslehre bedienten, um gerade das
Gegenteil auszudrücken, und der Schrifttexte, um sich von der Autorität der
Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen
einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mögen wenigstens einige
Wahrscheinlichkeitsgründe folgen:
Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche
des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und
höllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die
babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar
von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem
blinden Impuls angetriebene Kräfte betrachtet werden. Hier eine solche
Stelle:
»Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist.
Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm.
Dies ist mit den Worten ausgedrückt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er
die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des
Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der
Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb
steigen die Seelen der Gerechten höher, denn ihr Rang ist ein
höherer.«[468]
Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten,
bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:
»Die Gerechten stehen höher als die Engel.«[469]
Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskörper
und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die
ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.
Vor allen Dingen muß man die rein poetischen Personifikationen, über deren
Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren
Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion
entnommen sind, wie z. B. das gute und böse Verlangen, welche man unsern
Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit
(Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der
Befreiung (Padael) und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen
Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]
Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach
welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie
bilden, in der dritten Welt, welche »die Welt der Gestaltung« (Olam
Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfaßt.
Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel
Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser »die
Welt der Schöpfung« oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine
Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine
jener blinden unendlichen Kräfte, durch welche man Gott unter dem Namen
»Natur« ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern,
welche man -- zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth -- in zehn Kategorien
geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen
Teilen der Natur, in jeder Sphäre und in jedem Element, während ihr Herr im
Universum thront.
Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des
Mondes, und das gleiche findet statt bezüglich der anderen
Himmelskörper.[471] Der Engel des Feuers heißt Nuriel, der des Lichts
Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation.
Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Kräfte und alle Erscheinungen der
Natur auf dieselbe Weise repräsentiert.
Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die
bösen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen
gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mächten dieser Ordnung beilegt.
Die Dämonen sind für die Kabbalisten die gröbsten, unvollkommensten Formen,
die Hüllen der Existenz, nämlich alles das, welches die Abwesenheit des
Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel
wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die
Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den höllischen Kreisen
Dantes.[472]
Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der
Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage
zeigt, nämlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller
Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der
nämlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt
das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hölle nennt, welche
unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der
moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir
jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwäche,
in einem Dämon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt
entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verführung, der Zorn, die grobe
Unreinheit, der Dämon der stummen Gräuel, der Totschlag, der Neid, der
Götzendienst und der Stolz. Die sieben höllischen Tabernakel werden bis in
das Unendliche geteilt[473]; für jede Art der Verkehrtheit giebt es ein
besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner
ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern
Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trägt in der Kabbala den Namen Samael,
das heißt der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt,
daß der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange,
welche unsere Mutter Eva verführte, ein und dasselbe sind.[474]
Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters
und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die große Hure oder
die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] In der Regel wird sie
durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt.
Wenn man diese Theorie der Dämonen und der Engel auf die einfachste und
allgemeinste Form zurückführen will, so wird man sehen, daß die Kabbalisten
in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr
verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches
sich ausschließlich der Intelligenz enthüllt, nämlich der Geist, das Leben
oder die Form; das andere ist rein äußerlich und materiell, und dessen
Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod.
Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrücken: +Omnia,
quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.+[476]
Auf diese Weise wird die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige
Ergänzung ihrer Metaphysik und erklärt uns vollkommen die Namen, mit
welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet.
Achtes Kapitel.
Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.
Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einräumen,
empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres
Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl für die Geschichte der
Philosophie als für die der Religion. »Du bist vom Staub und wirst zu Staub
werden«, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein
Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwähnung der Seele, welche zu
Gott emporsteigt, wenn der Körper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des
Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger
Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen:
»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das
Vieh; denn es ist alles eitel.«[477]
Der Talmud drückt sich manchmal in poetischen Äußerungen über die
Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar,
sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der
göttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr
zu erniedrigen als zu adeln.[478]
»Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In
die Mitte des Staubes, der Verderbnis und der Würmer. Und vor wem wirst du
dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen
Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht über die Könige der Könige,
vor dem Heiligen, gelobt sei er.«[479]
Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest,
welche einem der ältesten und geachtetsten Häupter der talmudistischen
Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern
Sprache über unsern Ursprung, unsere zukünftige Bestimmung und unsere
Beziehungen zum göttlichen Wesen. Er sagt:
»Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der
Schöpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch
erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn
alles ist im Menschen zusammengefaßt, er vereinigt in sich alle
Formen.«[480]
Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalität der Wesen,
die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes,
betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die
göttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der
tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen
hat.[481]
Es möge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den
Menschen die kleine Welt nennt:
»Glaube nicht, daß der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei.
Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele,
und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen,
die Adern, sind für uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht
der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn
bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Körpers
übereinstimmend mit den Geheimnissen der höchsten Weisheit. Die Haut
entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge
wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der üblen Seite des
Universum, die wir weiter oben das rein äußerliche und sinnliche Element
genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die
innerlichen Kräfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid.
Denn im Innern ist das Geheimniß des himmlischen Menschen verborgen. Also
steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf
als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, daß Gott den
Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das
Weltall einschließt, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten
gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse
ankündigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Körper umgiebt,
Formen und Züge, welche als die Planeten und Sterne unseres Körpers zu
betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Weisen, welche im Gesicht des
Menschen lesen können.«[482]
Allein durch die Gewalt seiner äußern Gestalt, durch den Reflex der
Intelligenz und der über seine Züge ausgegossenen Größe macht der Mensch
die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur
Verteidigung gegen die Wut der Löwen sandte, ist nach dem Sohar nichts
anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein
reiner Mensch ausübt. Aber er fügt hinzu, daß dieser Vorzug sogleich
verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Sünde und das Vergessen
seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht länger bei diesem Punkt
verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die
Theorie von der Natur gehört.
An sich selbst betrachtet, das heißt, unter dem Gesichtspunkt der Seele und
verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns
das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine
dreifache Natur vollkommen die höchste Trinität ins Gedächtnis zurück. Er
ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt:
1. Aus dem Geist, $Neshama$, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz
repräsentiert; 2., aus der Seele, $Ruach$, welche das Behältnis des Guten
und Bösen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der
moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem gröberen Geist, $Nefesh$,
welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Körper steht und direkt das
verursacht, was der Text »die untern Bewegungen«, d. h. die Handlungen und
Instinkte des tierischen Lebens verursacht.
Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei
Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes,
sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt,
dessen sich schon das Buch der Schöpfung hinsichtlich der göttlichen
Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen
gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur
Wiedergabe:
»In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden
wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei
bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden
ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb
mit dem Körper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren
er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklären: 'Es
bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.'
Das Haus ist der zu ernährende Körper, und die Knechte sind die Glieder,
welche ihm gehorchen. Über das sinnliche Leben erhebt sich die Seele,
welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die
Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der
Seele. Über die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles
beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch
dieses Licht erleuchtet, und alles hängt vollkommen vom Geist ab. Nach dem
Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geöffnet, als
bis der Geist zu seiner Quelle, dem Ältesten der Alten, zurückgekehrt ist,
um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfüllt zu werden, denn alles kehrt zu
seiner Quelle zurück.«[485]
Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in
einem verschiedenen Grad der göttlichen Wesenheit. Die höchste Weisheit,
welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung
des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut,
welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nämlich von der
Schönheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie über diese
Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Stärke, welche im
Reich zusammengefaßt sind.
Außer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz
außerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf
zurückkommen werden. Es ist die äußere Form des Menschen, aufgefaßt als
eine vom Körper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Körpers
mit den persönlichen Zügen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese
Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der
Empfängnis.
»In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen
Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der Ähnlichkeit des
Menschen, welche den Abdruck des göttlichen Siegels trägt. Diese Form hilft
bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen könnte, was
dabei vorgeht, so würde man über seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht
vollkommen ähnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem
wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und
nicht über unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es
steht geschrieben: 'Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.' Dieses
Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn
wir wachsen, und verläßt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im
Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen,
erscheint jede Seele vor dem höchsten König, bekleidet mit einer erhabenen
Form, in welche die Züge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen
soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es
kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und
erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfängniß; es ist
beständig gegenwärtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.«[486]
Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip
genannt.
Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische
Psychologie ein fünftes Prinzip eingeführt, welches seinen Sitz im Herzen
hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente
vorsteht und sich gänzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom
sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen
Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese
Meinung gründet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt
wird, daß jede Nacht während unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel
hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und daß in
diesem Augenblick der Körper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch
beseelt wird.[487]
Aber diese beiden letzteren Elemente zählen nichts in unserer geistigen
Existenz, welche völlig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele
aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen
Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde
gekettet werden, so wird sie nur als ein Übel angesehen.
Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker
für einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber für ein
Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist
es eine Notwendigkeit für die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur
zusammenhängende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das
Schauspiel der Schöpfung zu betrachten, und das Bewußtsein ihrer selbst und
ihres Ursprungs zu erhalten, und zurückzukehren ohne sich vollkommen mit
der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche
man den göttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall würde der Geist nicht
hernieder steigen können, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien,
ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das
menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaßen eine Art Versöhnung
zwischen den beiden äußersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit
betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem
Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem König und der Königin. Es
mögen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar
geschilderten Konsequenzen folgen:
»Die Seelen der Gerechten sind über alle Mächte und Diener des Himmels
erhöht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die
Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich
darauf: Es ist das Beispiel eines Königs, welchem ein Sohn geboren wird,
welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernährt und erzogen werde,
bis daß er groß geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters
herrschenden Gebräuchen. Wenn man nun dem König meldet, daß die Erziehung
seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun?
Er läßt, um seine Rückkehr zu feiern, die Königin, seine Mutter, holen, er
führt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der
Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Königin; dieser
Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das
heißt in diese Welt, um hier groß und eingeführt zu werden in die
Gebräuche, welche man im Palast des Königs befolgt. Wenn es nun zur
Kenntniß des Königs kommt, daß sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen
ist, ihn bei sich einzuführen, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm
thun? Er läßt ihm zu Ehren die Königin holen und den Sohn in seinen Palast
eintreten. So verläßt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Königin
sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Königs einzuführen, wo
sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu
weinen, wenn der Sohn des Königs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein
hellsehender Mann zugegen wäre, so würde er zu ihnen sagen: Warum weint
ihr? Ist es nicht der Sohn des Königs? Ist es nicht recht, daß er euch
verläßt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses,
welcher die Wahrheit wußte und sah, daß die Landbewohner, das heißt die
Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid Kinder des
Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren
über den Augen über einem Todten.[488] -- Wenn alle Gerechte diese Dinge
wüßten, so würden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt
verlassen müssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Königin,
die Schechinah oder die göttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt,
damit sie in den Palast des Königs aufgenommen werden und seine Wonnen
schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.«[489]
Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur
und der menschlichen Seele bestehen, die nämliche Form der Trinität,
welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel größere
logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der
religiösen Ideen noch erwarten sollte.
Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das
Bild Gottes; sie schließt auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden
Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer
Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinität, welche das Resultat oder der
vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das
Resultat eines männlichen und weiblichen Prinzips. Dies mußte sein, damit
daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung
findet sowohl hinsichtlich des Körpers, als auch der Seele, in ihrer
höchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt:
»Jede Form, in welcher man nicht ein männliches und ein weibliches Prinzip
findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er,
schlägt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien
vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strömt
der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und
nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst
der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche
zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.«[490]
Die Seele war ursprünglich so eng mit der höchsten Intelligenz verbunden,
daß beide Hälften des menschlichen Wesens, in welchem alle Elemente
unserer geistigen Natur zusammengefaßt sind, sich unter einander vereinigt
befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich
selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoße der Gottheit zu vereinigen.
Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrückt als in folgendem Fragment:
»Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem
Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen
vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hälften
und beseelen verschiedene Körper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist,
vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister
kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen
Körper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den
Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein
war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche
vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.«[491]
Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in
der alten Tradition der Hebräer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser
Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die
Bemerkung gestatten, daß diese Frage hier präokkupiert erscheint, daß aber
der Grundsatz, nach welchem sie gelöst wird, nicht unwürdig eines so großen
metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen
Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen
sind, so sind sie hinsichtlich der natürlichen Richtung ihrer Fähigkeiten
vollkommen ähnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, daß
die Trennung der Geschlechter nicht weniger für die Seelen als für die
Körper Geltung besitzt.
Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma
der Präexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau
mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit
völliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat.
Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des Übersetzers beizubehalten:
»In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum
schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwärtig. Er
schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehören sollten.
Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den
menschlichen Körpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der
andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben würden.
Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen
gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und
belebe diesen oder jenen Körper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des
Weltalls, ich bin glücklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich
wünsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung
ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag,
an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als
auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit
Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.«[492]
Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrückt in folgender Stelle:
»Insofern vor der Schöpfung alle Dinge im göttlichen Gedanken gegenwärtig
waren in den ihnen eigenthümlichen Formen, existirten alle menschlichen
Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in
der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde
herabstiegen, wußten dies, bevor sie hier ankamen.«[493]
Man wird leicht mit uns einsehen, daß ein Prinzip von solcher Wichtigkeit
nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der
Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel
kategorischere Weise gebildet sein müssen.
Wir müssen uns jedoch hüten, die Lehre von der Präexistenz mit derjenigen
der moralischen Prädestination zu verwechseln. Mit dieser wird die
menschliche Freiheit vollkommen unmöglich; mit jener ist sie nur ein
Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und das biblische Dogma von der
Schöpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lüften, als der Glaube
an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird förmlich im Sohar anerkannt:
»Simon ben Jochai sagte zu seinen Schülern: Wenn der Herr, gelobt sei er,
in uns nicht das gute und böse Verlangen gelegt hätte, welches uns die
heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterniß darstellt,
so würde für den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum
ist diesem also? fragten seine Schüler. Wäre es nicht besser, wenn für ihn
weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sündigen und
Böses thun könnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, daß der
Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige
geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das
Gesetz der Schöpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit.
Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz würde die göttliche Gegenwart
gewesen sein wie ein Armer, der seine Blöße nicht bedecken kann.«[494]
Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten
und Bösen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann,
eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen
vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, daß Gott die
Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der
Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung
abhängig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier möge
folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mißbrauchen:
»Alle diejenigen, welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel
angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie
haben sich in den Abgrund gestürzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit
zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns
beschaffen.«[495]
Dies ist hinlänglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der
Seele zu verbinden und dem Menschen die Möglichkeit der Verbesserung seiner
Fehler zu lassen, ohne ihn für immer aus dem Schoße der Gottheit zu
verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagoräische Dogma der
Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen müssen, wie
alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurückkehren, von
welcher sie ausgegangen sind. Darum müssen aber alle Fähigkeiten der
Vervollkommnungen, deren unzerstörbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt
werden; sie müssen durch eine Menge von Proben das Bewußtsein ihrer selbst
und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem
früheren Leben erfüllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein
drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schließlich darauf an, daß
die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen früher gefehlt
traben. Dieses Exil hört auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, daß
es ewig dauere. Der Text sagt:
»Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und
die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der
Allerhöchste mit ihnen einschlägt. Sie wissen nicht, daß sie für alle
Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie
dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und
geheimnisvolle Proben sie durchmachen müssen, wieviel Seelen und Geister
auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen
Königs zurückkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum
Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen müssen. Die Zeit
ist endlich gekommen, daß diese Geheimnisse enthüllt würden.«[496]
Auf diese Worte, welche so vollständig mit der Metaphysik des Sohar im
Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die höchste poetische
Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem
unsterblichen Werk gesammelt hätte, die aber keinerlei Interesse für die
Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden
System hinzufügen. Wir bemerken hier nur, daß die Seelenwanderung, wenn wir
dem heiligen Hieronymus Glauben schenken dürfen, unter den ersten Christen
lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf war,
welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: »+abscondite
quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in
paucis.+« Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel
zur Erklärung gewisser biblischer Erzählungen, wie zum Beispiel des Kampfes
von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er
sich noch im Mutterschoß befand, und einer Menge anderer Erzählungen,
welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen würden, wenn sie nicht durch
gute oder böse Handlungen in einem früheren Leben gerechtfertigt würden. Um
nun schließlich keinerlei Zweifel über den Ursprung dieses Glaubens
aufkommen zu lassen, trägt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, daß
es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz
verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt.
Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, daß die göttliche Gnade uns in
der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels
darbietet. Sie geben an, daß, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, -- jede für
sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, Gott sie beide in einem
einzigen Körper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere
ergänze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen
die Ergänzung einer Tugend nötig, welche in der andern besser und stärker
entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaßen die Mutter der ersteren;
sie trägt dieselbe alsdann in ihrem Schoß und ernährt sie wie die Mutter
ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte »Trächtigkeit« oder
»Schwangerschaft«, mit welchen diese merkwürdige Verbindung bezeichnet
wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen
wir hier diese Träumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns
weiter an den Text des Sohar.
Wir wissen bereits, daß die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit
stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir
sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen
wollen: diese Verbindung, aus welcher für den Schöpfer sowohl als für das
Geschöpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine
natürliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst
begründet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches
System erklären, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus
entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen
Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht,
das nie die Erde verläßt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung
der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens
und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte
und reflektierte Licht, oder das innere und äußere Gesicht; dieses sind die
Ausdrücke, welche gewöhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren
angewendet werden. Der Text sagt:
»Das innere Gesicht empfängt sein Licht von der höchsten Flamme, welche in
Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimniß nie entschleiert werden wird, es ist
innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch
erhaben, weil es von oben kommt. Das äußere Gesicht ist nur ein Reflex
dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.«[498]
Als Gott zu Moses sagte, daß er ihn nie von Angesicht, sondern nur von
hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an,
welche außerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher
die Erkenntnis des Guten und Bösen giebt. Es ist mit einem Wort das, was
wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht,
vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr
bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:
»Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe geführt. Ohne Zweifel ist der
Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe
angekommen, und ihm gebührt schon in Folge seiner Heiligkeit das zukünftige
Leben; aber man darf nicht glauben, daß Gott aus Furcht dienen, Gott nicht
dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen
Gott, daß die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger
fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine über
die Furcht erhabene Stufe, nämlich die Liebe. In der Liebe ist das
Geheimniß der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern
Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche
alles Seiende auf die höchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise
vereinigt werden muß. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Höre,
Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.«[499]
Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem höchsten Grad der
Vollkommenheit angelangt sind, daß der Geist weder Reflexion noch Furcht
mehr kennt, daß vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene
glückliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne
Interesse, ohne Handlung, ohne Rückkehr zu sich selbst kann sie sich nicht
mehr von der göttlichen Wesenheit trennen. Hier möge folgen, wie sie sich
zunächst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:
»Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den
Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glänzenden Lichtes,
dessen Herd im höchsten Himmel ist: und so groß ist der von ihm ausgehende
Glanz, daß ihn die Seelen nicht würden ertragen können, wenn sie nicht mit
einer Lichthülle bekleidet wären. Dank dieser Hülle können sie Angesichts
dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens
verklärt. Moses selbst konnte sich ihm nur nähern, um ihn zu betrachten,
nachdem er seine irdische Hülle abgelegt hatte.«[500]
Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele
vereinigt, so müssen wir die Worte jenes Greises hören, welchen der Sohar
nächst Simon ben Jochai die größte Rolle spielen läßt:
»In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast,
welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten
Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen König geliebten Seelen
versammelt; in ihm wohnt der himmlische König, der Heilige, gelobt sei er,
mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Küsse der
Liebe.«[501]
Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Kuß Gottes genannt. Der
Text sagt ausdrücklich:
»Dieser Kuß ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie
entsprungen ist.«[502]
Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des
Mysticismus den zärtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrücken des
Hohenliedes eine so große Verehrung entgegen bringen.
»Mein Geliebter gehört mir, und ich gehöre meinem Geliebten«, sagte Simon
ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden,
daß dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons über die mystische
Theologie schließt. Ungeachtet der Überraschung, welche der eben genannte
berühmte Name und der große Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar
hervorrufen könnte, würden wir keine Mühe haben, darzulegen, daß in den
»Betrachtungen über die mystische Theologie« und in der »Auseinandersetzung
der Grundsätze der Heiligen« es unmöglich ist, etwas anderes zu finden, als
diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzüge wir darlegten.
Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt
wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche
man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste
der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der höchsten
Seele vereinigen und einander ergänzen. Hier kehrt alles zur Einheit und
Vollkommenheit zurück; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken,
welcher sich über das Weltall ausdehnt und dasselbe völlig erfüllt. Aber
der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie
verlöscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm
ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr
vom Schöpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie,
derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend
und dem Weltall, und was sie befiehlt führt Gott aus.[503]
Es bleibt uns noch zum Beschluß dieser Untersuchung übrig, mit wenig
Worten die Meinung der Kabbalisten über ein traditionelles Dogma kennen zu
lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt,
das aber für die Religionsgeschichte von der höchsten Wichtigkeit ist. Der
Sohar erwähnt öfter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam
unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, daß
Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich,
seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall
war er von größerer Schönheit und Stärke als die Engel. Wenn er einen
Körper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte
keine Bedürfnisse und sinnliche Wünsche. Er wurde durch die höchste
Weisheit verklärt, durch diejenige der Boten Gottes von der höchsten
Ordnung, welche ihn später aus dem Paradies vertreiben mußten. Man kann
jedoch nicht sagen, daß dieses Dogma das nämliche sei, wie das vom
Sündenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die
Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine
menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches Übel, um eine schreckliche
Strafe, welche sich sowohl über die Zukunft als über die Gegenwart
erstreckt. Der Text sagt:
»Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung
dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des
Weltalls genannt.«[504]
Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den größten
Wohlthäter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschützt uns
gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, daß die Gerechten die
erhabenen Schätze erben, welche ihnen für das zukünftige Leben vorbehalten
sind.[505] Schließlich ist dieser alte, in der Genesis so positiv
ausgedrückte Glaube an den Sündenfall des Menschen in der Kabbala mit
großer Geschicklichkeit als eine natürliche Thatsache, als eine Schöpfung
der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaßen erklärt wird:
»Bevor Adam gesündigt hatte, wußte er noch nicht, daß die Weisheit des
Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt.
Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und
in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verführt, er erkannte das
Böse und vergaß das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er
dieses gethan hatte, hörte er eine Stimme von oben; er besaß noch die
höhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem
Fall hörte er die Stimme nicht mehr.«[506]
Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten,
wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen
der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers
befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie
also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine
Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den
Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter
welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und
wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid
von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu
bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der
Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und
Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von
Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt
wird:
»Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im
Himmel mit einer Hülle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem
Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der
Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift,
machte für Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie
Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche
der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern
Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglänzt. Es ist dasjenige, welches
ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen,
dessen Name gelobt sei, erscheinen muß. Dank diesem Kleid kann er die
Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im
Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die
Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid für jede
der beiden Welten, welche sie bewohnen muß, eines für die irdische und das
andere für die obere Welt.«
Andererseits wissen wir schon, daß der Tod, welcher nichts anderes ist als
die Sünde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines
Übel ist. Er existiert nicht für den Gerechten, welcher sich mit Gott durch
einen Kuß der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bösen, welcher in
dieser Welt alle seine Hoffnungen zurückläßt. Das Dogma vom Sündenfall wird
auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen,
welcher glaubt, daß alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur
eine und dieselbe Seele bildeten, sämtlich gleich strafbar für den ersten
Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so
erniedrigt seit dem Beginn der Schöpfung darstellt, spricht er ihnen die
Fähigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle
Gebote Gottes ausführen kann. Über die Verpflichtung, sich diesem niedern
Zustand zu entreißen und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes
auszuführen, schreibt das Gesetz vor: »Glaubt und vermehrt euch.« Hieraus
rührt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben
reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist,
wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen
Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur
Vervollkommnung, wozu sie das Bedürfnis und den Keim in sich trägt.
Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil über das große, jetzt von uns
dargestellte System auszusprechen; denn wir könnten dies nicht thun, ohne
daß wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und
religiösen Dogmen legen müßten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist.
Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber
wir haben wenigstens die Überzeugung, daß, ungeachtet der zahllosen
Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, ungeachtet der
kindischen Träumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang
unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht über uns zu beklagen
haben wird.
Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum übersehen
wollen, so finden wir, daß sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des
Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:
1. Indem sie alle Erzählungen und Worte der Schrift als Symbole auffaßt,
will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflößen; sie setzt die
Vernunft an die Stelle der Autorität und läßt die Philosophie in unserer
eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.
2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen
Schöpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthätigkeit
verharren mußte, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus
unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente
Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefüllt
wird, und für welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein
und sich selbst Enthüllen.
3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt,
welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurückzukehren,
erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die göttliche Substanz
nach den unveränderlichen Gesetzen des Denkens enthüllt und offenbart. Alle
existierten ursprünglich in der höchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie
sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden
Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.
4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste,
unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient
als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn
in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begränzte anfänglich in der
absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue
verbinden muß, damit sie für die noch möglichen Entwickelungen vorbereitet
sei. Aber man muß die absolute und universelle Form des Menschen von der
der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe
der ersteren ist. Die erstere, gewöhnlich der himmlische Mensch genannt,
ist durchaus untrennbar von der göttlichen Natur und deren erste
Offenbarung.
Anhang.