»Er gehört zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Männer

leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit

dem »Buch des Lichtes« beschäftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus

einer Stadt und sieben aus einem Königreich in sich vereinigt. Aber

manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer

Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen

Fluß geworfen werden. Dieser Fluß aber ist das Licht dieses Buches.«[384]

Diese Worte erwähnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits

geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also

zu dem Schluß gezwungen, daß der Sohar während des Verlaufs mehrerer

Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten

entstand.

Es möge hier nicht in wörtlicher Übersetzung, die zu viel Raum beanspruchen

würde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle

Stelle folgen, welche beweist, daß die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit

nach seinem Tod in Palästina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf

waren, und daß sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu

sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen

unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]:

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er

auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das

Vieh.« Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, daß Salomo, der weiseste

der Menschen, diese Worte geschrieben hätte, welche, um mich des

Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thür für die Ungläubigen bilden.

Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher -- von den

Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschöpft -- zu trinken

begehrte. Sie gaben ihm Wasser und führten ihn zu einer Quelle. Als sich

der Fremde gelabt hatte, teilte er ihnen mit, daß er ihr Glaubensgenosse

sei, und daß er durch die Vermittelung eines seiner Söhne, der das Gesetz

studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten

sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschäftigt

hatten. Für den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er

sie auflöste, überflüssig; es genüge, daß er großen Beifall fand, und die

Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die

beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu überzeugen, daß dieser Mann den

»Freunden« angehörte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala

bezeichnet, und daß er, obschon einer der größten Gelehrten seiner Zeit,

aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen ließ, welche ihm allein gebührten.

Er war von den »Freunden« zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprüche

des Simon ben Jochai und seiner Schüler zu sammeln. -- Alle andern in

diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf

dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwähnen, daß auch oft andere

orientalische Glaubenssätze, wie solche des Sabäismus und Islam erwähnt

werden, daß sich aber nicht die geringste Erwähnung des Christentums

findet, und es somit wahrscheinlich wird, daß der Sohar in der gegenwärtig

vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam.

Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah

beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, daß

vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem

heiligen Land, kein vollständiges Exemplar desselben nach Europa gekommen

ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai

selbst, daß derselbe nicht ihm entstammt, sondern daß er seinen Schülern

nur lehrte, was die »Freunde« in alten Büchern niedergeschrieben hatten. Er

citiert hauptsächlich Jeba den Älteren und Hamnuna den Älteren. Er hofft,

daß in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthüllen

will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhören

werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, daß diese Bücher und Personen

in der That ein so hohes Alter repräsentieren, sondern will nur darthun,

daß die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder

der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten.

Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere größte Aufmerksamkeit. Es gab

nämlich noch über hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in

Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mündliche

Tradition überlieferten und überliefert erhalten hatten, wie z. B. Rabbi

Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 über die Kabbala und die

Vorsichtsmaßregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaßen äußert:

»Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die

Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trägt ihren

Namen, nicht weil sie von Vernunftschlüssen ausgeht, sondern weil sie durch

die Tradition überliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem

Schüler überliefert hat und nicht das genügende Vertrauen in dessen

Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft

zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist.

Dieses Recht wird ihm gewährt, d. h. er darf über die Merkaba sprechen,

wenn er genügende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in

seinen Busen gestreuten Samenkörner Frucht getragen haben. Man muß ihm aber

Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen

erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehört, die sich durch ihre

Meditationen auszeichnen.«

Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch

nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite

nennt er aber eine große Anzahl sehr alter dem Orient angehöriger

Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt

der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, daß er seine

Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist,

daß er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses

von Leon veröffentlichten Manuskripten geschöpft habe. Das System des Simon

ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berühmteste

Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer

Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen

niederschrieben, während die andern nach dem Brauch ihrer Väter vorzogen,

es in ihrem Gedächtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die

Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert

entstammen, ohne daß wir jedoch dadurch genötigt würden, die Abfassung des

Sohars in jene Zeit zurückzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die

einander so ähnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen,

denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d. h. den

Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschäftigt;

und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorläufer. Wir können

unmöglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit

verlegen, da kein einziger Umstand dafür spricht; im Gegenteil stehen den

der unsern entgegengesetzten Meinungen unüberwindliche Hindernisse

entgegen, unter welchen die von uns angeführten Gründe nicht die geringsten

sein dürften.

Es bleiben nun noch zwei Einwürfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, daß

man während eines so frühen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das

Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmöglich das

Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben

könne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle

hervorgeht. Wir entgegnen darauf, daß auf alle Fälle, selbst wenn der Sohar

eine am Schluß des 13. Jahrhunderts begangene Fälschung wäre, die

betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des großen preußischen

Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im

klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagoräischen

Schule zuschreibt. Er sagt[386]:

»Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen

an, daß sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die

Philosophen der italischen Schule oder die Pythagoräer lehren gerade das

Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die

Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor.«

Die ersten Kirchenväter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische

Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu

müssen geglaubt, und Lactanz sagt über dieselbe:

»+Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita,

aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum

versus crescere. -- Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod

existimarint rotundum esse mundum.+«[387]

Der heilige Augustin drückt sich über denselben Gegenstand mit ähnlichen

Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ältesten Autoren der Gemara

Kenntnis von den Antipoden und der sphärischen Form der Erde, denn man

liest im jerusalemitischen Talmud[389], daß Alexander der Große auf seinem

Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und daß sie recht gut mit

einem Ball verglichen werden könne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand

spricht also thatsächlich für uns, denn im Mittelalter war das wahre

Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, während das falsche des Ptolemäus

unbeschränkt herrschte.

Man könnte sich auch darüber wundern, daß in dem von uns für den ältesten

gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder großen Versammlung,

medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen

Civilisation anzugehören scheinen. Hier findet sich z. B. folgende

bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie

entnommen sein könnte[390]:

»Das Hirn inmitten des Schädels wird in drei Theile getheilt, deren jeder

einen gesonderten Platz einnimmt. Zu äußerst ist es mit einer sehr zarten

Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei

Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreißig Kanäle auf beiden Seiten

durch den ganzen Körper, so daß sie den Körper in allen Punkten umfassen

und sich durch alle Theile erstrecken.«

Es ist unmöglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhäute mit der

Marksubstanz als die zweiunddreißig Nervenpaare zu verkennen, welche sich

symmetrisch durch den Körper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt

Leben und Empfindung zuzuführen. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß der

religiöse Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu

genießen, die Juden schon sehr früh zum Studium der Naturgeschichte und

Anatomie führen mußte. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, daß der Genuß

des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhäute durchbohrt

sind. Jedoch sind die Meinungen über diese Vorschrift geteilt. Einige

nehmen an, daß das Verbot nur dann gelte, wenn beide Häute, andere dagegen,

wenn nur die +dura mater+ verletzt sei. Wieder andern genügt schon eine

Trennung des Zusammenhangs der beiden Häute.[391] In demselben Traktat ist

auch vom Rückenmark und seinen Häuten die Rede, wozu bemerkt sei, daß es um

die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits Ärzte von Beruf

gab, denn im Talmud wird erzählt[392], daß Judas, der Verfasser der

Mischna, während dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und daß sein

Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war,

welcher außer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik

betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, daß er die Bahnen des Himmels

gleich den Straßen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte.

Wir beenden hiermit die bibliographischen Bemerkungen und die äußere

Geschichte der Kabbala, deren Bücher nicht, wie die Enthusiasten wollen,

übernatürlichen und vorgeschichtlichen Ursprungs sind. Sie sind aber auch

nicht, wie eine oberflächliche und parteiische Kritik will, die Erzeugnisse

des Betrugs und der schmutzigen Spekulation eines vom Hunger getriebenen

Charlatans, welcher ohne eigene Idee und Überzeugung auf eine stupide

Gläubigkeit rechnet. Die Bücher Jezirah und Sohar sind, wir sagen es noch

einmal, die Erzeugnisse mehrerer Generationen. Sei nun auch der Wert ihrer

Lehren, welcher er wolle, so verdienen sie doch als Monumente des freien

Denkens zu einer Zeit, wo der religiöse Despotismus mit bleiernem Druck auf

den Völkern lastete, alle Ehrfurcht. Aber das ist nicht der Hauptgrund

unseres Interesses, sondern der Umstand, daß ihr System einen der

wichtigsten Marksteine in der Geschichte des menschlichen Denkens bildet.

Viertes Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bücher. -- Analyse des Sepher Jezirah.

Die beiden Bücher, welche wir ungeachtet des Aberglaubens auf der einen und

des Skepticismus auf der andern Seite als wahre Monumente der Kabbala

erkannt haben, sollen uns allein das Material zu unserer Darstellung der

kabbalistischen Lehren liefern, wobei es jedoch nicht selten die Dunkelheit

der Texte nötig machen wird, daß wir uns der Kommentare bedienen, denn die

zahllosen, ohne Auswahl und Unterschied zu den verschiedensten Zeiten

zusammengestellten Fragmente, aus denen diese Bücher bestehen, sind weit

davon entfernt, einen einheitlichen Charakter zur Schau zu tragen. Einige

von ihnen enthalten nichts als ein mythologisches System, dessen

wesentliche Elemente sich bereits im Buche Hiob und den Visionen des

Jesaias finden; sie belehren uns mit der größten Ausführlichkeit über die

Attribute der Engel und Dämonen und entsprechen zu sehr uralten

volkstümlichen Anschauungen, um einer Wissenschaft anzugehören, welche seit

ihrem Entstehen als ein schreckliches und unverletzbares Geheimnis galt.

Andere und zweifelsohne die am spätesten entstandenen enthalten so

knechtische Ideen und einen so ausgesprochenen Pharisäismus, daß man in

ihnen nur talmudistische Ideen sehen kann, welche Stolz und Unwissenheit

mit den Anschauungen jener berühmten Sekte vermischte, mit deren bloßen

Namen schon eine wahre Götzendienerei getrieben wurde. Die bei weitem

meisten Fragmente jedoch lehren uns den wahren Glauben der alten

Kabbalisten, und sie bilden die Quelle, aus welcher -- mehr oder weniger

von der Philosophie ihrer Zeit beeinflußt -- bis auf die Gegenwart deren

Schüler und Nachfolger geschöpft haben. Wir bemerken jedoch, daß unsere

eben aufgestellte Klassifikation nur den Sohar angeht. Was dagegen das

»Buch der Schöpfung« betrifft, so ist dasselbe, obschon es keinen großen

Umfang besitzt und unsern Geist nicht zu schwindelnden Höhen emporhebt,

doch von einer durchaus gleichmäßigen Komposition und einer seltenen

Originalität. Die Wolken, mit denen dasselbe die Imagination seiner

Kommentatoren umgeben zu müssen geglaubt hat, werden sich ganz von selbst

zerstreuen, wenn wir, anstatt in ihm die Geheimnisse einer

unaussprechlichen Weisheit zu suchen, nichts anderes darin zu finden hoffen

als die Anstrengungen, welche die Vernunft im Augenblick ihres Erwachens

macht, um den Plan des Universum und das Band zu erkennen, welches ein

gemeinsames Grundprinzip mit den Elementen verbindet und vereinigt.

Die Bibel und jedes andere religiöse Denkmal stützt sich nur auf die

Gottesidee und macht sich zum Interpreten des göttlichen Willens und

Gedankens, wenn sie uns die Welt und die sich auf derselben abspielenden

Vorgänge zu erklären versucht. Dies geschieht in der Genesis, wo wir auf

den göttlichen Befehl hin das Licht aus der Finsternis hervorbrechen sehen.

Als Jehova aus dem Chaos Himmel und Erde geschaffen hatte, betrachtete er

sein Werk und fand es seiner würdig; darum heftete er zur Erleuchtung der

Erde dem Firmament die Sonne, den Mond und die Sterne an. Dann bläst er dem

Staub einen lebenden Odem ein und läßt aus seinen Händen das letzte und

schönste der Geschöpfe hervorgehen, welches er nach seinem Bilde geschaffen

hatte. In dem Werk dagegen, das wir jetzt analysieren wollen, wird gerade

der umgekehrte Weg eingeschlagen, und gerade das erste Vorkommen dieses

Unterschiedes ist für die Geschichte des jüdischen Volkes sehr bezeichnend,

denn auf diese Weise erhebt es sich durch die Betrachtung der Welt zur

Gottesidee, indem durch die das Weltall durchziehende Einheit gleichzeitig

die Einheit und Weisheit des Schöpfers dargethan wird. Dies ist der Grund,

weshalb unser Buch eigentlich nichts anderes als ein dem Erzvater Abraham

in den Mund gelegter Monolog ist, dem Betrachtungen untergeschoben werden,

welche den Kultus der Gestirne durch den des Ewigen ersetzen sollen. Daß

der von uns gekennzeichnete Charakter des Sepher Jezirah sich mit voller

Evidenz ergiebt, geht schon aus einer sehr markanten Stelle eines

Schriftstellers des zwölften Jahrhunderts hervor. Rabbi Jehuda Halevi sagt

nämlich:

»Das Buch Jezirah lehrt uns das Dasein eines einzigen Gottes, indem es uns

in der Verschiedenheit und Vielheit die Gegenwart der Einheit und Harmonie

zeigt, welche Übereinstimmung nur von einem einzigen Anordner herrühren

kann.«

Bisher entspricht das Buch Jezirah völlig den Ansprüchen der Vernunft; aber

weiterhin macht es, anstatt die im Universum herrschenden Gesetze zu

ergründen, um aus ihnen die Weisheit und den Plan des Schöpfers darzulegen,

Anstrengungen, um eine grobe Analogie zwischen den Dingen und Zeichen des

göttlichen Gedankens und den Mitteln, durch welche sich die göttliche

Weisheit den Menschen kundgiebt, aufzusuchen. Wir müssen jedoch, ehe wir

weiter gehen, bemerken, daß der Mysticismus aller Zeiten und

Erscheinungsformen ein übertriebenes Gewicht darauf gelegt hat, daß er eine

freie Offenbarung der göttlichen Intelligenz, und daß die heilige Schrift

kein menschliches Erzeugnis, sondern ein Geschenk der Offenbarung sei.

Das Buch Jezirah sucht dies durch die zweiundzwanzig Buchstaben des

hebräischen Alphabets darzuthun, dessen ersten zehn Buchstaben, indem sie

ihren eigenen Wert behalten, den Ausdruck der übrigen bilden. Unter einem

Gesichtspunkt vereinigt, bilden diese beiden Klassen von Zeichen die

»zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit«, durch welche, wie der Text

sagt, der Ewige, der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels, der lebendige

Gott, der König des Weltalls, der Gott der Barmherzigkeit und Gnade, der

höchste Gott, welcher in Ewigkeit herrscht, der über alles Erhabene und

Allerheiligste seinen Namen gegründet hat.

Mit diesen zweiunddreißig Wegen der Weisheit darf man nicht die auf ganz

andere Dinge bezüglichen Haarspaltereien der neueren Kabbalisten

verwechseln; man muß im Gegenteil drei Formen annehmen, die sich --

allerdings in einem dem Zweifel unterworfenen Sinn -- an drei Ausdrücke

anpassen, welche jedoch -- wenigstens ihrem grammatikalischen Ursprung nach

-- eine große Ähnlichkeit mit dem haben, was die griechische Philosophie

das Subjekt, das Objekt und den Akt des Denkens nennt. Wir haben oben

dargelegt, daß diese Worte nicht im Text enthalten sind; jedoch dürfen wir

nicht verschweigen, daß ein angesehener spanischer Schriftsteller[393]

diesen Sinn in einer den Gesetzen der Etymologie nicht widersprechenden

Weise im Jezirah zu finden glaubt. Er sagt:

»Durch den ersten dieser drei Ausdrücke (+Sephar+) will man die Zahlen

bezeichnen, welche uns allein in den Stand setzen, die Dispositionen und

Proportionen abzuschätzen, welche jeder Gegenstand nöthig hat, um das Ziel

und den Zweck zu erreichen, zu welchem er geschaffen ist; das Maß seiner

Länge, seines Inhalts, seines Gewichtes, seiner Bewegung und Harmonie:

alles ist durch die Zahl geregelt. Der zweite Ausdruck (+Sipur+) bedeutet

das Wort oder die Stimme, weil durch das göttliche Wort oder die Stimme des

lebendigen Gottes alle Wesen in ihrer innern und äußern Form geschaffen

sind, und worauf die Worte anspielen: 'Gott sprach: es werde Licht, und es

ward Licht.' Der dritte Ausdruck endlich (+Sepher+) bedeutet die Schrift;

die Schrift Gottes oder das Werk der Schöpfung; das Wort Gottes ist seine

Schrift, und der Gedanke Gottes sein Wort. So sind bei Gott Gedanke, Wort

und Schrift Eins, während sie beim Menschen Drei sind.«

Diese Erklärung charakterisiert und veredelt sehr schön das bizarre System,

welche den Gedanken mit allgemeinen Symbolen zusammenwirft, um ihn

gewissermaßen in der Gesamtheit und Vielheit der Schöpfung sichtbar zu

machen.

Unter dem Namen der Sephiroth, welche in der Kabbala eine so große Rolle

spielen und im Buche Jezirah zuerst genannt werden, versteht man die zehn

abstrakten Zahlen oder Numerationen. Sie repräsentieren die allgemeinen und

essentiellen Formen der Dinge oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, der

Kategorien des Weltalls, denn wenn man nach der Kabbala -- von welchem

Gesichtspunkt aus es auch sei -- die ersten Elemente oder unverletzlichen

Grundlagen der Welt sucht, so begegnet man stets der Zahl Zehn.

»Es giebt zehn Sephiroth, heißt es im Buche Raziel, zehn und nicht neun,

zehn und nicht elf. Du mußt sie mit deinem Verstand und deiner Einsicht zu

begreifen suchen und an ihnen beständig deine Forschung, deine Spekulation,

dein Wissen, dein Denken und deine Imagination üben. Laß die Dinge auf

ihrem Urgrund beruhen und halte den Schöpfer für denselben.«

Mit andern Worten: das Walten Gottes und die Existenz der Welt erscheinen

in den Augen des Verstandes unter der abstrakten Gestalt von zehn Zahlen,

deren jede etwas Unendliches repräsentiert, sei es bezüglich der

Ausdehnung, der Dauer oder irgend welcher andern Eigenschaft. Dies scheint

wenigstens der Sinn folgender Stelle[394] zu sein:

»Für die zehn Sephiroth giebt es kein Ende, weder in der Zukunft, noch in

der Vergangenheit, weder im Guten noch im Bösen, weder in der Höhe, noch in

der Tiefe, weder im Osten noch im Westen, weder im Süden, noch im Norden.«

Es verdient bemerkt zu werden, daß hier das Unendliche in zehnerlei

Hinsicht betrachtet wird, weshalb wir aus dieser Stelle nicht allein den

allgemeinen Charakter der Sephiroth, sondern auch die mit ihnen

korrespondierenden Prinzipien und Elemente kennen lernen. Alle diese

paarweise einander gegenübergestellten Gesichtspunkte entsprechen jedoch

einer einzigen Idee und einem einzigen Unendlichen, denn es heißt[395]:

»Die zehn Sephiroth sind wie die Finger der Hand der Zahl nach zehn, fünf

gegen fünf, aber zwischen ihnen hindurch zieht sich das Band der Einheit.«

Diese Worte bestätigen unsern Ausspruch:

Diese Auffassung der zehn Sephiroth, ohne tiefer auf ihre Beziehungen zu

den äußeren Dingen einzugehen, hat einen eminent abstrakten und

metaphysischen Charakter. Wollten wir hier eine genauere Untersuchung

anstellen, so würden wir die Kategorien der Dauer und des Raumes in einer

gewissen unabänderlichen Ordnung dem Unendlichen und der absoluten Einheit

unterworfen sehen, ohne welche es selbst in der sinnlichen Sphäre weder

Gutes noch Böses geben würde. Jedoch geben wir hier eine scheinbar dem

Sinnlichen etwas mehr Rechnung tragende Darstellung der zehn Sephiroth:

»Die erste der Sephiroth, Eins, ist der Geist des lebendigen Gottes.

Gelobt sei sein Name; gelobt sei der Name dessen, der da lebt in Ewigkeit!

Der Geist, die Stimme, das Wort, der heilige Geist.«

»Zwei ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig

Buchstaben, welche jedoch zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und

ausgeprägt.«

»Drei ist das vom Geist oder Hauch kommende Wasser. Im Wasser ergründete er

die Finsterniß und Leere; im Wasser bildete er die Erde und den Thon und

spannte sie gleich einem Teppich aus, geformt wie eine Mauer und mit einem

Dach bedeckt.«

»Vier ist das vom Wasser kommende Feuer, woraus der Ewige den Thron seines

Ruhmes, die himmlischen Räder (+Ophanim+), die Seraphim und dienstbaren

Engel bildete. Mit diesen Dreien erbaute der Himmlische seine Wohnung, wie

denn geschrieben steht: Er macht die Winde zu seinen Boten und die

Feuerflammen zu seinen Dienern.«

Die sechs folgenden Zahlen repräsentieren die vier Enden der Welt oder die

Kardinalpunkte des Himmels, die Höhe und die Tiefe. Die Enden der Welt

gelten auch als die Embleme der Kombinationen, welche aus den drei ersten

Buchstaben des Wortes $YHWH$ gebildet werden können.

An Stelle der verschiedenen Punkte des Raumes, welche angenommen werden,

aber nicht reell existieren, kann man die verschiedenen Elemente, aus denen

die Welt zusammengesetzt ist, substituieren, die, dem Ewigen entspringend,

um so materieller werden, je mehr sie sich von ihrem Urquell entfernen.

Hier haben wir die dem populären Glauben, daß die Welt aus nichts

geschaffen sei, entgegengesetzte Emanationslehre. Folgende Worte setzen

dies außer allem Zweifel:

»Das Ende der Sephiroth ist mit ihrem Anfang verbunden, wie die Flamme mit

dem Brand, denn der Herr ist ein einiger Herr, und es giebt keinen andern.

Und was sind in Gegenwart des Einigen Namen und Zahlen?«[396]

Um uns nicht vergessen zu lassen, daß hier ein großes Geheimnis verborgen

ist, heißt es sogleich weiter:

»Schließe deinen Mund, damit du nicht davon redest, und dein Herz, daß es

nicht darüber nachdenke; und ist es dir entschlüpft, so bringe es zurück,

denn deshalb wurde der Bund geschlossen.«[397]

Ich füge hinzu, daß diese letzten Worte auf einen Eid anspielen, welchen

die Kabbalisten schwuren, um ihre Lehren der großen Menge zu verbergen. Was

die erste Stelle anlangt, so wird der in ihr enthaltene einfache Vergleich

sehr häufig im Sohar wiederholt, und wir werden ihn dort sowohl auf die

Seele als auf Gott angewendet und ausgedehnt wiederfinden. Wir fügen hinzu,

daß zu allen Zeiten und in allen Sphären des Seins, sei es im innern

Bewußtsein, sei es in der äußern Natur, die Schöpfung auf dem Wege der

Emanation mit den Ausstrahlungen des Lichts oder der Flamme verglichen

wurden.

Mit dieser Theorie verbindet sich eine andere von äußerst beachtungswertem

Charakter, nämlich die, welche das göttliche Wort mit dem heiligen Geist

identificiert und es nicht nur als absolute Form, sondern als das zeugende

Element und die Substanz des Weltalls betrachtet. Es ist in der That nichts

weiter als die Lehre des Onkelos, welcher, um den Anthropomorphismus zu

vernichten, an die Stelle der Persönlichkeit Gottes, welcher uns in der

Bibel in menschlicher Gestalt entgegentritt, den Gedanken oder die

göttliche Inspiration setzt. Auch in unserm vorliegenden Buch wird in

klarer und conciser Sprache gesagt, daß der heilige Geist oder der Geist

des lebendigen Gottes und die Stimme oder das Wort ein und dasselbe ist; es

nimmt nach und nach je nach der Entfernung von seinem Ursprung eine immer

materiellere Gestalt an und wird schließlich, um in der Sprache des

Aristoteles zu reden, das materielle Prinzip der Dinge. Es ist das Welt

gewordene Wort, denn wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß im

Buche Jezirah nur von der Welt, nicht aber vom Menschen und von der

Menschheit die Rede ist.

Die Betrachtungen über die zehn Zahlen nehmen einen großen Raum des »Buches

der Schöpfung« ein, und man bemerkt leicht, daß sie sich auf das Weltall

im allgemeinen, mehr auf die Wesenheit als auf die Form beziehen. Man

vergleicht sie mit den verschiedenen Teilen des Weltalls und sucht sie auf

ein gemeinsames Grundprinzip und Grundgesetz zurückzuführen. Ihre Basis

bilden die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets, welche als

äußerliche Zeichen der Ideen eine ungemein große Rolle spielen. Betrachten

wir dieselben nach ihrem Klang oder Laut, so stehen sie sozusagen auf der

Schwelle der intellektuellen und physischen Welt, denn einesteils werden

sie durch ein materielles Element, durch die Luft oder den Hauch

hervorgebracht, während sie andererseits die von der Sprache untrennbaren

Zeichen und somit die einzig mögliche und unveränderliche Form des Geistes

sind. Auch lassen weder der Inhalt des ganzen Systems noch der

buchstäbliche Sinn eine andere Deutung der bereits oben citierten Worte zu:

»Die Zahl Zwei (oder das zweite Prinzip des Weltalls) ist der vom Geist

ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche

zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprägt.«

Also spielen hier infolge einer bizarren, aber keineswegs einer gewissen

Größe entbehrenden Kombination die Grundelemente der Sprache, die

Buchstaben, eine ähnliche Rolle wie die Ideen Platos.

Infolge ihrer Gegenwart und ihres Eindruckes auf die Dinge erkennt man in

allen Teilen des Alls das Walten einer höchsten Intelligenz, und durch ihre

Vermittelung offenbart sich der heilige Geist in der Natur. Nur dies ist

der Sinn folgender Stelle:

»Gott schuf die Seele alles dessen, was ist und sein wird, durch die

zweiundzwanzig Buchstaben, indem er ihnen Form und Figur gab und sie auf

die verschiedenste Weise kombinierte. Auf dieselben Buchstaben hat der

Allerheiligste, gebenedeit sei er, seinen erhabenen und unaussprechlichen

Namen gegründet.«

Die Buchstaben werden in drei Klassen geteilt, nämlich in drei Mütter,

sieben doppelte und zwölf einfache Buchstaben. Es ist für unsern Zweck ohne

Belang, dem Grund dieser sonderbaren Einteilung hier nachzuspüren: es sei

nur bemerkt, daß man +per fas et nefas+ die Drei, Sieben und Zwölf im

Naturleben wiederfinden will, nämlich: 1. in der allgemeinen Einteilung der

Welt; 2. in der Einteilung des Jahres und 3. im Bau des Menschen. -- Wir

finden hier, wenn auch nicht ausdrücklich ausgesprochen, die Idee des

Makrokosmus und Mikrokosmus, oder den Glauben, daß der Mensch -- so zu

sagen -- das Bild oder das Resumé des Weltalls sei.

Hinsichtlich der allgemeinen Zusammensetzung der Welt repräsentieren die

Mütter oder die Zahl Drei die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Das Feuer

ist die Substanz des Himmels, und das Wasser wurde, indem es sich

verdichtete, die der Erde. Zwischen diesen einander feindlichen Elementen

befindet sich die Luft, welche sie trennt, verbindet und beherrscht.[398]

Bei der Einteilung des Jahres in die Jahreszeiten begegnen wir der gleichen

Signatur: dem Sommer entspricht das Feuer, dem Frühling, der Regenzeit des

Orients, das Wasser, und dem gemäßigten Herbst die Luft. Im Bau des

menschlichen Körpers entspricht die Drei dem Kopf, dem Herzen oder der

Brust und dem Magen oder dem Unterleib, welche Teile ein neuerer Arzt »den

Dreifuß des Lebens« genannt hat. Die Dreizahl erscheint hier wie in allen

mystischen Kombinationen als etwas so notwendiges, daß man sie auch zum

Symbol des moralischen Menschen gemacht hat, bei welchem das Buch Jezirah

»die Ebene des Verdienstes, die Ebene der Schuld und den zwischen beiden

stehenden Wegweiser des Gesetzes« unterscheidet.

Die sieben doppelten Buchstaben repräsentieren die Gegensätze oder

wenigstens Dinge, welche zueinander entgegen gesetzten Zwecken dienen

können. Es sind zunächst die sieben Planeten, deren Einfluß bald gut und

bald böse ist, ferner die sieben Tage und Nächte der Woche und die sieben

Pforten des Körpers, nämlich die Augen, Ohren, Nasenlöcher und der Mund.

Endlich giebt es siebenerlei Glücks- und Unglücksfälle, welche dem Menschen

zustoßen können. Wie man jedoch sieht, ist diese Einteilung eine sehr

willkürliche, und wir haben ein längeres Verweilen bei derselben nicht

nötig.

Die zwölf einfachen Zahlen, von denen wir noch reden müssen, entsprechen

den zwölf Zeichen des Tierkreises, den zwölf Monaten des Jahres, den

Hauptgliedern des menschlichen Körpers und den wesentlichsten Verrichtungen

des menschlichen Organismus, nämlich: dem Gesicht, dem Gehör, dem Geruch,

der Sprache, der Ernährung, der Zeugung, des Gefühls, der Bewegung, des

Zorns, des Lachens und des Schlafes.[399] -- Wir sehen hier den Geist der

Untersuchung bei seinem Erwachen und brauchen uns weder über seine

kindliche Forschungsweise noch die Resultate zu verwundern, die eben seine

Originalität beweisen.

Die durch die Buchstaben des Alphabets dargestellte materielle Form der

Intelligenz ist gleichzeitig die Form alles Seienden, denn außer dem

Menschen, dem Universum und der Zeit ist nichts als das Unendliche denkbar;

deshalb nennen die Gläubigen jene drei »die Zeugen der Wahrheit[400]«.

Jedes von ihnen ist ungeachtet der zu beobachtenden Verschiedenheit ein

System, welches ein Centrum und gewissermaßen eine Hierarchie besitzt:

»Denn, sagt der Text, die Einheit herrscht über die Drei, die Drei über die

Sieben, und die Sieben über die Zwölf; aber ein jeder Teil des Systems ist

von dem andern untrennbar.«[401]

Das Universum hat den himmlischen Drachen[402] als Centrum; das Herz ist

das Centrum des Menschen, und der Lauf der Himmelszeichen die Basis des

Jahres. »Das Erste, sagt der Text, gleicht einem König auf seinem Thron,

das Zweite einem König inmitten seiner Unterthanen, und das Dritte einem

König in der Schlacht.«[403] Ich glaube, daß man durch diesen Vergleich die

vollkommene im Weltall herrschende Regelmäßigkeit und die Gegensätze

bezeichnen will, welche im Menschen walten, ohne seine Einheit zu

vernichten. Der Text sagt, daß die zwölf Hauptglieder des menschlichen

Körpers einander gewissermaßen in Schlachtordnung gegenüberstehen; drei

dienen der Liebe, drei dem Haß, drei geben das Leben und drei den Tod. --

Dem Guten steht das Böse gegenüber, und das Böse erzeugt nur Böses, wie das

Gute nur Gutes. Über diese drei Reiche, über den Menschen, das Universum

und die Zeit sowohl als über die Buchstaben und Sephiroth ist der Herr

erhaben, welcher in seiner Heiligkeit thront und herrscht von Ewigkeit zu

Ewigkeit.

Auf diese Worte folgt der Schluß des Buches in einer Art dramatischen

Lösung des Ganzen, worin Abraham vom Götzendienst zur Religion des wahren

Gottes bekehrt wird.

Das letzte Wort des kabbalistischen Systems ist die Ersetzung jeder Art

eines Dualismus durch die absolute Einheit: so des Dualismus der

heidnischen Philosophie, welche im Stoff eine ewige Substanz erblickt,

deren Gesetze sich nicht stets im Einklang mit dem göttlichen Willen

befinden; so aber auch des Dualismus der Bibel, welche im

Schöpfungsgedanken wohl die Idee des göttlichen Willens erfaßt und

folgegemäß im unendlichen Sein die einzige Ursache und den einzigen realen

Ursprung der Welt erblickt, die aber doch die Gottheit und die Welt als

zwei absolut verschiedene Dinge auffaßt. Im Sepher Jezirah wird dagegen

Gott als das unendliche Sein und infolgedessen als undefinierbar erklärt;

Gott steht nach unserm Text in aller Größe seines Wesens und seiner Macht

über und nicht unter der Möglichkeit, ihn durch Zahlen und Buchstaben

auszudrücken, oder durch irgendwelche unserer Vernunft begreifbare Gesetze

des Weltalls. Jedes weltliche Element hat seine Quelle in einem höheren

Element, deren gemeinsamer Ursprung das Wort oder der heilige Geist ist. Im

Wort finden wir auch die unveränderlichen Zeichen des Gedankens, welche

sich in jeder Sphäre des Seins wiederholen und überall die bestimmte

Absicht des Schöpfers durchblicken lassen. Und ist dieses Wort, die erste

der Zahlen, das erhabenste aller Dinge, die wir wahrnehmen und definieren

können, nicht die höchste und absoluteste Offenbarung Gottes oder des

Denkens der höchsten Intelligenz? Also ist Gott im tiefsten Sinn und in der

höchsten Bedeutung der Stoff und die Form des Weltalls, denn nichts kann

ohne ihn existieren, seine Wesenheit ist die Grundwesenheit der Dinge, die

alles erfüllt, und alle Dinge sind nur ihr Symbol.

Diese scheinbar so verwegene Folgerung ist die Grundlage der Lehren des

Sohar, welcher jedoch einen dem Buche Jezirah völlig entgegengesetzten Weg

einschlägt. Denn, anstatt sich nach und nach durch Vergleichung der Formen

der Einzelheiten mit denen ihnen übergeordneten emporzuschwingen,

beschäftigt er sich sogleich mit dem höchsten Prinzip, mit der universellen

Form und der absoluten Einheit, welche er stets als ein unberührbares Axiom

betrachtet.

Man könnte allerdings das den Gedankengang der beiden Bücher verbindende

Band durch die Art und Weise der Darstellung zerrissen betrachten, obschon

in ihnen ein wesentlich synthetischer Charakter vorherrscht. Aber

nichtsdestoweniger beginnt der Sohar dort, wo das Buch Jezirah aufhört.

Eine zweite sehr bemerkenswerte Verschiedenheit trennt diese beiden

Monumente und erklärt sich durch ein allgemeines Gesetz des menschlichen

Geistes: den Zahlen und Buchstaben können wir nämlich die innern Formen,

die unveränderlichen Konzeptionen des Denkens, mit einem Wort die Ideen in

ihrer edelsten und weitesten Bedeutung substituieren. Das göttliche Wort,

anstatt sich ausschließlich in der Natur zu manifestieren, erscheint uns

vor allem im Menschen und in der Intelligenz und wird insofern als der

urbildliche oder himmlische Mensch, $Adam kadmon$, bezeichnet. Endlich aber

würde, wie wir noch sehen werden, in gewissen Fragmenten von hohem Alter

die absolute Einheit oder der Gedanke nicht als die Universalsubstanz

bezeichnet und die regelmäßige Entwickelung dieser Potenz nicht an die

Stelle der ziemlich groben Emanationstheorie gesetzt werden.

Diese Transformation des Symbols zur Idee, welche die Kabbala vornimmt,

wiederholt sich bei allen großen religiösen und philosophischen Systemen,

und es genüge hier, an dieser allgemeinen Thatsache die Beziehungen des

Sepher Jezirah zu denselben dargethan zu haben.

Fünftes Kapitel.

Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.

Da die Autoren, aus deren Arbeiten der Sohar entstand, ihre Ideen in der

einfachsten und einer sehr wenig logischen Form darstellten, nämlich in der

eines Kommentars zu den fünf Büchern Mosis, so können wir, ohne die ihnen

schuldige Achtung zu verletzen, unsere Darstellung nach der uns am

geeignetsten scheinenden Weise einrichten. Und zwar müssen wir zunächst

ihre Methode der Schriftauslegung betrachten, deren Basis der symbolische

Mysticismus ist. Ihr Urteil hierüber formulieren sie mit folgenden Worten:

»Wehe über den Menschen, welcher im Gesetz nur einfache Erzählungen und

gewöhnliche Worte sieht. Denn wenn es in Wahrheit nichts weiter als solche

enthielte, so könnten wir noch heute ein ebenso bewundernswertes Gesetz

aufstellen. Um nur einfache Worte zu finden, brauchten wir uns nur an die

irdischen Gesetzgeber zu wenden, bei welchen man oft noch größere

Erhabenheit des Ausdrucks findet. Es würde genügen, dieselben nachzuahmen

und ein Gesetz nach ihrem Vorgang und Beispiel aufzustellen. Aber dem ist

nicht also, denn jedes Wort des Gesetzes hat einen erhabenen Sinn und

schließt ein hohes Geheimniß in sich.«

»Die Erzählungen des Gesetzes sind das Kleid des Gesetzes, und Wehe dem,

welcher das Kleid für das Gesetz selbst nimmt! In diesem Sinn hat David

gesagt: Mein Gott, öffne meine Augen, auf daß ich sehe die Wunder an deinem

Gesetz! David wollte mit diesen Worten das unter dem Kleid des Gesetzes

Verborgene bezeichnen. Es giebt unverständige, die, wenn sie einen

Menschen in seinem schönen Kleid sehen, nur auf dieses ihr Augenmerk legen,

und doch ist es nur der Körper, welcher dem Kleid Werth verleiht; dem

Körper aber giebt die Seele seinen Werth. So hat auch das Gesetz seinen

Körper. Es giebt Gebote, welche man den Körper des Gesetzes nennen könnte.

Die im Gesetz vorkommenden Erzählungen sind die Kleider, mit welchen dessen

Körper bedeckt ist. Die Thoren betrachten nur die Kleider oder die

Erzählungen des Gesetzes; sie kennen nichts Anderes und sehen nicht, was

unter diesen Kleidern verborgen ist. Die Klugen wenden keine Aufmerksamkeit

auf die Kleider, sondern auf den Körper, welchen dieselben bedecken. Die

Weisen endlich, die Diener des höchsten Königs, welche auf dem Gipfel des

Sinai wohnen, beschäftigen sich nur mit der Seele, welche die Grundlage

alles Übrigen ist, nämlich mit dem Gesetz selbst; und in der Zukunft sind

sie bereit, die Seele der Seele, welche das Gesetz durchweht, zu

betrachten.«[404]

Die Kabbalisten schoben also auf eine den Profanen unbekannte Weise in

mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten, aus

denen sich die Schrift zusammensetzt, eine geheime Bedeutung unter. Dies

war für sie das einzige Mittel, ihre Freiheit zu bewahren, ohne mit der

religiösen Autorität zu brechen, und vielleicht hatten sie dasselbe auch

zur Beruhigung ihres Gewissens nötig. In folgendem Passus treffen wir den

nämlichen Geist in einer noch bemerkenswerteren Form an:

»Wenn das Gesetz nur aus gewöhnlichen Worten und Erzählungen bestände, wie

die von Esau, Hagar, Laban, von Bileam und seiner Eselin, warum würde es

dann wohl das Gesetz der Wahrheit, das vollkommene Gesetz, das wahre Wort

Gottes heißen? Warum würde es der Weise dann höher schätzen als Gold und

Perlen? Es ist eben unter jedem Wort ein erhabener Sinn verborgen, und jede

Erzählung lehrt uns etwas Anderes als die Thatsachen, welche sie scheinbar

erhält, und dieses erhabene und heilige Gesetz ist das wahre Gesetz.«[405]

Es ist nicht ohne Interesse, daß wir in den Werken eines Kirchenvaters

einer vollkommen ähnlichen Ausdrucksweise begegnen. So sagt Origenes[406]:

»+Si adsideamus litterae et secundum hoc vel quod Judaeis, vel quod vulgo

videtur, accipiamus quae in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri

quia tales leges dederit Deus: videbuntur enim magis elegantes et

rationabiles hominum leges, verbi gratia, vel Romanorum, vel Atheniensium,

vel Lacedaemoniorum.+« --

»+Cuinam quaeso sensum habenti convenienter videbitur dictum quod dies

prima et secunda et tertia, in quibus et vespera nominatur et mane; fuerint

sine sole et sine luna et sine stellis; prima autem dies sine coelo? Quis

vero ita idiotes invenitur, ut putet, velut hominem quemdam agricolam, Deum

plantasse arbores in Paradiso, in Eden, contra orientem, et arborem vitae

plantasse in eo, ita ut manducans quis ex ea arbore vitam percipiat? et

rursus ex alia manducans arbore, boni et mali scientiam capitat.+«[407]

»+Triplicem in Scripturis divinis intelligentiae modum, historicum moralem

et mysticum: unde et corpus inesse et animam ac spiritum

intelleximus.+«[408]

Um nun zwischen dem heiligen Text und ihren willkürlichen Auslegungen

plausibel erscheinende Beziehungen herzustellen, griffen die Kabbalisten zu

verschiedenen künstlichen Mitteln, welche zwar im Sohar keine Anwendung

finden, dafür aber in späterer Zeit in um so höherem Ansehen stehen. Diese

Mittel sind an sich wertlos, und wir haben uns mit ihnen nicht zu

beschäftigen.

Anstatt dessen suchen wir kennen zu lernen, was in den ältesten Teilen des

Sohar über die Natur und die Attribute der Gottheit, über die Schöpfung und

die Beziehungen Gottes zur Welt, sowie endlich über den Ursprung, die Natur

und die Bestimmung des Menschen gelehrt wird.

Sechstes Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.

Die Kabbalisten haben zweierlei Manier von Gott zu reden, ohne daß dies

jedoch der Einheit ihres Gottesgedankens Eintrag thäte. Wenn sie die

Gottheit zu definieren suchen, ihre Attribute unterscheiden und uns eine

präzise Anschauung ihrer Natur geben wollen, so ist ihre Sprache eine

metaphysische und sie besitzt so viel Klarheit, als die Natur der Sache und

Sprache mit sich bringt. Manchmal aber begnügen sie sich, die Gottheit als

ein unbegreifliches Wesen darzustellen, welches weit über alle Formen

erhaben ist, mit denen es die menschliche Imagination zu bekleiden liebt.

In diesem Falle ist ihre Ausdrucksweise poetisch und bildlich, wobei

gewissermaßen ihre Imagination gegen die erwähnte profane zu Feld zieht.

Alle ihre Anstrengungen sind auf die Zerstörung des Anthropomorphismus

gerichtet, dem sie gigantische schreckenerregende Proportionen verleihen,

um für die Idee des Unendlichen passende Vergleiche aufzustellen.

»Das Buch des Geheimnisses« ist durchaus in diesem Styl geschrieben, wobei

zu bemerken ist, daß die Allegorien oft gleichzeitig Rätsel bilden, wie wir

aus folgender Stelle des Idra Rabba darthun wollen: Simon ben Jochai

versammelt seine Schüler und sagt ihnen, daß die Zeit gekommen sei, für den

Herrn zu arbeiten, d. h. den wahren Sinn des Gesetzes kennen zu lernen; die

Tage der Menschen seien gezählt, der Arbeiter nur eine kleine Zahl, und die

Stimme des Herrn und Schöpfers treibe zur Eile. Er ermahnt sie, die

Geheimnisse, welche er ihnen anvertrauen wolle, nicht zu profanieren, setzt

sich mitten unter sie auf das Feld unter den Schatten eines Baumes und

beginnt unter tiefem Schweigen:

»Und siehe, eine Stimme ertönte, und ihre Kniee erbebten vor Schrecken. Was

war diese Stimme? Es waren die Stimmen der himmlischen Versammlung, welche

sich vereinigten, um gehört zu werden. Rabbi Simon aber rief voll Freude

aus: Herr, ich sage nicht wie einer deiner Propheten[409], daß ich erbebte,

als ich deine Stimme hörte, denn es ist nicht mehr die Zeit der Furcht,

sondern die der Liebe, wie da geschrieben steht: du wirst den Ewigen,

deinen Gott lieben.«[410]

Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses

ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der

göttlichen Größe. Es mögen hier einige Stellen aus derselben folgen:

»Er ist der Älteste der Alten, das Geheimniß der Geheimnisse, der

Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehört und

erscheint uns besonders als Greis, als der Älteste der Alten und der

Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er

sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid

ist weiß und sein Anblick glänzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken,

welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weiße Licht seines Hauptes

erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem

weißen Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der

künftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn

dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und

deren Last er allein trägt. Von seinem Haupt träuft der Thau, welcher die

Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben:

Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom

erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im künftigen

Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Früchte.[411]

Der Anblick dieses Thaues ist glänzend wie Diamanten, deren Farbe alle

Farben in sich faßt. Die Größe dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig

mal zehntausend Welten. Darum heißt es 'das große Gesicht', denn also ist

der Name des Ältesten der Alten.«

Es würde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten,

daß alles Übrige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die

Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie

auf die Spitze zu treiben, häufig den Adel und die Größe des Ausdrucks

überwuchern. So wird z. B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des

Seins und Wissens repräsentieren soll, gewissermaßen zu einer anatomischen

Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das

Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit

mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab

Veranlassung, daß von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der

Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde,

obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter

aufzuhalten, wollen wir hier einige für die Geschichte des menschlichen

Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste -- sehr

umfangreiche -- in Anschluß an die Worte des Jesaias[412]: »Wem wollt ihr

denn mich nachbilden, dem ich gleich sei?« sich mit den zehn Sephiroth oder

den Attributen der Gottheit beschäftigt, so lange dieselbe noch in ihrer

eigenen Wesenheit verborgen ist:

»Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde,

war er allein, ohne Form und nichts ihm ähnlich. Und wer konnte ihn

erfassen, da er vor der Schöpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch

verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt

darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name

oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: 'So

bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichniß gesehen des

Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.' Das

heißt nämlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem

Bildniß darstellen könntet. Aber nachdem er die Gestalt des 'himmlischen

Menschen' ($Adam ila'a$) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba

als eines Wagens, um herabzusteigen.«

»Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt

sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen

Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmächtiger

Gott, Herr der Heerscharen und 'der, welcher ist'. Seine Absicht war, seine

Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und

Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen

erstreckt. Denn wie würden wir ihn erkennen können, wenn er nicht sein

Licht allen Kreaturen geoffenbart hätte? Wie könnte man sonst sagen, daß

die Welt von seinem Ruhm erfüllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit

einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem

Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode

verfallen ist. Man muß ihn als über allen Geschöpfen und allen Attributen

stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt

weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar,

dessen Gewässer ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber über die

Erde ergießen, so bringen sie ein Bild ($dmut$) hervor, welches sich in

folgender Berechnung ausdrücken läßt: Die Quelle der Wässer des Meeres und

der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen

bildet sich ein riesengroßes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehöhlt

ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entströmenden Gewässern

angefüllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet

werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanäle, durch welche

sich, wie durch große Gefäße, das Wasser des Meeres ergießt. Die Quelle,

der Strom, das Meer und die sieben Kanäle bilden zusammen die Zahl Zehn.

Und wenn der Arbeiter, der diese Gefäße gebildet hat, dieselben zerbricht,

so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurück, und es bleibt nichts als die

vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die

zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, 'die Krone', ist die

Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name

des Unendlichen, En Soph, um die höchste Ursache zu bezeichnen, denn sie

hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch kein

Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In

diesem Sinn steht geschrieben: 'Sinnet nicht nach über etwas, das über euch

ist.' Darauf bildet sich ein Gefäß, das fast wie ein Punkt zusammengedrückt

ist, (der Buchstabe $Y$), welches aber dennoch vom göttlichen Licht

durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst,

die Tugend, von welcher die höchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle

bildet alsdann ein Gefäß, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die

Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir müssen nämlich

wissen, daß Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und

daß die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern

durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht

hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern

durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen

Wesenheit erfüllt. Wenn er sich aus ihr zurückzöge, würde sie völlig zu

nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: 'Wie ein Wasser ausläuft

aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.' Endlich theilt

sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefäße bilden, welche

genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Größe; die Gerechtigkeit oder

die Stärke; die Schönheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder

die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Große oder der Barmherzige, der

Starke, der Prächtige, der Gott des Siegs, der Schöpfer, welchem allein

Ruhm gebührt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte

Attribut, welches die Grundlage aller übrigen und der Totalität der Welten

bildet. Endlich ist Gott auch der König des Weltalls, denn in seiner Gewalt

steht Alles, sei es, daß man die Zahl der Gefäße vermindern oder, je nach

der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren

will.«[415]

In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten über

die göttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst für die

mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an großer Unklarheit,

weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in präciserer Ausdrucksweise

wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen über die

göttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalsätzen

zusammenfassen:

1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit.

Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe

seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von

ihnen hervorgebrachten Wirkungen -- so zu sagen ohne eine determinierte

Form -- ist es unmöglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser

Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: »Vor der Schöpfung

war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er für die

Intelligenz unbegreiflich.« Aber wir beschränken uns nicht allein auf

dieses Zeugnis, sondern hoffen, daß man den gleichen Sinn auch in folgender

Stelle wiederfinde: »Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm

verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem

Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen

unfaßbaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann

bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnißvolle und heilige Form, die

er endlich mit einem reichen und glänzenden Kleid bedeckte. Dies ist das

Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.«[416]

Weiterhin heißt es in der Idra Suta:

»Der Älteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten;

er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles,

und nichts ist außer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne daß es möglich ist,

sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er läßt aus

seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen

Form erglänzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaßen

ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der Älteste

der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den

man nur an seinem Licht erkennt, welches in überschwenglicher Fülle und

Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist

nichts anderes als dieses Licht.«[417]

2. Die zehn Sephiroth, durch welche sich das unendliche Wesen ursprünglich

zu erkennen gab, sind nichts anderes als die Attribute, welche an sich

selbst keine substantielle Realität besitzen; jedoch repräsentiert sich in

jedem derselben die göttliche Wesenheit, und in ihrer Gesamtheit besteht

das erste Attribut, die vollkommenste und erhabenste Offenbarung der

Gottheit. Es wird der ursprüngliche oder himmlische Mensch ($Adam ila'a,

Adam kadmon$) genannt und es ist die Gestalt, welche den geheimnißvollen

Wagen des Hesekiel lenkt, und von der der irdische Mensch nur eine blasse

Kopie ist.[418]

»Die Gestalt des Menschen, sagt Simon ben Jochai zu seinen Schülern, faßt

alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die obern Wesen wie die

untern Wesen, und deshalb hat sie auch der Älteste der Alten zu der seinen

gemacht. Keine Gestalt, keine Welt kann vor der menschlichen bestehen, denn

sie schließt alle Dinge in sich, und alles besteht nur durch sie. Ohne sie

würde die Welt nicht bestehen können, und in diesem Sinn sind die Worte zu

verstehen: Der Ewige hat die Erde auf die Weisheit gegründet. Aber man muß

den obern Menschen ($adam dil'eila$) von dem untern Menschen ($adam

diltata$) unterscheiden, von denen keiner ohne den andern bestehen kann.

Unter der menschlichen Gestalt ist die Vollkommenheit des Glaubens

verborgen, und das ist es, was durch die Menschengestalt, die den Wagen

lenkt, ausgedrückt werden soll. Und das ist es, was Daniel mit den Worten

kund thun will: Und ich sah des Menschen Sohn kommen mit den Wettern des

Himmels und vordringen bis zu dem Alten der Tage und sich vor ihm

darstellen.«[419]

Was man also den himmlischen Menschen oder die erste Offenbarung der

Gottheit nennt, ist nichts anderes als die absolute Form alles Seienden,

die Quelle aller andern Formen oder vielmehr der Ideen; mit einem Wort: der

höchste Gedanke, welcher der %logos% oder das Wort genannt wird. So heißt

es:

»Die Gestalt des Alten (sein Name sei geheiligt!) ist die einzige Form,

welche alle Formen in sich einschließt; sie ist die höchste und

geheimnißvollste Weisheit, welche alles Übrige in sich faßt.«[420]

3. Die zehn Sephiroth sind, wenn wir den Verfassern des Sohar Glauben

schenken dürfen, bereits im alten Testament durch eben so viele Gott

geheiligte Namen gekennzeichnet, welche identisch mit denen sind, welche

der heilige Hieronymus in seinem Brief an Marcella erwähnt.[421] Man hat

sie auch in der Mischna finden wollen, weil dort gesagt ist, daß Gott die

Welt durch zehn Worte geschaffen habe, welche als eben so viele Befehle aus

seinem allmächtigen Wort ausgingen.[422] Obschon sie alle gleich notwendig

sind, können die Attribute und die Distinktionen, welche sie ausdrücken,

uns doch nicht die göttliche Natur in ihrer ganzen Hoheit erkennen lassen,

aber sie stellen dieselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten dar, welche

in der Sprache der Kabbalisten »Gesichter« ($Anpin, Partzufin$) genannt

werden. Simon ben Jochai und seine Schüler machten sehr häufig von dieser

metaphorischen Ausdrucksweise Gebrauch, aber sie mißbrauchten dieselbe

nicht, wie ihre neueren Nachfolger. Wir sind genötigt, uns länger bei

diesem wichtigsten Punkt der kabbalistischen Wissenschaft aufzuhalten; aber

bevor wir den besondern Charakter der einzelnen Sephiroth darlegen, müssen

wir einen Blick auf die allgemeine Frage ihrer Wesenheit werfen und mit

wenigen Worten die verschiedenen Meinungen darstellen, welche über

dieselben bei den Adepten der Kabbala kursieren.

Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nämlich: warum giebt es

Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an

sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? Über die erste Frage

äußert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu

lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist

nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen

ausgedrückten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen hätte, oder, wenn die

ihm gegebenen Namen keine Realitäten bezeichneten, so würde er nicht allein

uns unbekannt sein, sondern er würde auch an sich nicht existieren, denn er

kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht

weise sein und ohne Macht nicht handeln. -- Die zweite Frage wird nicht in

gleich bündiger Weise beantwortet. Manche Kabbalisten stützen sich auf den

Grundsatz, daß Gott unveränderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die

Werkzeuge der göttlichen Allmacht, Geschöpfe einer höheren Natur, welche

jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen,

welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen

wollen. -- Das, was der Sohar En-Soph nennt, nämlich das Unendliche an

sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und

nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem

verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen

steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches

die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschöpfe und als von der Gottheit

verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden dürfen.

Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth

gegenwärtig, sonst würde er sich durch dieselben nicht offenbaren können;

aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man

unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhüllt. Die Sephiroth an

sich können nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle

aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar

heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen

bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer

das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches über allen Welten, selbst

über der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die

zehn Sephiroth können mit ebensoviel Gefäßen von verschiedener Form

verglichen werden oder mit verschieden gefärbten Gläsern. Welches nun auch

das Gefäß sei, womit man die göttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch

die absolute Wesenheit der Dinge beständig in ihm, und das göttliche Licht

verändert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch

welches es hindurch geht. Diese Gefäße und Mittel haben an sich keine

positive Realität und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaßen

die Grenzen, in denen die höchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist,

oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das göttliche Licht

seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum

hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte

erkennen wollen: der eine, rein äußerliche und negative, welcher den

Körper repräsentiert, wird recht eigentlich das Gefäß ($Kli$) genannt,

während der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum

spricht man auch von den zerbrochenen Gefäßen, welche das göttliche Licht

entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero

eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Präcision

vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala.

Nachdem wir nun die allgemeinen Grundsätze festgestellt haben, auf denen

die Autorität der Texte und der geschätztesten Kommentare beruhen, müssen

wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung

nach Trinitäten und Personen betrachten.

Die erste und erhabenste der göttlichen Offenbarungen oder die erste

Sephire ist »die Krone« ($Keter$), welche so genannt wird, weil sie über

allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt:

»Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnißvolle Weisheit, die

über alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe.«

Sie ist nicht die verschwommene Totalität ohne Namen und Form, der

geheimnißvolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute

($Ein Sof$) hervorgebracht hat. Sie repräsentiert das vom Unendlichen

geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet »ich bin«

($Ehye$), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter

einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergründet, der

keine Qualifikation mehr zuläßt, und in welchem alles in einem unteilbaren

Punkt zusammenfließt. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt

genannt, und es heißt:

»Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er

einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen

ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte

kein Licht.«[423]

Die neueren Kabbalisten erklären dies durch die absolute Konzentration

Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration hat aus sich den

Raum, die »primitive Luft« ($avir kadmon$) geboren, welche keine reale

Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schöpfung ist.

Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles

Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in

gewisser Beziehung sagen, daß es durch das Wort »Nichts« oder »das

Nichtseiende« ($ayin$) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt:

»Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmöglich ist,

dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer

Unwissenheit herab, sondern wohnt über der Weisheit selbst.«[424]

Eine ganz ähnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]:

»Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das

unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts

Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die

reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls

unmittelbar genommen, das Nichts ist.«

Um nun wieder auf die Kabbalisten zurückzukommen, so bildet der Gedanke des

Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollständige Form

oder -- um in ihrer Sprache zu reden -- einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen

dasselbe »das weiße Gesicht« ($Reisha Chivra$), weil in ihm gewissermaßen

alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenfließen, oder auch

»den Alten« ($Atika$), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem

letzteren Fall darf es aber nicht mit »dem Ältesten der Alten« verwechselt

werden, d. h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur

Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck »das

große Gesicht« ($Arich Apayyim$), zweifelsohne deshalb, weil es alle

Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitäten, alle Formen

in sich einschließt; in ähnlichem Sinn heißt es auch »das kleine Gesicht«.

Der Text sagt[426]:

»Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das

höchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches

nur durch die Einheit definirt werden kann.«

Aus dem Schoß dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und

der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene

Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realität

bilden; das eine, männlich und aktiv, wird die Weisheit ($Chokhma$), das

andere, weiblich und passiv, die Intelligenz ($Bina$) genannt, und der Text

sagt:

»Alles, was existiert, ist durch den Alten -- gelobt sei sein Name! --

geschaffen worden und kann nur durch das männliche und weibliche Princip

bestehen.«[427]

Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heißt, hat sie alle

Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreißig wunderbaren Wegen ergießt sie sich

durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Maß.[428] Die

Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die

Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] -- Aus ihrer geheimnisvollen

und ewigen Verbindung entsproßt ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des

Originals die Züge des Vaters wie der Mutter trägt und so Zeugnis von

beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner

doppelten Erbschaft der älteste Sohn Gottes, das Bewußtsein oder die

Weisheit ($Da'at$) genannt. Diese drei Personen umfassen und schließen in

sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weißen Haupt, dem

Ältesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] --

Er wird bald durch drei Häupter dargestellt, welche zusammen nur eines

bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit

zu verlieren, in drei Teile zerfällt, und von dem zweiunddreißig

Nervenpaare in den Körper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreißig

Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt.

»Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Häupter, welche zusammen blos

eines bilden; dieses Haupt ist erhaben über alle erhabene Dinge. Und weil

der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so

sind alle übrigen Lichter, welche uns mit ihren Strahlen erleuchten

(nämlich die übrigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.«[431]

In der folgenden Stelle werden von der Trinität etwas andere Ausdrücke

gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der

Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion

des Logos ist, die hier »die Weisheit« genannt wird:

»Es giebt drei kunstvoll gebildete Häupter, eines in dem andern und eines

über dem andern. Zu ihnen wird gezählt: die geheimnißvolle Weisheit, die

verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese

geheimnißvolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. Über dem

ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das

Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern

Häupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich

schließt, weiß Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich

sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der

Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.«[432]

Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der

intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war.

Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser

Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des

Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Prozeß, welcher die Welt

hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle:

»Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der

Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der

Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des

Geistes. Er erhält alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf

sich selbst beschränkt. Der Geist enthüllt sich im Schooß der Geheimnisse,

von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme,

welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart sich

in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber

wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, daß Gedanke,

Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, daß der Gedanke die Grundlage von

allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke

selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies

ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.«[433]

Es möge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer

älteren und originelleren Form enthält:

»Der Name, welcher 'Ich bin' ($Ehye$) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung

alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und

zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen,

welche in ihrem Schooß alle Dinge trägt und im Begriff ist, sie zu gebären,

um den höchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmächtige mit den

Worten bezeichnete: 'ich bin, der ich bin' ($Asher Ehye$). Wenn nun endlich

alles wohlgebildet aus dem Mutterschooß hervorgegangen ist, wenn jedes Ding

an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen

will, so wird Gott Jehovah genannt oder 'ich bin der, welcher ist' ($Ehye

Asher Ehye$). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten

Namens, von welchem sonst Niemand Kenntniß besitzt.«[434]

Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der

Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und

gewissermaßen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch läßt es

sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos

und Spinozas bezeichnen.

Um nun endlich darzuthun, daß die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer

Vorgänger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses

Corduero zum Sohar anführen:

»Die drei ersten Sephiroth, nämlich die Krone, die Weisheit und die

Intelligenz, müssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste

repräsentiert die Erkenntniß oder die Wissenschaft, die zweite das

Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identität zu erklären,

muß man wissen, daß die Erkenntniß des Schöpfers nicht die Erkenntniß der

Geschöpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntniß vom Erkennenden

unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare übertragen. Man

bezeichnet es auch mit den Ausdrücken: der Gedanke, der Denker und das

Gedachte. Im Gegentheil ist der Schöpfer die Erkenntniß selbst und erkennt,

was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch

Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche außer ihm sind, sondern er

erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was

nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er

ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer

reinsten und vollendetsten Form in der Weise, daß die Vollkommenheit der

Geschöpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der

Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Maßgabe, wie sie sich von einem

so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt

haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die

Quelle, von welcher sie ausfließen.«

Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen müssen, und die die

neueren Kabbalisten »die Sephiroth der Konstruktion« nennen, --

zweifelsohne weil sie bei der Schöpfung am meisten in Thätigkeit traten,

offenbaren sich wie die ersten in Trinitäten, und bei jeder sind zwei

Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoße des göttlichen

Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei

entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines männlich und aktiv, das andere

weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit ($Chesed$) ist das

erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit ($Din$)

repräsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth

im kabbalistischen System spielen, und daß weder Gnade noch Gerechtigkeit

in buchstäblichem Sinn genommen werden dürfen; es handelt sich vielmehr um

das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der

ersteren gehen die männlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen

hervor. Diese beiden Attribute werden auch »die Arme der Gottheit« genannt;

der eine giebt das Leben und der andere den Tod. Die Welt würde nicht

bestehen können, wenn sie getrennt wären; es ist unmöglich, daß sie sich

trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit

nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen

vereinigt, welches die Schönheit ($Tif'eret$) ist, als deren Symbol die

Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die

Schönheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften

und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind

durchaus dynamischer Natur und repräsentieren so zu sagen die Gottheit als

Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden

ersten, welche in dieser neuen Sphäre das männliche und weibliche Prinzip

repräsentieren, werden übereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph

($Netzach$) und der Ruhm ($Hod$) genannt. Es würde sehr schwer sein, den

eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch

folgende Definition erklärt würden:

»Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die

Vervielfältigung und die Stärke, denn alle Kräfte des Universum gehen aus

deren Schooß hervor, und deshalb werden diese Sephiroth 'die Heerschaaren

des Ewigen' genannt.«[435]

Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewöhnlich durch

die Zeugungsorgane repräsentiert wird und das auch das zeugende Element,

die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser

Hinsicht das Fundament oder die Basis ($Yesod$). Der Text sagt:

»Alles kehrt zu der Basis zurück, von der es ausgegangen ist. Alles Mark,

aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Kräfte

gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.«[436]

Alle diese drei Attribute bilden gewissermaßen nur ein Gesicht, das der

göttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen »der Herr der

Heerschaaren« bezeichnet.

Was nun die letzte der Sephiroth, »das Reich« ($Malkhut$), anlangt, so

stimmen alle Kabbalisten darin überein, daß dieselbe kein neues Attribut

bezeichnet, sondern nur die zwischen den übrigen bestehende Harmonie und

ihre Herrschaft über die Welt.

Der Occultismus des Altertums · 第 118 / 155 题