Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel
vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall
die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine
ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der
Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines
vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe,
sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes
teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit
fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben
ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des
alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer
Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen,
welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische
Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft -- wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend -- keine
anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die
Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren --
ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit -- in dem ersteren
aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des
Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in
Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den
dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir
nur, daß sie -- ohne Sonderbezeichnung -- in jener Periode überhaupt
existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten
Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung »Thannaïm«
auf, welches Wort »Organe der Tradition« bezeichnet, kraft deren man alles
lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die
Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden
eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der
Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner
Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen
Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und
Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in
das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas
beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim führt, weil
sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in
erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch
sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der
nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen
nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden
endlich unter dem Namen der Gemara d. h. »Tradition« gesammelt. In diesen
beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit
heilig aufbewahrt und unter dem Namen »Talmud« (Studium, Wissenschaft)
vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die
Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der
Kabbala gaben.
Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.
»Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur einer
einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese
sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.«
Der Talmud überliefert (+Hagiga 13a+) eine Bereita, welche nicht in die
Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya
hinzusetzt: »Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.«
Ein Talmudist, Rabbi Zera (+a. a. O.+) zeigt sich noch strenger, denn er
sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde
und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte
des Originals zu gebrauchen: »welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.«
Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des
Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die
Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit
undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der
Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den
Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des
Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand,
und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der
That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung
oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der
Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte
Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen
Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in
seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine
Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken,
daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich
nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das
erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß
diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche
Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt
werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten
Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken dürfen,
der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren
Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel:
»Geschichte der Genesis oder der Schöpfung« ($Ma'aseh bereshit$) die
Wissenschaft der Natur, während der zweite, »die Geschichte des Wagens«
($Ma'aseh merkaba$) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese
Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.
Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht
weniger evidente Weise hervorgeht:
»Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die
Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht
alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und
einige Zeit später sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir
die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich
dazu würdig gehalten hätte, so würde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem
Lehrer, gelernt haben.«[351]
Man sieht aus diesen Worten, daß, um in die mysteriöse und heilige Lehre
der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine
hervorragende Stellung genügte, sondern daß auch dazu ein gewisses
fortgeschrittenes Alter nötig war, und selbst wenn man diese auch von den
modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfüllte[352], so hielt man sich
weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft für
sicher genug, um die Last dieser gefürchteten Geheimnisse auf sich zu
nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr für den positiven Glauben und für
die äußere Beobachtung der religiösen Vorschriften waren. Es möge hier ein
merkwürdiges im Talmud erzähltes Beispiel folgen, welches uns in
allegorischer Sprache folgende Erläuterung giebt:
»Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne
ein, nämlich Ben Azaï, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Azaï warf einen
neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift
anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353]
Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein
Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet:
Findest du Honig, so iß seiner genug, daß du nicht zu satt werdest und
speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an.
Nur Akiba ging davon in Frieden.«[355]
Es ist kaum nötig, diesen Text buchstäblich zu verstehen und anzunehmen, es
handle sich hier um eine wirkliche Vision des künftigen Lebens, denn
erstens ist es ohne Beispiel, daß der Talmud, wenn er vom Paradies spricht,
solche mystische Ausdrücke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung
finden. Und wie würde sich zweitens damit vereinigen lassen, daß zwei
lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwählten blicken, den
Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzählung angiebt? Dagegen ist
zu bemerken, daß nach den angesehensten Autoritäten der Synagoge der Garten
der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die
mysteriöse Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich für
schwache Gemüter ist, daß sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den
schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere
will die Gemara andeuten, wenn sie bezüglich Achers sagt, daß er Verwirrung
unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzählt uns, daß der in den
talmudistischen Erzählungen so berühmte Acher ursprünglich einer der
Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in
Acher[356] umgewandelt wurde, um die Änderung zu kennzeichnen, die sich in
ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verließ, in welchen ihn
eine verhängnisvolle Neugierde geführt hatte, ward er ein ausgesprochener
Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bösen,
lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige
klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines
ersten Irrtums? Wohin führten ihn seine Forschungen über die wichtigsten
Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, daß er die
beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud,
nach welchem wir die obige Erzählung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er
sagt, daß Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den
Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: »Wenn es möglich
ist, so sei mir erlaubt, zwei Mächte anzunehmen.« Wir wollen uns nicht zu
lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere
anzuführen, nur sei bemerkt, daß der Engel oder die Metatron[357] genannte
Hypostase eine große Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem
recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er
herrscht über alle himmlischen Sphären, die Planeten und Fixsterne sowie
über die Engel, welche denselben vorstehen, denn die über ihm stehenden
intelligibeln Formen der göttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so
immateriell, daß sie keine unmittelbare Wirkung auf körperliche Dinge
ausüben können. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des
Allmächtigen. -- Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen
eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher
sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft
scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum
hervorzurufen.
Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des
Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des
wichtigen Punktes abschließen, daß eine Art Philosophie oder religiöser
Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannaïm oder den ältesten
hebräischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, daß man früher
drei Namen besaß, um die göttliche Wesenheit zu bezeichnen und
auszudrücken: nämlich das berühmte Tetragrammaton oder den aus vier
Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte
Namen, von denen der eine aus zwölf und der zweite aus zweiundvierzig
Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, dessen Gebrauch der
großen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der
Schule. »Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wöchentlich
ihren Söhnen und ihren Schülern.« Der aus zwölf Buchstaben bestehende Namen
war anfänglich noch bekannter und verbreiteter. »Man lehrte ihn aller Welt.
Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den
verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese ließen ihn mit
leiser Stimme von ihren Brüdern während der Segnung des Volkes
wiederholen.« Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das
heiligste Geheimnis betrachtet. »Man lehrte ihn nur einem Mann von
anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der
Unmäßigkeit und Eitelkeit unzugänglich und in angenehmem Verkehr mit seines
Gleichen lebte.« »Wer, sagt der Talmud, in dieses göttliche Geheimniß
eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die
Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zählen; sein Name flößt Achtung
ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht fürchten und er wird der
Erbe beider Welten, der gegenwärtigen und der künftigen.«[358]
Maimonides bemerkt mit viel Scharfsinn, daß in keiner Sprache ein aus
zweiundvierzig Buchstaben bestehender Namen existiert, und daß dies im
Hebräischen noch unmöglicher sei, da dasselbe keine Vokale besitzt. Er hält
sich deshalb zu dem Schluß berechtigt, daß diese zweiundvierzig Buchstaben
auf mehrere Worte entfielen, von denen ein jedes eine notwendige Idee oder
ein fundamentales Attribut des ewigen Wesens ausdrückte, welche in ihrer
Gesamtheit die wahre Definition der göttlichen Wesenheit ergaben. Sagt man
alsdann, fährt unser Autor fort, daß der hier in Frage stehende Name der
Gegenstand eines Studiums, einer nur den Weisesten vorbehaltenen Lehre war,
so will man uns zweifelsohne zu wissen thun, daß mit der Definition der
göttlichen Wesenheit notwendige Aufklärungen und gewisse Enthüllungen über
die Natur der Gottheit und der Dinge im allgemeinen verbunden waren. Dies
ist noch zutreffender für das Tetragrammaton, denn wie wäre es sonst
möglich, einem in der Bibel so häufig gebrauchten Wort, von welchem diese
selbst die Erklärung giebt: »Ich bin, der ich bin«, einen geheimen Sinn
unterzulegen, den die Weisesten des Volkes wöchentlich einmal ihren
auserlesensten Schülern im Geheimen mitteilten? »Das, was der Talmud die
Kenntniß der Namen Gottes nennt, sagt Maimonides, ist nichts als ein guter
Theil der Wissenschaft von Gott, oder der Metaphysik, was man die Probe des
Vergessens nennt, denn ein Vergessen ist nicht möglich für Ideen, welche
ihren Sitz in der aktiven Intelligenz, d. h. in der Vernunft haben.« Es
dürfte schwer sein, sich diesen Reflexionen hinzugeben, wenn nicht die
tiefe Wissenschaft und die allgemein anerkannte Autorität der Talmudisten
sich nicht schließlich doch an den gesunden Menschenverstand des freien
Denkers wendete. Wir wollen hier nur eine einzige Beobachtung anführen,
die, wenn auch in den Augen des kritischen Verstandes bestreitbar, doch
nicht ohne Wert für die hier behandelte Ideenfolge ist, und die wir als
eine geschichtliche Thatsache hinnehmen müssen, nämlich den Umstand, daß
die Buchstaben der heiligen zehn Sephiroth der Kabbala zusammengezählt die
Zahl zweiundvierzig ergeben. Ist es da nicht erlaubt anzunehmen, daß dies
der dreimal heilige Name sei, welchen man selbst den auserlesensten Weisen
nur mit Zittern mitteilte? Wir finden eine volle Bestätigung der gemachten
Bemerkungen bei Maimonides: Zunächst bildeten die zweiundvierzig Buchstaben
nicht nach gewöhnlicher Annahme einen Namen, sondern mehrere Worte.
Weiterhin drückt jedes Wort -- wenigstens nach der Anschauung der
Kabbalisten -- ein wesentliches Attribut der göttlichen Natur aus oder, was
für sie dasselbe ist, eine der notwendigen Formen des göttlichen Seins.
Endlich aber geben alle nach der kabbalistischen Wissenschaft, nach dem
Sohar und allen Kommentatoren die exakteste Definition, welche unsere
Intelligenz vom Grundprinzip aller Dinge gewähren kann. Diese Art, das
Verständnis des göttlichen Wesens zu suchen, ist durch einen Abgrund von
der vulgären Gläubigkeit getrennt, und man begreift nun sehr wohl die
getroffenen Vorsichtsmaßregeln, daß dieses Geheimwissen nicht aus dem Kreis
der Initiierten heraustrete. Doch, es sei nochmals gesagt, ist dies ein
Punkt, welchem wir kein besonderes Gewicht beilegen wollen, es möge
genügen, daß wir die allen Citaten zu Grund liegende Thatsache zur Evidenz
bewiesen haben.
Zur Zeit der Zusammenstellung der Mischna existierte also eine Geheimlehre
über die Schöpfung und die Natur der Gottheit. Man einigte sich über die
Art der Einteilung dieser Lehre, deren Name bei den nicht Eingeweihten
einen frommen Schauder hervorrief. Wäre es nun nicht möglich, genau die
Zeit ihres Ursprungs zu bestimmen und so die denselben umgebende Finsternis
aufzuhellen? In dieser Beziehung läßt sich folgendes sagen: Nach Ansicht
der vertrauenswürdigsten Historiker wurde die Redaktion der Mischna
spätestens im Jahre 3949 der Schöpfung oder 189 n. Chr. beendet. Weiterhin
müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß Judas hanassi nur die
Vorschriften und Traditionen der ihm vorausgehenden Thannaïm sammelte, und
daß weiterhin die oben mitgeteilten Citate, welche die unvorsichtige
Mitteilung der Geheimnisse der Schöpfung und Merkaba verbieten, älter sind,
als die Mischna selbst. Es ist wahr, man kennt den Autor obiger Citate
nicht, aber eben dieser Umstand ist der sicherste Beweis für ihr Altertum,
denn wenn sie nur die Meinung eines Einzelnen aussprächen, so würden sie
entweder nicht so viel Gewicht besessen haben, um Autorität werden zu
können, oder man würde ihren verantwortlichen Urheber genannt haben.
Weiterhin muß eine Lehre selbst älter sein als ein Gesetz, welche ihre
allgemeine Bekanntmachung verbietet. Sie mußte bekannt geworden sein und
eine gewisse Autorität erworben haben, bevor man die Gefahr ihres
Bekanntwerdens nicht sowohl unter dem Volk, als unter den Gelehrten und
Weisen in Israel einsah. Wir können also ihre Entstehung unbedenklich
mindestens in das Ende des ersten christlichen Jahrhunderts setzen. Es ist
dies die Zeit, in welcher Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai lebten,
welchen die Kabbalisten die Autorschaft ihrer wichtigsten und berühmtesten
Bücher zuschreiben. In dieser Zeit lebte auch Rabbi Joseph von Sepphoris,
der Verfasser der Idra Rabba, eines der wichtigsten und ältesten Theile des
Sohar, welcher zu den vertrautesten Freunden und eifrigsten Schülern des
Simon ben Jochai gehörte. Die Idra Rabba ist derjenige kabbalistische
Traktat, welchem wir die meisten auf die Merkaba bezüglichen Citate
entnahmen. Zu der Zahl der das Alter, wenn nicht der Bücher, so doch der
kabbalistischen Ideen bezeugenden Autoritäten gehört auch die unter dem
Namen des Onkelos vorhandene chaldäische Übersetzung der fünf Bücher Mosis.
Diese berühmte Übersetzung stand von Anfang an in so hohem Ansehen, daß sie
für eine göttliche Offenbarung gehalten wurde. Ja der babylonische Talmud
nimmt an, daß Moses dieselbe auf dem Sinai gleichzeitig mit dem
geschriebenen und dem mündlichen Gesetz erhalten habe, daß sie durch
Tradition bis auf die Zeit der Thannaïm gekommen sei, und daß dem Onkelos
allein der Ruhm ihrer Niederschrift gebühre. Eine große Anzahl moderner
Theologen will in ihr die Grundlage des Christentums sehen und den Namen
der zweiten göttlichen Person in dem Wort Mêimra finden, welches in der
That »das Wort«, »der Gedanke«, %logos% bedeutet, und welches der Verfasser
dem Namen Jehovah substituiert. Thatsache ist, daß in dem ganzen Buch ein
der Mischna, dem Talmud, dem ganzen vulgären Judaismus, ja selbst dem
Pentateuch entgegengesetzter Geist herrscht; mit einem Wort, die Spuren des
Mysticismus sind nicht selten. So wurde es möglich, daß eine Idee an die
Stelle einer Sache oder eines Bildes trat, daß der geschriebene Buchstabe
dem geistigen Sinn aufgeopfert wurde, und daß der zerstörte
Anthropomorphismus die göttlichen Attribute in ihrer Nacktheit sehen ließ.
In einer Zeit, wo der Kultus des Buchstabens bis zur Idololatrie ging, wo
die Menschen ihr Leben damit zubrachten, die Verse, Worte und Buchstaben
des Gesetzes zu zählen, wo die offiziellen Lehrer, die legitimen Vertreter
der Religion nichts Besseres zu thun wußten, als die Intelligenz sowohl als
den Willen unter einem Wust äußerlicher Religionsvorschriften zu ersticken,
macht uns dieser Abscheu vor allem Materiellen und Positiven, die
Gewohnheit, sowohl Grammatik als Geschichte einem hochgeschraubten
Idealismus zu opfern, unfehlbar die Existenz einer Geheimlehre klar, welche
alle charakteristischen Eigenschaften und Prätensionen des Mysticismus
besitzt und die sicher nicht erst von dem Tage stammt, an welchem ihre
Existenz verlautbarte.
Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, daß die
Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren
Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen in die göttliche Offenbarung
einzuführen. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen
Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder
sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte.
Diese Methode wird häufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit
früher in der chaldäischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht,
eines Schülers und Zeitgenossen von Hillel dem Älteren, welcher während der
ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig,
daß ähnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen
können, aber man findet nicht leicht eine künstliche Sprache, deren
Schlüssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man
entschlossen ist, seine Gedanken der großen Menge zu verbergen. Aber,
obschon der Talmud oft analoge und weit ältere ähnliche Methoden anwendet,
auf welche wir zurückkommen werden, so ist diese doch die seltsamste.
Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schluß, daß vor dem Ende
des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll
unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von
der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine
mystische Lehre, welche von dem Bedürfnis der Reflexion und
Selbständigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in
welcher man mit Vorliebe die Autorität der Tradition und der heiligen
Schrift vereinigt sah.
Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, dürfen nicht
mit den Essäern verwechselt werden, welche schon bedeutend früher bekannt
waren und ihre Gebräuche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians
erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswürdigen
Berichterstattern über dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck
dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die
Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen
an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala
aber ist im Gegenteil nach den uns überlieferten alten Zeugnissen eine
durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und
der Schöpfung entschleiern will. Die Essäer hingegen bildeten eine
organisierte Gesellschaft, welche mit den religiösen Bruderschaften des
Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen
reflektierten sich in ihrem äußern Leben, und sie nahmen alle in ihre
Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben führten, selbst Frauen und
Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essäern von ihrem ersten
Auftreten an in Geheimnisse gehüllt. Erst nach und nach öffneten sie unter
tausend Vorsichtsmaßregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thüre ihres
Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des
Geistes berücksichtigten und darauf sahen, daß sein Alter wie seine
Weisheit Garantien für seine Verschwiegenheit boten. Die Essäer scheuten
sich ungeachtet der pharisäischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath
feierten, nicht, öffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen,
daß die Moral weit über dem Kultus stehe, und waren sogar bezüglich
desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer
darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuüben. Aber die Adepten
der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die
meisten christlichen Mystiker streng an die äußerlichen Gebräuche; sie
hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten,
und mehrere von ihnen waren -- wie schon gesagt -- berühmte
Mischnagelehrte, und auch noch in den späteren Zeiten wurden sie selten
diesen Geboten der Klugheit untreu.
Zweites Kapitel.
Die kabbalistischen Bücher. Die Authenticität des Sepher Jezirah.
Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein
verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung
niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr
zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschäftigen uns hier nur mit
denjenigen, welche vollständig erhalten geblieben sind und unsere
Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln.
Dieselben entsprechen also der Überlieferung des Talmud, daß die Kabbala in
die Geschichte der Schöpfung und die heilige Merkaba zerfällt. Das eine ist
betitelt: »Buch der Schöpfung« ($Sepher Jezirah$) und enthält, ich will
nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System,
welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war,
alle Naturvorgänge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu
erklären, und in welcher demgemäß allgemeine Beziehungen und oberflächliche
Beobachtungen für Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist »Sohar«
»Licht« genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: »Die Lehrer aber
werden leuchten wie des Himmels Glanz.« Der Sohar beschäftigt sich
ausschließlich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem
Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt,
daß beide Bücher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit sind. Das
zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel
schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung.
Jedoch müssen wir uns zunächst mit dem ersten als dem älteren beschäftigen.
Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud
berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir übergehen
also die diesbezüglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit
Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies
wird genügen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frühen Ursprung
kennen zu lernen.
1. Das System, welches das Buch Jezirah enthält, entspricht genau den
Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen muß, und wir
können zunächst folgenden Satz aufstellen:
»Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende,
allmächtige, allerhöchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr
und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreißig Wege der Weisheit.«
2. Die zur Erklärung des Werks der Schöpfung angewandten Mittel, die den
Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie
Unwissenheit und Aberglaube in späterer Zeit das angewandte Prinzip
mißbrauchten, wie sich die bekannten über die Kabbala umlaufenden Fabeln
verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte,
welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur
verändern zu können glaubt.
Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfällig, und man
findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begründung gleicht;
es enthält nur in eine ziemlich regelmäßige Ordnung getheilte Aphorismen,
welche ungefähr die gleiche Bündigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine
Thatsache ist frappant, daß nämlich das in späterer Zeit ausschließlich für
»Seele« gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten
Testament überhaupt für den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen
Leib gebraucht wird. Außerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs.
So gehören z. B. die Namen der Planeten und des himmlischen Drachens[362]
der Sprache der Chaldäer an, welche zur Zeit der babylonischen
Gefangenschaft einen fast allmächtigen Einfluß auf die Juden ausübten.
Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrücke
begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in
welcher die hebräische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und
Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schluß, daß das Buch
Jezirah zu einer Zeit, wo die jüdische Civilisation noch nicht an der
griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der
Entstehung des Christentums abgefaßt wurde. Wir müssen jedoch zugestehen,
daß es nicht schwer ist, in dem uns beschäftigenden Werk Spuren der Sprache
und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz,
laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreißig wunderbaren Wegen der
Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrücke: »der,
welcher zählt, das Gezählte und die Handlung des Zählens«, was schon die
ältesten Kommentatoren durch »Subjekt, Objekt und die Handlung der
Reflexion oder das Denken« auslegen. Es ist unmöglich, sich dabei nicht an
den berühmten Satz des zwölften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu
erinnern: »Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible
wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens
und Einsehens, insofern nämlich die Intelligenz und das Intelligible
identisch sind.« Jedoch liegt es auf der Hand, daß obige Worte später
hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im
Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen überhaupt im ganzen Verlauf des
Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der
umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig
Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreißig Wege bilden, deren sich
die Gottheit bei der Schöpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie
ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den
verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist.
Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363]
anlangt, von denen das eine am Schluß des Bandes, das andere inmitten
anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten
so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer
unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige
unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah
im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der
Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln
die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem
allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die
gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der
Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen
Ausdrücken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche Übereinstimmung
in der Zahl und Stellung derjenigen Sätze, welche unter dem Namen Mischna
hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor überflüssigen
Wiederholungen gehütet, an der einen Stelle die Sätze unnötig
zusammengehäuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt.
Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezüglich des
Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige
Stelle anführen, bei welcher dieser letztere Unterschied auffällig
hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, daß der Urbeginn des
Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fügt hinzu,
daß dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist,
Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit,
aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt
ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das
Schlußergebnis des ganzen Systems. Übrigens wurde »das Buch der Schöpfung«
zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische übersetzt und kommentiert
von Rabbi Saadiah, einem großen Geist und methodischen, klugen Kopf;
derselbe hält es für eines der ältesten und frühesten Denkmäler des
menschlichen Geistes. Wir fügen, ohne diesem Zeugnis einen zu großen Wert
beizulegen, hinzu, daß die ihm während des zwölften und dreizehnten
Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind.
Wie alle Werke einer weit zurückliegenden Zeit ist auch das uns
beschäftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schließt es mit
folgenden merkwürdigen Worten:
»Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht,
ergründet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und
nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bündnis mit ihm und seiner
Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein
Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn
von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im
Mutterleib gebildet wurdest.«
Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet
sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren.
Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des »Buches der Schöpfung«
untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebräer der
Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines
einzigen und allmächtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den
Juden eine Tradition, nach welcher Abraham große astronomische Kenntnisse
besaß und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des
wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute
obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte
nämlich, daß Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer
religiösen Scheu. Folgendes sind die Ausdrücke, mit denen Moses Botril
seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt:
»Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner
Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so
Rabbi Saadiah -- das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! -- im ersten
Kapitel seines Buches, welches den Titel führt: der Stein der Weisen.[364]
Ich führe seine eigenen Worte an: Die chaldäischen Weisen bekämpften unsern
Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldäischen Weisen aber
zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, daß das Weltall zwei in der
Art ihrer Thätigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei,
von denen die eine zu zerstören versuche, was die andere geschaffen habe.
Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System stützen,
welches auf die Urheber des Guten und des Bösen gegründet ist. Die zweite
Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nämlich die eben genannten, welche
sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende
Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne
an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet.«
Ungeachtet der großen und allgemein respektierten Autorität des Moses
Botril können wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten,
denn an die Stelle des Namens von Abraham ist längst der des Ben Akiba
getreten, eines der fanatischsten Träger der Tradition und eines der vielen
Märtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den
bewundernswertesten Helden gezählt zu werden, wie sie je in Athen und Rom
eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso
unwahrscheinlich und nicht besser begründet als die erstere. Überall, wo
der Talmud Akiba erwähnt, erscheint er als ein fast göttliches, selbst über
Moses hinausragendes Wesen, jedoch repräsentiert er sich in keiner Weise
als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts
läßt vermuten, daß er das »Buch der Schöpfung« geschrieben habe oder irgend
ein Buch von ähnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz
positiv an ihm, daß er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen
Anschauungen gehabt habe. So sagt z. B. Rabbi Joseph von Galiläa: »O Akiba,
wie sehr vermischest du Gewöhnliches mit der göttlichen Majestät.« Nur die
Begeisterung, welche er einflößte, die Geduld, mit welcher er Regeln für
alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte
religiöse Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition
ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen
vierundzwanzigtausend Schüler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna
überein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen.
Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es hätten zwei verschiedene Bücher
unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham
zugeschriebene und im Talmud erwähnte längst verloren gegangen und nur das
neuere uns erhalten geblieben sei. Morin, der Verfasser der
+Exercitationes biblicae+, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts
folgende Stelle, an welcher sich derselbe über Akiba äußert: »Derselbe hat
das Buch der Schöpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber
noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schöpfung, über welches
Rabbi Moses ben Nachman (abgekürzt Ramban genannt[365]), einen großen und
wunderbaren Kommentar schrieb.« Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts
geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwähnten
Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah,
wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrücke sind genau
hinübergenommen, und es liegt auf der Hand, daß der von uns genannte
Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an
die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des
16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt:
»Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu
schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mündlich
überliefert wurde?« Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir
zerstören wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe
auf der eben genannten Autorität. Der Verfasser des »Buches der Schöpfung«
ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den über seinem
Namen liegenden Schleier zu lüften; ja wir glauben sogar, daß dies bei dem
geringen vorliegenden Material unmöglich ist. Diese Ungewißheit kann sich
aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrsätze erstrecken,
welche das philosophische Interesse erwecken müssen, das dieser Stoff
beanspruchen kann.
Drittes Kapitel.
Die Authenticität des Sohar.
Ein lebhaftes Interesse, aber auch große Schwierigkeiten sind mit dem jetzt
zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder »Buch des Lichtes«,
dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines
Kommentars zum Pentateuch berührt er mit großer Unabhängigkeit alle
geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem größten
Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen würden. Aber er ist weit entfernt,
sich beständig auf dieser Höhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer
Sprache, zu Ausdrücken und Ideen herab, welche den äußersten Grad von
Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die
Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits
Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebräuche, welche auf eine ziemlich
vorgerückte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie
des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende
Mischung des Charakters, das fast völlige Schweigen der beiden Talmud und
endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schluß des 13. Jahrhunderts
haben die verschiedensten Meinungen über den Ursprung und den Verfasser
dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunächst die ältesten und
zuverlässigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere
eigene Meinung über diese schwierige Frage kund thun.
Alles, was man über die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und
vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern
entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem
»Buch der Genealogien«:
»Der Sohar, dessen Strahlen die Welt erleuchten und die tiefsten
Geheimnisse des Gesetzes und der Kabbala enthüllen, ist nicht das Werk des
Simon ben Jochai, obgleich er unter dessen Namen veröffentlicht wurde. Aber
es ist von seinen Schülern verfaßt, welche es wiederum ihren Schülern
anvertrauten und denselben die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Aufgabe
machten. Die mit der Wahrheit vollkommen übereinstimmenden Worte des Sohar
wurden von Männern niedergeschrieben, welche spät genug lebten, um die
Bestimmungen der Mischna und die Vorschriften des mündlichen Gesetzes zu
kennen. Dieses Buch wurde erst nach dem Tod von Rabbi Moses ben Nachman
(ca. 1309) und Rabbi Ascher (ca. 1320; beide spanische Juden) verbreitet,
die es noch nicht kannten.«
Rabbi Gedalia, der Verfasser einer berühmten Chronik unter dem Titel »Kette
der Tradition« sagt:
»Um das Jahr 5500 der Schöpfung (1290 n. Chr.) gab es eine Anzahl Leute,
welche annahmen, daß alle im aramäischen Dialekt geschriebenen Theile des
Sohar das Werk des Rabbi Simon ben Jochai seien, und daß ihm nur die in
heiliger Sprache (dem reinen Hebräisch) abgefaßten nicht zugeschrieben
werden dürften. Andere glaubten, daß Rabbi Moses ben Nachman dieses Buch im
heiligen Land entdeckt und nach Catalonien geschickt habe, von wo es nach
Arragonien und in die Hände des Rabbi Moses von Leon gekommen sei. Wieder
Andere waren der Meinung, daß Rabbi Moses von Leon als wohl unterrichteter
Mann die Commentare selbst geschrieben und dieselben, um bei den Gelehrten
seinen finanziellen Nutzen zu wahren, unter dem Namen des Rabbi Simon ben
Jochai und seiner Freunde veröffentlicht habe. Man fügt hinzu, daß er dies
gethan habe, weil er arm und von Geschäften erschöpft gewesen sei. Was mich
jedoch anlangt, sagt Rabbi Gedalia, so glaube ich, daß alle diese Meinungen
grundlos sind, und daß Rabbi Simon ben Jochai mit seinen heiligen Genossen
in Wirklichkeit alle diese und noch andere Dinge gesagt haben, daß sie aber
zu seiner Zeit noch nicht niedergeschrieben, sondern, nachdem sie lange
Zeit in verschiedenen Handschriften umgelaufen waren, gesammelt und
geordnet wurden. Man darf sich darüber nicht wundern, denn in gleicher
Weise stellten Rabbi Ascher die Gemara und Rabbi Judas die Mischna
zusammen, deren Manuscripte anfänglich in alle vier Enden der Erde
zerstreut waren.«
Wir sehen aus diesen Worten, welchen die moderne Kritik auch nichts
Wesentliches hinzuzufügen weiß, daß die uns beschäftigende Frage drei
verschiedene Lösungen gefunden hat. Eine Partei schreibt die Urheberschaft
des Sohar mit Ausnahme der rein hebräischen Stellen, die übrigens in keiner
gedruckten Ausgabe[366] und in keinem bekannten Manuskript vorkommen, dem
Rabbi Simon ben Jochai zu. Die andere Partei macht den Sohar zum Werk eines
Betrügers, Moses von Leon, und setzt seine Entstehung in den Schluß des 13.
oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Die dritte Partei endlich schlägt einen
Mittelweg zwischen beiden Extremen ein: sie läßt Simon ben Jochai die im
Sohar enthaltene Philosophie seinen Schülern lehren, welche dieselbe
mündlich fortpflanzten, bis nach einigen Jahrhunderten die zerstreuten
Niederschriften im Sohar, wie er uns jetzt vorliegt, gesammelt worden
seien.
Die erste Anschauung verdient keine ernsthafte Widerlegung, und sie gründet
sich auf folgendes dem Talmud entlehnte Faktum[367]:
»Rabbi Jehuda, Rabbi Joseph und Rabbi Simon ben Jochai waren eines Tages
versammelt, und bei Ihnen befand sich ein gewisser Jehuda ben Gerim. Da
sagte Rabbi Jehuda bezüglich der Römer: Was hat diese Nation groß gemacht?
Doch nur das Erbauen von Brücken und die Einrichtung von Märkten und
öffentlichen Bädern. -- Auf diese Worte hin schwieg Rabbi Joseph, aber
Rabbi Simon ben Jochai antwortete: Sie haben dies nur zu ihrem eigenen
Nutzen gethan. Sie haben Märkte eingerichtet, um Huren anzulocken; sie
haben Brücken gebaut, um Zölle zu erheben, und Bäder, um sich zu
erfrischen. Rabbi Jehuda ben Gerim erzählte weiter, was er gehört hatte,
und es kam zu den Ohren des Kaisers, welcher befahl: Jehuda, welcher mich
gelobt hat, soll erhöht werden; Joseph, welcher schwieg, soll nach Sipora
(Sephoris) verbannt, und Simon, welcher mich geschmäht hat, getödtet
werden. Daraufhin verbarg sich dieser mit seinem Sohn in der Schule, und
die Thürhüterin brachte ihm jeden Tag ein Brod und einen Napf Wasser. Aber
die Acht, welche auf ihn gelegt war, war sehr schwer, und Simon sprach zu
seinem Sohn: Die Frauen sind von schwachem Charakter; deshalb steht zu
befürchten, daß unsere Thürhüterin, wenn man ihr mit Fragen zusetzt, uns
verräth. Auf diese Betrachtungen hin verließen sie ihr Asyl und verbargen
sich in einer Höhle. Dort schuf Gott durch ein Wunder zu ihren Gunsten
einen Johannisbrotbaum und eine Quelle. Simon und sein Sohn legten ihre
Kleider ab, vergruben sich bis an den Hals in den Sand und brachten ihre
Tage mit der Betrachtung des Gesetzes zu. So lebten sie in dieser Höhle
zwölf Jahre lang, bis der Prophet Elias am Eingang ihres Zufluchtsortes
erschien und ihnen zurief: Wer verkündet dem Sohn des Jochai, daß der
Kaiser gestorben und sein Befehl vergessen ist? Darauf gingen sie hinweg,
lebten wie andere Menschen und bebauten das Land.«
Während dieser zwölf Jahre der Einsamkeit und Verbannung soll nun nach dem
Talmud Simon ben Jochai mit Hilfe seines Sohnes Eleazar das berühmte Werk
geschrieben haben, an welches sein Name geknüpft blieb. Aber, selbst wenn
man aus dieser Erzählung die beigemengten fabelhaften Umstände ausscheidet,
ist es noch immer sehr schwierig, die daraus gezogenen Folgerungen zu
rechtfertigen, denn man kann natürlich unmöglich sagen, was die Resultate
der Betrachtungen waren, durch welche die beiden Proskribierten ihre Qualen
zu vergessen suchten. Endlich findet man im Sohar eine Menge von Thatsachen
und Namen, welche Simon ben Jochai, der nicht lang nach der Zerstörung
Jerusalems um den Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts starb,
unmöglich kennen konnte. Wie konnte er z. B. von den sechs Teilen
sprechen[368], in welche die etwa sechzig Jahre später geschriebene Mischna
zerfällt? Wie konnte er die Autoren und Vorschriften der Gemara
erwähnen[369], welche nach dem Tod des heiligen Judas begonnen und
fünfhundert Jahre nach Christus vollendet wurde? Wie konnte er die Namen,
die Gesichtspunkte und andere Eigentümlichkeiten der Schule von Tiberias
kennen, welche erst zu Anfang des sechsten christlichen Jahrhunderts
entstand? Ja manche Kritiker wollen sogar die mohammedanischen Araber im
Sohar unter dem Namen der Ismaëliten erwähnt finden, und es ist in der That
sehr schwer, sich der Beweiskraft folgenden Satzes zu verschließen:
»Der Mond ist sowohl das Zeichen des Guten als des Bösen. Der Vollmond ist
das Gute, der Neumond das Böse. Und weil er sowohl das Gute als das Böse in
sich begreift, so haben ihn sowohl die Kinder Israels als Ismaels ihrer
Rechnung zu Grund gelegt. Wenn eine Mondfinsterniß eintritt, so ist dies
ein böses Zeichen für Israel, tritt dagegen eine Sonnenfinsterniß ein, so
ist es ein solches für Ismael. Also bewahrheiten sich die Worte des
Propheten: Die Weisheit der Weisen wird zu Grunde gehen, und die Klugheit
der Klugen wird verdunkelt werden.«
Es muß jedoch bemerkt werden, daß diese Worte nicht im Text, sondern in
einem weit jüngeren Kommentar stehen, welcher den Titel führt: »der gute
Hirte«, $Ra'ya Meheimna$, und daß sie die ersten Herausgeber aus eigener
Machtvollkommenheit dem Sohar hinzufügten, weil sie an der betreffenden
Stelle eine Lücke zu finden glaubten.
Man hat im Sohar selbst noch eine bestimmtere Stelle finden wollen, welche
ein Schüler des Simon ben Jochai aus dem Munde seines Meisters gehört haben
will:
»Wehe über den Augen, da Ismael zur Welt geboren wurde und das Zeichen der
Beschneidung annahm. Denn was that der Herr, dessen Name gelobt sei? Er
schloß die Kinder Ismaels von der himmlischen Verbindung aus. Aber da sie
das Verdienst hatten, das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, so
behielt er ihnen für ihren Theil den Besitz des heiligen Landes vor. Also
sind die Kinder Ismaels bestimmt, das heilige Land zu beherrschen, und sie
hindern die Kinder Israels dorthin zurückzukehren. Aber dies wird nur bis
zu der Zeit dauern, in welcher das Verdienst der Kinder Israels erloschen
sein wird. Alsdann werden sie schreckliche Kriege entfesseln, und die
Kinder Edoms werden sich gegen sie vereinigen und sie schlagen zu Wasser,
zu Land und bei Jerusalem. Der Sieg wird bald auf der einen und bald auf
der andern Seite sein, aber das heilige Land wird nicht in die Hände der
Kinder Edoms gegeben werden.«
Zum richtigen Verständnis dieser Zeilen sei bemerkt, daß die hebräisch
schreibenden jüdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das
heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit überhaupt
verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat
man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen
während der Kreuzzüge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die
Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum nötig zu
sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich
nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der
modernen Kritik zur Genüge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur
einen für unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anführen.
Um die Überzeugung zu gewinnen, daß Simon ben Jochai nicht der Verfasser
des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjähriger
Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, genügt es, einige
Aufmerksamkeit auf die Erzählungen zu verwenden, welche fast stets mit der
Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra
Suta genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswürdige
Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem
Tode eine kleine Anzahl seiner Schüler und Freunde um sich, unter welchen
sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst
studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden
stillschweigend ihren Betrachtungen nachhängen. An allen andern Stellen
spricht der Meister in den seltensten Fällen; wohl aber sind seine Worte im
Munde seiner Söhne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod
versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig über
den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander
wohnen! -- Begegnen sich einige seiner Schüler unterwegs, so dreht sich
ihre Unterhaltung sofort um den gewöhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen
und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen
Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi
Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefährten:
Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch die Worte des Gesetzes
betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her,
um ihn zu führen.[370]
Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bücher zu citieren, von
denen nur vereinzelte Bruchstücke auf uns gekommen sind, die aber
notwendiger Weise älter als der Sohar sein müssen. So wollen wir nur
folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben könnte, daß sie von
einem Schüler des Copernicus geschrieben sein müsse, wenn ihr Ursprung
nicht mit voller Gewißheit spätestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu
setzen wäre[371]:
»Im Buch des Rabbi Hamnuna des Ältern wird vermittelst verschiedener
Erklärungen gelehrt, daß sich die Erde um sich selber kreisförmig dreht,
daß Einige oben und Andere unten sind, daß alle Menschen nacheinander in
gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen,
daß ein Theil der Erde erleuchtet ist, während der andere in Dunkelheit
liegt, daß ein Theil der Menschen Tag hat, während es bei den andern Nacht
ist, daß es Gegenden giebt, wo es beständig Tag ist, oder wo wenigstens die
Nacht nur wenige Augenblicke dauert.«
Es liegt auf der Hand, daß der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei,
gewiß nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte
Augenblicke darin erzählt werden.
Sind wir aber deshalb genötigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem
obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglückseligen
Charlatan, zuschreiben zu müssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso
unwürdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewiß nicht. Und
selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prüfen,
so macht es nicht die mindeste Mühe darzulegen, daß diese Ansicht
ebensowenig als die erste begründet ist. Doch müssen wir zu ihrer
Widerlegung positive Beweisgründe beizubringen suchen.
Der Sohar ist in aramäischer Sprache geschrieben, welche keinem
ausgesprochenen Dialekt angehört. Welche Absicht könnte wohl Rabbi Moses
von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner
Zeit gar nicht gebräuchlich war? Wollte er, wie ein neuerer, bereits
angeführter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse
Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen
er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden läßt? Aber
selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen hätte, so würde er
selbst nach der Meinung der von uns hier bekämpften Gegner nicht haben
übersehen dürfen, daß Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern
der Mischna gehören, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt
war, und welche demnach gewiß hebräisch geschrieben hätten. Er würde sich
also gewiß der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch
Einschmuggelung seiner eigenen Ideen hätte fälschen wollen, welcher Betrug
sicher bald entdeckt worden wäre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen
auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr
zu beschäftigen.
Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekräftigung folgenden
Umstandes:
Wir wissen mit größter Gewißheit, daß Moses von Leon in hebräischer Sprache
ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: »der Name Gottes« oder einfach
»der Name« ($Sefer Hashem$) schrieb. Moses Corduero besaß dieses noch
handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus
welchen sich ergiebt, daß es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar
über einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z. B.:
Welches sind die verschiedenen Kanäle oder -- so zu sagen -- Influenzen,
wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das
göttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern
führen? Läßt sich nun annehmen, daß derselbe Mann, welcher den Sohar in
chaldäisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten
desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen
Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebräischen entschleierte und
preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache
so ängstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, daß er durch
diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben würde?
Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mühe mit viel zu gelehrten und
komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden
Mann der dümmsten Widersprüche und gröbsten Anachronismen zu beschuldigen.
Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar für weit älter als Moses von Leon
und für nicht europäischen Ursprungs zu halten, nämlich der, daß man
nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwähnung des
Christentums und seines Begründers findet, und es ist doch allbekannt, daß
während des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und
Aristoteles unbeschränkt herrschten. Wie könnte man also annehmen, daß in
einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in
unverständlicher Sprache über religiöse Stoffe schrieb, der Anklage
entgangen wäre, welche so oft gegen spätere Schriftsteller erhoben wurde,
nämlich, daß sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von
dem unwiderstehlichen Einfluß der peripatetischen Philosophie hätten frei
machen können? Man lese aber alle Kommentare des »Buches der Schöpfung« und
werfe einen Blick auf alle religiösen und philosophischen Schriften seiner
Zeit, und man wird überall der Sprache des Organon und der unbeschränkten
Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses
Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schätzenden
Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten
ausführlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen
Kategorien sehen, weil nämlich die letzteren nur einen logischen Wert
besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System
darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen
Philosophie ähneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich
einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals außerhalb
seines Vaterlandes sehr wenig bekannt.
Endlich aber bemerken wir, daß die im Sohar gebrauchten Ideen und
Ausdrücke, welche zur Erläuterung des kabbalistischen Systems dienen, in
weit älteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12.
Jahrhunderts abgefaßt wurden. So ist z. B. der von uns schon genannte Moses
Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die
Emanationstheorie nach den Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah
wohl gekannt, denn dieser führt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen
»der Stein der Weisen« genannten Buches an:
»O du, der du aus den Cisternen schöpfst, hüte dich, wenn man dich
versuchen will, die Emanationslehre zu enthüllen, denn dieselbe ist ein
großes Geheimniß im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimniß ist
enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen!«
Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im
Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem »Glauben und Meinen«
betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben
hervorgeht[373]:
»Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schöpfers nicht
leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen könne, daß irgend
etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schöpfer das einzige Wesen ist,
welches von Anbeginn an existiert, so muß ihrer Meinung nach das Weltall
aus der eigenen Wesenheit des Schöpfers hervorgegangen sein. Diese Leute
(Gott behüte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle
andern, von denen wir bisher gesprochen haben.«
Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel
liest, daß der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei
Hiob[374] gerechtfertigt werde: »Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist
die Stätte des Verstandes? -- Gott weiß den Weg dazu und kennet ihre
Stätte.« Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei
ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen:
nämlich die Weisheit, den Verstand und die Stätte. Anstatt Stätte sagen nun
die Kabbalisten »das Nichtseiende« und nennen sie so, weil das Nichtseiende
das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen
Zustand ohne Realität repräsentiert.[375] »Dies ist der aus dem
Nichtseienden gezogene Sinn«, sagen die Kabbalisten.
Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche völlig
identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen ist[376] und lehrt uns,
daß das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Präexistenz und Rëincarnation zu
seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach
Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der
heiligen Schrift zu stützen gesucht hätten.
Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem
seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (+decem nomina mystica+),
durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus
erwähnten und ausgewählten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der
Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mögen
hier folgen, wie sie im »Buch des Geheimnisses« ($Sifra Ditzni'uta$), einem
der ältesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die
Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen:
»Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so muß er stets die
heiligen Namen Gottes anrufen, nämlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim,
Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth,
welche heißen: Krone, Weisheit, Verstand, Schönheit, Gnade,
Gerechtigkeit usw.«
Alle Kabbalisten stimmen darin überein, daß die zehn Namen Gottes und die
zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nämlich der geistige Teil derselben sei
die Wesenheit der göttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in
mehreren seiner Schriften von gewissen hebräischen Traditionen, welche das
Paradies, oder, wie es hebräisch heißt: Eden ($Gan Eden$), älter sei als
die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunächst, daß bei den Juden keine andern
Traditionen ähnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle
Wissenschaft, welche der Talmud »die Geschichte der Schöpfung« nennt. Was
ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe
völlig mit dem Sohar überein, wo die höchste Weisheit, das göttliche Wort,
durch welches die Schöpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller
Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden ($Eden
ila'a$) bezeichnet wird. Aber ein schwerer als dies alles wiegender
Umstand ist, daß die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit
allen gnostischen Sekten -- namentlich den in Syrien entstandenen -- und
dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren
entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische übersetzt wurde. Es sei
ferner noch bemerkt, daß die Lehren eines Simon Magus, Elxaï, Bardesanes,
Basilides und Valentinus nur bruchstückweise in den Schriften einiger
Kirchenväter wie Clemens von Alexandria und Irenäus erhalten sind, die auf
keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gänzlich unbewanderten
Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme
gezwungen, daß der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns
heute vorliegenden Form, als bezüglich der in ihm enthaltenen Traditionen
und Theorien einwirkte.
Außer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwähnen, welche die Kabbala
zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur
Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefähr zu Anfang des elften Jahrhunderts
entstehen läßt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des
Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten
Band der Memoiren der +Akademie des Inscriptions+ ausgesprochen, und auch
Tholuck hat sie durch seine große Gelehrsamkeit zu unterstützen gesucht. In
einer älteren Schrift[380], worin er den Einfluß der griechischen
Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schluß, daß die
Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des
Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch
die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann
Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr
unvollständigen Gestalt überliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte
Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, ähnlich dem des
Plotinos, welcher den Enthusiasmus über die Vernunft setzt, und -- indem er
alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen läßt, dem Menschen als Endziel der
Vervollkommnung die Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt.
Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die
Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die
Authenticität der kabbalistischen Bücher und vor allem die des Sohar an,
welchen er als eine am Schluß des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation
betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein höheres Alter
zugesteht. Nachdem er dies außer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt,
sucht er die vollkommene Ähnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit
denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein
Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wäre, und wir brauchen uns
nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu
halten. Dabei sind wir jedoch genötigt, vorausgreifend uns mit den
Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschäftigen und daran einige
ziemlich trockene Bemerkungen über seinen Ursprung zu knüpfen.
Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, daß allerdings die
hebräischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne daß die
ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wäre es nicht
möglich, daß beide Lehren durch verschiedene Kanäle aus ein und derselben
Quelle geflossen sein könnten, welche älter als die arabische und
alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, daß
die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt
waren, daß sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von
denen weder eine syrische noch eine arabische Übersetzung existiert, gar
nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nämlich die
Einleitung seiner Abhandlung über die Kategorien kannten. Andererseits aber
läßt sich kaum annehmen, daß die im ganzen Altertum unter dem Namen der
»orientalischen Weisheit« so hochberühmte parsistische Religionsphilosophie
den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wäre, da sie doch
offenbar der großen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn
brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, daß Avicenna ein Werk
über die »orientalische Weisheit« schrieb, welche ein neuerer Autor auf
Grund einiger weniger Citate für eine Zusammenstellung neuplatonischer
Ideen halten will. Er stützt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali:
»Du mußt wissen, daß zwischen der Körperwelt und der, von welcher wir
sprechen (der Geisterwelt), ähnliche Beziehungen obwalten wie zwischen
unserm Körper und unserm Schatten.«
Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedächtnis zurückgerufen, daß in
diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und daß die
Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in
ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei
diesem Punkt nicht länger aufhalten, sondern nur sagen, daß der Sohar ganz
positiv die »orientalische Weisheit« wiederholt; er sagt: »diese Weisheit,
welche die Söhne des Orients seit der frühesten Zeit kannten«, und citiert
aus ihr ein vollständig mit seinen Lehren übereinstimmendes Beispiel.
Schließlich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die
hebräischen Schriftsteller unabänderlich »die Kinder Ismaels« oder »die
Kinder Arabiens« nennen. In solchen Ausdrücken spricht man aber nicht von
gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einfluß des
Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren.
Endlich würde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die älteste
Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Söhnen seiner
Kebsweiber und von diesen den Völkern des Orients überliefern lassen.
Aber es ist gar nicht nötig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in
Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr
Unterscheidungs- als Berührungspunkte dar, denn die ersteren beschränken
sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine
Grundanschauungen, während die metaphysischen Hauptpunkte der beiden
Systeme keinen Zweifel über ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So
sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die
Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie
behaupten, daß sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens
als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war.
Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in
ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der
göttlichen Intelligenz als gegenwärtig darzustellen. Drittens als das
Universum, die reale Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar
geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen
Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die
göttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von
Ewigkeit, ohne daß sie erschöpft wird, alles Leben, alles Licht und alles
Dasein fließt; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei
Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nämlich die zehn
Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und
eine höchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, repräsentieren
die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphäre des Seins, nämlich das,
was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich
noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfältigkeit die Welt der
reinen Geister oder der Schöpfung, die Welt der Sphären und der sie
lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe
endlich die Welt der Arbeit oder Thätigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen
ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt
belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie
den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die
Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat
man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten
sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen,
ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es
ist auch das, was sie für über und unter dem Geist stehend ansehen, nämlich
die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nämlich das
Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu
den bildenden Kräften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder
das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der
Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so große Rolle spielt.
Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die
fortlaufenden Allegorien, die beständige Berufung auf die Tradition, die
endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die
gigantischen und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist
des alten Orients übereinstimmen. Schließlich kommt Tholuck von seiner
anfänglich vertretenen Ansicht zurück und meint, es sei unmöglich die
Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsäußerung, die bei
einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders
ins Gewicht fällt. Hier seine eigenen Worte:
»Was können wir nun aus diesen Analogien schließen? Meines Erachtens sehr
wenig. Denn was die beiden Systeme übereinstimmendes haben, findet sich
bereits in den ältesten Geheimlehren, in den Büchern der Sabäer und Perser
und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewöhnliche Form,
in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen
Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, daß die Kabbala wirklich aus der
letzteren hervorgegangen wäre, müßte man vor allem die Lehre von den
Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen
Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich
selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nähert sich hier die
Kabbala den Lehren der Sabäer und Gnostiker.«
Ist nun die Unzulässigkeit der Annahme dargethan, daß die Kabbala
arabischen Ursprungs sei, so verliert die Meinung, welche den Sohar zu
einem Werk des 13. Jahrhunderts machen will, den letzten Halt. Der Sohar
enthält ferner, wie wir s. Z. näher darlegen werden, ein philosophisches
Werk von höchstem Gedankenflug und einer ungeheuren Ausdehnung; ein solches
Werk entsteht aber nicht -- so zu sagen -- über Nacht in einer Epoche der
Unwissenheit und des blinden Glaubens, und namentlich nicht bei einer
Menschenklasse, auf welcher der Druck der Verachtung und Verfolgung lastet.
Endlich aber begegnen wir im ganzen Mittelalter weder Vorläufern noch
Elementen des kabbalistischen Systems, weshalb wir genötigt sind, die
Entstehung desselben in das Altertum zurückzuversetzen.
Wir sind nun jetzt bei Jenen angelangt, welche behaupten, daß Simon ben
Jochai thatsächlich einer kleinen Anzahl seiner Schüler und Freunde, unter
welchen sich auch sein Sohn befunden habe, die die Basis des Sohar
bildenden metaphysischen und religiösen Lehren mitgeteilt habe. Diese
Lehren seien dann als unverletzliche Geheimnisse von Mund zu Mund
überliefert und nach und nach niedergeschrieben worden. In neuerer Zeit
seien nun diese Traditionen mit Anmerkungen und Kommentaren versehen
worden, wodurch sie zum Teil ihre Eigentümlichkeit veränderten, und endlich
gegen das Ende des 13. Jahrhunderts hin von Palästina nach Europa gekommen.
Wir hoffen, daß diese bisher nur schüchtern als Konjektur vorgetragene
Meinung bald den Charakter der völligen Gewißheit annehmen wird.
Wie schon der Verfasser der »die Kette der Tradition« betitelten Chronik
bemerkt, stimmt der Sohar vollkommen mit der Geschichte der übrigen
religiösen Denkmäler des jüdischen Volkes überein; sie vereinigt in sich
die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehenden Traditionen der
verschiedenen Zeitalter und die Lehren der verschiedenen Meister, aus denen
auch die Mischna wie der jerusalemitische und babylonische Talmud
entstanden. Er sagt: »Ich habe die Tradition gehört, dieses Werk sei so
umfangreich, daß es in seiner Vollständigkeit zur Belastung eines Kameels
genügen würde.« Es läßt sich nun aber nicht annehmen, daß ein einziger
Mann, auch wenn er sein ganzes Leben hindurch über den betreffenden Stoff
geschrieben hätte, eine so schreckenerregende Probe seiner Fruchtbarkeit
abgelegt haben könne. Endlich aber liest man in den in derselben Sprache
geschriebenen und mit dem Sohar gleichalterigen »Supplementen des Sohar«
($Tikunei Zohar$), daß derselbe nie ganz veröffentlicht worden sei, oder --
um uns an den Wortlaut zu halten -- erst am Ende der Tage werde
veröffentlicht werden.
Beginnt man nun den Sohar selbst zu untersuchen, um ohne Vorurteil einige
Aufklärung über seinen Ursprung zu erhalten, so ersieht man bald aus der
Ungleichheit des Styls, aus dem Fehlen einer Einheit und Geschlossenheit
nicht sowohl des Systems, als der Exposition, der Methode, der Anwendung
der allgemeinen Grundsätze wie endlich aus dem Gedankengang im Einzelnen,
daß es unmöglich ist, die Autorschaft des Buches einer einzigen Person
zuzuschreiben. Wir beschränken uns auf eine kurze Darstellung der
hauptsächlichsten Differenzen der drei Hauptteile des Sohar, nämlich des
»Buches des Geheimnisses« ($Sifra Ditzni'uta$), welches als der älteste
Teil gilt; der »großen Versammlung« ($Idra Rabba$), in welcher sich Simon
ben Jochai inmitten seiner Jünger repräsentiert; und endlich die »kleine
Versammlung« ($Idra Zuta$), in welcher Simon auf dem Sterbebett vor seinem
Ende drei seiner Schüler zu sich berufen hat, um ihnen seine noch übrigen
Lehren mitzuteilen.
Diese drei durch große Zwischenräume in der ungeheuren Sammlung getrennten
Werke bilden jedoch ein zusammengehöriges Ganzes sowohl was die Thatsachen,
als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in
allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine
fortlaufende und glänzende Beschreibung der göttlichen Attribute, ihrer
verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schöpfung und der
Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verläßt der Sohar nicht
selten diese Höhen der Spekulation, um zu dem äußern und praktischen Leben
herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religiösen
Gebräuche zu empfehlen. Häufig begegnet man auch einem Namen, einer
Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticität dieser Blätter
bezweifeln lassen könnte, auf denen die Originalität der Form dem Fluge des
Gedankens preisgegeben wird. Das Wort führt immer der Meister, welcher
seine Zuhörer nicht mit logischen Gründen, sondern nur durch die Macht
seiner Autorität überzeugt. Er demonstriert nicht, er erklärt nicht, er
wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und
ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet.
Diesen Charakter trägt besonders »das Buch des Geheimnisses«, ein sehr
ausführliches, aber auch sehr dunkles Resumé des ganzen Werkes. Man könnte
von ihm sagen: +docebat quasi auctoritatem habens+. Im übrigen enthält das
Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen;
anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als
Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem
Gedankengang anschmiegen müßten, ist der Verlauf des Kommentars
untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten,
die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den
Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum
andern geführt, womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai
beschäftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem
Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpaßte.
Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestärkt, daß oft nicht die
mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den
Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen.
Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des
Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen
gleichförmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische
Theologie völlig souverän; aber ungeachtet der kühnsten und
hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr häufig den materiellsten
Details des äußern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die
Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu
verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehäuft, deren
sich die neueren Kritiker zur Stütze ihrer Anschauungen bedient haben, und
wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil
des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich
neuen Zeit auf, während die Einfachheit wie der gläubige und naive
Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert.
Wir wollen als Beispiel nur die Erzählung vom Tode des Simon ben Jochai von
Rabbi Aba anführen, welcher derjenige Schüler Simons war, den er mit der
Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte:
»Die heilige Leuchte (so wurde nämlich Simon ben Jochai von seinen Schülern
genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte
stockten, während ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit
lang, obschon ich nichts mehr hörte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das
Licht war zu hell, als daß ich es hätte betrachten dürfen. Auf einmal
vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glücks
stehen dir bevor. -- Darauf hörte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er
verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Während des
ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich
ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nähern wagen. -- Ich habe den ganzen
Tag auf der Erde gelegen und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das
Feuer verschwunden war, sah ich, daß die heilige Leuchte, der Heiligste der
Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und
sein Antlitz lächelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hände mit
Küssen, und ich hätte gern den Staub gegessen, den seine Füße berührt
hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner
von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thränen.
Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte
hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner
Schüler, setzte sich zu seinen Füßen und sprach: Bis heute hat die heilige
Leuchte nicht aufgehört uns zu erleuchten und über uns zu wachen, und jetzt
können wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi
Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen;
alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerüche
durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi
Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschäft. Als die Bahre
aufgehoben wurde, sah man über Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der
Luft. Darauf hörte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die
Hochzeit des Rabbi Simon! -- So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai,
jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glücklich in dieser und
der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach
deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jüngsten Tage!«[383]
Mag man nun auch über den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt
sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei
seinen Schülern stand, und von dem wahrhaft religiösen Kultus, den die
ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb.
Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis
für die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie,
weder in älterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er
zwei Klassen von Gelehrten, die der Mischna ($marei Mishna$), und die der
Kabbala ($marei kabbala$) unterschieden hat: