Die schwarze Magie der Hebräer.[304]

Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im

einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das

Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren,

und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen

wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch

zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.

Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der

Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer

der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der

Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch

die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das

Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben

gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist.

Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in

seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der

Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.

Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit

der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die

Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert,

um sich mit den Kräften und Individualitäten der Natur in Verbindung zu

setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von

künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand

versetzen muß.

Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in

beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht

ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des

Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette,

in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene

wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und

äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und

Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren

Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren

getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den

Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung

von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger

als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse

haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das

Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen

bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer

Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber

sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe

dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die

dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den

Menschen oft geflissentlich belügen. -- Die Kabbala kennt also bereits die

bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen

mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde

Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge

tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind.

Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große

Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer

tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell

verkommen lassen und alle »Schrecken des Mediumismus« über ihn

heraufbeschwören.

Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht über das zu

geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren

bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern,

Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und

von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den

Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim,

das Werk der Elementarwesen, nennt.

Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges

Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen

Geheimlehre ausdrückt, »nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei

P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]«. Demgemäß läßt sie die Elemente

durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten

Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers,

der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen

und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die

ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben

etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur

und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur

steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht

noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch

(Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem

mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen

können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen

unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den

Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der

Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen.

Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus

den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen

ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung

unterworfen.[308]

Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den

Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt

es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut

meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala

unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie

nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein

Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus

wieder begegnen.

Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre

den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind,

weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders

gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten

in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch

nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt,

weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe

lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. -- Ganz besonders sind es

widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim

anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin%

als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn »das Wesen der

Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander

verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann

vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen

eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch

dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen

Gange, das ist der Wille Gottes[313]«. -- Ich habe wohl kaum nötig, hierzu

auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.

Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene

Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine

Art dämonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus

und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim

werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede

That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich

der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde

auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden

erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn

nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]

Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt -- wie erwähnt --

Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das

Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den

wirklichen Dämonen -- die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. --

Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar

nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und

von Ort zu Ort bewegen können.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphänomene

usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.

Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und

dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen

Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden

-- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von

seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung,

Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen

und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft

möglich ist.

Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet

sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen

kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte

und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus

der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort

festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen

magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und

des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem

innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches

vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch

weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr

inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber muß die Imagination klar,

stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung

aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht

verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch

die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch

allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre

Imagination zu steigern.

Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft

und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß

die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat,

und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner

Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich

wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große

Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch

muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er

hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein

körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist,

weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und

des Neides gilt. -- Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie

der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach

als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet

dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas

Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]

Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der

Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des

Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Stärke --

Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester

und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen

Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und

die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und

Balak.[325]

Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf

das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns

heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer

Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst

nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich

leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur

aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht,

durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die

Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine

eigene Kraft nicht ausreicht.

Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren

Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung

stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem

Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter

Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein

von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine

für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er

ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus

der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er

vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung

eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles

Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft

vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem

hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch

nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und

höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste

unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe

endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer

Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er

selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den

höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger

Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr

Gebiet hineinimaginieren.

Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen

Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem

Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind

nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden

von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]

Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie

von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr

erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie

ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart

sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine

innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren

erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner

ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich

unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist.

Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott

für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er

befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine

äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit

zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß

unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die

sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen

Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel

Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die

Offenbarungen -- namentlich die unglücklicher Ereignisse -- »die Vollzieher

der Strenge« (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung

stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer

Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die

Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen

gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.

Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf

das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht

in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren

sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und

damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren

erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf

die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere

Nichusch genannt.

Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch

astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das

unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das

Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die

Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der

Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht

als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit

bedingter Gewißheit verkünden.[329]

Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und

Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach

kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem

Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist

geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre

Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens

gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall

giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen

Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.

Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur,

aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem

Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den

Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei

weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen

Wahrsagekünste.

Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch

verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und

sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt.

Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren

unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder

klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann

durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende

Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie

endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder

Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren

Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung

des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und

wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese

Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen

Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen

Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die

Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins

befindet.[334]

Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha

Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu

verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu

betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser

Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art

Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen

herbeizuführen.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf

welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem

Äußeren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen »Sarim«

(Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu

erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die

»hohen Geister« der Spiritisten nicht fehlen.

Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege

die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen

und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei

sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und

Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören

die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das

Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und

endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und

Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche,

welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen,

nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]

Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen,

um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch

der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige

hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer

entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder

Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und

Räucherungen bestanden.

Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und

wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt

betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch

nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch

sagt: »Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es

ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch

geordnet sein.«[339]

Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der

Beschwörung der »Satanim« oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim

sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als

außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die

Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen

Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der

Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]

Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch

schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung

usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim

angeblich von den »Jidonim« genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus

ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung

mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]

Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal

de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der

Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst

in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, »durch dessen Kraft der

Auferstehungsleib gebaut wird[343]«, hat die Gestalt des Körpers, schwebt

über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet

sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der

finstern Welt fällt, so ist die von den »Ob« genannten Nekromanten

gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene

Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere

Art Nekromantie besteht darin, daß der Zauberer den Schädel eines

Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal

de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme

antwortet.[347]

Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der

Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in

Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft

(schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und

Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen

Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie

und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große

Rolle spielen.[348]

Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein

aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem

Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern

das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das

Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens

erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines

solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung

mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer

Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft

ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei

alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste

Daseinsstufe, die heilige Manie.

Zweite Abteilung.

Die Kabbala.

Erstes Kapitel.

Der Occultismus des Altertums · 第 116 / 155 题