Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im
einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das
Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren,
und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen
wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch
zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.
Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der
Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer
der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der
Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch
die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das
Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben
gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist.
Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in
seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der
Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.
Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit
der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die
Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert,
um sich mit den Kräften und Individualitäten der Natur in Verbindung zu
setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von
künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand
versetzen muß.
Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in
beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht
ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des
Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette,
in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene
wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und
äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und
Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren
Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren
getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den
Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung
von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger
als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse
haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das
Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen
bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer
Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber
sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe
dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die
dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den
Menschen oft geflissentlich belügen. -- Die Kabbala kennt also bereits die
bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen
mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde
Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge
tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind.
Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große
Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer
tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell
verkommen lassen und alle »Schrecken des Mediumismus« über ihn
heraufbeschwören.
Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht über das zu
geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren
bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern,
Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und
von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den
Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim,
das Werk der Elementarwesen, nennt.
Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges
Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen
Geheimlehre ausdrückt, »nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei
P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]«. Demgemäß läßt sie die Elemente
durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten
Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers,
der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen
und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die
ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben
etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur
und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur
steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht
noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch
(Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem
mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen
können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen
unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den
Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der
Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen.
Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus
den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen
ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung
unterworfen.[308]
Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den
Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt
es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut
meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala
unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie
nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein
Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus
wieder begegnen.
Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre
den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind,
weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders
gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten
in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch
nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt,
weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe
lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. -- Ganz besonders sind es
widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim
anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin%
als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn »das Wesen der
Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander
verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann
vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen
eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch
dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen
Gange, das ist der Wille Gottes[313]«. -- Ich habe wohl kaum nötig, hierzu
auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.
Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene
Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine
Art dämonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus
und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim
werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede
That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich
der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde
auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden
erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn
nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]
Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt -- wie erwähnt --
Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das
Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den
wirklichen Dämonen -- die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. --
Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar
nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und
von Ort zu Ort bewegen können.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphänomene
usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.
Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und
dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen
Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden
-- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von
seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung,
Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen
und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft
möglich ist.
Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet
sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen
kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte
und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus
der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort
festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen
magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und
des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem
innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches
vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch
weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr
inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber muß die Imagination klar,
stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung
aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht
verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch
die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch
allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre
Imagination zu steigern.
Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft
und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß
die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat,
und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner
Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich
wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große
Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch
muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er
hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein
körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist,
weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und
des Neides gilt. -- Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie
der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach
als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet
dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas
Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]
Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der
Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des
Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Stärke --
Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester
und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen
Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und
die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und
Balak.[325]
Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf
das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns
heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer
Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst
nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich
leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur
aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht,
durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die
Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine
eigene Kraft nicht ausreicht.
Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren
Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung
stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem
Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter
Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein
von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine
für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er
ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus
der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er
vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung
eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles
Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft
vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem
hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch
nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und
höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste
unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe
endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer
Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er
selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den
höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger
Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr
Gebiet hineinimaginieren.
Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen
Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem
Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind
nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden
von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]
Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie
von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr
erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie
ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart
sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine
innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren
erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner
ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich
unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist.
Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott
für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er
befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine
äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit
zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß
unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die
sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen
Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel
Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die
Offenbarungen -- namentlich die unglücklicher Ereignisse -- »die Vollzieher
der Strenge« (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung
stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer
Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die
Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen
gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.
Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf
das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht
in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren
sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und
damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren
erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf
die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere
Nichusch genannt.
Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch
astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das
unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das
Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die
Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der
Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht
als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit
bedingter Gewißheit verkünden.[329]
Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und
Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach
kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem
Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist
geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre
Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens
gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall
giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen
Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.
Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur,
aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem
Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den
Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei
weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen
Wahrsagekünste.
Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch
verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und
sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt.
Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren
unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder
klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann
durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende
Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie
endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder
Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren
Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung
des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und
wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese
Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen
Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen
Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die
Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins
befindet.[334]
Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha
Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu
verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu
betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser
Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art
Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen
herbeizuführen.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf
welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem
Äußeren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen »Sarim«
(Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu
erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die
»hohen Geister« der Spiritisten nicht fehlen.
Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege
die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen
und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei
sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und
Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören
die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das
Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und
endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und
Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche,
welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen,
nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]
Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen,
um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch
der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige
hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer
entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder
Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und
Räucherungen bestanden.
Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und
wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt
betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch
nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch
sagt: »Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es
ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch
geordnet sein.«[339]
Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der
Beschwörung der »Satanim« oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim
sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als
außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die
Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen
Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der
Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]
Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch
schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung
usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim
angeblich von den »Jidonim« genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus
ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung
mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]
Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal
de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der
Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst
in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, »durch dessen Kraft der
Auferstehungsleib gebaut wird[343]«, hat die Gestalt des Körpers, schwebt
über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet
sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der
finstern Welt fällt, so ist die von den »Ob« genannten Nekromanten
gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene
Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere
Art Nekromantie besteht darin, daß der Zauberer den Schädel eines
Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal
de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme
antwortet.[347]
Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der
Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in
Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft
(schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und
Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen
Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie
und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große
Rolle spielen.[348]
Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein
aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem
Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern
das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das
Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens
erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines
solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung
mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer
Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft
ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei
alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste
Daseinsstufe, die heilige Manie.
Zweite Abteilung.
Die Kabbala.
Erstes Kapitel.