Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und
die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht
ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen
Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter
Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern
Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen
Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem
Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage
Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung,
daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich
geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche
Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der
Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet
werden.
Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische
Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der
Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder
verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht
mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch,
Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die
Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft
ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden
gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten
niederließ.
Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den
prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten
Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit
theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245
v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in
unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten
Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen
und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer
von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist
die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste
und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der
Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der
Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie
derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt
langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden,
welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre
von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim
aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester
ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?
Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in
Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen
Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung
beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That
greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf
Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den
ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den
neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. --
Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses
zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen
Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von
70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während
ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden,
das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer
Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse
der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf
-- mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und
Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die
Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die
zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern
vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz
erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst
seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?
Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern
versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten,
körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem
transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen
esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die
gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und
Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für
vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen
Geheimlehren gehalten werden dürfen. -- Zuvörderst muß ich jedoch zum
besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des
Menschen nach dem Tode schildern.
Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines
Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen
Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:
»Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich,
gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele
Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich
in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel.
Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als
Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu
Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.«
Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die
Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem
Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe
Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch
die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des
Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die
Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit
ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt,
befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung
sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und
Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den
irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der
Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der
Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer
Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:
»Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn
der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und
Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der
Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.«
Der Glaube an »ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der
Frevler«, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das
nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses
Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen
Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel
in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem
Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt
wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der
Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine
Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt
eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale.
Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige
Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer
Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.
Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal
sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die
verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen,
während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister
anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das
transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an
die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie
mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der
heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin
und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die
verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten,
und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch
und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten
schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem
zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer
Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die
Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in
glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in
kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu
Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in
Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit
Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus
dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint
jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in
der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch
anders gelautet haben.
Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so
harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter
erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.
Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein
und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt
vor.
Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter erscheinen, seine
Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns
wieder im Gnostizismus. -- So sagt St. Pachomius:
»Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel.
Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine
schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen
des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper
mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel
hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er
die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen
unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den
Sphärenwohnungen.«
Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische.
Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen
Totengenien.
Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte,
daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute
Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen
konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese
antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch
nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in
das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und
bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner
Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur
das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der
Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen
und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen
nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere
Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch
begegnen.
Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als
Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch
das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das
Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten
wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von
der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti,
gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris,
sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.
Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten
etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und
Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das
Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt
verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen,
welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus
Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.
Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre
macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte.
Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den »Weg, der
unter der Erde ist«. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er
ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht
sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region
der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner,
die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen
vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen »die armen Seelen des Fegfeuers«.
Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der
Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu
verrichten, »zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu
führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt«. Alles Arbeiten,
welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur
»vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten«, wie es auf den Texten der
Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so
genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner
Mutter, fast stets darin bemerkt ist, »Licht ausgestrahlt«, das heißt, daß
er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären
sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti
noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade
deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte
Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti
aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge
der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine
Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und
allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der
das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er
rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, -- Abenteuer, die zwar
recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu
Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach
Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam
um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch
diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.
Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti,
wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder
auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen
Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren,
Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König
Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne
Darstellung des Amenti.
An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am
Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein,
gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt
er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die
Barke, um auf dem »Wasser des Friedens« zu fahren, vorbei an Städten und
Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den
Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer
darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und
ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen,
die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit,
ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er
in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem
Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er
nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte
dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber,
verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.
Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern
scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie
alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur
All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand.
Maspero sagt:
»Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht
unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe
der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft« (richtiger: Dämon = +chu+),
»sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.«
Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. --
Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die
Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene
dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf
einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen
Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus
führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form
und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus
vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie
zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im
alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es
z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:
»Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte,
mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs
Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war,
um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen,
als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht
mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er
berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.«
Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf
Holzsärgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern
sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:
»Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es
wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch
von der verborgenen Wohnung.« (Ferner Kapitel 133:) »Laß dieses Buch keines
Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen
Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es
verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten,
wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf
ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.«
Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im
Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht
über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der
Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund
war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es
wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der
Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der
Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.
Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für
die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des
Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im
Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen
der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt
uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei
den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van
Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei
Paracelsus ausgeprägt.
Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer
Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen Priesterlehre.
Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des
Menschen nennen.
Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch +chat+,
hebräisch +guf+, bei Paracelsus »Elementarleib« ausgehend, finden wir als
das zweite, das Leibesleben, ägyptisch +anch+, hebräisch +coach ha guf+,
bei Paracelsus »der Archäus« oder die »Mumia«. Dieses +anch+, Leben, wurde
als Hauch und Lebenswärme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den
Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von
neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen
den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden
Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels
mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem
Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der
Verstorbene nicht ein +anch+, ein körperlich Lebender, sondern ein +sahu+,
ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: »Es macht
ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst.« Bei einer ähnlichen Abbildung
lautet die Beischrift: »Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich
zu ihrem göttlichen +sahu+.«
Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus »der
siderische Mensch«, »Astralleib« oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe
+ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über
den +ka+ ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten
worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des
Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklärt. Pierret
widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die körperliche
Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man
die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß
beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. +Ka+ ist
die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger
stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten
Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die körperliche
Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht
somit vollständig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+.
Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung
zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der
astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten
Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den
höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß
angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der +Habal de garmin+
der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+,
bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die,
wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette,
welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem
baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es
im Texte heißt, daß er sich »in den Leib versenkt«. Einige Zeilen weiter
heißt es: »(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das
Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.« Dieses Leben also, das Resultat
des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl für übereinstimmend
mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden.
Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala +Ruach+, bei
Paracelsus »der tierische Geist«. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz
dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemütes, des
Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im
Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele,
sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke
der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen.
Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch
aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben,
wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar
geschieht dies, wie es dort heißt, »zum Besten seines +ka+«, seines
Astralleibes. Dieses »zum Besten seines +ka+« ist insofern wichtig, als
daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der +ka+, der Astralleib, als die
körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.
Der fünfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die
»verständige Seele«, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und
Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit
Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele,
ägyptisch +bai+ heißt. Da nun aber das griechische Wort %psychê%
verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemüt (+mens+) und
Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber
die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da
ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder
Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für +bai+ nur die Bedeutung
Verstand (+ratio+) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem
+Neschamah+ der Kabbala paßt.
Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des
+Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der
+Neschamah+. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der
Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt
die unbewußte, die transscendentale Person.
Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus
»Geistesseele«, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben
durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt
(ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den %skiai%
und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der
Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden
kann. Der +cheybi+ wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen
und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die
Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls
bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja
als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.
Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen
der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein
Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrönt abwechselnd
mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.
Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren
+jeschida+ und »der göttliche Gedanke« der deutschen Mystik, oder bei
Paracelsus »der Mensch des neuen Olymps«, ägyptisch geschrieben durch die
Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: »Der Leuchtende, Strahlende« ist. Es
ist der »Geist« im höchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+
vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten
(für welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch
mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute
oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen
drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %êrôes% und
%psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+
zu sein.
Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien
in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92.
Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die
geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen
Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend,
zum oberen fortschreitend. So heißt es: »Nicht werde meine Seele gefangen,
nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+,
meinem +cheybi+ und meinem +chu+«. Dieses also sind die drei obersten
Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: »Der Weg der Bösen sei abgelenkt
von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+.« Hier sind also der 3., 5.
und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der
körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade,
außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner
Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt
in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf,
welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath
überreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen
+ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+.
Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen,
daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger
unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland
seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze,
Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den
griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll
ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn
gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien.
Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte,
was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten
besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen
Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er
verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den
Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen
Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem
die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren
vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in
verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach
ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit
Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl
vertraut wurde.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell
Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit
mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die
deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung
durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit
schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders
hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in
diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem
nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr
auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst
in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der
ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung
einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen
durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die
daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung
des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings
je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet
wurde.
Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische
Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um
1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen
haben dürfte: darüber läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte
gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen
Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern
des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in
deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf
dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse
war, die Worte geschrieben:
»Keiner lüftet jemals meinen Schleier«.
Fünftes Buch.
Der Occultismus der Hebräer.
Erstes Kapitel.