Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]

Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und

die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht

ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen

Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter

Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern

Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen

Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem

Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage

Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung,

daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich

geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche

Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der

Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet

werden.

Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische

Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der

Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder

verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht

mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch,

Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die

Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft

ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden

gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten

niederließ.

Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den

prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten

Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit

theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245

v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in

unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten

Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen

und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer

von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist

die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste

und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der

Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der

Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie

derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt

langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden,

welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre

von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim

aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester

ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?

Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in

Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen

Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung

beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That

greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf

Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den

ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den

neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. --

Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses

zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen

Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von

70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während

ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden,

das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer

Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse

der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf

-- mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und

Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die

Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die

zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern

vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz

erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst

seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?

Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern

versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten,

körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem

transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen

esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die

gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und

Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für

vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen

Geheimlehren gehalten werden dürfen. -- Zuvörderst muß ich jedoch zum

besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des

Menschen nach dem Tode schildern.

Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines

Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen

Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:

»Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich,

gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele

Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich

in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel.

Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als

Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu

Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.«

Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die

Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem

Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe

Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch

die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des

Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die

Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit

ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt,

befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung

sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und

Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den

irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der

Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der

Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer

Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:

»Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn

der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und

Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der

Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.«

Der Glaube an »ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der

Frevler«, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das

nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses

Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen

Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel

in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem

Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt

wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der

Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine

Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt

eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale.

Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige

Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer

Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.

Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal

sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die

verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen,

während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister

anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das

transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an

die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie

mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der

heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin

und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die

verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten,

und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch

und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten

schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem

zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer

Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die

Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in

glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in

kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu

Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in

Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit

Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus

dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint

jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in

der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch

anders gelautet haben.

Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so

harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter

erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.

Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein

und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt

vor.

Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter erscheinen, seine

Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns

wieder im Gnostizismus. -- So sagt St. Pachomius:

»Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel.

Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine

schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen

des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper

mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel

hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er

die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen

unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den

Sphärenwohnungen.«

Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische.

Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen

Totengenien.

Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte,

daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute

Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen

konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese

antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch

nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in

das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und

bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner

Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur

das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der

Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen

und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen

nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere

Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch

begegnen.

Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als

Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch

das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das

Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten

wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von

der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti,

gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris,

sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.

Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten

etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und

Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das

Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt

verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen,

welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus

Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.

Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre

macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte.

Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den »Weg, der

unter der Erde ist«. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er

ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht

sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region

der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner,

die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen

vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen »die armen Seelen des Fegfeuers«.

Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der

Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu

verrichten, »zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu

führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt«. Alles Arbeiten,

welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur

»vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten«, wie es auf den Texten der

Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so

genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner

Mutter, fast stets darin bemerkt ist, »Licht ausgestrahlt«, das heißt, daß

er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären

sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti

noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade

deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte

Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti

aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge

der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine

Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und

allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der

das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er

rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, -- Abenteuer, die zwar

recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu

Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach

Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam

um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch

diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.

Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti,

wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder

auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen

Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren,

Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König

Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne

Darstellung des Amenti.

An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am

Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein,

gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt

er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die

Barke, um auf dem »Wasser des Friedens« zu fahren, vorbei an Städten und

Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den

Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer

darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und

ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen,

die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit,

ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er

in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem

Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er

nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte

dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber,

verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.

Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern

scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie

alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur

All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand.

Maspero sagt:

»Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht

unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe

der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft« (richtiger: Dämon = +chu+),

»sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.«

Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. --

Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die

Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene

dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf

einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen

Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus

führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form

und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus

vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie

zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im

alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es

z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:

»Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte,

mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs

Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war,

um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen,

als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht

mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er

berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.«

Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf

Holzsärgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern

sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:

»Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es

wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch

von der verborgenen Wohnung.« (Ferner Kapitel 133:) »Laß dieses Buch keines

Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen

Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es

verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten,

wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf

ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.«

Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im

Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht

über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der

Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund

war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es

wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der

Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der

Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.

Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für

die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des

Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im

Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen

der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt

uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei

den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van

Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei

Paracelsus ausgeprägt.

Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer

Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen Priesterlehre.

Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des

Menschen nennen.

Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch +chat+,

hebräisch +guf+, bei Paracelsus »Elementarleib« ausgehend, finden wir als

das zweite, das Leibesleben, ägyptisch +anch+, hebräisch +coach ha guf+,

bei Paracelsus »der Archäus« oder die »Mumia«. Dieses +anch+, Leben, wurde

als Hauch und Lebenswärme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den

Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von

neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen

den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden

Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels

mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem

Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der

Verstorbene nicht ein +anch+, ein körperlich Lebender, sondern ein +sahu+,

ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: »Es macht

ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst.« Bei einer ähnlichen Abbildung

lautet die Beischrift: »Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich

zu ihrem göttlichen +sahu+.«

Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus »der

siderische Mensch«, »Astralleib« oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe

+ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über

den +ka+ ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten

worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des

Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklärt. Pierret

widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die körperliche

Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man

die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß

beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. +Ka+ ist

die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger

stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten

Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die körperliche

Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht

somit vollständig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+.

Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung

zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der

astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten

Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den

höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß

angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der +Habal de garmin+

der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+,

bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die,

wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette,

welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem

baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es

im Texte heißt, daß er sich »in den Leib versenkt«. Einige Zeilen weiter

heißt es: »(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das

Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.« Dieses Leben also, das Resultat

des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl für übereinstimmend

mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden.

Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala +Ruach+, bei

Paracelsus »der tierische Geist«. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz

dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemütes, des

Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im

Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele,

sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke

der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen.

Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch

aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben,

wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar

geschieht dies, wie es dort heißt, »zum Besten seines +ka+«, seines

Astralleibes. Dieses »zum Besten seines +ka+« ist insofern wichtig, als

daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der +ka+, der Astralleib, als die

körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.

Der fünfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die

»verständige Seele«, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und

Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit

Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele,

ägyptisch +bai+ heißt. Da nun aber das griechische Wort %psychê%

verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemüt (+mens+) und

Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber

die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da

ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder

Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für +bai+ nur die Bedeutung

Verstand (+ratio+) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem

+Neschamah+ der Kabbala paßt.

Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des

+Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der

+Neschamah+. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der

Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt

die unbewußte, die transscendentale Person.

Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus

»Geistesseele«, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben

durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt

(ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den %skiai%

und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der

Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden

kann. Der +cheybi+ wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen

und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die

Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls

bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja

als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.

Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen

der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein

Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrönt abwechselnd

mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.

Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren

+jeschida+ und »der göttliche Gedanke« der deutschen Mystik, oder bei

Paracelsus »der Mensch des neuen Olymps«, ägyptisch geschrieben durch die

Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: »Der Leuchtende, Strahlende« ist. Es

ist der »Geist« im höchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+

vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten

(für welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch

mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute

oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen

drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %êrôes% und

%psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+

zu sein.

Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien

in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92.

Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die

geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen

Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend,

zum oberen fortschreitend. So heißt es: »Nicht werde meine Seele gefangen,

nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+,

meinem +cheybi+ und meinem +chu+«. Dieses also sind die drei obersten

Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: »Der Weg der Bösen sei abgelenkt

von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+.« Hier sind also der 3., 5.

und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der

körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade,

außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner

Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt

in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf,

welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath

überreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen

+ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+.

Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen,

daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger

unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland

seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze,

Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den

griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll

ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn

gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien.

Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte,

was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten

besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen

Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er

verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den

Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen

Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem

die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren

vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in

verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher

Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach

ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit

Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl

vertraut wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell

Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit

mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die

deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung

durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit

schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders

hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in

diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem

nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr

auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst

in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der

ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung

einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen

durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die

daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung

des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings

je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet

wurde.

Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische

Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um

1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen

haben dürfte: darüber läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte

gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen

Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern

des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in

deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf

dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse

war, die Worte geschrieben:

»Keiner lüftet jemals meinen Schleier«.

Fünftes Buch.

Der Occultismus der Hebräer.

Erstes Kapitel.

Der Occultismus des Altertums · 第 115 / 155 题