»Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte

übernatürlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nämlich die

Naturkräfte bloß in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzählte Fall

(Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren

zu können. Sie konnte z. B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berührung

ihres Stabes und angeblicher Zaubersprüche innerhalb einer Secunde mit dem

Stumpf wieder so vereinigen, daß auch nicht eine Spur von einer Verletzung

zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch

aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen

Vorderarm zu ersetzen, erklärte sie freimüthig, daß sie es nicht im Stande

sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. -- Über alles

Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende

Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten

Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser förmlich

hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten

blieb von dem großen, starken Mann nicht viel mehr übrig als ein Gerippe.

-- Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes

und kaltes Steinbild im buchstäblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich

überzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Körper ausklopfte und

einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen hätte.«

»Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt;

aber der Hypnotismus, ein neues Wort für alte Thatsachen, reicht hier zur

Erklärung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes

malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der

Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus

dem Brunnen inmitten des großen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das

Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei

bezaubert, mit gellender Stimme Beschwörungen zu singen begann, stockte

dieselbe plötzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein

Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann

löste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der

schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute

eine ganze Reihe verschiedener Zustände und Wirkungen zusammenfaßt, erklärt

sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklähmung Preyers.

Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklärung

muß also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum

führen dürfte, dessen vollständige Kenntniß auch das Können einschließen

und deshalb nur Eingeweihten zugänglich sein würde. Von welchem

Ausgangspunkte aus man eine annähernde Kenntniß zu erstreben haben wird,

läßt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.«

»Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in

Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Bestätigungen viel bisher mit

ungläubigem Lächeln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth

gehaltener älterer Berichte werden zu Tage treten. Es mögen hier noch als

besonders merkwürdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten

occultistischen Vorgänge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten

die Magie und deren Praxis in einem sorgfältig gehüteten geheimen Orden

lehren und ausüben. Der ganze Stamm zerfällt in Akkals, Eingeweihte, und

Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mündlich

überliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford

befindlichen drusischen Bücher und Handschriften enthalten wenig darüber.

Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschäftigte, fand nicht so

viel Zuverlässiges, als Gerard de Nerval (+Voyage en Orient, Paris 1867+),

der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben

manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u. A. auch einen drusischen

Katechismus veröffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann

mit, worin auch merkwürdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und

des Wahnsinnes, erwähnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm

bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige

Beschwörungsformeln und streicht mit der Hand über sie.«

»Ein Engländer, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit

ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, 'dessen Aussage

unbedingten Glauben verdiente', erfahren, daß der Scheik Beschir nicht blos

Wunderheilungen, sondern auch unerklärliche Zaubereien verrichte. So habe

er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe

von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner

Gegenwart zwei Krüge, ein leerer und ein gefüllter, in zwei Ecken des

Zimmers einander gegenüberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung

setzte, über das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem

andern entgegenmarschirte (d. h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt

übergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurückkehrte, von welcher

er gekommen war. -- Durch diese Erzählung neugierig gemacht, beschloß der

Berichterstatter, den merkwürdigen Mann näher kennen zu lernen und

berichtet darüber:«

»Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir

einige seiner Zauberkräfte zu zeigen, von denen ich so viel gehört, und

erklärte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der

unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, außer etwa um Heilungen zu

bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren,

willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststücke zu zeigen ... Er

nahm einen gewöhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwörungsformeln in

denselben hinein und übergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter

den Anwesenden ausgewählt wurden, und die einander gegenüber saßen. Eine

Zeit lang rührte sich der Krug nicht, während der Scheik sehr rasch

hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den

Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer

unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestüm und schien

wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, daß trotz dem kalten Winde, der in

das Zimmer blies, in welchem wir saßen, der Schweiß ihm über das Gesicht

und den Bart strömte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs

langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging.

Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein,

worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann

der Scheik seine Beschwörungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich

der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hörte er auf, nahm den Krug aus

den Händen derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an

mein Ohr, so daß ich deutlich ein singendes Geräusch darin hörte, wie von

kochendem Wasser. Darauf goß er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder

etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit

Wasser füllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, für

den Fall, daß Jemand zu trinken wünsche. Ich hätte vorausschicken sollen,

daß der Krug einer der gewöhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit

mehreren andern an der Thür stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank

der Scheik ganz erschöpft auf den Divan und erklärte, es sei das letzte

Mal, daß er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberkünste verrichte,

außer wenn es einen Kranken gesund machen könne.«

»Der Scheik, berichtet der Engländer, bereitet sich zu den Heilungen durch

längere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht über

die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt

keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von

einem alten Marokkaner erlernt haben; sie könne nicht für Geld erlangt

werden; es lebten jetzt nicht fünfzig Personen in der Welt, welche die

wahre Kenntniß davon besäßen; er selbst sei noch ein Anfänger, da er die

erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil für seine Gesundheit habe

halten können.«

So weit der Engländer.

Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzählung einer Generalin

W. in seinem Werke: »+Sport and Military life in Western India+« --,

übrigens ein Buch, in welchem man nicht leichtgläubige Voreingenommenheit

für die übersinnliche Erklärung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame

beschreibt Fraser als »untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit,

furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter

oder abergläubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er

kenne.« Von Fraser selbst aber sagt u. a. Oberst Malteser +C. B. J.+, daß

er »der offenste und zuverlässigste Mann sei, mit dem er je das Glück

gehabt habe, in Berührung zu kommen.« Fraser giebt die Erzählung der

Generalin folgendermaßen wieder:

»An einem schwülen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres

Grundstücks, als ein Birudge, ein Hindubüßer von mittleren Jahren, mit

Asche bedeckt, auf der Straße daher kam und an mir vorüberging. Dabei sah

er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder

mir zu zeigen, daß er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen

war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir

gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. -- Ich rief eine in

der Nähe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu

geben. -- Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal

steht für mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du

es wünscht, enthüllen. -- Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen

Unterhalt damit. -- Ich kann dies, sagte er dagegen, nur für wenige

Personen, Du aber bist eine derselben. -- Wirklich? Nun dann laß einmal

hören! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde

ich Dich bestrafen lassen. -- Du bist die Frau des General Sahib, Du hast

einen Sohn und eine Tochter! -- Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe

ersteren verloren. -- Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. -- Nun fahre

nur fort. -- Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath

zurückkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr häufig erklärt, niemals wieder

Indien verlassen zu wollen.) -- Nun, wann soll denn das vor sich gehen? --

Sehr bald! -- Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? -- Du wirst; aber

vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! -- Bis

dahin hatte ich ihm gleichgültig zugehört, jetzt aber fuhr ich erbost und

geängstigt auf: Was sagst Du, Elender? -- Nicht ich rede, hohe Frau, nur

Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles

hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. -- Hier, rief ich, ist der

Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, daß wir es nicht

verkaufen werden. -- Er ließ seine Augen schnell an der Reihe der Pferde

entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein

Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.)

-- Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weißt, sage mir doch, ob ich sicher

im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? -- Ja, Du wirst Deinen Sohn

sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er

wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen

und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen,

hierher zurückzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach

einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glücklich sein.«

»Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener

Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte plötzlich der

General, der so oft seinen Entschluß geäußert hatte, nur in Indien leben

und sterben zu wollen: 'Was würdest Du zu einer Tour nach England sagen?

Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert,

wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.'«

»Ich war so überrascht, daß mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich

starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben

Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde

verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein

Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei

vollständiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Höhe des

Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich

bemühte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen

Europäer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich

heraus, daß dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus

den oberen Provinzen berichtet worden war. Hätte ich ihn damals erkennen

können, so wäre ich dadurch gewissermaßen auf das, was folgte, vorbereitet

worden. Zehn Tage später fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in

seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise,

wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam übrigens wohlbehalten

daheim an und es muß sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner

Prophezeiungen erfüllen wird. Jedenfalls sehen Sie, daß ich wieder nach

Indien zurückgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament

des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen.«

Oberst Fraser fügt hinzu: »So weit die Geschichte; sie redet für sich

selbst. Bald nachher hörte ich, daß meine verehrte Freundin, die Generalin,

wieder nach England abgereist ist.« -- --

Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine höchst

bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist,

vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stößt man, die

bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende

Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung ihrer Wirklichkeit führt, wenn

auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelösten Rätseln steht. Wir fahren

mit den Belegen dazu fort.

Was die wandelnden Krüge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser

herbeischleppen und ausgießen, so erinnern sie auffallend an Berichte der

Alten[273] von laufenden Dreifüßen, von Bildsäulen, welche sich automatisch

bewegen und an den Höfen der indischen Fürsten bei der Tafel aufwarten. Das

Bewirken von Ortsveränderungen lebloser Gegenstände ohne Berührung und aus

der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus

letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, daß selbst

Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings

Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich

ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoßen ist, was der

berühmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: »+Le jour, où

l'on ferait bouger un fétude de paille sons la seule action de ma volonté,

j'en serais épouvanté.+« Die ungläubigsten Beobachter haben bei solchen

Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berührung Stühle herbeihumpelten,

Bücher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fußhoch über

den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehören, wie die

durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso

unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen.

Es ließen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe ähnlicher,

genugsam beglaubigter Vorkommnisse anführen; wir übergehen sie und geben

dafür aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schüler

des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten)

occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu höchst interessanten

Ergebnissen geführt haben.

»Sie wissen«, schreibt er an den Direktor der +l'Initation+, »daß dank der

psychischen Kraft, welche aus dem Körper meiner Sensitiven ausgeht, leblose

Gegenstände aus der Ferne und ohne jede Berührung bewegt werden und ihre

Stelle verlassen. Diese Gegenstände bleiben nicht bei der bloßen

Ortsveränderung, sie drehen sich, Kreise beschreibend, um sich selbst,

laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu

ihrem Ausgangspunkte zurück, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit

wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Höhe, springen über

den Tischrand und fallen zur Erde.«

»Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen

befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwürdige

Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung

mittheilt, mit Verstand begabt wäre.«

»Ich stelle zwei Korkstöpsel mitten auf die Tischplatte, 1 1/2-2 Zoll von

einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Küßt euch! Sofort drücken sie

sich aneinander, nachdem jeder die Hälfte des Zwischenraumes zurückgelegt

hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu

gehen. Sie gehorchen pünktlich, trennen sich und, indem jeder eine

entgegengesetzte Richtung einschlägt, bewegt er sich bis an den Rand der

Tischplatte. -- Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu

einander zurück und von Neuem drückt der eine sich an den andern. --

Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort läuft

der treue Korkstöpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der

Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und

bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem

Ausgangspunkt zurück, aber besser berechnend, läuft er mit großer

Schnelligkeit, springt wie eine Gemse über den Rand und fällt zu Boden. Ich

weiß wohl, daß ich da sonderbare, unerhörte, unglaubliche Dinge erzählte,

aber ich übertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe

ich hierfür Zeugen. Bemerken will ich noch, daß meine Sensitiven, während

die Dinge vor sich gingen, sich drei Fuß vom Tischchen entfernt befanden

und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablässig wiederholten

Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um

das Ergebniß zu kümmern.«

Der Umstand, daß die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz

gewöhnlichen Krügen, Stöpseln u. dergl. gemacht wurden, kann dieselben

weder lächerlich machen, noch deren Bedeutsamkeit für die Erkenntnis der

ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im

mindesten schmälern.

Ich wende mich jetzt zu den Berichten über die Fakire Jacolliots, deren

Künste wie die oben erwähnten auf uralten Traditionen beruhen und ähnlich

schon im alten Indien geübt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen

werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren

Kreisen wenig bekannt wurde:

Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Völker, welche am meisten auf die

klassische und moderne Kultur Einfluß übten, wurde am spätesten,

hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier

und die noch älteren Ägypter, Völker mit wesentlich hierarchischen

Verfassungen einer mächtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis

ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Künste,

Meinungen, Philosophie mächtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt

haben, deren Religionsbegriffe z. B. auch in andern Glaubenslehren, die

christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der

Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei

den Indiern wurde dieser Glaube im »Buche der Pitris« zu einem System

ausgebildet. Diese und andere indische Verhältnisse wurden wieder in den

letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in

Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen

über seine Geschichte, seine Altertümer und Religion anstellte. Der Teil

derselben, welcher die Leser näher interessieren dürfte, führt den Titel:

+Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans

l'Inde (Paris 1875)+ und enthält, sich hauptsächlich auf das Buch der

Pitris (Geister) stützend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der

Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes große Ähnlichkeit

haben.

Zum Verkehr mit den Geistern können nur die Eingeweihten, von den Fakirs

an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Büßungen kommt man zu

den oberen Stufen, deren höchste, der Yogi, unermeßlich hoch über den

gewöhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten

sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und

Verdienst, daß gewöhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und

Seelenwanderungen nicht erreichen könnten. Das siebenknotige

Bambusstäbchen, welches schon die Fakirs immer führen, findet man auch bei

den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt;

die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der äußeren

Manifestationen vor. Der oberste Priester führt den Namen Brahmatma. Wenn

der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schülern beginnt, die

gläubig und verehrend zu seinen Füßen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hört!

Während der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf

sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtümer der Erde anzuhäufen denkt, der

Tschatrya (Fürst, Krieger) im Frauengemach schläft, ermüdet aber nie

gesättigt vom Vergnügen, so ist es jetzt für die Gerechten, die nicht von

der unreinen Körperhülle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die

Wissenschaft zu studieren.

Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein

langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden

ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehören die Grihastas, die ihre

Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem

Volk herstellen, keine magischen Phänomene hervorbringen können, sondern

nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen

dürfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche,

bereits den Tempeln zugeteilt, die gewöhnlichen Priesterfunktionen

versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thätig sind, die

Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dämonen vertreiben;

endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer,

welche willkürlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen

am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der

Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer

Behauptung sie ermächtigt sind. Für die Eingeweihten der zweiten Klasse,

der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem

Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre

Manifestationen nur im Innern der Tempel, äußerst selten bei sehr vornehmen

Personen oder bei seltenen öffentlichen Festen hervor, glauben, daß die

sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, daß sie den

Elementen gebieten, ihren Körper verlassen und wieder in denselben

zurückkehren können; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und

kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam für Götter gehalten. Man

sieht, daß daselbst eine durchgeführte priesterliche Organisation besteht

und es wird behauptet, daß in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten

viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche

ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen

vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen

ist. Es war Herrn Jacolliot nicht möglich, über diese verborgenen Vorgänge

sich zu unterrichten, und er kann daher nur über die Fakirs Mitteilungen

machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der höheren Grade wurden

nie aufgeschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt, und das »Buch der

Pitris« schweigt hierüber.

Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum -- etwa

unser Äther -- durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und

unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in

Verbindung; Elektrizität, Wärme, alle Naturkräfte kommen nur durch den

Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine größere Quantität desselben besitzt,

erlangt Macht über diejenigen, welche davon weniger haben, und über die

leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der

Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fühlen die

allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Für

gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der

Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen würden, träte

nicht die grobkörperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd

dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches

Wesen frei macht, desto inniger fühlt sie die allgemeine Strömung, welche

die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.

Allgemein bekannt ist die außerordentliche Geschicklichkeit der indischen

Fakirs, die man gewöhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und

welchen alle asiatischen Völker eine übernatürliche Kraft zuschreiben.

Viele glauben zwar, daß unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu

vollbringen vermögen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten

Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor größeren

Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen

Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroßen, die

Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, weiß nichts von den tausend Geräten

und Apparaten, den Bechern, Büchsen mit doppeltem Boden, Zaubersäcken,

präparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitäten unserer

Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstäbchen, dick wie

ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen

von etwa drei Zoll Länge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er,

als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er

operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des

Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mörtelboden der Veranda, auf der

nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und

somnambulistischer Zustände eine Person nötig, so nimmt er den nächsten

Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder

Europäer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so

ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es

verlangt, um sie kontrollieren zu können, und verlangt niemals eine

Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm für seinen Tempel

giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Länder beobachten diese

Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, daß unsere

Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten könnten?

Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phänomene des

amerikanischen und europäischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie

einen Tisch sich bewegen sehen, der ȟbertriebene Glaube an die

Unsichtbaren« erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des

Katholicismus, daß er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt

zu sein er behauptet, sich nicht entschließen konnte, bei den Vorgängen in

einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach für

Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hörte aber fortwährend

von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery

einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir

bei ihm gemeldet wurde, entschloß er sich doch, ihn zu empfangen, was in

einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf

den Marmorplatten des Fußbodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen

über seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen

Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des großen Oceans.

Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten

Händen und murmelte: Ehrerbietigen Gruß, Herr! Ich bin Salvanidin-Odéar,

Sohn des Canagareyen-Odéar. Der unsterbliche Wischnu beschütze deine Tage!

-- Sei gegrüßt Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar, könntest du

sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und möge diese Transformation deine

letzte sein! erwiderte Jacolliot. -- Der Guru der Pagode hat mir diesen

Morgen gesagt: geh auf geradewohl Ähren lesen längs den Reisfeldern, und

Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir geführt. -- Sei

willkommen! -- Was wünschest Du von mir? -- Man behauptet, Du könntest

leblose Körper bewegen, ohne sie zu berühren; ich möchte gerne dieses

Wunder dich vollbringen sehen. -- Salvanidin-Odéar hat diese Macht nicht;

er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewähren. -- Nun wohl,

Salvanidin-Odéar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! -- Gleich nach

diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte

sein Stäbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat

mich nun, ihm sieben kleine irdene Töpfe mit Erde, sieben dünne

Holzstäbchen von je zwei Ellen Länge und sieben beliebige Blätter bringen

zu lassen. Dann ließ er die gebrachten Gegenstände, ohne sie selbst zu

berühren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten

Armen in eine Linie legen; hierauf mußte der Diener in jeden Topf eines von

den Holzstäbchen stecken und über jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt

stülpen, das am Stäbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel

bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hände über seinen Kopf

und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mögen alle Mächte, die

über das geistige Prinzip des Lebens und über das Prinzip der Materie

wachen, mich gegen den Zorn der bösen Geister beschützen, und der

unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der

Rache Yamas überliefern! -- Dann streckte er die Hände gegen die Töpfe und

blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen

bewegend, als wenn er innerlich spräche.

Plötzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen

Haare bewege und über sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind

nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhänge zwischen den

Säulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals

nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir

seine Stellung nicht verändert hatte; da stiegen langsam die Feigenblätter

an den Holzstäben empor und ließen sich wieder herab, und der Beobachter,

näher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen

findend, fühlte eine gewisse Aufregung; die Blätter unterbrachen ihr Auf-

und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Töpfen und dem Fakir

durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die

Blätter von den Stäben und diese aus den Töpfen und leerte die ganze Erde

auf dem Fußboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, ließ sich aus

der Küche sieben Fußgläser, aus dem Garten Erde und neue Blätter bringen,

teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stücke, die er in die Gläser

steckte, über welche er die durchbohrten Blätter stülpte und fragte nun den

etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte,

ob er glaube, daß seine Geister auch jetzt noch wirken könnten. Der Hindu

antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hände gegen die

Gläser aus, und es dauerte keine fünf Minuten, als das Auf- und Absteigen

der Blätter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn

die Töpfe und Erde für die Hervorbringung des Phänomens notwendig seien,

und als dieser die Frage verneinte, ließ Jacolliot sieben Löcher in ein

Brett bohren und steckte in diese die Bambusstücke. Nach kurzer Zeit folgte

die Erscheinung mit gleicher Regelmäßigkeit und zwar zwei Stunden hindurch

nach vielfach geänderten Versuchen in immer gleicher Weise, so daß

Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken

magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den

Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot

hatte gehört, daß die europäischen Medien sich für ihre angebliche

Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem

Hindu mit und fragte, ob man nicht durch ähnliche Mittel eine Verbindung

mit jenen herstellen könnte. Wörtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du

wünschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Blätter

unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Blätter bewegen, Dir ihre

Gedanken mitzuteilen, so werden die Blätter an den Stäbchen emporsteigen.

Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm

noch ein anderes Mittel ein. Er besaß kupferne Buchstaben und Zahlen auf

Zinkplatten gelötet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer

auf seine Bücher zu prägen, und warf diese nun alle unter einander in einen

kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine

Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig

Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern

heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Blätter

beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim

Buchstaben +A+ die Blätter schnell bis zum Gipfel der Stäbchen

emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen

blieben, in welchem die Stäbchen steckten. Jacolliot fühlte sich bewegt,

denn +A+ war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der

Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefüllt, und nach und nach,

Buchstaben für Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:

+Albain Brunier, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er

mußte, unfähig, die Beobachtungen diesen Tag länger fortzusetzen, den Fakir

für den nächsten Tag zu sich laden.

Nachdem er einen Teil der Nacht über diese Dinge nachgedacht, dann in der

folgenden Sitzung die Phänomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte

wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen,

richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung

ein. Er änderte nämlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er

meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe

Prozedur wie am vorigen Tage die Namen:

+Halbin Pruniet, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ändern, gelangte

aber nicht dazu, sondern erhielt wieder:

+mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Vierzehn Tage nacheinander ließ Jacolliot den Fakir kommen, welcher die

größte Hingebung bewies, und veränderte fortwährend seine Versuche, bald

erhielt er Änderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz

unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des

Todes, nie aber eine Änderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der

Voraussetzung einer natürlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die

Blätter in Verbindung setze, schloß, daß er vielleicht sein Wissen der

wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten genügend isoliren

könne. Er wiederholte dann noch öfter zu verschiedenen Zeiten mit

verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu

gelangen. Während einesteils die materiellen Phänomene sich sozusagen

konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in

Übertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen

Willen eingetretene Verschiedenheit.

In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewöhnlichen

Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, während die andere mit 80

Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hände flog ein

Blumenkranz in die Luft; man hörte in dieser unbestimmte Töne, und eine

ätherische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phänomene, die

Jacolliot damals für reine Phantasmagorie hielt und von denen später noch

die Rede sein wird. Die erwähnten materiellen Phänomene ließen auch bei der

strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der

psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unveränderliches erhalten und

neigt sich mit Ausschluß aller natürlichen Einwirkung zu der Ansicht, daß

die Phänomene auf einer »fluidischen Gemeinschaft« zwischen ihm und dem

Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die

Studien über das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser

Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den

Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm über die materiellen

Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das über diese

fremdartigen Gegenstände Gefundene später bekannt zu machen, wobei er sich

jedoch bloß als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu

keiner wissenschaftlichen Ansicht hierüber kommen konnte.

Jacolliot glaubt jedoch, daß in der Natur und im Menschen, der in der Welt

doch nur ein Atom ist, unermeßliche Kräfte liegen, deren Gesetze man jetzt

noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und daß die Zukunft Dinge als

Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt für Träumereien hält, und

Phänomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man könnte

vielleicht einwenden, die Indier hätten seit tausenden von Jahren nicht

vermocht, die Gesetze jener Phänomene festzustellen und man solle seine

Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter

den religiösen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens

weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prüfung, und was hat, fragt

Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundsätze aus dem Text der Bibel

holte, von Wissenschaft zu Tag befördert? Man hat in den Pagoden die

Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch

einige Äußerungen der Elektrizität beobachtet, ist aber weder zu

Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von

sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das,

was er in Indien sah, bringt Jacolliot schließlich zum Ausspruch, daß im

Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein müsse, die unter einer

unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze

durch vorurteilsfreie Männer studiert werden sollten. Und ist es am Ende

nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt,

die Tempelpriester der alten Völker in den Stand setzte, der Menge durch

angebliche Wunder zu imponieren? Dann wäre manches begründet, was uns in

den alten Überlieferungen geboten wird, und neben abergläubischen

Vorstellungen hätten wir auch reale Wirkung einer natürlichen Kraft vor

uns.

Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt über diese Gegenstände 1866 in

Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch für den Druck

vorbereitete, anfänglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrücken, weil er,

der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen,

bemerkte, daß er doch Partei für eine nach seiner Meinung eine natürliche,

in Wahrheit jedoch übernatürliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe.

Da bekam er durch Gefälligkeit des Dr. Pual den bekannten Artikel von

Crookes über die sogen. psychische Kraft im »+Quarterly Journal of

Science+« zu lesen, der während seines Aufenthaltes in Indien erschienen

war, und geriet in Erstaunen, als er sah, daß der berühmte englische

Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen

förmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre früher nur vermutet

hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es

ursprünglich geschrieben worden war und demgemäß auch seine hier folgenden

Erfahrungen mitzuteilen.

Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr

noch größer als bei uns, aus der Sprache nüchterner und objektiver

Erzählung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen

scheinen könnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem

landesüblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajüte, von Tschandernagore auf dem

Hugly ab und gelangte 14 Tage später nach der heiligen Stadt Benares. Zwei

Eingeborene, nämlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein

Bootsführer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung

des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der großen

Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzählige

Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den

Minaretstürmen der Mohammedaner, welche über die Massen der Paläste

emporragen, den zahlreichen mächtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum

Ganges hinabführen, an dessen gekrümmten Ufern sich die Stadt in einer

Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. Überall lange Arkaden, von

Säulen gestützt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das

üppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbäume, vielfach mit

vielfarbigen Blütentrauben bedeckt, Gärten voll Blumen in weiten Höfen.

Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz

unregelmäßigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien

zusammenströmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so daß die

Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome

verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfürsten

kennen gelernt, der sich nach Benares zurückgezogen hatte und ihm nun ein

Quartier in seinem prachtvollen siebenstöckigen Palast am Strome, links von

der berühmten Moschee Aurengzebs, anwies.

Es ist nicht selten, daß indische Große ihre letzten Jahre in Benares,

zurückgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es

solche, welche in kleinen Säcken die nach der Leichenverbrennung

gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen,

welche die Reise bezahlen können, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu

werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu

sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt

Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des außerordentlichsten Fakirs, den

er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam,

nicht weit von Kap Comorin, der Südspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die

Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute,

Commutys, nach Benares zu bringen. Der Fürst, dessen Familie aus dem Süden

stammte, war gewöhnt, in den Nebengebäuden seines Palastes die Pilger von

Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und

hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhütte am Ufer

angewiesen, wo er während einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag

morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot

von seinem guten Willen überzeugt hatte, ließ er ihn eines Tages um die

Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in

ein Zimmer führen, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den

Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen höchst angenehme Kühlung

verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden

gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten

könne? -- Ich höre, war die Antwort. -- Weißt Du, fuhr Jacolliot fort, ob

in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phänomene hervorbringst, und

hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung

erhalten? -- Es ist nicht eine natürliche Kraft, die wirkt, antwortete

Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es,

welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. -- Eine Menge Fakirs,

welche Jacolliot über den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die

gleiche Antwort, und er ließ nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen.

Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hände in der

Richtung gegen eine große, mit Wasser gefüllte Bronzevase aus. Kaum nach 5

Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich

ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nähern, und im Maße wie

ihre Entfernung von ihm abnahm, hörte man mehr und mehr metallische Töne

aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen würde, und diese

Töne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so

rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot

verlangte, die Operation leiten zu dürfen, was der Fakir ohne weiteres

zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflußt, rückte vor oder wieder

zurück, oder blieb ruhig, und die Töne stellten ein ununterbrochenes Rollen

dar, oder folgten sich langsam und regelmäßig, wie die Stundenschläge einer

Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot äußerte; auch geschah eine

bestimmte Zahl von Schlägen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel

einer Musikdose, welche sich im Palast befand, für die die Hindus so große

Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischütz, dann

den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlägen begleitet.

Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern,

und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale

und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den

morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte,

wenn ganz leer, ein solches Gewicht, daß kaum zwei Männer sie bewegen

konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und

stützte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen

Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne daß ihr

Fuß, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte,

das geringste Geräusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in

Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker

Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behälters fortwährend

geänderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal während dieser Schwankungen erhob

sich die Vase ganz über den Boden, 7-8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen

wieder zurück ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Stoß. Die sich gegen den

Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die

Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht

zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre

weltliche verloren hatten, -- und den Fakir, sich im Sivatempel durch die

üblichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die

er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfüllen hatte. Er

versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu

kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im

Süden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in

Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich über sein

wunderbares Heimatsland voll alter Denkmäler und herrlicher Vegetation, und

über die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten

konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung

eingeweiht worden war.

Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nächsten Tage geschehen, und

hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er

plötzlich auf, näherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser

gefüllt war, hielt seine Hände über dieses, ohne es zu berühren, und blieb

unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwächer war, verfloß eine

Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem

leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hände auf den

Rand des Gefäßes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf

das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, daß

die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten

und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die

Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung,

überflutete die Hände des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein

bis zwei Fuß hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hände vom Wasser

zurückzuziehen, so ließ dessen Bewegung allmählich nach, näherte er sie

wieder, so nahm sie aufs neue zu.

Der Hindu bat um ein kleines Stäbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch

nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und

der nach einigen Minuten den Händen des Fakirs folgte, wie man eine

Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu führen

vermag. Dann legte er äußerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die

Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das

Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs

Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche.

Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon

gebracht hatte, stützte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur

Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmählich,

die eine Hand auf den Kopf gestützt, mit nach orientalischer Weise

gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fuß über den Boden erhob, dabei unbeweglich

bleibend in einer Stellung, ähnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt

alle Touristen aus dem äußersten Orient mitbringen, während die meisten

dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden.

Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir über

20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gänzlich widersprechenden

Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kündigte er

Jacolliot an, daß in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den

kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen würden, er

die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im

Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen würden. Um gegen alle

Täuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das

Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsführer) und seinen Leuten die Nacht

zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin

und besteht aus sieben übereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich

gegen bedeckte Gallerien und Terrassen öffnen. Die Stockwerke sind auf

sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten führt

nämlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nächste obere, und am

andern äußersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten

Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron

durch Ketten, nach Art einer Zugbrücke aufhebbar, in das siebente Stockwerk

führt, welches letztere, halb orientalisch und halb europäisch möbliert,

der Peischwa seinen fremden Gästen anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die

Zimmer genau untersucht, die Zugbrücke aufgehoben hatte, war alle

Verbindung nach außen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene

Stunde, er höre deutlich zwei Schläge gegen die Mauer seines Zimmers, und

als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der

Glasglocke zu kommen schien, welche die Hängelampe gegen die Mücken und

Nachtschmetterlinge schützte, dann noch Geräusch in den Cedernbalken der

Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es

war eine der Silbernächte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges

breitete seinen ungeheuren Teppich zu Füßen der schlafenden Stadt aus, und

auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von

Trivanderam, welcher für die Ruhe der Toten betete.

Jacolliot konnte sich nicht überzeugen, daß für die Hervorbringung der so

oft von ihm gesehenen Phänomene die Theorie der Hindus, nach welcher die

Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber

wiederholt, daß niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten

Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phänomene nicht von ihrem

religiösen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nächsten

Abend wieder erschien, die Geräusche, welche Du angezeigt hast, haben sich

vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. -- Der Fakir ist nichts,

antwortete Covindasamy höchst kaltblütig, er spricht die Mentrams und die

Geister hören ihn. Es waren die Manen Deiner französischen Vorfahren,

welche Dich besucht haben. -- Du hast also Macht auch über fremde Geister?

-- Niemand kann den Geistern gebieten. -- Ich meine, wie können die Seelen

der Franguys die Bitten eines Hindu erhören, sie sind ja nicht von Deiner

Kaste? -- Es giebt keine Kaste in der obern Welt. -- Es war diesmal so

wenig als ein andermal möglich, Covindasamys Überzeugung wankend zu machen;

er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und

setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme über die

Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was

Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch

Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz

unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geräuschlos in kleinen Rucken von

etwa 10 Centimeter über den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das

Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rückwärts

bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das

gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Höhe des Schemels über dem

Boden. Die Hitze war an diesem Tag außerordentlich, die kühlende Brise,

jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch

bewegte zur Abkühlung nach Leibeskräften über den mittelst eines Strickes

aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fächer, der an

einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehängt war. Der Fakir

ließ sich den Strick geben, stützte beide Hände auf die Stirne und kauerte

sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne daß Covindasamy eine Bewegung

gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand

bewegt, zu schwingen anfing. Ließ der Zauberer den Strick fahren, so

bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still

stand. Von drei Blumentöpfen auf der Terrasse, so schwer, daß Manneskraft

zur Hebung von einem erforderlich war, wählte Covindasamy einen, legte

seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmäßiges,

pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien

Jacolliot der Topf sich über den Boden zu erheben und nach dem Willen des

Fakirs hin und her zu gehen, ein Phänomen, was Jacolliot auch sehr oft am

hellen Tag gesehen hatte.

Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als möglich den Lebensmagnetismus und

Somnambulismus erklärt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch

Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierüber

Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstände durch Zauberer fest an

den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem

sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder

auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm

einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und

Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und

fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen könne, daß er nicht

anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hände auf die obere

Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er

lächelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen

Gueridon ohne ihren Willen verrücken. Jacolliot versuchte dieses, aber das

Möbel verrückte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden

befestigt wäre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die

obere zerbrechliche Platte in den Händen. Als er mit den ein Kreuz

bildenden Füßen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Geräte durch

die Hände des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht

mehr erneuert werde, so müsse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt

werden können. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen,

und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Möbel verrücken,

was Covindasamy damit erklärte, daß die Geister abgegangen seien. »Aber

höre, sie kehren wieder zurück.« Mit diesen Worten legte er seine Hände auf

eine der gewaltig großen silberplattierten Kupferplatten, welche die

reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast

augenblicklich hörte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von

Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war,

eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flämmchen zu

sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte

wieder zurück.

Auf den Gestellen dieser halb europäisch, halb orientalisch möblierten

Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmühlen, welche

Schmiedehämmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grünen

Bäumchen, ein frühes Spielzeug der Kinder, und andere Nürnberger Waren,

dazwischen wieder wertvolle und künstliche Dinge, alles durcheinander.

Jacolliot nahm eine kleine Mühle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt,

diese einigen Persönchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne

Berührung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloßes Darüberhalten

seiner Hände, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hände

näherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dünnen Schnur an einen der

eisernen Griffe der Terrasse auf, so daß sie etwa zwei Fuß über dem Boden

schwebte, und bat den Zauberer, Töne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu

berühren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hände die

Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, völlig

unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument,

das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hörte

langgezogene reine Töne, doch keine Akkorde. Könntest Du nicht eine Arie

erhalten? fragte Jacolliot. -- Ich will den Geist eines alten Musikers der

Pagoden anrufen, erwiderte dieser höchst kaltblütig. Das Instrument hatte

nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es

sich, gab zuerst wie präludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz

entschieden eine der populärsten Arien der Malabarküste, deren Anfangsworte

lauten: Bringe Kleinodien für die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz

unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern;

Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedürfnis

sich auf- und niederbewegen.

Es war für Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in

Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern

im Gebet verharren mußte, um dann nach Trivandaram zurückzukehren. Aber

zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht

widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen

war, habe in der Sprache mit Dir reden können, die meine Mutter brauchte,

als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen

nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages

Covindasamy die Terrasse verließ und in einem Gefäß vielfarbige Federn der

merkwürdigsten indischen Vögel sah, ergriff er davon eine Hand voll und

warf sie so hoch als möglich über seinen Kopf, und als sie herab kommen

wollten, machte er mit den Händen Luftstriche unter ihnen, und sowie

letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und

stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der

gleichen Richtung, aber einen Augenblick später wollten sie, der Schwere

folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hälfte des Weges

angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal

erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber

bald blieben sie vollkommen unbeweglich hängen und gewährten durch ihre

Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben

einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen

sie träg zu Boden, wo sie Jacolliot längere Zeit liegen ließ, um sich zu

überzeugen, daß er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phänomene nicht das

Opfer einer Hallucination geworden sei.

Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag

für zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei

voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche

ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets

unvergeßlich bleiben würden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein

Säckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der

Hand zu einer gleichförmigen Fläche von etwa 50 Quadratcentimeter

ausbreitete. Dann ließ er an einem Tisch gegenüber mit Papier und Bleistift

Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stückchen Holz, worauf ihm Jacolliot

einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandfläche legte. Ich

rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen

Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, daß sein eines Ende mit

dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen

machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann

seine beiden Hände wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen,

worauf in kürzester Zeit der Federhalter sich allmählich erhob und zu

gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren

zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so

stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot

wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb

vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, daß der Fakir nicht einmal

die Bewegungen sehen könne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf

eine Stellung an, wo dieses unmöglich war, untersuchte hierauf die

Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der

Fakir, nachdem er den Sand wieder geglättet hatte, forderte Jacolliot auf,

sich ein Wort in der Göttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen

Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, daß die Geister sich leichter

dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot,

der mit Covindasamy über dessen religiöse Anschauungen diskutierte, dachte

sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und

schrieb alsbald: +Purucha+ (der himmlische Erzeuger), das Wort, was

Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: »+Adicêtê Vaicuntam

Haris+ (Vischnu schläft auf dem Berge Veikunta)«, die Jacolliot zu denken

aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Könnte mir wohl der Geist, der

Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von

Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der

Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben für Buchstaben jener

Strophe: »+Darmaprâ dánam purucham tapasâ hatakilvisam paralôkam nayati

âcou bâsuantam kaçarininan+ (der Mensch, dessen sämmtliche Handlungen auf

Tugend zielen, dessen Sünden durch fromme Akte und Opfer versöhnt werden,

gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen

Leibe bekleidet).« Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes

Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches

das erste Wort der fünften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der

Federhalter schrieb »+Devadatta+ (von Gott gegeben)«, und es war so. Willst

Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte

einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: »+Vasundara+

(die Erde).« Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere

gemeinschaftliche Mutter?

Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr groß, der

Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem

Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der

Wasser aus einem Brunnen schöpfte und es in eine Bambusleitung goß, die in

einen Badesaal ausmündete. Covindasamy streckte seine Hände in der Richtung

des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der

Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwärtigkeiten

den bösen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesänge zu

vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte

in dem scharfen näselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen

Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken,

und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach

einigen Minuten ließ der Fakir seine Hände sinken, und der Koch erhielt

seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte über

die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hören, so tief war er in sich

selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fächer von Palmblättern von einem

Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fächeln,

und glaubte harmonische Töne einer Menschenstimme zu hören. Als der Fakir,

Abschied nehmend, die Hände über die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der

Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron führte, erhob er sich

ohne alle Stütze 25-30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal

genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der

als Thüre diente und weiße und Goldstreifen hatte; die Füße des Fakirs

waren beim nächsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und

Wiederherabkommen währte etwas über 8 Minuten, das Beharren im Maximum der

Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phänomen willkürlich

hervorbringen könne, antwortete er mit orientalischer Emphase: »Der Fakir

könnte sich bis in die Wolken erheben.« Obschon er sich schon oft nur als

ein Werkzeug der Geister erklärt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder

nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf

Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man muß durch Gebete und

Betrachtung mit den Pitris in beständiger Verbindung bleiben, dann steigt

ein hoher Geist vom Himmel herab.

Jacolliot sah schon öfter die Leistungen der Fakire, einen Einfluß auf das

Pflanzenwachstum in der Weise üben, daß dadurch, wie sie behaupten, in

wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre

erfordern, wie ähnliches der Missionär Juc auch aus Tibet berichtet.

Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr künstliches

Taschenspielerstückchen betrachtet, demselben daher keine nähere Beachtung

geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen

Fähigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf

wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem

Ansinnen zu überraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewöhnlichen

einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. -- Wirst Du mich auch die

Erde, das Gefäß und den Samen wählen lassen, den Du vor mir treiben lassen

willst? -- Das Gefäß und den Samen ja! Die Erde hingegen muß aus einem

Nest der Carias (Termiten) genommen sein. -- Der Kammerdiener wurde

beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen,

und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen,

denn sie ist durch den mörtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie

Mauerstücke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand,

und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, daß er mit

dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die

derselbe mit etwas Wasser anrührte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann

verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weißen Stoffes.

Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte

ihn, ob er ihn zeichnen dürfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot

die äußere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Kürbiskern ähnlichen,

nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und übergab ihn nebst einigen

Ellen Moskitotuch dem Fakir. -- Ich werde bald den Schlaf der Geister

schlafen, sagte dieser, schwöre mir, weder mich noch die Vase zu berühren.

Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem

flüssigen Schlamm ähnliche Erde, stieß dann sein Stäbchen mit sieben

Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen

Winkel der Vase und breitete über ihn das Mousselinstück aus. Dann kauerte

er sich nieder, streckte beide Hände horizontal über den Apparat und

verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die

Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun könnte, und selbst nach

einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte

durch die Hitze gebräunte und glänzende Körper einer Bronzestatue glich,

wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der

Beobachtung halber ihm gegenübergesetzt hatte, den Blick dieser

halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung

-- der Fakir mit -- vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu

gespannten Aufmerksamkeit, und er mußte sich an das Ende der Terrasse

setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich

nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war

wieder zum Bewußtsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nähern, hob

das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stämmchen des

Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Höhe. Jacolliots Gedanken erratend,

griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an

dem Häutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten

Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht

gewußt, was von ihm verlangt würde; er konnte nichts unter Kleidern

verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, daß

Jacolliot, der ihn während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen

hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes wählen werde. Es sei dies

einer von den Fällen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken

vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem

der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er

nicht ohne Stolz: »Hätte ich die Anrufungen fortgesetzt, so würde der

Melonenbaum in 8 Tagen Blüten und in 14 Früchte gehabt haben.« -- An die

Erzählung von Huc und an gewisse Phänomene denkend, die Jacolliot selbst in

Carnatic gesehen, sprach er, es gäbe Zauberer, die das Gleiche in zwei

Stunden hervorbringen könnten. -- »Du irrst, erwiderte Covindasamy, das,

wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bäume durch die

Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris

gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blüte und Frucht

erzeugen können.« -- Jacolliot macht darauf aufmerksam, daß unter dem

Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Küchenkräuter um die Morgenröte

in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich säet, die Pflänzchen schon

um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen

Centimeter hoch sind, daß aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage

zur Keimung braucht.

Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewöhnlich

schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der

Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstück, und gewöhnlich

seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstäbchen

mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. --

Nichts Unreines, sagte er, darf den Körper des Anrufenden berühren, wenn er

seine Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen

Stärke erhalten will. -- Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die

von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche

Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der

Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter

sich zusammenhängend, waren nach außen vollständig abgeschlossen, in jeder

der beiden Lokalitäten brannte eine Hängelampe mit Kokosöl, in ein

Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Häusern findet man kleine

kupferne Kohlenbecken, beständig mit glühenden Kohlen gefüllt, um darauf

von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz,

Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken

auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem

wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit

gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in

einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann

unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stäbchen

gestützt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch

Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mußte Jacolliot erzittern,

denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus

der nach allen Seiten hin rasch Hände hervorkamen und wiederum in sie

zurückgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hände ihr

dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaßen materialisierend,

menschlichen Händen, während die andern leuchtender wurden; erstere waren

undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, daß man

Gegenstände hindurchsehen konnte; Jacolliot zählte im Ganzen sechzehn. Kaum

hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht möglich wäre, diese Hände zu

berühren, so löste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und

drückte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie

die Hand einer jungen Frau. -- »Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner

Hände sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es

wünschest.« -- Jacolliot fragte lächelnd, ob der Geist, dem diese kleine

Hand gehöre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fühlte darauf jene

Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine

Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Füßen warf, worauf sie

verschwand. Während zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die

Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder

fächelte ihm mit einem Fächer, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen

Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche

verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte

Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der

Sanskritsprüche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete,

lauteten: +Divyavapur gatwâ+ (Ich habe einen fluidischen Körper angenommen)

und unmittelbar darauf schrieb die Hand: +Atmâram crêyasa yoxyatas

Dchasya'sya vimô canat+ (Du wirst das Glück erlangen, wenn du dich von

diesem vergänglichen Körper losmachst). Nach und nach verschwanden die

Hände, die Wolke hatte in dem Maße abgenommen, als die Hände sich zu

materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war,

fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die

Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.

Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hände, während der Fakir seine

Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke

neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu

stets mit Glut gefüllt erhalten hatte, und allmählich nahm diese Wolke

menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden

Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem

Wischnu heiligen Zeichen, seine Hände hielt er vereinigt wie beim Opfern

über den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem

gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers

und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Räume

erfüllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor

sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grüßend in

die seine faßte und -- obwohl knöchern und hart -- doch warm und lebend

fand. »Bist du wohl, fragte er laut, ein früherer Bewohner der Erde?« Und

kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glänzend

wie Phosphorlicht das Wort +Am+ (Ja) erschien und sogleich wieder

verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: »Willst du mir kein Zeichen

deines Vorübergangs hinterlassen?« zerriß der Geist seinen aus drei

Baumwollenschnüren gemachten Gürtel, gab ihm denselben und verschwand zu

seinen Füßen.

Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer

nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine

bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage

vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa

des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den

Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie

aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den

Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher,

die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne

hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand

es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte

Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle

Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich

gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden

seine Reise antreten. -- »Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit

dem Namen seiner geliebten Heimat anredend --, und möge der, welcher die

drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit),

Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest

Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner

Hütte gewohnt haben.« -- Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem

Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es

anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen

letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der

ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf

demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der

Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um

den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen

und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen

Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum

und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen

bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem

Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner

Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig

entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur

nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu

besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in

einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der -- mit Forts versehen --

Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in

die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über

der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem

Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt,

die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken

Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte

massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt;

auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in

seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen

bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit

ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von

Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken

eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der

ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun

eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche

schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und

leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern

hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um

nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner

gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird,

magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch,

und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange Zeit

physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist.

Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen

erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen

unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap

Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon

ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe

auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte

ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy

von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast

verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte,

welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren:

»+Divyavapur gatwâ.+ Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.« Es war

von ihm, den sie nur »Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli«

nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden,

sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. --

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu

lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene

stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich

vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer

Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise

stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen

sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des

Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen

Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht

mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die

spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen

Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig

erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen

gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische

Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte

Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als

Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten

Angaben, daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung

entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die

hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei

diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze

gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen

mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur

Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr

eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem

Verständnis der Lebenden näher zu bringen. -- Was aber die Fakirs,

Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche

nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln,

und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen

Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken.

Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist,

in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge,

wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in

der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten,

und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande,

als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die

Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung

für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie

gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind,

von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und

Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie

viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein,

die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen

des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist,

so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste

Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege

nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die

Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden

behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche

Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und

so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung

wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück

nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der

Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die

vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden

oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von

welchem aus sie zu würdigen sind.

Eine spezielle göttliche Einwirkung muß man wohl bei ihnen allen

ausschließen; es erfolgen diese Vorgänge bei einer Gesetzmäßigkeit, wie sie

durch die Weltvernunft für alle Gebiete des Seins festgestellt, aber für

das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr

wunderbar, aber kein Wunder im populären Sinn des Worts, wofür sie freilich

der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber

ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gänzlichen Unkenntnis dieses

Gebietes mit dem Schlagwort »Betrug« die Thatsachen vernichten zu können

glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmöglichkeit

mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen

Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.

So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen.

Viertes Buch.

Der Occultismus der Ägypter.

Erstes Kapitel.

Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Mehr als in jedem Land des Altertums -- Akkad vielleicht ausgenommen --

wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus

und Heilmagnetismus -- in Ägypten von den Priestern ausgeübt, deren ganze

Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus

sagt[275]:

»Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntniß Gottes, ihrer selbst und

der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen

Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.«

Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr

Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehörigen Königs

gleichgestellt. Wie die Brahmanen führten sie die strengste Lebensweise und

abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tägliche Waschungen

vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre

Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Diät war zumeist die

vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch

vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mußte, die

dasselbe, wenn sie es für rein und gesund erkannten, mit einem Stempel

bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und

Fische -- ganz besonders aber Seefische -- waren ihnen ebenfalls verboten.

Von Pflanzenkost waren ihnen die Hülsenfrüchte und Zwiebeln verboten, und

zwar -- wie Plutarch meint -- erstere, weil sie zu stark nähren und

Blähungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil

sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern

nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen

Widerspruch dergestalt zu erklären[276], daß er annimmt, der Wein sei erst

zu Psammetichs Zeiten in Ägypten eingeführt worden und auch dann noch ein

Privilegium der höheren Stände gewesen.

Die ägyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und

Klassen geteilt, von denen einige -- wie die Fakire -- magisch-

mediumistische Künste ausübten, andere die Astrologie pflegten,

wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus

hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Künste keinem nicht zur Kaste

gehörenden mit, und lange war es Ausländern unmöglich, in dieselbe

aufgenommen zu werden.

Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse

eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.

Von letzterem erzählt Porphyrius[277]:

»Pythagoras bat vor seiner Reise nach Ägypten den Polykrates, König von

Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den ägyptischen König Amasis, damit

man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der König gab es

ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn

nach Memphis, gleichsam zu den Höheren und Älteren. Zu Memphis wurde er

unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da

diese aus Furcht vor dem König nichts mehr vorzuschützen wußten, kamen sie

überein, ihn durch übermäßiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben

abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pünktlichste Alles erfüllte, so

wunderten sie sich darüber so sehr, daß sie ihn einweihten und ihren

Geheimnissen beiwohnen ließen, was sonst keinem Fremden gelang.«

Wie allbekannt, spricht die Bibel von ägyptischen Magiern, Traumdeutern,

und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet Ähnliches

an, wenn er singt[278]:

»Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:

Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel

Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtniß.

Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet,

Dann benetzt den Tag ihm keine Thräne die Wangen,

Wär ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,

Würde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch

Mit dem Schwerte getödtet, daß seine Augen es sähen.

Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze,

Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna,

In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde

Mancherlei Säfte hervor zu gut und schädlicher Mischung;

Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung

Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.«

Die Heilgottheiten der Ägypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und

Phtha.

Bezüglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:

»Die Aegypter versichern, daß Isis ihnen in der Arzneikunst große Dienste

geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; daß sie jetzt, wo

sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes

Wohlgefallen habe und sich vorzüglich um ihre Gesundheit bekümmere; daß sie

ihnen durch Träume zu Hülfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen

offenbare. Die Probe ist darüber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei

den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Völker

der Erde geben Zeugniß von der Macht dieser Göttin in Bezug auf Heilung von

Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Träumen

denjenigen, die leidend sind, die für ihre Krankheiten geeigneten Mittel

an, und die treue Erfüllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung

aller Welt Kranke gerettet, die von den Ärzten aufgegeben waren.«

Die berühmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.

Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der Ägypter von seiner

Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner späteren

Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Höhere Verehrung genoß

Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen

sich die berühmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria

befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:

»In seinen Tempeln ist eine große Gottesverehrung, wo viele medicinische

Wunder geschehen, an welche die berühmtesten Männer glauben und für sich

und andere den Tempelschlaf pflegen.«

Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit

großer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben

eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.

Der berühmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch

die von Kaiser Vespasian ausgeübten magnetischen Heilungen sich ereigneten.

Tacitus erzählt dieselben folgendermaßen[281]:

»Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder,

wodurch besonders sich die göttliche Gewogenheit und Zuneigung für

Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von

Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers,

mit Thränen um Hülfe rufend. Er bat den Kaiser, daß er seine Augen mit

seinem -- des Kaisers -- Speichel benetzen möchte. Ein anderer an der Hand

Gelähmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, daß ihn der Kaiser mit

seinem Fuß berühren, d. h. mit der Fußsohle treten möchte.«

»Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und fürchtete, als jene

dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich

aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die

Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt ließ er die Ärzte

entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwäche durch menschliche Hülfe

zu heilen wäre. Die Ärzte sprachen hin und her und meinten, die ganze

Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht könne wiederkehren,

wenn nur die Hindernisse gehoben werden könnten; allein der Kaiser

versuchte es vor der Versammlung, und der glückliche Erfolg blieb nicht

aus. Jener andere könne seine bösen Gliedmaßen wieder heilen, wenn irgend

eine hülfreiche Kraft angewendet würde. Zu diesem göttlichen Dienst könne

vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich würde der Ruhm der

geleisteten Hülfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des

Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben,

daß seinem Glücke Alles offen stehe, und daß nichts unmöglich sei, mit

freudigem Gesicht vor der aufs Äußerste gespannten Versammlung das Gebot.

Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das

Tageslicht. Alle, die gegenwärtig waren, stimmen bezüglich der Wahrheit mit

einander überein, daher erwartet die Lüge umsonst ihren Preis.«

Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:

»In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, göttlich verehrt; er hat

an der rechten Seite einen glänzenden weißen Fleck, welcher mit dem

Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen,

dann ertränken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an

dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, führen ihn die Priester

nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen künftige Dinge

verkündete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun

des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise

darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen,

leitete man seine Antworten ab.[285] So stieß er z. B. die Hand des Kaisers

Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz

verborgen; wenn er sich aber einmal losreißt, so treiben die Lictoren das

Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner

Ehre singend, was er zu verstehen scheint.«

Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein

feines ätherisches Feuer, welches unaufhörlich fortleuchtet, und dessen

Glanz weit über den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also

gewissermaßen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja

bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgängen eine große Rolle

spielt. Der berühmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie

die Isistempel die Inschrift: »Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher

hat mein Geheimniß entdeckt.«

Über das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir

bruchstücksweise überlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der

Zutritt gänzlich untersagt, und die Eingeweihten -- selbst die Griechen --

hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.

Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt

werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis

eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden,

Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und

Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und

geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in

mystische Schwingungen versetzte.

Vom Priester selbst sagt Jamblichus:

»+Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia,

observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in

secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.+«

Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.

Zweites Kapitel.

Der Occultismus des Altertums · 第 113 / 155 题