3. »Der Vater flößt nicht Furcht ein.«

Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, daß Gott als Urquell alles

Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflößen könne. Psellos bemerkt:

»Die göttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets

gleich. Deshalb flößt sie auch den Geschöpfen keine Furcht ein. Wäre sie

feindlicher Gesinnung, so könnte die Schöpfung keinen Bestand haben. Gott

ist ein Licht, aber dem Sünder ein verzehrendes Feuer.«

Damit schließen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel

Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den

andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:

Aph. 5: »Nicht niederwärts den Blick gerichtet!

Zum Himmel strebe auf! Denn unten

Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte,

Die den Planeten ihre Richtung gab.«

Der Kommentar enthält nur den bemerkenswerten Ausspruch, daß sich die Seele

auf jedem Planeten verkörpern müsse. Das übrige ist astrologische

Spitzfindelei.

Aph. 14: »Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen,

Des Bösen wie des Guten allzugleich.«

Der Kommentar sagt nur, daß die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung

gebracht werden könnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkräfte

aufzuregen. Damit schließen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des

Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber außer der

Reihenfolge brachte.

In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaßen:

»Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem

Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist,

bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.«

»Nicht abwärts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher

dich von der Schwelle, die sieben Gänge hat, abzieht, unter welcher der

Thron des furchtbaren Schicksals steht.«

»Denn dein Behältniß werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.«

»Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht

von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.«

»Aber der Wille des Vaters läßt nicht den Willen jener Seele, bis sie die

Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedächtniß

behaltend das heilige Zeichen des Vaters.«

»Du mußt zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele

ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.«

»Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.«

»Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, können erlöst

werden.«

»In der linken Höhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt

ganz darin, ohne ihre Jungfräulichkeit preiszugeben.«

»Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts

Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rühmt sich der

Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Körper befindet.«

»Weil die Seele glänzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt

sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen

der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.«

»Verunreinige nicht den Geist und drücke ihn nicht in die Tiefe nieder.«

»Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem

hellglänzenden Ort.«

»Laß nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.«

»Führe nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Körper verlassend, in

Gefahr komme.«[239]

»Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch

den Körper im Leben wohl-erhalten.«

»Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre

Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.«

»Die Natur räth, daß die Geister heilig seien, und daß auch die Steine des

schlechten Stoffs gut und edel sind.«

»Rächende Wesen züchtigen den Menschen.«

»Eine unsterbliche Tiefe wird über die Seele herrschen; du aber richte die

Augen ganz in die Höhe.«

»O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du öfter mit mir

geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedächtniß behalten. Denn

dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen.

Die Sterne glänzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht

nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.«

»Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.«

»Allenthalben mit einfältigem Herzen ergreife die Zügel des Feuers.«

»Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt

durch die Tiefen der ganzen Welt, so höre auf das Geräusch des Feuers.«

»Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die väterlichen

Sinnbilder ein.«

»Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist außer

dem Geiste.«[240]

»Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.«[241]

»Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater

vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die

Geschlechter der Menschen den ersten nennen.«

»Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den

Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende

Überlegung bewegt, einsehen.«

»O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind

und nicht gebeugt werden können.«

»Sich selber hat der höchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht

auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschränkt.«

»Der Vater läßt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.«

Drittes Buch.

Der Occultismus der Inder.

Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.

Veda, das Wissen, heißt im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb

gewissermaßen alle heiligen Bücher der Inder Veden genannt werden können.

In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ältesten

Sammlungen religiöser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der

Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische

Religion, die Gesetze und die Litteratur gegründet sind. Es sind:

1. Der Rigveda mit religiös-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und

Hymnen auf alle Gottheiten.

2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten über

die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche.

3. Der Samaveda, welcher für den heiligsten gehalten wird und lyrische

Gebete enthält, die gesungen werden.

4. Der Atharvaveda mit über siebenhundert Hymnen, Exorcismen,

Zaubersprüchen, Verfluchungen usw.

Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Pûrvakândam oder Karmakândam

genannten Teil, welcher u. a. die Gebete -- Mantras -- enthält, die, wenn

sie metrisch -- rig -- sind, gesungen und, wenn nicht metrisch -- yajush --

leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brâhmana, Uttarakânda oder

Gnâna -- Gnosis -- genannte Abschnitt, welcher sich über Kosmogonie, das

göttliche Wesen, die göttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda,

besonders die Brâhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder

Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie der

Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich stützende Werk führt den Namen

Sâstra; deren giebt es eine große Anzahl und sie wie ihre Kommentare

enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.

Die Veden werden häufig Sruti, »das durch Offenbarung Gehörte« genannt,

weil sie von Brahma selbst heiligen Männern, deren Namen genannt werden,

geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, daß

die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. -- Die über

diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.

Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Völkern trennten und

von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre

Religion wohl Sabäismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch

jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der

Sauras ausschließlich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den

Essäern darf die Sonne die Blöße des Menschen nicht bescheinen, und in den

Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagoräern verboten, sein

Wasser gegen die Sonne zu lassen, &c. &c.

Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen

Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, führte die Sonne den Namen Brahman,

der Leuchtende. Sie schläft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt,

wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem

Sonnenkultus zu erklären und +mutatis mutandis+ universalgeschichtliche

Erscheinungen. Überall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben

Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen

Vorstellungen, die -- wie die ganze Theogonie -- in epischem Gewand

gleichsam historisiert auftreten.

Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen

des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Götterlegende oder

-- wenn auf menschliche Heroen übertragen -- zu einer Heldensage um, aus

welcher für das Volk Belehrung und Moral geschöpft wird, und an deren

thatsächlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.

In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den

Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und

weltschaffenden Geistes, welcher -- an sich von der Sonne als Weltkörper

unabhängig -- diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher

alles Thun der Götter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne

zu verehren ist.

Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im

Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, »das Große«,

ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen

nach außen werden müssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele

oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses »Große« wurde als das höchste Wesen

betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus

seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den Namen

+Parabrahma+, das Urgroße; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das

Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma

den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche

Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor

ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein

Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als

Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im

Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.

Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und

andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche

Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und

Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei

verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel

metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen

können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat

vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst

Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so daß vom

Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf

den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.

Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß

die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabäismus zur Verehrung

_eines_ höchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in

Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der

Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es

in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die

schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der

Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter

Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa

einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.

Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der

Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren

Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den

polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis

endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des

Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem

Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.

Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus

durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines

höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen,

Emanationen, Attribute &c. sind.

Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des

menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend,

aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die

Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums

des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von

Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der

ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.

Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh

gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von

Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheit alles leite, daß aber

daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin

aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und

Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke

genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten.

Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine

Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur

Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich

Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau

ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden

sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche

sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der

Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.

Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott

lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen

erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die

Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus

deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und

Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht,

von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern

Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch

die rollenden Zeiten.[245]

Die Veden lehren: »Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos,

ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein

Schöpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt

ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene

Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein

Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt

und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt;

er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht

des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung

war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine

Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die

ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der

Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises

Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als

ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?«[246]

»Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und

warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die

Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber

kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247] -- Über den Sonnen hinaus

scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein

Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum

sein Licht.«

»Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig,

allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über

die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir

sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen

Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige

Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als

tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du

warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann

Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die

er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den

Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und

Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht

hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom

Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und

Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem

er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem

unverbrüchlich nach seinem Willen richte.«[248]

»Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit

hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge

entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle

Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat

alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern,

um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das

unendliche Wesen liebe und und ihm diene.«[249]

»Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst

zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit

ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist,

und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des

Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mußt du mit einem

aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten,

noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn

suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen

Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser

ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese

wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne

Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich

sorgen.«[252]

Soviel über den indischen Monotheismus.

Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich

dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten

treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt,

daß das Weltall durch den bloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: »Er[253]

dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!« oder durch sein

Schöpfungswort, welches -- wie später in der Gnosis -- personificiert

erscheint. Im Rigveda erscheint +vâch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas,

welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin

aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als

Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]

Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl

als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als

Wort (%logos%), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch

welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein

anonymer Indier äußert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]:

»+Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos

veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus

spiritus est atque mens.+«

Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon

spätern spezifischen Logosidee zu Grund.

In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung:

»Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen,

Spielend gleichsam wirkt er dies, der höchste Schöpfer für und für«,

und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der

illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie

eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und

wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der

Schöpfung gehandelt wird, heißt es, daß anfangs weder Sein noch Nichtsein

-- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das große Es -- +tat+ -- oder

Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, während die Maya oder

Täuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+

geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst

im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung

die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemüt wurde zur produktiven

Schöpferkraft.

Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunächst Brahma

als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Körper

gehören selbst die Götter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn

versteht, der ist selbst Gott.[258]

Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist

derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des

Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heißt

es[259]:

»Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der

selbstständige Brahma mit den Devatas.«

In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:

»Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergründet, aus seiner

eigenen göttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf

er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den

Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glänzend, und in ihm

entwickelte sich der große Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende

Kraft des Ewigen, welche nach einem Schöpfungsjahr allein durch den

Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hälften sodann Himmel und Erde

bildeten.«

Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den Äther (+âkâsa+)

für das erste Prinzip und betrachten ihn, wie später die Griechen usw., als

ein fünftes Element, in welchem sich die Himmelskörper bewegen, seit sie

von der Hand des Schöpfers den ersten Anstoß erhielten.

In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der

ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+

gegenübergestellt wird, auf welchen die höchste Gottheit durch Bewegung

einwirkt. In diesem Sinne heißt es in einem Purana[261]:

»Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfürst,

Mit seiner Einheit Majestät bewegte sie der höchste Herr;

Dem jungfräulichen Sehnen gleich, und wie des Frühlings Zephirhauch

Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.«

Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, daß Gott alle Dinge gut schuf,

und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen Übel

trägt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.

Als Brahma das Schöpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder

alles Lebens, deren Aufenthalt der Äther ist. Sie sind völlig den Feruers

des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den

Amschaspands, Izeds oder Engeln ähnliche Wesen sind die Devâs und Surâs,

welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von

ihnen -- +Mahîsasura+, der Büffeldämon, -- aus Neid und Eifersucht von

Brahma abfiel, ihm ähnlich gesinnte Geister verführte und dadurch der

Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit

in ihr die abgefallenen Geister durch Prüfungen geläutert und erneuert

würden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mûrtî+) der Gottheit, denn

sie ist vom göttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie

wie die Luft in einem Gefäß eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so

vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem göttlichen, gleichwie

ein in das Meer geworfenes Gefäß seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt.

Die übrigen Teile des Menschen lösen sich in die vier Elemente auf. Diese

Auflösung in fünf Bestandteile -- +panchatvam+, »der Zustand von Fünfen«,

denen die fünf Sinne als ebensoviel Thüren dienen, welche man gegen die

Außenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung

ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung

mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, daß er in strenger

Askese alle sinnlichen Einflüsse auf sich abzuhalten sucht.

Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der

geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als

Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter

selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.

Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und

Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und

je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr

verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit

sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je

mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem

beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben,

wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich

gewissermaßen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen

ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt,

sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen --

auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die

Gottheit zu läutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der

Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.

Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschränkt, nach deren

Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint,

die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes

einführt.

Es heißt in den Veden: »Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles

sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken.

Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn

gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister

selbst vom Himmel geschleudert worden.« Darum muß alles Sein

dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden

Betrachtungen:

»So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann,

Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein;

Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt,

So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu.

Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand,

Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna.

Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch

Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl,

Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf.

Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind,

Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder

sind. --

Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht:

Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht:

Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint:

Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! --

Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält,

So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück,

Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft,

So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.«

Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie

bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt

ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel

ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.

Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach

den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn

Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur

wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet,

oder wie durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so

wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu

einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:

1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher

das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese

Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente

abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone,

die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in

denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere

Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung

religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja

sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.

2. +Maya+, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor

und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die

Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in

menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt.

Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen --

bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb

sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.

3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor,

weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische

Wirksamkeit aller Seelenkräfte und das Streben nach dem Guten und Wahren,

bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine beständige Vergöttlichung

stattfindet, ähnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden

Versen ausdrückt[264]:

»Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,

Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«

Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heißt[265], nach dem

zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum

Himmel sich erhebt, muß sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das

Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, daß in ihrer

Incarnation die Sünde vorherrschte, eine Zeit lang ohne körperliche Hülle

in verschiedenen Höllen büßen muß. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren

Einrichtungen, wie glühende Betten, Schlammgruben &c., zur Peinigung der

sündigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer

Sündhaftigkeit eine größere Anzahl Höllen durchwandert hat, kann sie einen

neuen Körper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation

weiter beschreiten.

Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges

Anschauen, in Ekstase versinken.

In der sogenannten »Theosophie« oder dem esoterischen Buddhismus ist

unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne daß

jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen

Religionsphilosophie Eigentümliches wäre. Im Gegenteil finden wir bei allen

philosophischen, religiösen und occultistischen Lehren, die auf

pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott

annehmen, ein Zerlegen des nicht körperlichen Menschen in mehrere,

keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben

eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des übersinnlichen

Menschen liegt die Folgerung zu Grund, daß die eigentliche als Teil der

Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sündigen könne. Darum giebt man

ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden,

Sünde, Leidenschaft usw. erklären zu können. Damit ist die Annahme eines

Astralkörpers als ätherisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden.

Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier

einstweilen nur bemerken, daß die »Theosophie« eine Entwickelung oder

Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der

Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand

erklären zu können, daß in manchem Menschen der göttliche Funke total fehlt

oder nur ganz rudimentär entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw.

So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach »theosophischer«

Anschauung erst der fünfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten

Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus

-- ein hirnverbrannter »Theosoph« zählt neunzehn Christus auf -- ist der

siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen

Lehren und uralt gepriesene »Theosophie« ist also durchaus materieller

Natur und modernsten Ursprungs.

Die »theosophische« Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche

zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art

Astralkörper unterscheidet. Die Gründer der »Theosophie« haben dann aus den

verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die »Lebenskraft«

hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genüge zu thun,

sieben Grundteile glücklich herausgebracht. Davon, daß Paracelsus und

Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen,

wußten sie kein Wort, das habe _ich_ erst entdeckt und Herr Franz Hartmann

in seinem Paracelsus verwendet. Später wies Herr Franz Lambert die Annahme

von sieben Grundteilen bei den Ägyptern und in der Kabbala nach, was

indessen ebenso wie meine Entdeckungen für die Echtheit der Theosophie gar

nichts beweist, als daß in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der

Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte.

Das Zusammentreffen ist ein rein zufälliges und eine durchgehende

esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im

Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis führen. Mit der

durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem

andern entwickeln, steht und fällt die ganze Theosophie.

Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist --

Atma -- geflossen, aber wir müssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine

Schnur gereiht sind. Ein jeder Körper hat seine individuelle Seele, weil

sonst jeder Einfluß auf alle zusammen wirken würde, und ebenso hat auch

jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwächen, gerade wie eine jede der

auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, »lebende, selbstbewußte«

Seele -- +jîva+, +buddhi+ -- ist umhüllt mit einem feinen Leib aus dem

feinsten materiellen Äther. Derselbe ist das, was die späteren Philosophen

+anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz

der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch

die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen muß. Die +anima

sensitiva+ führt auch den Namen +sûkshmasarîra+, »feiner Körper« -- also

Astralkörper -- und ist der Sitz des Selbstbewußtseins; derselbe wird durch

innere und äußere Eindrücke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so

lange unfähig, bis er von einem materiellen Körper umgeben ist. -- Derselbe

-- +sthûlasarîra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung

fortgepflanzt und ist sehr vergänglich, während der »feine Körper«

dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht,

gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs

spielt. Endlich aber wird der »feine Körper« im Äther aufgelöst, während

die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre

Individualität zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung

in der Lichtwelt.

Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des höheren

geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und

gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschließlich beschäftigt. Indem

sie sich mit allen Kräften in die Natur dessen, womit sie sich beschäftigt,

versetzt und darin aufgeht, so muß sie die ganze Kraft ihres Willens dahin

richten, den Gebrauch solcher Mittel zu üben, welche einen derartigen

magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und

fortschreitende Übung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher

ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.

Diese Mittel sind Buße und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem

Irdischen loszulösen und sie in völlige Freiheit zu setzen, muß der Yogi

genannte Asket allen natürlichen Verhältnissen entsagen, sich gänzlich von

der Welt zurückziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus

keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im

Dunkeln und eine Überladung des Bluts mit Kohlensäure, herbeigeführt durch

systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befördern. Unbedingter

Gehorsam gegen den Führer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga

ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu

erlangen, ebenso wie »der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne

Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natürlichen

Ausgänge verschlossen gehalten werden müssen.«

Übrigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch

äußere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen

sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose --

Opfer, Gesänge und endlich der berühmte Somatrank. Der Somatrank gilt als

unerläßlich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand

versetzen, in welchem die Yogis sich über alle Welten erheben und -- mit

Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank

der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der

genannte Botaniker spricht sich über denselben folgendermaßen aus: »Dieser

Saft ist scharf und reizend und kann in größerer Gabe leicht giftig werden,

und in manchen Fällen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln

afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden können, da sie die

Bewegungsthätigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betäubenden Schlaf

hervorzurufen.« Ähnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk über die

Anwendung des heiligen Trankes, daß der Genuß des Somatrankes schon in

älterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament

betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte,

leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; öfter heißt

es: »Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und

Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.«

Oben wurde der eigentümlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen

das Blut mit Kohlensäure zu überladen und so ekstatische Zustände zu

erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus

geht ein Gebet:

»Brahma ist ein unvergängliches Wesen, reines Licht in einer heiligen

Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener

lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma

-- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und

durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhöchste Brahma,

der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte

erleuchten.«

Dann heißt es weiter:

»Um die weiße Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine

viereckige Basis setzen, auf die Fersen nämlich, und dann die neun Pforten

verschließen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die

Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die

Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gefäß des Körpers wird

dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gefäß wird Licht. Wie

die Schildkröte muß der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz

dann in der Mitte der Öffnung hüten, dann wird Brahma in ihn eintreten als

Feuer, Blitz. In dem großen Feuer in der Herzöffnung wird eine kleine

Flamme aufwärts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle

weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er

durch die Fäden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie

die Flüsse, nachdem sie einen großen Raum durchlaufen, eins werden mit dem

ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst

Brahma, selbst Atma. Im Großen der Großen und der Große der Großen ist mit

seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma.

Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das

Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine

Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Höhe, weil Atma ihre

Sinne von sich treibt, daß sie nur Äußeres sehen. Wer daher diesen Weg zu

Brahma einschlägt, muß aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur

bedecken, einen Stock nur führen und so viel Almosen nehmen, als zur

Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren;

der Große wirft Gefäß und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata.

Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist

nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; für ihn ist nicht Tag

und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.«

Analog heißt es in den Upanischads:

»Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr

und die andern Sinne nicht gelangen und gewährt schon so ein großes Licht.

Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zündet den andren Sinnen

ein großes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat

nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fähige

vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt

durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte

des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm

wohnt die Erinnerung und alle Überlegung. In seinen Banden ist der

vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt, alles

Vergängliche; es selbst aber ist unvergänglich. In der Herzhöhle wohnt die

unsterbliche Person nicht größer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes,

diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Höhle ist

Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von

ätherischem Licht erfüllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht

und erkannt werden. Derselbe Äther, wie er außen ist, ist auch innerhalb

jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten,

und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die

Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, daß

hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann

übrig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht?

Darauf muß erwidert werden: jener zarte Äther altert nicht und wird nicht

getödtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher

Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem Übel weit entfernt, dem

Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht

erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und

zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber von

hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wünsche

mächtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und

des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Äthers

angenommen hat, dem ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Wie der

Nichtwissende über einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und

ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem

sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend --

wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern Äther. Wer aber

den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch äußerlich nicht sieht, der wird

gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum

Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt

des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle

Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhänglichkeit

an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.«

Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustände der Erkenntnis: das

Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.

Das Wachen in der äußern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein

wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethörung walten vor wegen der

Anhänglichkeit an äußere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher

die Habsucht, die Anhänglichkeit an das Vergängliche und sinnlich

Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gütern, die Unbeständigkeit und

das Gemisch von gut und böse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier

und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen

Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und

allem Raffinement in den Künsten und Wissenschaften.

Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt

noch im Dämmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Haß,

zwischen Kühnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein

Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist

es schon der Übergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.

Die Ekstase öffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte

Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugänglichen

Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist

nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natürlichen Licht

preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen

der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens,

in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf

Befangenen der Welt entrückt sind, und in den niedern Stufen herrscht

Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im

Traumschlafe. Alle Menschen verfallen täglich in diesen Zustand, aber

daraus zurückgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim

Erwachen in die äußere Welt wieder der Unwissenheit anheim.

Nach einer Erzählung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage:

wer wohl der Größere sei, der wache, der Träume schaue, und wo der Ort der

Wonne sei? auf folgende Weise: »Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre

Strahlen in den Kern zurück; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas

(den Allsinn) zurück. Die Person sieht nichts, hört nichts, riecht nichts,

schmeckt und fühlt nichts, faßt nichts mit der Hand und hat keine

Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb

der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fünf Pranas

leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und

das Herz in den Regionen der äußern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine

wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und

vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie

Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener

Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe

-- auch bei völliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und

genießt die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen

Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort

Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes,

Gehörtes und Nichtgehörtes, Gewußtes und Nichtgewußtes, und weil Atma

selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf

gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder

an. Um dahin zu gelangen, müssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen

sein, auch innerlich im Leibe muß diese Macht in die Pfortader eintreten

und der Galle den Ausfluß verschließen, denn das Manas bindet in dieser

Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht

dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und

sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernünftig und vollbringt Alles. Er

wird mit Brahma Eins.«

»Wie Ströme rinnen und im Ocean,

Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden,

So geht, erlöst von Name und Gestalt,

Der Weise ein zum göttlich höchsten Geist.«

So viel über Kosmogonie, Mystik &c. der Inder.

Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, über die ich in meinen

»Geheimwissenschaften« schon Einiges sagte.

Eine jede sabäische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne

erwachsen, und es gehört zum Glauben der hierhergehörigen Kulte, daß die

Himmelskörper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt

die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender

Glaube der sabäischen Religionen, daß die Gestirne belebt, daß sie entweder

göttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstraße

darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch

die Götterstraße und der Weg der Frommen genannt wird, oder daß wenigstens

die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst

währt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische

Körper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: »es sind Fromme,

welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast!« und diese

Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet

nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. Ähnlich war die Vorstellung bei

einigen Griechen; denn bei Aristophanes heißt es ausdrücklich, daß die

Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem

Stern kaum losreißen.

Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so muß die

Astrologie in dem ursprünglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein

unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung muß sich auf

die Himmelskörper mit gesteigertem Anteil lenken, um womöglich ihre ewigen

Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine

kosmische Symmetrie zu bringen.

Die Beobachter waren Priester, durch Muße, höhere Bildung, Kastenverbindung

und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam

zu sein, und so konnte es auch der oberflächlichsten Beobachtung nicht

entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabäismus im

Laufe der Jahreszeiten ihren Einfluß zugleich mit der anscheinenden Bahn

veränderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und

besonders der Mond eine regelmäßige Wanderung zu machen schien am

unermeßlichen Himmelsgewölbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrüßend,

bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.

Im Geiste des Orients hüllte man die beobachtete Regelmäßigkeit in populäre

Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern,

teils um dem Volke den geglaubten Einfluß jener glänzenden Körper auf die

Erde bemerklich zu machen.

Dies war der Ursprung der Astrologie.

Fortgesetzte Beobachtungen mußten bald neben Sonne und Mond noch fünf

Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit

denselben über die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die

Venus, während die Chaldäer besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus

keinem andern Grund genießt die mystische Zahl Sieben eine solche

Verehrung, als aus Rücksicht auf die Zahl der Planeten.

Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine

sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis,

die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den

siebenköpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshöllen erinnern.

Die Planeten werden in den ältesten heiligen Schriften der Indier genannt,

und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine männliche

Gottheit; sie und Merkur sind glückliche Sterne und stehen wie Jupiter,

»der Lehrer der Götter«, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, »der

Langsame« (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher

allenthalben als ein Anzeichen des Unglücks, der Trennung und der Regenzeit

erscheint.

Die Wochentage werden folgendermaßen unter die Planeten verteilt:

1. Sonntag Tag des +Sûryas+ (Sonne).

2. Montag " " +Chandras+ (Mond).

3. Dienstag " " +Mangalas+ (Mars).

4. Mittwoch " " +Buddhas+ (Merkur).

5. Donnerstag " " +Vrihaspatis+ (Jupiter).

6. Freitag " " +Sukras+ (Venus).

7. Sonnabend " " +Sanis+ (Saturn).

Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schöpfungstag unter dem

Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa

oder eine neue Weltperiode.

Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nämlich

sowohl in die zwölf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig

Mondstationen geteilt ist.

Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder

Zeichenrad (+râsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als

im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprünglich einfache

Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhältnisse, von

denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische Überschwemmung

hinweisen. Diese sind:

Der _Steinbock_, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch,

besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber

Eratosthenes, welcher ihn nach geläufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern

ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem

Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewöhnlichsten mit

einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes

kommt hier häufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um

aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fügt die indische

Sphäre das Bild einer Gazelle hinzu.

Der _Wassermann_ gießt aus seiner Urne Ströme Wasser aus, und schon

Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im

Sanskrit heißt dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des

Wassermanns die auffallendste Ähnlichkeit mit den ägyptischen Canopuskrügen

darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im

Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das

völlige Wachsen der Ströme, welches

die _Fische_ andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Göttin

Atargatis -- Derketo -- knüpft. Im nächsten Monat ist das Wasser so weit

abgelaufen, daß man im Zeichen des

_Widders_ das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird

bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle

aufgefaßt und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein

Charakter als Zeichen der Frühlingsnachtgleiche würde auf ein Entstehen des

Tierkreises um etwa 560 v. Chr. hindeuten.

Der _Stier_ ist das natürlichste Zeichen, daß im Frühling das Feld

bestellt werden muß; außerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den

Widder zu beobachten, daß im Frühling nach den Schafen die Rinder werfen.

Ägyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit größerem Recht haben

wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch &c. zu denken.

Die _Zwillinge_ erscheinen auf der indischen Sphäre getrennten Geschlechts;

jedoch erscheint diese Darstellung jünger als die griechischen Mythen,

welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus

und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, daß sich anstatt

der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der

Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen

Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im

Frühling üppig grünende Natur anzudeuten scheint.

Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen _Krebs_ ist zwar

allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprünglich einer

falschen Deutung, insofern die ältesten Darstellungen der ägyptischen und

indischen Sphäre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten

Scarabäus darstellen, welcher jedoch erst in späterer Zeit als

Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.

Die griechische Mythe läßt den Krebs aus dem lernäischen Sumpf hervorgehen

und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fuße verwunden.

Diese Mythe entstand höchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst,

um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild

vor -- nur im Meere leben. -- In späterer Zeit erklärt Makrobius den Krebs

aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den

Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.

Auf der alten Sphäre bezeichnet der _Löwe_, das Sinnbild der Kraft, den

ursprünglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die

diesbezüglichen Mythen wie vom nemeischen Löwen usw.

Die _Jungfrau_ mit der Ähre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte

und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin

fremd ist, nur auf die Erde als Göttin beziehen, welche ihre Gaben spendet.

Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike,

bald auf Asträa, Isis usw. abzielen.

Bekannt ist, daß der ältesten griechischen Sphäre das Zeichen der _Wage_

fehlt, und daß sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf

der indischen Sphäre jedoch befindet sich die Wage (+tulâ+) mit zwei

Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter

Yama die Thaten der Menschen abwägt. Außerdem bedeutet sie an sich

+aequalitas+ und ist somit das natürlichste Zeichen des Äquinoktium.

Bezüglich des _Skorpions_ finden sich nur wenig Mythen, doch fängt in

Ägypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der

Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, daß im Herbst Indien und

Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewürm wimmeln; auch wäre es

vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.

Die Entstehung des Sternbildes des _Schützen_ ist sehr zweifelhaft; auf

keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron &c. genügen, und auch

an einen ägyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein

durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe

durchaus auf die Ebenen Hochasiens paßt.

Überhaupt steht die Annahme des ägyptischen Ursprungs des Tierkreises in

entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem

Umstand, daß das Alter des Tierkreises von Denderah nicht über die Zeit des

Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flüsse abnehmen, sagen schon die Alten, so

steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium, und wenn

andere Völker Winter haben, ist in Ägypten alles blühend. Die

Frühlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und

die Überschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Löwe

nicht mehr ein Bild der Sonnenhöhe sein kann. Die Landbestellung fängt im

November, also im Zeichen des Schützen an, die Ernte fällt in den März,

weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau

steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen würde ein

ägyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das

Frühlingsäquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs

versetzen wollte. Dabei würden aber die so charakteristischen Zeichen des

Stiers, des Krebses und des Löwen ihre Bedeutung völlig einbüßen, abgesehen

von dem Umstand, daß man die Entstehung des ägyptischen Tierkreises in das

Jahr 14272 v. Chr. setzen müßte.

Dahingegen würde die Entstehung des Tierkreises völlig auf das nördliche

Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vârshikan

mâsân+ nach der Ramayana) der Sphäre entsprechend vom November bis Februar

fallen. Die Vedas setzen den Frühling (+vasanta+) unter die Zeichen von den

Fischen bis zum Stier sofort nach der Überschwemmung. Die betreffenden drei

Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach

Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im

Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwärtig

den Indiern einen völligen Naturkalender dar, während er für Ägypten eine

nichtssagende Hieroglyphe ist.

Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen

wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d. h. mit andern Worten, als

der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frühlingsäquinoktium war, was

um ca. 550 v. Chr. stattfand, oder ob dies früher geschehen sei. Dabei ist

der Betrag der Präcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu

berücksichtigen und zu bedenken, das die Präcession eines Zeichens 2160

Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre beträgt.

Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldäischen Priester

usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur

die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus übrig, wobei nur das spät

entstandene Zeichen der Wage störend wirkt, während alle anderen Zeichen

ihre ungezwungene Erklärung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich

eröffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drückendsten zur Zeit des

Herbstäquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der

Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des Übels unter

dem alten Drachen und die neueren Stücke des Zendavesta im Zeichen der Wage

annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Ströme, welches

durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann gießt seine

Ströme herunter, und der Scarabäus erhält dadurch Bedeutung, daß er erst

zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet.

Derselbe tritt im Löwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb

Herkules auf der Löwenhaut ausruht und in Ägypten der Löwe der Thron des

Horus ist. Überhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese

Sphäre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in

späterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.

Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die

Wiederkehr der Sonne im Wassermann, während die Perser die zwölf Bilder des

Tierkreises mit den zwölf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und

für den Stier +A+, für die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich

nochmals daran erinnern, daß im Zendavesta der Urstier, der himmlische

Lichtbringer, welcher das Gras wachsen läßt, im Frühjahr geschaffen wird.

Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen

Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum

durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem

Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher

Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am

Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung,

welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.

Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als

eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf,

treten hier -- durch ihr Klima genötigt -- mit der späteren Sphäre

allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt

wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und

die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt

als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den

Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil

sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das

Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen

sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land

gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien

war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis,

wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das

Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind

Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg

des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle

Bedeutung sind.

Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600

v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem

Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die

Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu

Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360

erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes

Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360

Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360

Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder;

Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das

altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre

ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra,

Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder

360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre

Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus

Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der

Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60

Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der

Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn

entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die

einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem

Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den

Chaldäern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus

Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heißen sie

+dreskânâs+.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus

lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern

Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches

Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie,

und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei

Teile (+skandâs+), nämlich +Tantra+, welches die Berechnung der

Planetenorte lehrt, alsdann +Horâ+, das eigentliche Stellen der Nativitäten

und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der

dritte Teil enthält die Wetterprognostika (+Sâkhâ+). Von dem Gesamtwerk

sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhitâ+ erhalten

geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas,

welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich

Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter

übereinstimmt.

Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur

Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß

am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um »die

Witterung« für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus

»Witterung« nennen, bezieht sich auf die »glücklichen« und »verbrannten«

Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große

Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an

gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der

Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+)

heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (+devaprasna+) oder

Nativitätsberechnung (+jâtaka+), und der Berechner astrologischer

Ephemeriden führt den Namen +Sâmoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwärtig

noch der Kalender (+panchângam+) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den

Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen

Teil, der die +Kâana+ und +Tyâga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den

glücklichen oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die

Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche

unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen

alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch

astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die

Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da

entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf

Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung

wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen

»Geheimwissenschaften« mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus

der Inder in Europa bekannt geworden ist.

Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]:

»Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf

den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind

die 'Profanen' allseitig in das sorgfältig gehütete dunkle Gebiet des

Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzüge eine Reihe

sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit

Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit

unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht

gezogen zu haben wähnen. Keine einzige der durch die Experimente von

Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer

u. v. a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der

Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du

Potet und dessen Schülern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst

weiter rückwärts im 18. Jahrhundert.«

»Der Brahmane und spätere portugiesische Abbé Faria, der in dem ersten

Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen

erregte und Schüler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste

Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem

wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine

Fundgrube für Forscher; man findet darin: Gedankenübertragung, Lesen

geschlossener Bücher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsveränderung

der Seele &c.«

»Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies

in merkwürdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die äußere

Welt und zeigte u. a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner

Zuhörer dergestalt von Illusionen befangen wurden, daß sie glaubten, einen

Schwarm von Vögeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu

hören. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:«

»Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Münzen diejenige

richtig bezeichnet, auf welche sie während seiner Abwesenheit ihre

Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit

des Brahmanen, vor, um ihn zu prüfen, unter den Geldstücken keine Wahl zu

treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Münzen genau

und erklärte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken

gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhörer und

bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.«

»Bei aufmerksamer Lektüre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen

Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter

occultistischer Thatsachen stoßen, die nicht selten durch ihre

Übereinstimmung in den verschiedensten Ländern eine entscheidende

Beweiskraft für ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert

direkter Experimente haben.«

»Erst seit sieben Jahren weiß man genauer, daß in den Bazars des Orients

eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die

Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heißt Hindostan und im

westlichen Asien Khabar (d. h. arab. Nachrichten).«

»Diese bis jetzt für die Wissenschaft unerklärliche Mitteilung geschieht

mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen

an die Drusen' sagt:«

»Fragt euch ein Kaufmann, Türke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die

neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch

diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.«

»Hieraus erklärt sich, wie während des Krimkrieges die Brahmanen eher als

die Engländer und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den

Fall Sebastopols und nachher den Abschluß des Friedens von 1856 erfuhren.

Das Journal Du Potets erinnert daran, daß 1816 ein kurzer Aufstand unter

einigen Völkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei

Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der

Niederlage der Engländer am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz

darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schließlichen Siege der

Engländer ein. An der Thatsache, die in ähnlicher Weise auch in Central-

und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber

wie soll man sie erklären? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie

untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschränkt, da auch von der

Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.«

»Man könnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+,

den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in

merkwürdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier

Achmed in Ägypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist

folgende:«

»Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man über dem Feuer

verkohlen läßt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberöl befeuchtet.

Hierauf läßt man dieses Präparat in einem neuen irdenen Gefäß, Lota

genannt, verbrennen und drückt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel

gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin

geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Höchst bemerkenswerth

ist, daß eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewöhnlich

die des +fourach+ oder Straßenkehrers ist, dem ein Wasserträger folgt;

hierauf kehrt der +fourach+ zurück, breitet einen Teppich aus und es

erscheint eine große Schaar von guten und bösen Geistern, bis sich ihr

Führer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.«

»So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe

in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in

seine Hand blickende Knabe beschrieb einen türkischen Soldaten, der einen

Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind

gab, waren durchaus überzeugend.«

»Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei

den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es

muß also eine andere Erklärung gesucht werden, und da dürfte denn die von

einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit

den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines höchst einfachen,

Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du

Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:«

»Man schwärzt mit Tinte in der Höhlung der linken Hand eine Fläche von der

Größe eines Zehncentimes-Stückes, gießt 2-3 Tropfen Öl darauf, den Flecken

magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein

anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand

irgendwo an, um sie nicht ermüden zu lassen, und haftet unverwandt den

Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den

schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden

Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervösem oder

lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen

gesunde und kräftige oft erst nach längerer Zeit.«

»Die Möglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar läßt sich nicht ohne

weiteres zurückweisen, da eine Reihe ähnlicher Beobachtungen mit anderen

sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschränkt sich auf eine

braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine

Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervösen Personen die

bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht

eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Auto-Hypnose

wie überhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente äußerst gefährlich sind,

daß häufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde

Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon

auf die Gefährlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation

aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes

bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustände einer Art von fast

dämonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie

uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser

Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Paul Gibier in seinen

beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es für einen höchst

gefährlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und

Hallucinationskünstler in Deutschland umherziehen und mit ihren

hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem

Gebiete die meisten Gebildeten gehören, verblüffen. 'Es sind Kinder', sagte

er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.'«

»Wir gehen jetzt über zur Schilderung einiger occultistischer

Merkwürdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des

Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index

gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in

naiver Weise die Übereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und

Gebräuche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso

über einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen,

berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklärung und

Bestätigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute

durch ähnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollständig außer

Zweifel gesetzt.«

»Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache über, deren

Bericht dem Missionär Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen

Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben

Beobachtungen in andern Ländern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar

unmöglichen und übernatürlichen Thatsachen gerückt worden ist, deren

Erklärung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwärtig teils schon

erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das

Ergründen der letzten atomistischen Vorgänge für uns Erdensöhne ewig ein

vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes

Residuum stoßen, wie dies selbst bei einigen Vorgängen des Telephonierens

der Fall sein dürfte.«

»Die in ganz Tibet berühmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den

großen religiösen Festen in den buddhistischen Klöstern statt. Vor der

Tempelthüre im Klosterhof wird ein großer Altar errichtet, welchen

zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrängte Schaar der

Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der

Hierarchie angehört, erscheint, schreitet würdevoll zum Altar und setzt

sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein großes

Messer aus seinem Gürtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben

die Lamas, die zu seinen Füßen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und

Gebete dieser scheußlichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten

beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in

wahnsinnige Krämpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maaß; ihre

Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und übereilt; das

Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen über.«

»In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schürze, mit welcher er umwickelt

ist, ab, ebenso seinen Gürtel, ergreift das geheiligte Messer und öffnet

sich den Bauch in seiner ganzen Länge. Während das Blut fließt, wirft sich

die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man

befragt diesen Wahnsinnigen über verborgene Dinge, über zukünftige

Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen

Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.«

»Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen

die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt

in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hält es an seinen Mund,

bläst dreimal darüber und wirft es mit einem großen Schrei in die Luft.

Dann fährt er rasch mit der Hand über seine Wunde und alles kehrt in seinen

früheren Zustand zurück, ohne daß außer einer außerordentlich großen

Entkräftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurückbleibt.«

»Das Bauchaufschneiden -- fügt Huc hinzu -- ist eine der berühmtesten

Siéfas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind

weniger volksthümlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht

an den großen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hält man z. B. glühende

Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen

Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen

Schaustellungen muß das Hersagen eines Gebetes vorangehen.«

»Der Missionär, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und

Wunder des Teufels erklärt, sagt jedoch ausdrücklich: Wir denken durchaus

nicht, daß man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrügerei setzen

kann.«

»Wenn Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastände,

so würde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der

wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schließt sich

einer langen Reihe ähnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die

neueste Zeit an, wodurch, wie wir später sehen werden, eine für die

Psychologie und Philosophie überaus wichtige Thatsache festgestellt,

bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklärung näher

gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken

dabei, daß wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen

ausschließen. Dieselben sind keine bloßen Schaustellungen, sondern meistens

auf sittliche Zwecke gerichtet, und es dürfte daher trotz mancher Analogien

eine bloße physiologische und psychologische Erklärung nicht

ausreichen.«[269]

»Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der

Ruffais ist bekannt, daß sie sich durch Tänze, krampfhafte Bewegungen,

Musik, lange wiederholte Gutturaltöne usw. in epileptische Ekstase

versetzen und sich dann unbeschadet die gräßlichsten Wunden beibringen und

glühende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des

Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust,

den Kopf und die Augen stoßen, leere Gefäße aus der Ferne mit Wasser

füllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfählt,

deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die

Moschee umhertragen lassen, während die Gläubigen laut beteten oder die

Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer

die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als

Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns

leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmähliche Entstehen der

Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfähigkeit auf

die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.«

»Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus

Hindostan berichtet; doch dürfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und

mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger

bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne

Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den

Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.«[270]

»In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet

der französische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glühende

Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burätischen

Schamanen berichtet, daß sie unbeschadet ins Feuer springen und glühende

Eisen über die Zunge ziehen, bis sich die Hütte mit dem Geruch des

verbrannten Fleisches füllt.«

»Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in

der +Sphinx 1889, VII, S. 243ff.+ mitgetheilte, der +Pall Mall Gazette

(Nr. 3, Januar 1889)+ entnommene merkwürdige Nachricht von einer 'Zauberei

in Camerun' eine sehr willkommene Ergänzung, welche allerdings der heutigen

officiellen Wissenschaft etwas ärgerlich, ungeheuerlich und unerklärbar,

also absurd fabelhaft vorkommen muß. Doch Thatsachen sind hartnäckig und

weichen keiner bloßen Leugnung. -- Die Leistungen der schwarzen Zauberin

übertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:«

Der Occultismus des Altertums · 第 112 / 155 题