Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise über den
Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. --
Plethon versteht unter Dämonen nicht im vulgären Sinn böse Geister, sondern
geistige Wesen überhaupt; im übrigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne
etwas von Bedeutung zu sagen.
Der nächste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:
»Die rächenden Furien zügeln den Menschen. Es führe die Seele die
Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.«
Der Kommentar versteht unter den rächenden Furien die notwendigen Folgen
der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten
Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren
Einfluß auf uns abwehren.
Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:
»O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.«
gehört offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in
den beiden andern fehlt:
»Hättest du meinen Beistand fleißiger angerufen, so würdest du wohlgethan
haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebäude,
sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glänzen nicht,
der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstände scheinen
sich in Blitze zu verwandeln.«
Der Kommentar sagt nur:
»So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.«
Der zweiundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- und bei Plethon achtzehnte
Aphorismus lautet:
»Nimm nicht das Bild der Natur für die Gottheit selbst!«
Bei Plethon:
»Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!«
Beide Kommentare sagen übereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu
erfassen.
»Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen,
Blitze, sind nur Sinnbilder des Schöpfers, nicht sein eigentliches Wesen.«
Der dreiundzwanzigste -- bei Psellos zehnte -- Spruch heißt:
»Mit reinem Gemüth umfasse die Zügel des Feuers.«
Bei Psellos:
»Die gestaltlose Seele halte die Zügel des Feuers.«
Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:
»Die gestaltlose, d. h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die
Zügel des Feuers. Sie soll sich nämlich in den Besitz des zum ewigen Licht
führenden Mittels setzen. Wer die Zügel schlaff hält, dessen gute Vorsätze
erschlaffen, und er fällt wieder der Erde anheim.«
Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:
»Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen
Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.«
Bei Psellos heißt es:
»Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,
Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,
Dann horche auf des Feuers Ton!«
Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:
»Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Räume der Welt
durchdringt. Auf ihr Flüstern achte du!«
Psellos bemerkt:
»Dieses Feuer ist das göttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn
dieses den Seher erleuchtet, daß er im Geist der Erde Tiefen durchschaut,
dann vertraue er seinen Eingebungen.«
Der fünfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:
1. »Die Seele des Menschen trägt die Spuren ihrer göttlichen Abkunft in
sich.«
2. »Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem
deine Seele ausgeflossen ist.«
Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus für sich spricht.
Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und
zweiunddreißigste bei Psellos lautet:
1. »Vernimm, was sich durch den Verstand fassen läßt, denn dies ist über
die Vernunft.«
2. »Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht
begriffen werden.«
Der erste Kommentar lautet:
»Obschon der Schöpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat,
so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermögen;
trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d. h. dich
nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu
vereinigen.«
Psellos dagegen sagt:
»Obschon der Verstand uns alle Dinge erklärt, so kann doch das Wesen Gottes
von ihm nicht erfaßt werden, denn dies wäre nur durch unmittelbare
Erleuchtung von oben möglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das
artikulirte Wort kann das Wesen des Schöpfers definiren. Er ist durch
ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall
von Worten. Er ist über alles Lob erhaben.«
Der siebenundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- Aphorismus hat den
Wortlaut:
1. »Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen
entzieht.«
Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.
Der achtundzwanzigste -- bei Psellos sechsundzwanzigste -- Aphorismus
lautet:
1. »Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der Urheber dem aus
ihm hervorgegangenen Geist übergab, welch' Letzteren die Menschen für das
Urwesen[233] selbst halten.«