Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:
»Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode
nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen
unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer
kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige
Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von
welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt,
während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind
nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes.
Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist
und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche
sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach
dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger
Zoroasters lehren.«
Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren
eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der
Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich
sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. -- Plethon
äußert sich folgendermaßen:
»Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele
an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit
diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte
Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem
Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch
den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag.
Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine
feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch
nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen
stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.«
Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern
fehlende Spruch:
»Vernachlässige aber auch nicht den Leib.«
mit dem kurzen Kommentar:
»D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher
zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.«
In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender,
bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon
aber fehlender Aphorismus:
»Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.«
Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:
»Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche
zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern
also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an
sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne
gehorcht.«
Psellos sagt:
»Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an
sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit
ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand
ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand
ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur
materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser
begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster
will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die
vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele
im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche
vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung
vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die
Fortdauer abspricht.«
Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend)
lauten:
»Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.«
Ȇberlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei
ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.«
Bei Psellos zwei und drei:
Ȇberlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund
Damit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.«
Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:
»Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den
Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben
sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle
verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der
Seele, eine zu große Macht einräumen.«
Psellos sagt:
»Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte
Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe
zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben.
Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele
herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders
befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist
die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias
sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe
wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch
einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den
Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.«
Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben
anführe und bemerkt weiter:
»Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die
meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre
Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt
abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wünsche mit
hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die
Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere
Richtung nimmt.«
Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos
und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden
Wortlaut:
1. »Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung
der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl
fahren.«
2. »Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,
So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.«
3. »Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten
Stoff des Leibes dir erhalten.«
Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit
nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen
seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen
erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon
sagt:
»Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches
Wohlsein zu Theil werden.«
Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend)
wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231] und lautet in der ersten
Fassung:
»Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch
falsche Zeichen äffen.«
In der zweiten:
»Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder
zeigend.«
Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien
Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter
denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die
Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.
Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus
hat folgenden Wortlaut:
1. »Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister
seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.«