3. »Verunreinige nicht den Geist.«

Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:

»Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode

nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen

unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer

kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige

Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von

welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt,

während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind

nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes.

Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist

und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche

sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach

dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger

Zoroasters lehren.«

Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren

eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der

Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich

sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. -- Plethon

äußert sich folgendermaßen:

»Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele

an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit

diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte

Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem

Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch

den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag.

Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine

feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch

nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen

stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.«

Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern

fehlende Spruch:

»Vernachlässige aber auch nicht den Leib.«

mit dem kurzen Kommentar:

»D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher

zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.«

In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender,

bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon

aber fehlender Aphorismus:

»Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.«

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:

»Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche

zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern

also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an

sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne

gehorcht.«

Psellos sagt:

»Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an

sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit

ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand

ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand

ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur

materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser

begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster

will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die

vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele

im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche

vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung

vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die

Fortdauer abspricht.«

Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend)

lauten:

»Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.«

Ȇberlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei

ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.«

Bei Psellos zwei und drei:

Ȇberlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund

Damit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.«

Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:

»Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den

Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben

sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle

verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der

Seele, eine zu große Macht einräumen.«

Psellos sagt:

»Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte

Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe

zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben.

Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele

herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders

befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist

die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias

sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe

wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch

einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den

Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.«

Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben

anführe und bemerkt weiter:

»Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die

meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre

Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt

abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wünsche mit

hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die

Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere

Richtung nimmt.«

Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos

und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden

Wortlaut:

1. »Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung

der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl

fahren.«

2. »Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,

So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.«

3. »Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten

Stoff des Leibes dir erhalten.«

Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit

nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen

seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen

erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon

sagt:

»Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches

Wohlsein zu Theil werden.«

Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend)

wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231] und lautet in der ersten

Fassung:

»Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch

falsche Zeichen äffen.«

In der zweiten:

»Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder

zeigend.«

Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien

Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter

denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die

Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.

Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus

hat folgenden Wortlaut:

1. »Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister

seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.«

Der Occultismus des Altertums · 第 107 / 155 题