Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.«

Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen

meteorologischen Charakter.

Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische

Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen.

Die Fulguration scheint bei den Chaldäern sehr ausgebildet gewesen zu sein.

Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chaldäer im

allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1. auf die Erde herabfallende und

2. nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54]

nahmen die Chaldäer an, daß diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter

und Mars herrührten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die

+fulgura fortuita+ des Plinius »verkündeten durch ihren Donner die Stimme

der atmosphärischen Wächter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft

bezeichneten«.[55]

Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstümmeltes keilschriftliches

Fragment über die Einteilung der Blitze bei den Chaldäern erhalten[56], das

aber trotz seiner Verstümmelung sehr wichtig ist, insofern es die

Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:

»Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der Blitz der Sterne . . . . . . . . . . . .

Der Blitz des Gottes Bin . . . . . . . . . .

Der Blitz der Erde . . . . . . . . . . . . .

Der Blitz des Wassers . . . . . . . . . . . .

Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet . . . .

Der Blitz des Gottes Mamna . . . . . . . . .

Der Blitz des Gottes Baluv . . . . . . . . .

Der Blitz des Gestirnes . . . . . . . . . . .

Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des

Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, daß die Blitze des

Ersteren mit dem »Blitz der Gestirne« und dem »Blitz des Gottes Bin«

(assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners

und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz

dargestellt.

Die Blitze der Götter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen

des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zündenden Kraft

berüchtigt.[57]

Die übrigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern

ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten

zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte

Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl »der

Blitz der Erde« des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge

identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch »die Blitze der Nacht«,

welche der Gott Summanus erzeugen sollte, während die Römer die

komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur

»Blitze des Tages« und »Blitze der Nacht« annahmen, die sie dem Jupiter

oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten über

die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rätselhaften »Blitz

des Wassers« der Chaldäer vergleichen ließe.

Über die Wahrsagerei der Chaldäer aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus

erwähnt[60], wissen wir nichts näheres, ebensowenig als über die

chaldäische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie,

deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebräuchlich.

Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe

verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlüsse auf günstige oder

ungünstige Vorbedeutung schloß. Diese auch Libanomantie genannte

Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebräuchlich, wo die heiligen

Feuer durch dem Boden entströmende Kohlenwasserstoffgase genährt wurden.

Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelüberschrift des Sargonschen

Auguralwerkes lautet: »Zinnober ist über der Flamme verbrannt«, so scheint

es, daß die Akkader ein ähnliches Verfahren kannten; auch dürften sie, weil

sie ihrem Feuergott eine so große Bedeutung als Bekämpfer der bösen Dämonen

beilegten, auch auf das äußere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.

Nach einigen Bruchstücken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch

Quellen und Flüssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge,

dem Aussehen und der Strömung des Wassers.

Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei

ihnen jedoch anders als in späterer Zeit ausgeübt wurde. Psellus sagt:

»Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgeübt, welche man mit

prophetischem Wasser anfüllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser

unterscheidet sich äußerlich durch nichts vom gewöhnlichen Wasser, aber die

Handlungen und Beschwörungen, welche über dem Gefäß vorgenommen werden,

beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoße der Erde

entspringt und sich eigenartig äußert: Denn während sie sich dem Wasser

mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden

zunächst keinen rechten Sinn abgewinnen können; hat sie sich aber in der

Flüssigkeit nach allen Seiten hin gleichmäßig ausgebreitet, so vernimmt man

gewisse seltsame Töne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schöpft.

Diese der materiellen Wirklichkeit angehörenden Klänge haben aber stets

etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die

Weissager, welche diesen Umstand möglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs

überführt werden können.«

Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem größern

oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn

z. B., um über das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu

prophezeien, geprüft wurde, ob »der Diamant am Finger« seine Strahlen nach

rechts oder links warf.

Unter den Akkadern wie unter allen Völkern des Altertums war die

Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume

sehr gebräuchlich[63] und von ihnen zu den Juden übergegangen; bei ihnen

finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbäume, aus deren

Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah

weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und

verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als göttlich.

Überhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, daß sie aus allen

möglichen Arten dorniger Sträucher prophetische Laute zu vernehmen

glaubten, und dieser Anschauung dürfte auch die Erscheinung Jehovahs im

brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren

Kultur entschieden von der chaldäischen abhängig ist, unterschieden

günstige und ungünstige Bäume je nach den Prophezeiungen, welche sie

denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosêgoroi

dryes%), wie zu Dodona, der ältesten pelasgischen Orakelstätte, und

weissagende Lorbeerbäume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der

Germanen werde ich später zurückkommen.

Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chaldäer

vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen

damit zu erklären suchen, daß die kriechende Schlange am meisten von allen

Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe.

Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß in den semitischen Sprachen die

Worte »Schlange« und »weissagen« der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen.

Die Schlange ist bei den Chaldäo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des

Ea, der höchsten Einsicht wie des Inhabers der höchsten Weisheit, weshalb

sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis

hält sie für listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten

Araber glaubten, daß man durch den Genuß eines Schlangenherzens und einer

Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung,

welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint

sogar, daß man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen züchtete, welche

man als Mittler zwischen den Göttern und Menschen ansah und aus ihren

Gebahren orakelte. -- Auf Ähnliches scheint auch die biblische Erzählung

»vom Drachen zu Babel« hinzudeuten.

Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze

Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldäo-Babylonier aus der Farbe und

dem Exkrementieren eines fremd in den Königspalast oder ein Privathaus

gelaufenen Hundes wahrsagten.

Eine leider nur lückenhaft erhaltene Inschrift giebt an, daß Fliegen

(+zumbi+) von den Chaldäo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser

Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie,

nämlich die Rolle, welche der große Gott von Akkaron (Ekron) spielt.

Derselbe hieß bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, »Baal-Fliege« oder

»Herr der Fliege«; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos

myia%, und die Juden machten ihn später zum Obersten der Teufel. Dieser

Baal-Zebub besaß ein berühmtes Orakel, welches nach dem

alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, König von Israel, über den

Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des

Elias entflammte. Berücksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht,

so bleibt kein Zweifel, daß zwischen dem Namen des großen Gottes von

Akkaron und der Art und Weise der Ausübung seines Orakels Zusammenhang

herrscht, und daß die semitischen Völker so gut wie die Chaldäer

Fliegenorakel besaßen. Daß Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch

bei den klassischen Völkern eine Rolle spielten, beweist die Erzählung von

der Kindheit Platos und die Midassage.

Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem

Verhalten der Ratten, Heuschrecken &c., und endlich wurden nach Angabe des

Sargonschen Auguralwerks auch »die Fische der Teiche« zu den prophetischen

Tieren der Chaldäer gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu

verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung züchtete. So gab es z. B.

in Lycien heilige Fische, welche durch Flötenspiel an die Oberfläche des

Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das

Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch dürften die in

einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien

gezüchteten Fische, welche Ohrgehänge an den Kiemen trugen, zu

Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Göttin

Atargatis oder Derketo zu Askalon gezüchteten, wo bekanntlich ein dem

babylonischen verwandter Kultus herrschte.

Auch war die chaldäische Mantik bemüht, aus spontanen Bewegungen oder Tönen

von Hausgeräten und Möbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten,

welches eine ganze Reihe von hölzernen Möbeln und Teilen des Hauses nennt,

aus denen prophetische Laute hervortönen (+assaput+, +ku-a+), »geeignet,

das Menschenherz fröhlich zu stimmen«. Die einzelnen Deutungen sind jedoch

verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß wir es hier

wohl mit den Anfängen des Tischklopfens und Tischrückens zu thun haben.

Auch zufällig gehörten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es

sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen.

Hingegen läßt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausübung der im

Buche Hiob erwähnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie

nachweisen.

Die Beschäftigung der Chaldäer mit der Astrologie brachte es mit sich, daß

sie den Mißgeburten große Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren

Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die

Annahme, daß der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand

dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Mißgestaltungen

neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhängig seien, so

lasse sich aus Mißgeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den

Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Mißgeburten eine ungeheuere

Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausführlich in dem

Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezüglichen Texten, welche

Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anführen, welcher beweist, daß

man schon in jener altersgrauen Vorzeit der »Glückshaube« eines

neugeborenen Kindes eine ebenso große Wichtigkeit beilegte als heute:

»Gebiert eine Frau ein Kind,

dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick

desselben ein

günstiges Vorzeichen im Hause walten.«

Namentlich wurde den Mißgeburten fürstlicher Frauen große Bedeutung

beigelegt, und auch die Mißgeburten mancher Tiere -- wie z. B. der Stuten

-- galten als besonders ominös.

Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Römer

über, und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar

Schott +De mirabilibus portentorum+.

Mit die wichtigste Rolle im chaldäischen Divinationswesen spielt die

Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chaldäer die Träume zu

den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des

Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:

»Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . .

Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . .

Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . .

Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . .

Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig

und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot

berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen

Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die

Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der

Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

»Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . .

Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .«

Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen

Traumdeutung eine große Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den

Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten,

welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde

dieser +incubatio+ oder %enkoimêsis% genannte Brauch auch in Ägypten oder

Griechenland ausgeübt.

In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in

diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach

den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Götter vorzugsweise

prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen

scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu

Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. --

Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch

narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und

noch bei vielen wilden Völkerschaften.

Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa

war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß +bab assaput+, »Thor des

Orakels«. Ein ähnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach

inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu

Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt

wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften

nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des

Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand,

weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische

Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder

Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle

spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses

Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings

blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe

der Chaldäer wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist

teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:

»Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde!

Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei!

Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei!

Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten!

Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt!

Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz

des Herrn!

Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den

gesegneten Händen seiner Allmacht!

Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit!

Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!«

In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren

Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und

Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde

Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde

mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur

Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus

den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus

die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum

Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum,

welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres

unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr

ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum,

welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung

Ägyptens anspornte.

Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Träume erlaubt,

dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten

Träume herbeizuführen und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den

Christen gemachten Einteilung der Träume in göttliche und teuflische bis in

das vorige Jahrhundert nach.

Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldäo-Babylonier ist die Nekromantie.

Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern

entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schützt, in ihm

lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus

diesem Geist ein Dämon (+utuk+, +utukku+), dessen Schicksal »im Land ohne

Heimkehr« je nach Maßgabe der Geneigtheit der Götter ein günstiges oder

ungünstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Königen fanden

Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:

»Das Land mit Silberhimmel,

Wo Segensgüter

Sind zu ihrer Nahrung

Und süße Lust

Sie zu beseligen,

Wo ist Einhalt

Des Kummers und Jammers.«

Das Loos der großen Überzahl der Menschen, deren +utuk+ in das »Land ohne

Heimkehr« (akkad. +kur-nu-ga+, assyr. +mat la Tayarti+) hinabstieg,

gestaltete sich ziemlich trostlos. Das »Land ohne Heimkehr« wird in der

»Höllenfahrt der Istar« folgendermaßen geschildert:

»Dort wohnen die Führer und die des Glückes entbehren,

Wohnen die Geringen und Großen,

Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der großen Götter,

Wohnt Etanna, wohnt Nir . . . .«

Im »Land ohne Heimkehr« lebt die Seele wie im Scheol der Hebräer ohne

Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist

weder völlige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von

Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des »Landes ohne Heimkehr« befand

sich jedoch, wie oben erwähnt, im »ewigen Heiligthum« die »Quelle der

Lebenswässer«, deren Sprudel die höllischen Mächte mit der größten

Wachsamkeit und Ehrfurcht behüteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot

der höchsten Götter, namentlich des Ea, erschließen, und wer daraufhin von

ihr getrunken hatte, kehrte -- wie Istar am Schluß ihrer Gefangenschaft --

lebend an das Licht zurück. Ob diese Quelle eine Andeutung der

Auferstehung, an welche die Chaldäer nach Diogenes Laërtius glaubten, ist,

läßt sich nach den Texten nicht entscheiden.

Übrigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als

Vampyre dem »Land ohne Heimkehr« entsteigen, um die Lebenden zu quälen.

Deshalb droht auch Istar dem Schließer des Höllenreichs mit den Worten:

»Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, --

Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden;

Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher

machen denn Alles, was lebt.«

Auch die Schwarzkünstler vermögen Vampyre aus dem »Land ohne Heimkehr«

heraufzubeschwören und die Gegenstände ihres Hasses von ihnen peinigen zu

lassen.

Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe,

die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der

Verstorbenen über die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mußte sich

folgerecht entwickeln. Über die Ausübung der Nekromantie habe ich

anderwärts[72] schon das Nötige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren,

daß wir uns aus dem alten Testament ein ungefähres Bild von der

Totenbeschwörung der Chaldäer entwerfen können.

Der biblische +Ob+ ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem

Körper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft

offenbart, entsprechend dem +jidoni+, dem »Wissenden« oder »Belehrenden«,

welcher fast immer mit den +oboth+ zusammen genannt wird. Es ist dabei zu

bemerken, daß die Worte +oboth+ und +jidonim+ sowohl für die Geister selbst

als die von ihnen Besessenen gebraucht werden.

Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch

Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, daß die Septuaginta

wiederholt +oboth+ mit %engastrimythoi% übersetzt, sowie überhaupt aus den

charakteristischen Ausdrücken, deren sich die Propheten bei der Schilderung

der +oboth+ bedienen.

Ziehen wir nun die ausdrückliche Angabe des Jamblichus, daß die Babylonier

mittelst ihrer %Sakchoiras% die Geister der Toten über die Zukunft

befragten, in Betracht, und erwägen wir, daß +ob+ kein semitisches Wort

ist, sondern vom akkadischen +ubi+, »strafwürdigen Künsten obliegen«,

abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die hebräische

Nekromantie aus der akkadischen hervorging.

Zweites Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.

Erste Abteilung.

Der medische Magismus.

Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz

eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine große

Ähnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische

Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor

Christus; jedoch bildeten auch nach der völligen Besitznahme Mediens die

Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der

Bevölkerung. Zur Zeit der Achämeniden sprach das Volk noch die

protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserkönige

wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache,

sondern auch seinen eigenen religiösen Charakter, welchem es erst nach

langem mit wechselndem Glück geführten Kampf gegen die Religion Zoroasters

entsagte. Die den Protomedern eigenen religiösen Vorstellungen fanden

endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre

Vermischung mit der Religion derselben das System des _Magismus_, so

genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschließliche Privilegium

besaßen, daselbst das Priesteramt auszuüben.[74]

Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster

beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern

begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat,

welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese

Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum,

da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander

entgegengesetzt sind.

Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet

war, berichtet ausdrücklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von

Behistan, daß die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine

Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische

Religion durch die ihrige zu verdrängen, und daß Darius ihre »gottlosen

Altäre« stürzte.

Es heißt in der genannten Inschrift[75]:

»Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und

Wahnglauben wurde im Lande mächtig, in Persien, Medien und andern

Provinzen. Die Königswürde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe

ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel,

welche der Magier Gaumata zerstört hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe

die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen

Gesänge und rituellen Gebräuche wiedererstattet; ich habe den Staat auf

seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die

übrigen Provinzen wieder an mich gebracht.«

In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heißt es

ferner: »Als Ahuramazdâ dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah,

vertraute er es mir an.« Das im Text für Aberglauben gebrauchte Wort ist

+yâtum+, »Religion der Yâtus«, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta

genannt werden. Danach und nach der im nächsten Kapitel zu gebenden

Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser

bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst

unerklärliche Einsetzung der »Feier des Magiermords«, welche man lange Zeit

hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden

überhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen

oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwähnt. Jedoch trat die

Zersetzung und Entstellung der ursprünglichen und nationalen iranischen

Lehre des reinen Mazdeismus der Ghâtâs und der ersten Fargards der

Vendidad-Sâde bei den Medern schon frühzeitig durch ihre Berührung mit

turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert

hatten.

Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den

eigentlichen Geist des ursprünglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie

die Perser als ein Volk hinstellen, welches Götzendienst und fremde

Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszügen den Kultus

anderer Völker zu zerstören suchte, Tempel verbrannte, die Götterbilder

vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Geräte als Beute mitschleppte, die

Priester beschimpfte und tötete, die Feier religiöser Feste verhinderte,

heilige Tiere tötete und sogar die Gräber entweihte. -- Kambyses in

Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.

Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen

versucht, so sehen wir mit Erstaunen, daß er nicht einmal den Namen des

Ahuramazdâ kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des

Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion,

welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit

mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbücher gleicht.

Hiermit stimmt überein, daß Herodot ausdrücklich die Magier, die Vertreter

der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]

Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in

den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflüssen

stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft

jedoch hatte er -- wie auch in den am spätesten Zendbüchern -- große

Bedeutung gewonnen.

Daß dieser von den Magiern herrührende Kultus bei den Medern eine

Hauptrolle spielte, bezeugt übrigens auch Herodot in seiner Schilderung der

sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt

waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem »zweiten Ekbatana, der

Stadt mit den sieben Ringmauern« und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste

Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldäo-babylonischer

Anschauung, denn der siebenstöckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner

Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben

Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen

Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.

Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus

vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar während

deren langer Berührung mit der Kultur der Euphratländer; dann ging er auf

die Magier über, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern

iranischen Völker übertrugen.

Erwähnt sei, daß die Lehre von Zrvâna-akarana, »der unbegrenzten Zeit«, der

gemeinsamen Quelle des Ahuramazdâ und Angrômainyus, eine von der Sekte der

Zervanier herrührende Entstellung der ursprünglichen mazdeischen Lehre ist.

Eudemius, der Lieblingsschüler des Aristoteles, welcher diese Person wie

das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt,

bezeichnet sie ebenfalls als eine Schöpfung der Magier.[77] Auch ist es von

Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwähnen, wonach derselbe Name

Zrvâna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse,

welche in der chaldäisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in

Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstücken der akkadischen

Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der

Auffassung der Zrvâna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus

Mul-ge sowohl gehässige Götter wie Namtar, als gnädige, die Dämonen

bekämpfende Götter, wie z. B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl

Dämonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines +Deus

averruncus+, eines die Dämonen vertreibenden Gottes trägt. Betrachten wir

die Trias: das Urwesen Ana und den dem düstern Mul-ge entgegengesetzten

holden Ea, die drei Götter, welche die Akkader über die drei Weltzonen

setzten, so werden wir bei Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ, und Angrômainyus nur

unwesentliche Modifikationen finden.

Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das

gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazdâ und Angrômainyus

hervorgingen. Während nämlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazdâ

allein verehrt und Angrômainyus mit Verwünschungen überschüttet wurde,

wurden im Magismus das gute wie das böse Prinzip in gleicher Weise verehrt.

Plutarch erzählt[78], daß die Magier dem Angrômainyus (%Aidês, Areimanôs%)

Opfer darbrachten, und beschreibt die drei üblichen Gebräuche, welche

hauptsächlich in der Darbringung des Sumpfgrases (%omômi%) bestanden, das

mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt

wurde. Herodot[79] läßt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem

Einfluß der Magier gänzlich ergeben war, »dem Gotte der Finsterniß und der

untern Regionen« sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem

ähnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim

Übergang über den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben

sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des

Angrômainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch

wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er

wohl als ein Rückfall in den Magismus zu betrachten ist.

Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die

akkadische Magie, als in ihm das böse wie das gute Prinzip gleichmäßig

verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rührt dies daher, daß die Meder einen

ihrer Hauptgötter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in

Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den

turanischen Völkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine

Erscheinungsform des Ea und ein häufig gebrauchtes religiöses Symbol. So

legt z. B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott -- vielleicht Ea --

folgende Worte in den Mund:

»Wie die gewaltige siebenköpfige Schlange ihre Köpfe heftig schüttelt,

so schwinge ich die siebenköpfige Waffe.

Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von

vorn angreift,

So führe auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetümmel, die

Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenköpfige Waffe.«

Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen

Überlieferungen mußte sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bösen

Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen

Überlieferung Angrômainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den

Himmel Ahuramazdâs zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens

wohl sicher größere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen

Ahuramazdâ zu verehren besaßen, mußte der Kultus des Angrômainyus so recht

zu der mit magischen Gebräuchen verbundenen Volksreligion werden, und hier

haben wir auch die Wurzel aller späteren Schlangen- und Teufelskulte zu

suchen, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. -- Direkte

Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer sind die noch heute im nördlichen

Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz

die alte dualistische ist, die aber nur das böse Prinzip verehren, weil das

gute keine Anbetung verlange.

Hervorgehoben muß noch werden, daß seit Artaxerxes Memnon der persische

Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der

Menschheit ausübt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra

»der Freund« genannt, was als iranische Übersetzung des akkadischen

Beinamens des Silik-mulu-khi, »der den Menschen Gutes zuwendet«, gelten

kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines

vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der

protomedischen Religion mit Ähnliches bedeutendem Namen innegehabt.

Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht

aller mazdeischen Schriften die Beschwörungs- und Zaubergebräuche des

medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Yâtus, der Feinde

des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrücklich untersagt und mit strengen

Strafen belegt werden.

Die Weissagung übten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptsächlich durch

das Loswerfen mit Tamariskenstäben aus. Das in späterer Zeit das

Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Bareçma ist

nichts als ein Bündel solcher Wahrsagestäbe, deren Anwendung in Persien

unter dem Einfluß der Magierkaste Eingang gefunden hatte.

Die Magier gaben ferner vor, daß sie durch bestimmte Worte und Handlungen

himmlisches Feuer auf ihre Altäre herabziehen könnten, und legten sich

überhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Laërtius[81] alle möglichen

übersinnlichen Kräfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch

bei den Etruskern und Römern antreffen, könnte vielleicht auf primitiven

elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausübung der Fulguration

erworben worden waren.

Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein

Buch, welches von einem Magier Osthanes verfaßt worden war und nach

Plinius[82] »den Griechen einen wahren Heißhunger nach Magie beibrachte«,

die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Goëtie trat. So viel von dem

Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsagekünste sowie die

Beschwörung der Toten und Dämonen.[83]

Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.

Der Occultismus des Altertums · 第 64 / 155 题