Der große parsische Gesetzgeber heißt in der Zendsprache Zarethoschtro, im
Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die
Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes
und endlich den gebräuchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben
ist »Goldstern« oder »Sohn des Stern«, ähnlich wie Bar Cochba oder
Nazaratos.
Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v. Chr. und
wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo
geboren.
»Dies begab sich -- heißt es im Zerduscht-nameh -- am Ende eines
Zeitpunkts, wo Angrômainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden,
die Völker ohne Richter, und Angrômainyus war ihr Herrscher und Plager. Da
zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, ließ aus Feriduns Wurzel einen Baum
hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mußte die Gefangenen
erlösen.«
»Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft
einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem
Auge, die wie ein Adlerflügel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel
erzeugte. Löwen und Tiger und Wölfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten
aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser
Ungeheuer stürzte sich auf sie, wüthete und brüllte, riß ihr den Leib auf
und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn
umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief
mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich
erdrückt? -- Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts
ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen,
Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!«
»Diese Worte waren Trost für Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob
sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstäubte die Nachtwolke, Südwind blies,
und die Ungeheuer zerstiebten wie Blätter.«
»Am hohen Tage zeigte sich ein Jüngling, schön wie der Glanz des vollen
Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand
riß er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein
Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wären sie zu
nichts geworden. Nur die drei mächtigsten: Löwe, Wolf und Tiger blieben. Es
schlug sie aber der Jüngling mit dem Lichthorn, daß sie vergingen. Da
schloß er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie
ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der König des Himmels
schützt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet
Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn
soll Löwe und Lamm zusammen trinken. Fürchte diese Bestien nicht! Wessen
Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt fürchten?«
»Der Jüngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht.
Die zagende Dogdo suchte einen ehrwürdigen Greis auf, der erfahren war in
der Traumdeutung und Kenntniß der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie
erzählte ihr Gesicht, um das Unglück zu erfahren, welches sie befürchten
müsse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehört.
Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen
wieder.«
»Die drei Nächte, welche kamen, waren schlaflos für Dogdo. Als der vierte
Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glänzte aus
seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete
nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb
darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach
dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen
hat. Du bist schwanger fünf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine
Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebären[87], den man nennen wird
»gebenedeieter Zoroaster«. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde
Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine
Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du
gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglänzende
Jüngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das
Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Größe Gottes, der
Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bösen. Das Buch in seiner
andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews
fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die
aber nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Um diese Zeit wird ein König
sein, der das vortreffliche Gesetz einführen wird. Welcher Mensch
Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele
seiner Feinde wird zum Duzakh[89] müssen.«
»Woher, sprach Dogdo, weißt du meine fünfmonatliche Schwangerschaft? Wisse,
war seine Antwort, daß ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst
beruhen in der Kenntniß des Himmels. So schreiben die alten Bücher.«
»Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hüpfte wie die
Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie
begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.«
»Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lächelte
der Knabe, worüber sich alle Welt verwunderte und große Dinge weissagte.«
»Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder,
das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gerücht
des Wunders erscholl allenthalben und machte den großen Haufen der Magier
bekümmert. Sie besorgten daraus Böses für sich und wollten Zoroaster
umbringen. Dies entdeckte Ahuramazdâ Zoroaster[91] mit den Worten: Im
Anfang verschworen sich die Dews wider den großen Zoroaster und trachteten
ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews
überwinden.«
»Von Norden aus kommt Angrômainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt
der todschwangere Fürst der Dews; er läuft ruhelos, dieser todschwangere
Angrômainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93]
durchstreicht die Länder und verheert sie, o reiner Zoroaster! Überall
dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bösen, der Verheerer, Plager
und Lehrer des bösen Gesetzes.«
»Darauf offenbarte Ahuramazdâ dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt
zwischen ihm und Angrômainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des
künftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Kräfte
seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.«
»Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Körper, heiliger Zoroaster,
durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazdâ dem Großen, dem
gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und
da er wie über eine weitgehende Brücke war, drang er in die feste Stadt des
Poroschasp. Doch war Zoroaster weit stärker als Angrômainyus, der Vater des
bösen Gesetzes.«
»Damals lebte in dieser Gegend Fürst Duranserun, Haupt der Magier und
Erster der Schüler des bösen Gesetzes.[94] Er wußte, daß Zoroaster, sobald
er aufstünde, durch sein reines Gesetz alle Magie töten würde. Kaum wurde
ihm des Kindes Geburt verkündigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein
Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab.
Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frühlings
Blüte, und Größe Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben
hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn blaß, und er befahl
seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit dem Säbel zerhauen sollten.
Aber der Vater der Seelen ließ seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im
Feuerzorn verließ er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen
gekrümmt, machten sich von dannen.«
»Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wüste.
Daselbst bauten sie einen Holzstoß von Pech und andern Feuermaterien,
entzündeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und
Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht hätten. Dogdo hörte dies
und lief wie außer sich zur Wüste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig
schlafen. Feuer war ihm süßes Wasser. Sein Antlitz glänzte wie Zohore[96]
und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Küsse und trug es
heim.«
»Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht
gehabt über Zoroaster, das wußte Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier
auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die
sollten ihn zertreten und zerreißen. Aber der größte und stärkste der
Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zärtliche Mutter, umfaßte ihn und
schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle
vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und ließ das Kind. Dies ward wieder
ruchbar. Als Dogdo hörte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim
und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.«
»Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berühmt durch seine Zauberkünste,
sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich weiß, wir
können nichts gegen Zoroaster. Gott schützt ihn. Bahman[98] wird ihn zum
Throne Ahuramazdâs bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschließen und
ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und
ein gerechter König wird alle Magier verderben. Poroschasp hörte den Magier
vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem
Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange
die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder
der Heiligkeit werden und den Völkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und
nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde
bringen. Der König Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. -- Das waren
Worte der Freude für Zoroasters Vater.«
»Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn
krähte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner
pflegen und für ihn sorgen als für die zarteste und schönste Blume.
Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen,
geschützt durch die Glorie Ahuramazdâs, ohne den Feuerwind des Angrômainyus
und der Magier zu empfinden.«
»Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch
ihre Bezauberungen seinen Knaben tödlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst
auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, daß alles Volk zitterte.
Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt,
ohne einen Fuß zu bewegen. Gott ließ ihn alle Zaubereien überwinden und
erfüllte die Magier mit Verzweiflung, daß sie von dannen wichen.«
»Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrübt. Turberatorsch, der
Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen
Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du
genesen willst! Zoroaster, der gleich wußte, daß dies Zauberarznei wäre,
die allem Volke Ahuramazdâs verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen
und goß sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines
Mittels nicht; verübe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen
Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhöchste läßt mich sehen, wie
du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.«
»Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaßen
des Weltenschöpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener
Ahuramazdâs ließ sich vom Strom mit fort reißen und vereinigte in sich
Anbetung Ahuramazdâs und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages
versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen
Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und
getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der
Magie weißt, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele
erzeugt.«
»Zoroaster hörte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater,
solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fuß nicht
reinen Weg, so mußt du einst zur Hölle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der
alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberkünsten und vergissest
das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben,
ihrer Thaten Frucht.«
»Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner
Schwätzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt
mein Geheimniß aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte!
Ich will dich überall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz
sich freuen!«
»Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lügen werden nichts
vermögen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstäuben! Durch
Hülfe des großen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts
machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfüllten die Zauberer
mit Schauder, und Turberatorsch -- man sollte gedacht haben, seine Seele
wäre außer dem Leibe -- wich von dannen und wurde heftig krank.«
»So erreichte Zoroaster sein fünfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht
im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.«
»Den Bedrängten spendete er Trost und Hülfe im Geheimen. Konnte Jemand
nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die
Armen und gab Almosen, wo es nöthig war. All sein Gold und Silber gab er
dahin, und sein Name war groß bei Jung und Alt.«
»Ein Jüngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Güter umfaßt,
noch durch die Vergnügungen seines Alters erwärmt wurde, fand keine Lust am
Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und
Trost in der Weisheit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr. Er hörte die Weisen
aus Chaldäa, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften
schöpfte, waren der Keim für alle die Wahrheiten, durch welche er später
Persien erleuchtete.«
»Im dreißigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] -- Er kam daselbst
an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d. h.
das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Fürsten des Reiches waren
beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht überkam ihn auf dem
Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von
Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang
ließen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von
Mittag kommen. Beide stießen wüthend auf einander; dieses aber überwand.«
»Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brüllende Löwen
gegen Zoroaster kriegen würden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes
unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht hätte; daß aber
Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes
beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die
Flucht getrieben würden.«
»Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er
zu dem Ort des Festes und überließ sein Herz der Freude. Dann besuchte er
in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein großes Meer und sah sich in
der Mitte eines paradiesähnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages
Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her über die Widersprüche, die er
nun bald würde leiden müssen, und verließ Iran mit nassen Augen. Nachdem er
über den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres
Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an
die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.«
»Diese vier Wasserhöhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen
Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den
Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem
Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies
machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte
Ahuramazdâ, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurück,
um den Allerhöchsten zu befragen, und in allergrößter Ruhe bei sich zu
betrachten, was er seinem Vaterland verkünden wolle.«
»Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hände
waren in einen Schleier gehüllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du,
und was suchst du? -- Ich suche, was Ahuramazdâ gefällt, dem Schöpfer
beider Welten, weiß aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist,
zeige mir den Weg des Gesetzes. -- Bahman hatte Wohlgefallen an diesen
Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du
Antwort hören auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte
Bahman, der zu ihm sprach: Schließe deine Augen und gehe frisch. -- Es war,
als ob ein Adler ihn aufnähme und vor Gott brächte. -- Zoroaster that seine
Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn
zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne
Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid
einst that.«
»Zoroaster sprach zum Allerhöchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der
Welt? -- Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der
ist's, der reines Herzens ist; wohlthätig gegen den Gerechten und gegen
alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes
thut allem Geschöpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschöpfen: der
soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazdâ, der
den Guten betrübt, der meine Diener bekümmert und außer meinen Geboten
wandelt, der -- sage es allem Volk -- muß ewig in der Hölle sein.«
Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazdâ über die Amschaspands[110], die ihm
lieb sind, über den unreinen Angrômainyus, der nur Arges denkt, über Gute
und Böse und über den Ausgang derer, die den Dews anhängen.
Ahuramazdâ sprach: »Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrômainyus
ist der Vater des Bösen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse:
Böses kommt nur von Angrômainyus, alles böse Thun und alles böse Denken.
Die Strafe der Sünde ist in der Hölle. Die Thoren lügen, wenn sie sagen,
ich thäte Böses.«
Alsdann bat Zoroaster Angrômainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen
Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes stärken
könne. Ahuramazdâ sprach[112]: »Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der
Körper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es würde alsdann keine
Auferstehung geben. Du würdest alsdann den Tod von mir suchen.« Ahuramazdâ
gab ihm eine Speise, ähnlich dem Honig. Zoroaster aß und sah im Traum die
Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazdâ ließ ihn alle
Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im
letzten Weltjahrtausend geschehen würde. Beim Anblick der Plagen und
Übelthaten, welche die Welt verwüsten würden, wünschte er sich nicht mehr
Todlosigkeit.[113]
Ahuramazdâ lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bösen
Einflüsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der
Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die
Gestalt des Angrômainyus in der Hölle und erlöste aus diesem Reich der
Finsternis einen Menschen, der Gutes und Böses gethan hatte.[115]
Als Angrômainyus ihn erblickte, schrie er mit großer Stimme: »Verlasse das
reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben,
was dein Herz begehrt.[116] Kümmere dich nicht um deinen Ausgang, oder
bekämpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des
Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen.« Zoroaster
sprach: »Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in
der Hölle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und
Schande bringen!«
Zoroaster -- voll göttlicher Majestät -- sah nun einen Feuerberg; er mußte
hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle über ihn
ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf öffnete man ihm auf Befehl
Ahuramazdâs den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schützt, dem ist Feuer
in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser muß, so
fürchtet er doch nichts.[117]
Ahuramazdâ sprach: »Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein
Hirte! Wer nun Angrômainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen
Blutflüsse fließen, und er soll den Feuerflammen übergeben werden, wie dir
gezeigt ist. Vom Fluß des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein
Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrômainyus anhängen;
aber die Mobeds werden sich rüsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht
wird über die Menschen Gewalt üben, aber dieser Feuerstrom soll sie
aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren
Alles, was sie wissen müssen. Geschmolzene Metalle werden über ihn gegossen
werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub
verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.«[119]
Darauf befragte Zoroaster Ahuramazdâ, der alle Geheimnisse weiß, um die
Pflichten seiner Diener -- Desturs und wachsamen Mobeds -- um die Art zu
beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernährer jedes Tags und
Allgenugsame sprach: »Sage den Menschen, daß mein Licht verborgen ist unter
allem, was glänzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine
Gebote, so wird Angrômainyus fliehen; in der Welt geht nichts über das
Licht.«
Dann lehrte Ahuramazdâ Zoroaster den Zendavesta und sprach: »Lies ihn vor
dem König Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich
bin, damit er Mitleiden und Güte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte
auch die Mobeds an meiner Statt, daß sie den Weg Angrômainyus meiden.« Über
diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazdâ.
Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Aufträge auszurichten.
_Bahman_, der die Tiere schützt[121], sprach: »Ich überlasse dir die Thiere
und Herden; laß die Mobeds dafür sorgen. Kein junges und nützliches Thier
müsse getödtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazdâ
empfangen und darf sie keinem Bösen anvertrauen.«
Der glänzende _Ardibehescht_[122] sprach: »Sage in meinem Namen Gustasp,
Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. Laß Desturs,
Mobeds und Herbeds[123] dafür sorgen, daß sie nicht getilgt werden, weder
durch Wasser, noch Koth, daß jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem
Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des
Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schöneres in der Welt? Er will nur
Holz und Gerüche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete
erhören. Ich überlasse es dir, wie es mir von Ahuramazdâ überlassen ist.
Wer mein Wort nicht hört, der geht zur Hölle.«
_Shariver_[125] befahl, die Waffen -- Säbel, Lanze &c. -- nicht verrosten
zu lassen.
_Espendarmad_[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles
segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles
Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleißig bauen usw.
_Chordad_[127] empfahl ihm alles Wasser unter und über der Erde, in
Quellen, Flüssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Stärke, macht
grün usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.
_Amerdad_[128] sprach von Früchten und Bäumen und befahl sie nicht
muthwillig zu beschädigen.
Noch wurde Zoroaster befohlen: »Laß die Desturs in alle Welt gehen und die
Menschen zum Glauben an Ahuramazdâs Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort
bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den
Zendavesta liest und zu Gott, dem Schöpfer der Welt, betet. Alle Menschen
sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgürtet
sein, dem Kennzeichen der Schüler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten
die vier Elemente des Menschenkörpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird
alles blühen und den Segen des Allerhöchsten genießen.«
Dies waren die Lehren, welche Ahuramazdâ und die Amschaspands ihrem Diener
Zoroaster erteilten.
Da nun Zoroaster außerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazdâ
erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine
Höhle. Diese Höhle sollte ein Bild der Weltschöpfung durch Mithra sein, und
die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen,
sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und
Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.
Nach Origenes[132] hatten die Perser in den später allenthalben
entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die
erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn
bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die
vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fünfte aus gemischtem Metall
bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente,
goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.
Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende
Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. Über sie alle geht
Gorotman, die Wohnung Ahuramazdâs und der himmlischen Geister. Gorotman ist
die achte Stufe der Leiter des Origenes.
Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazdâs und der Amschaspands
erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurück. Die Dews und Magier
versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste
Magier sprach: »Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts
können.« Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen
alle Dews und verbargen sich in den Abgründen der Erde. Die Magier erfüllte
Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um
Gnade.
Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Straße von Balkh dem Palaste des
Gustasp.[134] An einem Glückstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig;
dann betete er zu Gott und ging zum König. Da er nicht vor sein Angesicht
kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der König Hof hielt.
Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die
Hofleute aber bestanden aus den Großen Irans und den berühmtesten Weisen.
Der nähere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer
größeren oder geringeren Verdienste.
Zoroaster trat vor den glänzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen
durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der König seine Weisen, wer er
wäre. Zoroaster setzte sich und redete unerhörte Dinge und beantwortete die
Fragen, daß alle staunten.
Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fußboden und setzten sich um
Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten
Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht.
Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der
Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche
Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit
sie Zoroaster beschämen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte
Gott für den Sieg über sie.
Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie
redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. »Was
will daraus werden?« sagten sie.
Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre
Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm
Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und
Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller
Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn
und sprachen: »Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir
wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!«
Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen
alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes
und sprach: »Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht
hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag
vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat
und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn
regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.« Zoroaster stellte
Gustaspes Avesta vor und sprach: »Gott hat mich den Völkern gesandt, daß
sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes
Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du
aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen,
und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen
Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.«[138] -- Gustaspes
sprach: »Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß
ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?«
»Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun.
Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur
Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst,
ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne
Lauf und den Weg des Guten.« -- »So lies denn Zendavesta«, sprach
Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht
Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie
ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der
nicht kennt den Wert der Wissenschaft.
Der König sprach zu Zoroaster: »Ich billige deine guten Wünsche für mich;
aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir
meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta
lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.« Zoroaster freute
sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle
Zeichen zu thun, die der König verlangte.
Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man
aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein
außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. »Welches denn?« fragte
der König. Die Weisen antworteten: »Wir wollen ihn stark binden, mit
Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz
über ihn ausgießen.« Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta
vor sie und sprach: »O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!«
Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht.
Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in
wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.
Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta.
Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen.
Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im
Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw.
zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das
Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: »Zoroaster ist ein
großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit
Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir
wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!« Gustaspes dachte dem nach und
wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld
freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel,
Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie
verfluchten Zoroaster. »Du Unreiner!« sprachen sie. »Ist das nicht Rüstzeug
der Zauberer?« Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein
fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte
Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in
Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er
könne die Welt umkehren. -- Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und
einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld.
Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er
dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die
Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König
aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster
hörte es endlich und sprach: »Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll
sein Pferd gesund sein.«
Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: »Von dem, was
du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du
ein wahrer Prophet.« Zoroaster sprach: »Zuerst mußt du glauben[143], daß
ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin
einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so
soll dein Wunsch geschehen.« Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz
zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster
Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.
Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mußte der Held Espendiar
versprechen, daß er Zoroaster und sein Gesetz schützen wolle. Vor dem
Heraustreten des dritten ließ sich Zoroaster in das Innerste des Palastes
führen und verkündete dem ganzen königlichen Hause den Zendavesta. Endlich
mußte der Thürhüter die Betrüger unter den Dienern des Königs entdecken,
die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der König bedrohte ihn mit dem Leben,
die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. »Die
Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen,
die mein Herr und König ehrt?« -- Die vier vornehmsten der Weisen wurden
gespießt. Zuletzt sprach Zoroaster: »Gottes Macht ist so groß, daß er thut,
was er will, ohne daß man fragen darf, wie und warum?« Von nun an fragte
der König Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er:
»Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so groß und wunderbar sind als
Gottes Gesetz: Zu wissen, was für ein Ort mir in in der andern Welt
bestimmt ist; daß ich mich vor keinem meiner Feinde fürchte; daß ich sehe,
alles Gute und Böse, was in der Welt sich begeben wird, und daß meine Seele
im Körper bleibe bis zur Auferstehung.«[145]
»Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du
mußt dich aber an einem begnügen und den drei Vornehmsten deines Hofes die
andern überlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein,
damit er nicht sagen könne: ich bin allmächtig.« Da verlangte Gustaspes
seinen Ort in der andern Welt zu wissen.
Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den König, der auf einem
goldenen Thron saß. Er hatte den König kaum gesegnet, so standen vier edle
Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thüre. Sie
hießen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen:
»Gott hat uns zu dir gesandt, König der Länder, um dir zu sagen, daß, wenn
du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hölle bewahrt bleiben sollst, denn
ich, sagt Ahuramazdâ, habe ihn gesandt.«
Der König war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen
war, sprach er: »Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazdâs, bin zu
allem bereit, was ihr mir gesagt habt.« Der König sprach zu Zoroaster: »Ich
übergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazdâ befohlen hat.«
Zoroaster antwortete: »Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du
verlangt hast!« Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein,
Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las
Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem König, der auch
trinken mußte und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage
dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen
Kerdar[147] in Reinheit glänzend, seinen Platz, der für ihn und die
Heiligen im Himmel bereitet war.
Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu
trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes,
bekam die Gerüche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles
Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich genoß einige
Granatkerne, und sein Körper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung
unfähig; daher nannte man ihn »Kupferleib« (Ruintan).
Als der König nach drei Tagen erwachte, sprach er: »O Gott der beiden
Welten, dein Reich wird währen von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Er berief hierauf
Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch
allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.
Nun verlangte der König, daß Zoroaster von einem erhabenen Sitz den
Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen würden und er
das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit
Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten
alle Dews und flohen in die Abgründe. Darauf ließ Zoroaster die reinen
Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des
Königs der Könige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den
Dienst derselben &c. Er ließ auch ein gewölbtes Gemach bauen, darunter das
Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und
Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein
Unreiner es sehen könne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148]
gebracht, und Zoroaster befahl, daß an jedem Ort ein ähnlicher Atesch-gah
erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazdâs in Freude und
das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.
Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen:
Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat,
und die Bösen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins
Nichts zurückbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz
gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein König alles Lichtes und
aller Herrlichkeit ist.
Darauf erklärte Zoroaster dem König das Gesetz nach den Zendbüchern und
sprach also: »Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel
gehen. Angrômainyus ist Ahuramazdâs Feind; er wendet das Herz der Menschen
unaufhörlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die
Hölle zu ziehen, um seine natürliche Wuth zu stillen, denn der Menschen
Unglück ist der Hölle Freude. Am Ende werden die Sünder von den Dews
verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen
und bist den Weg der Finsterniß gewandelt?«
Zoroaster fuhr fort: »Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern
hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bösen
verlassen. Wer sein Herz vom Übel wendet, der wird ewige Freude haben.
Möchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwünschen und Andere
mit sich auf den Weg der Wahrheit führen.«
»Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter König,
und gesagt: Verkündige meinen Dienern, daß sie nicht von meinen Geboten
weichen; lehre die Völker der Erde den Weg des verwünschten Angrômainyus zu
hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den
Himmel gelangen. Wer ihn verläßt, der muß mit Angrômainyus in der Hölle
sein.«
»Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazdâ gegeben.«
»Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die
längste Geschlechtsreihe muß ihr Ende haben.«
»Du siehst diese runden Gewölbe -- er zeigte nach dem Himmel und dem
Atesch-gah[150] --; hier wird einst der König mit seinem Unterthan, der
Herr mit dem Knecht vereinigt sein.«
»Lehre nie, was du nicht von mir gehört hast, und am Ende will ich mich
deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Sünde; ich
will dein Böses und deine Strafen mindern.«
»Bei deinen Handlungen werden die Früchte sein, je nachdem du gepflanzt
hast. Wer in der Welt Reinigkeit säet, dem wird sie im Himmel zu Theil.
Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Sünde thut, wird in
der Hölle Schande tragen.«
»Siehe, was Ahuramazdâ über die verständigen Mobeds sagt: Das Wasser der
Größe[151] ist Ebenmaaß, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese
Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lügner; wenn aber noch kein Mund
etwas Ähnliches hervorgebracht hat, so muß man meine Worte nicht mit einem
bösen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, daß dies Worte
des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews würden
nicht so reden und Gott lobpreisen.«
»Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Völkern
Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder
geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkündigt,
was sein wird; Gutes und Böses, das nach der Weltschöpfung bis zur
Auferstehung verborgen geblieben sein würde, hat er aufgedeckt. Er hat uns
die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und böse Thaten.«
»Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen
Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der
Lobpreiser und Vertraute Ahuramazdâs.«
»Ahuramazdâ sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn
empfangen, nachdem sein Gutes ist.«
»Ahuramazdâ verkündet dies den Völkern der Welt: Die Seelen aller Menschen
müssen einige Zeit in der Hölle dauern, nachdem ihr Böses ist, groß oder
klein.«
»Noch zuletzt sagt Ahuramazdâ: Wer nicht dein Schüler ist, über den frage
nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner
Tage.« --
Der Eifer des Gustaspes war die feste Stütze Zoroasters. Es wurden
Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid
heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner
dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan
einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154],
das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch
Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegründet.
Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berühmter Atesch-gah. Neben dem
Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme
des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese
Cypresse groß und stark genug geworden war, so baute man darüber einen
Palast, der in der Höhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schloß
zwei Säle ein, deren Decke mit Gold, deren Fußboden aber mit Silber
überzogen war; die Mauern waren mit köstlichen Steinen ausgeschmückt.
Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog
Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, daß seine Seele sich in den
Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende ließ dieser Fürst den Satrapen aller
Provinzen bekannt machen, daß sie zu Fuße nach dieser Cypresse wallen, an
Zoroasters Gesetz glauben und allem Götzendienst von Turan und Tschin
absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht
nach.
Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine _Tschengregatscha_, der die
Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bücher in Iran sehr berühmt
waren, hörte von einem ihm unbekannten Propheten, der den König von Iran
und seine Diener und alle seine Länder bekehrt habe. Er schrieb daher mit
dem Eifer eines Mannes, der sich für die Stütze der Wahrheit hält, an
Gustaspes.
Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den
kreisenden Himmel zu seinen Füßen hat und Leib und Seele des Menschen
geschaffen. Hierauf erhob er den König mit einer Lobpreisung und bezeugte,
daß er von einer neuen Religionsform gehört habe, die ihn tief schmerze und
ruhelos lasse. Er sagte: »Ein Betrüger, ein Heuchler, hat Iran verführt.
Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter
Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem
jungen Mann[156] ergeben und seine Lügen gläubig angenommen. Was mich am
meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Königs Lohraspes. Er hat
mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehört; ich habe ihm nichts von meiner
Weisheit verhalten. Er, der Andere hätte vor Gefahr schützen sollen, ist
selbst in die Schlingen gefallen. Ich weiß nicht, welches Netz ihm gestellt
ist, daß seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.«
Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses
Betrügers Zaubereien, noch durch seine gleißenden Worte fangen zu lassen.
»Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lügen
überführen und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o großer
König, mußt ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann
werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um
seine Bestrafung bitten, damit kein Ähnlicher in Zukunft das Herz habe, die
Völker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu
führen.«
Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei
Gustaspes. Die Schreiber mußten ihn lesen, und der König sprach zu seinem
Diener: »Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prüfe sie
und antworte Tschengregatscha, wie du es für passend erachtest.« »Ich bin
unbeweglich im himmlischen Gesetz«, sprach Djamaspes, »ich glaube an Gottes
Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster weiß, noch
thun, was er thut. Gott muß sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o
großer König, daß kein Mensch auf der Welt so weise sei wie
Tschengregatscha. Ich habe seine Bücher gelesen, Iran verlassen und ihn in
Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften
ausgebildet. Ich halte es also für das Beste, daß man ihn mit Güte bitte,
nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme;
dadurch werden, wenn die Welt es hört, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz
völlig vernichtet werden.«
Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: »Wir haben deinen Brief gelesen.
Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir
sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters
ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten
gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein
Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen,
und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen
Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen:
Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm
sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner
Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!«
Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch
eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln,
und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten,
tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie
sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. »Fürchtet euch aber nur
nicht«, sprach er zugleich; »ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht,
muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein Menschenkind
weise.« -- Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: »Ich bin bereit, mit
meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner
Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.« Es wurden nun alle Anstalten der
Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten
Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes,
segnete ihn und sprach: »Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!«
Gustaspes antwortete: »Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze
oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche
die Zweifel auflösen müssen.« Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt
für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die
Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach:
»Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß
ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn
er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein
Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine
Fragen ungelöst bleiben.« Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That
richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden
lassen wolle.
Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: »Zum Besten meines Gesetzes will ich
vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder
erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr
gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt
es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.« Die Weisen hörten nun
mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die
Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen
hatte.
Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung
versunken aus: »Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott
erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus
Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles
habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel
Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert
Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie
eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk
Gottes!«
Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines
Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung
Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz
im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift
vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen,
welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen
gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und
entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der
Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an
Zoroasters Avesta.
Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um
den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras
unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er
die von ihm so gerühmten »reinen Seelen«[158] in den Provinzen Serman,
Saenan und Dahu besucht hatte.
Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von
Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige
Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan,
Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern,
obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin
verewigt sind.
Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch
Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes,
König von Turan.
Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der
mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen
Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer
Ländereien; auch haßte er Zoroaster persönlich. Darum auch sagte
derselbe[159]: »Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den,
der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews,
meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.«
Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und
trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell
entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf
ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König
von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen
unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger
Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der
Unterthänigkeit zahle. »Wirst du ihn angreifen«, sprach Zoroaster zu
Gustaspes, »so ist Gott gewiß dein Schutz.«
Der König war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm,
er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Länder
nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.
Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes
vor Zorn und schrieb an Gustaspes, daß er sich mit seinem ganzen Hofe von
einem alten Betrüger habe verführen lassen. Er rate ihm die Religion der
Väter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundsätze der Magier, welche einen
König, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so
werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrütten und verheeren. »Die
Herrlichkeit Gottes will es, daß ich dich angreife!« sprach Ardjaspes.
Gustaspes zeigte den Brief dieses Fürsten Zoroaster und seinen Dienern und
allen Großen des Hofes. Djamaspes wollte mit großer Klugheit darauf
antworten; aber Zoroaster sprach: »Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!«
Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefaßt und beide Könige stellten
große Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der
Familie des Gustaspes -- sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder --
fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg für Gustaspes. Der König
von Turan mußte sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine
Dankbarkeit.
Der weitere Verlauf der Kriege hängt nicht direkt mit dem Leben des
Religionsstifters zusammen.
Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.
Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v. Chr. Im dreißigsten Jahr
durchzog er Iran, lebte dann zehn -- nach anderer Angabe zwanzig -- Jahre
in der Wüste und nährte sich nur von Käse. Zehn Jahre that er Wunder. Im
65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte
nach drei Jahren zur Gründung des Cypressendienstes zurück. Nach acht
Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77
Jahren.
Dritte Abteilung.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des
Zoroastrismus.
Erstes Kapitel.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.
Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang »der Welt
und der Wesen Zrvâna-akarana«[161], die »unbegrenzte Zeit«, die
anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergründliche Urgrund, in dem heilige
Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergründlichkeit
der Länge und Weite, Höhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere Öde,
sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhöchste Gott. Der Ewige ist
Schöpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was
beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in
der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach _Wort_,
das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch
alles, was Wesen hat, geboren ist.
Aus dem göttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose
_Ahuramazdâ_ und _Angrômainyus_, die zweiten Wesen nach sich, lebendig,
wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschöpfe.
_Ahuramazdâ_, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der
Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des
Unergründlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend,
wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch
gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der
Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen;
denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein
sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Höhe
und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die
Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im
Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die höchste Weisheit selbst und
-- schlaflos bei Tag und Nacht -- der höchste Weltenrichter, König aller
Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, d. h.
seine Hülle, die ihn umschließende Sphäre ist das reinste Licht.
_Ahuramazdâ_ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein
allschaffendes _Wort_; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser,
Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen
Menschen. Er ist als König gut und weise, lebendig über Alles; er stärkt,
nährt und erhält alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch
sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur
Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe
ist seine Lust; er ermüdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der
ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft
alles Böse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.
_Angrômainyus_, vom Ewigen nach Ahuramazdâ geschaffen, war anfangs gut und
kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazdâ _Dew_, arg, Quell,
Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bösen. Sein Licht verwandelte
sich in Finsternis; im Lichtreich der Schöpfung entstand ein Schatten. Die
Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen,
sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die _Finsternis_
geboren, der Same alles Bösen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, stürzte
er aus der Höhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf
die Wurzel seines Wesens böse. Ahuramazdâ ist seinem Wesen nach Licht und
wohnt im Lichtreich höher denn die Himmel; Angrômainyus ist seinem Wesen
nach Finsternis, d. h. Laster, Zerrüttung und Argheit selbst, und die
Sphäre seiner Wohnung, alles, was ihn einhüllt, ist Finsternis der
Finsternisse. In _Duzakhs_ Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis
reicht, ist er König und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist groß,
aber durch die Finsternis beschränkt; seine Macht, als die des Zweiten nach
Ahuramazdâ, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazdâs Erhabenheit
und Glanz.
Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das
durch Ahuramazdâs Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mächtig
wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem ständigen Kampfe
gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird
alles Böse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann,
ohne aus Ahuramazdâs Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen
von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten
endigt sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines
Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere
und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er
den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen
Herz, wodurch sein und der Dews Reich beständig an Umfang und innerer Macht
zunimmt. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster
auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige,
welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen
findet mit großer Kraft und Heldeneifer für des Guten Vermehrung in
Ahuramazdâs Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloße Gedanke oder Anblick
desselben macht ihn blaßgelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts,
denn der Streiter für das Gute gehört zu dem geliebten Volk Ahuramazdâs und
hat den Schutz aller Izeds des Lichtes für sich.
Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn
zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der
Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und König der Finsternis
bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazdâ
mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner
Grundfesten zertrümmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen
Metallströmen, wodurch er Sinn und Willen ändert; er wird heilig,
himmlisch, und begründet in seiner Welt Ahuramazdâs Gesetz und Wort,
wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazdâs, und
beide singen Zrvâna-akarana Izeschné, d. h. Ruhm- und Lobgesänge.
Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige
Ahuramazdâ und Angrômainyus geboren, faßte er den Ratschluß einer Zeitdauer
von zwölf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in
aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies
geschah noch vor der Schöpfung der Wesen auf höheren oder niederen Stufen.
Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk außer Ahuramazdâ und Angrômainyus.
Dieser »die begrenzte Zeit« genannte Cyclus ist für die Herrschaft von
Ahuramazdâ und Angrômainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der
Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach
Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwölf Jahrtausende teilte der
Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Könige aus. Das
erste Vierteil wurde Ahuramazdâ, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil.
Ahuramazdâ in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach
der Art und Natur seines Wesens. Angrômainyus sah Ahuramazdâs Glorie und
Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den
Krieg gegen Ahuramazdâ. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis.
Ahuramazdâ entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschöpfer der reinen,
guten Welt sein wolle, aber Angrômainyus verhärtete sich aus Stolz, Neid
und Haß und wurde der Grundärgste. Nun zerfiel alles in zwei Königreiche,
Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazdâs Eigentum, die Finsternis
das des Angrômainyus. Angrômainyus stürzte aus der Höhe unendlich tief in
den Abgrund, blieb aber König des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner
Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der ärgste Tyrann. In
der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit äußerstem Streben, Unruhe und
Anspannung aller seiner Kräfte, denn er weiß sein Ende. In dieser Zeit des
Angrômainyus hat oft das Böse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt
das Licht. So steigt und fällt bis zum Schluß der begrenzten Zeit die
Übermacht oder Schwäche des Guten und Bösen. Ahuramazdâ und Angrômainyus
befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des
Guten, der Triumph Ahuramazdâs.
Am Anfang schuf Ahuramazdâ zur Bekämpfung des Angrômainyus die _Feruer_
aller Wesen. Er dachte als Schöpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut,
stark und edel wären, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist
des künftigen Wesens, das künftig ein Teil von Ahuramazdâs Welt sein
sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den
bloßen Schöpfergedanken geboren; denn Ahuramazdâ dachte im _Wort_, und
jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist _Geist_, der das Geschöpf belebt,
zu dem er gedacht ist.
Die aus Ahuramazdâs allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten,
Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn
ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstörbaren Licht. Sie sind ganz
Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und
Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur,
Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhält durch sie Bewegung und Segen.
Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrômainyus; der Seele Schutz,
denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bösen;
sie bekämpfen die Schlangen, Dews, die Bösen und erlösen die Gerechten. Mit
der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote
vor Ahuramazdâ. In der Welt sind sie an die Körper gebunden.
Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die
unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmächtigen Wort, und dieser Abdruck
des unergründlichen Wesens ist Ahuramazdâs Feruer. Des Gesetzes Feruer ist
des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort,
das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist köstlich in den
Augen Ahuramazdâs, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des
Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.
Nach diesen reinen ersten Schöpfungsbildern sind alle himmlischen und
irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt
Ahuramazdâs, und gegen sie kämpft Angrômainyus mit seinen argen Geistern.
An diese zoroastrischen Sätze knüpft Kleuker eine längere Anmerkung, die
insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den
Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen
transcendentales Subjekt oder Feruer.
Die betreffende Stelle lautet:
»Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der Übergang von
dem, was wir Substanz nennen, zum bloßen Schöpfergedanken der Substanz.
Weil aber der Wesenschöpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen
Gedanken leer -- als einer bloßen Möglichkeit denkt, so dachte er lauter
Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrücke aller künftigen Wesen
und Geschöpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke,
himmlischer, göttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen
unterschieden; sie sind höher und eher als dieselben; sie haben zwar schon
den Grund in sich, warum sie künftig mit solchen und nicht andern
Geschöpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines
besonderen Geschöpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke
Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers höherer Geister, wie
von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht
Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer,
lebendiger Existenz, was Zoroaster künftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie
dachte, lebten sie, und können Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit
den Geschöpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, daß
die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients
getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit
dem Körper verbunden wird, daß sie ihn göttlichen Geschlechts und Natur
nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach
Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflüsse von Ormuzds
Schöpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort:
darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegründet: denn
kein Funke göttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben
und belebende Kraft. Zunächst wird Feruer von verständigen und lebenden
Geschöpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden
sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von
Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es
giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bäumen, Blumen, Sternen. -- Kurz, wo
Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere
Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind
sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft für das Wesen oder Geschöpf
selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden
Geschöpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher muß der Parse für seinen
Feruer besonders beten, daß Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird
Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates
Schutzgeist!«[162] -- --
Die von Ahuramazdâ geschaffene Welt ist unendlich groß, lebend und wirkend
in Wesen und Geschöpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in
eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.
Den höchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben _Amschaspands_
ein. Ihr König und Schöpfer ist _Ahuramazdâ_, der Urquell alles Lebens. Sie
sind die sieben ersten Geister Gottes, Könige, ganz Leben, heilig, rein und
groß; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat
einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre
Namen sind heilig.
Der zweite Amschaspand ist _Bahman_, der König der Welt, des Lichtes und
Himmels. Die übrigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch
Ahuramazdâs Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des
Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre
Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und
Glorie.
Der dritte Amschaspand ist der lichtglänzende _Ardibehescht_. Er giebt
Feuer und Gesundheit.
Der vierte Amschaspand ist _Schahriver_. Er ist der Vorsteher der Metalle,
der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.
Der fünfte Amschaspand ist _Sapandomad_, Ahuramazdâs Tochter, der
weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen;
weise, freigebig und demütig wie Demut verleihend; er hat reine,
wohlthätige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste
Menschenpaar, _Meschia_ und _Meschiane_, gebildet.
Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazdâ den Menschen zum Heil
geschaffene _Chordad_, der König der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den
Reinen giebt er reines Wasser und süße Speise. Sein Tag ist heilig und der
erste des Jahres.
Der siebente Amschaspand ist _Amerdad_, der Schutzgeist der Bäume und des
Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Früchte aller Art in Fülle
spendet.
Die zweite Klasse der guten Geister sind die _Izeds_. Ahuramazdâ hat sie
geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen
Volks. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer
Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind
unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fünf Abschnitte
des Tages und die fünf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend
gedacht. Jeder höhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist
Ahuramazdâ von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.
Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbüchern:
1. _Mithra_ (auch Meher), der Höchste und Glanzreichste aller Izeds, wird
mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glänzt wie der
Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hände auf zu
Ahuramazdâ, dem König der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der
Schutzwächter und Segner aller Menschen und Geschöpfe, und spricht die
Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und
Glück, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]
2. _Korschid_ (die Sonne) ist groß, unsterblich, Ahuramazdâs Auge. Er hat
vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.