Erstes Buch.
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.
Erstes Kapitel.
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.
Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und
selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die
Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit
des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten
tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in
seinem _Kern_ derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den
verschiedenen Staatsreligionen seine _Formen_, und wir haben deshalb den
stets gleichen _esoterischen Kern_ unter den wechselnden Hüllen der
_Dogmen_ nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und
Ausreifung.
Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- veröffentlichten die
englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der
+Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des
Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28
Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: »von der Existenz einer so
künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie
sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer
vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen
Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren
Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften
scharf präcisiert sind.«
Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im +British
Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von
zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten
Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln,
Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die
Schriftsteller des Altertums berichten.
Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen
Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den
vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde.
Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine
Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion
abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil
damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.
Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit
zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit
hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und
tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen
Wesens bestand.
Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten
mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte
Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten
vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten
ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den
Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich
verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine
einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie
später auch in Assyrien galt.
Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und
phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele
akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders
des Großen reichende Periode der »Chaldäer«. Allerdings nahmen in dieser
Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren
Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine
niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwörungen
Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige
elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste
Priesterkaste waren die Chaldäer, welche -- wie die persisch-medischen
Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.
Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste
verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer
Religionslehren übergehen.
Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als
Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und
+Mummu+ -- %Thayath%, %Apasôn% und %Môumis% des Berosus) geboren. Jedoch
werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt,
sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen
Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen
Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist
+Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der
Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels
und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte,
und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All
durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit,
der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist
+Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der
geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der
geordneten Bewegung der Himmelskörper.
Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen
gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu
stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald
der Bruder des +Bel+.
Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, +Anat+
(akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich
als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese
Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen
die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen
der klassischen Völker.
Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die
Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heißt:
»Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich
bei Sonnenaufgang;
Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich
bei Sonnenuntergang.«
Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß
in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt,
welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel männlich
ist.
Die höchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche
Potenz +Gula+ hieß; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches
Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hieß; der assyrische Name ist noch nicht
mit Sicherheit entziffert.
Diesen höchsten Planetengöttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+
(Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+
(Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+.
Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+,
deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heißt, ausgesprochene weibliche
Prinzipe gegenüber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+,
dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+.
Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so
nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und
machte aus Nebo gar zwei Persönlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften
und Künste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also
hier schon völlig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des
Mercur vorgebildet.
Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner
Jugendblüte entrissen und veranlaßte ihre Wanderung in das »Land ohne
Heimkehr«, das Totenreich, wodurch er Anlaß zur Dichtung des ältesten Epos
der Menschheit, die »Höllenfahrt der Istar«, gab. Da nun Dumuzu die Sonne
ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen
Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.
Die Planetengötter bilden die auf die höchste Trias folgende oberste
Götterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwölf
Monate und zwölf Zeichen des Tierkreises.
Auf Denkmälern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem
Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwölf Götter
folgendermaßen genannt:
»1. _Anu_, der König der himmlischen und irdischen Erzengel, König der
Welt.
2. _Bel_, Vater der Götter, Schöpfer.
3. _Ea_, König des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und
Erkenntniß.
4. _Sin_, Herr der Kronen, zum höchsten Glanz erkoren.
5. _Bin_, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanäle.
6. _Samas_, Richter des Himmels und der Erde.
7. _Maruduk_, gerechter Fürst der Götter, Herr der Geburt.
8. _Adar-Samdar_, der Mächtige, Krieger unter den kriegerischen Göttern,
Vernichter des Bösen.
9. _Nergal_, der Edelmüthige, König der Schlachten.
10. _Nebo_, Träger des höchsten Scepters.
11. _Belit_, Gattin des Bel und Mutter der höchsten Götter.
12. _Istar_, die Älteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der
Krieger mit Glanz erfüllt.«
Anderswo[3] heißen die zwölf Monate des Jahres mit ihren Göttern:
1. _Nisannu_, Anu und Bel.
2. _Airu_, Ea, Gebieter der Menschheit.
3. _Sivanu_, Sin, Erstgeborener des Bel.
4. _Duzu_, Adar, der Krieger.
5. _Abu_, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida).
6. _Ululu_, Istar, Herrin der Schlachten.
7. _Tasritu_, Samas, der Herr der Welt.
8. _Arak-samma_, Maruduk, der große Fürst der Götter.
9. _Kisilvu_, Nergal, der große Krieger.
10. _Tebitu_, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat.
11. _Sabatu_, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde.
12. _Addaru_, die sieben großen Götter der Planeten.
13. _Makru-sa-addari_, (Schaltmonat) Assur, Vater der Götter.
Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der
Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chaldäer beginnen
ließen. Der erste jüdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der
Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu,
der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der
Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu,
der Elul dem Ululu und der jüdische Schaltmonat Veadar endlich dem
chaldäischen Makru-sa-addari.
Damit endlich, daß man die Planeten vergöttlichte und sie zu den Herren der
Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der
Astrologie geschaffen.
Eine große Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als
Götter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang
und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Kräfte durch
Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die
astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen
»Geheimwissenschaften« ausführlich handelte.
Diese Astralgeister standen zwischen den Göttern und Menschen und griffen
segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die
vier wichtigsten schützenden Genien waren: der bekannte Flügelstier mit dem
Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Löwe mit dem
Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich
gestaltete +ustur+ und endlich der geierköpfige +nattig+, welcher Hesekiel
bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden
Wesen vorschwebte.
Über diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+,
die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die
Geister der Erde, welche den phönizischen Kabiren entsprechen.
Nach Angabe eines Täfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es außer
der obersten Trias sieben höchste Götter, fünfzig große Götter des Himmels
und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der
Erde.
Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und
Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus
in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die
alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse
Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und
Dämonen umbildeten.
Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der
Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur
Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.
Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+),
Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr
unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden.
Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, +utuk+, welches Wort aber
auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet,
unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+),
Zerstörer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert
ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+
(assyr. +rabisu+), Nachsteller.
Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs
genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen,
welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen;
»sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen
Sphären«.
Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien
ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben »Kurfürsten« der Teufel des
Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des +Ana+,
des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung
des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich
den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch
kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich
den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel
und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben
folgendermaßen mit lebhaften Farben:
»Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren;
Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens;
Sie thronen in den Tiefen der Erde;
Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde;
Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden.
Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht;
Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens;
Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. --
-- -- Sieben sind es, sieben sind es:
Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen
Schlupfwinkel.
Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich,
Sie breiten sich aus gleich Fesseln.
Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder;
Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht.
Gebet und Flehen erhören sie nicht.
Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen,
Feinde des Ea,
Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter.
Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder,
Die Feinde, die Feinde;
Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie!
Geist des Himmels, daß sie beschworen seien!
Geist der Erde, daß sie beschworen seien! -- -- --
Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde!
Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm
vorausgeht.
Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache;
Sie sind die Vorboten der Pest;
Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5];
Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden;
Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels;
Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde;
Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären;
Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl;
Sie sind die sieben schädlichen Götter;
Sie sind die sieben Schreckgeister;
Sie sind die sieben bösen Flammengespenster,
Sieben im Himmel, sieben auf der Erde,
Der böse Dämon, der böse +alal+, der böse +gigim+, der böse +telal+,
der böse Gott, der böse +maskim+.
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!
Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie!
Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie!
Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt,
beschwöre sie!«
Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch
größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine
Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die
Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden
+Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen
ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber
seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen
Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen.
Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen
Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart
endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den »_allmächtigen
geheimnißvollen Namen_«, der im Stande ist, alle Anschläge der
furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.
Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen,
geheimnisvollen Namen gesprochen, »mittelst dessen Ea im Innern seines
Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt«; dieser Name aber, der alle
höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in
geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die
wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester.
Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung
der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie
die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger
bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen
mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim
schreiten.
Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren
Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch
Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung
kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der
Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon
weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles
menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.
Wir sehen also in dem akkadischen Beschwörungsritual den ganzen Modus der
mittelalterlichen Teufelsbeschwörungen vorgebildet, und wie dort die Maskim
durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den »allmächtigen,
geheimnißvollen Namen« Eas beschworen werden, so werden hier die sieben
Kur- oder Großfürsten der Hölle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die
geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen.
Ja, der »allmächtige, geheimnißvolle Name« der Akkader erinnert sogar an
die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt
hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:
»Verworfenes Wesen,
Kannst du ihn lesen,
Den nie entsprossenen,
_Unausgesprochenen_,
Durch alle Himmel gegossenen,
Freventlich durchstochenen?«
Die akkadisch-chaldäischen Planetengötter und Maskim wurden im Parsismus zu
den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dämonen der
Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfürsten und den Fürsten der
Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den
Planetenintelligenzen und Großfürsten der Hölle.
Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dämonen gezählt,
sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als »an sich selbst
böse Geister« angesehen. Namentlich waren dies die Geister heißer und
ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhältnissen
Chaldäas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten
begünstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit läßt die vier
Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein,
und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen
stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller
Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.
Die Thätigkeit der übrigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dämonen
ist auf die Vorgänge des täglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwörung
sagt hierüber Folgendes:
»Sie sind der Hölle Ausgeburt,
Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten.
Sie sind das Gift in der Galle der Götter, die großen Tage, die vom
Himmel sich weg stehlen.
Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen
Kinder.
Sie drängen sich rings um hohe Gerüste, um geräumige Gerüste.
Sie dringen aus einem Hause in das andere,
Sie werden von den Thüren nicht abgehalten,
Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten,
Sie schleichen zwischen den Thüren hindurch wie Schlangen,
Sie verhindern die Schwängerung des Weibes durch den Gatten[6],
Sie stehlen die Kinder vom Schooße des Menschen[7],
Sie vertreiben den Besitzer vom väterlichen Hause,
Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.«
Diese Dämonen wohnen in Einöden und Wildnissen[8], von wo aus sie in
bewohnte Ländereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu
schädigen. Sie werden in den Beschwörungen nach ihren Wohnorten
klassifiziert, nach der Wüste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Sümpfen
und dem Meere. Ferner heißt es an einer Stelle, daß der +utuk+ die Wüste
bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die
Wüste durchstreife und der +telal+ in den Städten umherschleiche.
Von allen bösen Einwirkungen, welche die Dämonen auf die Menschen ausüben,
ist die Besessenheit am meisten gefürchtet, und es giebt zahlreiche Sprüche
und Beschwörungen zur Heilung derselben. So heißt es z. B.:
»Den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, den Dämon, der sich des
Menschen bemächtigt,
Den +gigim+, der das Üble anthut, den bösen Dämon,
Geist des Himmels, beschwöre ihn! Geist der Erde, beschwöre ihn!«
Wenn die Dämonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum
Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwörung dahin zu wirken, daß nach
Ausfahrt des bösen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In
diesem Sinne sagt eine Beschwörung:
»Daß der böse Dämon ausfahren möge!
Daß er sich anderswo niederlasse!
Daß der holde Dämon, der holde Coloß
Einfahren möge in seinen Körper!
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«
Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dämonen,
woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklärt,
daß es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine
Ärzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den
Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche
wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das ärztliche Verfahren bestand in
Beschwörungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertränken, wodurch
allerdings nicht ausgeschlossen wird, daß man sich bei Anwendung der
letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die
Erfahrung gelehrt hatte.
Die Auffassung, daß die Krankheiten ein Werk feindlicher Dämonen seien,
zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezügliche
Beschwörungen wären wohl kaum zu allen Zeiten geübt worden, wenn sie nicht
zuweilen wirksam gewesen wären. Die so von und bei geeigneten
Persönlichkeiten erzielten Heilungen bestärkten natürlich den Glauben an
die objektive Wahrheit des den Beschwörungen zu Grund liegenden zufällig
herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der »Aufklärung« Veranlassung
gab, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der falschen Voraussetzung
auch den thatsächlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen
erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in
denen eine willenskräftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand
entsprechende Beschwörung gläubig erregte Psyche auf eine andere,
schwächere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen
sein.
Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthält die akkadischen
Krankheitsbeschwörungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine
Erklärung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und füllt den
größten Teil der Beschwörung aus, worauf die Wünsche nach Genesung, oder
aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung,
sich zu entfernen, den Schluß bilden. Manchmal erhält die Beschwörung am
Schluß eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog,
in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewünschte Heilmittel
nachzuweisen.
Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z. B. magnetisiertes
Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein
Beispiel für den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine längere
Beschwörung, deren Anfang leider verstümmelt ist. Der Text beginnt mit den
Worten:
»Die Krankheit der Stirn ist der Hölle entsprungen,
Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hölle entsprungen.«
Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es
wird von der »anschwellenden Geschwulst« und »beginnender Eiterung« sowie
von der Gewalt des Übels gesprochen, welches »die Wände des Kopfes gleich
denen eines morschen Schiffes zersprengt«. Vergeblich hat der Kranke die
Wirkung der reinigenden Gebräuche versucht; sie vermochten die der Hölle
entstammende Plage nicht zu bemeistern:
»Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebändigt,
Er hat sich gereinigt und hat den Büffel nicht ins Joch gespannt.«
Trotzdem läßt das Übel nicht ab, den Kranken »gleich Heuschreckenschwärmen«
zu zernagen; da schreiten endlich die Götter ein, und von jetzt ab lautet
der Text:
»Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen.
Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen:
Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hölle entstiegen.
Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen:
Was er dagegen thun soll, das weiß dieser Mann nicht; wie wird er
dieselbe überwinden?
Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert:
Mein Sohn! weshalb weißt du das nicht? Warum soll ichs dich erst
lehren?
Was ich weiß, das weißt du doch auch.
Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi;
. . . . . . . . . .[10] nimm den Eimer;
Schöpfe Wasser von der Spiegelfläche des Flusses;
Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit;
Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit.
Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes;
. . . . . . . . . . umhülle sein Haupt.
Daß der Irrsinn vergehe!
Daß die Krankheit seines Hauptes sich auflöse wie ein flüchtiger
Nachtregen!
Daß Eas Vorschrift ihn heile!
Daß Davkina[11] ihn heile!
Daß Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das günstige Bild
schaffe!«
Nehmen wir, was hier zulässig ist, an, daß bei den Akkadern, wie bei den
Ägyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten
wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwörung gleichzeitig
eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches
angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige
Heilkraft, nicht stark genug war.
Daß die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bäder kannten, ergiebt
sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:
»Fülle ein Gefäß mit Wasser;
. . . . . . . . . .
Stelle einen Zweig von der weißen Ceder hinein;
Übertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt.
Bekräftige sodann die Bezauberung dieses Wassers;
Vervollständige den göttlichen Zauber.
Reiche dieses Wasser dem Menschen;
Thue, was . . . . . . . . . . sein Haupt.
Den hinfälligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her!
. . . . . . . . . . sein Zauberbild.
Beschwöre diesen Menschen.
Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf daß
Ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen.
Gleichzeitig, während dieses Wasser über seinem Körper zerrinnt,
Möge die Pest, die seinen Körper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser.
Fange dieses Wasser im Gefäße wieder auf
Und schütte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstraße,
Daß die Landstraße die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, entführe!«
Wie allbekannt, werden noch heute Bäder mesmerisiert, indem man mit einem
Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in
gleicher Richtung kreisförmig umrührt, eine Manipulation, welche, wie der
Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer
Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu
einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgießen des Bades auf die
Landstraße ist eine sogenannte »Transplantation der Krankheit in die
Elemente«, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren
vielfach geübt wird, indem man die mit der kranken »Mumie« angefüllten
»Magnete« -- um die klassisch gewordenen Ausdrücke der Paracelsisten
beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hängt, vergräbt, verbrennt,
ausschüttet usw.
Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratländern eine
große Rolle und heißt akkadisch +gis-zida+, »der günstige, wohlthätig
wirkende Stab«, oder +gi-namekirru+, »Rohr des Schicksals« und assyrisch
+qan mamiti+, »Rohr des Schicksals« und +qan pasari+, »Rohr der
Offenbarung«. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden
Gottes Silik-mulu-khi, und es heißt von ihm[15]:
»Goldenes Schilfrohr, mächtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr
der Sümpfe,
Heilige Streu der Götter,
Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhöht,
Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi,
Der Verkünder hehrer Verjüngung.«
Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten
Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte
Heilungen resp. wohlthätige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach
obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren
bedient habe. Vielleicht unterstützten die Erben der Akkader ihre Seher und
Seherinnen durch das »Rohr der Offenbarung«. Die bekannteste dieser antiken
Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot äußert sich, das Wesen
der Incubation mißverstehend, folgendermaßen über die dort erteilten
Orakel:
»Im obersten Thurm ist ein geräumiger Tempel, in demselben befindet sich
eine große wohlgebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch;
ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch
darin des Nachts außer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der
Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche die
Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich
jedoch nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und
auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe
Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schläft im Tempel des
thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem
Manne Umgang; ebenso verhält es sich in dem lycischen Patara mit der
Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht
immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte
hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.«[16]
Einigen Aufschluß über die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken
in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns
folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines
Kopfübels angiebt[17]:
»Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete,
Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre
Vorbereitungen zur Linken (des Kranken);
Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den
Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19]
Umhülle das Haupt des Kranken,
Umhülle den Sitz seines Lebens,
Umhülle seine Hände und Füße.
Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und
Benetze ihn mit den bezauberten Wassern;
Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde
gleich einem reißenden Sturmwind.
Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden
Wasser.[20]
Daß Eas Vorschrift ihn heile!
Daß Davkina ihn heile!
Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame
Kraft verleihe!«
Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem
heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie
tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.
Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein
persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies
geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die
Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese
zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem
Beschwörungsfragment ersehen:
»Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige
+idpa+,
Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+,
Gegen den Hals des Menschen der schädliche +utuq+,
Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+,
Gegen die Eingeweide des Menschen der böse +gigim+,
Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+.«
Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die
Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in
dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren »Land ohne Heimkehr« wohnen und aus
ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das
larvenartige »Schreckgespenst« oder »Schattenbild« (akkad. +dimme+, assyr.
+lamastuv+), das »Gespenst« (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der
Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur
die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr »den
Menschen anfällt«. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in
dem Epos »die Höllenfahrt der Istar« ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am
Thore folgende Worte zu:
»Hüter, öffne dein Thor;
Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann!
Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,
Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß,
Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor.
Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden,
Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher
machen denn Alles, was lebt.«
Eine besondere Geisterklasse sind die »Dämonen der nächtlichen
Samenergüsse«, das Nachtmännchen, +lillal+, und das Nachtweibchen,
+kiel-lillal+, die »bezwingende Beischläferin«, deren Umarmungen sich weder
Weiber noch Männer entziehen können. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der
Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:
»Dornen werden in ihren Palästen wachsen,
In ihren Festen Nesseln und Disteln;
Schakale werden da hausen,
Strauße werden da nisten.
Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen,
Die Dämonen mit einander verkehren.
Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.«
Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad.
+kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, daß er
sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum
Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.
Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten.
Das »böse Wort« und der »böse Mund« werden überall neben dem bösen Blick
erwähnt; so heißt es:
»Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert,
Das böse Antlitz, den bösen Blick,
Den bösen Mund, die böse Zunge,
Die böse Lippe, das schädliche Gift,
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«
Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer
in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+).
Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm
die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu
vertreiben:
»Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort!
Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke!
Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt.
Einziger Gott, der sich nimmer verändert,
Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag,
Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt,
Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber
gerichtet!
Sei's auch ein böser +utuk+, ein böser +alal+, ein böser +gigim+, ein
böser +telal+, ein böser Gott, ein böser +maskim+,
Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr,
Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold,
Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige
Krankheit:
Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen
verbreitet,
Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen.
Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt,
Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden,
Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet,
Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der
Erde nimmer entkommen lassen! --
. . . . . . . . . .
Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus,
Den soll er in den Graben des Hauses versenken!
Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften,
Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte!
Wer am Thore des Hauses auflauert,
Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr
möglich ist!
Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt,
Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande
einschließen!
Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt,
Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln
gelegt ist,
Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen!
Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug!
Den soll er zermalmen wie Thonerde.
Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben!
Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster
erwürgen!«
Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf
Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden
an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus
allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art,
Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene
Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen
aufbewahrt werden.
Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand
Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie
in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer
Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal
mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen
Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt
Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß
er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon
»acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse
und Feinde entfernen«, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.
Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die
Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:
»Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier
gehüllt;
Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . .
Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt.
Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . .
Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche
die bösen Dämonen verjagen,
Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken.
Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen
hat, an die Umzäunung des Hauses.
Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der
nicht seines Gleichen hat[23],
Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter,
Auf den Boden unter das Bett.
Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den
Gott Latarak an die Thür.
Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . .
An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde
entgegenstreckt,
Stelle ihn zur Rechten und Linken.
Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den
Thorweg;
Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . .
. . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt,
. . . . . . . . . .
O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea,
Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt!
Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!«
Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die
Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die
Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um
sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung
assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer:
»Gegen die Dämonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+,
Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr,
Das Nachtmännchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold
Und alles Übel, das den Menschen erfaßt,
Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen;
Daß euer Weihrauch zum Himmel emporsteige!
Daß die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre!
Daß Eas Sohn, der Held, dessen Zauber . . . . . . euer Leben
verlängere!«
Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, daß man
die durch sie dargestellten Dämonen durch die Scheußlichkeit ihrer
Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z. B. Ea seinem Sohne
Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdämons Namtar folgenden Rat:
»Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi,
Knete den Schlamm des Oceans
Und forme daraus das ihm (Namtar) ähnliche Bild,
Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen;
Lege das Bild auf seinen entblößten Unterleib;
Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt.
Wende sein Antlitz nach Westen.
Daß der böse Namtar, der seinen Körper bewohnt, sich anderswo
niederlasse.
Amen.
Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit großer Macht
ausgestattet.«
Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rücken
befindlichen akkadischen Inschrift den Dämon des Westwindes darstellt,
befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen
Totenkopf mit Augen und Ziegenhörnern, den Rumpf eines Hundes, Löwentatzen,
Adlerfüße, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flügel. An einem am
Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor
der Thür des Hauses aufgehängt, um den schädlichen Einfluß des von der
arabischen Wüste nach Babylon herüberstreichenden Westwindes zu vernichten.
Im +British Museum+ befinden sich ähnliche Talismane wie z. B. ein Bild
eines Dämons mit einem Widderkopf und übermäßig langem Hals oder mit einem
Hyänenkopf, Bärenleib und Löwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht
möglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen
kann nicht der mindeste Zweifel darüber herrschen, daß in späterer Zeit aus
ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden.
Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen
bestehenden Geschöpfe hängen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen,
denn Berosus schildert die Geschöpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt:
»Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterniß gehüllt und vom Wasser
durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheußlichsten
Thiere und wunderbarsten Geschöpfe urplötzlich entstanden; es gab Menschen
mit zwei und vier Flügeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Köpfen,
von denen der eine oft männlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war,
ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig männlichen und weiblichen
Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfüßen und Ziegenhörnern oder
solche mit Pferdefüßen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil
eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren,
ähnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit
vierfachem Körper und Fischschwänzen, Pferde und Menschen mit Hundeköpfen,
desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Körper eines Pferdes und dem
Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfüßler, welche aus
verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien
zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern,
welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen
man auf den Wandgemälden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24],
leitete diese Schöpfung; sie wird im Chaldäischen Thavatth[25] genannt, ein
Name, der im Griechischen »das Meer« bedeutet; doch wird sie auch mit dem
Monde identificiert.«
Diese Geschöpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthätige
Genien oder von den Göttern bekämpfte Dämonen, welche bei der Scheidung der
Elemente entstanden, und denen Diodorus Siculus die ganze untere Hälfte
des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos
beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem
Tiamat -- die Personifizierung der von den Göttern noch ungeordneten
Materie -- die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die
ersten Menschen zur Verletzung der göttlichen Gebote verleitet, so daß sie
in der chaldäo-babylonischen Schöpfungstradition die gleiche Rolle spielt,
wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden
chaotischen Geschöpfe werden vollständig mit den Dämonen identifiziert und
deshalb von den oberen Göttern bekämpft. Im +British Museum+ befindet sich
z. B. ein aus dem Palast von Nimrud herrührendes Basrelief, auf welchem der
mit Königskrone und Stierhörnern geschmückte Maruduk, welcher an den
Schultern vier Flügel trägt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat
verfolgt, welche als Ungeheuer mit Körper, Kopf und Vorderfüßen eines Löwen
und den Flügeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint.
Die Talismane, welche man zum Schutz in den Häusern verbarg, entfalten nach
dem Glauben der Urzeit wie nach dem des späteren Mittelalters nur so lang
ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon
aus folgender von König Assurakhiddin herrührenden Inschrift ergibt:
»Daß der bewachende Stier, der bewachende Genius,
Der die Macht meines Königthums schützt,
Für alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte,
Bis seine Füße von seinem Platz verdrängt werden.«
In anderen Bruchstücken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen
Bekenntnis begangener Sünden, der aufrichtigen Buße und reinigenden
Gebräuchen schützende Wirkung gegen die Nachstellung böser Dämonen
beigelegt. Man sieht also, daß gewisse kirchliche Gebräuche nichts weniger
als christlichen Ursprungs sind.
Zu den wichtigsten der schützenden Talismane der Chaldäer wird der
Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung +gis-zida+, der
günstige, wohlthätige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern,
wenn er auch Beinamen führte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt
wurde. Der Titel +Nin-gis-zida+, »die Herrin des Zauberstabs«, ist eine
Nebenbezeichnung der akkadischen Göttin Nin-kigal und der assyrischen
Allat, der »Herrin des Totenreichs«, welche daher auch die Sondergöttin der
Magie und Geisterbeschwörung ist; ihr, »der Herrin des Zauberstabs«, ist
der Monat Ab geheiligt.
Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der
Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt.
Die Chaldäer machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und
schädigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den
heiligen Büchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben
gezeigt, daß dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und
Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; außerdem spielten noch die
Beschwörungen eine große Rolle. Durch die Beschwörung der Schutzgötter, als
welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht
allein die bösen Dämonen bekämpft, sondern es soll auch die Wirkung des
Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heißt es in einem Hymnus:
»Der du die Lüge zu Schanden machst, den bösen Einfluß vernichtest,
Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Träum' und
Erscheinungen,
Der du die bösen Ränke vereitelst, Menschen und Länder vernichtest,
Die der Hexerei und bösem Zauber ergeben sind, usw.«
Der Zauberer und Schwarzkünstler wird in den akkadischen Beschwörungen
meist »der Bösewicht«, »der boshafte Mensch« bezeichnet, welche Namen
dessen magische Thätigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie
man im Mittelalter die Hexen »gute Frauen«, »+bonnes dames+« usw. zu nennen
pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei »das
Wirkende«, »das Gewaltsame«; die magischen Gebräuche »die Handlung«; die
Beschwörung »das Wort« und der Zaubertrank »die wirkende Sache« genannt.
Der akkadische »Bösewicht« übt die gleichen Venefizien wie die
mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bösen Blick
oder böse Worte; durch seine Beschwörungen und Künste zwingt er die
Dämonen, daß sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Länder
mit Krankheit, Besessenheit und Tod überziehen. Durch Zauberei,
Verwünschungen und wirkliches den Zaubertränken beigemischtes Gift tötet er
die Menschen, während umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete
Beschwörung den tödlichen Ausgang auf den Schwarzkünstler zurückzuwälzen
sucht. So lautet ein hierhergehöriger Passus einer assyrischen Beschwörung,
die gegen die bösen Künste einer Hexe gerichtet ist[28]: »Daß sie sterbe
und ich am Leben bleiben möge!«
Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den übrigen Völkern des
Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptsächlich von den Frauen
betrieben, weshalb sich auch eine große Anzahl assyrischer Beschwörungen
gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den
mesopotamischen Völkern herrschte auch der Glaube, daß die Hexen auf
Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte »Stück Holz«
(+gusur+) heißt »das Reitthier der Hexe« (+rakabu sa kasipti+).
Ein lebhaftes Bild von den Künsten der akkadischen Hexen entwirft uns
folgende Beschwörung[29]:
»Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen
Zauber bezaubert;
Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren
Zauber bezaubert;
Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.;
Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.;
Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw.
Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen
Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert;
Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider
verunreinigt.
Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem
Staube meiner Füße vermengt[30],
Daß der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen möge!«
Eine andere Beschwörung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, »der die
Nachtwachen mit Zauberei hinbringt«, »schädliche Worte spricht«,
»zauberische Knoten schürzt, die gelöst werden müssen«[31], und schließt
mit dem Wunsche, »daß er durch das Machtwort der Götter beschworen werden
möge!«
Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die
Beschwörung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgeübt, der
unter Umständen irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.
Der Bildzauber spielt eine große Rolle und scheint eine der häufigsten
Manipulationen der chaldäischen Schwarzkünstler gewesen zu sein, denn in
fast allen Beschwörungen wird vor dem »Anfertiger des Ebenbildes« gewarnt.
Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben,
denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn
Chaldûn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden
nabatäischen Zauberern[32]:
»Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzkünstler das
Bildniß einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse
bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen
des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und
Stand seines Opfers gewissermaßen harmonirt. Nachdem der Zauberer das
Bildniß, welches die zu bezaubernde Person thatsächlich oder sinnbildlich
darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darüber gesprochen, speit
er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während
er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der
verhängnißvollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er über
diesem symbolischen Bildniß eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen
Knoten macht[33], womit er andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und
Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der im Augenblick des Ausspeiens
seine Handlung unterstützte, einen Bund schließt, und beweist, daß er die
feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böser Geist, der, im
Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen
unheilvollen Handlungen und Worten Theil, während allmählich noch andere
böse Geister hinzutreten, sodaß der Zauberer vollkommen im Stande ist,
seinem Opfer das Böse anzuthun, was er ihm angewünscht hat.«
Des magischen Knüpfens der Knoten bedienten sich übrigens auch die
helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u. a.: »Silik-mulu-khi,
Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Händen!«
Es scheint jedoch hier die Lösung eines in schädigender Absicht geknüpften
magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie
wir ähnlichen Manipulationen beim Nestelknüpfen und andern magischen
Künsten des Mittelalters begegnen.
Das mächtigste Zaubermittel des akkadischen Bösewichts war die
Verwünschung, welche nicht allein die Dämonen entfesselte, sondern auch die
Götter beeinflußte, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schädlichen
Eigenschaften ausstattete. Nach chaldäischer Anschauung machten sich die
Schwarzkünstler durch ihre Verwünschungen die über die einzelnen Menschen
wachenden Götter unterthan und verwandelten ihre wohlthätige Macht in eine
feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwörung zu Grund[34]:
»Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser
Dämon;
Der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm;
Der Spruch des Verderbens schwebt über ihm;
Die schändlichste Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn
hervorrief.
Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm.
Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt;
Seine Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen,
Die dröhnende Stimme umhüllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn
zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.«
Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwünschten zu Hilfe und befragt Ea um
Rat, welcher antwortet:
»Reich' ihm die Hand von der Höhe der glänzenden Wohnsitze herab;
Zerstöre das böse Geschick, befreie ihn vom bösen Geschick,
Welches Übel auch in seinem Innern wühlen mag,
Sei es eine Verwünschung seines Vaters,
Eine Verwünschung seiner Mutter,
Eine Verwünschung seines älteren Bruders,
Oder gar der Fluch eines Unbekannten.
Das böse Geschick, möge es auf den Zauberspruch, den Ea verkündet,
Gleich einer Zwiebel sich abschälen,
Gleich einer Dattel zerstückelt,
Gleich einem Knoten gelöst werden!
Das böse Geschick! Geist des Himmels, beschwöre es! Geist der Erde,
beschwöre es!«
Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfällt in eine Anzahl von Strophen,
welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den
Anfängen derselben ergeben. So heißt es:
»I. Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch
dem bösen Zauber ergehen!
Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
II. Gleichwie diese Dattel in Stücke zerschnitten ist, so wird es auch
dem bösen Zauber ergehen!
Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
III. Gleichwie dieser Knoten gelöst ist, so wird es auch dem bösen
Zauber ergehen! usw.
IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw.
V. Gleichwie dieses Fähnlein zerrissen ist, so usw.
VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem
bösen Zauber ergehen!
Das Feuer wird es verzehren!
Der Walker wird es nimmermehr färben und zu einem Kleidungsstück
verwenden,
Es wird nimmermehr zum Gewand eines Königs, eines Gottes erwählt
werden!
Der Mensch, der den bösen Zauber verhängt hat, desgleichen sein Weib,
Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde
Schrift, die Verwünschung und sündige Rede,
Das Übel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden
behaftet,
Möge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch!
Möge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden!
Möge sich das böse Verhängniß verziehen, möge es wieder hell um mich
werden!«
Soviel von der schwarzen Magie der Akkader.
Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die
Staatsreligion der Chaldäer über, in welcher er eine untergeordnete
Stellung einnahm, während die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum über
den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester,
die wir uns wohl als eine Art Medizinmänner oder Schamanen zu denken haben,
fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chaldäer, ähnlich wie in Indien
Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die
Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer
Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende
Körperschaften, die +Khartumim+, +hakamim+ und +asaphim+ des Buches Daniel.
Die Sammlung ihrer überlieferten Beschwörungen, welche wohl um diese Zeit
abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bücher der Chaldäer
und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser
der Magie ergebenen Priesterkollegien, ähnlich wie man in Indien das
Atharva-Veda, welches in vielen Stücken mit dem ursprünglichen reinen
Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in
Widerspruch stand, unter die heiligen Bücher aufnahm, insofern es als den
Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehörend betrachtet wurde.
Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzählige persönliche
Geister, welche überall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen
beseelten Naturkörpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte
Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des Übersinnlichen ist dem
Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an
die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten
Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen
alle Geschöpfe, verursachen das Gute und Böse, leiten die Himmelskörper in
ihren Bahnen, führen den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das
Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden
atmosphärischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die
Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der
Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen
überall: im Sternenhimmel, in der Atmosphäre, auf der Erde, in der Luft, im
Feuer und Wasser. Jeder Himmelskörper wird von Geistern bewohnt. Man
verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persönlichkeiten.
Wie überall in der Natur Böses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod,
Gesundheit und Krankheit einander gegenüberstehen, so findet sich --
ähnlich wie bei Zoroaster -- auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein
ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von
welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Böses fürchten. Gewaltige Gruppen
böser und guter Geister stehen einander gegenüber und bekämpfen sich
unaufhörlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und
Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und
bösen, glücklichen oder unglücklichen Ereignissen und lassen auf den
regelmäßigen Verlauf der Dinge plötzliche Katastrophen folgen. Mit jedem
Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie böse Geister
verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch überall Zwietracht
herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bösen verschont
bleibt. Dieser Kampf wird -- dem niederen kulturellen Standpunkt der
Akkader entsprechend -- in überwiegender Weise als ein physischer
aufgefaßt, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religiösen
Hymnen völlig zurück. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments
erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verstöße
gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch äußere Gebräuche
gesühnt werden müssen. Eines der größten Verbrechen ist die unterlassene
Anrufung der guten Geister und der mit den bösen eingegangene Bund. Wir
haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel.
Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte
akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebräuche
zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr
zu betrachten ist.
Der Mensch ist selbst in den beständigen Streit zwischen den guten und
bösen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu können. Alles ihm
widerfahrende Gute rührt von den guten, alles Böse von den bösen Geistern
her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bösen Geister und
die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewähren
ihm die allmächtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwörungen der
Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die
bösen Dämonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so
hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwörungsworte und Gebräuche
usw., daß man annimmt, sie erhöhten die Kraft der guten Geister im Kampfe
gegen die bösen, daß sie dieselben unüberwindlich machten und ihnen den
Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen,
sondern verhindern auch schädigende Naturereignisse und greifen
entscheidend in den Kampf der guten und bösen Geister ein.
Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dämonen
parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben über die
Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die über
die Klassifizierung der bösen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist
ersichtlich, daß die Geisterrassen der +alad+, +lamma+ und +utuk+ sowohl
unter den guten, als unter den bösen Geistern vorkamen, insofern in den
Beschwörungen sehr häufig »der gute +alad+«, »der gute +lamma+« und »der
gute +utuk+« den bösen entgegengestellt werden. Auch ist von
Elementargeistern (+zi+) im engeren Sinn, Schutzgeistern und körperlich
gestalteten Engeln die Rede, unter denen namentlich die auf Erden
wohnenden +anunna+ und die unter dem Himmel schwebenden +igigi+ oder
+igaga+ unterschieden werden.
Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Götter, -- +ana+,
+dingi+ oder +dimmer+ --, welche sich jedoch nicht erheblich von den
Geistern (+zi+) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, daß man ihnen
eine größere Macht oder einen größeren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich
das Intellektualsystem der Akkader übersehen läßt, ist ein Gott von einem
Naturgeist nur dadurch unterschieden, daß er an weniger enge räumliche
Grenzen gebunden ist und einen größeren Teil des Universum, eine größere
Menge von Naturvorgängen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen,
von welchen übrigens eine jede Individualität durch einen besondern Geist
beherrscht wird, regiert.
Diese Götterklasse erscheint äußerst zahlreich. Viele werden in den
Beschwörungen gegen die Dämonen und Krankheiten sowie in den magischen
Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und
unter Umständen erwähnt, daß man daraus nichts Bestimmtes über ihre
Persönlichkeiten, Ämter usw. entnehmen kann.
Um die akkadische Geisterlehre völlig verstehen zu können, müssen wir uns
mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:
Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (+kî+) als eine
umgestürzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten
geöffnete Höhlung der Abgrund, die Unterwelt (+ge+) ist, in welcher die
Toten wohnen (+kur-nu-ga+, +kîgal+, +arali+), und in welcher auch die Sonne
ihre Wanderung während der Nachtzeit vollbringt. Über der Erde dehnt sich
der Himmel (+ana+) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den
Fixsternen (+mul+) um »den Berg des Ostens« (+charsak kurraj+), nämlich um
eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Säule. Dieser
Berg ist nordöstlich von Akkad gelegen, welches -- unter dem Zenith
(+nuzku+) befindlich -- der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter
nordöstlich vom »Berge des Ostens« befindet sich das Land der Aralli, »der
goldreiche Wohnsitz der Götter und seligen Geister«.
In späterer Zeit nahmen die chaldäischen Astrologen einen sphärischen
Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschloß; jedoch lassen
gewisse charakteristische Ausdrücke die Vermutung zu, daß man in der Zeit,
in welcher der größte Teil der magischen Urkunden abgefaßt wurde, sich den
Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als »Fundamente des
Himmels« (+uru ana+) auf den äußersten Enden der Erde jenseits des »großen
Wasserbeckens« (+abzu+) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos
des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name +lubad+ --
Leithammel -- anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in
einer niedern Sphäre (+ul-gana+), die sich unterhalb des Fixsternhimmels
(+e-sara+) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur
einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trägt den
Ocean der himmlischen Gewässer (+ziku+), welche noch in der
mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean
als ein alles umschlingender Fluß gedacht.
Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft
sowie endlich dem Abgrund. Über diese drei Regionen gebieten die drei
mächtigsten Götter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den
chaldäischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der
Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der
Naturgeister.
Ea ist »der gewaltige Fisch des Oceans« (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt,
der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und
Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldäischen Noah und sagt,
nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge
stehen geblieben war: »Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch
vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von
da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung
zu gebrauchen.« Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: »Aus dem Holze des
Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz
gegen Bezauberung um den Hals hängen.«
Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten,
wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur noch übrig, die
Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem »Abgrund« und »Land ohne
Heimkehr« zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich
dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:
»Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet
Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla,
Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35],
Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren,
Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit
ersetzt wird,
Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer
Nahrung hat,
Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt,
Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln,
Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.«
In Istars Höllenfahrt wird eine »Quelle des Lebenswassers« erwähnt, welche
sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den
unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten
(+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen
Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber »das
Wasser des Lebens« getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. --
Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der
magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem
Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, »die Todten ins
Leben zurückzuführen«. -- Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich,
daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen
unsterblich sein sollten.
In dem genannten chaldäischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem
Vorbilde der Planetensphären in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu
welchen »sieben Thore und Verschlüsse der Welt« führen, die man sich
vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in
die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thürhüter), »der große Thürhüter der
Welt« bewachte, lag im Westen in der Nähe des »großen Berges«, welcher dem
»Berge des Ostens«, der »Wiege des Menschengeschlechts« und dem
»Versammlungsort der Götter« gegenüberliegt.
Während die Pelasger die Götter der Unterwelt als die Erzeuger der
Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36]
als den Gott der glänzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane
gefertigt wurden. Die magischen Bücher kennen einen Gott des Goldes, des
Silbers und Kupfers, einen »Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von
Edelsteinen« und einen »Gott der Ceder«, welcher namentlich bösen Zauber
abwendete.
In einem Hymnus an Nin-dara werden öfter kostbare Steine erwähnt, deren
talismanische Kräfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land
richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklären läßt, daß das Altertum den
Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chaldäa verlegt. Das Buch, welches
nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias über Talismane verfaßte
und dem König Mithridates widmete, gehörte wahrscheinlich zu den Produkten
der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen
Zauberbüchern in einem ähnlichen Verhältnis standen wie die hermetischen
Bücher zu den Schriften der alten Ägypter.
Die der Hölle entsprossenen Dämonen hegen wie die Schwarzkünstler eine
große Vorliebe für die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der
Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen überall belästigen
und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des
bösen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die
Tagessonne, verscheucht die Dämonen und Zauberer:
»Du machst die Lüge schwinden, du vernichtest den bösen Einfluß
Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Träume und schädlichen
Erscheinungen.«
Ein anderer Gegner der Dämonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott
der Winde und fruchtbaren Regen, welcher später in den chaldäischen Bin
oder Ramann, den Gott aller atmosphärischen Erscheinungen umgewandelt
wurde.
Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mächtiger Widersacher der Zaubereien und
Bekämpfer der bösen Dämonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:
»Der du die bösen Maskim verjagst,
Der du gedeihen läßt die Wohlfahrt des Lebens,
Der du des Bösen Brust in Schrecken bannst,
Hüter des Orakels des Mul-Gelal.
Feuer, Vernichter des Feindes,
Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt,
Welche befruchtet und leuchten läßt,
Welche unter den sieben Göttern die Bösen vernichtet.«
Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren
Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten
chaldäischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode
bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine
hauptsächlichsten Prädikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+,
Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als
Zauberstab schon oben begegneten, und das später an Silik-mulu-khi
übergeht.
Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der
Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha,
»dem Heiligen und Gerechten« des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra,
wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des
medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre
auffaßte.
Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern
mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im
Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der
irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier
und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren
Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch
Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den
Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern
Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der
Hierarchie des guten Prinzips fanden.
Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den
Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher
ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer
Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar »ein Gott und dessen Göttin,
reine Geister über ihm«. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der
fromme Mensch, der fromme König: »der Mensch, Sohn seines Gottes«, »der
König, Sohn seines Gottes«. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der
Priester dem Feuergott zu: »Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes
und meiner Göttin, der reinen Geister!« und deshalb heißt es: »Er werde
zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!«
Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern
teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren
Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen
Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und
sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu
veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon
Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die
Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als
dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die
besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch
von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren
eine dem »transcendentalen Subjekt« entsprechende höhere war und sich von
der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser
abgelöst hatte.
Zweites Kapitel.
Das Divinationswesen der Chaldäer.
Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte
umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu
Alexander dem Großen reicht.
Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische
Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und
Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen
philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze
bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in
den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech
befand, gelehrt.
Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur
eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der
neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis
derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich
gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer
hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel
wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht,
welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000
v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen
Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.
Philo sagt: »Die Chaldäer scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen
andern Völkern gepflegt und befördert zu haben. Sie brachten die irdischen
Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in
Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur
räumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den
harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung
auf, daß die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie
belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen
Verhängniß oder Nothwendigkeit vergöttlichten, den reinen Atheismus hervor,
denn sie erweckten den Glauben, daß alle Naturerscheinungen nur eine
sichtbare Ursache hätten, und daß von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der
Gestirne das Glück oder Unglück eines jeden Menschen abhänge.«
Der Kern der chaldäischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten können
wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo über
den Atheismus und Materialismus der Chaldäer sagt, eben so wenig wörtlich
zu nehmen als eine ähnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:
»Die Chaldäer behaupten, daß die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, daß sie
keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schönheit und die
Ordnung des Weltalls schreiben sie einer göttlichen Vorsehung zu und
behaupten dennoch, daß auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommniß
zufällig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Göttern bestimmt
sei.«
Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die
ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden
ist, andererseits aber nach einem höheren Willen den Lauf der Gestirne in
den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das
Verhängnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie,
welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der
phönizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung
und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist
insofern unzutreffend, als die Chaldäer ein göttliches Urwesen oder eine
allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten,
annahmen. Nur leiten sie dieses göttliche Urwesen von der Materie ab,
welche sie sich niemals völlig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch
ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch
unumschränkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das
unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er
durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt hatte vollbringen
lassen.
Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldäern aus ihren eigentümlichen,
den nördlichen Semitenvölkern entlehnten religiösen Anschauungen. Indem sie
den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf
alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise
dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den
Planeten, in Verbindung zu bringen; sie führten den Gestirndienst ein. Die
Chaldäer verehrten die Gestirne nicht nur als die glänzendste Offenbarung
der göttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch führten
sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur
Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religiösen Feste unbedingt
notwendig waren.
Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in
Stockwerke geteilt und wie die ägyptischen mit den Seiten nach den
Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen
drei zu Ur und sieben zu Borsippa am großen Turm, den Nabukudurussur wieder
herstellen ließ. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Götter
der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fünf Stockwerke,
welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den
Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit
den Farben der Planeten übertüncht.[40] Sie waren sowohl die Stätten des
Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von
der großen Pyramide zu Babylon ausdrücklich sagt. Man glaubte sich durch
sie den Göttern stufenweise zu nähern, und auch auf einem Basrelief von
Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so große Rolle
spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich
bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in
entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine
solche Pyramide zu betrachten.
Die Chaldäer zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten
Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem
Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von
der Ähnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der
Geschicke schlossen, den Schlüssel zu den Rätseln der Zukunft gefunden zu
haben.
Lenormant sagt: »Die unabänderliche Regelmäßigkeit des Laufes der Sterne
und ihr Einfluß auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom
Walten eines unabänderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein
festes solidarisches Verhältniß alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden
und die irdischen Dinge von den himmlischen abhängig mache. Und daraufhin
wurde angenommen, daß alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger
Gleichheit wiederholen müßten.
Die Astrologie nahm allmählich eine immer bestimmtere Form an, ja sie
machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst
der fortgesetzten alltäglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer
Wahrheiten erhärtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen
Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewöhnlichen
Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimniß
derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl
unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergründen. Die Gestirne
waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller
Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verkünder derselben. Denn
ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten sämmtlich eine bestimmte
Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die
letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle
wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den
Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein
bestimmtes System ein, unterließ aber gleichzeitig nicht, aus den
allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphäre neben
den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht
selten als richtig erweisende Vermuthungen über das Wetter abzuleiten.
Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch
verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fällen befragt und als
Richtschnur beobachtet zu werden.«
Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:
»Erscheint der Mond auffällig groß, so wird eine Finsterniß eintreten.
Erscheint er dagegen auffällig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet
sein.« (Unvollkommene Beobachtungen von Perigäum und Apogäum des Mondes,
welche zufällig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)
»Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhängnißvolles Zeichen für Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar,
so ist dies ein gutes Zeichen für das Land Akkad und ein böses für Syrien.«
»Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhängnißvolles Zeichen für Elam.«
»Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze
bildet er hinter sich einen Schweif, ähnlich dem Stachel der Scorpione. Es
ist dies ein günstiges Vorzeichen, welches Glück verkündet dem Herrn des
Hauses und dem ganzen ihm unterthänigen Lande.«
»Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang
sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein
reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhüllt, so
wird die Ernte des Landes mißrathen.«
»Wird der Mond von dichtem Gewölk verhüllt, so stehen Überschwemmungen
bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.«
Man sieht, daß diese Aufzeichnungen der frühesten Kindheit der Beobachtung
entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlüsse vom Prügel auf den Winkel
sind.
Außer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig
beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines
augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von
Niniveh erhalten, welches fünfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von
diesen fünfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von günstigen und
ungünstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst
ist verloren, und von den Kapitelüberschriften sind folgende Reste
erhalten:
»1. Also, die Prophezeiungen von Glück und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen
von Freude und Trübsal für das Menschenherz.«
»2. Also: der Herr des Geldes, der Erklärer der Regengüsse --.«
Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als
Brechomantie noch heute in der Türkei eine große Rolle spielt.
»3. Von den Sternwarten der Stadt.«
Die Überschrift des vierten Kapitels ist schwer verständlich; es scheint
von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges
»der Vögel des Himmels, der Gewässer und der Erde« gehandelt zu haben. Den
diesbezüglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine große
Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie »in der Stadt und den Straßen
derselben« gemacht wurden.
»6. Zinnober ist über der Flamme verbrannt.«
»7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthümlich, so ist dies für die
Bewohner des Hauses ein verhängnißvolles Zeichen.«
Über diese sogenannte Ökoskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser
Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften
darüber.
»13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von
hellem Schein, die Stadt in Flammen.«
»14. Ein Seedrache mit den Vögeln des Himmels . . .«
Aus den astrologischen Kapitelüberschriften sind folgende hervorzuheben.
»3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch . . .«
»4. Der Marsstern mit sieben Namen in . . . . . . . .«
»5. Das gleichmäßige Aussehen von Sonne und Mond . .«
»6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond . .«
»7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond . . . . .«
»8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif
hat . . . .«
»10. Der Stern +iku+ . . . .«
»11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst
dreht . . . .«
»Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der
vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen
. . . . Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel . . . . Himmel und
Erde . . . .«
Die Schlußzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch
erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren
verhängnisvolle Bedeutung auf der Rückseite folgendermaßen angegeben wird:
»Diese Erscheinung lehrt, daß die Stadt des Landesfürsten samt ihren
Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und
Hungersnoth . . . . auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir
verkünden wird, und wie . . . . .«
»Diese Sammlung von fünfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am
Himmel und auf Erden, sowie ihre günstigen und ungünstigen
Vorbedeutungen . . . . alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden . . . .
hierin ist ihre Deutung verzeichnet.«
König Sargon I. ließ diese Sammlung sowie ein großes Werk von siebenzig
Tafeln über alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate
anlegen, welches das Hauptwerk der chaldäischen Astrologie und anscheinend
von Berosus ins Griechische übersetzt wurde.
Neben der bienenfleißig getriebenen Beobachtung der astronomischen und
tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen übten die Chaldäer auch das
einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich
habe dieselbe in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich beschrieben und
muß darauf zurückverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, daß man
in einem Köcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschäfte
durcheinander schüttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte.
Mit diesen Stäben ist nicht das »Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der
Enthüllung« (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr.
+kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der
Magier Orakel erteilte.
Neben dieser Art Belomantie kannten die Chaldäer noch ein anderes
Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek
von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach
verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der größeren und
geringeren Entfernung derselben vom Schützen, sowie aus der Art und Weise
ihres Niederfallens Schlüsse auf die Zukunft gezogen.
Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwähnt.
Über die chaldäischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]:
»Die Chaldäer sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der
Auslegung von Träumen und Wunderzeichen, auch hält man sie für geschickte
Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.«
Die Auguralwissenschaft der Chaldäer war demnach, und wie sich aus den
Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des
Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die
Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die
Traumdeutung.
Leider sind wir bei dem gänzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im
Stande, etwas Näheres über die Vogelschau der Chaldäer zu sagen; nur soviel
ergiebt sich -- wie schon erwähnt --, daß dieselben dem Gesang und Geschrei
der Vögel große Bedeutung beimaßen, wie dies die Griechen, Etrusker und
Römer ebenfalls thaten.
Nach Festus teilten die Etrusker und Römer die Vögel in +alites+ und
+oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf für bedeutungsvoll hielt. Bei
den Griechen war die Kunst der %oinôpoloi% schon in sehr früher Zeit im
Gebrauch und kommt bereits bei Homer völlig ausgebildet vor. Wahrscheinlich
war sie von Chaldäa nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie
eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe
gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, daß sie aus Phrygien
stamme, womit Cicero übereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und
Pamphylien als die Länder nennt, in welchen diese Divinationsgattung
besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr früher
Zeit die Kultur der Euphratländer angenommen und mit andern
babylonisch-chaldäischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach
Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte
Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflüsse
zurückzuführen ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maçudi und Juden[45]
finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an
der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt
und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen läßt.
Nach den Fragmenten des großen auguralwissenschaftlichen Werkes von König
Sargon I. suchten die Chaldäer in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere
vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht näher
angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Füchse,
wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Löwen, Bären, Fische,
Schlangen u. a. m. beobachten könne. Doch hatte die betreffende Erscheinung
bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht
sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der
Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen
wollte. So heißt es z. B.: »Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten
Seite schwarz, -- auf der rechten Seite bläulich, desgleichen ihre
Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite
kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig«, so sind diese
Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen für die Jahreszeiten sowie die
Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen,
welche auf der rechten Seite günstig waren, waren auf der linken Seite
ungünstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden
Erscheinungen waren im allgemeinen ungünstiger als die auf der rechten
vorkommenden.
Andere Vorbedeutungen suchten die chaldäischen Haruspices im Innern der
Eingeweide, welche nach vorausgegangener äußerer Besichtigung geöffnet
wurden. So heißt es z. B.:
»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt
Hader und Zwietracht ein.«
»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite
Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.«
»Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so
tritt Zwietracht ein.«
Von den noch unveröffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant
eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich außer bei
den Babyloniern bei den Völkern des klassischen Altertums eine große Rolle
spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstümmelt
und enthält nur die Aufzählung der Fälle, welche mit der größeren oder
geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder
beider zugleich sowie mit dem völligen Schwund des rechten oder linken
Lappens oder aber mit der schwarzen, bläulichen, kupferigen oder roten
Färbung eines oder beider Lappen zusammenhängen, worauf die aus dem
Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlüsse folgen.
Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus über alle Länder der
alten Welt: im Norden über Armenien und Komagene, im Westen über Phönizien
und Palästina (die O. wird den Juden ausdrücklich verboten[47]) bis nach
Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die
Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berühmt waren. Von
Kleinasien kam das Haruspicium sehr frühzeitig nach Griechenland, wo die
Familienangehörigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in großem
Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn
des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl
nur darauf hindeutet, daß die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgeübt
wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien
gebräuchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter,
den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug.
Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus
Etrurien berufen und bildeten eine besondere Körperschaft, welche
gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die
+libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bücher, deren
Vorschriften und Lehren man für Offenbarungen des der Erde entstiegenen
Tages hielt.[51]
Außer den Regengüssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage
erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, während die Deutung
der Beziehungen der nächtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen
war.
Über die erstere Wolkengattung heißt es z. B.:
»Steigt bläulichschwarzes Gewölk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des
Tages der Wind wehen.