Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen

aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes

bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der

Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir

Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus

konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten

Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.

Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems)

gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes

treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte

Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische

Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer

Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in

arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von

Gott!«

Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen

Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken

und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die

Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den

Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben

waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz

bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen

Steinen hingen ihnen um den Nacken.

[215] Wandernde Stämme.

Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine

Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit

durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das

lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes

Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff

befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen

Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem

kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten

in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre

Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen

hatten.

Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus

Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß

und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und

Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.

Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien,

aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und

Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und

Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku.

Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre

Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre

Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander

wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte

sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem

Fremden -- es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier

zusammentrafen.

Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen

größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.

»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.

»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«

»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«

»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen

zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine

Bescheinigung vorzeigen.«

»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«

»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige

Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren

Fleisch gehört den Priestern.«

»Können eure Priester Sünde thun?«

»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«

»Auch die Pirs, die Heiligen?«

»Auch sie.«

»Auch Mir Scheik Khan?«

»Ja.«

»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«

»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«

»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«

»Nein, wir entfernen sie.«

»Wie?«

»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du

weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei

erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden

sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir

unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«

»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«

»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«

»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«

»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü

burunuje -- er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«

»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode

des Leibes?«

»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch

Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein

geworden ist. -- Laß uns nun aufbrechen!«

»Wie weit ist es bis Kaloni?«

»Man reitet vier Stunden lang.«

Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle

Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und

als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht

bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir.

Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu

denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald

wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald

dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die

Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten

Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem

Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus

zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf

in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben

denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders

schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten

Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und

Olivenbäume.

Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis

Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und

wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme

hörten, welche uns anrief.

Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite,

unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen

Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig

ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein

dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf

dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche

das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den

Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die

Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche

und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.

»Ni, vro'l kjer -- guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der

Tapfere, reiten?«

»Chode t'aveschket -- Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst

mich? Von welchem Stamme bist du?«

»Ich bin ein Badinan, Herr.«

»Aus Kaloni?«

»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«

»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«

»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«

»Sie liegen hier in der Nähe?«

»Woher vermutest du das?«

»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er

sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«

»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«

»Mit deinem Häuptling.«

»Steige ab und folge mir!«

Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte

uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten

Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche

Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk

hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen

worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte

von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während

die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den

Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß

ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen

hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser

dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab

und kam uns entgegen.

»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b'ket -- sei willkommen; Gott vermehre

deinen Reichtum!«

Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches

eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er

gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich

gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt

drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216]

geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in

welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen

Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom

Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.

[216] Pomeranzenbaum.

»Taklif b' ela k' narek, au, beïn ma batal -- mache keine Umstände, die

unter uns überflüssig sind!« sagte er.

Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit

den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.

Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.

»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die

Unterhaltung.

»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache

Antwort.

»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«

»Auch zwischen ihnen.«

»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich

anzugreifen und zu überfallen?«

»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe

bitten.«

»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«

»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«

»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«

»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein

Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«

»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«

»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«

»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«

»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten

ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten

gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen

können, wenn die Türken uns angreifen werden.«

»Sie werden euch nicht angreifen.«

»Woher weißt du dies?«

»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so

müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein

Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen

Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi

unbemerkt zu erreichen.«

»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«

»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch

herfallen.«

»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«

»Willst du mir dazu verhelfen?«

»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik

Adi senden?«

»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken

fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken

ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«

»Ihnen folgen soll ich nicht?«

»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht

wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi

ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können.

Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern

tausend Türken töten.«

»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«

»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst

du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe

ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«

»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit

größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in

den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert

Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?«

»Habe ich dich bereits einmal belogen?«

»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein

Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!«

»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem

Kommen ungestört ziehen lässest.«

»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!«

»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen

sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.«

»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen,

damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!«

»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen

werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur

gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul

mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.«

»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List

anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes

Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?«

»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages

Scheik Adi überfallen können.«

»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein

tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es

da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht

haben.«

»Du hast davon gehört?«

»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten

verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen

Tribus zum reichsten Stamm gemacht.«

Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann:

»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein

Kampf stattfindet.«

»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer;

aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.«

»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey.

Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des

Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu

beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht

ankommen.

»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch

nicht?«

»Erzähle es!«

Und der Kurde that es in folgender Weise:

»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat

zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf,

und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten

die Erde berührte.

»Sallam aaleïkum!« grüßte er.

»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du,

und woher kommst du?«

Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein

Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde.

Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses

gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen

Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze

leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die

Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie

Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen.

»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende.

»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet

werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen

vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.«

»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed.

Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.

»Weißt du dies gewiß?«

»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!«

Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein

Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah

er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.

»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!«

»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle

alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die

Feinde bringe!«

Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg

und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und

die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum

besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus

konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie

hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die

Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein.

Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie

öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen

Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht;

aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von

ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.««

So erzählte der Kurde und schwieg nun.

»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey.

»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die

Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort.

»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie

wirklich geschehen ist?«

»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in

Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier

vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.«

»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie

vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?«

»Herr, das ist nicht möglich!«

»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.«

»Wo?«

»Dort der Rapphengst ist es.«

»Du scherzest, Bey!«

»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.«

»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist

ja das Roß dieses Mannes!«

»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.«

»Unmöglich!« -- Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die

ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte

vornehmen können.

»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch

einmal, daß er es wirklich ist!«

Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er

starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand

nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel.

Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des

narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich

hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak

zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er

brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß

der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten

Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.

»Katera peghamber -- um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte

er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung.

»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem

er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte.

»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta,

inschiallah, keïrah -- gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!«

»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich.

»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein

Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein

Säbel?«

»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei

Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich

komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier

desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier

siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor

vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie

schießen?«

»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey -- bei deinem Haupte, beim

Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es

nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild

und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die

vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem -- ich weiß

nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund

sein willst!«

»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es

ein Sprichwort, welches lautet: 'Dischmini be aquil schi yari be aquil

tschitire -- ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne

Verstand.'«

»Bin ich unverständig gewesen, Herr?«

»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit

einem Freunde kommt?«

»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube,

daß ich dir mit einem andern antworte: 'Betschuk lasime thabe 'i mesinan

bebe -- der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.' Sei du der Große; ich

werde dir gehorchen!«

»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine

Türkenflinten sind dir dann gewiß.«

»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem

-- bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm

diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!«

»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere

Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und

dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.«

Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis

an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie

möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir

gekommen waren.

Druck der Hoffmann'schen Buchdruckerei in Stuttgart.

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May's gesammelte

Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute

Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten

in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und

Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der

Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die

nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem

Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext#

Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print

book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May's

gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by

Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some

spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected

based on careful comparison with the magazine edition published earlier

in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied

to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font#

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 37 / 38 段