»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er.

Thue mit ihm, was du willst!«

Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch.

»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?«

»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein

Dieb und kein Räuber.«

»Was sonst?«

»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.«

[213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße.

»Ah! Wie heißt er?«

»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar

Amed.«

»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!«

Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der

zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits

begonnen hatte.

»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey.

»Seit dieser Mann hier badete.«

»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch

kein Dschesidi. Wie heißt du?«

»Das sage ich nicht!«

»Warum nicht?«

»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß

verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.«

»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu

thun?« fragte ich ihn.

Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.

»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt.

»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed,

so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.«

»Du -- du -- -- du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein

Verhängnis!«

»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier

thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!«

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Dann bist du verl-- -- --«

Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und

wandte mich wieder zu dem Gefangenen.

»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?«

»Ja, Emir!«

»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst,

unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt

aufzuschieben, so bist du frei.«

»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja -- --«

»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser

Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst

vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in

Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen

Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn

sofort gekannt hätte. -- Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul

zurückzukehren?«

»Ich verspreche es.«

»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?«

»Nein.«

»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich

selbst wird!«

Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen

Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand

und rief:

»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!«

Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß

wir unsere Großmut noch bereuen könnten.

»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt.

»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich.

»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!«

»Das ist richtig.«

»Und hatte den Tod verdient!«

»Das ist richtig.«

»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!«

Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies

nicht anfechten und antwortete:

»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?«

»Vielleicht viel!«

»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu

sein, der lieber stirbt als gesteht.«

»So hätten wir ihn getötet!«

»Und was wäre die Folge davon gewesen?«

»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!«

»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war

jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem

beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn

gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir

bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten,

und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht

das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die

allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt

ist, daß man überfallen werden soll -- so werden sie sich sagen. Habe ich

recht?«

Der Bey umarmte mich.

»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen.

Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß

er auch wirklich fortgeht.«

»Auch dies wirst du nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch

seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben,

und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen

kannst, ob sie ihm begegnet sind.«

Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei

Vorteile verbunden zu haben: -- ich hatte einem Menschen, der doch nur

auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den

Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das

Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das

Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen

Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein

Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war.

Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt,

versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es

gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich

das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband.

»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das

Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben,

auch wenn er alt geworden ist.«

Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es

sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich

konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen

wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit

gehe, sondern in sehr ernster Stimmung.

Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir

voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed

Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser

Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her

zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen

die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei

Gerätschaften beladen waren.

»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey.

»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes

sofort melden.«

»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?«

»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit

aufmerksam zu machen.«

Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern

umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten

knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand

sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und,

einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten.

Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und

konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.

Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales

erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten

ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht

stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns

kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir

rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen.

Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen

dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der

für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte.

Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan,

das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks

entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der

Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi

betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein

kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den

mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor

mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun

würde.

»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at -- der Friede und die

Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er.

»Chode scogholeta rast init -- Gott stehe dir bei in deinem Amte!«

antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich

verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!«

»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause

dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.«

Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm

wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey,

Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir

gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher

bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang

des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß

betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und

ließ sie am Eingange zurück.

In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern

Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und

ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir

Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und

Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein.

In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales,

welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün

des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind

vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich

Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren

ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen

Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich

nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine

größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen

getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten

wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei

kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen.

Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus

Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein

grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt

in dem Gemache.

Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die

Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den

Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als

Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße,

welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben

verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen

Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen

pflegen.

In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen

Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen.

In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche

Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei

größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben,

welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der

ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen

Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen

profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche

Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede

größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für

sich in Besitz.

Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet.

Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den

Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden

feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches

Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich

mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so

harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen.

Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine

Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger

Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in

Konstantinopel von ihnen sagte:

»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre

Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie

die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große

Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse

überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb

so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr

große Bedeutung verleihen zu können.«

Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß

sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum

wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder

einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten.

Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser

Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey

alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte.

Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere

Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.

»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der

Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den

Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«

»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.

»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«

Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung

des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den

über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem

Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen

sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche

der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer

besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort,

über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen

aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:

»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«

Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne

eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:

»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht

ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein

Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir

auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen

ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine

Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen

brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen

Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter,

des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr

haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das

Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese

Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder

anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das

Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an

das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«

»Nein.«

»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen

Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt

ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift

würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,

weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war

ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an

seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«

»Er hat euren Glauben gestiftet?«

»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der

Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf

welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings

umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch

diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam

erkannt haben.«

»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«

»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch

die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein

Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed

in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm

von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort

öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns

erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch

ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein

das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit

unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es

von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«

Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere

Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder

eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die

Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie

waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der

göttlichen Klarheit.

[214] Sonne.

Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche

kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch

zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres

Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet,

welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des

Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern

und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen,

wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.

Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit

seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches

Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein

gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.

Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder

getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht

worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.

Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das

Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von

Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung

konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte,

denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.

Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten

Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad

herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns

vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.

»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen

der Dschesidi kennen lernen.«

Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom

Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum

seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an

die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde;

seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der

Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab,

und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich

seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am

Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle

einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam,

übersetzte:

»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die

kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster,

Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht

zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die

Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«

Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.

»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«

»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«

»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun

sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du

dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;

dort kommen bereits die Opferstiere.«

Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von

Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.

»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.

»Sie werden geschlachtet.«

»Für wen?«

»Für Scheik Schems.«

»Kann die Sonne Stiere essen?«

»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«

»Nur das Fleisch?«

»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan

übernimmt die Verteilung.«

»Und das Blut?«

»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele

ist im Blute.«

Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des

Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um

eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es

den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu

können.

Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore,

gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren

Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde

von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit

hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den

ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den

Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben

Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele

Schüsse krachten.

Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es

gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und

schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle

der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß

kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader

zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut

aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von

Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die

andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine

außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.

Da trat Ali Bey zu mir.

»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der

Freundschaft der Badinan versichern.«

»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«

»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr

Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher

wie möglich gehen muß. Komm!«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 36 / 38 段