hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben
und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.
»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.
»Ja.«
»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«
»Zwei Stunden.«
»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«
»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«
»Welcher Weg ist der kürzere?«
»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«
»Wir wählen ihn dennoch.«
»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum
jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt
sein.«
»Gerade heute will ich es prüfen.«
Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen
gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil
bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit
Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald
besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich
wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen
mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir
den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art
Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die
gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu
unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine
außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er
bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde;
wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das
andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.
Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht
gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.
»Das ist das Thal,« meinte der Führer.
»Wie kommen wir hinab?«
»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik
Adi hierher.«
»Ist er betreten?«
»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«
Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales
ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem
Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach
einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder
abstieg. Er deutete nach rechts.
»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi
weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten
Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und
Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden.
Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt,
konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß
genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und
verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten,
daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher
selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich
in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele
durstige Kehlen.
Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann
ich das Gespräch mit der Bemerkung:
»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen
konnte.«
»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten
Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre
Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen
Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine
Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine
Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet
fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen;
aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest
nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den
Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
»Sind sie alle bewaffnet?«
»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen
wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen
Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere
Freudensalven.«
»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«
»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr
gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen
ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi
verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er
verdiene, ausgerottet zu werden?«
Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich
erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.
»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.
»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«
»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«
»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von
meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«
»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir
einiges sagen wirst.«
»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«
»Bin ich dir fremd?«
»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und
auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du
bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir
sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«
»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«
»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz
allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«
»Darf ich dich fragen?«
»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«
»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges
wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«
»Soviel ich's vermag, ja.«
Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals
aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst
ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses
letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung
steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die
Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den
Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe
stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit
Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek
Ta-us, König Pfauhahn.
»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«
»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser
Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war
sein Schöpfer und Herr.«
»Wo ist er jetzt?«
»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«
»Wohin?«
»Auf die Erde und auf alle Sterne.«
»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?«
»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?«
»Ja.«
»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?«
»Ja.«
»Dann wird er auch verzeihen -- den Menschen und den Engeln, welche gegen
ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du
meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen
nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen
belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.«
»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?«
»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu
beleidigen.«
»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?«
»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der
Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von
den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?«
»Ja.«
»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst
du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?«
»Ja.«
»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir
wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.«
»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?«
»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.«
»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren
verzeichnet sind?«
»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich
habe gehört, daß es verloren gegangen ist.«
»Welches sind eure heiligen Handlungen?«
»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.«
»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?«
»Das weiß ich nicht genau.«
»Betet ihr zu ihm?«
»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott
beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.«
»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?«
»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder
ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.«
»Wie kleiden sie sich?«
»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr
frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle
Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.«
»Giebt es viele Pirs?«
»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.«
»Weiter!«
»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um
unsere heiligen Lieder zu verstehen.«
»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?«
»Ja.«
»Warum nicht in kurdischer?«
»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen
Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten
müssen.«
»Haben sie eine besondere Kleidung?«
»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen
Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die
Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente
spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.«
»Welches sind die heiligen Instrumente?«
»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen
Festen zu singen.«
»Wie kleiden sie sich?«
»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß.
Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den
Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am
Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und
tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.«
»Wer ernennt eure Priester?«
»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein
Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine
älteste Tochter über.«
Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient!
»Und wer ist der Oberste aller Priester?«
»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet
sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch
etwas zu fragen?«
»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?«
»Getauft und beschnitten.«
»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?«
»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der
Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen
geben mögen.«
»Habt ihr eine Kiblah?«
»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem
an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei
ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend
gerichtet ist.«
»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?«
»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus
den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach
Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.«
Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her
ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im
Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte
uns die Hand.
»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß.
»Uns? Warum?« fragte ich.
»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses
Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um
nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.«
»Zur Aufnahme der Flüchtigen?«
»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey
erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale
locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz
dasselbe thun.«
»Ihr wollt die Türken hierher locken?«
»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des
Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der
Scheik ist damit einverstanden.«
Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn
zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten
unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung.
»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die
Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk
haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.«
»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?«
»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich
teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der
geplante Überfall nur uns gilt.«
»Ist es bereits bekannt?«
»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet
finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem
Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!«
»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.«
»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!«
»Warum nicht?«
»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.«
»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich
allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen,
daß ich ein Feigling bin?«
»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des
Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der
Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm
aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und
kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?«
»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht
töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.«
»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur
den Tyrannen von mir weisen.«
»Wie willst du dies durchführen?«
»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen
sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr
sein.«
»Männer, Frauen und Kinder?«
»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die
Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich
auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über
Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des
Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und
stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie
niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben.
Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle
meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor
dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.«
»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.«
»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich
habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche
ihm zuvorkommen wird.«
Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger,
sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei.
»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn.
»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere
Habe beschützen werden.«
»Eure Habe nehmt ihr mit?«
»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von
Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen,
aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.«
»Und Scheik Mohammed Emin?«
»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der
Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.«
»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des
Mutessarif achten müssen.«
»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich,
daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!«
Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine
beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als
sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten.
»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey.
»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen,
daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden
sollen.«
»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?«
»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen
worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.«
»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden,
so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie
erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
Mögen sie finden, was sie suchen!«
Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine
Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife
und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch
zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich
während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging
unter dieser angenehmen Beschäftigung.
Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe
ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses
eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel
des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da
ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein
an den Schwanz befestigt hatte.
Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in
größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer
angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich
sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben,
welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: --
meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis
zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind.
Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem
Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in
die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini
eingetreten war.
»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte,
ohne daß es von mir bemerkt worden war.
»Was giebt es?«
»Fort!«
Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei,
übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz
vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich
überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die
Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach
wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle
zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.
Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf
Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich
mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des
Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem
Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal
näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte
einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an
dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche
den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem
schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann,
er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich,
obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine
breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest.
»Was thust du hier?« fragte ich.
»Nichts.«
»Wer bist du?«
»Ein -- ein Dschesidi,« klang es zaghaft.
»Woher?«
»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.«
Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der
Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter.
»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?«
»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.«
»Und was thatest du vorher hier?«
»Ich wollte baden.«
»Wo hast du die Wäsche?«
»Ich habe keine.«
»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben,
statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?«
»Im Dorfe.«
»Bei wem?«
»Bei -- bei -- bei -- -- ich kenne seinen Namen nicht.«
»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt.
Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!«
»Ich muß vorher baden!«
»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!«
Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.
»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?«
»Mit dem Rechte des Mißtrauens.«
»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!«
»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf,
und es wird sich zeigen, wer ich bin.«
»Gehe, wohin es dir beliebt!«
»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.«
Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei
mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem
Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt
ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn
zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten.
»Was wagest du?« blitzte er mich an.
»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk -- sofort!«
»Laß meine Hand los, sonst -- -- --!«
»Was sonst?«
»Brauche ich Gewalt!«
»Brauche sie!«
»Da -- -- --!«
Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf
und faßte nun auch seine zweite Hand.
»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!«
Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe
schnell auf und faßte ihn bei der Jacke.
»Nun vorwärts, sonst -- --! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!«
»Herr, thue es nicht!«
»Warum nicht?«
»Bist du ein Dschesidi?«
»Nein.«
»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?«
»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.«
Er erbleichte.
»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!«
»Dschesidi oder nicht; vorwärts!«
Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn
sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als
wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch
den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn
bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als
wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen.
»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey.
»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt,
und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den
Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.«
»Wer ist er?«
»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.«
»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.«