Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name

ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und

küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz

zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst

sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten

orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken

findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache

oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das

letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu

gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste

mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und

stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir

standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und

darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter

dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und

mir nach Tisch ihren Garten zeigte.

Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im

Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am

besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei

welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern

Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.

Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich

auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht

erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein

starkes Heft.

»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.

Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der

Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes

nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben

und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in

mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr

schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald

es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der

Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich

beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie

möglich auszunutzen.

Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die

Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen,

erklang folgender Gesang:

»Ghawra min ave the

Bina michak, dartschin ber pischte

Dave min chala surat ta kate

Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].«

[211] Frei übersetzt:

»Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen.

Ich steh' ihr im Rücken und atme verstohlen.

Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,

Und sollt' ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«

Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst

im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider

blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,

wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es

wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest

nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche

Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.

»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der

Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut

unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im

Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor

ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil

Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«

Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher

Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:

»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich

tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit

dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich

aber denselben zurückzog, so traf er meine Na -- -- --«

In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich

ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf

den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines

Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende

Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele

der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an,

welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte.

Ifra aber meinte ruhig:

»Was staunt ihr denn? Mein Esel war's! Er kann die Dunkelheit nicht

leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht

geworden ist.«

Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige

Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während

der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen

Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der

Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im

Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben

schien.

Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von

der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche

verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen

dürfe.

»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.

»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers.

»Alle zwei Minuten einmal.«

»Gewöhne es ihm ab!«

»Womit?«

»Ich weiß es nicht!«

»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht:

-- Schläge, Hunger und Durst.«

»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht

erkennt!«

»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich

an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und -- schreit weiter.«

»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß,

aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«

»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen

verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen

stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen.

Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein,

stumm aber gewißlich nicht.«

»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört

hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«

»In der türkischen.«

»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen

ist, der das Türkische gar nicht versteht?«

»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein

Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu

ihm!«

»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi

Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden

kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt

hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«

[212] Salomo.

»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die

Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine

gesprochen haben?«

»Nein.«

»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki

dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi

wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee -- -- --#«

»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«

»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«

»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«

»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine

Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch

erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«

»Versuche es nur!«

»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen

Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein

Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie

aneinander. Der eine sagte: 'Es ist mein Haus!' Der andere sagte: 'Es

ist mein Haus!' Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein

Backstein und sagte: 'Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder

dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert

Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im

Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich

zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich.

Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann:

ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem

Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was

ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele

nicht -- -- --'«

Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er

anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er

that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit

der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba

verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung

und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.

»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da

ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich

begrüße.«

Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen

Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.

»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.

»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu.

Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher

wieder?«

»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft

vielleicht ein Geheimnis?«

»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«

Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß

der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der

gute Hadschi war schon wieder beim Essen.

»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe

dir etwas mitzuteilen.«

»Sprich!«

»Dürfen es alle hören?«

»Alle.«

»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach

Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht

wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über

Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah

versteckt.«

»Wer sagte das?«

»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana

Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus

Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind

über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt

oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«

»Wer sagte dir dieses?«

»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu

gehen.«

»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken.

Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz

am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«

»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«

»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu

verbergen?«

»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«

»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch

unsere Tiere dort unterzubringen?«

»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem

Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird

bemerken, was wir thun.«

»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir

sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich

bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit

gebraucht.«

»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«

»Thue es!«

»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.

»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«

»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«

Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die

Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei

demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und

mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus

drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten,

drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine

vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte

ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen

Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.

Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein

Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu

studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,

doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm

zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den

Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die

Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die

andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie

das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus

Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das

Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden,

wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt,

als dem klar und offen zu Tage Liegenden.

Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast

regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche,

markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht

auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch

reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als

aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur

Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu

unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst

nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.

Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu

immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine

Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer,

und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche

geradezu infernalisch genannt werden mußte.

Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein

verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk

Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen;

jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich

nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte

vor meiner Thür. Er trat ein.

»Schläfst du schon, Emir?«

Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in

voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst

keine bessere Einleitung finden können.

»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange,

welchen dein Esel vollführt!«

»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt

kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den

Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So

weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder

nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere

meinen Grad.«

»So schaffe ihn in den Wald.«

»O Emir, das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«

»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«

»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«

»Nun?«

»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«

»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«

»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«

»Zu mir? Warum?«

»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«

»Natürlich hat er eine.«

»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«

»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine

Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der

Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und

brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«

»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine

türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht.

Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich,

herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken,

wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier.

Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig

Ruhe läßt.«

»Glaubst du denn wirklich, daß -- -- --«

In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit

solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit

einfiel.

»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab,

sonst ist er verloren und seine Seele auch!«

Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen?

Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des

Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut

widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.

»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.

Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:

»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«

Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den

Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige

fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase

und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte

mich an Ifra.

»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«

»Nachir Mirja.«

»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«

»Muthallam Sobuf.«

»Der ist es! Wo wohnte er?«

»In Hirmenlü bei Adrianopel.«

»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat,

um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz

gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: 'Escheklerin sew -- liebe deine

Esel!' Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat

an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt,

umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere

einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst

werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du

ihn erlösen, Ifra?«

»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das

Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel

schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu

schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,

um den Vater meines Vaters zu erretten.«

»Hole einen Stein und eine Schnur!«

Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul

und schrie.

»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«

Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den

Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte

der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;

dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem

Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz

brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort

eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel

befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er

schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit

den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu

schreien -- aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine

größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm

vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.

»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir,

du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«

Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger

noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.

Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches

im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche

teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach

Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik

Mohammed Emin.

»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.

»Nein.«

»Blicke hinab!«

Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von

Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte

dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben

erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich

nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs

aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.

Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.

»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer

Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«

»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang

seiner eigenen Stimme ermutigen.«

»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«

Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef

nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen

mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die

Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir

die Hand.

»Sabah'l kher -- guten Morgen!« grüßte ich sie.

»Sabah'l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava -- wie ist dein Befinden?«

»Kangia! Tu ciava -- gut; wie befindest du dich?«

»Skuker quode kangia -- Gott sei Dank, gut!«

»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.

»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,«

antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«

»Kommt herbei und setzt euch!«

Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in

dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art

Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.

Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte

trübsinnig seitwärts.

»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.

»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.

»Was fehlt dir?«

»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und

geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl

auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines

Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am

Schwanz!«

Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die

Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten

konnte, laut aufzulachen.

»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher

der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach

Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder

auf den Geist meines Großvaters!«

»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf

einen Geist kann sich niemand setzen.«

»Auf wem soll ich denn reiten?«

»Auf deinem Esel.«

Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.

»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«

»Das war nur Scherz.«

»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«

»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen

Scherz so zu Herzen nimmst.«

»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft

mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen?

Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines

Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was

dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«

»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das

will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen

schließt, wenn er kräht?«

»Ich habe es gesehen.«

»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so

wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den

Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«

»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«

»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann

wird er das Schreien lassen.«

»Ist dies wirklich so?«

»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«

»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«

»Nein, ich sage es dir ja!«

»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«

Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann

kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu

beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen

durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi

untereinander leben.

Zwölftes Kapitel.

Das große Fest.

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 34 / 38 段