tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar -- das Wort Gottes ist ein Hammer,
welcher Felsen zertrümmert.' Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe
entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni
dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen;
sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre
Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie
hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das
heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch
verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen
lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein.
Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche
Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der
dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des
Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der
Jeboschu[196], welcher da gebietet: 'Günesch ile kamer, sus hem Gibbea
jakinda hem dere Adschala -- Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im
Thale von Ajalon!' Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit
dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der
mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut,
welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen
niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in
eurem Buche nicht: 'Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma -- die
Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?' -- Wäre ich
ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle
Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege
ebnen, von denen euer Kitab sagt: 'Wazar-lar sallami, der-ler ughurü --
sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!' -- Du blickst
mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg
und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du
dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen
wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?
Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und
sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du
sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise
unternimmst?«
[194] Amerika.
[195] Katholiken.
[196] Josua.
[197] Simson.
[198] Hirt David.
[199] Noah.
[200] Moses.
»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten
ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören
ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne
Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der
Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und
beruhigen soll das 'Schamata arasynda daghlere -- das Geschrei in den
Bergen', von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch
kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer,
nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so
höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es
sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe
nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist
verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
»Ja.«
»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir
wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war
ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die
brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere,
und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte
über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr
Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan,
Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze.
Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre
Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du
dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum
nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns
und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen
Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die
Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem
Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten
wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern
Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin -- du kommst zur rechten
Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist
der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir
Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter
kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201]
waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über
sie zu verschaffen.
[201] Teufelsleute.
»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde
sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen,
welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben
unser Fest mitfeiern.«
»Du kennst sie?«
»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er
befindet sich in Amadijah.«
»Woher weißt du dies?«
»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber
jetzt nicht befreien können.«
»Warum?«
»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu
befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen
bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
»Wie viel?«
»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten
Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit
dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk,
zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203]
stehen.«
[202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
[203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht
hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder
Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und
beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
von Amadijah liegt.«
»Welche Truppen stehen in Mossul?«
»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der
Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll
gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge
kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
»Wie hoch zählen diese letzteren?«
»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai
Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die
beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
[204] Oberst.
[205] Regiments-Quartiermeister.
[206] Dschesidischer Heiliger.
»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen
von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren,
daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden
erst später marschfertig.«
»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden
bist.«
»Wieso?«
»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her
aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu
verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches
in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment
in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler
begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu
verwenden?«
Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
»Nein.«
»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich
Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie
befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche
in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach
Amadijah bestimmt.«
»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage
eures großen Festes hier an!«
»Emir!«
Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich
fuhr fort:
»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern
nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden
von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf
Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah.
Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
»Herr, wäre dies so gemeint?«
»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das
Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari,
Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden
ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen
können.«
»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen
ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif,
daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
»Wirklich?«
»Höre!«
Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich
zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er
sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns
fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren
gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der
Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau
ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: -- die Mäuse, welche
er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen
können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen,
was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige
Augenblicke entferne.«
Er ging hinaus.
»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
»Ebenso wie dir!«
»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte
Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines
Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen
werden?« fragte ich ihn lächelnd.
»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr
schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein
ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und
schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen
über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen;
seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren
Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit
welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine
ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen
Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor
uns und grüßte mit volltönender Stimme:
»Günesch-iniz söjündürme-sun -- eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte
er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# -- versteht ihr, kurdisch zu
sprechen?«
Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi
ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte
er:
»#Schima zazadscha zani?#«
Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind
die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht
kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und
antwortete auf türkisch:
»Seni an-lamez-iz -- wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche
-- bitte, rede türkisch!«
Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem
Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und
fragte:
»Nemtsche sen -- bist du der Deutsche?«
»Ja.«
»Izim seni kutschaklam-am -- erlaube, daß ich dich umarme!«
Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den
angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der
Bey gesessen hatte.
»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
»Wobei hat er mich erwähnt?«
»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des
Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie
kann es da noch ein Leid für mich geben?«
»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz
ruhig, als er antwortete:
»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und
meine Söhne getötet. Was ist's mit ihm?«
»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis
vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken
gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest
zu stören?«
»Ich glaube es.«
»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele
verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
»Nein.«
»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst
gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
»Ja.«
»Du warst dort?«
»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
»Wo?«
»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in -- -- du bist ein Pir,
ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige
Buch der Christen?«
»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in
türkischer Sprache.«
[207] Altes Testament.
»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort
lautet der zwölfte Vers: 'Haben auch die Götter der Heiden alle die
gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und
Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?' Dieses Thalassar ist Tel
Afer.«
Er blickte mich erstaunt an.
»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche
bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
»So ist es.«
»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan,
am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen.
Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es
ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei
sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um
alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein
Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit
erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt
gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten,
und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um
mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du
die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine
Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und
ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und
schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich
mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und
stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war
es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht
getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am
Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele
Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der
Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine
Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und
schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist
jetzt Miralai.«
[208] Lieutenant.
Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr
ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen
Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde
sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen.
Es war schrecklich anzuhören.
»Du willst dich rächen?« fragte ich.
»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine
böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein
Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. -- Ihr
werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«
»Wir wissen es noch nicht.«
»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken;
bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen
werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi
können euch leicht unterstützen.«
Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte
das frühere Leben wieder bekommen.
»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in
der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns
erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und
Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit
des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die
Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum
lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das
Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt,
daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen
kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir
heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die
Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit
dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und
werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den
Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die
Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der
Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird.
Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann
er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl,
als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: 'Gözetyn
namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz -- wachet und betet,
auf daß ihr nicht überfallen werdet!' Darum bedienen wir uns des Hahnes,
der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe
mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und
ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht
und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir
einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure
Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere
Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen
Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und
darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«
[209] Der Herr Jesus.
[210] Garten Gethsemane.
»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen
könnten?«
»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der
Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig
seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des
Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab:
'Im jol de gertscheklik de ömir de -- ich bin der Weg und die Wahrheit
und das Leben.' Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele
Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum
streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist,
sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen
wird.«
Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir -- offen gestanden -- sehr
lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich
beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich
mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat
schweigen -- leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.
»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen
muß, aber wir werden uns wiedersehen.«
Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach
und sagte:
»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er
war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat
überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«
»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.
»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser
Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes,
und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun
einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können,
hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein
Buch.«
»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«
»In seiner Wohnung.«
»Und wo ist diese?«
»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher
und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber
seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«
»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«
»Er wird es sehr gern thun.«
»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«
»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die
Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde
es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«
»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«
»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige
Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu
ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken
auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu
finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie
Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«
Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor
Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:
»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«
Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung,
daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es
die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie
bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute
nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem
falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem
rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und
dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so
übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt
zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das
letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls
die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen
derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.
Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide
speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom
Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei
erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen
Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen
nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.
Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr
schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe
geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.
»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter
Einfachheit und reichte uns die Rechte.