Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige

kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde,

deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,

und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen

Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der

denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf

oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.

Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl

hinter ihm.

»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm

nachjagen!«

Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen

nach. Halef hielt sich an meiner Seite.

»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht

schießen können, ohne uns zu treffen!«

Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten

die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie

sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen

griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß

geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich

mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen

Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als

störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es

davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den

Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts

oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte

Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken

nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.

Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser

getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es

den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen

bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren

vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden

zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über

Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen

zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri

erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah

nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte

verschwunden.

»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die

Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns

verlieren?«

»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef.

»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete

ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem

Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«

»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«

»In welcher Richtung?«

»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«

»Ist der Sumpf gefährlich?«

»Nein.«

»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei

Stunden erreichen kann?«

»Wir sehen sie.«

»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns

trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns

sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar

einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten,

nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«

»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef.

»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich

als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen

mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und

behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der

Scheik bleibt im Norden: -- jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem

andern.«

Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab

und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines

wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und

ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.

Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie

ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land

der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden,

welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den

Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem

Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren

Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und

Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind.

Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer,

Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten,

Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer,

Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: -- ein Angehöriger dieser

Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und

wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen

Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute

derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der

Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der

Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an

den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets

bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das

System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige

Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind

unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den

christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde

verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der

Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere

Gottesmänner alles thun und wagen: -- in den kurdischen Bergen fließen

die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst

dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die

Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise

schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege

frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das

Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen

können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die

Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war -- ein strenger

Mohammedaner.

Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden

war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die

Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam

trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah

ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem

ich mich in kurzer Zeit vereinigte.

»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.

»Nein, Sihdi.«

»Es hat dich niemand gesehen?«

»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen

haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog.

Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«

»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.

»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«

»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«

So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.

»Was nun, Effendi?« fragte er mich.

»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du

vielleicht bemerkt worden?«

»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir

vorüber.«

»Wie wurdest du gefangen?«

»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute

morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber

postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde

ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht

wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen

nahmen, das weiß ich nicht.«

»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?«

»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«

»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner

Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von

Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen

die Schammar zu ziehen.«

Er erschrak und hielt sein Pferd an.

»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«

»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.«

»Welches ist dieser Plan?«

»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif

will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen,

und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«

»Weißt du dies genau?«

»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll

zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«

»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er

sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu

schicken.«

»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst

du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«

»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«

»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und

die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den

Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des

Gouverneur müßte elend verschmachten.«

»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen;

aber ich kenne ihn nicht.«

»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach

Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und

so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.

Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu

verbergen.«

»Wie weit haben wir bis Baadri?«

»Drei Stunden.«

»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande

und kennst diese Gegend besser als ich!«

»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend

erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber

vorwärts!«

Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe

Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu

bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links

hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach

rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten

Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns

endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.

Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also

ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf

lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der

Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich

fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey.

Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die

Dschesidi meist nicht arabisch reden.

»Bey nidsche demar -- wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch.

»Ali Bey,« antwortete er mir.

»Ol nerde oturar -- wo wohnt er?«

»Gel, seni götirim -- komm, ich werde dich führen!«

Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.

»Itscherde otur -- da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte

er sich wieder.

Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und

Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden

waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin

und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen

schien.

»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?«

Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war.

Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und

trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra

entgegen:

»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«

»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem

Tone.

»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!«

[189] Dorfoberhaupt.

»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist

voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi

nicht ein Zelt bei sich?«

»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als

alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«

»Wo ist er?«

»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«

»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?«

»Einen entflohenen Gefangenen.«

»Ach so!«

»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen

Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine

Bescheinigung.«

[190] Paß des Konsuls.

»Er mag selbst kommen!«

»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich

werde mit dem Scheik sprechen!«

»Der ist nicht hier.«

»So rede ich mit dem Bey!«

»Gehe hinein zu ihm!«

»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe

fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem

Kiajah zu fürchten. Hörst du es?«

[191] Sieben Mark.

»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig.

»Was bekommst du noch?«

»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot

Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich,

außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und

wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich

dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir

vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen,

und -- -- --«

»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du

mit ihm reden willst?«

»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht

abweisen lasse!«

Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich

trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im

Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen

um.

»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu

gehorchen hast!«

Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:

»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?«

Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die

Antwort nicht schuldig:

»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«

»Wo sind die andern?«

»Iflemisch -- verschwunden, verduftet, weggeblasen!«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht, Hoheit.«

»Du mußt es doch gesehen haben!«

»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her,

auch meine Leute und die Arnauten.«

»Warum du nicht?«

»Benim eschek -- mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich

doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«

»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«

»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich

erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«

Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.

»Werden die andern bald nachkommen?«

»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und

dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege

des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung,

verzeichnet.«

»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.

»Ja.«

»Wo?«

»Bu kapu escheri -- hinter dieser Thüre.«

»Ist er allein?«

»Ja.«

»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«

Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in

die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:

»Wer ist dieser Araber?«

»Ein Scheik.«

»Wo kommt er her?«

»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt

bei uns bleiben.«

»Wer tschok Bakschischler -- giebt er viele Trinkgelder?«

»Bu kadar -- so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger

emporstreckte.

Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit

strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der

Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr

schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige

Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug

eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter

welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel

befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit

war.

»Chosch geldin demek -- seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst

mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den

Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.

»Mazal bujurum sultanum -- vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,«

antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es

in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe

legen können.«

Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen

und erwiderte dann:

»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah

sagte mir, daß du ein Emir seist.«

»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom

Abendlande her.«

»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von

ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr

gern kennen lernen möchte.«

»Darf ich dich fragen, warum?«

»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«

»Inwiefern?«

»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn

gebracht.«

»Sind sie hier in Baadri?«

»Ja.«

»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«

Er trat überrascht einen Schritt zurück.

»Du kennst sie?«

»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«

»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«

»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der

Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«

»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim -- ich muß

dich umarmen!«

Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er

auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ.

Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:

»Tschelebim mahalinde geldin -- Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir

haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt;

du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen

Tage dauern, und auch später noch recht lange!«

»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«

»Es wird ihm gefallen.«

»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch

erzählen werden.«

»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein

Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«

Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem

Gemeindeältesten sagen:

»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist?

Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«

Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und

der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine

Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr

aufmerksam.

»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen

hat!«

»Willst du meine Wangen schamrot machen?«

»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein,

wie du! Du bist ein Christ?«

»Ja.«

»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch

ein Christ.«

»Sind die Dschesidi Christen?«

»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute

für sich genommen -- -- --«

»Weißt du das gewiß?«

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu

herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind

gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß

Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende

Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden

des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit

zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe

predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der

Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut

ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus

einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann

die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im

Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt

meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt

hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich

zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und

zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn

sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der

Christen sagt: Muhabbet bitmez -- die Liebe hört nie auf!«

[192] Giftkraut.

[193] Nelke.

Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner

Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur

ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen

Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem

Helden.

»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne

kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 32 / 38 段