kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle
Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur
teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu
bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne
Gewissensbisse getrunken werden könne.
Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir,
daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig
waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den
kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in
sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.
»Wollen wir trinken?« fragte er.
»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«
»Wir trinken ihn warm.«
»So schmeckt er nicht.«
»Er muß!«
Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser
bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste
den Draht.
Puff! -- Der Stöpsel flog an die Decke.
»Allah il Allah!« rief er erschrocken.
Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas
schnell unterhalten.
»Maschallah! Er spritzt wirklich!«
Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die
Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die
Öffnung steckte, um sie zu verschließen.
»Saltanatly -- prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein
ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«
»Findest du dies?«
»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man
im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier
Khawassen mitgeben.«
»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein
bereitet?«
»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«
Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien,
setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg,
als sie leer war.
»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!«
»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?«
»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber
erlaube mir, dich einmal zu verlassen!«
Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile
zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich
gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren -- zwei Flaschen. Ich lachte.
»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich.
»Kendi -- selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren
außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche
nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«
»Du willst noch trinken?«
»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«
»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack
haben wird, wenn er kalt geworden ist.«
»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis
sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das
Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«
Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste
Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:
»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein
Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs
haben!«
»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«
»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«
»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht
sagen, was ich getrunken habe.«
»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche
mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«
Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie
ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für
den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.
»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs
Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«
»Ich danke dir, o Pascha!«
Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit
einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter
Umständen außerordentlich hinderlich werden.
»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte
Thema. »Kennst du ihre Sprache?«
»Es ist die kurdische?«
»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.«
»Ich kenne ihn nicht.«
»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.«
»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt,
und dieses verstehe ich.«
»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen
Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf.
Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell
hindurch.«
»Warum?«
»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.«
»Was?«
»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die
Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«
Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte.
»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn.
»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«
»Welches Gebiet kommt dann?«
»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«
»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«
»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich
werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute
Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
hast du?«
»Einen Diener.«
»Nur einen? Hast du gute Pferde?«
»Ja.«
»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und
das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück
geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und
hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du,
was ich für dich thun werde?«
»Was?«
Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten
Miene:
»Weißt du, was der Disch-parassi ist?«
»Ich weiß es.«
»Nun?«
»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.«
Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die
»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird,
wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich
seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die
betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.
»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben,
in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi
auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?«
»Morgen früh.«
»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich
ausfertigen zu lassen!«
Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife
nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten
einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen
beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war
ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken
nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen
Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben
diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der
Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen
Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi
zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen
sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.
Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war
über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer
meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.
»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er.
»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«
»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«
»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«
»Du vermagst es!«
»Wodurch?«
»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim,
sondern auch ein Offizier.«
»Weshalb vermutest du dies?«
»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen,
mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein
Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen
fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm
dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein
solcher!«
Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr
unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht
lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:
»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah
solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies
meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?«
»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür
dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«
»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?«
»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu
den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst
ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«
»Ah!«
»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß,
daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich
selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet
habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen;
aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich
brauche.«
Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig
vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit,
über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:
»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis
zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«
»Welches Fest?«
»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert.
Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst
du morgen früh die Stadt verlassen?«
»Zur Zeit des ersten Gebetes.«
»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.«
»Herr, ich habe an zweien genug.«
»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du
sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und
vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!«
Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes
aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener
betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in
Waffen.
»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du
beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein
Wort gehalten und den Pascha erschossen!«
»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«
»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«
»Ich habe ihn gezähmt.«
»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«
»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze
und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«
»Das ist gut!«
»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben
und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«
»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer
hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«
»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar
Agha, mein Begleiter und Beschützer.«
»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn
es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«
Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen
des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von
zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte
mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in
Augenschein zu nehmen.
Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf
Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen
Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit
Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit
metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich,
daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar
hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk
Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186]
kommandiert.
[185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie.
[186] Befehlshaber von zehn Mann.
Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern
einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde -- ein ungeheures Tintenfaß
-- an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend
Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte;
desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe
herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß
die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel
Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in
das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.
Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen
Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich
so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.
»Sabahiniz chajir -- guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns
willkommen!«
»Sabahiniz chajir -- guten Morgen!« erwiderten alle zugleich.
»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu
begleiten?«
»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«
»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der
Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt
also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den
euch der Pascha gegeben hat?«
Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß
es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen:
»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße
Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich
bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier
gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der
tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß -- -- --«
»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er
sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg!
Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das
bist du, aber weiter nichts!«
[187] Eselsreiter.
»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit -- -- --«
»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines
Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige
Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel
anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«
»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin,
daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut?
Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder
weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste
meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die
Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob
soeben meinen Arm, um -- -- --«
»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« -- Und
sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir
haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das
gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas
angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen
und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«
»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.«
»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste
Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«
»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«
»Alles, was ihr braucht, und auch wir.«
»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«
»Ja.«
»Der wird in barem Gelde einkassiert?«
»Ja.«
»Wie hoch beläuft er sich?«
»So hoch, wie der Emir es will.«
»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine
Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr
ganz bereit, die Reise anzutreten?«
»Ja.«
»Habt ihr zu essen?«
»Für einen Tag.«
»Aber keine Zelte!«
»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung
bekommen.«
»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«
»Wir wissen es.«
»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?«
»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein
Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan,
ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit
sind, ihn zu empfangen!«
Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn
Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes.
Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
setzte sich in Bewegung.
Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken
Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den
Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann:
»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?«
»Dir, o Emir.«
»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«
Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.
»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.«
»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.
»Du kannst schreiben?«
»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«
»Wo hast du gedient und gekämpft?«
»In allen Ländern der Erde.«
»Ah! Nenne mir diese Länder.«
»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«
»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.«
»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?«
»Nein.«
»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande
fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum
Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da
stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm -- -- --«
Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels
nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem
Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse
auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus -- ja, es war keine
Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein,
uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des
Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden.
»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.
»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«
»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich
nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er
verloren.«
»Aber warum reitet er diese Bestie?«
»Er muß.«
»Muß? Warum?«
»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem
Esel.«
[188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.
Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg
hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich
herankommen und rief bereits von weitem:
»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen
ist?«
»Ich bin überzeugt davon.«
»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen,
den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir
den gewöhnlichen Weg?«
»Wir bleiben auf dem Pfade.«
»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde
euch jetzt als Wegweiser dienen.«
Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den
nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem
Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir
ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann
stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad
liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend
besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen.
Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute
Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten
entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte
sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich
-- -- den Scheik Mohammed Emin.
O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des
Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah
geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich
gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles
aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher
blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.
Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den
Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte
sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden
Liegenden zu beachten:
»Sallam! Wer bist du?«
»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«
»Von welchem Stamme?«
»Vom Volke der Nemsi.«
»Wohin willst du?«
»Nach dem Osten.«
»Zu wem?«
»Überall hin!«
»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?«
»Ich sehe es.«
»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?«
»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!«
»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des
Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!«
»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des
Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!«
Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:
»Beweise es!«
»Hier!«
Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den
vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie
sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr
höflichem Tone:
»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst,
wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«
»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete
ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann
legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und
hättest höflicher fragen sollen! -- Grüße deinen Herrn sehr viele Male
von mir; guten Morgen!«
»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.
Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur
Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des
Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die
Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und
hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet.
Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht
gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten
Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen
Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen
Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke,
an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den
Rücken seines Tieres.
»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam
beobachtet hatte, wie ich selbst.
»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.