trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.
»Salama!« grüßte er.
»Sallam! Was willst du?«
»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«
»Ja.«
»Der Pascha -- Allah schenke ihm tausend Jahre! -- hat dir eine Sänfte
gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«
»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«
Als er hinaus war, sagte Halef:
»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«
»Warum?«
»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«
»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«
Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp
von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und
einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.
[176] Träger.
»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.
Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß
ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe
fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.
»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.
Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem
verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken
musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt,
denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr
wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus,
welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:
»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust
verschränkte und mich verbeugte.
»Sal -- --«
Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«
»So ist es.«
»Sind die Nemsi Moslemim?«
»Nein. Sie sind Christen.«
»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«
»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah
-- Gott beschirme ihn! -- Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen,
die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«
»Du bist kühn, Fremdling!«
Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der
Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht
wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und
Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die
rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit
Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung
bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von
Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der
kostbarsten, die ich je gesehen hatte.
Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte,
fragte er weiter:
»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«
»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind
mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und
schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du
brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«
»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein
sehr großer Mann seist!«
»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«
Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch
gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.
»Wie heißest du?«
»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«
[177] Hoheit.
»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«
»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei
jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«
»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«
»Ja.«
»Nenne die Völker!«
»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler -- --«
Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich
aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte
größer. Endlich aber platzte er heraus:
»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«
[178] Ausruf der Verwunderung.
»Noch viel, viel mehr!«
»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie
Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele
Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi
gingst?«
»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179]
kam.«
[179] Amerika.
»Und was bist du?«
»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«
»Was schreibst du da?«
»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«
»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du
zusammentriffst?«
[180] Zeitungen.
»Nur die vorzüglichsten.«
»Auch ich?«
»Auch du.«
»Was würdest du über mich schreiben?«
»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch
nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«
»Und wer liest das?«
»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«
»Auch Paschas und Fürsten?«
»Auch sie.«
In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von
Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz
unwillkürlich auf.
»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«
»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.
»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«
[181] Zahnschmerzen.
»Als Kind.«
»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund
sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es
mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
Mund nicht zubringen.«
Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich
beschloß, dies zu benutzen.
»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«
»Bist du ein Hekim?«
»Bei Gelegenheit.«
»So komm her! Unten rechts!«
Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.
»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«
»Wenn es nicht wehe thut!«
Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war
der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen
Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene
Operation zu vollenden.
»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«
»Sechzig.«
»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn
herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«
»Du kannst es nicht!«
»Ich kann es!«
»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm
erlassen werden.«
Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.
»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«
Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.
Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst -- des
Hokuspokus wegen -- ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den
kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte
meine Hand schnell und schob sie von sich weg.
»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das
Ding!«
Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den
Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein
alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange
-- aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen
aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte
nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu
kleinen Mund.
»Paß auf, ob es wehe thut! Bir -- iki -- itsch -- eins, zwei, drei! Hier
ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab
ihm den Zahn.
Er sah mich ganz erstaunt an.
»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«
»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«
Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er
überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.
»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«
»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«
»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«
»Hm! Unter Umständen!«
Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.
»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«
Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst
Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig
geworden war.
»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.
»Weil sie mich beschimpften.«
»Erzähle!«
Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann
drohend seine Hand.
»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort
kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen
herauszunehmen!«
»Was hättest du mir gethan?«
»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«
»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«
»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«
»Der Großherr selbst.«
»Der Großherr?« fragte er verblüfft.
»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß
deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht
notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und
lies!«
[182] Pergament.
Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen
hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.
»Ein Bu-djeruldi des Großherrn -- Allah segne ihn!«
Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.
»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«
»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«
»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes,
weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«
»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn
über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle
seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen
darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«
Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze
dich!«
Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife
zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.
Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte.
Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar
alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und
um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden
arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen
nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:
»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«
»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.
»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn
sogar einen Ungläubigen genannt!«
»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«
»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«
»Herr, du hast -- -- --«
»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«
»Nein, o Pascha.«
»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein
jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es
draußen!«
Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich.
Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen
gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.
»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist
erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller
Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du
wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«
Ȇber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso,
als ob sie mich beleidigt hätten?«
»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der
Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten
fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du
meine Bitte erfüllt hast.«
»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du
siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein.
Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht
sehen!«
Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:
»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«
»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«
Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht
sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.
»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von
Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen
hast!«
»Warum?«
»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet
worden wärest.«
Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!
»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.
»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren
treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich
bereits begonnen, sie zu vernichten.«
»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«
»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«
Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der
Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.
»Ah, ich errate!«
»Was errätst du?«
»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er
sie untereinander entzweit!«
»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es
wirklich so gemacht.«
»Ist es gelungen?«
»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«
»Wer?«
»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten
unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das
Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen
sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche
den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder
gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und
müssen Tribut zahlen.«
»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«
»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des
Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine
Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«
»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«
»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden.
Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist
ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«
Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine
Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.
»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«
»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu
spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«
»Du wirst sie bestrafen?«
»Ja.«
»Sogleich?«
»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren,
obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe.
Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«
»Nein.«
»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen
sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.«
»Darf ich fragen, wohin?«
»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl
auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden
müssen.«
Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt
hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich
suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es
war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem
Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu
müssen -- und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.
»Nun?« fragte der Gouverneur.
»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch
aghrisi leidet!«
»Auch du selbst leidest nicht daran?«
»Nein.«
Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich
bedauernd zu mir:
»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern
zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.«
»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«
»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so
bedient werden wie ich. -- Gehe!«
Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich
antwortete:
»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«
»Wohin willst du gehen?«
»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«
»Wie weit?«
»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis
nach Dschulamerik.«
»Was willst du dort?«
»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und
Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«
»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir
bleiben kannst?«
»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«
»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind
kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle!
Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber
hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten
werden?«
»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«
»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«
»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und -- -- ich
habe ja auch dich, o Pascha!«
»Mich?«
»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«
»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe
dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«
»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«
»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel
gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme
sind widerspenstig und schlimm.«
»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren.
Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.«
»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«
»Welche?«
»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«
»Ich nehme diese Bedingung an.«
»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und
beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi
kommst?«
»Ich weiß es.«
»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll.
Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«
»Ist letzteres gar so schlimm?«
Er sah mich von der Seite forschend an.
»Trinkst du Wein?«
»Sehr gern.«
»Hast du Wein bei dir?«
»Nein.«
»Ich dachte, du hättest solchen, dann -- -- dann -- -- -- hätte ich dich
vor deiner Abreise einmal besucht.«
Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen
gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also:
»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«
»Auch solchen, welcher spritzt?«
Er meinte jedenfalls Champagner.
»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«
»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken?
Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«
»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und
dann ist es kein eigentlicher Wein!«
»Du kannst spritzenden Wein machen?«
»Ja.«
»Aber dies dauert lange Zeit -- vielleicht einige Wochen oder gar einige
Monate?«
»Es dauert nur einige Stunden.«
»Willst du mir einen solchen Trank machen?«
»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig
sind.«
»Was brauchst du?«
»Flaschen.«
»Die habe ich.«
»Zucker und Rosinen.«
»Bekommst du von mir.«
»Essig und Wasser.«
»Hat mein Mudbachdschi[183].«
[183] Koch.
»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«
»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?«
[184] Arzneien.
»Ja.«
»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?«
»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu
bereiten.«
»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«
»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem
trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein
sehr großes Geheimnis!«
»Ich gebe dir, was du verlangst!«
»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es
erfahren.«
»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde
gern alles gewähren, um was du mich bittest.«
»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren.
Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?«
»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«
»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«
Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des
Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben
wir uns in die Küche.
Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der
»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er
aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein
hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem
Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung
des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung
als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden
und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl
niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die
Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit
weit geöffneten Augen an.
Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten
und rief:
»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen
bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?«
Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.
»Habt ihr heißes Wasser?«
»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein
schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen.
»Hole Rosinen, du Lümmel!«
»Wie viele?«
»Wie viel brauchst du?« fragte er mich.
Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.
»Diesen Krug dreimal voll.«
»Und Zucker?«
»Noch einmal so viel.«
»Und Essig?«
»Vielleicht den zehnten Teil.«
»Habt ihr's gehört, ihr Scheusale? Packt euch!«
Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die
Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein
abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich
aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um
das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen
Prozeduren zu beschweren.
»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.
»Komm!«
Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener
Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am
Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.
»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die
Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich
dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den
Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu
danken!«
O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme
Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten
Haïk. Dann fragte der Pascha:
»Wo ist die Apotheke?«
Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.
»Hier, o Pascha!«
»Öffne!«
Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern,
Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen
Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach
kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von
letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.
»Hast du alles?« fragte mich der Pascha.
»Ja.«
Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:
»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre
Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn
du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«