»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns

trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit

sie ein Lösegeld schicken sollten.«

»Ihr thatet es nicht?«

»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«

»Aber euer Scheik?«

»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er

hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns

dennoch getötet hätte.«

»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das

Lösegeld bezahlt worden wäre.«

»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an

Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«

»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«

»Ja.«

»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«

»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«

»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«

»Emir, vergilt es ihm nicht!«

»Wie?«

»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem

Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«

Das also waren Teufelsanbeter!

»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das

Zeichen eines Hadschi!«

»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«

»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«

»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«

»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«

»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«

»Nein. Ich bin ein Franke.«

»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«

»Ja.«

»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«

[168] Jesus.

»Ja.«

»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«

»Ja.«

»Kennst du die heilige Taufe?«

»Ja.«

»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«

»Ich glaube es.«

»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns,

daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem

Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«

»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«

»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«

»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«

Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat

el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der

Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und

versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst

bereiten werde.

Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza

und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte

unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik

Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten

uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte.

Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und

bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.

Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als

durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche

Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen,

welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem

andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf

der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.

»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.

»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir

noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«

»Hier im Zelte. Da kommen sie.«

Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten

tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.

»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«

»Du meinst Tiere?«

»Ja.«

»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«

»Ich werde zählen!«

»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht,

als ich sollte.«

»Was?«

»Willst du es sehen?«

»Ich muß es sehen!«

»So rufe jenen dort herbei.«

Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des

Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.

»Kommt alle mit!« sagte ich.

Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo

sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef

ließ gerade die Dschesidi aussteigen.

»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.

Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.

»Die Dschesidi!« rief er.

»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon

viele gemordet hast, Ungeheuer!«

Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.

»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.

»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein

Kampfgefährte gewesen ist.«

Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei

Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück.

Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in

diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden

Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der

jüngere Sohn des Scheik einher.

Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu

mir:

»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«

»Wie du siehst!«

»Was hat er gethan?«

»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den

Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann

bist du wieder frei -- eine Strafe, die viel zu gering für dich und für

deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«

Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem

Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik

ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«

Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem

Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell

umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick

aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse

erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik

durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden

aber handfest empfangen und überwältigt.

Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung,

die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen.

Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte:

der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.

Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten.

Da erscholl zunächst die Frage Halefs:

»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«

»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.

Dieser trat zu den dreien heran.

»Marhaba -- ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis

ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«

Da blickte Selek schnell empor.

»Mohammed Emin?« fragte er.

»So heiße ich.«

»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«

»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«

»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«

»Sage sie!«

»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum

Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche

einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und

indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: 'Gehe zu den

Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft

werde. Die andern sind hingerichtet worden.' Dies ist es, was ich dir zu

sagen habe.«

Der Scheik taumelte zurück.

»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er

gestaltet?«

»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis

zur Brust herab.«

»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm!

Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein

Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann

war es, als du mit ihm geredet hast?«

»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«

»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger

schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und

zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder

willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«

»Ich reite mit!«

»Allah segne dich! -- Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der

Haddedihn verkündigen!«

Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:

»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«

»Ich gehe mit.«

»Sihdi, darf ich dir folgen?«

»Halef, denke an dein Weib!«

»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener!

Darf ich dich begleiten?«

»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und

Scheik Malek, ob sie es erlauben.«

Elftes Kapitel.

Bei den Teufelsanbetern.

So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen

Pascha.

Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um

seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung

Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu

lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den

Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische

Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab

es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so

phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann

hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen,

und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das

Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und

ich.

Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir

David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu

machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und

Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er

hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben

und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des

verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und

nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel

Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht

begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts

nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die

Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,

brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn

für ihn vollständig genügte.

Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet

worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den

Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen

entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten,

da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns

vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen

Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn

el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich

war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines

Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern

Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu

erreichen.

Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands

aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein,

denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.

Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig;

denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern

vermochte.

Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das

Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu

ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169]

einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen

Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.

[169] Keller.

Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres

Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an,

daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich

mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:

»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«

»Woran?«

»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«

»Ah! Warum?«

»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«

»Ja. Du weißt dies ja längst.«

»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich

nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die

Dschehennah!«

Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm

gesehen hatte.

»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«

»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem

Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf

nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet

hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach

ihrer Heimat zogen?«

»Ich werde sie besuchen.«

»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber

ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den

Himmel verloren.«

»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«

»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in

welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«

Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi,

den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts

wisse, und fragte:

»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«

»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels,

welche den Scheïtan anbeten.«

»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«

»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«

»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«

»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«

»Ich glaube dir wirklich nicht.«

»Und hast sie selbst gesehen?«

»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen

Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer,

welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie

an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«

»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber

ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden

Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan

den Teufel anbetet.«

»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«

»Nein. Ich habe es aber gehört.«

»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«

»Sie hatten es auch von anderen gehört.«

»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die

Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig

sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme,

wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«

»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«

»Nun?«

»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«

»Ja.«

»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«

»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«

»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen

und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«

»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer

andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was

weißt du noch von ihnen?«

[170] Mit den Assyrern in Syrien.

»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie

anbeten, und das ist der Teufel.«

»Ist er es wirklich?«

»Ja.«

»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«

»Ja.«

»Und in jedem steht ein Hahn?«

»Ja.«

»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«

»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie

haben auch falsche Engel.«

»Inwiefern?«

»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich

Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und

Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn

und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah

nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber

sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl,

Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«

[171] Gabriël.

[172] Der heilige Geist.

»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel

giebt.«

»Du? Warum?« fragte er erstaunt.

»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als

dem Kuran.«

[173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4,

V. 5.

»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und

glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des

Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«

»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«

»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von

vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als

er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also

nicht kennen.«

»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern

nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen

ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer

und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten.

Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir

deinen Glauben nicht nehmen.«

»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«

»Nein. Ich versichere es dir!«

»Aber sie werden uns töten!«

»Weder mich noch dich.«

»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht,

sondern nur die Muselmänner.«

»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie

töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von

den Christen angegriffen wurden.«

»Aber ich bin ein Moslem!«

»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei

ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«

»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir

gehen!«

Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es

waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha.

Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:

»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«

Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ,

hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt.

Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der

Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja,

ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.

»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.

Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei

der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern

sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und

Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie

unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen

Diener:

[174] Gürtel.

»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«

[175] Offiziere.

»Wer sendet sie?«

»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«

»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha -- Allah

schütze ihn! -- würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern,

welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie

gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte

wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«

Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen

einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe

auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.

»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«

Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem

eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in

der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem

Eingange zu:

»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi

ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha

Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört,

was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«

»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«

»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer

sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den

Gruß zu sagen.«

»Bei einem Ungläubigen -- -- --«

Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.

»Hinaus!«

»Wir haben -- -- --«

»Hinaus!«

Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir

doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen

Vorschriften geben zu lassen. -- Man muß den Orientalen zu behandeln

verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt

selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst

große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend,

welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen

Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es

andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges

oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr

geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört

nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen

Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann

besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die

Hand an der Waffe oder -- -- die Hand im Beutel.

»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.

Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines

Verhaltens.

»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«

»Kennst du diese Arnauten?«

»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«

»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine

alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war

blind.«

»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«

»Und kennst du den Pascha?«

»Er ist ein sehr guter Mann!«

»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm

fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade

erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen

gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und

bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu

seinen Arnauten: 'Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!' Sie

thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein

Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen.

Sihdi, was wird er mit uns thun?«

»Das müssen wir abwarten.«

»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas

Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne

ihn mitzunehmen.«

»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«

»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«

»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«

»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei

dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück

bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen

hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden

Kugeln vor den Kopf!«

Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der

wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.

»Aber Hanneh?« fragte ich.

»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann

lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«

»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht

so weit kommen wird.«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 29 / 38 段