»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in

meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den

Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs

Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen,

von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem

der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde

müssen alle Herden hier beisammen sein!«

Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich

unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von

den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef.

»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm.

»Wohin, Sihdi?« fragte er.

»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die

Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht

bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht

geschehen.«

»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!«

»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?«

Master Lindsay kam heran.

»Habt Ihr gefragt, Sir?«

»Noch nicht.«

»Nicht vergessen, Sir!«

»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.«

»#Well!# Welchen?«

»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!«

»#Yes!#«

»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so -- -- --«

»Schieße ich sie nieder!«

»O nein, Mylord!«

»Was denn?«

»So laßt Ihr sie laufen!«

»#Well#, Sir!«

Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht

wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick

von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde.

In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen.

Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier

hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit

dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte.

Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis,

das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed

mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden

zu bringen.

»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden.

»Wohin willst du?«

»Nach dieser Insel.«

»Emir, das ist nicht möglich!«

»Warum?«

»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde

jedes Floß an ihr zerschellen.«

Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend

ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und

als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze

das Rohr niedergetreten war.

»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?«

»Es scheint so, Emir.«

»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.«

»Es würde zerschellen; das ist sicher!«

»Sucht!«

Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber

unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange

vergeblich. Endlich aber entdeckte ich -- -- zwar kein Floß und keinen

Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den

Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war

ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben

schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben

wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich

an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer

Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht,

welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran

festzuhalten.

»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich

werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört

werde.«

»Es ist gefährlich, Emir!«

»Andere sind auch hinübergekommen.«

Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung

wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen.

»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!«

Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich

die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte

anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von

drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von

mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang,

und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt.

Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht

abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir

gesteckt hatte.

Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler,

ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus,

Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein

Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als

einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte,

daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte,

daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen

seien; aber der Pfad führte weiter.

Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich

hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war.

Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich -- -- drei Menschenköpfe, welche mit

dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir.

Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ

sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine

dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren

geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde

hierher gestellt hatte?

Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein

leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich

und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem

Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so

sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich.

Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei

Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen

Boden bis an die Köpfe.

»Wer seid ihr?« fragte ich laut.

Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen

Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf:

»Oh Adi!« ächzte er langsam.

Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der

sogenannten Teufelsanbeter?

»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter.

Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen

Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach

dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich

zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit

Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs

zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her

gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten.

»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich.

»Mitgenommen,« flüsterte der eine.

Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine

Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers

zu übertönen, und rief ihnen zu:

»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz

heimlich!«

Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben

notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld -- endlich aber erschienen die

Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches

einer Hacke ähnlich sah.

»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber.

»#Yes!#« antwortete er.

»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!«

»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?«

»Werden sehen!«

Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser.

»Zieht an!«

Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.

»Wo?« fragte er.

»Warten! Erst die anderen auch herüber!«

»#Well!#«

Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die

beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei

sich. Ich befestigte den Schlauch wieder.

»Kommt, Sir!«

»Ah! Endlich!«

»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?«

»Was?«

»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.«

»Keine?« -- Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!«

»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!«

Ich ergriff die Hacke und schritt voran.

Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir

den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch

schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die

Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.

»Man hat sie eingegraben!« sagte ich.

»Wer?« fragte Lindsay.

»Weiß es nicht, werden es erfahren.«

Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und

kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde

die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen

Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit

Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken

bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben

und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft

zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank

gewesen.

Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre

Lebensgeister.

»Wer seid ihr?« fragte ich.

»Baadri!« klang die Antwort.

Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von

Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen

Vermutungen das Richtige getroffen.

»Hinüber mit ihnen!« befahl ich.

»Wie?« frug der Engländer.

»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich

ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.«

»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.«

»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.«

Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den

Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für

mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern

aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs

glücklich an das Ufer zu bringen.

»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen.

Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die

andern sie bewachen.«

»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.«

»Der Scheik natürlich.«

»Tot schlagen den Kerl!«

Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch

genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden

von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der

kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er

hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller

vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war

allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre

Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten,

konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar

da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher

halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der

Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer

heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen

Groll gegen den Scheik im Herzen?

»Folge mir!« gebot ich ihr.

»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken.

»Es soll dir nichts geschehen!«

Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin

befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die

Augen und fragte sie:

»Du hast einen Feind in deinem Stamme?«

Sie blickte überrascht empor.

»Herr, woher weißt du es?«

»Sei offen! Wer ist es?«

»Du wirst es ihm wieder sagen!«

»Nein, denn er ist auch mein Feind.«

»Du bist es, der ihn besiegt hat?«

»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?«

Da blitzte ihr dunkles Auge auf.

»Ja, Herr, ich hasse ihn.«

»Warum?«

»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.«

»Warum?«

»Mein Herr wollte nicht stehlen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.«

»Du bist arm?«

»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.«

»Wie viele Tiere hat er?«

»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn

der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen

haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.«

»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.«

»Herr, sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu

Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm

deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.«

»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir

wissen?«

»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?«

Sie erbleichte.

»Warum fragst du nach ihr?«

»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.«

»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der

Scheik töten!«

»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.«

»Ist dies wirklich wahr?«

»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?«

»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.«

»Welcher Gefangenen?«

»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser

kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er

sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein

Lösegeld zu erpressen.«

»Dann kommen sie auf die Insel?«

»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden

ihnen die Hände und die Füße gebunden.«

»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?«

»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.«

»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?«

»So martert er sie.«

»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?«

»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.«

»Wer macht den Kerkermeister?«

»Er und seine Söhne.«

Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte

ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:

»Wie viele Söhne hat der Scheik?«

»Zwei.«

»Ist einer von ihnen hier?«

»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.«

»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?«

»Zwei oder drei.«

»Wo sind sie?«

»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem

Fange waren.«

»Wie sind sie in seine Hände gekommen?«

»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends

nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.«

[166] Floß.

»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«

Sie sann ein wenig nach und meinte dann:

»Wohl beinahe zwanzig Tage.«

»Wie hat er sie behandelt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?«

[167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.

»Es sind mehrere vorhanden.«

Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie

gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf

gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet;

das Geld aber war mir bis heute geblieben.

»Ich danke dir! Hier hast du!«

»O Herr, deine Gnade ist größer als -- -- --«

»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit

gefangen?«

»Ja.«

»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd

reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der

Scheik wird nicht zurückkehren.«

»O Herr -- --!«

»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«

Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem

Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er

kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.

»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«

»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«

»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein

Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du

ihr.«

»Ich gehorche, Effendi.«

»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und

sattelst drei Kamele mit ihnen.«

»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«

»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da

rechts?«

»Ich sehe beides.«

»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe

in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet.

Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich

liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die

Kamele tragen!«

»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so

viel nicht allein thun.«

»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir

helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder

übernehmen.«

Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden

ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef

gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze,

lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem

jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet

hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm

heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.

»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine

Schnur bei Euch?«

»Denke, daß hier viele Stricke sind.«

Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden

sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen

Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.

»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«

Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.

»Sehe ihn, Sir.«

»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu

beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr

fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder

an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«

»#Yes#, Sir! Sehr schön!«

»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch

erreichen.«

»Hat es verdient!«

»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute,

und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«

»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«

»Vorwärts also!«

Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die

Schulter.

»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«

Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die

Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte

er sich zu mir herum.

»Was soll das sein, Emir?«

»Du wirst mit uns gehen.«

»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«

Da drängte sich ein altes Weib herbei.

»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«

»Er wird uns begleiten.«

»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz

seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder,

den die Blutrache ereilt?«

»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«

Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst

Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte

mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das

Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer

Räuberhöhle entronnen sei.

Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges

gestellt. Ich ritt zu ihm heran.

»Liegen sie bequem?«

»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«

»Haben sie gegessen?«

»Nein, Milch getrunken.«

»Um so besser. Können sie reden?«

»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche

ich nicht verstehe, Effendi.«

»Es wird Kurdisch sein.«

»Kurdisch?«

»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«

»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal

gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«

»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave,

sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«

»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann.

Kannst du sie sprechen?«

»Nein.«

Er fuhr beinahe erschrocken auf.

»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«

»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«

»Gar nicht?«

»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist;

vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu

machen.«

»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«

»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß

ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem

Halef zufrieden ist!«

»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der

Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber

gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al

Gossarah.«

»Also nach dem Teufel kommst du!«

»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«

»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«

Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.

Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere

viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang

erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und

sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum

Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als

auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln.

Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir

Lindsay noch einmal herbeikam.

»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«

»Was?«

»Hm! Unbegreiflich!«

»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«

»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«

»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«

»Hauptsache vergessen!«

»Nun? Redet nur!«

»Trüffeln!«

Jetzt mußte ich hellauf lachen.

»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu

Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«

»Wo nun Trüffeln her?«

»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«

»Schön! Gute Nacht, Sir!«

Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am

andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so

gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein

wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen

das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.

Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich

sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache

hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine

und sah mich freudig forschend an.

»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne

dich wieder!«

»Wer bin ich, mein Freund?«

»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem

Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«

»Wie, du kennst meinen Namen?«

»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel

von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«

Ich wandte mich zu Halef:

»Plaudertasche!«

»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der

Kleine.

»Ja; aber ohne Prahlerei.«

»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu

den Kranken.

»Ja, Emir.«

»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«

»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«

»Wo ist eure Heimat?«

»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«

»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«

»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und

einen Brief von ihm zu bringen --«

»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«

»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr

bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des

Großherrn; er sollte für uns bitten.«

»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«

»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf

demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort

landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu

Hammed überfallen.«

»Er beraubte euch?«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 28 / 38 段