Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm
von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr
seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes
oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?«
»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren
Weideplätzen holen?«
»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei
Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.«
»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?«
»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd
habe ich auch.«
»Und die drei Männer, welche bei dir sind?«
»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.«
»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein
Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch
unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne
viele Tote zu haben.«
»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde
verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet,
aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was
ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald
erfahre, was ihr beschlossen habt!«
»Du sollst bleiben und mit uns beraten!«
»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr
werdet das Richtige treffen.«
Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und
Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi
Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen
wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben
sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten
flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert,
die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich
ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen
waren, als ich die Zelte wieder erreichte.
Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten
dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe
des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von
Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute
abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits
gesucht.
»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt
worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed
und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.«
»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?«
Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies
freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort
hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen
Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei
war keine Rede gewesen.
»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik.
»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!«
»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die
Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik
Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei
Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den
Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit;
es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?«
»Ich will.«
»Wohin willst du gehen?«
»Wohin gehen die andern?«
»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.«
»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen
gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?«
»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?«
»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch
Halef Omar nehme ich mit.«
»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?«
»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der
Besiegten bereits einig geworden?«
»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.«
»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen
Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.«
Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay.
»Gefragt, Sir?« redete er mich an.
»Noch nicht.«
»Warum nicht?«
»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben,
nachzuforschen.«
»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!«
»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?«
»Wohin?«
»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge
geht.«
»Was dort?«
»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.«
»Bei wem?«
»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.«
»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?«
»Hundert.«
»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?«
»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.«
»Kommen nicht hinüber?«
»Nein.«
»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!«
»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.«
»Was?«
»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.«
»Trüffeln? Oh! Ah!«
Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf
einmal verspeisen wolle.
»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit
ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah
getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.«
»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!«
Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit
mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen.
Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen,
auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein
Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen
mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen
von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen
Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere
geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes
gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des
Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt:
»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden
in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden
aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen
umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und
Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die
Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein
einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder;
an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt
von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige
sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten
tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere.
Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren
und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum
Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.«
Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber
die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein,
wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? -- --
Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed
als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David
Lindsay.
Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten
bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am
rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine
Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch
Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen
Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad,
einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß
einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als
wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei
Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der
Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so
hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere
wären dann geflüchtet oder versteckt worden.
Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete
viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am
rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs
des Flusses die Abu Hammed gelagert haben.
»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer.
»Nur einen.«
Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte.
»Du lügst!«
»Ich lüge nicht, Emir!«
»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich
bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den
Kopf!«
»Das wirst du nicht thun!«
»Ich thue es!«
»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze
haben.«
»Vielleicht?«
»Oder gewiß; also zwei.«
»Oder drei!«
»Nur zwei!«
»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!«
»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben.
Dann sind es drei.«
»Ah! Vielleicht sind es vier?«
»Du wirst noch zehn haben wollen!«
»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du
zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«
»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich.
»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!«
Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der
Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn
herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und
entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt.
»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig
unserer Leute sicher bewachen zu können?«
»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!«
»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde
einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin
nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich
suchen müssen!«
Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich
sagte ihm:
»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.«
»#Well!#« antwortete er.
»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die
Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht
zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.«
»Ich mit?«
»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen.
Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.«
»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.«
»Gut, aber mehr nicht!«
»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!«
»Was?«
»Nach Ruinen und Fowling-bulls.«
»Gut. Vorwärts, Halef!«
Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche
ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein
alter Mann stand.
»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn.
»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend.
»Ist Friede auf deiner Weide?«
»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?«
»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?«
»Du sagst es.«
»Wo ist euer Lager?«
»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.«
»Habt ihr mehrere Weideplätze?«
»Warum fragst du, o Herr?«
»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.«
»Von wem?«
»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.«
»Ich bringe sie. Also sag', wie viele Weideplätze ihr habt.«
»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.«
»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?«
»Alle.«
»Sind sie alle bewohnt?«
»Alle, bis auf eine.«
Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten,
was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte:
»Wo liegt diese eine?«
»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die
vierte, o Herr.«
Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben,
laut aber erkundigte ich mich:
»Warum ist sie nicht bewohnt?«
»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich
ist.«
Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für
Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort:
»Wie viele Männer sind in euerm Lager?«
»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?«
Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige.
»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der
Dschowari gesprochen.«
»Was bringst du für eine Botschaft?«
»Die Botschaft des Friedens.«
»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?«
»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.«
Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz
nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die
dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen
die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war
von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur
wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und
kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein.
Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort
angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen
Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen
nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet
haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend
waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die
Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte:
»Wer bist du, Herr?«
»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.«
»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?«
»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele
Krieger hat er hier zurückgelassen?«
»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu
holen.«
»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« -- und nun wandte ich mich an
Halef -- »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe
Botschaft empfangen.«
Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.
»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu
nehmen?« fragte der Alte.
»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein
Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?«
»Bei der Insel.«
Ah, wieder diese Insel!
»Was thun sie dort?«
»Sie« -- -- er stockte und fuhr dann fort: -- »Sie weiden die Herde.«
»Ist diese Insel weit von hier?«
»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!«
Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt.
Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten
hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur
Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von
ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er
rief:
»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?«
Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben
den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich
gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er
allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben.
»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?«
Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf
den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein
Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren.
»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu.
Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor
mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von
ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten
an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte
ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das
Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug:
»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?«
»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder
entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!«
»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!«
Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief:
»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!«
»Wir töten ihn!« antwortete die Bande.
»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!«
»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und
schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein.
Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte
meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches
ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war
ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen.
»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen.
»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme.
»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf.
»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen
wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!«
Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher
setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch,
welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese
unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von
dreißig Berittenen.
»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind
Feinde!«
Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht
eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte
verkrochen.
»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs.
»Hier, Hadschi Halef Omar!«
»Hat man dir etwas gethan?«
»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht,
wird niedergestoßen!«
Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden.
Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern,
um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich
nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich
versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in
ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung.
»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?«
»Ja, Herr.«
»So habt ihr ihren Stamm erkannt?«
»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.«
»Wo sind eure Krieger?«
»Du wirst es wissen, Herr.«
»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den
Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.»
»Allah kerihm!«
»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!«
»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht
geknickt hatte.
Ich drehte mich zu ihm:
»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich
unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum
meinst du, daß ich dich belüge?«
»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?«
»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen
sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie
wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen
zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es
ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!«
Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und
winkte Halef herbei.
»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!«
Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:
»Ist es möglich, Herr?«
»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in
unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld,
welches für sie gefordert wird.«
»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?«
»Auch er.«
»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!«
»Ich habe es gethan.«
»Was sagte er?«
»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben,
welche jetzt kommen, um es zu holen.«
»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?«
»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?«
»Wir wissen es nicht!«
»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm
gehören. Wie viel Pferde habt ihr?«
»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.«
»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?«
»Dreihundert.«
»Rinder?«
»Zwölfhundert.«
»Esel und Maultiere?«
»Vielleicht dreißig.«
»Schafe?«
»Neuntausend.«
»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde,
hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und
zweitausend Schafe.«
Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir
allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich
diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen
aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen
vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich
in etwas barschem Tone:
»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.«
»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort.
»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder
hergeben!«
»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?«
[165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei
den Beduinen.
»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?«
»Es geschah zum Scherze, Herr!«
»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt
ihr?«
»Sechs.«
»Auch auf Inseln?«
»Ja.«
»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?«
»Nein.«
»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund
ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?«
Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher:
»Es sind Männer da.«
»Was für Männer?«
»Fremde.«
»Wo sind sie her?«
»Wir wissen es nicht.«
»Wer weiß es sonst?«
»Nur der Scheik.«
»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?«
»Unsere Krieger.«
»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe,
daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß -- statt zweitausend!
Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?«
»Herr, wir dürfen nicht!«
»Warum nicht?«
»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!«
»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.«
Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit
ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand
sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf.
»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig
von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die
Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.«
Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu
versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen: