»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich

aber fängst du nicht!« rief er aus.

[159] Beiname des Fuchses.

Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und

holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu

werden. Ich schoß auf sein Pferd -- dieses überstürzte sich -- er fiel zu

Boden -- und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein

Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann

sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb

auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.

Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da

geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen,

nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die

erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche

Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger

lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen,

bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach

überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum

Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich

der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen

sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden

Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein,

den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.

»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren

Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und

euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«

»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.

»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese

beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.

»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]«

rief er trotz meiner Drohung.

[160] Wolf.

[161] Schakal.

[162] Hase.

»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«

»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.

»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die

Dschowari!«

Er blickte mich überrascht an.

»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.

»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso

überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«

»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger

werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und

fortführen!«

»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden

wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen

Scheik Mohammed unternehmen willst?«

»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«

Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen -- und erwiderte also:

»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu

erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du

bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die

andern Stämme der Schammar sich befinden.«

Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen

hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:

»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt.

Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«

Jetzt lachte ich und fragte:

»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«

»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«

»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch

gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«

»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.

»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«

»Wo?«

»Im Wadi Deradsch.«

Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:

»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu

Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und

die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn

verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«

Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.

»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und

werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«

»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«

»Es ist wahr.«

»So töte mich!«

»Du bist ein Feigling!«

»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«

»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist

deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn

verlassen!«

»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«

»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut

lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit

euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht

fehlen.«

»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Beschwöre es!«

»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«

Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt

aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach

näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite

und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile

war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu

erreichen und hinter demselben zu verschwinden.

»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«

Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung

erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.

»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.

Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war

gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu

verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er

lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war,

als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte,

dann fiel er nieder.

»Holt ihn herbei!« gebot ich.

Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei.

Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.

»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten,

sich zu ergeben!«

»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.

»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden

wollen.«

»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr

fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem

Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«

»Ich bezeuge es dir!«

»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis

in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«

Die Obeïde wurden entwaffnet.

»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.

»Was?« fragte ich und drehte mich um.

Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:

»Frißt Papier, der Kerl!«

Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der

zusammengeballten Hand.

»Geben Sie her!« sagte ich.

»Nie!«

»Pah!«

Ein Druck auf seine Hand -- er schrie vor Schmerz auf und öffnete die

Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur

ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts

und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im

Munde.

»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.

Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er

den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich

ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der

Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein

Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten

nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz

unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie

zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:

»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete er.

»Von wem hast du es erhalten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«

Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:

»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse

dich hier zurück für die Geier und Schakale!«

»Ich muß schweigen,« sagte er.

»So schweige auf ewig!«

Ich erhob mich. Das wirkte.

»Frage, Effendi!« rief er aus.

»Von wem hast du diesen Brief?«

»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«

»An wen war er gerichtet?«

»An den Konsul zu Bagdad.«

»Kennst du seinen Inhalt?«

»Nein.«

»Lüge nicht!«

»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«

»Aber du ahnest, was er enthielt?«

»Ja.«

»So rede!«

»Politik!«

»Natürlich!«

»Weiter darf ich nichts sagen.«

»Hast du einen Schwur abgelegt?«

»Ja.«

»Hm! Du bist ein Grieche?«

»Ja.«

»Woher?«

»Aus Lemnos.«

»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter,

und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die

Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die

ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich

verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du

würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den

Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul

gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet,

was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von

der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander

auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser

gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des

Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des

Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß

er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu

deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den

Russen gedient?«

»Ja, Herr.«

»Wo?«

»In Stambul.«

»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu

bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn

übergeben.«

»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«

»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«

»Alexander Kolettis.«

»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn

früher trug, nichts gemein. Bill!«

»Sir!« antwortete der Gerufene.

»Kannst du eine Wunde verbinden?«

»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«

»Knüpfe es ihm zu!«

Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht

anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen

Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich

zu dem gefesselten Scheik:

»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen

mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an

meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«

»Warum?«

»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«

»Ich verspreche es!«

»Bei dem Barte des Propheten?«

»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«

»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«

»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.

»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.

»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.

Zugleich löste ich die Bande des Scheik.

»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere

Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein

Pferd mir lieber als ein Bruder war!«

Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede

Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:

»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von

fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein

Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«

»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.

»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag

dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln.

Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein

freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«

[163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden,

ungefähr wie die Paria in Indien.

Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und

starrte mich an.

»Wie ist dein Name, Sihdi?«

»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«

»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde,

sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn

glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich

leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei

dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen

Dolch!«

Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:

»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen

Schambijeh!«

Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht

gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu

beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war

gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus

gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich

jetzt keiner mehr vergleichen kann.

»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.

»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«

»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter

getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den

deinigen dafür!«

Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den

Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch

hin.

»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen

zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«

»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«

Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein

Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden

abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.

»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.

»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«

»Wir haben gesiegt.«

»Ging es schwer?«

»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«

»Alle?«

»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der

Obeïde, fehlt.«

Ich wandte mich an diesen:

»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef:

»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«

»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß

kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«

»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«

»Deine Gefangenen?«

»Ja, sie werden mit mir kommen.«

»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese

Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«

Er jagte wieder davon.

Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf

eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der

Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet

hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.

Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge;

dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch

lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen

kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der

Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.

»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.

»Eslah el Mahem? Ja.«

»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der

Kampf gekostet?«

»Keinen.«

»Wer wurde verwundet?«

»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«

»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf

Verwundete.«

»Und der Feind?«

»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er

sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten

doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest

zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie

aus den Schluchten hervorbrachen.«

»Wo befindet sich der Feind?«

»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner

kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt

sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«

»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den

Tapfern ehren soll?«

»Er wollte uns vernichten!«

»Er wird dafür bestraft werden.«

»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«

Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie

möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben

bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte

die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis

Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:

»Willst du bei mir bleiben?«

Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:

»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«

Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde

dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei

seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige

Hoffnung gesetzt.

»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.

Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein

außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur

Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der

Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle

wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde

lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz

gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt,

die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu

bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen

lagen.

»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.

»Noch größeres,« antwortete ich.

»Ich nicht.«

»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«

»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«

»Und was wird nun geschehen?«

»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia

veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«

»Nein das werden wir nicht.«

»Warum?«

»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«

»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern

werden?«

»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«

»Was sollte uns abhalten?«

»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«

»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«

»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«

»Bis sie zurückkehren dürfen.«

»Und wann soll dies geschehen?«

»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von

Freunden und Feinden.«

»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden,

aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß

sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen

werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt

werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage

hier beisammen sein dürfen!«

Er ging. Nun trat Lindsay heran.

»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.

»Sehr!«

»Wie meine Sache gemacht, Sir?«

»Ausgezeichnet!«

»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«

»Man sieht es.«

»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«

»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«

»Fragt einmal, Sir!«

»Sobald es möglich ist, ja.«

»Jetzt gleich, sofort!«

»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine

Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«

»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«

»Sicher!«

Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.

Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu

verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in

welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft

vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich

glaube, daß ich ihnen willkommen kam.

»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte

Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht

und vorteilhaft ist.«

»Fragt, ich werde antworten!«

»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Pferde?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Kleider?«

»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«

»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«

»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«

»Wem gehören ihre Herden?«

»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen,

aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu

bezahlen.«

»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und

nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«

»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben

euch gehöre?«

»So ist es.«

»Wollt ihr es ihnen nehmen?«

»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«

»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die

Herden?«

»Nein.«

»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja,

ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«

»Wie?«

»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«

»Ja.«

»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«

»Dein Mund spricht weise und verständig.«

»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre

Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben,

damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar

zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie

arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser,

Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«

»Das erstere.«

»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem

Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und

die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen

und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«

»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«

»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen.

Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz

begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können;

dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe

gesprochen!«

»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren

Herden?«

»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«

»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«

»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um

ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu

sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage

vergelten zu können.«

»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«

»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen

die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen.

Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der

Beute, welche ihr macht.«

[164] Verwandte.

»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?«

»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr

sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets

einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben.

Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.«

»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen

wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr

schwer zu bestimmen.«

»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die

Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und

dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.«

»So soll es sein!«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 26 / 38 段